Bergkristall
Unsere Kirche feiert verschiedene Feste, welche zum Herzen dringen. Man
kann sich kaum etwas Lieblicheres denken als Pfingsten und kaum etwas
Ernsteres und Heiligeres als Ostern. Das Traurige und Schwermütige der
Karwoche und darauf das Feierliche des Sonntags begleiten uns durch das
Leben. Eines der schönsten Feste feiert die Kirche fast mitten im Winter, wo
beinahe die längsten Nächte und kürzesten Tage sind, wo die Sonne am
schiefsten gegen unsere Gefilde steht und Schnee alle Fluren deckt, das Fest
der Weihnacht. Wie in vielen Ländern der Tag vor dem Geburtsfeste des
Herrn der Christabend heißt, so heißt er bei uns der heilige Abend, der darauf
folgende Tag der heilige Tag und die dazwischen liegende Nacht die
Weihnacht. Die katholische Kirche begeht den Christtag als den Tag der
Geburt des Heilandes mit ihrer allergrößten kirchlichen Feier, in den meisten
Gegenden wird schon die Mitternachtstunde als die Geburtstunde des Herrn
mit prangender Nachtfeier geheiligt, zu der die Glocken durch die stille,
finstere, winterliche Mitternachtluft laden, zu der die Bewohner mit Lichtern
oder auf dunkeln, wohlbekannten Pfaden aus schneeigen Bergen an bereiften
Wäldern vorbei und durch knarrende Obstgärten zu der Kirche eilen, aus der
die feierlichen Töne kommen, und die aus der Mitte des in beeiste Bäume
gehüllten Dorfes mit den langen beleuchteten Fenstern emporragt.
Mit dem Kirchenfeste ist auch ein häusliches verbunden. Es hat sich fast in
allen christlichen Ländern verbreitet, daß man den Kindern die Ankunft des
Christkindleins – auch eines Kindes, des wunderbarsten, das je auf der Welt
war – als ein heiteres, glänzendes, feierliches Ding zeigt, das durch das ganze
Leben fortwirkt und manchmal noch spät im Alter bei trüben, schwermütigen
oder rührenden Erinnerungen gleichsam als Rückblick in die einstige Zeit mit
den bunten, schimmernden Fittichen durch den öden, traurigen und
ausgeleerten Nachthimmel fliegt. Man pflegt den Kindern die Geschenke zu
geben, die das heilige Christkindlein gebracht hat, um ihnen Freude zu
machen. Das tut man gewöhnlich am heiligen Abende, wenn die tiefe
Dämmerung eingetreten ist. Man zündet Lichter und meistens sehr viele an,
die oft mit den kleinen Kerzlein auf den schönen, grünen Ästen eines
Tannen- oder Fichtenbäumchens schweben, das mitten in der Stube steht. Die
Kinder dürfen nicht eher kommen, als bis das Zeichen gegeben wird, daß der
heilige Christ zugegen gewesen ist und die Geschenke, die, er mitgebracht,
hinterlassen hat. Dann geht die Tür auf, die Kleinen dürfen hinein, und bei
dem herrlichen, schimmernden Lichterglanze sehen sie Dinge auf dem
Baume hängen oder auf dem Tische herumgebreitet, die alle Vorstellungen
ihrer Einbildungskraft weit übertreffen, die sie sich nicht anzurühren
getrauen, und die sie endlich, wenn sie sie bekommen haben, den ganzen
Abend in ihren Ärmchen herumtragen und mit sich in das Bett nehmen.
Wenn sie dann zuweilen in ihre Träume hinein die Glockentöne der
Mitternacht hören, durch welche die Großen in die Kirche zur Andacht
gerufen werden, dann mag es ihnen sein, als zögen jetzt die Englein durch
den Himmel, oder als kehre der heilige Christ nach Hause, welcher nunmehr
bei allen Kindern gewesen ist und jedem von ihnen ein herrliches Geschenk
hinterbracht hat.
Wenn dann der folgende Tag, der Christtag, kommt, so ist er ihnen so
feierlich, wenn sie frühmorgens mit ihren schönsten Kleidern angetan in der
warmen Stube stehen, wenn der Vater und die Mutter sich zum Kirchgange
schmücken, wenn zu Mittage ein feierliches Mahl ist, ein besseres als in
jedem Tage des ganzen Jahres, und wenn nachmittags oder gegen den Abend
hin Freunde und Bekannte kommen, auf den Stühlen und Bänken
herumsitzen, miteinander reden und behaglich durch die Fenster in die
Wintergegend hinausschauen können, wo entweder die langsamen Flocken
niederfallen, oder ein tobender Nebel um die Berge steht, oder die blutrote,
kalte Sonne hinabsinkt. An verschiedenen Stellen der Stube, entweder auf
einem Stühlchen oder auf der Bank oder auf dem Fensterbrettchen liegen die
zaubrischen, nun aber schon bekannteren und vertrauteren Geschenke von
gestern abend herum.
Hierauf vergeht der lange Winter, es kommt der Frühling und der
unendlich dauernde Sommer – und wenn die Mutter wieder vom heiligen
Christe erzählt, daß nun bald sein Festtag sein wird, und daß er auch diesmal
herabkommen werde, ist es den Kindern, als sei seit seinem letzten
Erscheinen eine ewige Zeit vergangen, und als liege die damalige Freude in
einer weiten, nebelgrauen Ferne.
Weil dieses Fest so lange nachhält, weil sein Abglanz so hoch in das Alter
hinaufreicht, so stehen wir so gerne dabei, wenn die Kinder dasselbe begehen
und sich darüber freuen. –
In den hohen Gebirgen unsers Vaterlandes steht ein Dörfchen mit einem
kleinen, aber sehr spitzigen Kirchturme, der mit seiner roten Farbe, mit
weicher die Schindeln bemalt sind, aus dem Grün vieler Obstbäume
hervorragt und wegen derselben roten Farbe in dem duftigen und blauen
Dämmern der Berge weithin ersichtlich ist. Das Dörfchen liegt gerade mitten
in einem ziemlich weiten Tale, das fast nie ein länglicher Kreis gestaltet ist.
Es enthält außer der Kirche eine Schule, ein Gemeindehaus und noch mehrere
stattliche Häuser, die einen Platz gestalten, auf welchem vier Linden stehen,
die ein steinernes Kreuz in ihrer Mitte haben. Diese Häuser sind nicht bloße
Landwirtschaftshäuser, sondern sie bergen auch noch diejenigen Handwerke
in ihrem Schoße, die dem menschlichen Geschlechte unentbehrlich sind, und
die bestimmt sind, den Gebirgsbewohnern ihren einzigen Bedarf an
Kunsterzeugnissen zu decken. Im Tale und an den Bergen herum sind noch
sehr viele zerstreute Hütten, wie das in Gebirgsgegenden sehr oft der Fall ist,
welche alle nicht nur zur Kirche und Schule gehören, sondern auch jenen
Handwerken, von denen gesprochen wurde, durch Abnahme der Erzeugnisse
ihren Zoll entrichten. Es gehören sogar noch weitere Hütten zu dem
Dörfchen, die man von dem Tale aus gar nicht sehen kann, die noch tiefer in
den Gebirgen stecken, deren Bewohner selten zu ihren Gemeindemitbrüdern
herauskommen, und die im Winter oft ihre Toten aufbewahren müssen, um
sie nach dem Wegschmelzen des Schnees zum Begräbnisse bringen zu
können. Der größte Herr, den die Dörfler im Laufe des Jahres zu sehen
bekommen, ist der Pfarrer. Sie verehren ihn sehr, und es geschieht
Gewöhnlich, daß derselbe durch längeren Aufenthalt im Dörfchen ein der
Einsamkeit gewöhnter Mann wird, daß er nicht ungerne bleibt und einfach
fortlebt. Wenigstens hat man seit Menschengedenken nicht erlebt, daß der
Pfarrer des Dörfchens ein auswärtssüchtiger oder seines Standes unwürdiger
Mann gewesen wäre.
Es gehen keine Straßen durch das Tal, sie haben ihre zweigleisigen Wege,
auf denen sie ihre Felderzeugnisse mit einspännigen Wäglein nach Hause
bringen, es kommen daher wenig Menschen in das Tal, unter diesen
manchmal ein einsamer Fußreisender, der ein Liebhaber der Natur ist, eine
Weile in der bemalten Oberstube des Wirtes wohnt und die Berge betrachtet,
oder gar ein Maler, der den kleinen, spitzen Kirchturm und die schönen
Gipfel der Felsen in seine Mappe zeichnet. Daher bilden die Bewohner eine
eigene Welt, sie kennen einander alle mit Namen und mit den einzelnen
Geschichten von Großvater und Urgroßvater her, trauern alle, wenn einer
stirbt, wissen, wie er heißt, wenn einer geboren wird, haben eine Sprache, die
von der der Ebene draußen abweicht, haben ihre Streitigkeiten, die sie
schlichten, stehen einander bei und laufen zusammen, wenn sich etwas
Außerordentliches begibt.
Sie sind sehr stetig, und es bleibt immer beim alten. Wenn ein Stein aus
einer Mauer fällt, wird derselbe wieder hineingesetzt, die neuen Häuser
werden wie die alten gebaut, die schadhaften Dächer werden mit gleichen
Schindeln ausgebessert, und wenn in einem Hause scheckige Kühe sind, so
werden immer solche Kälber aufgezogen, und die Farbe bleibt bei dem
Hause.
Gegen Mittag sieht man von dem Dorfe einen Schneeberg, der mit seinen
glänzenden Hörnern fast oberhalb der Hausdächer zu sein scheint, aber in der
Tat doch nicht so nahe ist. Er sieht das ganze Jahr, Sommer und Winter, mit
seinen vorstehenden Felsen und mit seinen weißen Flächen in .das Tal herab.
Als das Auffallendste, was sie in ihrer Umgebung haben, ist der Berg der
Gegenstand der Betrachtung der Bewohner, und er ist der Mittelpunkt vieler
Geschichten geworden. Es lebt kein Mann und Greis in dem Dorfe, der nicht
von den Zacken und Spitzen des Berges, von seinen Eisspalten und Höhlen,
von seinen Wässern und Geröllströmen etwas zu erzählen wüßte, was er
entweder selbst erfahren oder von andern erzählen gehört hat. Dieser Berg ist
auch der Stolz des Dorfes, als hätten sie ihn selber gemacht, und es ist nicht
so ganz entschieden, wenn man auch die Biederkeit und Wahrheitsliebe der
Talbewohner hoch anschlägt, ob sie nicht zuweilen zur Ehre und zum Ruhme
des Berges lügen. Der Berg gibt den Bewohnern außerdem, daß er ihre
Merkwürdigkeit ist, auch wirklichen Nutzen; denn wenn eine Gesellschaft
von Gebirgsreisenden hereinkommt, um von dem Tale aus den Berg zu
besteigen, so dienen die Bewohner des Dorfes als Führer, und einmal Führer
gewesen zu sein, dieses und jenes erlebt zu haben, diese und jene Stelle zu
kennen, ist eine Auszeichnung, die jeder gerne von sich darlegt. Sie reden oft
davon, wenn sie in der Wirtsstube, bei einander sitzen, und erzählen ihre
Wagnisse und ihre wunderbaren Erfahrungen und versäumen aber auch nie
zu sagen, was dieser oder jener Reisende gesprochen habe, und was sie von
ihm als Lohn für ihre Bemühungen empfangen hätten. Dann sendet der Berg
von seinen Schneeflächen die Wasser ab, weiche einen See in seinen
Hochwäldern speisen und den Bach erzeugen, der lustig durch das Tal strömt,
die Brettersäge, die Mahlmühle und andere kleine Werke treibt, das Dorf
reinigt und das Vieh tränkt. Von den Wäldern des Berges kommt das Holz,
und sie halten die Lawinen auf. Durch die innern Gänge und Lockerheiten
der Höhen sinken die Wasser durch, die dann in Adern durch das Tal gehen
und in Brünnlein und Quellen hervorkommen, daraus die Menschen trinken
und ihr herrliches, oft belobtes Wasser dem Fremden reichen. Allein an
letzteren Nutzen denken sie nicht und meinen, das sei immer so gewesen.
Wenn man auf die Jahresgeschichte des Berges sieht, so sind im Winter die
zwei Zacken seines Gipfels, die sie Hörner heißen, schneeweiß und stehen,
wenn sie an hellen Tagen sichtbar sind, blendend in der finstern Bläue der
Luft; alle Bergfelder, die um diese Gipfel herumlagern, sind dann weiß; alle
Abhänge sind so; selbst die steilrechten Wände, die die Bewohner Mauern
heißen, sind mit einem angeflogenen weißen Reife bedeckt und mit zartem
Eise wie mit einem Firnisse belegt, so daß die ganze Masse wie ein
Zauberpalast aus dem bereiften Grau der Wälderlast emporragt, welche
schwer um ihre Füße herum ausgebreitet ist. Im Sommer, wo Sonne und
warmer Wind den Schnee von den Steilseiten wegnimmt, ragen die Hörner
nach dem Ausdrucke der Bewohner schwarz in den Himmel und haben nur
schöne weiße Äderchen und Sprenkeln auf ihrem Röcken, in der Tat aber
sind sie zart fernblau, und was sie Äderchen und Sprenkeln heißen, das ist
nicht weiß, sondern hat das schöne Milchblau des fernen Schnees gegen das
dunklere der Felsen. Die Bergfelder um die Hörner aber verlieren, wenn es
recht heiß ist, an ihren höheren Teilen wohl den Firn nicht, der gerade dann
recht weiß auf das Grün der Talbäume herabsieht, aber es weicht von ihren
unteren Teilen der Winterschnee, der nur einen Flaum machte, und es wird
das unbestimmte Schillern von Bläulich und Grünlich sichtbar, das das
Geschiebe von Eis ist, das dann bloß liegt und auf die Bewohner unten
hinabgrüßt. Am Rande dieses Schillerns, wo es von ferne wie ein Saum von
Edelsteinsplittern aussieht, ist es in der Nähe ein Gemenge wilder,
riesenhafter Blöcke, Platten und Trümmer, die sich drängen und verwirrt
ineinander geschoben sind. Wenn ein Sommer gar heiß und lang ist, werden
die Eisfelder weit hinauf entblößt, und dann schaut eine viel größere Fläche
von Grün und Blau in das Tal, manche Kuppen und Räume werden
entkleidet, die man sonst nur weiß erblickt hatte, der schmutzige Saum des
Eises wird sichtbar, Wo es Felsen, Erde und Schlamm schiebt, und viel
reichlichere Wasser als sonst fließen in das Tal. Dies geht fort, bis es nach
und nach wieder Herbst wird, das Wasser sich verringert, zu einer Zeit einmal
ein grauer Landregen die ganze Ebene des Tales bedeckt, worauf, wenn sich
die Nebel von den Höhen wieder lösen, der Berg seine weiche Hülle
abermals umgetan hat, und alle Felsen, Kegel und Zacken in weißem Kleide
dastehen. So spinnt es sich ein Jahr um das andere mit geringen
Abwechslungen ab und wird sich fortspinnen, solange die Natur so bleibt und
auf den Bergen Schnee und in den Tälern Menschen sind. Die Bewohner des
Tales heißen die geringen Veränderungen große, bemerken sie wohl und
berechnen an ihnen den Fortschritt des Jahres. Sie bezeichnen an den
Entblößungen die Hitze und die Ausnahmen der Sommer.
Was nun noch die Besteigung des Berges betrifft, so geschieht dieselbe
von dem Tale aus. Man geht nach der Mittagsrichtung zu auf einem guten,
schönen Wege, der über einen sogenannten Hals in ein anderes Tal führt.
