Brigitta
1843
1. Steppenwanderung
Es gibt oft Dinge und Beziehungen in dem menschlichen Leben, die uns
nicht sogleich klar sind, und deren Grund wir nicht in Schnelligkeit hervor zu
ziehen vermögen. Sie wirken dann meistens mit einem gewissen schönen und
sanften Reize des Geheimnißvollen auf unsere Seele. In dem Angesichte
eines Häßlichen ist für uns oft eine innere Schönheit, die wir nicht auf der
Stelle von seinem Werthe herzuleiten vermögen, während uns oft die Züge
eines andern kalt und leer sind, von denen alle sagen, daß sie die größte
Schönheit besitzen. Eben so fühlen wir uns manchmal zu einem hingezogen,
den wir eigentlich gar nicht kennen, es gefallen uns seine Bewegungen, es
gefällt uns seine Art, wir trauern, wenn er uns verlassen hat, und haben eine
gewisse Sehnsucht, ja eine Liebe zu ihm, wenn wir oft noch in späteren
Jahren seiner gedenken: während wir mit einem Andern, dessen Werth in
vielen Thaten vor uns liegt, nicht ins Reine kommen können, wenn wir auch
Jahre lang mit ihm umgegangen sind. Daß zuletzt sittliche Gründe vorhanden
sind, die das Herz heraus fühlt, ist kein Zweifel, allein wir können sie nicht
immer mit der Wage des Bewußtseins und der Rechnung hervor heben, und
anschauen. Die Seelenkunde hat manches beleuchtet und erklärt, aber vieles
ist ihr dunkel und in großer Entfernung geblieben. Wir glauben daher, daß es
nicht zu viel ist, wenn wir sagen, es sei für uns noch ein heiterer
unermeßlicher Abgrund, in dem Gott und die Geister wandeln. Die Seele in
Augenblicken der Ent zückung überfliegt ihn oft, die Dichtkunst in kindlicher
Unbewußtheit lüftet ihn zuweilen; aber die Wissenschaft mit ihrem Hammer
und Richtscheite steht häufig erst an dem Rande, und mag in vielen Fällen
noch gar nicht einmal Hand angelegt haben.
Zu diesen Bemerkungen bin ich durch eine Begebenheit veranlaßt worden,
die ich einmal in sehr jungen Jahren auf dem Gute eines alten Majors erlebte,
da ich noch eine sehr große Wanderlust hatte, die mich bald hier bald dort ein
Stück in die Welt hinein trieb, weil ich noch weiß Gott was zu erleben und zu
erforschen verhoffte.
Ich hatte den Major auf einer Reise kennen gelernt, und schon damals lud
er mich wiederholt ein, ihn einmal in seiner Heimat zu besuchen. Allein ich
hielt dies für eine bloße Redeformel und Artigkeit, wie Reisende wohl oft zu
wechseln pflegen, und hätte der Sache wahrscheinlich keine weitere Folge
gegeben, wenn nicht im zweiten Jahre unserer Trennung ein Brief von ihm
gekommen wäre, in welchem er sich angelegentlich um mein Befinden
erkundigte, und zuletzt wieder die alte Bitte hinzu fügte, doch einmal zu ihm
zu kommen, und einen Sommer, ein Jahr, oder fünf oder zehn Jahre bei ihm
zuzubringen, wie es mir gefällig wäre; denn er sei jetzt endlich gesonnen, auf
einem einzigen winzigen Punkte dieser Erdkugel kleben zu bleiben, und kein
anderes Stäubchen mehr auf seinen Fuß gelangen zu lassen, als das der
Heimat, in welcher er nunmehr ein Ziel gefunden habe, das er sonst
vergeblich auf der ganzen Welt gesucht hatte.
Da es nun eben Frühling war, da ich neugierig war, sein Ziel kennen zu
lernen, da ich eben nicht wußte, wo ich hin reisen sollte: beschloß ich, seiner
Bitte nachzugeben und seiner Einladung zu folgen.
Er hatte sein Gut im östlichen Ungarn – zwei Tage schlug ich mich mit
Plänen herum, wie ich die Reise am geschicktesten machen sollte, am dritten
Tage saß ich im Postwagen, und rollte nach Osten, während ich mich, da ich
das Land nie gesehen hatte, bereits mit Bildern von Haiden und Wäldern trug
– und am achten wandelte ich bereits auf einer Pußta, so prachtvoll und öde,
als sie nur immer Ungarn aufzuweisen haben mag.
Anfangs war meine ganze Seele von der Größe des Bildes gefaßt: wie die
endlose Luft um mich schmeichelte, wie die Steppe duftete, und ein Glanz
der Einsamkeit überall und allüberall hinaus webte: – aber wie das morgen
wieder so wurde, übermorgen wieder – immer gar nichts, als der feine Ring,
in dem sich Himmel und Erde küßten, gewöhnte sich der Geist daran, das
Auge begann zu erliegen, und von dem Nichts so übersättigt zu werden, als
hätte es Massen von Stoff auf sich geladen – es kehrte in sich zurück, und
wie die Sonnenstrahlen spielten, die Gräser glänzten, zogen verschiedene
einsame Gedanken durch die Seele, alte Erinnerungen kamen wimmelnd über
die Haide, und darunter war auch das Bild des Mannes, zu dem ich eben auf
der Wanderung war – ich griff es gerne auf, und in der Oede hatte ich Zeit
genug, alle Züge, die ich von ihm erfahren hatte, in meinem Gedächtnisse
zusammen zu suchen, und ihnen neue Frische zu geben.
In Unteritalien, beinahe in einer eben so feierlichen Oede, wie die war,
durch die ich heute wandelte, hatte ich ihn zum ersten Male gesehen. Er war
damals in allen Gesellschaften gefeiert, und obwohl schon fast fünfzig Jahre
alt, doch noch das Ziel von manchen schönen Augen; denn nie hat man einen
Mann gesehen, dessen Bau und Antlitz schöner genannt werden konnte, noch
einen, der dieses Aeußere edler zu tragen verstand. Ich möchte sagen, es war
eine sanfte Hoheit, die um alle seine Bewegungen floß, so einfach und
siegend, daß er mehr als einmal auch Männer bethörte. Auf Frauenherzen
aber, ging die Sage, soll er einst wahrhaft sinnverwirrend gewirkt haben. Man
trug sich mit Geschichten von Siegen und Eroberungen, die er gemacht haben
soll, und die wunderbar genug waren. Aber ein Fehler, sagte man, hänge ihm
an, der ihn erst recht gefährlich mache; nämlich, es sei noch niemanden,
selbst der größten Schönheit, die diese Erde trage, nicht, gelungen, ihn länger
zu fesseln, als es ihm eben beliebte. Mit aller Lieblichkeit, die ihm jedes Herz
gewann und das der Erkornen mit siegreicher Wonne füllte, benahm er sich
bis zu Ende, dann nahm er Abschied, machte eine Reise, und kam nicht
wieder. – Aber dieser Fehler, statt sie abzuschrecken, gewann ihm die Weiber
nur noch mehr, und manche rasche Südländerin mochte glühen, ihr Herz und
ihr Glück, sobald als nur immer möglich, an seine Brust zu werfen. Auch
reizte es sehr, daß man nicht wußte, woher er sei, und welche Stellung er
unter den Menschen einnehme. Obwohl sie sagten, daß die Grazien um
seinen Mund spielen, setzten sie doch hinzu, daß auf seiner Stirne eine Art
Trauer wohne, die der Zeiger einer bedeutenden Vergangenheit sei – aber das
war am Ende das Lockendste, daß niemand diese Vergangenheit wußte. Er
soll in Staatsbegebenheiten verwickelt gewesen sein, er soll sich unglücklich
vermählt, er soll seinen Bruder erschossen haben – und was dieser Dinge
mehr waren. Das aber wußten alle, daß er sich jetzt sehr stark mit
Wissenschaften beschäftigte.
Ich hatte schon sehr viel von ihm gehört, und erkannte ihn augenblicklich,
als ich ihn einmal auf dem Vesuve Steine herab schlagen, und dann zu dem
neuen Krater hinzu gehen, und freundlich auf das blaue Ringeln des Rauches
schauen sah, der noch sparsam aus der Oeffnung und aus den Ritzen quoll.
Ich ging über die gelb glänzenden Knollen zu ihm hin und redete ihn an. Er
antwortete gerne, und ein Wort gab das andere. Wirklich war damals eine
furchtbar zerworfene dunkle Oede um uns, die so schroffer wurde, als der
unsäglich anmuthige tiefblaue Südhimmel gerade über ihr stand, zu dem die
Rauchwölkchen traulich seitwärts zogen. Wir sprachen damals lange mit
einander, gingen dann aber jeder allein von dem Berge.
Später fand sich wieder Gelegenheit, daß wir zusammen kamen, wir
besuchten uns dann öfter, und waren endlich bis zu meiner Heimreise fast
unzertrennt bei einander. Ich fand, daß er an den Wirkungen, die sein
Aeußeres machen sollte, ziemlich unschuldig war. Aus seinem Innern brach
oft so etwas Ursprüngliches und Anfangsmäßiges, gleichsam als hätte er sich,
obwohl er schon gegen die fünfzig Jahre ging, seine Seele bis jetzt
aufgehoben, weil sie das Rechte nicht hatte finden können. Dabei erkannte
ich, als ich länger mit ihm umging, daß diese Seele das Glühendste und
Dichterischste sei, was mir bis dahin vorgekommen ist, daher es auch
kommen mochte, daß sie das Kindliche, Unbewußte, Einfache, Einsame, ja
oft Einfältige an sich hatte. Er war sich dieser Gaben nicht bewußt, und sagte
in Natürlichkeit die schönsten Worte, die ich je aus einem Munde gehört
habe, und nie in meinem Leben, selbst später nicht, als ich Gelegenheit hatte,
mit Dichtern und Künstlern umzugehen, habe ich einen so empfindlichen
Schönheitssinn angetroffen, der durch Ungestalt und Rohheit bis zur
Ungeduld gereizt werden konnte, als an ihm. Diese unbewußten Gaben
mochten es auch sein, die ihm alle Herzen des andern Geschlechtes zufliegen
machten, weil dieses Spielen und Glänzen an Männern in vorgerückten
Jahren gar so selten ist. Eben daher mochte es auch kommen, daß er mit mir
als einem ganz jungen Menschen so gerne umging, so wie ich meinerseits in
jenen Zeiten eigentlich auch noch nicht recht diese Dinge zu würdigen
vermochte, und mir dieselben erst recht einleuchtend wurden, da ich älter
war, und daran ging, die Erzählung seines Lebens zusammen zu stellen. Wie
weit es mit seinem sagenhaften Glücke bei Weibern ging, habe ich nie
erfahren können, da er niemals über diese Dinge sprach, und sich auch nie
Gelegenheit zu Beobachtungen vorfand. Von jener Trauer, die auf seiner
Stirne sitzen sollte, konnte ich ebenfalls nichts wahrnehmen, so wie ich auch
von seinen früheren Schicksalen damals nichts erfuhr, als daß er einst
beständige Reisen gemacht habe, jetzt aber schon Jahre lang in Neapel sei,
und Lava und Alterthümer sammle. Daß er in Ungarn Besitzungen habe,
erzählte er mir selber, und lud mich, wie ich oben sagte, wiederholt dahin ein.
Wir lebten ziemlich lange neben einander, und trennten uns zuletzt, da ich
fort ging, nicht ohne Theilnahme. Aber mancherlei Gestalten von Ländern
und Menschen drangen nachher noch durch mein Gedächtniß, so daß es mir
endlich nicht im Traume beigekommen wäre, daß ich einmal auf einer
ungarischen Haide zu diesem Manne unterwegs sein würde, wie ich es nun
wirklich war. Ich malte mir sein Bild in Gedanken immer mehr aus, und
senkte mich so hinein, daß ich oft Mühe hatte, nicht zu glauben, ich sei in
Italien; denn so heiß, so schweigsam war es auf der Ebene, auf der ich
wandelte, wie dort, und die blaue Dunstschichte der Ferne spiegelte sich mir
zum Trugbilde der pomptinischen Sümpfe.
Ich ging aber doch nicht in gerader Richtung auf das mir in dem Briefe
bezeichnete Gut des Majors los, sondern ich machte mehrere Kreuz- und
Querzüge, um mir das Land zu besehen. So wie mir das Bild desselben früher
immer meines Freundes wegen mit Italien zusammen geflossen war, so webte
es sich nun immer mehr und immer eigenthümlicher als Selbstständiges und
Ganzes heraus. Ich war über hundert Bächlein, Bäche und Flüsse gegangen,
ich hatte oft bei Hirten und ihren zottigen Hunden geschlafen, ich hatte aus
jenen einsamen Haidebrunnen getrunken, die mit dem furchtbar hohen
Stangenwinkel zum Himmel sehen, und ich hatte unter manchem tief
herabgehenden Rohrdache gegessen – dort lehnte der Sackpfeifer, dort flog
der schnelle Fuhrmann über die Haide, dort glänzte der weiße Mantel des
Roßhirten – – oft dachte ich mir, wie denn mein Freund in diesem Lande
aussehen werde; denn ich hatte ihn nur in Gesellschaft gesehen, und in dem
Getriebe, wo sich alle Menschen, wie die Bachkiesel gleichen. Dort war er im
Aeußern der glatte feine Mann gewesen – hier aber war alles anders, und oft,
wenn ich ganze Tage nichts sah, als das ferne röthlich blaue Dämmern der
Steppe und die tausend kleinen weißen Punkte darinnen, die Rinder des
Landes, wenn zu meinen Füßen die tiefschwarze Erde war, und so viel
Wildheit, so viel Ueppigkeit, trotz der uralten Geschichte so viel Anfang und
Ursprünglichkeit, dachte ich, wie wird er sich denn hier benehmen. Ich ging
in dem Lande herum, ich lebte mich immer mehr in seine Art und Weise und
in seine Eigenthümlichkeiten hinein, und es war mir, als hörte ich den
Hammer schallen, womit die Zukunft dieses Volkes geschmiedet wird. Jedes
in dem Lande zeigt auf kommende Zeiten, alles Vergehende ist müde, alles
Werdende feurig, darum sah ich recht gerne seine endlosen Dörfer, sah seine
Weinhügel aufstreben, sah seine Sümpfe und Röhrichte, und weit draußen
seine sanft blauen Berge ziehen.
Nach monatlangem Herumwandern glaubte ich endlich eines Tages, ich
müsse mich nun in sehr großer Nähe bei dem Gute meines Freundes
befinden, und des vielen Schauens doch etwas müde, beschloß ich dem
Pilgern ein Ziel zu setzen, und gerade auf die Besitzung meines künftigen
Beherbergers zuzulenken. Ich war den ganzen Nachmittag durch ein heißes
Steinfeld gegangen; links stiegen fernblaue Berghäupter am Himmel auf – ich
hielt sie für die Karpathen – rechts stand zerrissenes Land mit jener
eigenthümlich röthlichen Färbung, wie sie so oft der Hauch der Steppe gibt:
beide aber vereinigten sich nicht, und zwischen beiden ging das endlose Bild
der Ebenen fort. Endlich, wie ich eben aus einer Mulde, in der das Bette eines
ausgetrockneten Baches lief, empor stieg, sprang rechts ein Kastanienwald
und ein weißes Haus herüber – eine Sandwehe hatte mir beides bisher
gedeckt. – Drei Meilen, drei Meilen – so hatte ich fast den ganzen
Nachmittag gehört, wenn ich nach Uwar fragte – so hieß das Schloß des
Majors – drei Meilen: aber da ich die ungarischen Meilen aus Erfahrung
kannte, so war ich gewiß ihrer fünfe gegangen, und wünschte daher sehnlich,
das Haus möchte Uwar heißen. In nicht großer Ferne stiegen Felder gegen
einen Erddamm empor, auf denen ich Menschen sah. Diese wollte ich fragen,
und durchschritt zu dem Zwecke einen Flügel des Kastanienwaldes. Hier sah
ich nun, was ich, durch die vielen Gesichtstäuschungen dieses Landes
belehrt, sogleich geahnet hatte, nämlich, daß das Haus nicht an dem Walde
liege, sondern erst hinter einer Ebene, die von den Kastanien weg lief, und
daß es ein sehr großes Gebäude sein müsse. Ueber die Ebene aber sah ich
eine Gestalt herüber sprengen, gerade auf jene Felder zu, auf denen die Leute
arbeiteten. Auch sammelten sich alle Arbeiter um die Gestalt, da sie bei ihnen
angekommen war, wie um einen Herrn – aber meinem Major sah das Wesen
ganz und gar nicht ähnlich. Ich ging langsam gegen die Erdlehne empor, die
auch weiter entfernt war, als ich dachte, und kam eben an, als bereits die
ganze Glut der Abendröthe um die dunkeln wogenden Maisfelder und die
Gruppe bärtiger Knechte, und um den Reiter loderte. Dieser aber war nichts
anderes, als ein Weib, etwa vierzig Jahre alt, welches sonderbar genug die
weiten landesmäßigen Beinkleider an hatte, und auch wie ein Mann zu Pferde
saß. Da die Knechte schon auseinander gingen, und sie fast allein auf dem
Flecke war, richtete ich mein Anliegen an sie. Meinen Wanderstab unter das
Ränzlein stützend, zu ihr empor schauend, und mir gleichsam die Strahlen
der Abendröthe, die schief herein kamen, aus dem Gesichte streichend, sagte
ich deutsch zu ihr: »Guten Abend, Mutter.«
»Guten Abend,« antwortete sie in derselben Sprache.
