Bunte Steine


Ein Festgeschenk von
Adalbert Stifter
Berlin 1922
Volksverband der Bücherfreunde
Wegweiser-Verlag G. m. b. H.


Einleitung.
Als Knabe trug ich außer Ruten, Gesträuchen und Blüten, die mich
ergötzten, auch noch andere Dinge nach Hause, die mich fast noch mehr
freuten, weil sie nicht so schnell Farbe und Bestand verloren wie die
Pflanzen, nämlich allerlei Steine und Erddinge. Auf Feldern, an Rainen, auf
Heiden und Hutweiden, ja sogar auf Wiesen, auf denen doch nur das hohe
Gras steht, liegen die mannigfaltigsten dieser Dinge herum. Da ich nun viel
im Freien umherschweifen durfte, konnte es nicht fehlen, daß ich bald die
Plätze entdeckte, auf denen die Dinge zu treffen waren, und daß ich die,
welche ich fand, mit nach Hause nahm.
Da ist an dem Wege, der von Oberplan nach Hossenreuth führt, ein
geräumiges Stück Rasen, welches in die Felder hineinführt und mit einer
Mauer aus losen Steinen eingefaßt ist. In diesen Steinen stecken kleine
Blättchen, die wie Silber und Diamanten funkeln, und die man mit einem
Messer oder mit einer Ahle herausbrechen kann. Wir Kinder hießen diese
Blättchen Katzensilber und hatten eine sehr große Freude an ihnen.
Auf dem Berglein des Altrichters befindet sich ein Stein, der so fein und
weich ist, daß man ihn mit einem Messer schneiden kann. Die Bewohner
unserer Gegend nennen ihn Taufstein. Ich machte Täfelchen, Würfel, Ringe
und Petschaften aus dem Steine, bis mir ein Mann, der Uhren, Barometer und
Stammbäume verfertigte und Bilder lackierte, zeigte, daß man den Stein mit
einem zarten Firnisse anstreichen müsse, und daß dann die schönsten blauen,
grünen und rötlichen Linien zum Vorschein kämen.
Wenn ich Zeit hatte, legte ich meine Schätze in eine Reihe, betrachtete sie
und hatte mein Vergnügen an ihnen. Besonders hatte die Verwunderung kein
Ende, wenn es auf einem Steine so geheimnisvoll glänzte und leuchtete und
äugelte, daß man es gar nicht ergründen konnte, woher denn das käme.
Freilich war manchmal auch ein Stück Glas darunter, das ich auf den Feldern
gefunden hatte und das in allerlei Regenbogenfarben schimmerte. Wenn sie
dann sagten, das sei ja nur ein Glas und noch dazu ein verwitterndes,
wodurch es eben diese schimmernden Farben erhalten habe, so dachte ich: Ei,
wenn es auch nur ein Glas ist, so hat es doch die schönen Farben, und es ist
zum Staunen, wie es in der kühlen, feuchten Erde diese Farben empfangen
konnte, und ich ließ es unter den Steinen liegen.
Dieser Sammelgeist nun ist noch immer nicht von mir gewichen. Nicht
nur trage ich noch heutzutage buchstäblich Steine in der Tasche nach Hause,
um sie zu zeichnen oder zu malen und ihre Abbilder dann weiter zu
verwenden, sondern ich lege ja auch hier eine Sammlung von allerlei
Spielereien und Kram für die Jugend an, an dem sie eine Freude haben und
den sie sich zur Betrachtung zurechtrichten möge. Freilich müssen meine
jungen Freunde zu dieser Sammlung bedeutend älter sein als ich, da ich mir
meine seltsamen Feldsteine zur Ergötzung nach Hause trug. Es wird der Fall
nicht eintreten, daß ein Juwel in der Sammlung sei, so wie kaum die Gefahr
vorhanden ist, daß ich unter meinen Steinen einstens etwa einen
ungeschliffenen Diamanten oder Rubin gehabt habe und ohne mein Wissen
unermeßlich reich gewesen sei. Wenn aber manches Glasstück unter diesen
Dingen ist, so bitte ich meine Freunde, zu denken, wie ich bei meinem Glase
gedacht habe: es hat doch allerlei Farben und mag bei den Steinen belassen
bleiben.
Wenn man einem Verstorbenen eine Sammlung widmen könnte, würde
ich diese meinem verstorbenen jungen Freunde Gustav widmen. Ich hatte ihn
zufällig kennengelernt, ihn lieb gewonnen, und er hatte mir wie ein Vater
vertraut. Er hatte Freude an Spielereien, so wie er auch gleich einem
Mädchen noch immer gelegentlich ein Stückchen Naschwerk liebte und,
wenn er bei mir zu Tische war, auch stets bekam. Möge er in seiner lichteren
Heimat manchmal an den älteren Freund denken, der noch immer in dieser
Welt ist und noch ein Stückchen Zeit dazubleiben wünscht.
Weil es unermeßlich viel Steine gibt, so kann ich gar nicht voraussagen,
wie groß diese Sammlung werden wird.
Im Herbste 1852.
Der Verfasser.
Granit.
Vor meinem väterlichen Geburtshause, dicht neben der Eingangstür in
dasselbe, liegt ein großer, achteckiger Stein von der Gestalt eines sehr in die
Länge gezogenen Würfels. Seine Seitenflächen sind roh ausgehauen, seine
obere Fläche aber ist von dem vielen Sitzen so fein und glatt geworden, als
wäre sie mit der kunstreichsten Glasur überzogen. Der Stein ist sehr alt, und
niemand erinnert sich, von einer Zeit gehört zu haben, wann er gelegt worden
sei. Die urältesten Greise unseres Hauses waren auf dem Steine gesessen, so
wie jene, welche in zarter Jugend hinweggestorben waren und nebst all den
andern in dem Kirchhofe schlummern. Das Alter beweist auch der Umstand,
daß die Sandsteinplatten, welche dem Steine zur Unterlage dienen, schon
ganz ausgetreten und dort, wo sie unter der Dachtraufe hinausragen, mit
tiefen Löchern von den herabfallenden Tropfen versehen sind.