Hals heißen sie einen mäßig hohen Bergrücken, der zwei größere und
bedeutendere Gebirge miteinander verbindet und aber den man zwischen den
Gebirgen von einem Tale in ein anderes gelangen kann. Auf dem Halse, der
den Schneeberg mit einem gegenüberliegen den großen Gebirgszuge
verbindet, ist lauter Tannenwald. Etwa auf der größten Erhöhung desselben,
wo nach und nach sich der Weg in das jenseitige Tal hinabzusenken beginnt,
steht eine sogenannte Unglücksäule. Es ist einmal ein Bäcker, welcher Brot
in seinem Korbe über den Hals trug, an jener Stelle tot gefunden worden.
Man hat den toten Bäcker mit dem Korbe, und mit den umringenden
Tannenbäumen auf ein Bild gemalt, darunter 'eine Erklärung und eine Bitte
um ein Gebet geschrieben, das Bild auf eine rot angestrichene hölzerne Säule
getan und die Säule an der Stelle des Unglückes aufgerichtet. Bei dieser
Säule biegt man von dem Wege ab und geht auf der Länge des Halses fort,
statt über seine Breite in das jenseitige Tal hinüberzuwandern. Die Tannen
bilden dort einen Durchlaß, als ob eine Straße zwischen ihnen hinginge. Es
führt auch manchmal ein Weg in dieser Richtung hin, der dazu dient, das
Holz von den höheren Gegenden zu der Unglücksäule herabzubringen, der
aber dann wieder mit Gras verwächst. Wenn man auf diesem Wege fortgeht,
der sachte bergan führt, so gelangt man endlich auf eine freie, von Bäumen
entblößte Stelle. Dieselbe ist dürrer Heideboden, hat nicht einmal einen
Strauch, sondern ist mit schwachem Heidekraute, mit trockenen Moosen und
mit Dürrbodenpflanzen bewachsen. Die Stelle wird immer steiler, und man
geht lange hinan; man geht aber immer in einer Rinne gleichsam wie in
einem ausgerundeten Graben hinan, was den Nutzen hat, daß man auf der
großen, baumlosen und überall gleichen Stelle nicht leicht irren kann. Nach
einer Zeit erscheinen Felsen, die wie Kirchen gerade aus dem Grasboden
aufsteigen, und zwischen deren Mauern man längere Zeit hinangehen kann.
Dann erscheinen wieder kahle, fast pflanzenlose Rücken, die bereits in die
Lufträume der höhern Gegenden ragen und gerade zu dem Eise führen. Zu
beiden Seiten dieses Weges sind steile Wände, und durch diesen Damm
hängt der Schneeberg mit dem Halse zusammen. Um das Eis zu überwinden,
geht man eine geraume Zeit an der Grenze desselben, wo es von den Felsen
umstanden ist, dahin, bis man zu dem ältern Firn gelangt, der die Eisspalten
überbaut und in den meisten Zeiten des Jahres den Wanderer trägt. An der
höchsten Stelle des Firns erheben sich die zwei Hörner aus dem Schnee,
wovon eines das höhere, mithin die Spitze des Berges ist. Diese Kuppen sind
sehr schwer zu erklimmen; da sie mit einem oft breiteren, oft engeren
Schneegraben – dem Firnschrunde – umgeben sind, der übersprungen werden
muß, und da ihre steilrechten Wände nur kleine Absätze haben, in welche der
Fuß eingesetzt werden muß, so begnügen sich die meisten Besteiger des
Berges damit, bis zu dem Firnschrunde gelangt zu sein und dort die
Rundsicht, soweit sie nicht durch das Horn verdeckt ist, zu genießen. Die den
Gipfel besteigen wollen, müssen dies mit Hilfe von Steigeisen, Stricken und
Klammern tun.
Außer diesem Berge stehen an derselben Mittagseite noch andere, aber
keiner ist so hoch, wenn sie sich auch früh im Herbste mit Schnee bedecken
und ihn bis tief in den Frühling hinein behalten. Der Sommer aber nimmt
denselben immer weg, und die Felsen glänzen freundlich im Sonnenscheine,
und die tiefer gelegenen Wälder zeigen ihr sanftes Grün von breiten, blauen
Schatten durchschnitten, die so schön sind, daß man sich in seinem Leben
nicht satt daran sehen kann.
An den andern Seiten des Tales, nämlich von Mitternacht, Morgen und
Abend her, sind die Berge langgestreckt und niederer, manche Felder und
Wiesen steigen ziemlich hoch hinauf, und oberhalb ihrer sieht man
verschiedene Waldblößen, Alpenhütten und dergleichen, bis sie an ihrem
Rande mit feingezacktem Walde am Himmel hingehen, welche Auszackung
eben ihre geringe Höhe anzeigt, während die mittäglichen Berge, obwohl sie
noch großartigere Wälder hegen, doch mit einem ganz glatten Rande an dem
glänzenden Himmel hinstreichen.
Wenn man so ziemlich mitten in dem Tale steht, so hat man die
Empfindung, als ginge nirgends ein Weg in dieses Becken herein und keiner
daraus hinaus; alle diejenigen, welche öfter im Gebirge gewesen sind, kennen
diese Täuschung gar wohl; in der Tat führen nicht nur verschiedene Wege
und darunter sogar manche durch die Verschiebungen der Berge fast auf
ebenem Boden in die nördlichen Flächen hinaus, sondern gegen Mittag, wo
das Tal durch steilrechte Mauern fast geschlossen scheint, geht sogar ein
Weg über den obbenannten Hals.
Das Dörflein heißt Gschaid, und der Schneeberg, der auf seine Häuser
herabschaut, heißt Gars.
Jenseits des Halses liegt ein viel schöneres und blühenderes Tal, als das
von Gschaid ist, und es führt von der Unglücksäule der gebahnte Weg hinab.
Es hat an seinem Eingange einen stattlichen Marktflecken Millsdorf, der sehr
groß ist, verschiedene Werke hat und in manchen Häusern städtische
Gewerbe und Nahrung treibt. Die Bewohner sind viel wohlhabender als die
in Gschaid, und obwohl nur drei Wegstunden zwischen den beiden Tälern
liegen, was für die an große Entfernungen gewöhnten und Mühseligkeiten
liebenden Gebirgsbewohner eine unbedeutende Kleinigkeit ist, so sind doch
Sitten und Gewohnheiten in den beiden Tälern so verschieden, selbst der
äußere Anblick derselben ist so ungleich, als ob eine große Anzahl Meilen
zwischen ihnen läge. Das ist in Gebirgen sehr oft der Fall und hängt nicht nur
von der verschiedenen Lage der Täler gegen die Sonne ab, die sie oft mehr
oder weniger begünstigt, sondern auch von dem Geiste der Bewohner, der
durch gewisse Beschäftigungen nach dieser oder jener Richtung gezogen
wird. Darin stimmen aber alle überein, daß sie an Herkömmlichkeiten und
Väterweise hängen, großen Verkehr leicht entbehren, ihr Tal außerordentlich
lieben und ohne dasselbe kaum leben können.
Es vergehen oft Monate, oft fast ein Jahr, ehe ein Bewohner von Gschaid
in das jenseitige Tal hinüberkommt und den großen Marktflecken Millsdorf
besucht. Die Millsdorfer halten es ebenso, obwohl sie ihrerseits doch Verkehr
mit dem Lande draußen pflegen und daher nicht so abgeschieden sind wie die
Gschaider. Es geht sogar ein Weg, der eine Straße heißen könnte, längs ihres
Tales, und mancher Reisende und mancher Wanderer geht hindurch, ohne
nur im geringsten zu ahnen, daß mitternachtwärts seines Weges jenseits des
hoben, herabblickenden Schneebergs noch ein Tal sei, in dem viele Häuser
zerstreut sind, und in dem das Dörflein mit dem spitzigen Kirchturme steht.
Unter den Gewerben des Dorfes, welche bestimmt sind, den Bedarf des
Tales zu decken, ist auch das eines Schusters, das nirgends entbehrt werden
kann, wo die Menschen nicht in ihrem Urzustande sind. Die Gschaider aber
sind so weit über diesem Stande, daß sie recht gute und tüchtige
Gebirgsfußbekleidung brauchen. Der Schuster ist mit einer kleinen
Ausnahme der einzige im Tale. Sein Haus steht auf dem Platze in Gschaid,
wo überhaupt die besseren stehen, und schaut mit seinen grauen Mauern,
weißen Fenstersimsen und grün angestrichenen Fensterläden auf die vier
Linden hinaus. Es hat im Erdgeschosse die Arbeitsstube, die Gesellenstube,
eine größere und kleinere Wohnstube, ein Verkaufstübchen, nebst Küche und
Speisekammer und allen zugehörigen Gelassen; im ersten Stockwerke oder
eigentlich im Raume des Giebels hat es die Oberstube oder eigentliche
Prunkstube. Zwei Prachtbetten, schöne geglättete Kästen mit Kleidern stehen
da, dann ein Gläserkästchen mit Geschirren, ein Tisch mit eingelegter Arbeit,
gepolsterte Sessel, ein Mauerkästchen mit den Ersparnissen, dann hängen an
den Wänden Heiligenbilder, zwei schöne Sackuhren, gewonnene Preise im
Schießen, und endlich sind auch Scheibengewehre und Jagdbüchsen nebst
ihrem Zubehöre in einem eigenen, mit Glastafeln versehenen Kasten
aufgehängt. An das Schusterhaus ist ein kleineres Häuschen, nur durch den
Einfahrtsschwibbogen getrennt, angebaut, welches genau dieselbe Bauart hat
und zum Schusterhause wie ein Teil zum Ganzen gehört. Es hat nur eine
Stube mit den dazugehörigen Wohnteilen. Es hat die Bestimmung, dem
Hausbesitzer, sobald er das Anwesen seinem Sohne oder Nachfolger
übergeben hat, als sogenanntes Ausnahmstübchen zu dienen, in welchem er
mit seinem Weibe so lang haust, bis beide gestorben sind, die Stube wieder
leer steht und auf einen neuen Bewohner wartet. Das Schusterhaus hat nach
rückwärts Stall und Scheune; denn jeder Talbewohner ist, selbst wenn er ein
Gewerbe treibt, auch Landbebauer und zieht hieraus seine gute und
nachhaltige Nahrung. Hinter diesen Gebäuden ist endlich der Garten, der fast
bei keinem besseren Hause in Gschaid fehlt, und von dem sie ihre Gemüse,
ihr Obst und für festliche Gelegenheiten ihre Blumen ziehen. Wie oft im
Gebirge, so ist auch in Gschaid die Bienenzucht in diesen Gärten sehr
verbreitet.
Die kleine Ausnahme, deren oben Erwähnung geschah, und die
Nebenbuhlerschaft der Alleinherrlichkeit des Schusters ist ein anderer
Schuster, der alte Tobias, der aber eigentlich kein Nebenbuhler ist, weil er
nur mehr flickt, hierin viel zu tun hat und es sich nicht im entferntesten
beikommen läßt, mit dem vornehmen Platzschuster in einen Wettstreit
einzugehen, insbesondere da der Platzschuster ihn häufig mit Lederflecken,
Sohlenabschnitten und dergleichen Dingen unentgeltlich versieht. Der alte
Tobias sitzt im Sommer am Ende des Dörfchens unter Holunderbüschen und
arbeitet. Er ist umringt von Schuhen und Bundschuhen, die aber sämtlich alt,
grau, kotig und zerrissen sind. Stiefel mit langen Röhren sind nicht da, weil
sie im Dorfe und in der Gegend nicht getragen werden; nur zwei Personen
haben solche, der Pfarrer und der Schullehrer, welche aber beides, flicken
und neue Ware machen, nur bei dem Platzschuster lassen. Im Winter sitzt der
alte Tobias in seinem Stübchen hinter den Holunderstauden und hat warm
geheizt, weil das Holz in Gschaid nicht teuer ist.
Der Platzschuster ist, ehe er das Haus angetreten hat, ein
Gemsenwildschütze gewesen und hat Oberhaupt in seiner Jugend, wie die
Gschaider sagen, nicht gut getan. Er war in der Schule immer einer der besten
Schüler gewesen, hatte dann von seinem Vater das Handwerk gelernt, ist auf
Wanderung gegangen und ist endlich wieder zurückgekehrt. Statt, wie es sich
für einen Gewerbsmann ziemt, und wie sein Vater es zeitlebens getan hat,
einen schwarzen Hut zu tragen, tat er einen grünen auf, steckte noch alle
bestehenden Federn darauf und stolzierte mit ihm und mit dem kürzesten
Lodenrocke, den es im Tale gab, herum, während sein Vater immer einen
Rock von dunkler, womöglich schwarzer Farbe hatte, der auch, weil er einem
Gewerbsmanne angehörte, immer sehr weit herabgeschnitten sein mußte. Der
junge Schuster war auf allen Tanzplätzen und Kegelbahnen zu sehen. Wenn
ihm jemand eine gute Lehre gab, so pfiff er ein Liedlein. Er ging mit seinem
Scheibengewehre zu allen Schießen der Nachbarschaft und brachte
manchmal einen Preis nach Hause, was er für einen großen Sieg hielt. Der
Preis bestand meistens aus Münzen, die künstlich gefaßt waren, und zu deren
Gewinnung der Schuster mehr gleiche Münzen ausgeben mußte, als der Preis
enthielt, besonders da er wenig haushälterisch mit dem Gelde war. Er ging
auf alle Jagden, die in der Gegend abgehalten wurden, und hatte sich den
Namen eines guten Schützen erworben. Er ging aber auch manchmal allein
mit seiner Doppelbüchse und mit Steigeisen fort, und einmal sagte man, daß
er eine schwere Wunde im Kopfe erhalten habe.
In Millsdorf war ein Färber, welcher gleich am Anfange des
Marktfleckens, wenn man auf dem Wege von Gschaid hinüberkam, ein sehr
ansehnliches Gewerbe hatte, mit vielen Leuten und sogar, was im Tale etwas
Unerhörtes war, mit Maschinen arbeitete. Außerdem besaß er noch eine
ausgebreitete Feldwirtschaft. Zu der Tochter dieses reichen Färbers ging der
Schuster über das Gebirge, um sie zu gewinnen. Sie war wegen ihrer
Schönheit weit und breit berühmt, aber auch wegen ihrer Eingezogenheit,
Sittsamkeit und Häuslichkeit belobt. Dennoch, hieß es, soll der Schuster ihre
Aufmerksamkeit erregt haben. Der Färber ließ ihn nicht in sein Haus
kommen; und hatte die schöne Tochter schon früher keine öffentlichen Plätze
und Lustbarkeiten besucht und war selten außer dem Hause ihrer Eltern zu
sehen gewesen: so ging sie jetzt schon gar nirgends mehr hin als in die
Kirche oder in ihrem Garten oder in den Räumen des Hauses herum.
Einige Zeit nach dem Tode seiner Eltern, durch welchen ihm das Haus
derselben zugefallen war, das er nun allein bewohnte, änderte sich der
Schuster gänzlich. So wie er früher getollt hatte, so saß er jetzt in seiner Stube
und hämmerte Tag und Nacht an seinen Sohlen. Er setzte prahlend einen
Preis darauf, wenn es jemand gäbe, der bessere Schuhe und Fußbekleidungen
machen könne. Er nahm keine andern Arbeiter als die besten und drillte sie
noch sehr herum, wenn sie in seiner Werkstätte arbeiteten, daß sie ihm
folgten und die Sache so einrichteten, wie er befahl. Wirklich brachte er es
jetzt auch dahin, daß nicht nur das ganze Dorf Gschaid, das zum größten
Teile die Schusterarbeit aus benachbarten Tälern bezogen hatte, bei ihm
arbeiten ließ, daß das ganze Tal bei ihm arbeiten ließ, und daß endlich sogar
einzelne von Millsdorf und andern Tälern hereinkamen und sich ihre
Fußbekleidungen von dem Schuster in Gschaid machen ließen. Sogar in die
Ebene hinaus verbreitete sich sein Ruhm, daß manche, die in die Gebirge
gehen wollten, sich die Schuhe dazu von ihm machen ließen.