»Gewährt mir eine Bitte, und sagt: heißt jenes Gebäude Uwar?«
»Jenes Gebäude heißt nicht Uwar. Seid ihr nach Uwar bestellt?«
»Allerdings. Ich habe dort meinen Reisefreund, den Major, zu besuchen,
der mich dahin eingeladen hat.«
»So geht nur ein wenig neben meinem Rosse her.«
Mit diesen Worten setzte sie ihr Pferd in Schritt und ritt langsam, damit ich
ihr folgen konnte, zwischen den hohen grünen Maisbüscheln den Abhang
hinan. Ich ging hinter ihr her und hatte Gelegenheit, meine Blicke auf die
Umgebung richten zu können – und in der That, ich bekam immer mehr
Ursache, mich zu verwundern. Wie wir höher kamen, öffnete sich zusehends
das Thal hinter uns, ein ganzer ungeheurer Gartenwald lief von dem Schlosse
in die Berge hinein, die hinter ihm begannen, Alleen streckten sich gegen die
Felder, ein Wirthschaftsstück nach dem andern legte sich blos, und schien in
trefflichem Stande. Ich habe nie dieses lange, fette, frische Blatt des Maises
gesehen, und nicht ein Gräschen war zwischen seinen Stängeln. Der
Weinberg, an dessen Rande wir eben ankamen, erinnerte mich an die des
Rheins, nur habe ich am Rheine nicht dieses derbe Trotzen und Strotzen von
Blatt und Reben gesehen, wie hier. Die Ebene zwischen den Kastanien und
dem Schlosse war eine Wiese, so rein und sanft, als wäre Sammt gebreitet,
sie war mit eingehegten Wegen durchschnitten, in denen die weißen Rinder
des Landes wandelten, aber glatt und schlank, wie Hirsche. Das ganze hob
sich wunderbar von dem Steinfelde ab, das ich heute durchwandelt hatte, und
das jetzt in der Abendluft draußen lag und in den röthlich spinnenden
Strahlen heiß und trocken herein sah zu dieser kühlen grünen Frische.
Indessen waren wir zu einem jener weißen Häuschen gelangt, wie ich
mehrere im Grün der Rebengelände zerstreut wahrgenommen hatte, und das
Weib sagte zu einem jungen Manne, der trotz des heißen Juniabends in
seinem zottigen Pelze stack, und vor der Thür des Häuschens allerlei hantirte:
»Milosch, der Herr will heute noch nach Uwar, wenn du etwa die zwei
Weidebraunen nähmest, ihm einen gäbest, und ihn bis zum Galgen
geleitetest.«
»Ja,« erwiederte der Bursche, und stand auf.
»Jetzt geht nur mit ihm, er wird euch schon richtig führen,« sagte das
Weib, und wendete ihr Pferd, um des Weges zurück zu reiten, den sie mit mir
gekommen war.
Ich hielt sie für eine Art Schaffnerin und wollte ihr ein namhaftes
Geldstück für den Dienst geben, den sie mir so eben geleistet hatte. Sie aber
lachte nur und zeigte hiebei eine Reihe sehr schöner Zähne. Durch den
Weinberg ritt sie langsam hinab, dann hörten wir aber bald darauf die
schnellen Hufschläge ihres Pferdes, wie sie über die Ebene flog.
Ich steckte mein Geld wieder ein, und wendete mich zu Milosch. Dieser
hatte einstweilen zu seinem Pelze einen breiten Hut aufgesetzt und führte
mich nun eine Strecke in den Weinpflanzungen fort, bis wir in eine
Thalkrümme stiegen und auf Wirthschaftsgebäude stießen, aus denen er zwei
jener kleinen Rosse zog, wie man sie auf den Haiden dieses Landes antrifft.
Meines sattelte er, seines bestieg er, wie es war, und sofort ritten wir in die
Abenddämmerung hinein dem dunkeln Osthimmel entgegen. Es mochte ein
sonderbarer Anblick gewesen sein: der deutsche Wandersmann sammt
Ränzlein, Knotenstock und Kappe zu Pferde sitzend, neben ihm der schlanke
Ungar mit rundem Hute, Schnurbart, Zottelpelz und flatternden weißen
Beinkleidern – beide in Nacht und Wüste reitend. In der That war es eine
Wüste, in die wir jenseits der Weinberge geriethen, und die Ansiedlung war
wie eine Fabel darinnen. Eigentlich war die Wüste wieder mein altes
Steinfeld, und zwar sich selber so gleich geblieben, daß ich wähnte, wir reiten
denselben Weg zurück, den ich gekommen bin, wenn mich nicht das
schmutzige Roth, das noch hinter meinem Rücken am Himmel glühte, belehrt
hätte, daß wir wirklich gegen Morgen reiten.
»Wie weit ist noch nach Uwar?« fragte ich.
»Es sind noch anderthalb Meilen,« antwortete Milosch.
Ich fügte mich in die Antwort und ritt hinter ihm her, so gut ich konnte.
Wir ritten an denselben unzähligen grauen Steinen vorbei, wie ich sie heute
den ganzen Tag zu Tausenden gezählt habe. Sie glitten mit falschem Lichte
auf dem dunklen Boden hinter mich, und weil wir eigentlich auf trocknem
sehr festen Moore ritten, hörte ich keinen Hufschlag unserer Pferde, außer
wenn zufällig das Eisen auf einen der Steine schlug, die sonst diese Thiere,
an derlei Wege gewöhnt, sehr gut zu vermeiden wissen. Der Boden war
immer eben, nur daß wir wieder zwei oder drei Mulden hinab und hinan
gestiegen waren, in deren jeder ein starrer Strom von Kieselgerölle lag.
»Wem gehört denn das Anwesen, das wir verlassen haben?« fragte ich
meinen Begleiter.
»Marosheli« antwortete er.
Ich wußte nicht, weil er die Worte schnell vor mir reitend gesprochen
hatte, ob dies der Name des Besitzers sei, oder ob ich überhaupt recht
verstanden habe; denn die Bewegung erschwerte das Sprechen und Hören.
Endlich ging ein blutrothes Stück Mond auf, und in seinem schwachen
Lichte stand auch schon das schlanke Gerüste auf der Haide, das ich für das
Ziel meiner Begleitung hielt.
»Hier ist der Galgen, sagte Milosch, dort unten, wo es glänzt, rinnt ein
Bach, daneben ist ein schwarzer Haufen, auf den geht zu, es ist eine Eiche,
auf der sonst die Uebelthäter aufgehängt worden sind. Jetzt darf das nicht
mehr sein, weil ein Galgen ist. Von der Eiche beginnt ein gemachter Weg, an
welchem junge Bäume zu beiden Seiten stehen. Auf dem Wege geht etwas
weniger als eine Stunde fort, dann zieht an der Glockenstange des Gitters.
Hört, wenn auch nicht zugesperrt ist, geht doch nicht hinein; es ist wegen der
Hunde. Zieht nur an der Glockenstange. So, jetzt steigt ab, und macht den
Rock besser zu, daß ihr nicht das Fieber bekommt.«
Ich stieg ab, und obwohl ich mit meiner Belohnung bei der Schaffnerin
nicht gut angekommen war, both ich Milosch doch auch wieder eine. Er
nahm sie an und steckte sie in den Pelz. Dann haschte er nach dem Zügel
meines Pferdes, wandte sich, und flog eilends davon, ehe ich nur sagen
konnte, er möge dem Herrn der Pferde meinen Dank melden, daß ich so
unbedingt auf einem in der Nacht fort reiten durfte. Offenbar hatte er von
dem Orte weg getrachtet. Ich blickte hin. Es standen zwei Säulen, und darauf
war ein Querbalken. So ragte es in das gelbe Mondlicht empor. Oben lag
etwas, wie ein Kopf. In der That aber mochte es irgend eine Erhöhung sein.
Ich ging weiter, gleichsam als ob das Gras der Haide hinter mir lispelte, und
sich etwas am Fuße des Galgens rührte. Von Milosch war nicht mehr das
Geringste zu vernehmen, als sei er gar nie da gewesen. Ich kam sogleich zu
der Todeseiche. Der Bach schillerte und glänzte und ringelte sich um Binsen,
wie eine todte Schlange. Daneben war der schwarze Bau des Baumes. Ich
ging um ihn herum und jenseits war ein gerader weißer Weg, von dem
Monde beschienen. Der Weg war gestampft und hatte Gräben und eine Allee
junger Pappeln. Es that mir wohl, daß ich wieder meine Schritte schallen
hörte, wie es daheim in unserem Lande auf den Wegen der Fall ist.
Ich ging langsam dahin. Der Mond hob sich mehr und mehr und stand
endlich klar an dem warmen Sommerhimmel. Die Haide lief wie eine fahle
Scheibe unter ihm weg. Endlich, da eine gute Stunde vergangen sein mochte,
hoben sich vor mir schwarze Klumpen, wie ein Wald oder ein Garten, und in
kurzer Frist stieß der Weg an ein Gitter, das in einer Mauer stand, die außer
dem Walde hinlief, und hinter sich riesengroße Wipfel hatte, die todesstille in
dem Silber der Nachtluft empor standen. An dem Gitter war ein Glockengriff,
ich zog, und es schellte von Innen. Gleich darauf ertönte nicht etwa ein
Bellen, sondern zwei Stöße jenes tiefen, entschloßnen und neugierigen
Schnaufens edler Hunde – ein dumpfer Sprung – und der größte schönste
Hund, den ich in meinem Leben gesehen habe, stand von Innen an dem
Gitter. Er stellte sich auf die Hinterfüße, faßte mit den vorderen die eisernen
Stangen, und sah auf mich heraus, ohne nur den geringsten Laut zu geben,
wie es die ernste Art dieser Thiere gewohnt ist. Bald kamen murrend und
jagend noch zwei kleinere und jüngere derselben Gattung, glatte Bulldoggen,
und alle schauten unverwandt auf mich. Nach einer Weile hörte ich auch
nahende Menschentritte, und ein Mann im zottigen Pelze kam und fragte um
mein Begehren. Ich entgegnete, ob ich in Uwar sei, und nannte meinen
Namen. Er mußte Weisung haben; denn sofort beschwichtigte er mit
ungarischen Worten die Hunde, und öffnete dann das Gitter.
»Der Herr hat Briefe von euch und erwartet euch schon lange,« sagte der
Mann, als wir weiter gingen.
»Ich habe ihm ja geschrieben, daß ich mir euer Land ansehen wolle,«
antwortete ich.
»Und das habt ihr lange angesehen,« sagte er.
»Freilich,« antwortete ich. »Ist der Herr Major noch wach?«
»Er ist gar nicht zu Hause, sondern in der Sitzung. Morgen früh wird er
herüber reiten. Für euch hat er drei Zimmer richten lassen, und gesagt, daß
wir euch hinein führen sollen, wenn ihr in seiner Abwesenheit kämet.«
»Nun so führt mich hinein.«
»Wohl.«
Diese Worte waren die einzigen, die wir auf dem langen Wege wechselten,
den wir meiner Meinung nach eher durch einen Urwald, als durch einen
Garten machten. Riesige Tannen streckten sich gegen den Himmel, und
mannsdicke Eichenäste griffen herum. Der größere Hund ging ruhig neben
uns, die andern schnoberten in meinen Kleidern, und jagten sich dann
gelegentlich. Als wir so den Hain durchschritten hatten, kamen wir zu einer
baumlosen Erhöhung, auf welcher das Schloß stand – so viel ich jetzt
erkennen konnte – ein großes viereckiges Gebäude. Ueber die Erhöhung
führte eine breite Steintreppe empor, auf der das schärfste Mondlicht starrte.
Hinter der Treppe war ein etwas ebener Platz, und dann ein großes Gitter, das
statt des Thores des Hauses diente. Als wir an dem Gitter angekommen
waren, sprach mein Begleiter einige Worte zu den Hunden, worauf sie in den
Garten zurück schoßen. Nun schloß er das Gitter auf und führte mich in das
Gebäude.
Auf der Treppe brannte noch Licht und beglänzte hohe seltsame
Steinbilder mit weiten Stiefeln und schleppenden Gewändern. Es mochten
ungarische Könige sein. Dann empfing uns im ersten Geschoße ein langer
mit Rohrmatten belegter Gang. Wir gingen ihn entlang, und stiegen dann
noch eine Treppe hoch. Hier war wieder ein solcher Gang, und einen der
Thürflügel, die in demselben waren, öffnend, sagte mein Begleiter, hier seien
meine Zimmer. Wir gingen hinein. Nachdem er in jedem mehrere Kerzen
angezündet hatte, wünschte er mir gute Nacht und ging fort. In einer Weile
wurde von einem Anderen Wein, Brod und kalter Braten gebracht, worauf
mir von ihm, wie von seinem Vorgänger, gute Nacht gebothen wurde. Ich
erkannte hieraus und aus der völligen Einrichtung der Zimmer, daß ich nun
allein bleiben würde, und ging daher an die Thüren, und schloß mich ab.
Hierauf aß ich, und musterte dabei meine Wohnung. Das erste Zimmer, in
welchem die Speisen auf einen großen Tisch gestellt wurden, war sehr
geräumig. Die Kerzen strahlten hell und beleuchteten alles. Die Geräthe
waren anders, als sie bei uns gebräuchlich sind. In der Mitte stand eine lange
Tafel, an deren einem Ende ich aß. Um die Tafel waren Bänke von
Eichenholz gestellt, nicht eigentlich wohnlich aussehend, sondern wie zu
Sitzungen bestimmt. Sonst war nur noch hie und da ein Stuhl zu sehen. An
den Wänden hingen Waffen aus verschiedenen Zeiten der Geschichte. Sie
mochten einst der ungarischen angehören. Es waren noch viele Bogen und
Pfeile darunter. Außer den Waffen hingen auch Kleider da, ungarische, die
man aus früheren Zeiten aufgehoben hatte, und dann jene schlotternden
seidenen, die entweder Türken oder gar Tartaren angehört haben mochten.
Als ich mit meinem Nachtmahle fertig war, ging ich in die zwei
Nebenzimmer, die auf diesen Saal folgten. Sie waren kleiner, und wie ich
gleich bei dem ersten Blicke, da ich eingeführt wurde, bemerkt hatte,
wohnlicher eingerichtet, als der Saal. Es waren Stühle, Tische, Schränke,
Waschgeräthe, Schreibzeug und alles da, was ein einsamer Wanderer in
seiner Wohnung nur immer wünschen kann. Selbst Bücher lagen auf dem
Nachttische, und sie waren sämmtlich in deutscher Sprache. In jedem der
zwei Zimmer stand ein Bett, aber statt der Decke war auf ein jedes das weite
volksthümliche Kleidungsstück gebreitet, welches sie Bunda heißen. Es ist
dies gewöhnlich ein Mantel aus Fellen, wobei die rauhe Seite nach Innen, die
glatte weiße nach Außen gekehrt ist. Letztere hat häufig allerlei farbiges
Riemzeug, und ist mit aufgenähten farbigen Zeichnungen von Leder verziert.
Ehe ich mich schlafen legte, ging ich noch, wie es immer an fremden Orten
meine Gewohnheit ist, an das Fenster um zu schauen, wie es draußen
aussähe. Es war nicht viel zu sehen. Das aber erkannte ich im Mondlichte,
daß die Landschaft nicht deutsch sei. Wie eine andere, nur riesengroße Bunda
lag der dunkle Fleck des Waldes oder Gartens unten auf die Steppe gebreitet
– draußen schillerte das Grau der Haide – dann waren allerlei Streifen, ich
wußte nicht, waren es Gegenstände dieser Erde, oder Schichten von Wolken.
Nachdem ich meine Augen eine Weile über diese Dinge hatte gehen
lassen, wendete ich mich wieder ab, schloß die Fenster, entkleidete mich,
ging zu dem nächst besten Bette und legte mich nieder.
Als ich das weiche Pelzwerk der Bunda über meine ermüdeten Glieder
zog, und als ich schon fast die Augen zuthat, dachte ich noch: »So bin ich
nun begierig, was ich in dieser Wohnung Freundliches oder Häßliches
erleben werde.«
Dann entschlummerte ich, und alles war todt, was schon in meinem Leben
gewesen ist, und was ich sehnlichst wünschte, daß noch in dasselbe eintreten
möchte.
2.
Steppenhaus.
Wie lange ich geschlafen habe, weiß ich nicht, aber daß es nicht fest und
gut war, das wußte ich. Es mußte die allzu große Müdigkeit daran Schuld
sein. Die ganze Nacht ging ich auf dem Vesuve herum, und sah den Major
bald in einem Pilgeranzuge in Pompeji sitzen, bald im Fracke zwischen den
Schlaken stehen und Steine suchen. In meinen Morgentraum tönte
Pferdegewieher und Hundegebell, dann schlief ich einige Zeit fest, und als
ich erwachte, war heller Tag in dem Zimmer, und ich sah hinaus in den Saal,
in dem die Waffen und Kleider von der Sonne beschienen hingen. Unten
erbrauste der dunkle Park von dem Lärmen der Vögel, und als ich
aufgestanden und an eines der Fenster getreten war, funkelte die Haide
draußen in einem Netze von Sonnenstrahlen. Da ich noch kaum angekleidet
war, klopfte es an meine Thür, ich öffnete und es trat mein Reisefreund
herein. Ich war immer die Tage her begierig gewesen, wie er aussehen möge,
und er sah nicht anders aus, als er eben aussehen konnte, nemlich so zu der
ganzen Umgebung stimmend, daß es schien, ich hätte ihn immer so gesehen.
Auf der Oberlippe hatte er den gebräuchlichen Bart, der die Augen noch
funkelnder machte, das Haupt deckte ein breiter runder Hut und von den
Lenden fiel das weite weiße Beinkleid hinab. Es war ganz natürlich, daß er so
sein mußte, ich konnte plötzlich nicht mehr denken, wie ihm der Frack stehe,
seine Tracht schien mir reizend, daß mir mein deutscher Flaus, der bestaubt
und herabgeschunden auf einer Bank unter dem verschossenen Seidenkleide
eines Tartaren lag, fast erbärmlich vorkam. Sein Rock war kürzer, als sie
gewöhnlich in Deutschland sind, stand aber sehr gut zu dem Ganzen. Mein
Freund schien zwar gealtert; denn seine Haare mischten sich mit Grau, und
sein Antlitz war voll von jenen feinen und kurzen Linien, die bei
wohlgebildeten Menschen, die sich lange erhalten, doch endlich die
wachsende Zahl der Jahre anzeigen; aber er erschien mir so angenehm und
einnehmend, wie immer.