Eines der jüngsten Mitglieder unseres Hauses, welche auf dem Steine
gesessen waren, war in meiner Knabenzeit ich. Ich saß gern auf dem Steine,
weil man wenigstens dazumal eine große Umsicht von demselben hatte. Jetzt
ist sie etwas verbaut worden. Ich saß gern im ersten Frühling dort, wenn die
milder werdenden Sonnenstrahlen die erste Wärme an der Wand des Hauses
erzeugten. Ich sah auf die geackerten, aber noch nicht bebauten Felder
hinaus, ich sah dort manchmal ein Glas wie einen weißen, feurigen Funken
schimmern und glänzen oder ich sah einen Geier vorüberfliegen oder ich sah
auf den fernen, bläulichen Wald, der mit seinen Zacken an dem Himmel
dahingeht, an dem die Gewitter und Wolkenbrüche hinabziehen und der so
hoch ist, daß ich meinte, wenn man auf den höchsten Baum desselben
hinaufstiege, müßte man den Himmel angreifen können. Zu andern Zeiten
sah ich auf der Straße, die nahe an dem Hause vorübergeht, bald einen
Erntewagen, bald eine Herde, bald einen Hausierer vorüberziehen.
Im Sommer saß gern am Abend auch der Großvater auf dem Steine und
rauchte sein Pfeifchen, und manchmal, wenn ich schon lange schlief oder in
den beginnenden Schlummer nur noch gebrochen die Töne hineinhörte,
saßen auch teils auf dem Steine, teils auf dem daneben befindlichen
Holzbänkchen oder auf der Lage von Baubrettern junge Burschen und
Mädchen und sangen anmutige Lieder in die finstere Nacht.
Unter den Dingen, die ich von dem Steine aus sah, war öfter auch ein
Mann von seltsamer Art. Er kam zuweilen auf der Hossenreuther Straße mit
einem glänzenden, schwarzen Schubkarren heraufgefahren. Auf dem
Schubkarren hatte er ein glänzendes, schwarzes Fäßchen. Seine Kleider
waren zwar vom Anfange an nicht schwarz gewesen, allein sie waren mit der
Zeit sehr dunkel geworden und glänzten ebenfalls. Wenn die Sonne auf ihn
schien, so sah er aus, als wäre er mit Öl eingeschmiert worden. Er hatte einen
breiten Hut auf dem Haupte, unter dem die langen Haare auf den Nacken
hinabwallten. Er hatte ein braunes Angesicht, freundliche Augen und seine
Haare hatten bereits die gelblich weiße Farbe, die sie bei Leuten unterer
Stände, die hart arbeiten müssen, gern bekommen. In der Nähe der Häuser
schrie er gewöhnlich etwas, was ich nicht verstand. Infolge dieses Schreiens
kamen unsere Nachbarn aus ihren Häusern heraus, hatten Gefäße in der
Hand, die meistens schwarze, hölzerne Kannen waren, und begaben sich auf
unsere Gasse. Während dies geschah, war der Mann vollends näher
gekommen und schob seinen Schubkarren auf unsere Gasse herzu. Da hielt er
stille, drehte den Hahn in dem Zapfen seines Fasses und ließ einem jedem,
der unterhielt, eine braune, zähe Flüssigkeit in sein Gefäß rinnen, die ich
recht gut als Wagenschmiere erkannte, und wofür sie ihm eine Anzahl
Kreuzer oder Groschen gaben. Wenn alles vorüber war und die Nachbarn
sich mit ihrem Kaufe entfernt hatten, richtete er sein Faß wieder zusammen,
strich alles gut hinein, was hervorgequollen war, und fuhr weiter. Ich war bei
dem Vorfalle schier alle Male zugegen; denn wenn ich auch eben nicht auf
der Gasse war, da der Mann kam, so hörte ich doch so gut wie die Nachbarn
sein Schreien und war gewiß eher auf dem Platze als alle andern.