Er richtete das Haus sehr schön zusammen, und in dem Warengewölbe
glänzten auf den Brettern die Schuhe, Bundstiefel und Stiefel; und wenn am
Sonntage die ganze Bevölkerung des Tales hereinkam und man bei den vier
Linden des Platzes stand, ging man gerne zu dem Schusterhause hin und sah
durch die Gläser in die Warenstube, wo die Käufer und Besteller waren.
Nach seiner Vorliebe zu den Bergen machte er auch jetzt die
Gebirgsbundschuhe am besten. Er pflegte in der Wirtsstube zu sagen: es gäbe
keinen, der ihm einen fremden Gebirgsbundschuh zeigen könne, der sich mit
einem seinigen vergleichen lasse. »Sie wissen es nicht«, pflegte er
beizufügen, »sie haben es in ihrem Leben nicht erfahren, wie ein solcher
Schuh sein muß, daß der gestirnte Himmel der Nägel recht auf der Sohle sitze
und das gebührende Eisen enthalte, daß der Schuh außen hart sei, damit kein
Geröllstein, wie scharf er auch sei, empfunden werde, und das er sich von
innen doch weich und zärtlich wie ein Handschuh an die Füße lege.« Der
Schuster hatte sich ein sehr großes Buch machen lassen, in welches er alle
verfertigte Ware eintrug, die Namen derer beifügte, die den Stoff geliefert
und die Ware gekauft hatten, und eine kurze Bemerkung über die Güte des
Erzeugnisses beischrieb. Die gleichartigen Fußbekleidungen hatten ihre
fortlaufenden Zahlen, und das Buch lag in der großen Lade seines Gewölbes.
Wenn die schöne Färberstochter von Millsdorf auch nicht aus der Eltern
Hause kam, wenn sie auch weder Freunde noch Verwandte besuchte, so
konnte es der Schuster von Gschaid doch so machen, daß sie ihn von ferne
sah, wenn sie in die Kirche ging, wenn sie in dem Garten war und wenn sie
aus den Fenstern ihres Zimmers auf die Matten blickte. Wegen dieses
unausgesetzten Sehens hatte es die Färberin durch langes, anständiges und
ausdauerndes Flehen für ihre Tochter dahin gebracht, daß der halsstarrige
Färber nachgab, und daß der Schuster, weil er denn nun doch besser
geworden, die schöne, reiche Millsdorferin als Eheweib nach Gschaid führte.
Aber der Färber war deßohngeachtet auch ein Mann, der seinen Kopf hatte.
Ein rechter Mensch, sagte er, müsse sein Gewerbe treiben, daß es blühe und
vorwärtskomme, er müsse daher sein Weib, seine Kinder, sich und sein
Gesinde ernähren, Hof und Haus im Stande des Glanzes halten und sich noch
ein Erkleckliches erübrigen, welches letztere doch allein imstande sei, ihm
Ansehen und Ehre in der Welt zu geben; darum erhalte seine Tochter nichts
als eine vortreffliche Ausstattung, das andere ist Sache des Ehemannes, daß
er es mache und für alle Zukunft es besorge. Die Färberei in Millsdorf und
die Landwirtschaft auf dem Färberhause sei für sich ein ansehnliches und
ehrenwertes Gewerbe, das seiner Ehre willen bestehen und wozu alles, was
da sei, als Grundstock dienen müsse, daher er nichts weggebe. Wenn einmal
er und sein Eheweib, die Färberin, tot seien, dann gehöre Färberei und
Landwirtschaft in Millsdorf ihrer einzigen Tochter, nämlich der Schusterin in
Gschaid, und Schuster und Schusterin könnten dann damit tun, was sie
wollten: aber alles dieses nur, wenn die Erben es wert wären, das Erbe zu
empfangen; wären sie es nicht wert, so ginge das Erbe auf die Kinder
derselben, und wenn keine vorhanden wären, mit der Ausnahme des
lediglichen Pflichtteiles, auf andere Verwandte über. Der Schuster verlangte
auch nichts, er zeigte im Stolze, daß es ihm nur um die schöne Färberstochter
in Millsdorf zu tun gewesen, und daß er sie schon ernähren und erhalten
könne, wie sie zu Hause ernährt und erhalten worden ist. Er kleidete sie als
sein Eheweib nicht nur schöner als alle Gschaiderinnen und alle
Bewohnerinnen des Tales, sondern auch schöner, als sie sich je zu Hause
getragen hatte, und Speise, Trank und übrige Behandlung mußte besser und
rücksichtsvoller sein, als sie das gleiche im väterlichen Hause genossen hatte.
Und um dem Schwiegervater zu trotzen, kaufte er mit erübrigten Summen
nach und nach immer mehr Grundstücke so ein, daß er einen tüchtigen Besitz
beisammen hatte.
Weil die Bewohner von Gschaid so selten aus ihrem Tale kommen und
nicht einmal oft nach Millsdorf hinüber gehen, von dem sie durch
Bergrücken und durch Sitten geschieden sind, weil ferner ihnen gar kein Fall
vorkommt, daß ein Mann sein Tal verläßt und sich in dem benachbarten
ansiedelt (Ansiedlungen in großen Entfernungen kommen öfter vor), weil
endlich auch kein Weib oder Mädchen gerne von einem Tale in ein anderes
auswandert, außer in dem ziemlich seltenen Falle, wenn sie der Liebe folgt
und als Eheweib und zu dem Ehemann in ein anderes Tal kommt – so
geschah es, daß die schöne Färberstochter von Millsdorf, da sie Schusterin in
Gschaid geworden war, doch immer von allen Gschaidern als Fremde
angesehen wurde, und wenn man ihr auch nichts Übels antat, ja wenn man sie
ihres schönen Wesens und ihrer Sitten wegen sogar liebte, doch immer etwas
vorhanden war, das wie Scheu oder, wenn man will, wie Rücksicht aussah
und nicht zu dem Innigen und Gleichartigen kommen ließ, wie
Gschaiderinnen gegen Gschaiderinnen, Gschaider gegen Gschaider hatten. Es
war so, ließ sich nicht abstellen und wurde durch die bessere Tracht und
durch das erleichtertere häusliche Leben der Schusterin noch vermehrt.
Sie hatte ihrem Manne nach dem ersten Jahre einen Sohn und in einigen
Jahren darauf ein Töchterlein geboren. Sie glaubte aber, daß er die Kinder
nicht so liebe, wie sie sich vorstellte, daß es sein solle, und wie sie sich
bewußt war, daß sie dieselben liebe; denn sein Angesicht war meistens
ernsthaft und mit seinen Arbeiten beschäftigt. Er spielte und tändelte selten
mit den Kindern und sprach stets ruhig mit ihnen, gleichsam so, wie man mit
Erwachsenen spricht. Was Nahrung und Kleidung und andere äußere Dinge
anbelangte, hielt er die Kinder untadelig.
In der ersten Zeit der Ehe kam die Färberin öfter nach Gschaid, und die
jungen Eheleute besuchten auch Millsdorf zuweilen bei Kirchweihen oder
anderen festlichen Gelegenheiten. Als aber die Kinder auf der Welt waren,
war die Sache anders geworden. Wenn schon Mütter ihre Kinder lieben und
sich nach ihnen sehnen, so ist dieses von Großmüttern öfter in noch höherem
Grade der Fall: sie verlangen zuweilen mit wahrlich krankhafter Sehnsucht
nach ihren Enkeln. Die Färberin kam sehr oft nach Gschaid herüber, um die
Kinder zu sehen, innen Geschenke zu bringen, eine Weile da zu bleiben und
dann mit guten Ermahnungen zu scheiden. Da aber das Alter und die
Gesundheitsumstände der Färberin die öfteren Fahrten nicht mehr so möglich
machten und der Färber aus dieser Ursache Einsprache tat, wurde auf etwas
anderes gesonnen, die Sache wurde umgekehrt, und die Kinder kamen jetzt
zur Großmutter. Die Mutter brachte sie selber öfter in einem Wagen, öfter
aber wurden sie, da sie noch im zarten Alter waren, eingemummt einer Magd
mitgegeben, die sie in einem Fuhrwerke über den Hals brachte. Als sie aber
größer waren, gingen sie zu Fuße entweder mit der Mutter oder mit einer
Magd nach Millsdorf, ja da der Knabe geschickt, stark und klug geworden
war, ließ man ihn allein den bekannten Weg über den Hals gehen, und wenn
es sehr schön war und er bat, erlaubte man auch, daß ihn die kleine Schwester
begleite. Dies ist bei den Gschaidern gebräuchlich, weil sie an starkes
Fußgehen gewöhnt sind und die Eltern überhaupt, namentlich aber ein Mann
wie der Schuster, es gerne sehen und eine Freude daran haben, wenn ihre
Kinder tüchtig werden. So geschah es, daß die zwei Kinder den Weg über
den Hals öfter zurücklegten als die übrigen Dörfler zusammengenommen,
und da schon ihre Mutter in Gschaid immer gewissermaßen wie eine Fremde
behandelt wurde, so wurden durch diesen Umstand auch die Kinder fremd,
sie waren kaum Gschaider und gehörten halb nach Millsdorf hinüber.
Der Knabe Konrad hatte schon das ernste Wesen seines Vaters, und das
Mädchen Susanna, nach ihrer Mutter so genannt, oder, wie man es zur
Abkürzung nannte, Sanna, hatte viel Glauben zu seinen Kenntnissen, seiner
Einsicht und seiner Macht und gab sich unbedingt unter seine Leitung, gerade
so wie die Mutter sich unbedingt unter die Leitung des Vaters gab, dem sie
alle Einsicht und Geschicklichkeit zutraute.
An schönen Tagen konnte man morgens die Kinder durch das Tal gegen
Mittag wandern sehen, aber die Wiese gehen und dort anlangen, wo der Wald
des Halses gegen sie her schaut. Sie näherten sich dem Walde, gingen auf
seinem Wege allgemach über die Erhöhung hinan und kamen, ehe der Mittag
eingetreten war, auf den offenen Wiesen auf der anderen Seite gegen
Millsdorf hinunter. Konrad zeigte Sanna die Wiesen, die dem Großvater
gehörten, dann gingen sie durch seine Felder, auf denen er ihr die
Getreidearten erklärte, dann sahen sie auf Stangen unter dem Vorsprunge des
Daches die langen Tücher zum Trocknen herabhängen, die sich im Winde
schlängelten oder närrische Gesichter machten, dann hörten sie seine
Walkmühle und seinen Lohstampf, die er an seinem Bache für Tuchmacher
und Gerber angelegt hatte, dann bogen, sie noch um eine Ecke der Felder und
gingen in kurzem durch die Hintertür in den Garten der Färberei, wo sie von
der Großmutter empfangen wurden. Diese ahnte immer, wenn die Kinder
kamen, sah zu den Fenstern aus und erkannte sie von weitem, wenn Sannas
rotes Tuch recht in der Sonne leuchtete.
Sie führte die Kinder dann durch die Waschstube und Presse in das
Zimmer, ließ sie niedersetzen, ließ nicht zu, daß sie Halstücher oder Jäckchen
lüfteten, damit sie sich nicht verkühlten, und behielt sie beim Essen da. Nach
dem Essen durften sie sich lüften, spielen, durften in den Räumen des
großväterlichen Hauses herumgehen oder sonst tun, was sie wollten, wenn es
nur nicht unschicklich oder verboten war. Der Färber, welcher immer bei
dem Essen war, fragte sie um ihre Schulgegenstände aus und schärfte ihnen
besonders ein, was sie lernen sollten. Nachmittags wurden sie von der
Großmutter schon, ehe die Zeit kam, zum Aufbruche getrieben, daß sie ja
nicht zu spät kämen. Obgleich der Färber keine Mitgift gegeben hatte und vor
seinem Tode von seinem Vermögen nichts wegzugehen gelobt hatte, glaubte
sich die Färberin an diese Dinge doch nicht so strenge gebunden, und sie gab
den Kindern nicht allein während ihrer Anwesenheit allerlei, worunter nicht
selten ein Münzstück und zuweilen gar von ansehnlichem Werte war,
sondern sie band ihnen auch immer zwei Bündelchen zusammen, in denen
sich Dinge befanden, von denen sie glaubte, daß sie notwendig wären oder
daß sie den Kindern Freude machen könnten. Und wenn oft die nämlichen
Dinge im Schusterhause in Gschaid ohne dem in aller Trefflichkeit
vorhanden waren, so gab sie die Großmutter in der Freude des Gebens doch,
und die Kinder trugen sie als etwas Besonderes nach Hause. So geschah es
nun, daß die Kinder am heiligen Abende schon unwissend die Geschenke in
Schachteln gut versiegelt und verwahrt nach Hause trugen, die ihnen in der
Nacht einbeschert werden sollten.
Weil die Großmutter die Kinder immer schon vor der Zeit zum Fortgehen
drängte, damit sie nicht zu spät nach Hause kämen, so erzielte sie hierdurch,
daß die Kinder gerade auf dem Wege bald an dieser, bald an jener Stelle sich
aufhielten. Sie saßen gerne an dem Haselnußgehege, das auf dem Halse ist,
und schlugen mit Steinen Nüsse auf, oder spielten, wenn keine Nüsse waren,
mit Blättern oder mit Hölzlein oder mit den weichen, braunen Zäpfchen, die
im ersten Frühjahre von den Zweigen der Nadelbäume herabfielen.
Manchmal erzählte Konrad dem Schwesterchen Geschichten, oder wenn sie
zu der roten Unglücksäule kamen, führte er sie ein Stück auf dem Seitenwege
links gegen die Höhen hinan und sagte ihr, daß man da auf den Schneeberg
gelange, daß dort Felsen und Steine seien, daß die Gemsen herumspringen
und -große Vögel fliegen. Er führte sie oft über den Wald hinaus, sie
betrachteten dann den dürren Rasen und die kleinen Sträucher der
Heidekräuter; aber er führte sie wieder zurück und brachte sie immer vor der
Abenddämmerung nach Hause, was ihm stets Lob eintrug.
Einmal war am heiligen Abende, da die erste Morgendämmerung in dem
Tale von Gschaid in Helle übergegangen war, ein dünner, trockener Schleier
über den ganzen Himmel gebreitet, so daß man die ohnedem schiefe und
ferne Sonne im Südosten nur als einen undeutlichen roten Fleck sah, überdies
war an diesem Tage eine milde, beinahe laulichte Luft unbeweglich im
ganzen Tale und auch an dem Himmel, wie die unveränderte und ruhige
Gestalt der Wolken zeigte. Da sagte die Schustersfrau zu ihren Kindern:
»Weil ein so angenehmer Tag ist, weil es so lange nicht geregnet hat und die
Wege fest sind, und weil es auch der Vater gestern unter der Bedingung
erlaubt hat, wenn der heutige Tag dazu geeignet ist, so dürft ihr zur
Großmutter nach Millsdorf gehen; aber ihr müßt den Vater noch vorher
fragen.«
Die Kinder, welche noch in ihren Nachtkleidchen dastanden, liefen in die
Nebenstube, in welcher der Vater mit einem Kunden sprach, und baten um
die Wiederholung der gestrigen Erlaubnis, weil ein so schöner Tag sei. Sie
wurde ihnen erteilt, und sie liefen wieder zur Mutter zurück.