Er grüßte mich sehr freundlich, sehr herzlich, ja fast innig – und als wir
eine halbe Stunde geplaudert hatten, waren wir schon wieder so bekannt, wie
zuvor. Es schien, als hätten wir uns seit unserer italienischen Reise gar nicht
getrennt. Da ich mich ankleidete und dazu bemerkte, daß ein Koffer mit
meinen andern Sachen ankommen werde, schlug er vor, ich möchte bis
dahin, oder wenn ich wollte, in der Zeit meines ganzen Hierseins ungarische
Kleider anziehen. Ich ging in die Sache ein und die nöthigen Bestandstücke
waren bald herbeigeschafft, wobei er bemerkte, daß er in den nächsten Tagen
schon für Abwechslung sorgen werde. Wie wir nun so in den Hof hinunter
kamen zu den mit uns gleich gekleideten Knechten, und wie diese aus den
finstern Schnurbärten und den buschigen Augenbraunen so beifällig auf uns
blickten, und uns die Pferde zu einem Morgenritte zuführten, war etwas so
Edles und Beruhigendes in dem Schauspiele, daß ich mich innerlichst recht
davon erquickt fühlte.
Wir ritten von der großen sanften Dogge begleitet in den Besitzungen des
Majors herum. Er zeigte mir alles und gab gelegentlich Befehle und
Lobsprüche. Der Park, durch den wir zuerst ritten, war eine freundliche
Wildniß, sehr gut gehegt, rein gehalten, und von Wegen durchschnitten. Als
wir hinaus auf die Felder kamen, wogten sie im dunkelsten Grün. Nur in
England habe ich ein gleiches gesehen; aber dort, schien es mir, war es zarter
und weichlicher, während dieses hier kräftiger und sonnedurchdrungener
erschien. Wir ritten hinter dem Parke sachte bergan, und an dem Kamme
dieser sanften Höhe, die gegen die Haide ging, zogen sich die
Weinpflanzungen dahin. Ueberall war ein dunkles breites Blatt, die
Pflanzungen nahmen einen großen Strich ein, an allen Stellen waren
Pfirsichbäume eingestreut, und von den gehörigen Orten blickten, wie in
Maroshely, die weißen leuchtenden Punkte der Wächterhäuschen herüber.
Auf die Haide gekommen, sahen wir seine Rinder, eine große, zerstreute, fast
unübersehbare Heerde. Eine Stunde Reitens führte uns dann zu den Gestütten
und Schäfereien. Da wir über die Haide kamen, zeigte er auf einen schmalen
schwarzen Streifen, der sehr weit im Westen das hingehende Grau der Steppe
schnitt und sagte: »Das sind die Weinberge von Maroshely, von wo ihr
gestern die Pferde hattet.«
Den Rückweg nahmen wir auf einer andern Seite, und hier zeigte er mir
seine Gärten, seine Obstanlagen und seine Glashäuser. Ehe wir dazu kamen,
ritten wir an einem sehr unansehnlichen Landstriche vorbei, auf dem
bedeutend viele Menschen beschäftigt waren. Auf meine Frage sagte er, dies
seien Bettler, Herumstreicher, selbst Gesindel, die er durch pünktliche
Bezahlung gewonnen habe, daß sie ihm arbeiten. Sie trocknen eben einen
sumpfigen Strich, und legen eine Straße an.
Zu Mittage, da wir nach Hause gekommen waren, aßen wir mit allen
Knechten und Mägden in einer Art Vorhalle, oder vielmehr unter einem
ungeheuren Vordache, an dem ein riesiger Nußbaum stand. An dem
hölzernen Brunnengerüste musizirten eben durchziehende Zigeuner. – Es war
zu Tische auch ein Fremder gekommen, ein Jüngling in frühesten Jahren. Er
fiel mir durch seine außerordentliche Schönheit auf. Er hatte Briefe aus der
Nachbarschaft gebracht, und war nach dem Essen wieder fortgeritten. Von
dem Major war er sehr achtungsvoll, fast zärtlich behandelt worden.
Den heißen Nachmittag verbrachten wir in den kühlen Zimmern. Abends
zeigte mir mein Gastfreund das Abendroth der Haide. Wir ritten eigens zu
dem Zwecke hinaus, nachdem er mir gerathen hatte, so wie er, gegen die
Fieberluft der Ebene einen Pelz um zu thun, wenn ihn auch die noch warme
Luft entbehrlich zu machen scheint. Wir warteten, da wir hinaus gekommen
waren, an dem von ihm angegebenen Punkte, bis die Sonne untergegangen
war. Und in der That, es war ein prachtvoller Anblick, der nun folgte: auf der
ganzen schwarzen Scheibe der Haide war die Riesenglocke des brennend
gelben, flammenden Himmels gestellt, so sehr in die Augen wogend und sie
beherrschend, daß jedes Ding der Erde schwarz und fremd wird. Ein
Grashalm der Haide steht wie ein Balken gegen die Glut, ein gelegentlich
vorüber gehendes Thier zeichnet ein schwarzes Ungeheuer auf den
Goldgrund, und arme Wachholder und Schlehenbüsche malen ferne Dome
und Palläste. Im Osten fängt dann nach wenigen Augenblicken das feuchte
kalte Blau der Nacht herauf zu steigen an, und schneidet mit trübem und
undurchsichtigem Dunste den einheitlichen Glanz der Kuppel des Himmels.
Die Erscheinung dauert vorzüglich in den Junitagen, wo die Sonne hoch
steht, sehr lange. Als wir schon zu Hause waren, als wir schon das Abendmal
eingenommen und einige Zeit mit einander verplaudert hatten, als ich dann in
meinem Schlafzimmer war, an dem Fenster stand, und bereits fast die
Mitternacht heran kam, stand noch ein trüb gelbes Stückchen Licht im
Westen, während schon im blauen Osten die rothe Scheibe des Halbmondes
glühte.
Ich nahm mir an diesem Abende vor, morgen oder übermorgen, oder wenn
sich immer in den nächstfolgenden Tagen eine Gelegenheit ergäbe, den
Major um das Ziel zu fragen, von dem er mir geschrieben hatte, daß er es
endlich gefunden habe, und daß es ihn auf immerwährende Zeiten an die
Heimat binde.
Des andern Morgens weckte er mich vor Sonnenaufgang und fragte, ob ich
den Tag für mich zubringen, oder ob ich ihn mit ihm theilen wolle. Beides
stehe mir auch in der Zukunft frei. Wenn ich an den Geschäften und
Bestrebungen des Hauses Theil nehmen wollte, so dürfe ich nur an dem
Tage, an dem ich Solches im Sinne habe, beim Klange der Hofglocke, die
jeden Morgen geläutet werde, aufstehen und mich zu dem
gemeinschaftlichen Frühmale einfinden. Hätte ich aber an einem Tage
abgesonderte Pläne, so seien schon seine Leute, falls er selber nicht da wäre,
angewiesen, mir mit Pferden, mit Begleitung oder mit anderm Nöthigen an
der Hand zu sein. Lieb wäre es ihm, wenn ich ihn von solchen Dingen,
vorzüglich, wenn sie weitere Entfernungen von Hause beträfen, immer vorher
in Kenntniß setzte, damit er mich vor Umwegen, Schwierigkeiten, und
vielleicht auch vor kleinen Gefahren, die eintreten könnten, bewahre. Ich war
ihm für seine Bereitwilligkeit dankbar, und erklärte, daß ich heute und
morgen und überhaupt so lange, bis es mir anders einfiele, seine Zeit theilen
wolle.
Ich stand daher auf, kleidete mich an, und begab mich unter das Vordach
zu dem Frühmahle. Die Leute waren schon fast fertig, und trennten sich, um
zu ihren verschiedenen Arbeiten zu gehen. Der Major hatte meiner geharrt,
und wartete, bis ich mit der Einnahme meines Frühstückes fertig war. Dann
wurden die gesattelten Pferde vorgeführt. Ich fragte nicht, was er thun werde,
sondern folgte ihm, wohin er ritt.
Wir ritten heute nicht mehr so im Allgemeinen herum, daß er mir
überhaupt seine Besitzungen und Beschäftigungen zeige, sondern er sagte, er
wolle das, was der heutige Tag von ihm fordere, thun, und ich möge ihm
zusehen, falls es mir nicht lange Weile mache.
Wir kamen zu gedehntem Wiesenlande, auf dem Heu gemacht wurde. Der
schöne ungarische Braun, den der Major ritt, trug ihn tanzend auf dem
schönen, weichen, geschorenen Rasengrün hin. Er stieg ab, während ein
Knecht das Pferd hielt, und besah an verschiedenen Schobern das Heu. Es
wurde von dem Knechte bemerkt, daß es auf den Nachmittag zum Einführen
bestimmt sei. Der Major ordnete, so lange die Wiese geschoren sei, das
Schlagen mehrerer Gräben an, damit überflüssiges Wasser abgehe, und an
andern Stellen, damit es gesammelt werde. Von der Wiese schlug er den Weg
zu den Gewächshäusern ein, die nicht wie es sonst gewöhnlich ist, in der
Nähe des Wohnhauses waren, sondern auf einem geeigneten Platze, wo ein
sanfter Erdhang seine Dachung gegen Aufgang und Mittag zeigte. Es war an
diesen Häusern ein kleiner reiner Stall angebracht, wohin der Major und
seine Begleitung, wenn zufällig eine da war, ihre Pferde thun konnten; denn
es war nicht selten der Fall, daß er sich hier lange aufhalten mußte, und wenn
Besuch da war, der die Gewächsanlagen besehen wollte, geschah es wohl
auch, daß mehrere Stunden darüber hin gingen. Wir thaten unsere Pferde
gesattelt in den Stall, und er ging zuerst daran, mehrere Gewächsstücke und
Pflanzen, die auf Begehren zu Versendungen geordnet wurden, zu
besichtigen, dann ging er in die Gärtnerstube, wo Schreibereien lagen, und
brachte ziemlich lange Zeit an dem Tische bei denselben zu. Ich sah indessen
die Dinge um mich an, von denen ich aber gerade so viel und so wenig
verstand, als ein unaufhörlich Reisender, welcher unzählige Gewächshäuser
besah, verstehen kann. Als ich aber später in seinem Bücherzimmer die
Werke und Abbildungen über diesen Zweig ein wenig durchging, erkannte
ich, wie wenig ich eigentlich von dem Kerne dieser Sache wußte.
»Wenn man von diesen reizenden Dingen, sagte der Major zu einer andern
Zeit einmal, die so gerne vom Hundertsten ins Tausendste führen, wirklich
Früchte haben soll, so muß man sie vom Grunde aus betreiben, und die
Andern, die darin arbeiten, bedeutend zu übertreffen suchen.«
Von der Gärtnerstube heraus kommend sah er eine Weile mehreren
Weibern zu, die mit Abstauben und Reinigen der grünen Camellienblätter
beschäftiget waren. Diese Pflanze war damals noch selten und theuer. Er
untersuchte auch die gereinigten und machte seine Bemerkungen. Von da
kamen wir an den vielen reinen weißen Sandbeeten der Glashäuser vorüber,
in denen die ganz jungen Pflänzchen standen, dann an all den Blumen und
Gewächsen, deren Zucht er sich zur Aufgabe gemacht hatte. An dem
entgegengesetzten Ausgange der Anlagen warteten unsere Pferde, die ein
Gärtnerbursche indessen hinten herum geführt hatte. Hier waren die Stellen
zur Bereitung und Mischung der Erden, die von Eseln in Körben aus
verschiedenen Gegenden und oft von weit entfernten Nadelwaldungen das
ganze Jahr hindurch herbeigebracht werden. Selbst zum Brennen der Erde
waren bestimmte Orte, und in der Nähe war das Eichenholz aufgeschichtet,
das im Winter zur Erwärmung dient.
Da, wie ich schon gestern bemerkt hatte, von den Gewächsanlagen nicht
weit auf die Haide war, so ritten wir nun auf dieselbe hinaus. Der gute Lauf
unserer schlanken Pferde trug uns bald so weit auf die einförmige
morgenduftige Ebene hinaus, daß wir das Schloß und den Park nur mehr als
einen dunklen Fleck in der Ferne liegen sahen. Hier stießen wir zu seinen
Hirten. Einige Stangen, so mager, daß von ihnen als Schutzwerken gar keine
Rede sein kann, bildeten eine Hütte, oder vielleicht gar nur ein Zeichen,
welches in der Steppe leicht gesehen und gefunden werden kann. Unter
diesen Stangen brannte oder glimmte vielmehr ein Feuer, das von den zähen
Aesten oder den Wurzeln der Wachholder- und Schlehen- und anderer
Krüppelsträuche unterhalten wurde. Hier bereiteten die Hirten, die um eilf
Uhr schon Mittag hielten, ihr Mahl. Braune Gestalten, deren Pelze auf der
Erde umher lagen, standen in schmutzig weißen Beinkleidern und
Hemdärmeln um den Major herum, und antworteten auf seine Fragen.
Andere, da sie seine Ankunft auf der weithin gedehnten Fläche
wahrgenommen hatten, jagten auf kleinen unscheinbaren Rossen herbei, die
weder Sattel noch Decke, und statt Zügel und Halfter oft nur einen Strick
hatten. Sie stiegen ab, hielten ihre Thiere an der Hand und umringten den
Major, der ebenfalls abgestiegen war, und sein Pferd zu halten gab. Sie
sprachen nicht blos von ihrer Beschäftigung mit ihm, sondern auch von
andern Dingen, und er kannte sie fast alle mit Namen. Er war so leutselig mit
ihnen, als wäre er einer aus ihrer Mitte, und dies, wie ich glaubte, erweckte
eine Art Begeisterung unter den Menschen. Wie bei uns in den Bergen, so
waren auch hier die Thiere den ganzen Sommer über im Freien. Es waren
jene weißen langgehörnten Rinder, welche in dem Lande vorkommen, und
sich von den Kräutern der Steppe nähren, die eine Würze und einen
Blumengeruch haben, die wir Alpenländler ihnen kaum zutrauen sollten. Bei
diesen Thieren bleiben die Menschen, die ihnen zugegeben sind, ebenfalls im
Freien, und haben oft gar nichts über sich als den Himmel und die Sterne der
Haide, oft nur, wie wir eben gesehen hatten, einige Stangen, oder eine
gegrabene Hütte von Erde. Sie standen vor dem Major, dem Grundherrn, wie
sie ihn hier hießen, und hörten seinen Anordnungen zu. Als er wieder
aufstieg, hielt ihm einer, der blitzende Augen aus dem Schwarz seines
Gesichtes und seiner Braunen herauszeigte, das Pferd, während sich ein
anderer mit langen Haaren und dichtem Schnurbarte bückte, und ihm die
Steigbügel hielt.
»Lebt wohl, Kinder,« sagte er beim Fortreiten, »ich werde euch bald
wieder besuchen, und wenn die Nachbarn herüber kommen, werden wir
einen Nachmittag auf der Haide liegen und bei euch essen.«
Er hatte diese Worte auf ungarisch gesagt, und sie mir auf meine Bitte
verdeutscht.
Im Fortreiten sagte er zu mir: »Wenn es euch ergötzt, diese
Haidewirthschaft einmal im Einzelnen genau anzuschauen, und ihr etwa
einmal allein heraus kommen wolltet, um mit diesen Leuten gleichsam zu
leben, müßt ihr auf die Hunde achten, die sie haben. Sie sind nicht immer so
zahm und geduldig, wie ihr sie heute gesehen habt, sondern sie würden euch
strenge mit fahren. Ihr müßt es mir vorher sagen, daß ich euch hin geleite,
oder wenn ich nicht kann, daß ich euch einen bekannten Hirten mit gebe, der
euch führe, und den die Hunde lieben.«
Ich hatte in der That, da wir bei dem Hirtenfeuer waren, die ungemein
großen, schlanken, zottigen Hunde bewundert, derlei ich auf meiner ganzen
Wanderung nicht angetroffen habe, und die so sittsam neben und unter uns
am Feuer herum saßen, als verstünden sie etwas von der Verhandlung und
nähmen daran Theil.
Wir wendeten uns, da wir fort ritten, dem Schlosse wieder zu, da bereits
die Zeit zum Mittagessen heran rückte. Als wir, so wie gestern, in der Nähe
der Strecke vorüber kamen, auf der die Leute arbeiteten, um den Sumpf zu
trocknen, und die Grundrisse einer Straße zu ziehen, sagte er, indem er auf
ein Weitzenfeld zeigte, an dem wir ziemlich nahe vorbei ritten, und auf
welchem die Frucht außerordentlich schön stand: »Diese guten Schollen,
wenn sie ihre Schuldigkeit thun, müssen uns das Geld herbeischaffen, daß
wir auch an anderen Stellen etwas verrichten können. Die Leute arbeiten da
drüben in der Oede das ganze Jahr. Sie haben ihren Taglohn und kochen
gleich neben ihren Geschäften im Freien. Zum Schlafen gehen sie in jene
hölzernen Hütten, die ihr seht. Im Winter, wenn sich Eis bildet, gehen wir
den tiefern Stellen zu, denen wir jetzt wegen zu großer Weiche des Bodens
nicht ankönnen, und füllen Gerölle der Haide und Steine, die wir von den
Weinpflanzungen nehmen, hinein.«
Wirklich erblickte ich, da ich auf die eigenthümliche Anlage hinüber
schaute, die hölzernen Hütten, von denen er gesprochen hatte, und sah an
verschiedenen Stellen des Haiderückens schwachen Rauch aufgehen, der die
kunstlosen Herde anzeigen mochte, auf denen die Leute ihr Mittagsessen
kochten.