Eines Tages, da die Lenzsonne sehr freundlich schien und alle Menschen
heiter und schelmisch machte, sah ich ihn wieder die Hossenreuther Straße
herauffahren. Er schrie in der Nähe der Häuser seinen gewöhnlichen Gesang,
die Nachbarn kamen herbei, er gab ihnen ihren Bedarf und sie entfernten
sich. Als dieses geschehen war, brachte er sein Faß wie zu sonstigen Zeiten in
Ordnung. Zum Hineinstreichen dessen, was sich etwa an dem Hahne oder
durch das Lockern des Zapfens an den untern Faßdauben angesammelt hatte,
hatte er einen langen, schmalen, flachen Löffel mit kurzem Stiele. Er nahm
mit dem Löffel geschickt jedes Restchen Flüssigkeit, das sich in einer Fuge
oder in einem Winkel versteckt hatte, heraus und strich es bei den scharfen
Rändern des Spundloches hinein. Ich saß, da er dieses tat, auf dem Steine und
sah ihm zu. Aus Zufall hatte ich bloße Füße, wie es öfter geschah, und hatte
Höschen an, die mit der Zeit zu kurz geworden waren. Plötzlich sah er von
seiner Arbeit zu mir herzu und sagte: »Willst du die Füße eingeschmiert
haben?«
Ich hatte den Mann stets für eine große Merkwürdigkeit gehalten, fühlte
mich durch seine Vertraulichkeit geehrt und hielt beide Füße hin. Er fuhr mit
seinem Löffel in das Spundloch, langte damit herzu und tat einen langsamen
Strich auf jeden der beiden Füße. Die Flüssigkeit breitete sich schön auf der
Haut aus, hatte eine außerordentlich klare, goldbraune Farbe und sandte die
angenehmen Harzdüfte zu mir empor. Sie zog sich ihrer Natur nach
allmählich um die Rundung meiner Füße herum und an ihnen hinab. Der
Mann fuhr indessen in seinem Geschäfte fort, er hatte ein paar Male lächelnd
auf mich herzugeblickt, dann steckte er seinen Löffel in eine Scheide neben
dem Faß, schlug oben das Spundloch zu, nahm die Tragbänder des
Schubkarrens auf sich, hob letzteren empor und fuhr damit davon. Da ich nun
allein war und ein zwar halb angenehmes, aber desungeachtet auch nicht ganz
beruhigtes Gefühl hatte, wollte ich mich doch auch der Mutter zeigen. Mit
vorsichtig in die Höhe gehaltenen Höschen ging ich in die Stube hinein. Es
war eben Samstag, und an jedem Samstage mußte die Stube sehr schön
gewaschen und gescheuert werden, was auch heute am Morgen geschehen
war, so wie der Wagenschmiermann gern an Samstagen kam, um am
Sonntage dazubleiben und in die Kirche zu gehen. Die gut ausgelaugte und
wieder getrocknete Holzfaser des Fußbodens nahm die Wagenschmiere
meiner Füße sehr begierig auf, so daß hinter jedem meiner Tritte eine starke
Tappe auf dem Boden blieb. Die Mutter saß eben, da ich hereinkam, an dem
Fenstertische vorne und nähte. Da sie mich so kommen und
vorwärtsschreiten sah, sprang sie auf. Sie blieb einen Augenblick in der
Schwebe, entweder weil sie mich so bewunderte oder weil sie sich nach
einem Werkzeuge umsah, mich zu empfangen. Endlich aber rief sie: »Was
hat denn dieser heillose, eingefleischte Sohn heute für Dinge an sich?«
Und damit ich nicht noch weiter vorwärts ginge, eilte sie mir entgegen,
hob mich empor und trug mich, meines Schreckes und ihrer Schürze nicht
achtend, in das Vorhaus hinaus. Dort ließ sie mich nieder, nahm unter der
Bodenstiege, wohin wir, weil es an einem andern Orte nicht erlaubt war, alle
nach Hause gebrachten Ruten und Zweige legen mußten und wo ich selber in
den letzten Tagen eine große Menge dieser Dinge angesammelt hatte, heraus,
was sie nur immer erwischen konnte, und schlug damit so lange und so heftig
gegen meine Füße, bis das ganze Laubwerk der Ruten, meine Höschen, ihre
Schürze, die Steine des Fußbodens und die Umgebung voll Pech waren. Dann
ließ sie mich los und ging wieder in die Stube hinein.
Ich war, obwohl es mir schon vom Anfang bei der Sache immer nicht so
ganz vollkommen geheuer gewesen war, doch über diese fürchterliche
Wendung der Dinge und weil ich mit meiner teuersten Verwandten dieser
Erde in dieses Zerwürfnis geraten war, gleichsam vernichtet. In dem
Vorhause befindet sich in einer Ecke ein großer Steinwürfel, der den Zweck
hat, daß auf ihm das Garn zu den Hausweben mit einem hölzernen Schlägel
geklopft wird. Auf diesen Stein wankte ich zu und ließ mich auf ihn nieder.
Ich konnte nicht einmal weinen, das Herz war mir gepreßt und die Kehle wie
mit Schnüren zugeschnürt. Drinnen hörte ich die Mutter und die Magd
beratschlagen, was zu tun sei, und fürchtete, daß, wenn die Pechspuren nicht
weggingen, sie wieder herauskommen und mich weiter züchtigen würden.
In diesem Augenblicke ging der Großvater bei der hintern Tür, die zu
dem Brunnen und auf die Gartenwiese führt, herein und ging gegen mich
hervor. Er war immer der Gütige gewesen und hatte, wenn was immer für ein
Unglück gegen uns Kinder hereingebrochen war, nie nach dem Schuldigen
gefragt, sondern nur stets geholfen. Da er nun zu dem Platze, auf dem ich
saß, hervorgekommen war, blieb er stehen und sah mich an. Als er den
Zustand, in welchem ich mich befand, begriffen hatte, fragte er, was es denn
gegeben habe und wie es mit mir so geworden sei. Ich wollte mich nun
erleichtern, allein ich konnte auch jetzt wieder nichts erzählen, denn nun
brachen bei dem Anblicke seiner gütigen und wohlmeinenden Augen alle
Tränen, die früher nicht hervorzukommen vermocht hatten, mit Gewalt
heraus und rannen in Strömen herab, so daß ich vor Weinen und Schluchzen
nur gebrochene und verstümmelte Laute hervorbringen und nichts tun
konnte, als die Füßchen emporheben, auf denen jetzt auch aus dem Peche
noch das häßliche Rot der Züchtigung hervorsah.
Er aber lächelte und sagte: »So komme nur her zu mir, komme mit mir.«
Bei diesen Worten nahm er mich bei der Hand, zog mich sanft von dem
Steine herab und führte mich, der ich ihm vor Ergriffenheit kaum folgen
konnte, durch die Länge des Vorhauses zurück und in den Hof hinaus. In dem
Hofe ist ein breiter, mit Steinen gepflasterter Gang, der rings an den
Bauwerken herumläuft. Auf diesem Gange stehen unter dem Überdache des
Hauses gewöhnlich einige Schemel oder derlei Dinge, die dazu dienen, daß
sich die Mägde beim Hecheln des Flachses oder andern ähnlichen Arbeiten
darauf niedersetzen können, um vor dem Unwetter geschützt zu sein. Zu
einem solchen Schemel führte er mich hinzu und sagte: »Setze dich da nieder
und warte ein wenig, ich werde gleich wiederkommen.«
Mit diesen Worten ging er in das Haus, und nachdem ich ein Weilchen
gewartet hatte, kam er wieder heraus, indem er eine große, grün glasierte
Schüssel, einen Topf mit Wasser und Seife und Tücher in den Händen trug.