Die Schustersfrau zog nun ihre Kinder vorsorglich an, oder eigentlich, sie
zog das Mädchen mit dichten, gut verwahrenden Kleidern an; denn der
Knabe begann sich selber anzukleiden und stand viel früher fertig da, als die
Mutter mit dem Mädchen hatte ins reine kommen können. Als sie dieses
Geschäft vollendet hatte, sagte sie:
»Konrad, gib wohl acht: weil ich dir das Mädchen mitgehen lasse, so
müsset ihr beizeiten fortgehen, ihr müsset an keinem Platze stehen bleiben,
und wenn ihr bei der Großmutter gegessen habt, so müsset ihr gleich wieder
umkehren und nach Hause trachten; denn die Tage sind jetzt sehr kurz, und
die Sonne geht gar bald unter.«
»Ich weiß es schon, Mutter«, sagte Konrad.
»Und siehe gut auf Sanna, daß sie nicht fällt oder sich erhitzt.«
»Ja, Mutter.«
»So, Gott behüte euch, und geht noch zum Vater und sagt, daß ihr jetzt
fortgehst.«
Der Knabe nahm eine von seinem Vater kunstvoll aus Kalbfellen genähte
Tasche an einem Riemen um die Schulter, und die Kinder gingen in die
Nebenstube, um dem Vater Lebewohl zu sagen. Aus dieser kamen sie bald
heraus und hüpften, von der Mutter mit einem Kreuze besegnet, fröhlich auf
die Gasse.
Sie gingen schleunig längs des Dorfplatzes hinab und dann durch die
Häusergasse und endlich zwischen den Planken der Obstgärten in das Freie
hinaus. Die Sonne stand schon über dem mit milchigen Wolkenstreifen
durchwobenen Wald der morgendlichen Anhöhen, und ihr trübes, rötliches
Bild schritt durch die laublosen Zweige der Holzäpfelbäume mit den Kindern
fort.
In dem ganzen Tale war kein Schnee, die größeren Berge, von denen er
schon viele Wochen herabgeglänzt hatte, waren damit bedeckt, die kleineren
standen in dem Mantel ihrer Tannenwälder und im Fahlrot ihrer entblößten
Zweige unbeschneit und ruhig da. Der Boden war noch nicht gefroren, und er
wäre vermöge der vorhergegangenen langen regenlosen Zeit ganz trocken
gewesen, wenn ihn nicht die Jahreszeit mit einer zarten Feuchtigkeit
überzogen hätte, die ihn aber nicht schlüpfrig, sondern eher fest und
widerprallend machte, daß sie leicht und gering darauf fortgingen. Das
wenige Gras, welches noch auf den Wiesen und vorzüglich an den
Wassergräben derselben war, stand in herbstlichem Ansehen. Es lag kein
Reif und bei näherem Anblicke nicht einmal ein Tau, was nach der Meinung
der Landleute baldigen Regen bedeutet.
Gegen die Grenzen der Wiesen zu war ein Gebirgsbach, über welchen ein
hoher Steg führte. Die Kinder gingen auf den Steg und schauten hinab. Im
Bache war schier kein Wasser, ein dünner Faden von sehr stark blauer Farbe
ging durch die trockenen Kiesel des Gerölles, die wegen Regenlosigkeit ganz
weiß geworden waren, und sowohl die Wenigkeit als auch die Farbe des
Wassers zeigten an, daß in den größeren Höhen schon Kälte herrschen müsse,
die den Boden verschließe, daß er mit seiner Erde das Wasser nicht trübe,
und die das Eis erhärte, daß es in seinem Innern nur wenige klare Tropfen
abgeben könne.
Von dem Stege liefen die Kinder durch die Gründe fort und näherten sich
immer mehr den Waldungen.
Sie trafen endlich die Grenze des Holzes und gingen in demselben weiter.
Als sie in die höheren Wälder des Halses hinaufgekommen waren, zeigten
sich die langen Furchen des Fahrweges nicht mehr weich, wie es unten im
Tale der Fall gewesen war, sondern sie waren fest, und zwar nicht aus
Trockenheit, sondern, wie die Kinder sich bald überzeugten, weil sie gefroren
waren. An manchen Stellen waren sie so überfroren, daß sie die Körper der
Kinder trugen. Nach der Natur der Kinder gingen sie nun nicht mehr auf dem
glatten Pfade neben dem Fahrwege, sondern in den Gleisen und versuchten,
ob dieser oder jener Furchenaufwurf sie schon trage. Als sie nach Verlauf
einer Stunde auf der Höhe des Halses angekommen waren, war der Boden
bereits so hart, daß er klang und Schollen wie Steine hatte.
An der roten Unglücksäule des Bäckers bemerkte Sanna zuerst, daß sie
heute gar nicht dastehe. Sie gingen zu dem Platze hinzu und sahen, daß der
runde, rot angestrichene Balken, der das Bild trug, in dem dürren Grase Lege,
das wie dünnes Stroh an der Stelle stand und den Anblick der liegenden Säule
verdeckte. Sie sahen zwar nicht ein, warum die Säule liege, ob sie
umgeworfen worden oder ob sie von selber umgefallen sei, das sahen sie, daß
sie an der Stelle, wo sie in die Erde ragte, sehr morsch war, und daß sie daher
sehr leicht habe umfallen können; aber da sie einmal lag, so machte es ihnen
Freude, daß sie das Bild und die Schrift so nahe betrachten konnten, wie es
sonst nie der Fall gewesen war. Als sie alles – den Korb mit den Semmeln,
die bleichen Hände des Bäckers, seine geschlossenen Augen, seinen grauen
Rock und die umstellenden Tannen betrachtet hatten, als sie die Schrift
gelesen und laut gesagt hatten, gingen sie wieder weiter.
Abermals nach einer Stunde wichen die dunkeln Wälder zu beiden Seiten
zurück, dünnstehende Bäume, teils einzelne Eichen, teils Birken und
Gebüschgruppen empfingen sie, geleiteten sie weiter, und nach kurzem liefen
sie auf den Wiesen in das Millsdorfer Tal hinab.
Obwohl dieses Tal bedeutend tiefer liegt als das von Gschaid und auch um
so viel wärmer war, daß man die Ernte immer um vierzehn Tage früher
beginnen konnte als in Gschaid, so war doch auch hier der Boden gefroren,
und als die Kinder bis zu den Loh- und Walkwerken des Großvaters
gekommen waren, lagen auf dem Wege, auf den die Räder oft Tropfen
herausspritzten, schöne Eistäfelchen. Den Kindern ist das gewöhnlich ein
sehr großes Vergnügen.
Die Großmutter hatte sie kommen gesehen, war ihnen entgegen gegangen,
nahm Sanna bei den erfrorenen Händchen und führte sie in die Stube.
Sie nahm ihnen die wärmeren Kleider ab, sie ließ in dem Ofen nachlegen
und fragte sie, wie es ihnen im Herübergehen gegangen sei.
Als sie hierauf die Antwort erhalten hatte, sagte sie: »Das ist schon recht,
das ist gut, es freut mich gar sehr, daß ihr wieder gekommen seid; aber heute
müßt ihr bald fort, der Tag ist kurz, und es wird auch kälter, am Morgen war
es in Millsdorf nicht gefroren.«
»In Gschaid auch nicht«, sagte der Knabe.
»Siehst du, darum müßt ihr euch sputen, daß euch gegen Abend nicht zu
kalt wird«, antwortete die Großmutter.
Hierauf fragte sie, was die Mutter mache, was der Vater mache, und ob
nichts Besonderes in Gschaid geschehen sei.
Nach diesen Fragen bekümmerte sie sich um das Essen, sorgte, daß es
früher bereitet wurde als gewöhnlich und richtete selber den Kindern kleine
Leckerbissen zusammen, von denen sie wußte, daß sie eine Freude damit
erregen würde. Dann wurde der Färber gerufen, die Kinder bekamen an dem
Tische aufgedeckt wie große Personen und aßen nun mit Großvater und
Großmutter, und die letzte legte ihnen hierbei besonders Gutes vor. Nach
dem Essen streichelte sie Sannas unterdessen sehr rot gewordene Wangen.
Hierauf ging sie geschäftig hin und her und steckte das Kalbfellränzchen
des Knaben voll und steckte ihm noch allerlei in die Taschen. Auch in die
Täschchen von Sanna tat sie allerlei Dinge. Sie gab jedem ein Stück Brot, es
auf dem Wege zu verzehren, und in dem Ränzchen, sagte sie, seien noch
zwei Weißbrote, wenn etwa der Hunger zu groß würde. »Für die Mutter habe
ich einen guten gebrannten Kaffee mitgegeben«, sagte sie, »und in dem
Fläschchen, das zugestopft und gut verbunden ist, befindet sich auch ein
schwarzer Kaffeeaufguß, ein besserer, als die Mutter bei euch gewöhnlich
macht, sie soll ihn nur kosten, wie er ist, er ist eine wahre Arznei, so kräftig,
daß nur ein Schlückchen den Magen so wärmt, daß es den Körper in den
kältesten Wintertagen nicht frieren kann. Die anderen Sachen, die in der
Schachtel und in den Papieren im Ränzchen sind, bringt unversehrt nach
Hause.«
Da sie noch ein Weilchen mit den Kindern geredet hatte, sagte sie, daß sie
gehen sollten.
»Habe acht, Sanna«, sagte sie, »daß du nicht frierst, erhitze dich nicht; und
daß ihr nicht aber die Wiesen hinauf und unter den Bäumen lauft. Etwa
kommt gegen Abend ein Wind, da müßt ihr langsamer gehen. Grüßet Vater
und Mutter und, sagt, sie sollen recht glückliche Feiertage haben.«
Die Großmutter küßte beide Kinder auf die Wangen und schob sie durch
die Tür hinaus. Nichtsdestoweniger ging sie aber auch selber mit, geleitete sie
durch den Garten, ließ sie durch das Hinterpförtchen hinaus, schloß wieder
und ging in das Haus zurück.
Die Kinder gingen an den Eistäfelchen neben den Werken des Großvaters
vorbei, sie gingen durch die Millsdorfer Felder und wendeten sich gegen die
Wiesen hinan.
Als sie auf den Anhöhen gingen, wo, wie gesagt wurde, zerstreute Bäume
und Gebüschgruppen standen, fielen äußerst langsam einzelne
Schneeflocken.
»Siehst du, Sanna«, sagte der Knabe, »ich habe es gleich gedacht, daß wir
Schnee bekommen; weißt du, da wir von Hause weggingen, sahen wir noch
die Sonne, die so blutrot war wie eine Lampe bei dem heiligen Grabe, und
jetzt ist nichts mehr von ihr zu erblicken, und nur der graue Nebel ist über
den Baumwipfeln oben. Das bedeutet allemal Schnee.«
Die Kinder gingen freudiger fort, und Sanna war recht froh, wenn sie mit
dem dunkeln Ärmel ihres Röckchens eine der fallenden Flocken auffangen
konnte, und wenn dieselbe recht lange nicht auf dem Ärmel zerfloß. Als sie
endlich an dem äußersten Rand der Millsdorfer Höhen angekommen waren,
wo es gegen die dunkeln Tannen des Halses hineingeht, war die dichte
Waldwand schon recht lieblich gesprenkelt von den immer reichlicher
herabfallenden Flocken. Sie gingen nunmehr in den dicken Wald hinein, der
den größten Teil ihrer noch bevorstehenden Wanderung einnahm.
Es geht von dem Waldrande noch immer aufwärts, und zwar bis man zur
roten Unglücksäule kommt, von wo sich, wie schon oben angedeutet wurde,
der Weg gegen das Tal von Gschaid hinabwendet. Die Erhebung des Waldes
von der Millsdorfer Seite aus ist sogar so steil, daß der Weg nicht gerade
hinangeht, sondern daß er in sehr langen Abweichungen von Abend nach
Morgen und von Morgen nach Abend hinanklimmt. An der ganzen Länge des
Weges hinauf zur Säule und hinab bis zu den Wiesen von Gschaid sind hohe,
dichte, ungelichtete Waldbestände, und sie werden erst ein wenig dünner,
wenn man in die Ebene gelangt ist und gegen die Wiesen des Tales von
Gschaid hinauskommt. Der Hals ist auch, wenn er gleich nur eine kleine
Verbindung zwischen zwei großen Gebirgshäuptern abgibt, doch selbst so
groß, daß er, in die Ebene gelegt, einen bedeutenden Gebirgsrücken abgeben
würde.
Das erste, was die Kinder sahen, als sie die Waldung betraten, war, daß der
gefrorne Boden sich grau zeigte, als ob er mit Mehl besät wäre, daß die
Fahne manches dünnen Halmes des am Wege hin und zwischen den Bäumen
stehenden dürren Grases mit Flocken beschwert war, und daß auf den
verschiedenen grünen Zweigen der Tannen und Fichten, die sich wie Hände
öffneten, schon weiße Fläumchen saßen.
»Schneit es denn jetzt bei dem Vater zu Hause auch?« fragte Sanna.
»Freilich«, antwortete der Knabe, »es wird auch kälter, und du wirst sehen,
daß morgen der ganze Teich gefroren ist.«
»Ja, Konrad«, sagte das Mädchen.
Es verdoppelte beinahe seine kleinen Schritte, um mit denen des
dahinschreitenden Knaben gleich bleiben zu können.
Sie gingen nun rüstig in den Windungen fort, jetzt von Abend nach
Morgen, jetzt von Morgen nach Abend. Der von der Großmutter
vorausgesagte Wind stellte sich nicht ein, im Gegenteile war es so stille, daß
sich nicht ein Ästchen oder Zweig rührte, ja sogar es schien im Walde
wärmer, wie es in lockeren Körpern, dergleichen ein Wald auch ist, immer im
Winter zu sein pflegt, und die Schneeflocken fielen stets reichlicher, so daß
der ganze Boden schon weiß war, daß der Wald sich grau zu bestäuben
anfing, und daß auf dem Hute und den Kleidern des Knaben sowie auf denen
des Mädchens der Schnee lag.
Die Freude der Kinder war sehr groß. Sie traten auf den weichen Flaum,
suchten mit dem Fuße absichtlich solche Stellen, wo er dichter zu liegen
schien, um dorthin zu treten und sich den Anschein zu geben, als wateten sie
bereits. Sie schüttelten den Schnee nicht von den Kleidern ab.
Es war große Ruhe eingetreten. Von den Vögeln, deren doch manche auch
zuweilen im Winter in dem Walde hin und her fliegen, und von denen die
Kinder im Herübergehen sogar mehrere zwitschern gehört hatten, gar nichts
zu vernehmen, sie sahen auch keine auf irgendeinem Zweige sitzen oder
fliegen, und der ganze Wald war gleichsam ausgestorben.
Weil nur die bloßen Fußstapfen der Kinder hinter ihnen blieben, und weil
vor ihnen der Schnee rein und unverletzt war, so war daraus zu erkennen, daß
sie die einzigen waren, die heute über den Hals gingen.
Sie gingen in ihrer Richtung fort, sie näherten sich öfter den Bäumen, öfter
entfernten sie sich, und wo dichtes Unterholz war, konnten sie den Schnee
auf den Zweigen liegen sehen.
Ihre Freude wuchs noch immer; denn die Flocken fielen stets dichter, und
nach kurzer Zeit brauchten sie nicht mehr den Schnee aufzusuchen, um in
ihm zu waten; denn er lag schon so dicht, daß sie ihn überall weich unter den
Sohlen empfanden, und daß er sich bereits um ihre Schuhe zu legen begann;
und wenn es so ruhig und heimlich war, so war es, als ob sie das Knistern des
in die Nadeln herabfallenden Schnees vernehmen könnten. »Werden wir
heute auch die Unglücksäule sehen?« fragte das Mädchen, »sie ist ja
umgefallen, und da wird es darauf schneien, und da wird die rote Farbe weiß
sein.«
»Darum können wir sie doch sehen,« antwortete der Knabe, »wenn auch
der Schnee auf sie fällt, und wenn sie auch weiß ist, so müssen wir sie liegen
sehen, weil sie eine dicke Säule ist, und weil sie das schwarze eiserne Kreuz
auf der Spitze hat, das doch immer herausragen wird.«
»Ja, Konrad.«
Indessen, da sie noch weiter gegangen waren, war der Schneefall so dicht
geworden, daß sie nur mehr die allernächsten Bäume sehen konnten.