Als wir in den Park einritten, umsprungen von den großen und kleinen
Doggen, läutete in dem Herrenhause eben die Glocke, die uns und die
anderen Leute zum Mahle rief.
Ich fragte an dem Abende dieses Tages meinen Reisefreund nicht um sein
Ziel, wie ich mir Tags vorher beim Schlafengehen so fest vorgenommen
hatte.
Der Nachmittag verging wie gewöhnlich, zu Hause, nur daß der Major
gegen fünf Uhr auf dem gebahnten Wege mit der Pappelallee, auf dem ich in
der Nacht gekommen war, ich weiß nicht wohin fuhr, während ich die
Bücher musterte, die er mir in immer größerer Anzahl aus seinem
Bücherzimmer auf meine Stube bringen ließ.
Des folgenden Tages hatte der Major viel zu schreiben, und ich brachte
schier den ganzen Tag damit zu, seine Pferde, die er zu Hause hatte, zu
besehen, und mit seinen Leuten Bekanntschaft zu machen.
An dem Tage, der nachher folgte, war ich mit ihm in der Schäferei, die
zwei Stunden Reitens entfernt ist, und in welcher wir den ganzen Tag
zubrachten. Er hat einige Leute dort, die bedeutende Bildung verrathen, und
mit ihm in das Wesen der Sache, die sie lieben, einzugehen scheinen. Hier
sah ich auch, daß alle Zweige seiner Thätigkeit ihre eigene Geldverwaltung
haben, indem er den Schäfereien eine Summe vorstreckte, die aus einem
andern Bereiche genommen war. Die Sache wurde sehr genau und richtig in
die Papiere aufgenommen und verbrieft. Die Anlagen sind sehr weitschichtig,
und die Zuchten nach ihrem Bedürfnisse geordnet.
Ein anderes Mal sah ich die Gestütte, und wir waren auf der Weide, auf
welcher seine Füllen und die jüngeren Pferde gewöhnlichen Schlages unter
Hirten stehen, wie anderswo die Rinder.
Auf diese Weise lernte ich nach und nach den ganzen Kreis seiner
Thätigkeit kennen, welcher wahrhaftig nicht geringfügig war. Ich wunderte
mich, daß er diesen Sachen eine solche Aufmerksamkeit und Umsicht
zuwendete, da ich ihn doch früher mehr als träumend und in Wissenschaften
herum dichtend und forschend gekannt habe.
»Ich glaube, sagte er einmal, daß man es so mit dem Boden eines Landes
beginnen müsse. Unsere Verfassung, unsere Geschichte ist sehr alt, aber noch
vieles ist zu thun; wir sind in ihr, gleichsam wie eine Blume in einem
Gedenkbuche aufgehoben worden. Dieses weite Land ist ein größeres
Kleinod, als man denken mag, aber es muß noch immer mehr gefaßt werden.
Die ganze Welt kömmt in ein Ringen sich nutzbar zu machen, und wir
müssen mit. Welcher Blüthe und Schönheit ist vorerst noch der Körper dieses
Landes fähig, und beide müssen hervorgezogen werden. Ihr müßt es ja
gesehen haben, da ihr zu mir kamt. Diese Haiden sind der feinste schwarze
Ackergrund, in diesen Anhöhen voll glitzernden Gesteins bis zu jenen blauen
Bergen hin, die ihr im Norden sehet, schläft der feurige Fluß des Weines, und
dämmert von Erde umflort der Glanzblick des Metalles. Zwei sehr edle
Ströme ziehen durch unser Land, über ihnen ist so zu sagen, die Luft noch
todt, und harret, daß unzählige bunte Wimpel in ihr flattern. Vielerlei Volk ist
in dem Lande, manches ist ein Kind, dem man vormachen muß, was es
beginnen soll. Seit ich in der Mitte meiner Leute lebe, über die ich eigentlich
mehr Rechte habe, als ihr euch denket, seit ich mit ihnen in ihrer Kleidung
gehe, ihre Sitten theile, und mir ihre Achtung erworben habe, ist es mir
eigentlich, als hätte ich dieses und jenes Glück errungen, das ich sonst immer
in der einen oder der andern Entfernung gesucht habe.«
Ich fragte den Mann nun gar nicht mehr um sein Ziel, dessen er in seinem
Briefe an mich erwähnt hatte.
Vorzugsweise waren es die Getreidearten, denen er seine Aufmerksamkeit
zugewendet hatte. Und sie standen aber auch in einer Fülle und Schönheit,
daß ich schon neugierig war, wenn sich diese Aehren der Reife zuwenden,
und wenn wir sie heimführen würden.
Die Einsamkeit und Kraft dieser Beschäftigungen erinnerte mich häufig an
die alten starken Römer, die den Landbau auch so sehr geliebt hatten, und die
wenigstens in ihrer früheren Zeit auch gerne einsam und kräftig waren.
»Wie schön und ursprünglich,« dachte ich, »ist die Bestimmung des
Landmannes, wenn er sie versteht und veredelt. In ihrer Einfalt und
Mannigfaltigkeit, in dem ersten Zusammenleben mit der Natur, die
leidenschaftlos ist, gränzt sie zunächst an die Sage von dem Paradiese.«
Da ich einmal längere Zeit auf der Besitzung des Majors war, da ich die
Theile derselben übersah, und verstehen lernte, da die Dinge vor mir wuchsen
und ich an dem Gedeihen derselben Antheil nahm: hatte mich das
gleichförmig sanfte Abfließen dieser Tage und Geschäfte so eingesponnen,
daß ich mich wohl und ebenmäßig angeregt fühlte, und auf unsere Städte
vergaß, gleichsam als wäre das ein Kleines, was in ihnen bewegt wird.
Da wir wieder einmal unter den Pferden gewesen waren, die auf der Haide
sind, und da sich zu den Hirten derselben auch die gesellt hatten, die das
Geschäft der Rinder über sich haben, so daß zufällig eine größere Menge
dieser Menschen auf der Haide beisammen und bei uns waren, sagte der
Major im Nachhausefahren zu mir – denn dieses Mal hatte er ein schönes
Haidegespann mit Riemengeschirr vor einen Wagen gespannt, der mit großer
Spurweite sicher auf dem Grase der Haide dahin rollte: »Diese würde ich
sogar zum Blutvergießen führen können, sobald ich mich nur an ihre Spitze
stellte. Sie sind mir unbedingt zugethan. Auch die andern, die Knechte und
die Arbeiter, die ich zu Hause habe, würden sich eher ihre Glieder
zerschlagen lassen, ehe einer zugäbe, daß mir ein Haar gekrümmt würde.
Wenn ich nun die dazu rechne, die mir wegen dem Verhältnisse der
Grundherrlichkeit unterthan sind, und die mir, wie ich bei vielen
Gelegenheiten erfahren konnte, vom Grunde des Herzens zugethan sind, so
würde ich, wie ich glaube, eine ziemlich große Zahl von Menschen
zusammen bringen, die mich lieben. – – Seht nur, und ich bin erst zu ihnen
gekommen, als mein Haupt schon grau geworden war, und als ich viele Jahre
auf sie vergessen hatte. Wie müßte es sein, so Hunderttausende zu leiten, und
sie zum Guten zu führen; denn meistens, wenn sie vertrauen, sind sie wie
Kinder, und folgen zum Guten, wie zum Bösen.«
»Einmal,« fuhr er nach einer Weile fort, »habe ich geglaubt, ich werde ein
Künstler oder Gelehrter werden. Ich habe aber eingesehen, daß diese ein
tiefes ernstes Wort zu der Menschheit sagen müssen, das sie begeistert und
edler und größer macht – oder daß wenigstens der Gelehrte Dinge zu Tage
schaffe und erfinde, welche die Menschen in dem irdischen Gute, in den
Mitteln fördern und weiter bringen. In beiden Fällen aber ist es nothwendig,
daß ein solcher Mann zuerst selber ein einfaches und großes Herz habe. Aber
da ich dies nicht besitze, so ließ ich alles wieder fahren, und es ist nun
vorbei.«
Mir war es, da er diese Worte sagte, als ginge ein sanfter Schatten über
sein Auge, und als blicke es in diesem Augenblicke noch immer mit jener
Schwärmerei in die Luft hinaus, wie einstens, wenn wir manchmal müßig auf
dem Epomeo saßen, ein ganzes Meer von Himmelsbläue um uns feierte,
unten die See glänzte und er von allerlei Wünschen und Träumen junger
Herzen redete. Darum kam mir auch plötzlich der Gedanke, ob etwa das
Glück, von dem er mir sagte, daß er es gefunden habe, doch noch nicht ganz
da sei.
Das war das einzige Mal gewesen, daß er seit unserer Bekanntschaft auf
seine Vergangenheit angespielt hatte, vorher in unserem ganzen Umgange
nie. Ich habe auch nie gefragt, so wie ich später nicht fragte. Wer viel reiset,
lernt schon die Menschen schonen, und läßt sie in dem inneren Haushalte
ihres Lebens gewähren, der sich nicht aufschließt, wenn es nicht freiwillig ist.
Ich war nun schon ziemlich lange auf Uwar, und war gerne da, weil ich an
den Beschäftigungen des Ortes mit Aufmerksamkeit, und öfter auch mit
wirklicher Thätigkeit Antheil nahm, und weil ich zu andern Zeiten an dem
Tagebuche meiner Reisen und Erfahrungen weiter schrieb: aber das glaubte
ich zu erkennen, daß in dem reinen beschäftigten Leben des Majors irgend
ein Bodensatz liege, der es nicht zur völligen Abklärung kommen ließ, und
mir war, als sei doch irgend eine Art Trauer da, die sich natürlich bei einem
Manne nur durch Ruhe und Ernst ausdrückt.
Sonst war er in seinem Leben und in seinem Umgange mit mir sehr
einfach, und von einer Zurückhaltung oder Verstellung war nicht im
Geringsten die Rede. So stand auf dem Tische seines Schreibzimmers, in das
ich sehr oft kam, und in dem wir an heißen Nachmittagen oder Abends bei
der Kerze, wenn wir noch nicht schlafen gingen, von verschiedenen Dingen
plauderten, ein Bild – es war in schönem Goldrahmen das verkleinerte Bild
eines Mädchens von vielleicht zwanzig – zwei und zwanzig Jahren – aber
sonderbar war es, wie auch der Maler die Sache verschleiert haben mochte, es
war nicht das Bild eines schönen, sondern eines häßlichen Mädchens – die
dunkle Farbe des Angesichtes und der Bau der Stirne waren seltsam, aber es
lag etwas, wie Stärke und Kraft darinnen, und der Blick war wild, wie bei
einem entschlossenen Wesen. Daß dieses Mädchen etwa in seinem früheren
Leben eine Rolle gespielt habe, wurde mir klar, und mir fiel der Gedanke ein,
warum sich denn dieser Mensch nicht vermählt habe, so wie mir dieser
Gedanke auch schon bei unserer italienischen Bekanntschaft gekommen war;
aber nach meinen Grundsätzen hatte ich damals nicht gefragt, und fragte auch
jetzt nicht. Er durfte freilich das Bild ruhig auf dem Tische stehen lassen;
denn es kam niemand von seinen Leuten in das Schreibgemach, sondern sie
mußten im Vorzimmer, wo ein Glöcklein beim Eintritte läutete, stehen
bleiben, wenn ihm einer etwas zu sagen hatte. Auch von seinen Bekannten
und von Besuchenden kam niemand in das Zimmer, da er sie immer in seiner
anderen Wohnung empfing. Es war also schon ein Grad Vertraulichkeit, daß
ich da hinein durfte, und alles besehen konnte, was da stand und lag. Diese
Vertraulichkeit mochte ich wohl dem Umstande zu verdanken haben, daß ich
nie forschte und grübelte.
Mittlerweile war die Erndte gekommen, und nie werde ich jener heitern
vergnüglichen Zeit vergessen.
Der Major mußte unterdessen auch einige Male kleine Reisen in die
Nachbarschaft machen, und lud mich dazu ein. In keinem Lande sind die
Entfernungen zwischen den bewohnten Punkten oft so groß, wie hier, aber
mit den schnellen Rossen legt man sie reitend, oder mit den leichten Wägen
über die Haide fahrend, in verhältnißmäßig kurzer Zeit zurück. Einmal hatte
der Major das enganliegende ungarische Volkskleid an, er war in großem
Schmucke, mit dem Säbel an der Seite. Es stand ihm sehr wohl. Er hielt in
einer Versammlung seiner Gespanschaft über gemeinsame Angelegenheiten
eine ungarische Rede. Da es von jeher meine Gewohnheit war, in jedem
Lande, in das ich kam, schnell so viel von der Sprache zu lernen, als mir nur
immer möglich war, so hatte ich auch bereits von den Leuten des Majors, und
allen, die mich umgaben, etwas ungarisch gelernt, daher verstand ich
manches von der Rede, die bei einem Theile heftige Bewunderung, bei dem
andern heftigen Tadel hervor rief; im Nachhausefahren übersetzte er sie mir
vollständig ins Deutsche. Nachmittag bei Tische sah ich ihn in jenem Tage
im Fracke, wie einstens in Italien, so wie die meisten der Anwesenden ihre
Volkskleidung abgelegt hatten, und in dem gemeinschaftlichen europäischen
Fracke waren.
Auch zu anderen Besuchen, die er in der Nachbarschaft machte, hatte ich
ihn begleitet. Hier erfuhr ich nun, daß vier solcher Sitze bestehen, wie der
Major einen hatte. Man hatte vor einigen Jahren einen Bund geschlossen, den
Landbau und die Hervorrufung der ursprünglichen Erzeugnisse dadurch zu
heben, daß man dies zuerst in dem besten Maßstabe auf den eigenen
Besitzungen thue, und so den andern mit einem Beispiele voran gehe,
namentlich wenn sie sehen, daß Wohlhabenheit und besseres Leben sich aus
dem Dinge entwickle. Der Bund hatte auch seine Gesetze, und die
Beigetretenen hielten landwirthschaftliche Versammlungen. Außer diesen
vier großen Musterhöfen, die eigentlich bis jetzt erst nur die einzigen
Mitglieder des Bundes waren, hatten schon einige kleinere Besitzer
angefangen, das Verfahren ihrer größeren Nachbarn nachzuahmen, ohne daß
sie deßwegen eigentlich Glieder des Bundes waren. Zur Sitzung, aber nur als
Zuhörer, oder gelegentlich als Rathfrager, durften alle Landwirthe und andere
Menschen kommen, wenn sie sich nur vorher angemeldet hatten. Und sie
nahmen nicht sparsam Theil, wie ich aus einer Versammlung abnahm, die
vier Stunden Reitens von Uwar entfernt bei dem Mitgliede Gömör abgehalten
wurde, wo von Mitgliedern nur der Major und Gömör, aber von Zuhörern
eine ziemliche Menge war.
Ich bin nach der Hand noch zweimal ganz allein bei Gömör gewesen, und
habe das letzte Mal sogar mehrere Tage bei ihm zugebracht.
Da die Erndte sich zu ihrem Ende neigte, und die Arbeiten etwas weniger
wurden, sagte der Major eines Tages zu mir: »Weil wir jetzt ein wenig Muße
bekommen werden, werden wir in der nächsten Woche zu meiner Nachbarin
Brigitta Marosheli hinüber reiten, und ihr einen Besuch machen. Sie werden
in meiner Nachbarin Marosheli das herrlichste Weib auf dieser Erde kennen
lernen.«
Zwei Tage nach diesem Ausspruche stellte er mir Brigitta's Sohn vor, der
zufällig herüber gekommen war. Es war dies derselbe junge Mann, der am
ersten Tage meines Aufenthaltes in Uwar mit uns zu Mittag gespeist hatte,
und der mir wegen seiner außerordentlichen Schönheit damals aufgefallen
war. Er blieb schier den ganzen Tag bei uns, und war mit uns auf
verschiedenen Punkten der Besitzungen. Er war, wie ich schon das erste Mal
bemerkte, in den frühesten Jahren des Jünglings, kaum bei dem Uebergange
vom Knaben zum Jünglinge, und er gefiel mir sehr wohl. Sein dunkles
sanftes Auge sprach so schön zu mir, und wenn er zu Pferde saß, so kraftvoll
und so demüthig: neigte sich mein ganzes Wesen zu ihm. Ich hatte einen
Freund, der so war, und in den frühesten Jahren seiner Jugend in das kalte
Grab mußte. Gustav, so hieß der Sohn Brigitta's, erinnerte mich lebhaft an
ihn. Seit der Major den Ausspruch über Brigitta gethan hatte, und seit ich ihren
Sohn kannte, war ich sehr neugierig, sie nun auch persönlich zu sehen.
Ueber die Vergangenheit meines Gastfreundes, des Majors, hatte ich ein
Weniges von Gömör, als ich bei ihm war, erfahren. Gömör ist, wie mancher
seiner Freunde, die ich bei ihm kennen gelernt hatte, von offener freundlicher
Zunge, und sagte mir unaufgefordert, was er wußte. Der Major sei nicht in
der Gegend geboren. Er stamme von einer sehr reichen Familie. Er sei seit
seiner Jugend fast immer auf Reisen gewesen, man wisse eigentlich nicht
recht, wo, so wie man auch nicht wisse, in welchen Diensten er sich den
Majorsrang verdient habe. Auf seiner Besitzung Uwar ist er in seinem ganzen
früheren Leben nicht gewesen. Vor einigen Jahren kam er, machte sich in
Uwar ansässig und schloß sich dem Bunde der Landwirthschaftsfreunde an.