Diese Dinge stellte er neben mir aus das Steinpflaster nieder, zog mir, der ich
auf dem Schemel saß, meine Höschen aus, warf sie seitwärts, goß warmes
Wasser in die Schüssel, stellte meine Füße hinein und wusch sie so lange mit
Seife und Wasser, bis ein großer, weiß- und braungefleckter Schaumberg auf
der Schüssel stand, die Wagenschmiere, weil sie noch frisch war, ganz
weggegangen und keine Spur mehr von Pech auf der Haut zu erblicken war.
Dann trocknete er mit den Tüchern die Füße ab und fragte: »Ist es nun gut?«
Ich lachte fast unter den Tränen, ein Stein nach dem andern war mir
während des Waschens von dem Herzen gefallen, und waren die Tränen
schon linder geflossen, so drangen sie jetzt nur mehr einzeln aus den Augen
hervor. Er holte mir nun auch andere Höschen und zog sie mir an. Dann
nahm er das trocken gebliebene Ende der Tücher, wischte mir damit das
verweinte Angesicht ab und sagte: »Nun gehe da über den Hof bei dem
großen Einfahrtstore auf die Gasse hinaus, daß dich niemand sehe, und daß
du niemandem in die Hände fallest. Auf der Gasse warte auf mich, ich werde
dir andere Kleider bringen und mich auch ein wenig umkleiden. Ich gehe
heute in das Dorf Melm, da darfst du mitgehen und da wirst du mir erzählen,
wie sich dein Unglück ereignet hat und wie du in diese Wagenschmiere
geraten bist. Die Sachen lassen wir da liegen, es wird sie schon jemand
hinwegräumen.«
Mit diesen Worten schob er mich gegen den Hof und ging in das Haus
zurück. Ich schritt leise über den Hof und eilte bei dem Einfahrtstore hinaus.
Auf der Gasse ging ich sehr weit von dem großen Steine und von der Haustür
weg, damit ich sicher wäre, und stellte mich auf eine Stelle, von welcher ich
von ferne in die Haustür hineinsehen konnte. Ich sah, daß auf dem Platze, auf
welchem ich gezüchtigt worden war, zwei Mägde beschäftigt waren, welche
auf dem Boden knieten und mit den Händen auf ihm hin und her fuhren.
Wahrscheinlich waren sie bemüht, die Pechspuren, die von meiner
Züchtigung entstanden waren, wegzubringen. Die Hausschwalbe flog
kreischend bei der Tür aus und ein, weil heute unter ihrem Neste immer
Störung war, erst durch meine Züchtigung und nun durch die arbeitenden
Mägde. An der äußersten Grenze unserer Gasse, sehr weit von der Haustür
entfernt, wo der kleine Hügel, auf dem unser Haus steht, schon gegen die
vorbeigehende Straße abzufallen beginnt, lagen einige ausgehauene Stämme,
die zu einem Baue oder zu einem andern ähnlichen Werke bestimmt waren.
Auf diese setzte ich mich nieder und wartete.
Endlich kam der Großvater heraus. Er hatte seinen breiten Hut auf dem
Haupte, hatte seinen langen Rock an, den er gern an Sonntagen nahm, und
trug seinen Stock in der Hand. In der andern hatte er aber auch mein
blaugestreiftes Jäckchen, weiße Strümpfe, schwarze Schnürstiefelchen und
mein graues Filzhütchen. Das alles half er mir anziehen und sagte: »So, jetzt
gehen wir.«
Wir gingen auf dem schmalen Fußwege durch das Grün unseres Hügels
auf die Straße hinab und gingen auf der Straße fort, erst durch die Häuser der
Nachbarn, auf denen die Frühlingssonne lag und von denen die Leute uns
grüßten, und dann in das Freie hinaus. Dort streckte sich ein weites Feld und
schöner, grüner Rasen vor uns hin, und heller, freundlicher Sonnenschein
breitete sich über alle Dinge der Welt. Wir gingen auf einem weißen Wege
zwischen dem grünen Rasen dahin. Mein Schmerz und mein Kummer war
schon beinahe verschwunden, ich wußte, daß ein guter Ausgang nicht fehlen
konnte, da der Großvater sich der Sache annahm und mich beschützte; die
freie Luft und die scheinende Sonne übten einen beruhigenden Einfluß, und
ich empfand das Jäckchen sehr angenehm auf meinen Schultern und die
Stiefelchen an den Füßen, und die Luft floß sanft durch meine Haare.
Als wir eine Weile auf der Wiese gegangen waren, wie wir gewöhnlich
gingen, wenn er mich mitnahm, nämlich daß er seine großen Schritte
milderte, aber noch immer große Schritte machte, und ich teilweise neben
ihm trippeln mußte, sagte der Großvater: »Nun sage mir doch auch einmal,
wie es denn geschehen ist, daß du mit so vieler Wagenschmiere
zusammengeraten bist, daß nicht nur deine ganzen Höschen voll Pech sind,
daß deine Füße voll Pech waren, daß ein Pechfleck in dem Vorhause ist, mit
Pech besudelte Ruten herumliegen, sondern daß auch im ganzen Hause, wo
man nur immer hinkommt, Flecken von Wagenschmiere anzutreffen sind. Ich
habe deiner Mutter schon gesagt, daß du mit mir gehest, du darfst nicht mehr
besorgt sein, es wird dich keine Strafe mehr treffen.«
Ich erzählte ihm nun, wie ich auf dem Steine gesessen sei, wie der
Wagenschmiermann gekommen sei, wie er mich gefragt habe, ob ich meine
Füße eingeschmiert haben wolle, wie ich sie ihm hingehalten und wie er auf
jeden einen Strich getan habe, wie ich in die Stube gegangen sei, um mich
der Mutter zu zeigen, wie sie aufgesprungen sei, wie sie mich genommen, in
das Vorhaus getragen, mich mit meinen eigenen Ruten gezüchtigt habe und
wie ich danach auf dem Steine sitzen geblieben sei.