Von der Härte des Weges oder gar von Furchenaufwerfungen war nichts
zu empfinden, der Weg war vom Schnee überall gleich weich und war
überhaupt nur daran zu erkennen, daß er als ein gleichmäßiger weißer
Streifen in dem Walde fortlief. Auf allen Zweigen lag schon die schöne
weiße Hülle.
Die Kinder gingen jetzt mitten auf dem Wege, sie furchten den Schnee mit
ihren Füßlein und gingen langsamer, weil das Gehen beschwerlicher ward.
Der Knabe zog seine Jacke empor an dem Halse zusammen, damit ihm nicht
der Schnee in den Nacken falle, und er setzte den Hut tiefer in das Haupt, daß
er geschützter sei. Er zog auch seinem Schwesterlein das Tuch, das ihm die
Mutter um die Schultern gegeben hatte, besser zusammen und zog es ihm
mehr vorwärts in die Stirne, daß es ein Dach bilde.
Der von der Großmutter vorausgesagte Wind war noch immer nicht
gekommen, aber dafür wurde der Schneefall nach und nach so dicht, daß
auch nicht mehr die nächsten Bäume zu erkennen waren, sondern daß sie wie
neblige Säcke in der Luft standen.
Die Kinder gingen fort. Sie duckten die Köpfe dichter in ihre Kleider und
gingen fort.
Sanna nahm den Riemen, an welchem Konrad die Kalbfelltasche um die
Schulter hängen hatte, mit den Händchen, hielt sich daran, und so gingen sie
ihres Weges.
Die Unglücksäule hatten sie noch immer nicht erreicht. Der Knabe konnte
die Zeit nicht ermessen, weil keine Sonne am Himmel stand, und weil es
immer gleichmäßig grau war.
»Werden wir bald zu der Unglücksäule kommen?« fragte Sanna.
»Ich weiß es nicht«, antwortete der Knabe, »ich kann heute die Bäume
nicht sehen und den Weg nicht erkennen, weil er so weiß ist. Die
Unglücksäule werden wir wohl gar nicht sehen, weil so viel Schnee liegen
wird, daß sie verhüllt sein wird, und daß kaum ein Gräschen oder ein Arm
des schwarzen Kreuzes hervorragen wird. Aber es macht nichts. Wir gehen
immer auf dem Wege fort, der Weg geht zwischen den Bäumen, und wenn er
zu dem Platze der Unglücksäule kommt, dann wird er abwärtsgehen, wir
gehen auf ihm fort, und wenn er aus den Bäumen hinausgeht, dann sind wir
schon auf den Wiesen von Gschaid, dann kommt der Steg, und dann haben
wir nicht mehr weit nach Hause.«
»Ja, Konrad«, sagte das Mädchen.
Sie gingen auf ihrem aufwärtsführenden Wege fort. Die hinter ihnen
liegenden Fußstapfen waren jetzt nicht mehr lange sichtbar; denn die
ungemeine Fülle des herabfallenden Schnees deckte sie bald zu, daß sie
verschwanden. Der Schnee knisterte in seinem Falle nun auch nicht mehr in
den Nadeln, sondern legte sich eilig und heimlich auf die weiße schon
darlegende Decke nieder. Die Kinder nahmen die Kleider noch fester, um das
immerwährende allseitige Hineinrieseln abzuhalten.
Sie gingen sehr schleunig, und der Weg führte noch stets aufwärts.
Nach langer Zeit war noch immer die Höhe nicht erreicht, auf welcher die
Unglücksäule stehen sollte, und von wo der Weg gegen die Gschaider Seite
sich hinunterwenden mußte.
Endlich kamen die Kinder in eine Gegend, in welcher keine Bäume
standen.
»Ich sehe keine Bäume mehr«, sagte Sanna.
»Vielleicht ist nur der Weg so breit, daß wir sie wegen des Schneiens nicht
sehen können«, antwortete der Knabe.
»Ja, Konrad«, sagte das Mädchen.
Nach einer Weile blieb der Knabe stehen und sagte: »Ich sehe selber keine
Bäume mehr, wir müssen aus dem Walde gekommen sein, auch geht der
Weg immer bergan. Wir wollen ein wenig stehen bleiben und herumgehen,
vielleicht erblicken wir etwas.«
Aber sie erblickten nichts. Sie sahen durch einen trüben Raum in den
Himmel. Wie bei dem Hagel über die weißen oder grünlich gedunsenen
Wolken die finsteren fransenartigen Streifen herabstarren, so war es hier, und
das stumme Schütten dauerte fort. Auf der Erde sahen sie nur einen runden
Fleck Weiß und dann nichts mehr.
»Weißt du, Sanna«, sagte der Knabe, »wir sind auf dem dürren Grase, auf
welches ich dich oft im Sommer heraufgeführt habe, wo wir saßen, und wo
wir den Rasen betrachteten, der nacheinander hinaufgeht, und wo die
schönen Kräuterbüschel wachsen. Wir werden da jetzt gleich rechts
hinabgehen.«
»Ja, Konrad.«
»Der Tag ist kurz, wie die Großmutter gesagt hat und wie du auch wissen
wirst, wir müssen uns daher sputen.'«
»Ja, Konrad«, sagte das Mädchen.
»Warte ein wenig, ich will dich besser einrichten«, erwiderte der Knabe.
Er nahm seinen Hut ab, setzte ihn Sanna auf das Haupt und befestigte ihn
mit den beiden Bändchen unter ihrem Kinne. Das Tüchlein, welches sie
umhatte, schützte sie zu wenig, während auf seinem Haupte eine solche
Menge dichter Locken war, daß noch lange Schnee darauf fallen konnte, ehe
Nässe und Kälte durchzudringen vermochten. Dann zog er sein Pelzjäckchen
aus und zog dasselbe über die Ärmelein der Schwester. Um seine eigenen
Schultern und Arme, die jetzt das bloße Hemd zeigten, band er das kleinere
Tüchlein, das Sanna über die Brust, und das größere, das sie über die
Schultern gehabt hatte. Das sei für ihn genug, dachte er, wenn er nur stark
auftrete, werde ihn nicht frieren.
Er nahm das Mädchen bei der Hand, und so gingen sie jetzt fort.
Das Mädchen schaute mit den willigen Äuglein in das ringsum
herrschende Grau und folgte ihm gerne, nur daß es mit den kleinen eilenden
Füßlein nicht so nachkommen konnte, wie er vorwärts strebte gleich einem,
der es zur Entscheidung bringen wollte.
Sie gingen nun mit der Unablässigkeit und Kraft, die Kinder und Tiere
haben, weil sie nicht wissen, wie viel ihnen beschieden ist und wann ihr
Vorrat erschöpft ist.
Aber wie sie gingen, so konnten sie nicht merken, ob sie über den Berg
hinabkämen oder nicht. Sie hatten gleich rechts nach abwärts gebogen, allein
sie kamen wieder in Richtungen, die bergan führten, bergab und wieder
bergan. Oft begegneten ihnen Steilheiten, denen sie ausweichen mußten, und
ein Graben, in dem sie fortgingen, führte sie in einer Krümmung herum. Sie
erklommen Höhen, die sich unter ihren Füßen steiler gestalteten als sie
dachten, und was sie für abwärts hielten, war wieder eben, oder es war eine
Höhlung, oder es ging immer gedehnt fort.
»Wo sind wir denn, Konrad?« fragte das Mädchen.
»Ich weiß es nicht«, antwortete er.
»Wenn ich nur mit diesen meinen Augen etwas zu erblicken imstande
wäre«, fuhr er fort, »daß ich mich danach richten könnte.«
Aber es war rings um sie nichts als das blendende Weiß, überall das Weiß,
das aber selber nur einen immer kleineren Kreis um sie zog und dann in einen
lichten, streifenweise niederfallenden Nebel überging, der jedes Weitere
verzehrte und verhüllte Und zuletzt nichts anderes war als der unersättlich
niederfallende Schnee.
»Warte, Sanna«, sagte der Knabe, »wir wollen ein wenig stehen bleiben
und horchen, ob wir nicht etwas hören können, was sich im Tale meldet, sei
es nun ein Hund oder eine Glocke oder die Mühle, oder sei es ein Ruf, der
sich hören läßt, hören müssen wir etwas, und dann werden wir wissen, wohin
wir zu gehen haben.«
Sie blieben nun stehen, aber sie hörten nichts. Sie blieben noch ein wenig
länger stehen, aber es meldete sich nichts, es war nicht ein einziger Laut,
auch nicht der leiseste außer ihrem Atem zu vernehmen, ja in der Stille, die
herrschte, war es, als sollten sie den Schnee hören, der auf ihre Wimpern fiel.
Die Voraussage der Großmutter hatte sich noch immer nicht erfüllt, der Wind
war nicht gekommen, ja was in diesen Gegenden selten ist, nicht das leiseste
Lüftchen rührte sich an dem ganzen Himmel.
Nachdem sie lange gewartet hatten, gingen sie wieder fort.
»Es tut auch nichts, Sanna«, sagte der Knabe, »sei nur nicht verzagt, folge
mir, ich werde dich doch noch hinüberführen. – Wenn nur das Schneien
aufhörte!«
Sie war nicht verzagt, sondern hob die Füßchen, so gut es gehen wollte,
und folgte ihm. Er führte sie in dem weißen, lichten, regsamen,
undurchsichtigen Raume fort.
Nach einer Weile sahen sie Felsen. Sie hoben sich dunkel und undeutlich
aus dem weißen und undurchsichtigen Lichte empor. Da die Kinder sich
näherten, stießen sie fast daran. Sie stiegen wie eine Mauer hinauf und waren
ganz gerade, so daß kaum ein Schnee an ihrer Seite haften konnte. »Sanna,
Sanna«, sagte er, »da sind die Felsen, gehen wir nur weiter, gehen wir
weiter.«
Sie gingen weiter, sie mußten zwischen die Felsen hinein und unter ihnen
fort. Die Felsen ließen sie nicht rechts und nicht links ausweichen und führten
sie in einem engen Wege dahin. Nach einer Zeit verloren sie dieselben wieder
und konnten sie nicht mehr erblicken. So wie sie unversehens unter sie
gekommen waren, kamen sie wieder unversehens von ihnen. Es war wieder
nichts um sie als das Weiß, und ringsum war kein unterbrechendes Dunkel zu
schauen. Es schien eine große Lichtfülle zu sein, und doch konnte man nicht
drei Schritte vor sich sehen; alles war, wenn man so sagen darf, in eine
einzige weiße Finsternis gehüllt, und weil kein Schatten war, so war kein
Urteil über die Größe der Dinge, und die Kinder konnten nicht wissen, ob sie
aufwärts oder abwärts gehen würden, bis eine Steilheit ihren Fuß faßte und
ihn aufwärts zu gehen zwang.
»Mir tun die Augen weh«, sagte Sanna.
»Schaue nicht auf den Schnee«, antwortete der Knabe, »sondern in die
Wolken. Mir tun sie schon lange weh; aber es tut nichts, ich muß doch auf
den Schnee schauen, weil ich auf den Weg zu achten habe. Fürchte dich nur
nicht, ich führe dich doch hinunter ins Gschaid.«
»Ja, Konrad.«
Sie gingen wieder fort; aber wie sie auch gehen mochten, wie sie sich auch
wenden mochten, es wollte kein Anfang zum Hinabwärtsgehen kommen. An
beiden Seiten waren steile Dachlehnen nach aufwärts, mitten gingen sie fort,
aber auch immer aufwärts. Wenn sie den Dachlehnen entrannen und sie nach
abwärts beugten, wurde es gleich so steil, daß sie wieder umkehren mußten,
die Füßlein stießen oft auf Unebenheiten, und sie mußten häufig Büheln
ausweichen.
Sie merkten auch, daß ihr Fuß, wo er tiefer durch den jungen Schnee
einsank, nicht erdigen Boden unter sich empfand, sondern etwas anderes, das
wie älterer, gefrorner Schnee war; aber sie gingen immer fort, und sie liefen
mit Hast und Ausdauer. Wenn sie stehen blieben, war alles still, unermeßlich
still; wenn sie gingen, hörten sie das Rascheln ihrer Füße, sonst nichts; denn
die Hüllen des Himmels sanken ohne Laut hernieder und so reich, daß man
den Schnee hätte wachsen sehen können. Sie selber waren so bedeckt, daß sie
sich von dem allgemeinen Weiß nicht hervorhoben und sich, wenn sie um ein
paar Schritte getrennt worden wären, nicht mehr gesehen hätten.
Eine Wohltat war es, daß der Schnee so trocken war wie Sand, so daß er
von ihren Füßen und den Bundschühlein und Strümpfen daran leicht abglitt
und abrieselte, ohne Ballen und Nässe zu machen.
Endlich gelangten sie wieder zu Gegenständen.
Es waren riesenhaft große, sehr durcheinander liegende Trümmer, die mit
Schnee bedeckt waren, der überall in die Klüfte hineinrieselte und an die sie
sich ebenfalls fast anstießen, ehe sie sie sahen. Sie gingen ganz hinzu, die
Dinge anzublicken.
Es war Eis – lauter Eis.
Es lagen Platten da, die mit Schnee bedeckt waren, an deren Seitenwänden
aber das glatte, grünliche Eis sichtbar war, es lagen Hügel da, die wie
zusammengeschobener Schaum aussahen, an deren Seiten es aber matt nach
einwärts flimmerte und glänzte, als wären Balken und Stangen von
Edelsteinen durcheinander geworfen worden, es lagen ferner gerundete
Kugeln da, die ganz mit Schnee umhüllt waren, es standen Platten und andere
Körper auch schief oder gerade aufwärts, so hoch wie der Kirchturm in
Gschaid oder wie Häuser. In einigen waren Höhlen eingefressen, durch die
man mit einem Arme durchfahren konnte, mit einem Kopfe, mit einem
Körper, mit einem ganzen großen Wagen voll Heu. Alle diese Stücke waren
zusammen- oder emporgedrängt und starrten, so daß sie oft Dächer bildeten
oder Oberhänge, über deren Ränder sich der Schnee herüberlegte und
herabgriff wie lange, weiße Tatzen. Selbst ein großer, schreckhaft schwarzer
Stein, wie ein Haus, lag unter dem Eise und war emporgestellt, daß er auf der
Spitze stand, daß kein Schnee an seinen Seiten liegen bleiben konnte. Und
nicht dieser Stein allein –- noch mehrere und größere staken in dem Eise, die
man erst später sah, und die wie eine Trümmermauer an ihm hingen.
»Da muß recht viel Wasser gewesen sein, weil so viel Eis ist«, sagte
Sanna.
»Nein, das ist von keinem Wasser«, antwortete der Bruder, »das ist das Eis
des Berges, das immer oben ist, weil es so eingerichtet ist.«
»Ja, Konrad«, sagte Sanna.
»Wir sind jetzt bis zu dem Eise gekommen«, sagte der Knabe, »wir sind
auf dem Berge, Sanna, weißt du, den man von unserem Garten aus im
Sonnenscheine so weiß sieht. Merke gut auf, was ich dir sagen werde.