Damals waren nur erst zwei Glieder des Bundes: er, Gömör, selber, und
Brigitta Marosheli. Eigentlich war es kein Bund; denn die Zusammenkünfte
und die Gesetze kamen erst später auf, sondern die zwei Nachbarn, er und
Brigitta, haben einstimmig die bessere Bewirthschaftung ihrer Güter in dieser
öden Gegend begonnen. Im Grunde sei es Brigitta gewesen, welche den
Anfang gemacht habe. Weil sie eher unschön als angenehm zu nennen sei, so
habe sie ihr Gatte, ein junger leichtsinniger Mensch, dem sie in ihren
jüngeren Jahren angetraut worden war, verlassen, und sei nicht wieder
gekommen. Damals erschien sie mit ihrem Kinde auf ihrem Sitze Marosheli,
habe wie ein Mann umzuändern und zu wirthschaften begonnen, und sei bis
jetzt noch gekleidet und reite, wie ein Mann. Sie halte ihre Dienerschaft
zusammen, sei thätig, und wirthschafte vom Morgen bis in die Nacht. Man
könne hier sehen, was unausgesetzte Arbeit vermöge; denn sie habe auf dem
Steinfelde fast Wunder gewirkt. Er sei, als er sie kennen gelernt habe, ihr
Nachahmer geworden, und habe ihre Art und Weise auf seiner Besitzung
eingeführt. Bis jetzt habe er es nicht bereut. Der Major sei Anfangs, da er sich
in Uwar niedergelassen hatte, mehrere Jahre nicht zu ihr hinüber gekommen.
Dann sei sie einmal todtkrank geworden: da sei er zu ihr über die Haide
geritten, und habe sie gesund gemacht. Von der Zeit an kam er dann immer
zu ihr. Die Leute sagten damals, er habe die Heilkräfte des Magnetismus
angewendet, deren er theilhaftig sei, aber niemand weiß eigentlich in der
Sache etwas Rechtes zu sagen. Es hat sich ein ungewöhnlich inniges und
freundschaftliches Band entwickelt – der höchsten Freundschaft sei das Weib
auch würdig – aber ob die Leidenschaft, die der Major zu der häßlichen und
bereits auch alternden Brigitta gefaßt habe, natürlich sei, das sei eine andere
Frage – und Leidenschaft sei es ganz gewiß, das erkenne ein jeder, der
hinüber komme. Der Major würde gewiß Brigitta heirathen, wenn er könnte –
er gräme sich offenbar tief, daß er es nicht könne; aber weil man von ihrem
angetrauten Manne nichts wisse, so könne kein Todtenschein und kein
Trennungsschein herbei gebracht werden. Es spreche diese Thatsache recht
sehr zu Gunsten Brigitta's, und verurtheile ihren Gemahl, der einst so
leichtsinnig von ihr gegangen sei, während nun ein so ernster Mann sich
sehne, sie zu besitzen.
Diese Dinge hatte mir Gömör über den Major und Brigitta gesagt, und ich
kam noch ein paar Male mit Gustav, ihrem Sohne, bei Gelegenheit eines
Besuches, den wir bei Nachbarn machten, zusammen, ehe der Tag erschien,
der bestimmt war, daß wir zu seiner Mutter hinüber reiten sollten.
Am Vorabende dieses Tages, da schon das tausendstimmige Zirpen der
abendlichen Haidegrillen in meine schlaftrunkenen Ohren fiel, dachte ich
noch an sie. Dann träumte mir allerlei von ihr, vorzüglich kam ich von dem
Traume nicht los, daß ich auf der Haide vor der seltsamen Reiterin stehe, die
mir damals die Pferde mitgegeben hatte, daß sie mich mit schönen Augen
banne, daß ich immer stehen müsse, daß ich keinen Fuß heben könne, und
daß ich alle Tage meines Lebens nicht mehr von dem Flecke der Haide weg
zu kommen vermöge. Dann schlief ich fest ein, erwachte des andern Tages
frisch und gestärkt, die Pferde wurden vorgeführt, und ich freute mich, nun
die auch von Angesicht zu Angesicht zu sehen, die heute so vielfach im
Traume bei mir gewesen war.
3.
Steppenvergangenheit.
Ehe ich entwickle, wie wir nach Marosheli geritten sind, wie ich Brigitta
kennen gelernt habe, und wie ich noch recht oft auf ihrem Gute gewesen bin,
ist es nöthig, daß ich einen Theil ihres früheren Lebens erzähle, ohne den das
Folgende nicht verständlich wäre. Wie ich zu so tief gehender Kenntniß der
Zustände, die hier geschildert werden, gelangen konnte, wird sich aus meinen
Verhältnissen zu dem Major und zu Brigitta ergeben, und am Ende dieser
Geschichte von selbst klar werden, ohne daß ich nöthig hätte, vor der Zeit zu
enthüllen, was ich auch nicht vor der Zeit, sondern durch die natürliche
Entwicklung der Dinge erfuhr.
Es liegt im menschlichen Geschlechte das wundervolle Ding der
Schönheit. Wir alle sind gezogen von der Süßigkeit der Erscheinung, und
können nicht immer sagen, wo das Holde liegt. Es ist im Weltall, es ist in
einem Auge, dann ist es wieder nicht in Zügen, die nach jeder Regel der
Verständigen gebildet sind. Oft wird die Schönheit nicht gesehen, weil sie in
der Wüste ist, oder weil das rechte Auge nicht gekommen ist – oft wird sie
angebetet und vergöttert, und ist nicht da: aber fehlen darf sie nirgends, wo
ein Herz in Inbrunst und Entzücken schlägt, oder wo zwei Seelen an einander
glühen; denn sonst steht das Herz stille, und die Liebe der Seelen ist todt. Aus
welchem Boden aber diese Blume bricht, ist in tausend Fällen tausendmal
anders; wenn sie aber da ist, darf man ihr jede Stelle des Keimens nehmen,
und sie bricht doch an einer andern hervor, wo man es gar nicht geahnet
hatte. Es ist nur dem Menschen eigen, und adelt nur den Menschen, daß er
vor ihr kniet – und alles, was sich in dem Leben lohnt und preiset, gießt sie
allein in das zitternde beseligte Herz. Es ist traurig für einen, der sie nicht hat,
oder nicht kennt, oder an dem sie kein fremdes Auge finden kann. Selbst das
Herz der Mutter wendet sich von dem Kinde ab, wenn sie nicht mehr, ob
auch nur einen einzigen Schimmer dieses Strahles an ihm zu entdecken
vermag.
So war es mit dem Kinde Brigitta geschehen. Als es geboren ward, zeigte
es sich nicht als der schöne Engel, als der das Kind gewöhnlich der Mutter
erscheint. Später lag es in dem schönen goldenen Prunkbettchen in den
schneeweißen Linnen mit einem nicht angenehmen verdüsterten Gesichtchen,
gleichsam als hätte es ein Dämon angehaucht. Die Mutter wandte, von sich
selber unbemerkt, das Auge ab, und heftete es auf zwei kleine schöne Engel,
die auf dem reichen Teppiche des Bodens spielten. Wenn fremde Leute
kamen, tadelten sie das Kind nicht, lobten es nicht, und fragten nach den
Schwestern. So wurde es immer größer. Der Vater ging öfter durch das
Zimmer nach seinen Geschäften, und wenn die Mutter wohl manchmal
gleichsam aus verzweiflungsvoller Brünstigkeit die andern Kinder herzte, sah
sie nicht das starre schwarze Auge Brigitta's, das sich hin heftete, als
verstünde das winzige Kind schon die Kränkung. Wenn sie weinte, half man
ihrem Bedürfnisse ab; weinte sie nicht, ließ man sie ruhig liegen, alle hatten
für sich zu thun, und sie richtete die großen Augen auf die Vergoldung des
Bettchens, oder auf die Schnörkel der Wandtapeten. Da die Glieder stark
geworden waren, und ihre Wohnung nicht mehr in dem engen Bettchen
bestand, saß sie in einem Winkel, spielte mit Steinchen, und sagte Laute, die
sie von niemanden gehört hatte. Als sie in ihren Spielen vorrückte und
behender ward, verdrehte sie oft die großen wilden Augen, wie Knaben thun,
die innerlich bereits dunkle Thaten spielen. Auf die Schwestern schlug sie,
wenn sie sich in ihre Spiele einmischen wollten – und wenn jetzt die Mutter
in einer Anwandlung verspäteter Liebe und Barmherzigkeit das kleine Wesen
in die Arme schloß, und mit Thränen benetzte, so zeigte dasselbe keineswegs
Freude, sondern weinte, und wand sich aus den umfassenden Händen. Die
Mutter aber wurde dadurch noch mehr zugleich liebend und erbittert, weil sie
nicht wußte, daß die kleinen Würzlein, als sie einst den warmen Boden der
Mutterliebe suchten und nicht fanden, in den Fels des eigenen Herzens
schlagen mußten, und da trotzen.
So ward die Wüste immer größer.
Als die Kinder empor wuchsen und schöne Kleider ins Haus kamen, waren
jene Brigitta's immer recht, die der Schwestern wurden mannigfach geändert,
bis sie paßten. Die andern bekamen Verhaltungsregeln und Lob, sie nicht
einmal Tadel, wenn sie auch ihr Kleidchen beschmutzt oder zerdrückt hatte.
Da das Lernen kam, und die Stunden des Vormittags ausgefüllt waren, saß
sie unten an, und starrte mit dem einzigen Schönen, das sie hatte, mit den in
der That schönen düstern Augen auf die Ecke des fernen Buches, oder der
Landkarte; und wenn der Lehrer eine seltene rasche Frage an sie that,
erschrak sie, und wußte keine Antwort. Aber an langen Abenden, oder sonst,
wenn man im Gesellschaftszimmer saß und sie nicht vermißte, lag sie auf der
Erde über durcheinander geworfenen Büchern oder über Bildern und
zerrissenen Karten, die die andern nicht mehr brauchten. Sie mochte eine
fantastische verstümmelte Welt in ihr Herz hinein brüten. Sie hatte von den
Büchern ihres Vaters, da der Schlüssel immer stak, beinahe die Hälfte
gelesen, ohne daß man es ahnte. Darunter waren die meisten, die sie nicht
verstehen konnte. In der Wohnung fand man oft Papiere, auf denen seltsame
wilde Dinge gezeichnet waren, die von ihr sein mußten.
Als die Mädchen in das Jungfrauenalter getreten waren, stand sie wie eine
fremde Pflanze unter ihnen. Die Schwestern waren weich und schön
geworden, sie blos schlank und stark. In ihrem Körper war fast Manneskraft,
was sich dadurch erwies, daß sie eine Schwester, wenn sie ihr Tändeleien
sagen oder sie liebkosen wollte, mit dem schlanken Arme blos ruhig weg
bog, oder daß sie, wie sie gerne that, Hand an knechtliche Arbeit legte, bis ihr
die Tropfen auf der Stirne standen. Musik machen lernte sie nicht, aber sie
ritt gut und kühn, wie ein Mann, lag oft mit dem schönsten Kleide auf dem
Rasen des Gartens, und that halbe Reden und Ausrufungen in das Laub der
Büsche. Nun kam es auch, daß der Vater begann, ihr Ermahnungen über ihr
störriges und stummes Wesen zu geben. Dann, wenn sie auch eben redete,
hörte sie plötzlich auf, wurde noch stummer und noch störriger. Es half
nichts, daß ihr die Mutter Zeichen gab, und zur Kundgebung ihres Unmuthes
in bittrer Rathlosigkeit die Hände rang. Das Mädchen redete nicht. Als sich
der Vater einmal so weit vergaß, daß er sie, die Erwachsene, weil sie
durchaus nicht in das Gesellschaftszimmer gehen wollte, körperlich strafte,
sah sie ihn blos mit den heißen trockenen Augen an, und ging doch nicht
hinüber, er hätte ihr thun können, was er wollte.
Wenn nur einer gewesen wäre, für die verhüllte Seele ein Auge zu haben,
und ihre Schönheit zu sehen, daß sie sich nicht verachte. – Aber es war
keiner: die andern konnten es nicht, und sie konnte es auch nicht.
Ihr Vater lebte in der Hauptstadt, wie es überhaupt seine Gewohnheit war,
und gab sich einem glänzenden Wohlleben hin. Als seine Mädchen
herangewachsen waren, verbreitete sich der Ruf ihrer Schönheit durch das
Land, viele kamen herbei, sie zu sehen, und die Versammlungen und
Gesellschaften in dem Hause wurden noch zahlreicher und belebter, als sie es
bisher gewesen waren. Manches Herz schlug heftig und trachtete nach dem
Besitze der Kleinode, welche dieses Haus beherbergte – aber die Kleinode
achteten nicht darauf, oder sie waren noch zu jung, solche Huldigungen zu
verstehen. Desto mehr gaben sie sich den Vergnügungen hin, die solche
Gesellschaften mit sich führten, und ein Putzkleid oder die Anordnung eines
Festes konnte sie Tage lang auf das Ergreifendste und Innigste beschäftigen.
Brigitta, als die Jüngste, wurde nicht gefragt, als verstünde sie die Sache
nicht. Sie war manchmal in den Versammlungen gegenwärtig, und dann trug
sie immer ein weites, schwarzseidenes Kleid, das sie sich selber zusammen
gemacht hatte – oder sie mied dieselben, saß indessen auf ihrem Zimmer, und
man wußte nicht, was sie dort that.
So gingen ein paar Jahre hin.
Gegen Ende derselben erschien ein Mann in der Hauptstadt, der in den
verschiedenen Kreisen derselben Aufsehen erregte. Er hieß Stephan Murai.
Sein Vater hatte ihn auf dem Lande auferzogen, um ihn für das Leben
vorzubereiten. Als seine Erziehung vollendet war, mußte er zuerst Reisen
machen, und dann sollte er die gewählte Gesellschaft seines Vaterlandes
kennen lernen. Dies war die Ursache, daß er in die Hauptstadt kam. Hier
wurde er bald der fast einzige Gegenstand der Gespräche. Einige rühmten
seinen Verstand, andere sein Benehmen und seine Bescheidenheit, wieder
andere sagten, daß sie nie etwas so schönes gesehen hätten, als diesen Mann.
Mehrere behaupteten, er sei ein Genie, und wie es an Verläumdungen und
Nachreden auch nicht fehlte, sagten manche, daß er etwas Wildes und
Scheues an sich habe, und daß man es ihm ansehe, daß er in dem Walde
auferzogen worden sei. Einige meinten auch, er besitze Stolz, und wenn es
darauf ankomme, gewiß auch Falschheit. Manches Mädchenherz war im
Mindesten doch neugierig, ihn einmal erblicken zu können. Brigitta's Vater
kannte die Familie des neuen Ankömmlings sehr gut, er war in früheren
Jahren, da er noch Ausflüge machte, öfter auf ihre Besitzungen gekommen,
und war nur später, da er immer in der Hauptstadt lebte und sie nie, mit ihr
außer Berührung gerathen. Da er sich um den Stand der Güter, der einst ein
vortrefflicher gewesen war, erkundigte, und erfuhr, daß derselbe jetzt noch
bedeutend besser sei, und bei der einfachen Lebensweise der Familie sich
noch immer verbessere: dachte er, wenn der Mann sonst auch noch in seinem
Wesen nach seinem Sinne wäre, so könnte er einen erwünschten Bräutigam
für eine seiner Töchter abgeben. Da aber dasselbe mehrere Väter und Mütter
dachten, so beeilte sich Brigitta's Vater, ihnen den Vorsprung abzugewinnen.
Er lud den jungen Mann in sein Haus, dieser sagte zu, und war schon mehrere
Male in einer Abendgesellschaft desselben gewesen. Brigitta hatte ihn nicht
gesehen, weil sie gerade in jener Zeit schon seit länger her nicht in das
Gesellschaftszimmer gekommen war.
Einmal ging sie zu ihrem Oheime, der eine Art Fest veranstaltet und sie
dazu geladen hatte. Sie war auch schon in früheren Zeiten manchmal nicht
ungern zu der Familie des Oheims gegangen. An jenem Abende saß sie in
ihrem gewöhnlichen schwarzseidenen Kleide da. Um das Haupt hatte sie
einen Kopfputz, den sie selber gemacht hatte, und den ihre Schwestern
häßlich nannten. Wenigstens war es in der ganzen Stadt nicht Sitte, einen
solchen zu tragen, aber er stand zu ihrer dunklen Farbe sehr gut.
Es waren viele Menschen zugegen, und da sie einmal durch eine Gruppe
derselben hindurch blickte, sah sie zwei dunkle sanfte Jünglingsaugen auf sie
geheftet. Sie blickte gleich wieder weg. Da sie später noch einmal hin
schaute, sah sie, daß die Augen wieder gegen sie gerichtet gewesen seien. Es
war Stephan Murai, der sie angeblickt hatte.
Ungefähr acht Tage darnach wurde bei ihrem Vater getanzt. Murai war
auch geladen, und kam, da schon die meisten zugegen waren, und der Tanz
bereits begonnen hatte. Er schaute zu, und da man sich zum zweiten Tanze
zusammengestellt hatte, ging er gegen Brigitta hin, und bat sie mit
bescheidener Stimme um einen Tanz. Sie sagte, daß sie nie tanzen gelernt
habe. Er verbeugte sich und mischte sich wieder unter die Zuschauer. Später
sah man ihn tanzen. Brigitta setzte sich hinter einem Tische auf ein Sopha
und sah dem Treiben zu. Murai sprach mit verschiedenen Mädchen, tanzte
und scherzte mit ihnen. Er war an diesem Abende besonders lieb und
verbindlich gewesen. Endlich war die Unterhaltung aus, man zerstreute sich
nach allen Richtungen, um seine Behausung zu suchen. Als Brigitta in ihr
Schlafgemach gekommen war, das sie mit vielen Bitten und Trotzen ihren
Eltern abgerungen hatte, daß sie es allein bewohnen durfte, und als sie sich
dort entkleidete, schoß sie im Vorbeistreifen einen Blick in den Spiegel, und
sah die braune Stirne durch denselben gleiten, und die rabenschwarze Locke,
die sich um die Stirne schlang. Dann ging sie, da sie weder beim Anziehen
noch beim Ausziehen ein Dienstmädchen um sich litt, gegen ihr Bett, deckte
es selber ab, schlug die schneeweißen Linnen von ihrem Lager, das sie sich
immer sehr hart machen ließ, zurück, legte sich darauf, that den schlanken
Arm unter ihr Haupt, und schaute mit den schlaflosen Augen gegen die
Decke des Zimmers.