»Du bist ein kleines Närrlein,« sagte der Großvater, »und der alte
Andreas ist ein arger Schalk, er hat immer solche Streiche ausgeführt und
wird jetzt heimlich und wiederholt bei sich lachen, daß er den Einfall gehabt
hat. Dieser Hergang bessert deine Sache sehr. Aber siehst du, auch der alte
Andreas, so übel wir seine Sache ansehen mögen, ist nicht so schuldig, als
wir andern uns denken; denn woher soll denn der alte Andreas wissen, daß
die Wagenschmiere für die Leute eine so schreckende Sache ist und daß sie
in einem Hause eine solche Unordnung anrichten kann? Denn für ihn ist sie
eine Ware, mit der er immer umgeht, die ihm seine Nahrung gibt, die er liebt
und die er sich immer frisch holt, wenn sie ihm ausgeht. Und wie soll er von
gewaschenen Fußböden etwas wissen, da er jahraus, jahrein bei Regen und
Sonnenschein mit seinem Fasse auf der Straße ist, bei der Nacht oder an
Feiertagen in einer Scheune schläft und an seinen Kleidern Heu oder Halme
kleben hat? Aber auch deine Mutter hat recht; sie mußte glauben, daß du dir
leichtsinnigerweise die Füße selber mit so vieler Wagenschmiere beschmiert
habest und daß du in die Stube gegangen seiest, den schönen Boden zu
besudeln. Aber lasse ihr nur Zeit, sie wird schon zur Einsicht kommen, sie
wird alles verstehen, und alles wird gut werden. Wenn wir dort auf jene Höhe
hinaufgelangen, von der wir weit herumsehen, werde ich dir eine Geschichte
von solchen Pechmännern erzählen, wie der alte Andreas ist, die sich lange
vorher zugetragen hat, ehe du geboren wurdest und ehe ich geboren wurde,
und aus der du ersehen wirst, welche wunderbare Schicksale die Menschen
auf der Welt des lieben Gottes haben können. Und wenn du stark genug bist
und gehen kannst, so lasse ich dich in der nächsten Woche nach Spitzenberg
und in die Hirschberge mitgehen, und da wirst du am Wege im Fichtengrunde
eine solche Brennerei sehen, wo sie die Wagenschmiere machen, wo sich der
alte Andreas seinen Vorrat immer holt, und wo also das Pech her ist, womit
dir heute die Füße eingeschmiert worden sind.«
»Ja, Großvater,« sagte ich, »ich werde recht stark sein.«
»Nun, das wird gut sein,« antwortete er, »und du darfst mitgehen.«
Bei diesen Worten waren wir zu einer Mauer aus losen Steinen gelangt,
jenseits welcher eine grüne Wiese mit dem weißen Fußpfade war. Der
Großvater stieg über den Steigstein, indem er seinen Stock und seinen Rock
nach sich zog, und mir, der ich zu klein war, hinüberhalf; und wir gingen
dann auf dem reinen Pfade weiter. Ungefähr in der Mitte der Wiese blieb er
stehen und zeigte auf die Erde, wo unter einem flachen Steine ein klares
Wässerlein hervorquoll und durch die Wiese fortrann.
»Das ist das Behringer Brünnlein,« sagte er, »welches das beste Wasser
in der Gegend hat, ausgenommen das wundertätige Wasser, welches auf dem
Brunnberge in dem überbauten Brünnlein ist, in dessen Nähe die
Gnadenkapelle zum guten Wasser steht. Manche Menschen holen sich aus
diesem Brünnlein da ihr Trinkwasser, mancher Feldarbeiter geht weit herzu,
um da zu trinken, und mancher Kranke hat schon aus entfernten Gegenden
mit einem Kruge hierher geschickt, damit man ihm Wasser bringe. Merke dir
den Brunnen recht gut.«
»Ja, Großvater,« sagte ich.
Nach diesen Worten gingen wir wieder weiter. Wir gingen auf dem
Fußpfade durch die Wiese, wir gingen auf einem Wege zwischen Feldern
empor und kamen zu einem Grunde, der mit dichtem, kurzem, fast grauem
Rasen bedeckt war und auf dem nach allen Richtungen hin in gewissen
Entfernungen voneinander Föhren standen.
»Das, worauf wir jetzt gehen,« sagte der Großvater, »sind die
Dürrschnäbel; es ist ein seltsamer Name: entweder kommt er von dem
trockenen, dürren Boden oder von dem mageren Kräutlein, das tausendfältig
auf dem Boden sitzt, und dessen Blüte ein weißes Schnäblein hat mit einem
gelben Zünglein darin. Siehe, die mächtigen Föhren gehören den Bürgern zu
Oberplan je nach der Steuerbarkeit, sie haben die Nadeln nicht in zwei
Zeilen, sondern in Scheiden wie grüne Borstbüschel, sie haben das
geschmeidige, fette Holz, sie haben das gelbe Pech, sie streuen sparsamen
Schatten, und wenn ein schwaches Lüftchen geht, so hört man die Nadeln
ruhig und langsam sausen.«
Ich hatte Gelegenheit, als wir weiter gingen, die Wahrheit dessen zu
beobachten, was der Großvater gesagt hatte. Ich sah eine Menge der
weißgelben Blümlein auf dem Boden, ich sah den grauen Rasen, ich sah auf
manchem Stamme das Pech wie goldene Tropfen stehen, ich sah die
unzähligen Nadelbüschel auf den unzähligen Zweigen gleichsam aus
winzigen dunklen Stiefelchen herausragen, und ich hörte, obgleich kaum ein
Lüftchen zu verspüren war, das ruhige Sausen in den Nadeln.