Erinnerst du dich noch, wie wir oft nachmittags in dem Garten saßen, wie es
recht schön war, wie die Bienen um uns summten, die Linden dufteten und
die Sonne von dem Himmel schien?«
»Ja, Konrad, ich erinnere mich.«
»Da sahen wir auch den Berg. Wir sahen, wie er so blau war, so blau wie
das sanfte Firmament, wir sahen den Schnee, der oben ist, wenn auch bei uns
Sommer war, eine Hitze herrschte und die Getreide reif wurden.«
»Ja, Konrad.«
»Und unten, wo der Schnee aufhört, da sieht man allerlei Farben, wenn
man genau schaut, grün, blau, weißlich – das ist das Eis, das unten nur so
klein ausschaut, weil man sehr weit entfernt ist, und das, wie der Vater sagte,
nicht weggeht bis an das Ende der Welt. Und da habe ich oft gesehen, daß
unterhalb des Eises die blaue Farbe noch fortgeht, das werden Steine sein,
dachte ich, oder es wird Erde und Weidegrund sein, und dann fangen die
Wälder an, die gehen herab und immer weiter herab, man sieht auch allerlei
Felsen in ihnen, dann folgen die Wiesen, die schon grün sind, und dann die
grünen Laubwälder, und dann kommen unsere Wiesen und Felder, die in dem
Tale von Gschaid sind. Siehst du nun, Sanna, weil wir jetzt bei dem Eise
sind, so werden wir über die blaue Farbe hinabgehen, dann durch die Wälder,
in denen die Felsen sind, dann über die Wiesen, und dann durch die grünen
Laubwälder, und dann werden wir in dem Tale von Gschaid sein und recht
leicht unser Dorf finden.«
»Ja, Konrad«, sagte das Mädchen.
Die Kinder gingen nun in das Eis hinein, wo es zugänglich war.
Sie waren winzigkleine, wandelnde Punkte in diesen ungeheuren Stücken.
Wie sie so unter die Oberhänge hineinsahen, gleichsam als gäbe ihnen ein
Trieb ein, ein Obdach zu suchen, gelangten sie in einen Graben, in einen
breiten, tiefgefurchten Graben, der gerade aus dem Eise hervorging. Er sah
aus wie das Bett eines Stromes, der aber jetzt ausgetrocknet und überall mit
frischem Schnee bedeckt war. Wo er aus dem Eise hervorkam, ging er gerade
unter einem Kellergewölbe heraus, das recht schön aus Eis über ihn gespannt
war. Die Kinder gingen in dem Graben fort und gingen in das Gewölbe
hinein und immer tiefer hinein. Es war ganz trocken, und unter ihren Füßen
hatten sie glattes Eis. In der ganzen Höhlung aber war es blau, so blau, wie
gar nichts in der Welt ist, viel tiefer und viel schöner blau als das Firmament,
gleichsam wie himmelblau gefärbtes Glas, durch welches Lichter Schein
hineinsinkt. Es waren dickere und dünnere Bogen, es hingen Zacken, Spitzen
und Troddeln herab, der Gang wäre noch tiefer zurückgegangen, sie wußten
nicht wie tief, aber sie gingen nicht mehr weiter. Es wäre auch sehr gut in der
Höhle gewesen, es war warm, es fiel kein Schnee, aber es war so schreckhaft
blau, die Kinder fürchteten sich, und gingen wieder hinaus. Sie gingen eine
Weile in dem Graben fort und kletterten dann über seinen Rand hinaus.
Sie gingen an dem Eise hin, sofern es möglich war, durch das Getrümmer
und zwischen den Platten durchzudringen.
»Wir werden jetzt da noch hinübergehen und dann von dem Eise abwärts
laufen«, sagte Konrad.
»Ja«, sagte Sanna und klammerte sich an ihn an.
Sie schlugen von dem Eise eine Richtung durch den Schnee abwärts ein,
die sie in das Tal führen sollte. Aber sie kamen nicht weit hinab. Ein neuer
Strom von Eis, gleichsam ein riesenhaft aufgetürmter und aufgewölbter Wall,
lag quer durch den weichen Schnee und griff gleichsam mit Armen rechts
und links um sie herum. Unter der weißen Decke, die ihn verhüllte,
glimmerte es seitwärts grünlich und bläulich und dunkel und schwarz und
selbst gelblich und rötlich heraus. Sie konnten es nun auf weitere Strecken
sehen, weil das ungeheure und unermüdliche Schneien sich gemildert hatte
und nur mehr wie an gewöhnlichen Schneetagen vom Himmel fiel. Mit dem
Starkmute der Unwissenheit kletterten sie in das Eis hinein, um den
vorgeschobenen Strom desselben zu überschreiten und dann jenseits weiter
hinabzukommen. Sie schoben sich in die Zwischenräume hinein, sie setzten
den Fuß auf jedes Körperstück, das mit einer weißen Schneehaube versehen
war, war es Fels oder Eis, sie nahmen die Hände zur Hilfe, krochen, wo sie
nicht gehen konnten, und arbeiteten sich mit ihren leichten Körpern hinauf,
bis sie die Seite des Walles überwunden hatten und oben waren. jenseits
wollten sie wieder hinabklettern.
Aber es gab kein Jenseits.
So weit die Augen der Kinder reichen konnten, war lauter Eis. Es standen
Spitzen und Unebenheiten und Schollen empor wie lauter furchtbares,
überschneites Eis. Statt ein Wall zu sein, über den man hinübergehen könnte
und der dann wieder von Schnee abgelöst wurde, wie sie sich unten dachten,
stiegen aus der Wölbung neue Wände von Eis empor, geborsten und
geklüftet, mit unzähligen blauen geschlängelten Linien versehen, und hinter
ihnen waren wieder solche Wände, und hinter diesen wieder solche, bis der
Schneefall das Weitere mit seinem Grau verdeckte. »Sanna, da können wir
nicht gehen«, sagte der Knabe.
»Nein«, antwortete die Schwester.
»Da werden wir wieder umkehren und anderswo hinabzukommen suchen.«
»Ja, Konrad.«
Die Kinder versuchten nun von dem Eiswalle wieder da hinabzukommen,
wo sie hinaufgeklettert waren, aber sie kamen nicht hinab. Es war lauter Eis,
als hätten sie die Richtung, in der sie gekommen waren, verfehlt. Sie wandten
sich hierhin und dorthin und konnten aus dem Eise nicht herauskommen, als
wären sie von ihm umschlungen. Sie kletterten abwärts und kamen wieder in
Eis. Endlich, da der Knabe die Richtung immer verfolgten in der sie nach
seiner Meinung gekommen waren, gelangten sie in zerstreutere Trümmer,
aber sie waren auch größer und furchtbarer, wie sie gerne am Rande des Eises
zu sein pflegen, und die Kinder gelangten kriechend und kletternd hinaus. An
dem Eisessaume waren ungeheure Steine, sie waren gehäuft, wie sie die
Kinder ihr Leben lang nicht gesehen hatten. Viele waren in Weiß gehüllt,
viele zeigten die unteren schiefen Wände sehr glatt und feingeschliffen, als
wären sie darauf geschoben worden, viele waren wie Hütten und Dächer
gegeneinandergestellt, viele lagen aufeinander wie ungeschlachte Knollen.
Nicht weit von dem Standorte der Kinder standen mehrere mit den Köpfen
gegeneinander gelehnt, und über sie lagen breite, gelagerte Blöcke wie ein
Dach. Es war ein Häuschen, das gebildet war, das gegen vorne offen,
rückwärts und an den Seiten aber geschätzt war. Im Innern war es trocken, da
der steilrechte Schneefall keine einzige Flocke hineingetragen hatte. Die
Kinder waren recht froh, daß sie nicht mehr in dem Eise waren und auf ihrer
Erde standen.
Aber es war auch endlich finster geworden.
»Sanna«, sagte der Knabe, »wir können nicht mehr hinabgehen, weil es
Nacht geworden ist, und weil wir fallen oder gar in eine Grube geraten
könnten. Wir werden da unter die Steine hineingehen, wo es trocken und so
warm ist, und da werden wir warten. Die Sonne geht bald wieder auf, dann
laufen wir hinunter. Weine nicht, ich bitte dich recht schön, weine nicht, ich
gebe dir alle Dinge zu essen, welche uns die Großmutter mitgegeben hat.«
Sie weinte auch nicht, sondern, nachdem sie beide unter das steinerne
Überdach hineingegangen waren, wo sie nicht nur bequem sitzen, sondern
auch stehen und herumgehen konnten, setzte sie sich recht dicht an ihn und
war mäuschenstille.
»Die Mutter«, sagte Konrad, »wird nicht böse sein, wir werden ihr von
dem vielen Schnee erzählen, der uns aufgehalten hat, und sie wird nichts
sagen; der Vater auch nicht. Wenn uns kalt wird – weißt du – dann mußt du
mit den Händen an deinen Leib schlagen, wie die Holzhauer getan haben,
und dann wird dir wärmer werden.«
»Ja, Konrad«, sagte das Mädchen.
Sanna wär nicht gar so untröstlich, daß sie heute nicht mehr über den Berg
hinabgingen und nach Hause liefen, wie er etwa glauben mochte; denn die
unermeßliche Anstrengung, von der die Kinder reicht einmal gewußt hatten,
wie groß sie gewesen sei, ließ ihnen das Sitzen süß, unsäglich süß erscheinen,
und sie gaben sich hin.
Jetzt machte sich aber auch der Hunger geltend. Beide nahmen fast zu
gleicher Zeit ihre Brote aus den Taschen und aßen sie. Sie aßen auch die
Dinge – kleine Stückchen Kuchen, Mandeln und Nüsse und andere
Kleinigkeiten – die die Großmutter ihnen in die Tasche gesteckt hatte.
»Sanna, jetzt müssen wir aber auch den Schnee von unsern Kleidern tun,«
sagte der Knabe, »daß wir nicht naß werden.«
»Ja, Konrad«, erwiderte Sanna.
Die Kinder gingen aus ihrem Häuschen, und zuerst reinigte Konrad das
Schwesterlein von Schnee. Er nahm die Kleiderzipfel, schüttelte sie, nahm ihr
den Hut ab, den er ihr aufgesetzt hatte, entleerte ihn von Schnee, und was
noch zurückgeblieben war, das stäubte er mit einem Tuche ab. Dann
entledigte er auch sich, so gut es ging, des auf ihm liegenden Schnees.
Der Schneefall hatte zu dieser Stunde ganz aufgehört. Die Kinder spürten
keine Flocke.
Sie gingen wieder in die Steinhütte und setzten sich nieder. Das Aufstehen
hatte ihnen die Müdigkeit erst recht gezeigt, und sie freuten sich auf das
Sitzen. Konrad legte die Tasche aus Kalbfell ab. Er nahm das Tuch heraus, in
welches die Großmutter eine Schachtel und mehrere Papierpäckchen
gewickelt hatte, und tat es zu größerer Wärme um seine Schultern. Auch die
zwei Weißbrote nahm er aus dem Ränzchen und reichte sie beide an Sanna;
das Kind aß begierig. Es aß eines der Brote und von dem zweiten auch noch
einen Teil. Den Rest reichte es aber Konrad, da es sah, daß er nicht aß. Er
nahm es und verzehrte es. Von da an saßen die Kinder und schauten.
So weit sie in der Dämmerung zu sehen vermochten, lag überall der
flimmernde Schnee hinab, dessen einzelne winzige Täfelchen hie und da in
der Finsternis seltsam zu funkeln begannen, als hätte er bei Tag das Licht
eingezogen und gäbe es jetzt von sich.
Die Nacht brach mit der in großen Höhen gewöhnlichen Schnelligkeit
herein. Bald war es ringsherum finster, nur der Schnee fuhr fort, mit seinem.
bleichen Lichte zu leuchten. Der Schneefall hatte nicht nur aufgehört,
sondern der Schleier an dem Himmel fing auch an, sich zu verdünnen und zu
verteilen; denn die Kinder sahen ein Sternlein blitzen. Weil der Schnee
wirklich gleichsam ein Licht von sich gab, und weil von den Wolken kein
Schleier mehr herabhing, so konnten die Kinder von ihrer Höhle aus die
Schneehügel sehen, wie sie sich in Linien von dem dunkeln Himmel
abschnitten. Weil es in der Höhle viel wärmer war, als es an jedem andern
Platze im ganzen Tage gewesen war, so ruhten die Kinder enge aneinander
sitzend und vergaßen sogar die Finsternis zu fürchten. Bald vermehrten sich
auch die Sterne, jetzt kam hier einer zum Vorscheine, jetzt dort, bis es schien,
als wäre am ganzen Himmel keine Wolke mehr.
Das war der Zeitpunkt, in welchem man in den Tälern die Lichter
anzuzünden pflegt. Zuerst wird eines angezündet und auf den Tisch gestellt,
um die Stube zu erleuchten, oder es brennt auch nur ein Span, oder es brennt
das Feuer auf der Leuchte, und es erhellen sich alle Fenster von bewohnten
Stuben und glänzen in die Schneenacht hinaus – aber heute erst – am heiligen
Abende – da wurden viel mehrere angezündet, um die Gaben zu beleuchten,
welche für die Kinder auf den Tischen lagen oder an den Bäumen hingen, es
wurden wohl unzählige angezündet; denn beinahe in jedem Hause, in jeder
Hütte, jedem Zimmer war eines oder mehrere Kinder, denen der heilige
Christ etwas gebracht hatte, und wozu man Lichter stellen mußte. Der Knabe
hatte geglaubt, daß man sehr bald von dem Berge hinabkommen könne, und
doch, von den vielen Lichtern, die heute in dem Tale brannten, kam nicht ein
einziges zu ihnen herauf; sie sahen nichts als den blassen Schnee und den
dunkeln Himmel, alles andere war ihnen in die unsichtbare Ferne
hinabgerückt. In allen Tälern bekamen die Kinder in dieser Stunde die
Geschenke des heiligen Christ: nur die zwei saßen oben am Rande des Eises,
und die vorzüglichsten Geschenke, die sie heute hätten bekommen sollen,
lagen in versiegelten Päckchen in der Kalbfelltasche im Hintergrunde der
Höhle.
Die Schneewolken waren ringsum hinter die Berge hinabgesunken, und ein
ganz dunkelblaues, fast schwarzes Gewölbe spannte sich um die Kinder voll
von dichten, brennenden Sternen, und mitten durch diese Sterne war ein
schimmerndes, breites, milchiges Band gewoben, das sie wohl auch unten im
Tale, aber nie so deutlich gesehen hatten. Die Nacht rückte vor. Die Kinder
wußten nicht, daß die Sterne gegen Westen rücken und weiter wandeln, sonst
hätten sie an ihrem Vorschreiten den Stand der Nacht erkennen können; aber
es kamen neue und gingen die alten, sie aber glaubten, es seien immer
dieselben. Es wurde von dem Scheine der Sterne auch Lichter um die Kinder;
aber sie sahen kein Tal, keine Gegend, sondern überall nur Weiß – lauter
Weiß. Bloß ein dunkles Horn, ein dunkles Haupt, ein dunkler Arm wurde
sichtbar und ragte dort und hier aus dem Schimmer empor. Der Mond war
nirgends am Himmel zu erblicken, vielleicht war er schon frühe mit der
Sonne untergegangen, oder er ist noch nicht erschienen.
Als eine lange Zeit vergangen war, sagte der Knabe: »Sanna, du mußt
nicht schlafen; denn weißt du, wie der Vater gesagt hat, wenn man im
Gebirge schläft, muß man erfrieren, so wie der alte Eschenjäger auch
geschlafen hat und vier Monate tot auf dem Steine gesessen ist, ohne daß
jemand gewußt hatte, wo er sei.«
»Nein, ich werde nicht schlafen«, sagte das Mädchen matt.
Konrad hatte es an dem Zipfel des Kleides geschüttelt, um es zu jenen
Worten zu erwecken.
Nun war es wieder stille.
Nach einer Zeit empfand der Knabe ein sanftes Drücken gegen seinen
Arm, das immer schwerer wurde. Sanna war eingeschlafen und war gegen
ihn herübergesunken.
»Sanna, schlafe nicht, ich bitte dich, schlafe nicht«, sagte er.