Als nun in der Folge öfters Gesellschaften waren, und Brigitta denselben
beiwohnte, wurde sie wieder von Murai bemerkt, sie wurde von ihm sehr
ehrfurchtsvoll gegrüßt, und wenn sie ging, brachte er ihr das Tuch, und wenn
sie fort war, hörte man auch gleich darauf seinen Wagen unten rollen, der ihn
nach Hause führte.
Dies dauerte längere Zeit.
Einmal war sie wieder bei dem Oheime, und da sie wegen der großen
Hitze, die in dem Saale herrschte, auf den Balkon, dessen Thüren immer
offen standen, hinaus getreten war, und dichte Nacht um sie lag: vernahm sie
seinen Tritt zu ihr, und sah dann auch in der Dunkelheit, daß er sich neben sie
stellte. Er sprach nichts, als gewöhnliche Dinge, aber wenn man auf seine
Stimme horchte, so war es, als sei etwas Furchtsames in derselben. Er lobte
die Nacht, und sagte, daß man ihr Unrecht thue, wenn man sie schelte, da sie
doch so schön und milde sei, sie allein umhülle, sänftige und beruhige das
Herz. Dann schwieg er, und sie schwieg auch. Als sie wieder in das Zimmer
getreten war, ging er auch hinein, und stand lange an einem Fenster.
Da Brigitta in dieser Nacht zu Hause angelangt war, da sie sich in ihr
Zimmer begeben hatte, und den Putzflitter Stück um Stück von dem Leibe
nahm, trat sie im Nachtgewande vor den Spiegel, und sah lange, lange hinein.
Es kamen ihr Thränen in die Augen, die nicht versiegten, sondern mehreren
Platz machten, die hervor drangen und herab rannen. Es waren die ersten
Seelenthränen in ihrem ganzen Leben gewesen. Sie weinte immer mehr und
immer heftiger, es war, als müßte sie das ganze versäumte Leben nachholen,
und als müßte ihr um vieles leichter werden, wenn sie das Herz heraus
geweint hätte. Sie war in die Knie gesunken, wie sie es öfters zu thun
gewohnt war, und saß auf ihren eigenen Füßen. Auf dem Boden neben ihr lag
zufällig ein Bildchen, es war ein Kinderbildchen, auf dem dargestellt war,
wie sich ein Bruder für den andern opfere. Dieses Bildchen drückte sie an
ihre Lippen, daß es zerknittert und naß wurde.
Da endlich die Quellen nachgelassen hatten, und die Kerzen herab
gebrannt waren, saß sie noch auf der Erde vor dem Spiegeltische, gleichsam
wie ein ausgeweintes Kind und sann. Es lagen die Hände in dem Schooße,
die Schleifen und Krausen des Nachtgewandes waren feucht, und hingen
ohne Schönheit um den keuschen Busen. Sie ward stiller und unbeweglicher.
Endlich schöpfte sie ein paar Mal frischen Athem, fuhr mit der flachen Hand
über die Augenwimpern und ging zu Bette. Als sie lag, und die Nachtlampe,
die sie nach ausgelöschten Kerzen hinter einen kleinen Schirm gestellt hatte,
düster brannte, sagte sie noch die Worte: »Es ist ja nicht möglich, es ist ja
nicht möglich!«
Dann entschlummerte sie.
Als sie in der Zukunft wieder mit Murai zusammen kam, war es, wie
früher: er zeichnete sie nur noch mehr aus, aber sonst war sein Benehmen
scheu, fast zaghaft. Er redete beinahe nichts mit ihr. Sie selber that ihm
keinen einzigen, auch nicht den kleinsten Schritt entgegen.
Als sich nach einiger Zeit wieder einmal eine Gelegenheit ergab, mit ihr
allein zu sprechen, deren manche früher schon ungenützt vorüber gegangen
waren, nahm er sich den Muth, er redete sie an und sagte, daß ihm erscheine,
daß sie ihm abgeneigt sei – und wenn dies so wäre, so habe er die einzige
Bitte, sie möchte ihn doch kennen lernen, vielleicht sei er doch ihrer
Aufmerksamkeit nicht ganz unwerth, vielleicht habe er Eigenschaften, oder
könne sich dieselben erwerben, die ihm ihre Hochachtung gewännen, wenn
auch nichts, das er noch heiliger wünschte.
»Nicht abgeneigt, Murai,« antwortete sie, »o nein, nicht abgeneigt; aber
ich habe auch eine Bitte an Sie: thun Sie es nicht, thun Sie es nicht, werben
Sie nicht um mich, Sie würden es bereuen.«
»Warum denn, Brigitta, warum denn?«
»Weil ich,« antwortete sie leise, »keine andere Liebe fordern kann, als die
allerhöchste. Ich weiß, daß ich häßlich bin, darum würde ich eine höhere
Liebe fordern, als das schönste Mädchen dieser Erde. Ich weiß es nicht, wie
hoch, aber mir ist, als sollte sie ohne Maß und Ende sein. Seh'n Sie – da nun
dies unmöglich ist, so werben Sie nicht um mich. Sie sind der Einzige, der
darnach fragte, ob ich auch ein Herz habe, gegen Sie kann ich nicht falsch
sein.«
Sie hätte vielleicht noch mehr gesagt, wenn nicht Leute herzu gekommen
wären; aber ihre Lippe bebte vor Schmerz.
Daß Murai's Herz durch diese Worte nicht beschwichtigt, sondern nur noch
mehr entflammt wurde, begreift sich. Wie einen Engel des Lichtes verehrte er
sie, er blieb zurück gezogen, sein Auge ging an den größten Schönheiten, die
ihn umringten, vorüber, das ihre mit sanfter Bitte zu suchen. So war es
unabänderlich fort. Auch an ihr begann nun die dunkle Macht und die Größe
des Gefühles in der verarmten Seele zu zittern. An beiden erschien es offen.
Die Umgebungen begannen das Unglaubliche zu ahnen, und man erstaunte
unverhohlen. Murai legte seine Seele entschieden vor dem Angesichte aller
Welt dar. Eines Tages, in einem einsamen Zimmer, da die Musik, zu deren
Anhörung man zusammen gekommen war, von ferne her erscholl, da er vor
ihr stand und nichts redete, da er ihre Hand faßte, sie sanft gegen sich
ziehend, widerstand sie nicht, und da er sein Angesicht immer mehr gegen sie
neigte, und sie seine Lippen plötzlich auf den ihrigen empfand, drückte sie
süß entgegen. Sie hatte noch nie einen Kuß gefühlt, da sie selbst von ihrer
Mutter und ihren Schwestern nie geküßt worden war – und Murai hat nach
vielen Jahren einmal gesagt, daß er nie mehr eine solche reine Freude erlebt
habe, als damals, da er zum ersten Male diese vereinsamten unberührten
Lippen auf seinem Munde empfand.
Der Vorhang zwischen den Beiden war nun zerrissen, und das Schicksal
ging seine Wege. In wenigen Tagen war Brigitta die erklärte Braut des
gefeierten Mannes, die Eltern beider Theile hatten eingewilligt. Es wurde nun
ein freundlicher Umgang. Aus dem tiefen Herzen des bisher unbekannten
Mädchens ging ein warmes Dasein hervor, Anfangs unscheinbar und
unbedeutend, dann in reicher heiterer Entwicklung. Der Instinkt, der den
Mann an dieses Weib gezogen, hatte ihn nicht getäuscht. Sie war stark und
keusch, wie kein anderes Weib. Weil sie ihr Herz nicht durch
Liebesgedanken und Liebesbilder vor der Zeit entkräftet hatte, wehte der
Odem eines ungeschwächten Lebens in seine Seele. Auch ihr Umgang war
reizend. Weil sie stets allein gewesen war, hatte sie auch allein ihre Welt
gebaut, und er wurde in ein neues, merkwürdiges, nur ihr angehörendes
Reich eingeführt. Wie sich dann ihr Wesen vor ihm entfaltete, erkannte er zu
allem dem noch ihr inniges und heißes Lieben, das wie ein goldner Strom in
vollen Ufern quoll, in vollen, aber auch in einsamen; denn wie das Herz der
andern Menschen zwischen eine halbe Welt getheilt ist, war das ihre
beisammen geblieben, und da es nur ein Einziger erkannt hat, war es nun
auch Eigenthum dieses Einzigen. Er lebte so in Freude und Gehobenheit die
Tage des Brautstandes durch.
Es ging die Zeit mit rosenfarbnen Flügeln, und in ihr das Geschick mit
seinen dunkeln Schwingen.
Der Vermählungstag war endlich gekommen. Murai hatte seine
schweigende Braut, da die heilige Handlung vorüber war, auf der Schwelle
der Kirche in die Arme geschlossen, sie dann in seinen Wagen gehoben, und
in seine Wohnung geführt, die er, da die jungen Leute beschlossen hatten, in
der Stadt zu bleiben, aus dem Reichthume seines Vaters, der ihm alles
Ersparte zur Verfügung stellte, auf das Schönste und Glänzendste hatte
einrichten lassen. Murai's Vater war zur Vermählung von seinem Landsitze,
den er zum bleibenden Aufenthaltsorte gewählt hatte, herein gekommen.
Seine Mutter konnte leider die Freude nicht theilen; denn sie war schon
längst gestorben. Von Seite der Braut waren Vater und Mutter, dann die
Schwestern, der Oheim und mehrere nahe Verwandte zugegen. Murai, so wie
Brigitta's Vater, hatte gewollt, daß der Tag öffentlich und mit großem Glanze
gefeiert werde, und so war er auch vorüber gegangen.
Als sich endlich die letzten Gäste entfernt hatten, führte Murai seine Gattin
durch eine Reihe beleuchteter Zimmer, da sie sich bisher immer mit einem
hatte begnügen müssen, bis in das Wohngemach zurück. Dort saßen sie noch,
und er sagte die Worte: »Wie gut und herrlich ist alles abgegangen, und wie
schön hat es sich erfüllt. Brigitta! Ich habe dich erkannt. Da ich dich das erste
Mal sah, wußte ich schon, daß mir dieses Weib nicht gleichgültig bleiben
werde; aber ich erkannte noch nicht, werde ich dich unendlich lieben oder
unendlich hassen müssen. Wie glücklich ist es gekommen, daß es die Liebe
ward!«
Brigitta sagte nichts, sie hielt ihn an der Hand, und ließ die glänzenden
Augen in sanfter Ruhe durch das Zimmer blicken.
Dann befahlen sie, daß die Reste des Festes weggeräumt würden, daß die
Menge der überflüssigen Lichter ausgethan, und die Festgemächer eine
gewöhnliche Wohnung würden. Dies geschah; die Diener begaben sich in
ihre Zimmer, und auf die neue Wohnung und auf die neue Familie, die aus
zweien bestand, und erst einige Stunden alt war, senkte sich die erste Nacht
hernieder.
Von nun an lebten sie in ihrer Wohnung fort. So wie sie, da sie sich kennen
gelernt hatten, nur in Gesellschaften zusammen getroffen waren, und so wie
sie im Brautstande nur immer öffentlich erschienen waren, so blieben sie nun
immer zu Hause. Sie dachten nicht, daß etwas Aeußerliches zu ihrem Glücke
erforderlich sei. Obgleich die Wohnung im Allgemeinen mit allem versehen
war, was ihr nur immer noth that, so blieb doch im Einzelnen noch so vieles
zu verbessern und zu verschönern übrig. Sie klügelten dieses heraus, sie
überlegten, was man dort und da noch anbringen könnte, gingen einander mit
Rath und That an die Hand, daß sich der Raum immer mehr und mehr und
reiner ordnete, und die Eintretenden mit klarer Wohnlichkeit und einfacher
Schönheit empfing.
Ueber Jahresfrist gebar sie ihm einen Sohn, und dieses neue Wunder hielt
sie wieder und noch mehr zu Hause. Brigitta pflegte ihr Kind, Murai versah
seine Geschäfte; denn der Vater hatte ihm einen Theil der Güter abgetreten,
und diese verwaltete er von der Stadt aus. Dies machte manche Umwege
nöthig, und häufte manche Dinge, die sonst zu entrathen gewesen wären.
Als der Knabe so weit entwickelt war, daß unmittelbare Pflege nicht gar so
sehr mehr noth that, als Murai seine Geschäfte schon geordnet und in einen
gleichen Gang gebracht hatte, fing er an, seine Gattin häufiger auf öffentliche
Plätze, in Gesellschaften, auf Spaziergänge, in das Schauspiel zu führen, als
er es sonst zu thun gewohnt war. Hiebei bemerkte sie, daß er sie vor Leuten
noch zarter und noch aufmerksamer behandle, als selber zu Hause.
Sie dachte: »Jetzt weiß er, was mir fehlt,« und hielt das erstickende Herz
an sich.
Im nächsten Frühlinge nahm er sie und sein Kind auf eine Reise mit, und
da sie gegen den Herbst zurück kamen, schlug er vor, lieber für beständig auf
dem Lande, auf einem seiner Güter zu wohnen; denn auf dem Lande sei es
doch viel schöner und viel annehmlicher, als in der Stadt.
Brigitta folgte ihm auf das Landgut.
Hier fing er an zu wirthschaften und umzuändern, und den Rest der Zeit,
der ihm übrig war, zum Jagen zu verwenden. Und hier führte ihm das
Schicksal ein ganz anderes Weib entgegen, als er es immer zu sehen gewohnt
war. Auf einer der einsamen Jagden, die er jetzt häufig that, wo er nemlich
mit seiner Büchse allein durch die Gegend ging oder ritt, hatte er sie erblickt.
Als er einmal sein Pferd langsam durch einen Weidebruch ein wenig abwärts
leitete, hatte er plötzlich durch das dichte Gebüsch her zwei Augen
gegenüber, erschrocken und schön, wie die einer fremdländischen Gazelle,
und neben den grünen Blättern hatte das süßeste Morgenroth der Wangen
geglüht. Es war nur ein Augenblick; denn ehe er recht hin sehen konnte, hatte
das Wesen, das ebenfalls zu Pferde war, und in dem Gebüsche stand, das
Pferd gewendet und flog über die Ebene zwischen den leichten Büschen
davon.
Es war Gabriele gewesen, die Tochter eines greisen Grafen, der in der
Nachbarschaft wohnte, ein wildes Geschöpf, das ihr Vater auf dem Lande
erzog, wo er ihr alle und jede Freiheit ließ, weil er meinte, daß sie sich nur so
am naturgemäßesten entfalte, und nicht zu einer Puppe gerathe, wie er sie
nicht leiden konnte. Die Schönheit dieser Gabriele war schon weithin
berühmt geworden, nur zu Murai's Ohren war der Ruf noch nicht gedrungen,
weil er bisher nie auf diesem seinem Landgute gewesen war, und in letzter
Zeit sich auf seiner großen Reise befunden hatte.
Nach mehreren Tagen trafen die Beiden schier auf derselben Stelle wieder
zusammen, und dann öfter und öfter. Sie fragten nicht, wer und woher sie
seien, sondern das Mädchen, gleichsam ein Abgrund von Unbefangenheit,
scherzte, lachte, neckte ihn, und trieb ihn meistens zu kühnen übermüthigen
Wettreiten an, wo sie, wie ein himmlisches tolles, glühendes Räthsel neben
ihm her flog. Er scherzte mit, und ließ sie meistens siegen. Eines Tages aber,
als sie vor Erschöpfung athemlos, nur durch wiederholtes Haschen nach
seinem Zügel andeuten konnte, daß sie wolle, daß er halten solle, und als sie
beim Herabheben vom Pferde schmachtend geflüstert hatte, sie sei besiegt –
damals, nachdem er ihren Steigbügelriemen, an dem etwas gebrochen war,
wieder hergestellt hatte, und sie nun verglühend an einem Baumstamme
stehen sah – riß er sie plötzlich an sich, preßte sie an sein Herz, und ehe er
sehen konnte, ob sie zürne oder frohlocke, sprang er auf sein Pferd und jagte
davon. – Es war Uebermuth gewesen, aber ein Taumel unbeschreiblichen
Entzückens war in jenem Augenblicke in ihm, und vor seiner Seele, wie er
heim ritt, hing das Bild der sanften Wange, des süßen Athems, und der
spiegelnden Augen.
Sie hatten sich von da an nicht mehr gesucht, aber da sie sich einmal
zufällig auf einen Augenblick in dem Saale eines Nachbars sahen, wurden
beider Wangen von einem tiefen Scharlache übergossen.
Murai ging dann auf eine seiner ferneren Besitzungen, und änderte dort
alle Verhältnisse um, die er vorfand.
Brigitta's Herz aber war zu Ende. Es war ein Weltball von Scham in ihrem
Busen empor gewachsen, wie sie so schwieg, und wie eine schattende Wolke
in den Räumen des Hauses herum ging. Aber endlich nahm sie das
aufgequollne schreiende Herz gleichsam in ihre Hand, und zerdrückte es.