Wir gingen immer weiter, und der Weg wurde ziemlich steil.
Auf einer etwas höheren und freieren Stelle blieb der Großvater stehen
und sagte: »So, da warten wir ein wenig.«
Er wendete sich um, und nachdem wir uns von der Bewegung des
Aufwärtsgehens ein wenig ausgeatmet hatten, hob er seinen Stock empor und
zeigte auf einen entfernten, mächtigen Waldrücken in der Richtung, aus der
wir gekommen waren, und fragte: »Kannst du mir sagen, was das dort ist?«
»Ja, Großvater,« antwortete ich, »das ist die Alpe, auf welcher sich im
Sommer eine Viehherde befindet, die im Herbste wieder herabgetrieben
wird.«
»Und was ist das, das sich weiter vorwärts von der Alpe befindet?« fragte
er wieder.
»Das ist der Hüttenwald,« antwortete ich.
»Und rechts von der Alpe und dem Hüttenwalde?«
»Das ist der Philippgeorgsberg.«
»Und rechts von dem Philippgeorgsberge?«
»Das ist der Seewald, in welchem sich das dunkle und tiefe Seewasser
befindet.«
»Und wieder rechts von dem Seewalde?«
»Das ist der Blöckenstein und der Sesselwald.«
»Und wieder rechts?«
»Das ist der Tussetwald.«
»Und weiter kannst du sie nicht kennen; aber da ist noch mancher
Waldrücken mit manchem Namen, sie gehen viele Meilen weit in die Länder
fort. Einst waren die Wälder noch viel größer als jetzt. Da ich ein Knabe war,
reichten sie bis Spitzenberg und die vordern Stiftshäuser, es gab noch Wölfe
darin, und die Hirsche konnten wir in der Nacht, wenn eben die Zeit war, bis
in unser Bette hinein brüllen hören. Siehst du die Rauchsäule dort, die aus
dem Hüttenwalde aufsteigt?«
»Ja, Großvater, ich sehe sie.«
»Und weiter zurück wieder eine aus dem Walde der Alpe?«
»Ja, Großvater.«
»Und aus den Niederungen des Philippgeorgsberges wieder eine?«
»Ich sehe sie, Großvater.«
»Und weit hinten im Kessel des Seewaldes, den man kaum erblicken
kann, noch eine, die so schwach ist, als wäre sie nur ein blaues Wölklein?«
»Ich sehe sie auch, Großvater.«
»Siehst du, diese Rauchsäulen kommen alle von den Menschen, die in
dem Walde ihre Geschäfte treiben. Da sind zuerst die Holzknechte, die an
Stellen die Bäume des Waldes umsägen, daß nichts übrig ist als Strünke und
Strauchwerk. Sie zünden ein Feuer an, um ihre Speisen daran zu kochen und
um auch das unnötige Reisig und die Äste zu verbrennen. Dann sind die
Kohlenbrenner, die einen großen Meiler türmen, ihn mit Erde und Reisern
bedecken und in ihm aus Scheitern die Kohlen brennen, die du oft in großen
Säcken an unserm Hause vorbei in die ferneren Gegenden hinausführen
siehst, die nichts zu brennen haben. Dann sind die Heusucher, die in den
kleinen Wiesen und in den vom Wald entblößten Stellen das Heu machen
oder es auch mit Sicheln zwischen dem Gesteine schneiden. Sie machen ein
Feuer, um ebenfalls daran zu kochen oder daß sich ihr Zugvieh in den Rauch
lege und dort weniger von den Fliegen geplagt werde. Dann sind die
Sammler, welche Holzschwämme, Arzneidinge, Beeren und andere Sachen
suchen und auch gern ein Feuer machen, sich daran zu laben. Endlich sind
die Pechbrenner, die sich aus Walderde Öfen bauen oder Löcher mit Lehm
überwölben und daneben sich Hütten aus Waldbäumen aufrichten, um in den
Hütten zu wohnen und in den Öfen und Löchern die Wagenschmiere zu
brennen, aber auch den Teer, das Terpentin und andere Geister. Wo ein ganz
dünnes Rauchfädlein aufsteigt, mag es auch ein Jäger sein, der sich sein
Stücklein Fleisch bratet oder der Ruhe pflegt. Alle diese Leute haben keine
bleibende Stätte in dem Walde; denn sie gehen bald hierhin, bald dorthin, je
nachdem sie ihre Arbeit getan haben oder ihre Gegenstände nicht mehr
finden. Darum haben auch die Rauchsäulen keine bleibende Stelle, und heute
siehst du sie hier und ein anderes Mal an einem andern Platze.«
»Ja, Großvater.«
»Das ist das Leben der Wälder. Aber laß uns nun auch das außerhalb
betrachten. Kannst du mir sagen, was das für weiße Gebäude sind, die wir da
durch die Doppelföhre hin sehen?«
»Ja, Großvater, das sind die Pranghöfe.«
»Und weiter von den Pranghöfen links?«
»Das sind die Häuser von Vorder- und Hinterstift.«
»Und wieder weiter links?«
»Das ist Glöckelberg.«
»Und weiter gegen uns her am Wasser?«
»Das ist die Hammermühle und der Bauer David.«
»Und die vielen Häuser ganz in unserer Nähe, aus denen die Kirche
emporragt, und hinter denen ein Berg ist, auf welchem wieder ein Kirchlein
steht?«
»Aber, Großvater, das ist ja unser Marktflecken Oberplan, und das
Kirchlein auf dem Berge ist das Kirchlein zum guten Wasser.«
»Und wenn die Berge nicht wären und die Anhöhen, die uns umgeben, so
würdest du noch viel mehr Häuser und Ortschaften sehen: die Karlshöfe,
Stuben, Schwarzbach, Langenbruck, Melm, Honnetschlag, und auf der
entgegengesetzten Seite Pichlern, Perneck, Salnau und mehrere andere. Das
wirst du einsehen, daß in diesen Ortschaften viel Leben ist, daß dort viele
Menschen Tag und Nacht um ihren Lebensunterhalt sich abmühen und die
Freude genießen, die uns hienieden gegeben ist. Ich habe dir darum die
Wälder gezeigt und die Ortschaften, weil sich in ihnen die Geschichte
zugetragen hat, welche ich dir im Heraufgehen zu erzählen versprochen habe.