»Nein«, lallte sie schlaftrunken, »ich schlafe nicht.«
Er rückte weiter von ihr, um sie in Bewegung zu bringen, allein sie sank
um und hätte auf der Erde liegend fortgeschlafen. Er nahm sie an der Schulter
und rüttelte sie. Da er sich dabei selber etwas stärker bewegte, merkte er, daß
ihn friere und daß sein Arm schwerer sei. Er erschrak und sprang auf. Er
ergriff die Schwester, schüttelte sie stärker und sagte: »Sanna, stehe ein
wenig auf, wir wollen eine Zeit stehen, daß es besser wird.«
»Mich friert nicht, Konrad«, antwortete sie.
»Ja, ja, es friert dich, Sanna, stehe auf«, rief er.
»Die Pelzjacke ist warm«, sagte sie.
»Ich werde dir empor helfen«, sagte er.
»Nein«, erwiderte sie und war stille.
Da fiel dem Knaben etwas anderes ein. Die Großmutter hatte gesagt: Nur
ein Schlückchen wärmt den Magen so, daß es den Körper in den kältesten
Wintertagen nicht frieren kann.
Er nahm das Kalbfellränzchen, öffnete es und Griff so lange, bis er das
Fläschchen fand, in welchem die Großmutter der Mutter einen schwarzen
Kaffeeabsud schicken wollte. Er nahm das Fläschchen heraus, tat den
Verband weg und öffnete mit Anstrengung den Kork. Dann bückte er sich zu
Sanna und sagte: »Da ist der Kaffee, den die Großmutter der Mutter schickt,
koste ihn ein wenig, er wird dir warm machen. Die Mutter gibt ihn uns, wenn
sie nur weiß, wozu wir ihn nötig gehabt haben.«
Das Mädchen, dessen Natur zur Ruhe zog, antwortete: »Mich friert nicht.«
»Nimm nur etwas«, sagte der Knabe, »dann darfst du schlafen.«
Diese Aussicht verlockte Sanna, sie bewältigte sich so weit, daß sie das
fast eingegossene Getränk verschluckte. Hierauf trank der Knabe auch etwas.
Der ungemein starke Auszug wirkte sogleich, und zwar um so heftiger, da
die Kinder in ihrem Leben keinen Kaffee gekostet hatten. Statt zu schlafen,
wurde Sanna nun lebhafter und sagte selber, daß sie friere, daß es aber von
innen recht warm sei und auch schon in die Hände und Füße gehe. Die
Kinder redeten sogar eine Weile miteinander.
So tranken sie trotz der Bitterkeit immer wieder von dem Getränke, sobald
die Wirkung nachzulassen begann, und steigerten ihre unschuldigen Nerven
zu einem Fieber, das imstande war, den zum Schlummer ziehenden
Gewichten entgegen zu wirken.
Es war nun Mitternacht gekommen. Weil sie noch so jung waren und an
jedem heiligen Abende in höchstem Drange der Freude stets erst sehr spät
entschlummerten, wenn sie nämlich der körperliche Drang übermannt hatte,
so hatten sie nie das mitternächtliche Läuten der Glocken, nie die Orgel der
Kirche gehört, wenn das Fest gefeiert wurde, obwohl sie nahe an der Kirche
wohnten. In diesem Augenblicke der heutigen Nacht wurde un mit allen
Glocken geläutet, es läuteten die Glocken in Millsdorf, es läuteten die
Glocken in Gschaid, und hinter dem Berge war noch ein Kirchlein mit drei
hellen, klingenden Glocken, die läuteten.
In den fernen Ländern draußen waren unzählige Kirchen und Glocken, und
mit allen wurde zu dieser Zeit geläutet, von Dorf zu Dorf ging die Tonwelle,
ja man konnte wohl zuweilen von einem Dorfe zum andern durch die
blätterlosen Zweige das Läuten hören: nur zu den Kindern herauf kam kein
Laut, hier wurde nichts vernommen; denn hier war nichts zu verkündigen. In
den Talkrümmen gingen jetzt an den Berghängen die Lichter der Laternen
hin, und von manchem Hofe tönte das Hausglöcklein, um die Leute zu
erinnern; aber dieses konnte um so weniger herauf gesehen und gehört
werden, es glänzten nur die Sterne, und sie leuchteten und funkelten ruhig
fort. Wenn auch Konrad sich das Schicksal des erfrornen Eschenjägers vor
Augen hielt, wenn auch die Kinder das Fläschchen mit dem schwarzen
Kaffee fast ausgeleert hatten, wodurch sie ihr Blut zu größerer Tätigkeit
brachten, aber Gerede dadurch eine folgende Ermattung herbeizogen: so
würden sie den Schlaf nicht haben überwinden können, dessen verführende
Süßigkeit alle Gründe überwiegt, wenn nicht die Natur in ihrer Größe ihnen
beigestanden wäre und in ihrem Innern eine Kraft aufgerufen hätte, welcher
imstande war, dem Schlafe zu widerstehen.
In der ungeheueren Stille, die herrschte, in der Stille, in der sich kein
Schneespitzchen zu rühren schien, hörten die Kinder dreimal das Krachen des
Eises. Was das Starrste scheint und doch das Regsamste und Lebendigste ist,
der Gletscher, hatte die Töne hervorgebracht. Dreimal hörten sie hinter sich
den Schall, der entsetzlich war, als ob die Erde entzweigesprungen wäre, der
sich nach allen Richtungen im Eise verbreitete und gleichsam durch alle
Äderchen des Eises lief. Die Kinder blieben mit offenen Augen sitzen und
schauten in die Sterne hinaus.
Auch für die Augen begann sich etwas zu entwickeln. Wie die Kinder so
saßen, erblühte am Himmel vor ihnen ein bleiches Licht mitten unter den
Sternen und spannte einen schwachen Bogen durch dieselben. Es hatte einen
grünlichen Schimmer, der sich sachte nach unten zog. Aber der Bogen wurde
immer heller und heller, bis sich die Sterne vor ihm zurückzogen und
erblaßten. Auch in andere Gegenden des Himmels sandte er einen Schein, der
schimmergrün sachte und lebendig unter die Sterne floß. Dann standen
Garben verschiedenen Lichtes auf der Höhe des Bogens wie Zacken einer
Krone und brannten. Es floß helle durch die benachbarten Himmelsgegenden,
es sprühte leise und ging in sanftem Zucken durch lange Räume. Hatte sich
nun der Gewitterstoff des Himmels durch den unerhörten Schneefall so
gespannt, daß er in diesen stummen, herrlichen Strömen des Lichtes ausfloß,
oder war es eine andere Ursache der unergründlichen Natur. Nach sind nach
wurde es schwächer und immer schwächer, die Garben erloschen zuerst, bis
es allmählich und unmerklich immer geringer wurde und wieder nichts am
Himmel war als die tausend und tausend einfachen Sterne.
Die Kinder sagten keines zu dem andern ein Wort, sie blieben fort und fort
sitzen und schauten mit offenen Augen in den Himmel.
Es geschah nun nichts Besonderes mehr. Die Sterne glänzten, funkelten
und zitterten, nur manche schießende Schnuppe fuhr durch sie.
Endlich, nachdem die Sterne lange allein geschienen hatten und nie ein
Stückchen Mond an dem Himmel zu erblicken gewesen war, geschah etwas
anderes. Es fing der Himmel an, heller zu werden, langsam heller, aber doch
zu erkennen; es wurde seine Farbe sichtbar, die bleichsten Sterne erloschen,
und die anderen standen nicht mehr so dicht. Endlich wichen auch die
stärkeren, und der Schnee vor den Höhen wurde deutlicher sichtbar. Zuletzt
färbte sich eine Himmelsgegend gelb, und ein Wolkenstreifen, der in
derselben war, wurde zu einem leuchtenden Faden entzündet. Alle Dinge
waren klar zu sehen, und die entfernten Schneehügel zeichneten sich scharf in
die Luft.
»Sanna, der Tag bricht an«, sagte der Knabe.
»Ja, Konrad«, antwortete das Mädchen.
»Wenn es nur noch ein bißchen heller wird, dann gehen wir aus der Höhle
und laufen über den Berg hinunter.«
Es wurde heller, an dem ganzen Himmel war kein Stern mehr sichtbar, und
alle Gegenstände standen in der Morgendämmerung da.
»Nun, jetzt gehen wir«, sagte der Knabe.
»Ja, wir gehen«, antwortete Sanna.
Die Kinder standen auf und versuchten ihre erst heute recht müden
Glieder. Obwohl sie nichts geschlafen hatten, waren sie doch durch den
Morgen gestärkt, wie das immer so ist. Der Knabe hing sich das
Kalbfellränzchen um und machte das Pelzjäckchen an Sanna fester zu. Dann
führte er sie aus der Höhle.
Weil sie nach ihrer Meinung nur über den Berg hinabzulaufen hatten,
dachten sie an kein Essen und untersuchten das Ränzchen nicht, ob noch
Weißbrote oder andere Eßwaren darinnen seien.
Von dem Berge wollte nun Konrad, weil der Himmel ganz heiter war, in
die Täler hinabschauen, um das Gschaider Tal zu erkennen und in dasselbe
hinunterzugehen. Aber er sah gar keine Täler. Es war nicht, als ob sie sich auf
einem Berge befänden, von dem man hinabsieht, sondern in einer fremden,
seltsamen Gegend, in der lauter unbekannte Gegenstände sind. Sie sahen
heute auch in größerer Entfernung furchtbare Felsen aus dem Schnee
emporstehen, die sie gestern nicht gesehen hatten, sie sahen das Eis, sie sahen
Hügel und Schneelehnen emporstarren, und hinter diesen war entweder der
Himmel oder es ragte die blaue Spitze eines sehr fernen Berges am
Schneerande hervor.
In diesem Augenblicke ging die Sonne auf.
Eine riesengroße, blutrote Scheibe erhob sich an dem Schneesaume in den
Himmel, und in dem Augenblicke errötete der Schnee um die Kinder, als
wäre er mit Millionen Rosen überstreut worden. Die Kuppen und die Hörner
warfen sehr lange grünliche Schatten längs des Schnees.
»Sanna, wir werden jetzt da weiter vorwärts gehen, bis wir an den Rand
des Berges kommen und hinuntergehen«, sagte der Knabe.
Sie gingen nun in den Schnee hinaus. Er war in der heiteren Nacht noch
trockener geworden und wich den Tritten noch besser aus. Sie wateten rüstig
fort. Ihre Glieder wurden sogar geschmeidiger und stärker, da sie gingen.
Allein sie kamen an keinen Rand und sahen nicht hinunter. Schneefeld
entwickelte sich aus Schneefeld, und am Saume eines jeden stand alle Male
wieder der Himmel.
Sie gingen deßohngeachtet fort.
Da kamen sie wieder in das Eis. Sie wußten nicht, wie das Eis daher
gekommen sei, aber unter den Füßen empfanden sie den glatten Boden, und
waren gleich nicht die fürchterlichen Trümmer, wie an jenem Rande, an dem
sie die Nacht zugebracht hatten, so sahen sie doch, daß sie auf glattem Eise
fortgingen, sie sahen hie und da Stücke, die immer mehr wurden, die sich
näher an sie drängten und die sie wieder zu klettern zwangen.
Aber sie verfolgten doch ihre Richtung.
Sie kletterten neuerdings an Blöcken empor. Da standen sie wieder auf
dem Eisfelde. Heute bei der hellen Sonne konnten sie erst erblicken, was es
ist. Es war ungeheuer groß, und jenseits standen wieder schwarze Felsen
empor, es ragte gleichsam Welle hinter Welle auf, das beschneite Eis war
gedrängt, gequollen, emporgehoben, gleichsam als schöbe es sich nach
vorwärts und flösse gegen die Brust der Kinder heran. In dem Weiß sahen sie
unzählige vorwärtsgehende geschlängelte blaue Linien. Zwischen jenen
Stellen, wo die Eiskörper gleichsam wie aneinandergeschmettert starrten,
gingen auch Linien wie Wege, aber sie waren weiß und waren Streifen, wo
sich fester Eisboden vorfand, oder die Stücke doch nicht gar so sehr
verschoben waren. In diese Pfade gingen die Kinder hinein, weil sie doch
einen Teil des Eises überschreiten wollten, um an den Bergrand zu gelangen
und endlich einmal hinunterzusehen. Sie sagten kein Wörtlein. Das Mädchen
folgte dem Knaben. Aber es war auch heute wieder Eis, lauter Eis. Wo sie
hinüber gelangen wollten, wurde es gleichsam immer breiter und breiter. Da
schlugen sie, ihre Richtung aufgebend den Rückweg ein. Wo sie nicht gehen
konnten, griffen sie sich durch die Mengen des Schnees hindurch, der oft
dicht vor ihrem Auge wegbrach und den sehr blauen Streifen einer Eisspalte
zeigte, wo doch früher alles weiß gewesen war; aber sie kümmerten sich
nicht darum, sie arbeiteten sich fort, bis sie wieder irgendwo aus dem Eise
herauskamen.
»Sanna«, sagte der Knabe, »wir werden gar nicht mehr in das Eis
hineingehen, weil wir in demselben nicht fortkommen. Und weil wir schon in
unser Tal gar nicht hinabsehen können, so werden wir gerade über den Berg
hinabgehen. Wir müssen in ein Tal kommen, dort werden wir den Leuten
sagen, daß wir aus Gschaid sind, die werden uns einen Wegweiser nach
Hause mitgeben.«
»Ja, Konrad«, sagte das Mädchen.
So begannen sie nun in dem Schnee nach jener Richtung abwärts zu gehen,
welche sich ihnen eben darbot. Der Knabe führte das Mädchen an der Hand.
Allein nachdem sie eine Weile abwärts gegangen waren, hörte in dieser
Richtung das Gehänge auf, und der Schnee stieg wieder empor. Also
änderten die Kinder die Richtung und gingen nach der Länge einer Mulde
hinab. Aber da fanden sie wieder Eis. Sie stiegen also an der Seite der Mulde
empor, um nach einer anderen Richtung ein Abwärts zu suchen. Es führte sie
eine Fläche hinab, allein die wurde nach und nach so steil, daß sie kaum noch
einen Fuß einsetzen konnten und abwärts zu gleiten fürchteten. Sie klommen
also wieder empor, um wieder einen anderen Weg nach abwärts zu suchen.
Nachdem sie lange im Schnee emporgeklommen und dann auf einem ebenen
Rücken fortgelaufen waren, war es wie früher: entweder ging der Schnee so
steil ab, daß sie gestürzt wären, oder er stieg wieder hinan, daß sie auf den
Berggipfel zu kommen fürchteten. Und so ging es immer fort.
Da wollten sie die Richtung suchen, in der sie gekommen waren, und zur
roten Unglücksäule hinabgehen. Weil es nicht schneit und der Himmel so
helle ist, so würden sie, dachte der Knabe, die Stelle schon erkennen, wo die
Säule sein solle, und würden von dort nach Gschaid hinabgehen können.
Der Knabe sagte diesen Gedanken dem Schwesterchen, und diese folgte.
Allein auch der Weg auf den Hals hinab war nicht zu finden.
So klar die Sonne schien, so schön die Schneehöhen dastanden und die
Schneefelder dalagen, so konnten sie doch die Gegenden nicht erkennen,
durch die sie gestern heraufgegangen waren. Gestern war alles durch den
fürchterlichen Schneefall verhängt gewesen, daß sie kaum einige Schritte vor
sich gesehen hatten, und da war alles ein einziges Weiß und Grau
durcheinander gewesen. Nur die Felsen hatten sie gesehen, an denen und
zwischen denen sie gegangen waren: allein auch heute hatten sie bereits viele
Felsen gesehen, die alle den nämlichen Anschein gehabt hatten wie die
gestern gesehenen. Heute ließen sie frische Spuren in dem Schnee zurück;
aber gestern sind alle Spuren von dem fallenden Schnee verdeckt worden.