Als er von seinen Umänderungen auf dem entfernten Landgute zurück
kam, ging sie in sein Zimmer, und trug ihm mit sanften Worten die
Scheidung an. Da er heftig erschrak, da er sie bath, da er ihr Vorstellungen
machte, sie aber immer dieselben Worte sagte: »Ich habe es dir gesagt, daß es
dich reuen wird, ich habe es dir gesagt, daß es dich reuen wird,« – sprang er
auf, nahm sie bei der Hand, und sagte mit inniger Stimme: »Weib, ich hasse
dich unaussprechlich, ich hasse dich unaussprechlich!«
Sie sagte kein Wort, sondern sah ihn blos mit den trockenen, entzündeten
Augen an – aber als er nach drei Tagen seine Reisekoffer gepackt und
fortgeschickt hatte – als er nun selber in Reisekleidern gegen Abend
fortgeritten war: so lag sie, wie einst, da sie die Dichtungen ihres Herzens den
Büschen des Gartens zugerufen hatte, auch jetzt vor Schmerz auf dem
Teppiche ihres Zimmerbodens, und so heiße Tropfen rannen aus ihren
Augen, als müssen sie ihr Gewand, den Teppich und das Getäfel des Bodens
durchbrennen – es waren die letzten, die sie dem noch immer Heißgeliebten
nach sandte, dann keine mehr. Er ritt indessen auf der finstern Ebene, und
hatte hundertmal im Sinne, sich mit der Sattelpistole das siedende Gehirn zu
zerschmettern. Er war bei seinem Ritte, da es noch Tag war, an Gabrielen
vorüber gekommen, sie stand auf dem Balkon ihres Schlosses, aber er hatte
nicht hinauf gesehen und war weiter geritten.
Nach einem halben Jahre sandte er die Einwilligung zur Scheidung, und
trat ihr auch den Knaben ab, war es nun, daß er ihn in ihren Händen besser
aufgehoben meinte, war es noch die alte Liebe, die ihr nicht alles rauben
wollte, ihr, die nun ganz allein sei, während ihm die weite Welt vor Augen
lag. In Bezug auf das Vermögen hatte er für sie und den Knaben am
günstigsten gesorgt, wie es nur immer möglich war. Er sandte die Papiere, die
diese Sache enthielten, mit. Dies war das erste und letzte Zeichen, das Murai
von seinem Dasein gegeben hatte, nachher kam keines mehr, und er erschien
auch nicht wieder. Die Summen, die er brauchte, waren an ein Antwerpner
Haus angewiesen. Dies sagte später sein Verwalter, mehr wußte der auch
nicht.
Um diese Zeit waren kurz nacheinander Brigitta's Vater, ihre Mutter und
die beiden Schwestern gestorben. Murai's Vater, der ohnedem schon sehr alt
war, starb auch in kurzer Zeit darnach.
So war Brigitta im strengen Sinne des Wortes ganz allein mit ihrem Kinde.
Sie hatte sehr weit von der Hauptstadt ein Haus auf einer öden Haide, wo
sie niemand kannte. Das Gut hieß Marosheli, woher auch der Name der
Familie stammte. Nach der Scheidung nahm sie ihren ursprünglichen Namen
Marosheli wieder an, und begab sich in das Haidehaus, um sich dort zu
verbergen.
So wie sie einstens, wenn man ihr wohl aus Mitleiden eine schöne Puppe
gegeben hatte, dieselbe nach kurzer Freude wieder weg warf, und schlechte
Dinge in ihr Bettchen trug, als Steine, Hölzchen und dergleichen: so nahm sie
jetzt auch ihr größtes Gut, das sie hatte, nach Marosheli mit, ihren Sohn,
pflegte und hüthete ihn, und ihr Auge hing einzig und allein über dem
Bettchen desselben.
Wie er größer wurde, und sein kleines Auge und sein Herz sich erweiterte,
that es auch das ihre mit; sie begann die Haide um sich zu sehen, und ihr
Geist fing an, die Oede rings um sich zu bearbeiten. Sie nahm Männerkleider,
stieg wieder, wie einst in ihrer Jugend, zu Pferde, und erschien unter ihrem
Gesinde. Wie der Knabe sich nur auf einem Pferde halten konnte, war er
überall mit, und die thätige, schaffende, heischende Seele seiner Mutter floß
allgemach in ihn. Diese Seele griff immer weiter um sich, der Himmel des
Erschaffens senkte sich in sie; grüne Hügel schwellten sich, Quellen rannen,
Reben flüsterten, und in das öde Steinfeld war ein kraftvoll weiterschreitend
Heldenlied gedichtet. Und die Dichtung trug, wie sie thut, auch ihren Segen.
Manche ahmten nach, es erhob sich der Verein, Entferntere wurden
begeistert, und hie und da auf der öden blinden Haide schlug sich ein
menschlich freies Walten, wie ein schönes Auge auf.
Nach fünfzehn Jahren, während welchen Brigitta auf Marosheli hauste,
kam der Major, indem er seinen Landsitz Uwar, wo er sonst nie gewesen war,
bezog. Von diesem Weibe lernte er, wie er mir selber sagte, Thätigkeit und
Wirken – und zu diesem Weibe faßte er jene tiefe und verspätete Neigung,
von der wir oben erzählt haben.
Nachdem nun, wie am Eingange des Abschnittes erwähnt wurde, dieser
Theil aus Brigitta's früherem Leben erzählt ist, gehen wir wieder in der
Entwicklung der Zustände weiter, wo wir sie gelassen.
4.
Steppengegenwart.
Wir ritten nach Marosheli. Brigitta ist wirklich jenes reitende Weib
gewesen, das mir die Pferde mitgegeben hatte. Sie erinnerte sich mit
freundlichem Lächeln an unsere alte Bekanntschaft. Meine Wangen wurden
roth, weil ich auf das Trinkgeld dachte. Es war niemand anderer zum
Besuche da, als der Major und ich. Er stellte mich als einen Reisebekannten
vor, mit dem er einmal viel zusammen gewesen sei, und von dem er sich
schmeichle, daß er nun von einem Bekannten in einen Freund über zu gehen
im Begriffe sei. Ich erlebte die Freude – und es war mir wirklich keine
unbedeutende – daß sie fast alle Dinge wußte, die sich auf mein früheres
Zusammensein mit ihm bezogen, daß er ihr also viel von mir erzählt haben
mußte, daß er noch mit Vorliebe bei jenen Tagen verweile, und daß sie es der
Mühe werth hielt, sich diese Sachen zu merken.
Sie sagte, sie wolle mich nicht in ihrem Schlosse und in ihren Feldern
herum führen, ich werde das gelegentlich sehen, wenn wir spazieren gehen,
und wenn ich oft genug von Uwar werde herüber gekommen sein, wozu sie
mich höflich einlade.
Dem Major machte sie einen Vorwurf, warum er denn so lange nicht
herüber gekommen sei. Er entschuldigte sich mit den vielen Geschäften, und
hauptsächlich damit, daß er ohne mich nicht herüber reiten wollte, und daß er
doch vorher erst sehen wollte, wie sehr oder wie wenig ich zu seiner
Freundin passe.
Wir gingen in einen großen Saal, in dem wir ein wenig ausruhten. Der
Major zog eine Schreibtafel hervor und fragte sie um mehrere Dinge, die sie
klar und einfach beantwortete, und von denen er sich manche aufzeichnete.
Auch sie fragte dann um Verschiedenes, was sich auf manchen Nachbar, auf
die Geschäfte des Augenblickes, oder auf den künftigen Landtag bezog. Ich
sah bei dieser Gelegenheit, mit welch tiefem Ernste sie die Dinge
behandelten, und welche Aufmerksamkeit der Major auf ihre Meinungen
legte. Wo sie in etwas unsicher war, gestand sie ihre Unwissenheit und bat
den Major um Berichtigung.
Als wir ausgeruht hatten, und der Major die Schreibtafel einsteckte,
standen wir auf, um in den Besitzungen einen Spaziergang zu machen. Hier
redete man häufig von den Veränderungen, die erst jüngst in ihrem Hause
entstanden waren. Wenn sie hiebei auf Dinge seines Hauses kam, war es mir,
als läge eine Art Zärtlichkeit darinnen, wie sie sich um dieselben
bekümmerte. Sie zeigte ihm den neuen hölzernen Säulengang am
Gartengeschoße des Hauses, und fragte, ob sie Reben hinan ziehen solle; an
seinen Hoffenstern, meinte sie, ließe sich auch so ein Ding anbringen, wo es
sich in der Spätherbstsonne recht angenehm sitze. Sie führte uns in den Park,
der vor zehn Jahren ein wüster Eichenwald gewesen war; jetzt gingen Wege
durch, flossen eingehegte Quellen, und wandelten Rehe. Sie hatte durch
unsägliche Ausdauer um den ungeheuren Umfang desselben eine hohe Mauer
gegen die Wölfe aufführen lassen. Das Geld hiezu zog sie langsam aus ihrem
Viehstande, und aus den Maisfeldern, deren Pflege sie sehr empor gebracht
hatte. Als die Einhegung fertig war, ging man in einem geschlossenen Jagen
Schritt für Schritt durch jede Stelle des Parkes, um zu sehen, ob man nicht
etwa einen Wolf zu künftiger Brut mit eingemauert habe. Aber es war keiner
zugegen. Dann erst wurden Rehe in die Einhegung gesetzt, und für Anderes
Vorkehrungen gemacht. Die Rehe, schien es, wußten das alles und dankten
ihr dafür; denn, wenn wir manches bei unserem Gange sahen, war es nicht
scheu und blickte mit den dunkeln, glänzenden Augen gegen uns herüber.
Brigitta führte ihre Gäste und Freunde recht gerne durch den Park, weil sie
ihn liebte. Wir kamen oben auch zur Anlage der Fasanen. Wie wir so durch
die Wege gingen, und weiße Wolken durch die Eichenwipfel herein schauten,
gewann ich Gelegenheit, Brigitta zu betrachten. Ihre Augen, schien es mir,
waren noch schwärzer und glänzender, als die der Rehe, und mochten heute
besonders hell strahlen, weil der Mann an ihrer Seite ging, der ihr Wirken
und Schaffen zu würdigen verstand. Ihre Zähne waren schneeweiß, und der
für ihre Jahre noch geschmeidige Wuchs zeigte von unverwüstlicher Kraft.
Da sie den Major erwartet hatte, war sie in Frauenkleidern und hatte ihre
Geschäfte bei Seite gesetzt, weil sie den Tag für uns widmete.
Unter Gesprächen der verschiedensten Art, von der Zukunft des Landes,
von Hebung und Verbesserung des gemeinen Mannes, von Bearbeitung und
Benützung des Bodens, von Ordnung und Einschränkung des Donaustromes,
von ausgezeichneten Persönlichkeiten der Vaterlandsfreunde, kamen wir
durch den größten Theil des Parkes, da sie uns, wie ich schon oben sagte,
nicht durch ihre Besitzungen herum führen, sondern uns nur Gesellschaft
leisten wollte. Da wir zu dem Hause zurückkehrten, war es Essenszeit. Zum
Mahle kam auch Gustav, der Sohn Brigitta's, mit ziemlich verbrannten
Wangen, ein lieblich schlanker Jüngling, eine Blume von Gesundheit. Er
hatte heute an der Stelle der Mutter die Felder besucht, und die Arbeiten
eingetheilt, und berichtete ihr jetzt manches mit kurzen Worten. Bei Tische
saß er horchend und bescheiden unten an; in seinen schönen Augen lag
Begeisterung für die Zukunft und unendliche Güte für die Gegenwart. Da
auch, wie bei dem Major, das Gesinde mit an dem Tische saß, so bemerkte
ich meinen Freund Milosch, der mich zum Zeichen alter Bekanntschaft
grüßte.
Der größte Theil des Nachmittages verging mit Besichtigung mehrerer
Veränderungen, die dem Major neu waren, mit einer Stunde im Garten, und
mit einem Gange durch den Weinberg.
Gegen Abend nahmen wir Abschied. Da wir unsere Kleider zusammen
suchten, machte Brigitta dem Major einen Vorwurf, daß er neulich in der
Nachtluft von Gömör weg in leichten Kleidern nach Hause geritten sei – ob
er denn nicht wisse, wie tükisch die Thauluft dieser Ebene sei, daß er sich so
aussetze?! Er vertheidigte sich nicht, und sagte, er werde in Zukunft schon
vorsichtiger sein. Ich aber wußte recht gut, daß er damals seine Bunda Gustav
aufgenöthigt hatte, der ohne eine gekommen war, und dem er vorgelogen
hatte, daß er noch eine andere im Stalle liegen habe. Dieses Mal aber
schieden wir mit allem hinlänglich versorgt und verwahrt. Brigitta selbst
bekümmerte sich um jedes, und ging erst in das Haus zurück, als wir schon in
unsern dichten Oberkleidern zu Pferde saßen, und der Mond aufging. Sie
hatte dem Major noch ein paar Aufträge gegeben, und beurlaubte sich dann
mit einfacher edler Freundlichkeit.
Die Gespräche der zwei Menschen waren den ganzen Tag über ruhig und
heiter gewesen, aber mir schien es, als zitterte eine heimliche Innigkeit durch,
der sich beide schämten Raum zu geben, wahrscheinlich, weil sie sich für zu
alt hielten. Auf dem Rückwege aber sagte der Major zu mir, als ich mich
einiger wahrhafter aufrichtiger Lobesworte auf diese Frau nicht enthalten
konnte: »Freund! ich bin oft in meinem Leben heiß begehrt worden, ob auch
so geliebt, weiß ich nicht; aber die Gesellschaft und die Achtung dieser Frau
ist mir ein größeres Glück auf dieser Welt geworden, als jedes andere in
meinem Leben, das ich für eines gehalten habe.«
Er hatte diese Worte ohne alle Leidenschaft gesagt, aber mit einer solchen
Ruhe der Gewißheit, daß ich in meinem Herzen von der Wahrheit derselben
vollständig überzeugt war. Mir geschah es in diesem Augenblicke beinahe,
was sonst nicht meine Art ist, daß ich den Major um diese Freundschaft und
um sein häusliches Wirken beneidete; denn ich hatte damals recht auf der
ganzen Welt nichts Festes, um mich daran zu halten, als etwa meinen
Wanderstab, den ich wohl in Bewegung setzte, dieses und jenes Land zu
sehen, der aber doch nicht recht nachhalten wollte.
Als wir nach Hause kamen, trug mir der Major an, daß ich noch den
Sommer und Winter bei ihm zubringen möchte. Er hatte begonnen, mich mit
größerer Vertraulichkeit zu behandeln, und mich tiefer in sein Leben und sein
Herz blicken zu lassen, daß ich eine große Liebe und Neigung zu dem Manne
faßte. Ich sagte also zu. Und da ich dieses nun einmal gethan hätte, sagte er,
so wolle er mir auch sogleich einen Geschäftszweig seines Hauses auftragen,
den ich ständig besorgen sollte – es würde mich nicht reuen, sagte er, und
würde mir gewiß in der Zukunft von Nutzen sein. Ich willigte ebenfalls ein,
und in der That, es war mir von Nutzen. Daß ich nun einen Hausstand habe,
daß ich eine liebe Gattin habe, für die ich wirke, daß ich nun Gut um Gut,
That um That in unsern Kreis herein ziehe, verdanke ich dem Major. Als ich
einmal ein Theil jenes einträchtigen Wirkens war, das er entfaltete, wollte ich
doch die Sache so gut machen, als ich konnte, und da ich mich übte, machte
ich sie immer besser, ich war nütze und achtete mich – und da ich die
Süßigkeit des Schaffens kennen lernte, erkannte ich auch, um wie viel mehr
werth sei, was ein gegenwärtig Gutes setzt, als das bisherige Hinschlendern,
das ich Erfahrungen sammeln nannte, und ich gewöhnte mich an Thätigkeit.
So ging die Zeit nach und nach hin, und ich war unendlich gerne in Uwar
und seiner Umgebung.
Ich kam in diesen Verhältnissen öfter nach Marosheli. Man achtete mich,
und ich war fast wie ein Glied der Familien, und lernte die Sachlage immer
besser kennen. Von einer unheimlichen Leidenschaft, von einem fieberhaften
Begehren, oder gar von Magnetismus, wie ich gehört hatte, war keine Spur.
Dagegen war das Verhältniß zwischen dem Major und Brigitta von ganz
merkwürdiger Art, daß ich nie ein ähnliches erlebt habe. Es war ohne
Widerrede das, was wir zwischen Personen verschiedenen Geschlechtes
Liebe nennen würden, aber es erschien nicht als solches. Mit einer Zartheit,
mit einer Verehrung, die wie an die Hinneigung zu einem höheren Wesen
erinnerte, behandelte der Major das alternde Weib; sie war mit sichtlicher
innerlicher Freude darüber erfüllt, und diese Freude, wie eine späte Blume,
blühte auf ihrem Antlitze, und legte einen Hauch von Schönheit darüber, wie
man es kaum glauben sollte, aber auch die feste Rose der Heiterkeit und
Gesundheit. Sie gab dem Freunde dieselbe Achtung und Verehrung zurück,
nur daß sich zuweilen ein Zug von Besorgniß um seine Gesundheit, um seine
kleinen Lebensbedürfnisse und dergleichen einmischte, der doch wieder dem
Weibe und der Liebe angehörte. Ueber dieses hinaus ging das Benehmen
beider nicht um ein Haar – und so lebten sie neben einander fort.
Der Major sagte einmal zu mir, daß sie in einer Stunde, wo sie, wie es
selten zwischen Menschen geschieht, mit einander inniger über sich selber
sprachen, festgesetzt haben, daß Freundschaft der schönsten Art, daß
Aufrichtigkeit, daß gleiches Streben und Mittheilung zwischen ihnen
herrschen sollte, aber weiter nichts; an diesem sittlich festen Altare wollen sie
stehen bleiben, vielleicht glücklich bis zum Lebensende – sie wollen keine
Frage weiter an das Schicksal thun, daß es keinen Stachel habe, und nicht
wieder tükisch sein möge. Dies sei nun schon mehrere Jahre so, und werde so
bleiben.