Aber laß uns weitergehen, daß wir bald unser Ziel erreichen, ich werde dir
die Geschichte im Gehen erzählen.«
Der Großvater wendete sich um, ich auch, er setzte die Spitze seines
Stockes in die magere Rasenerde, wir gingen weiter, und er erzählte: »In
allen diesen Wäldern und in allen diesen Ortschaften hat sich einst eine
merkwürdige Tatsache ereignet, und es ist ein großes Ungemach über sie
gekommen. Mein Großvater, dein Ururgroßvater, der zu damaliger Zeit
gelebt hat, hat es uns oft erzählt. Es war einmal in einem Frühlinge, da die
Bäume kaum ausgeschlagen hatten, da die Blütenblätter kaum abgefallen
waren, daß eine schwere Krankheit über diese Gegend kam, und in allen
Ortschaften, die du gesehen hast, und auch in jenen, die du wegen
vorstehender Berge nicht hast sehen können, ja sogar in den Wäldern, die du
mir gezeigt hast, ausgebrochen ist. Sie ist lange vorher in entfernten Ländern
gewesen und hat dort unglaublich viele Menschen dahingerafft. Plötzlich ist
sie zu uns hereingekommen. Man weiß nicht, wie sie gekommen ist: haben
sie die Menschen gebracht, ist sie in der milden Frühlingsluft gekommen
oder haben sie Winde und Regenwolken dahergetragen – genug, sie ist
gekommen und hat sich über alle Orte ausgebreitet, die um uns herum liegen.
Über die weißen Blütenblätter, die noch auf dem Wege lagen, trug man die
Toten dahin, und in dem Kämmerlein, in das die Frühlingsblätter
hineinschauten, lag ein Kranker, und es pflegte ihn einer, der selbst schon
krankte. Die Seuche wurde die Pest geheißen, und in fünf bis sechs Stunden
war der Mensch gesund und tot, und selbst die, welche von dem Übel
genasen, waren nicht mehr recht gesund und recht krank, und konnten ihren
Geschäften nicht nachgehen. Man hatte vorher an Winterabenden erzählt, wie
in andern Ländern eine Krankheit sei und die Leute an ihr wie an einem
Strafgericht dahinsterben; aber niemand hatte geglaubt, daß sie in unsere
Länder hereinkommen werde, weil nie etwas Fremdes zu uns hereinkommt,
bis sie kam. In den Ratschlägerhäusern ist sie zuerst ausgebrochen, und es
starben gleich alle, die an ihr erkrankten. Die Nachricht verbreitete sich in der
Gegend, die Menschen erschraken und rannten gegeneinander. Einige
warteten, ob es weitergreifen würde, andere flohen und trafen die Krankheit
in den Gegenden, in welche sie sich gewendet hatten. Nach einigen Tagen
brachte man schon die Toten auf den Oberplaner Kirchhof, um sie zu
begraben, gleich darauf von nahen und fernen Dörfern und von dem
Marktflecken selbst. Man hörte fast den ganzen Tag die Zügenglocke läuten,
und das Totengeläute konnte man nicht mehr jedem einzelnen Toten
verschaffen, sondern man läutete es allgemein für alle. Bald konnte man sie
auch nicht mehr in dem Kirchenhofe begraben, sondern man machte große
Gruben auf dem freien Felde, tat die Toten hinein und scharrte sie mit Erde
zu. Von manchem Hause ging kein Rauch empor, in manchem hörte man das
Vieh brüllen, weil man es zu füttern vergessen hatte, und manches Rind ging
verwildert herum, weil niemand war, es von der Weide in den Stall zu
bringen. Die Kinder liebten ihre Eltern nicht mehr und die Eltern die Kinder
nicht, man warf nur die Toten in die Grube und ging davon. Es reiften die
roten Kirschen, aber niemand dachte an sie und niemand nahm sie von den
Bäumen; es reiften die Getreide, aber sie wurden nicht in der Ordnung und
Reinlichkeit nach Hause gebracht wie sonst, ja, manche wären gar nicht nach
Hause gekommen, wenn nicht doch noch ein mitleidiger Mann sie einem
Büblein oder Mütterlein, die allein in einem Hause gesund geblieben waren,
einbringen geholfen hätte. Eines Sonntages, da der Pfarrer von Oberplan die
Kanzel bestieg, um die Predigt zu halten, waren mit ihm sieben Personen in
der Kirche; die andern waren gestorben oder waren krank oder bei der
Krankenpflege oder aus Wirrnis und Starrsinn nicht gekommen. Als sie
dieses sahen, brachen sie in ein lautes Weinen aus, der Pfarrer konnte keine
Predigt halten, sondern las eine stille Messe, und man ging auseinander. Als
die Krankheit ihren Gipfel erreicht hatte, als die Menschen nicht mehr
wußten, sollten sie in dem Himmel oder auf der Erde Hilfe suchen, geschah
es, daß ein Bauer aus dem Amischhause von Melm nach Oberplan ging. Auf
der Drillingsföhre saß ein Vöglein und sang:
»Eßt Enzian und Pimpinell,
Steht auf, sterbt nicht so schnell.