Auch aus dem bloßen Anblicke konnten sie nicht erraten, welche Gegend auf
den Hals führe, da alle Gegenden gleich waren. Schnee, lauter Schnee. Sie
gingen aber doch immer fort und meinten, es zu erringen. Sie wichen den
steilen Abstürzen aus und kletterten keine steilen Anhöhen hinauf.
Auch heute blieben sie öfter stehen, um zu horchen; aber sie vernahmen
auch heute nichts, nicht den geringsten Laut. Zu sehen war auch nichts als der
Schnee, der helle weiße Schnee, aus dem hie und da die schwarzen Hörner
und die schwarzen Steinrippen emporstanden.
Endlich war es dem Knaben, als sähe er auf einem fernen schiefen
Schneefelde ein hüpfendes Feuer. Es tauchte auf, es tauchte nieder. jetzt
sahen sie es, jetzt sahen sie es nicht. Sie blieben stehen und blickten
unverwandt auf jene Gegend hin. Das Feuer hüpfte immer fort, und es schien,
als ob es näher käme; denn sie sahen es größer und sahen das Hüpfen
deutlicher. Es verschwand nicht mehr so oft und nicht mehr auf so lange Zeit
wie früher. Nach einer Weile vernahmen sie in der stillen, blauen Luft
schwach, sehr schwach etwas wie einen lang anhaltenden Ton aus einem
Hirtenborne. Wie aus Instinkt schrieen beide Kinder laut. Ich einer Zeit
hörten sie den Ton wieder. Sie schrieen wieder und blieben auf der nämlichen
Stelle stehen. Das Feuer näherte sich auch. Der Ton wurde zum dritten Male
vernommen, und dieses Mal deutlicher. Die Kinder antworteten wieder durch
lautes Schreien. Nach einer geraumen Welle erkannten sie auch das Feuer. Es
war kein Feuer, es war eine rote Fahne, die geschwungen wurde. Zugleich
ertönte das Hirtenborn näher, und die Kinder antworteten.
»Sanna«, rief der Knabe, »da kommen Leute aus Gschaid, ich kenne die
Fahne, es ist die rote Fahne, welche der fremde Herr, der mit dem jungen
Eschenjäger den Gars bestiegen hatte, auf dem Gipfel aufpflanzte, daß sie der
Herr Pfarrer mit dem Fernrohre sähe, was als Zeichen gälte daß sie oben
seien, und welche Fahne damals der fremde Herr dem Herrn Pfarrer
geschenkt hat. Du warst noch ein recht kleines Kind.«
»Ja, Konrad.«
Nach einer Zeit sahen die Kinder auch die Menschen, die bei der Fahne
waren, kleine schwarze Stellen, die sich zu bewegen schienen. Der Ruf des
Hornes wiederholte sich von Zeit zu Zeit und kam immer näher. Die Kinder
antworteten jedes Mal.
Endlich sahen sie über den Schneeabhang gegen sich her mehrere Männer
mit ihren Stöcken herabfahren, die die Fahne in ihrer Mitte hatten. Da sie
näher kamen, erkannten sie dieselben. Es war der Hirt Philipp mit dem
Horne, seine zwei Söhne, dann der junge Eschenjäger und mehrere Bewohner
von Gschaid.
»Gebenedeit sei Gott«, schrie Philipp, »da seid ihr ja. Der ganze Berg ist
voll Leute. Laufe doch einer gleich in die Sideralpe hinab und läute die
Glocke, daß die dort hören, daß wir sie gefunden haben, und einer muß auf
den Krebsstein gehen und die Fahne dort aufpflanzen, daß sie dieselbe in dem
Tale sehen und die Böller abschießen, damit die es wissen, die im Millsdorfer
Walde suchen, und damit sie in Gschaid die Rauchfeuer anzünden, die in der
Luft gesehen werden und alle, die noch auf dem Berge sind, in die Sideralpe
hinabbedeuten. Das sind Weihnachten!«
»Ich laufe in die Alpe hinab«, sagte einer.
»Ich trage die Fahne auf den Krebsstein«, sagte ein anderer.
»Und wir werden die Kinder in die Sideralpe hinabbringen, so gut wir es
vermögen, und so gut uns Gott helfe«, sagte Philipp.
Ein Sohn Philipps schlug den Weg nach abwärts ein, und der andere ging
mit der Fahne durch den Schnee dahin.
Der Eschenjäger nahm das Mädchen bei der Hand, der Hirt Philipp den
Knaben. Die andern Halfen, wie sie konnten. So begann man den Weg. Er
ging in Windungen. Bald gingen sie nach einer Richtung, bald schlugen sie
die entgegengesetzte ein, bald gingen sie abwärts, bald aufwärts. Immer ging
es durch Schnee, immer durch Schnee, und die Gegend blieb sich beständig
gleich. Ober sehr schiefe Flächen taten sie Steigeisen an die Füße und trugen
die Kinder. Endlich nach länger Zeit hörten sie ein Glöcklein, das sanft und
fein zu ihnen heraufkam und das erste Zeichen war, das ihnen die niederen
Gegenden wieder zusandten. Sie mußten wirklich sehr tief herabgekommen
sein; denn sie sahen ein Schneehaupt recht hoch und recht blau über sich
ragen. Das Glöcklein aber, das sie hörten, war das der Sideralpe, das geläutet
wurde, weil dort die Zusammenkunft verabredet war. Da sie noch weiter
kamen, hörten sie auch schwach in die stille Luft die Böllerschüsse herauf,
die infolge der ausgesteckten Fahne abgefeuert wurden, und sahen dann in
die Luft feine Rauchsäulen aufsteigen. Da sie nach einer Weile über eine
sanfte, schiefe Fläche abgingen, erblickten sie die Sideralphütte. Sie gingen
auf sie zu. In der Hütte brannte ein Feuer, die Mutter der Kinder war da, und
mit einem furchtbaren Schrei sank sie in den Schnee zurück, als sie die
Kinder mit dem Eschenjäger kommen sah.
Dann lief sie herzu, betrachtete sie überall, wollte ihnen zu essen geben,
wollte sie wärmen, wollte sie in vorhandenes Heu legen; aber bald überzeugte
sie sich, daß die Kinder durch die Freude stärker seien, als sie gedacht hatte,
daß sie nur einiger warmer Speise bedurften, die sie bekamen, und daß sie
nur ein wenig ausruhen mußten, was ihnen ebenfalls zuteil werden sollte.
Da nach einer Zeit der Ruhe wieder eine Gruppe Männer über die
Schneefläche herabkam, während das Hüttenglöcklein immer fortläutete,
liefen die Kinder selber mit den anderen hinaus, um zu sehen, wer es sei. Der
Schuster war es, der einstige Alpensteiger, mit Alpenstock und Steigeisen,
begleitet von seinen Freunden und Kameraden.
»Sebastian, da sind sie«, schrie das Weib.
Er aber war stumm, zitterte und lief auf sie zu. Dann rührte er die Lippen,
als wollte er etwas sagen, sagte aber nichts, riß die Kinder an sich und hielt
sie lange. Dann wandte er sich gegen sein Weib, schloß es an sich und rief.
»Sanna, Sanna!«
Nach einer Weile nahm er den Hut, der ihm in den Schnee gefallen war,
auf, trat unter die Männer und wollte reden. Er sagte aber nur: »Nachbarn,
Freunde, ich danke euch.«
Da man noch gewartet hatte, bis die Kinder sich zur Beruhigung erholt
hatten, sagte er: »Wenn wir alle beisammen sind, so können wir in Gottes
Namen aufbrechen.«
»Es sind wohl noch nicht alle«, sagte der Hirt Philipp, »aber die noch
abgehen, wissen aus dem Rauche, daß wir die Kinder haben, und sie werden
schon nach Hause gehen, wenn sie die Alphütte leer finden.«
Man machte sich zum Aufbruche bereit.
Man war auf der Sideralphütte nicht gar weit von Gschaid entfernt, aus
dessen Fenstern man im Sommer recht gut die grüne Matte sehen konnte, auf
der die graue Hütte mit dem kleinen Glockentürmlein stand; aber es war
unterhalb eine fallrechte Wand, die viele Klafter hoch hinabging, und auf der
man im Sommer nur mit Steigeisen, im Winter gar nicht hinabkommen
konnte. Man mußte daher den Umweg zum Halse machen, um von der
Unglücksäule aus nach Gschaid hinabzukommen. Auf dem Wege gelangte
man über die Siderwiese, die noch näher an Gschaid ist, so daß man die
Fenster des Dörfleins zu erblicken meinte.
Als man über diese Wiese ging, tönte hell und deutlich das Glöcklein der
Gschaider Kirche herauf, die Wandlung des heiligen Hochamtes verkündend.
Der Pfarrer hatte wellen der allgemeinen Bewegung, die am Morgen in
Gschaid war, die Abhaltung des Hochamtes verschoben, da er dachte, daß die
Kinder zum Vorscheine kommen würden. Allein endlich, da noch immer
keine Nachricht eintraf, mußte die heilige Handlung doch vollzogen werden.
Als das Wandlungsglöcklein tönte, sanken alle, die über die Siderwiese
gingen, auf die Knie in den Schnee und beteten. Als der Klang des Glöckleins
aus war, standen sie auf und gingen weiter.
Der Schuster trug meistens das Mädchen und ließ sich von ihm alles
erzählen.
Als sie schon gegen den Wald des Halses kamen, trafen sie Spuren, von
denen der Schuster sagte: »Das sind keine Fußstapfen von Schuhen meiner
Arbeit.«
Die Sache klärte sich bald auf. Wahrscheinlich durch die vielen Stimmen,
die auf dem Platze tönten, angelockt, kam wieder eine Abteilung Männer auf
die Herabgehenden zu. Es war der aus Angst aschenhaft entfärbte Färber, der
an der Spitze seiner Knechte, seiner Gesellen und mehrerer Millsdorfer
bergab kam.
»Sie sind über das Gletschereis und über die Schründe gegangen, ohne es
zu wissen«, rief der Schuster seinem Schwiegervater zu.
»Da sind sie ja – da sind sie ja – Gott sei Dank«, antwortete der Färber,
»ich weiß es schon, daß sie oben waren, als dein Bote in der Nacht zu uns
kam und wir mit Lichtern den ganzen Wald durchsucht und nichts gefunden
hatten – und als dann das Morgengrau anbrach, bemerkte ich an dem Wege,
der von der roten Unglücksäule links gegen den Schneeberg hinanführt, daß
dort, wo man eben von der Säule weggeht, hin und wieder mehrere
Reiserchen und Rütchen geknickt sind, wie Kinder gerne tun, wo sie eines
Weges gehen – da wußte ich es – die Richtung ließ sie nicht mehr aus, weil
sie in der Höhlung gingen, weil sie zwischen den Felsen gingen, und weil sie
dann auf dem Grat gingen, der rechts und links so steil ist, daß sie nicht
hinabkommen konnten. Sie mußten hinauf. Ich schickte nach dieser
Beobachtung gleich nach Gschaid, aber der Holzknecht Michael, der
hinüberging, sagte bei der Rückkunft, da er uns fast am Eise oben traf, daß
ihr sie schon habet, weshalb wir wieder heruntergingen.«
»Ja«, sagte Michael, »ich habe es gesagt, weil die rote Fahne schon auf
dem Krebssteine steckt und die Gschaider dieses als Zeichen erkannten, das
verabredet worden war. Ich sagte euch, daß auf diesem Wege da alle
herabkommen müssen, weil man über die Wand nicht gehen kann.«
»Und kniee nieder und danke Gott auf den Knien, mein Schwiegersohn«,
fuhr der Färber fort, »daß kein Wind gegangen ist. Hundert Jahre werden
wieder vergehen, daß ein so wunderbarer Schneefall niederfällt, und daß er
gerade niederfällt, wie nasse Schnüre von einer Stange hängen. Wäre ein
Wind gegangen, so wären die Kinder verloren gewesen.«
»Ja, danken wir Gott, danken wir Gott«, sagte der Schuster.
Der Färber, der seit der Ehe seiner Tochter nie in Gschaid gewesen war,
beschloß, die Leute nach Gschaid zu begleiten.
Da man schon gegen die rote Unglücksäule zukam, wo der Holzweg
begann, wartete ein Schlitten, den der Schuster auf alle Fälle dahin bestellt
hatte. Man tat die Mutter und die Kinder hinein, versah sie hinreichend mit
Decken und Pelzen, die im Schlitten waren, und ließ sie nach Gschaid
vorausfahren.
Die anderen folgten und kamen am Nachmittage in Gschaid an.
Die, welche noch auf dem Berge gewesen waren und erst durch den Rauch
das Rückzugszeichen erfahren hatten, fanden sich auch nach und nach ein.
Der letzte, welcher erst am Abende kam, war der Sohn des Hirten Philipp, der
die rote Fahne auf den Krebsstein getragen und sie dort aufgepflanzt hatte.
In Gschaid wartete die Großmutter, welche herübergefahren war.
»Nie, nie«, rief sie aus, »dürfen die Kinder in ihrem ganzen Leben mehr im
Winter über den Hals gehen.«
Die Kinder waren von dem Getriebe betäubt. Sie hatten noch etwas zu
essen bekommen, und man hatte sie in das Bett gebracht. Spät gegen Abend,
da sie sich ein wenig erholt hatten, da einige Nachbarn und Freunde sich in
der Stube eingefunden hatten und dort von dem Ereignisse redeten, die
Mutter aber in der Kammer an dem Bettchen Sannas saß und sie streichelte,
sagte das Mädchen: »Mutter, ich habe heute nachts, als wir auf dem Berge
saßen, den heiligen Christ gesehen.«
»O du mein geduldiges, du mein liebes, du mein herziges Kind«,
antwortete die Mutter, »er hat dir auch Gaben gesendet, die du bald
bekommen wirst.«
Die Schachteln waren ausgepackt worden, die Lichter waren angezündet,
die Tür in die Stube wurde geöffnet, und die Kinder sahen von dem Bette auf
den verspäteten, hell leuchtenden, freundlichen Christbaum hinaus. Trotz der
Erschöpfung mußte man sie noch ein wenig ankleiden, daß sie hinausgingen,
die Gaben empfingen, bewunderten und endlich mit ihnen entschliefen.
In dem Wirtshause in Gschaid war es an diesem Abende lebhafter als je.
Alle, die nicht in der Kirche gewesen waren, waren jetzt dort, und die andern
auch. jeder erzählte, was er gesehen und gehört, was er getan, was er geraten
und was für Begegnisse und Gefahren er erlebt hat. Besonders aber wurde
hervorgehoben, wie man alles hätte anders und besser machen können.
Das Ereignis hat einen Abschnitt in die Geschichte von Gschaid gebracht,
es hat auf lange den Stoff zu Gesprächen gegeben, und man wird noch nach
Jahren davon reden, wenn man den Berg an heitern Tagen besonders deutlich
sieht, oder wenn man den Fremden von seinen Merkwürdigkeiten erzählt.
Die Kinder waren von dem Tage an erst recht das Eigentum des Dorfes
geworden, sie wurden von nun an nicht mehr als Auswärtige, sondern als
Eingeborne betrachtet, die man sich von dem Berge herabgeholt hatte. Auch
ihre Mutter Sanna war nun eine Eingeborne von Gschaid.
Die Kinder aber werden den Berg nicht vergessen und werden ihn jetzt
noch ernster betrachten, wenn sie in dem Garten sind, wenn wie in der
Vergangenheit die Sonne sehr schön scheint, der Lindenbaum duftet, die
Bienen summen und er so schön und so blau wie das sanfte Firmament auf
sie herniederschaut.

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