Das hatte der Major zu mir gesagt – allein in einiger Zeit darauf that das
ungefragte Schicksal von selber eine Antwort, die alles schnell und auf
unerwartete Art lösete.
Es war schon sehr spät im Herbste, man könnte sagen, zu Anfang Winters,
ein dichter Nebel lag eines Tages auf der bereits fest gefrornen Haide, und ich
ritt eben mit dem Major auf jenem neugebauten Wege mit der jungen
Pappelallee, wir hatten vor, vielleicht ein wenig zu jagen, – als wir plötzlich
durch den Nebel herüber zwei dumpfe Schüsse fallen hörten.
»Das sind meine Pistolen, und keine andern,« rief der Major.
Ehe ich etwas begreifen und fragen konnte, sprengte er schon die Allee
entlang, so furchtbar, wie ich nie ein Pferd habe laufen gesehen, ich folgte
ihm nach, weil ich ein Unglück ahnete, und als ich wieder zu ihm kam, traf
ich auf ein Schauspiel, so gräßlich und so herrlich, daß noch jetzt meine Seele
schaudert und jauchzt: an der Stelle, wo der Galgen steht, und der
Binsenbach schillert, hatte der Major den Knaben Gustav gefunden, der sich
nur noch matt gegen ein Rudel Wölfe wehrte. Zwei hatte er erschossen,
einen, der vorne an sein Pferd gesprungen war, wehrte er mit seinem Eisen,
die andern bannte er für den Augenblick mit der Wuth seiner vor Angst und
Wildheit leuchtenden Augen, die er auf sie bohrte; aber harrend und lechzend
umstanden sie ihn, daß eine Wendung, ein Augenzucken, ein Nichts Grund
werden könne, mit eins auf ihn zu fallen – da, im Augenblicke der höchsten
Noth, erschien der Major. Als ich ankam, war er schon wie ein verderblich
Wunder, wie ein Meteor, mitten unter ihnen – der Mann war fast entsetzlich
anzuschauen, ohne Rücksicht auf sich, fast selber wie ein Raubthier warf er
sich ihnen entgegen. Wie er von dem Pferde gekommen war, hatte ich nicht
gesehen, da ich später ankam; den Knall seiner Doppelpistolen hatte ich
gehört, und wie ich auf dem Schauplatze erschien, glänzte sein Hirschfänger
gegen die Wölfe, und er war zu Fuß. Drei – vier Sekunden mochte es
gedauert haben, ich hatte blos Zeit, mein Jagdgewehr unter sie abzudrücken,
und die unheimlichen Thiere waren in den Nebel zerstoben, als wären sie von
ihm eingetrunken worden.
»Ladet,« schrie der Major, »sie werden gleich wieder hier sein.«
Er hatte die weggeschleuderten Pistolen aufgerafft, und stieß die Patronen
hinein. Wir luden auch, und in dem Augenblicke, da wir ein wenig still
waren, vernahmen wir den unheimlichen Trab um die Galgeneiche herum. Es
war klar, die hungrigen geängsteten Thiere umkreisten uns, bis ihnen wieder
etwa der Muth zum Angriffe gewachsen sein würde. Eigentlich sind diese
Thiere, wenn sie nicht von dem Hunger gespornt werden, feig. Wir waren zu
einer Wolfsjagd nicht gerüstet, der unselige Nebel lag dicht vor unsern
Augen, daher schlugen wir den Weg zu dem Schlosse ein. Die Pferde
schossen in Todesangst dahin, und da wir so ritten, sah ich es mehr als ein
Mal wie einen jagenden Schatten neben mir, grau im grauen Nebel. In
unsäglicher Geduld eilte die Heerde neben uns. Wir mußten in steter
Bereitschaft sein. Von dem Major fiel einmal links ein Schuß, aber wir
erkannten nichts, zum Reden war keine Zeit, und so langten wir an dem
Parkgitter an, und wie wir hinein drangen, brachen die edlen, schönen,
dahinter harrenden Doggen neben uns heraus, und in demselben Augenblicke
scholl auch schon aus dem Nebel ihr wüthendes Heulen, hinter den Wölfen
haidewärts schweifend.
»Sitzt alle auf,« rief der Major den entgegen eilenden Knechten zu, »laßt
alle Wolfshunde los, daß meine armen Doggen nichts leiden. Biethet die
Nachbarn auf, und jagt, so viel Tage ihr wollt. Ich gebe für jeden todten Wolf
das doppelte Schußgeld, die ausgenommen, die an der Galgeneiche liegen;
denn die haben wir selbst getödtet. An der Eiche liegt vielleicht auch eine der
Pistolen, die ich voriges Jahr an Gustav geschenkt habe, denn ich sehe nur
eine in seiner Hand, und das Sattelfach der andern ist leer; seht zu, ob es so
ist.«
»Seit fünf Jahren,« sagte er zu mir gewendet, da wir im Parke weiter ritten,
»hat sich kein Wolf so nahe zu uns gewagt, und es war sonst ganz sicher hier.
Es muß einen harten Winter geben, und er muß in den nördlichen Ländern
schon begonnen haben, daß sie sich bereits so weit herab drücken.«
Die Knechte hatten den Befehl des Herrn vernommen und in weniger Zeit,
als es mir glaublich schien, war ein Haufen Jäger ausgerüstet, und das
Geschlecht jener schönen zottigen Hunde war neben ihnen, das den
ungarischen Haiden eigen und für sie so unentbehrlich ist. Man beredete sich
wie man die Nachbarn abholen wolle, und dann gingen sie fort, um eine Jagd
einzuleiten, von der sie erst in acht, vierzehn, oder noch mehreren Tagen
zurückkehren würden.
Wir hatten alle drei, ohne von den Pferden zu steigen, dem größten Theil
dieser Anstalten zugeschaut. Als wir uns aber von den Wirthschaftsgebäuden
dem Schlosse zuwendeten, sahen wir, daß Gustav doch verwundet sei. Als
wir nemlich unter dem Thorbogen anlangten, von wo wir in unsere Zimmer
wollten, wandelte ihn eine Uebelkeit an, und er drohte von dem Pferde zu
sinken. Einer von den Leuten fing ihn auf und hob ihn herunter, da sahen wir,
daß die Lenden des Thieres von Blut gefärbt waren. Wir brachten ihn in eine
Wohnung des Erdgeschoßes, die gegen den Garten hinaus ging, der Major
befahl sogleich Feuer in den Kamin zu machen, und das Bett zu bereiten. Als
indessen die schmerzende Stelle entblößt worden war, untersuchte er selber
die Wunde. Es war ein leichter Biß im Schenkel, ohne Gefahr, nur der
Blutverlust und die vorhergegangene Aufregung ließ jetzt den Jüngling mit
Ohnmachten kämpfen. Er ward in das Bett gebracht, und sofort ein Bote an
den Arzt und einer an Brigitta abgefertigt. Der Major blieb bei dem Bette und
sorgte, daß keine der Ohnmachten überhand nehmen könne. Als der Arzt
kam, gab er ein stärkendes Mittel, erklärte die Sache für durchaus
ungefährlich, und sagte, daß der Blutverlust selber ein Heilmittel gewesen
sei, da er die Heftigkeit der Entzündung mindere, die sonst solchen
Bißwunden gerne folge. Das einzige Krankheitsübel sei die Gewalt der
Gemüthsbewegung, und ein paar Tage Ruhe werde das Fieber und die
Abspannung gänzlich heben. Man war beruhigt und erfreut, und der Arzt
schied unter den Danksagungen aller; denn es war keiner, der den Knaben
nicht liebte. Gegen Abend erschien Brigitta, und nach ihrer entschlossenen
Art ruhte sie nicht eher, als bis sie den Körper ihres Sohnes Glied um Glied
geprüft und sich überzeugt hatte, daß außer der Bißwunde nichts vorhanden
sei, das ein Uebel drohen könnte. Als die Untersuchung vorüber war, blieb
sie doch noch an dem Bette sitzen, und reichte nach der Vorschrift des Arztes
die Arznei. Für die Nacht mußte ihr ein schnell zusammengerafftes Bette im
Krankenzimmer gemacht werden. Am andern Morgen saß sie wieder neben
dem Jünglinge, und horchte auf seinen Athem, da er schlief und so süß und
erquickend schlief, als wolle er nie mehr erwachen. – Da geschah ein
herzerschütternder Auftritt. Ich sehe den Tag noch vor Augen. Ich war hinab
gegangen, um mich nach dem Befinden Gustavs zu erkundigen, und trat in
das Zimmer, das neben dem Krankengemache befindlich war, ein. Ich habe
schon gesagt, daß die Fenster gegen den Garten hinaus gingen: die Nebel
hatten sich gehoben, und eine rothe Wintersonne schaute durch die entlaubten
Zweige in das Zimmer herein. Der Major war schon zugegen, er stand an
dem Fenster, das Angesicht gegen das Glas gekehrt, als sähe er hinaus. Im
Krankengemache, durch dessen Thür ich hinein schaute, und dessen Fenster
durch ganz leichte Vorhänge etwas verdunkelt war, saß Brigitta und sah auf
ihren Sohn. Plötzlich entrang sich ihren Lippen ein freudiger Seufzer, ich
blickte genauer hin, und sah, daß ihr Auge mit Süßigkeit an dem Antlitze des
Knaben hänge, der die seinigen offen hatte; denn er war nach langem Schlafe
aufgewacht, und schaute heiter um sich. Aber auch auf der Stelle, wo der
Major gestanden war, hatte ich ein leichtes Geräusch vernommen, und wie
ich hinblickte, sah ich, daß er sich halb umgewendet hatte, und daß an seinen
Wimpern zwei harte Tropfen hingen. Ich ging gegen ihn, und fragte ihn, was
ihm sei. Er antwortete leise: »Ich habe kein Kind.«
Brigitta mußte mit ihrem scharfen Gehöre die Worte vernommen haben;
denn sie erschien in diesem Augenblicke unter der Thür des Zimmers, sah
sehr scheu auf meinen Freund, und mit einem Blicke, den ich nicht
beschreiben kann, und der sich gleichsam in der zaghaftesten Angst nicht
getraute, eine Bitte auszusprechen, sagte sie nichts, als das einzige Wort:
»Stephan.«
Der Major wendete sich vollends herum – beide starrten sich eine Sekunde
an – nur eine Sekunde – dann aber vorwärts tretend lag er eines Sturzes in
ihren Armen, die sich mit maßloser Heftigkeit um ihn schlossen. Ich hörte
nichts, als das tiefe leise Schluchzen des Mannes, wobei das Weib ihn immer
fester umschlang, und immer fester an sich drückte.
»Nun keine Trennung mehr, Brigitta, für hier und die Ewigkeit.«
»Keine, mein theurer Freund!«
Ich war in höchster Verlegenheit und wollte stille hinaus gehen; aber sie
hob ihr Haupt und sagte: »Bleiben Sie, bleiben Sie.«
Das Weib, das ich immer ernst und strenge gesehen hatte, hatte an seinem
Halse geweint. Nun hob sie, noch in Thränen schimmernd, die Augen – und
so herrlich ist das Schönste, was der arme, fehlende Mensch hienieden
vermag, das Verzeihen – daß mir ihre Züge wie in unnachahmlicher
Schönheit strahlten und mein Gemüth in tiefer Rührung schwamm.
»Arme, arme Gattin,« sagte er beklommen, »fünfzehn Jahre mußte ich dich
entbehren und fünfzehn Jahre warst du geopfert.«
Sie aber faltete die Hände, und sagte bittend in sein Antlitz blickend: »Ich
habe gefehlt, verzeihe mir, Stephan, die Sünde des Stolzes – ich habe nicht
geahnt, wie gut du seist – es war ja blos natürlich, es ist ein sanftes Gesetz
der Schönheit, das uns ziehet.« – –
Er hielt ihr den Mund zu, und sagte: »Wie kannst du nur so reden, Brigitta
– ja, es zieht uns das Gesetz der Schönheit, aber ich mußte die ganze Welt
durchziehen, bis ich lernte, daß sie im Herzen liegt, und daß ich sie daheim
gelassen in einem Herzen, das es einzig gut mit mir gemeint hat, das fest und
treu ist, das ich verloren glaubte, und das doch durch alle Jahre und Länder
mit mir gezogen. – O Brigitta, Mutter meines Kindes! du standest Tag und
Nacht vor meinen Augen.«
»Ich war dir nicht verloren,« antwortete sie, »ich habe traurige, reuevolle
Jahre verlebt! – Wie bist du gut geworden, jetzt kenne ich dich, wie bist du
gut geworden, Stephan!«
Und wieder stürzten sie sich in die Arme, als könnten sie sich nicht
ersättigen, als könnten sie an das gewonnene Glück nicht glauben. Sie waren
wie zwei Menschen, von denen eine große Last genommen ist. Die Welt
stand wieder offen. Eine Freude, wie man sie nur an Kindern findet, war an
ihnen – in dem Augenblicke waren sie auch unschuldig, wie die Kinder; denn
die reinigendste, die allerschönste Blume der Liebe, aber nur der höchsten
Liebe, ist das Verzeihen, darum wird es auch immer an Gott gefunden und an
Müttern. Schöne Herzen thun es öfter – schlechte nie.
Die zwei Gatten hatten mich wieder vergessen und wandten sich in das
Krankenzimmer, wo Gustav, der das Ganze dunkel ahnte, wie eine glühende,
blühende Rose lag, und ihnen athemlos entgegen harrte.
»Gustav, Gustav, er ist dein Vater, und du hast es nicht gewußt,« rief
Brigitta, als sie über die Schwelle in das verdunkelte Zimmer traten.
Ich aber ging in den Garten hinaus, und dachte: »O wie heilig, o wie heilig,
muß die Gattenliebe sein, und wie arm bist du, der du von ihr bisher nichts
erkanntest, und das Herz nur höchstens von der trüben Lohe der Leidenschaft
ergreifen ließest.« – –
Erst spät ging ich in das Schloß zurück, und fand alles gelöset und gelüftet.
Geschäftige Freude, wie heiterer Sonnenschein, wehte durch alle Zimmer.
Man empfing mich mit offenen Armen als Zeugen des schönsten Auftrittes.
Man hatte mich schon allenthalben suchen lassen, da ich ihnen, als sie zu sehr
mit sich beschäftigt waren, aus den Augen gekommen war. Sie erzählten mir
theils gleich in abgebrochenen Sätzen, theils die folgenden Tage im
Zusammenhange alles, was sich zugetragen hatte, und was ich oben
angemerkt habe.
Mein Reisefreund war also Stephan Murai gewesen. Er war unter dem
Namen Bathori, der einem seiner weiblichen Vorfahren gehörte, gereiset. So
hatte ich ihn auch gekannt, aber er ließ sich immer Major nennen, welchen
Rang er in Spanien erworben hatte, und alle Welt nannte ihn auch den Major.
Da er in der ganzen Welt gewesen war, ging er, von seinem Innern gezogen,
unter demselben Namen nach dem wüsten Sitze Uwar, wo er nie gewesen
war, wo ihn niemand kannte, und wo er, wie er recht gut wußte, der Nachbar
seines getrennten Weibes werden würde. Gleichwohl kam er nicht zu ihr
hinüber, die schon so schön auf Marosheli waltete, bis der Ruf die Kunde
ihrer Todeskrankheit zu ihm trug. Da machte er sich auf, ritt hinüber, trat zu
ihr, die ihn vor Fieber nicht kannte, blieb Tag und Nacht bei ihrem Bette,
wachte über sie, und pflegte sie, bis sie genas. Damals durch den
gegenseitigen Anblick gerührt, und von leiser Liebe getrieben, aber dennoch
ängstlich vor der Zukunft, weil sie sich nicht kannten, und weil sich wieder
etwas Fürchterliches zutragen könnte, schlossen sie jenen seltsamen Vertrag
der bloßen Freundschaft, den sie Jahre lang hielten, und den bisher keines
zuerst anzurühren wagte, bis ihn das Geschick durch einen scharfen Schnitt,
den es in beider Herzen that, trennte, und zu dem schöneren natürlicheren
Bunde wieder zusammen fügte.
Alles war nun gut.
Nach vierzehn Tagen wurde es in der Gegend kund gethan, und die
lästigen Glückwünscher kamen von nahe und von ferne.
Ich aber blieb noch den ganzen Winter bei den Leuten und zwar auf
Marosheli, wo vorläufig alles wohnte, und von wo der Major im Sinne hatte,
Brigitta nie fort zu ziehen, weil sie da in Mitte ihrer Schöpfung sei. Am
freudigsten war schier Gustav, der immer so an dem Major gehangen war,
der ihn immer leidenschaftlich und einseitig den herrlichsten Mann dieser
Erde nannte, und der ihn nun als Vater verehren durfte, ihn, an dem sein
Auge, wie an einer Gottheit hing.
Ich habe jenes Winters zwei Herzen kennen gelernt, die sich nun erst recht
zu einer vollen, wenn auch verspäteten Blume des Glückes aufschlossen.
Ich werde diese Herzen nie, nie vergessen! – –
Im Frühjahre nahm ich wieder mein deutsches Gewand, meinen deutschen
Stab, und wanderte dem deutschen Vaterlande zu. Ich sah auf dem Rückwege
Gabrielens Grabmal, die schon vor zwölf Jahren im Gipfel ihrer jugendlichen
Schönheit gestorben war. Auf dem Marmor standen zwei große weiße Lilien.
Mit trüben, sanften Gedanken zog ich weiter, bis die Leitha überschritten
war, und die lieblichen blauen Berge des Vaterlandes vor meinen Augen
dämmerten.

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