Eßt Enzian und Pimpinell,
Steht auf, sterbt nicht so schnell.«
Der Bauer entfloh, er lief zu dem Pfarrer nach Oberplan und sagte ihm die
Worte, und der Pfarrer sagte sie den Leuten. Diese taten, wie das Vöglein
gesungen hatte, und die Krankheit minderte sich immer mehr und mehr, und
noch ehe der Hafer in die Stoppeln gegangen war und ehe die braunen
Haselnüsse an den Büschen der Zäune reiften, war sie nicht mehr vorhanden.
Die Menschen getrauten sich wieder hervor, in den Dörfern ging der Rauch
empor, wie man die Betten und die andern Dinge der Kranken verbrannte,
weil die Krankheit sehr ansteckend gewesen war; viele Häuser wurden neu
getüncht und gescheuert, und die Kirchenglocken tönten wieder friedfertige
Töne, wenn sie entweder zu dem Gebete riefen oder zu den heiligen Festen
der Kirche.«
In dem Augenblicke, gleichsam wie durch die Worte hervorgerufen, tönte
hell, klar und rein mit ihren deutlichen, tiefen Tönen die große Glocke von
dem Turme zu Oberplan, und die Klänge kamen zu uns unter die Föhren
herauf.
»Siehe,« sagte der Großvater, »es ist schon vier Uhr und schon
Feierabendläuten; siehst du, Kind, diese Zunge sagt uns beinahe mit
vernehmlichen Worten, wie gut und wie glücklich und wie befriedigt wieder
alles in dieser Gegend ist.«
Wir hatten uns bei diesen Worten umgekehrt und schauten nach der
Kirche zurück. Sie ragte mit ihrem dunklen Ziegeldache und mit ihrem
dunklen Turme, von dem die Töne kamen, empor, und die Häuser drängten
sich wie eine graue Taubenschar um sie.
»Weil es Feierabend ist,« sagte der Großvater, »müssen wir ein kurzes
Gebet tun.«
Er nahm seinen Hut von dem Haupte, machte ein Kreuz und betete. Ich
nahm auch mein Hütchen ab und betete ebenfalls. Als wir geendet, die
Kreuze gemacht und unsere Kopfbedeckung wieder aufgesetzt hatten, sagte
der Großvater: »Es ist ein schöner Gebrauch, daß am Samstage nachmittags
mit der Glocke dieses Zeichen gegeben wird, daß nun der Vorabend des
Festes des Herrn beginne und daß alles strenge Irdische ruhen müsse, wie ich
ja auch an Samstagen nachmittags keine ernste Arbeit vornehme, sondern
höchstens einen Gang in benachbarte Dörfer mache. Der Gebrauch stammt
von den Heiden her, die früher in den Gegenden waren, denen jeder Tag
gleich war und denen man, als sie zum Christentum bekehrt waren, ein
Zeichen geben mußte, daß der Gottestag im Anbrechen sei. Einstens wurde
dieses Zeichen sehr beachtet; denn wenn die Glocke klang, beteten die
Menschen und setzten ihre harte Arbeit zu Hause oder auf dem Felde aus.
Deine Großmutter, als sie noch ein junges Mädchen war, kniete jederzeit bei
dem Feierabendläuten nieder und tat ein kurzes Gebet. Wenn ich damals an
Samstagabenden, so wie ich jetzt in andere Gegenden gehe, nach
Glöckelberg ging, denn deine Großmutter ist von dem vorderen Glöckelberg
zu Hause, so kniete sie oft bei dem Klange des Dorfglöckleins mit ihrem
roten Leibchen und schneeweißen Röckchen neben dem Gehege nieder, und
die Blüten des Geheges waren ebenso weiß und rot wie ihre Kleider.«
»Großvater, sie betet jetzt auch noch immer, wenn Feierabend geläutet
wird, in der Kammer neben dem blauen Schreine, der die roten Blumen hat,«
sagte ich.
»Ja, das tut sie,« erwiderte er, »aber die andern Leute beachten das
Zeichen nicht, sie arbeiten fort auf dem Felde und arbeiten fort in der Stube,
wie ja auch die Schlage unseres Nachbars, des Webers, selbst an
Samstagabenden forttönt, bis es Nacht wird und die Sterne am Himmel
stehen.«
»Ja, Großvater.«
»Das wirst du aber nicht wissen, daß Oberplan das schönste Geläute in
der ganzen Gegend hat. Die Glocken sind gestimmt, wie man die Saiten einer
Geige stimmt, daß sie gut zusammen tönen. Darum kann man auch keine
mehr dazu machen, wenn eine bräche oder einen Sprung bekäme, und mit der
Schönheit des Geläutes wäre es vorüber. Als dein Oheim Simon einmal vor
dem Feinde im Felde lag und krank war, sagte er, da ich ihn besuchte: ›Vater,
wenn ich nur noch einmal das Oberplaner Glöcklein hören könnte!‹ aber er
konnte es nicht mehr hören und mußte sterben.«
In diesem Augenblicke hörte die Glocke zu tönen auf, und es war wieder
nichts mehr auf den Feldern als das freundliche Licht der Sonne.
»Komm, laß uns weitergehen,« sagte der Großvater.
Wir gingen auf dem grauen Rasen zwischen den Stämmen weiter, immer
von einem Stamme zum andern. Es wäre wohl ein ausgetretener Weg
gewesen, aber auf dem Rasen war es weicher und schöner zu gehen. Allein
die Sohlen meiner Stiefel waren von dem kurzen Grase schon so glatt
geworden, daß ich kaum einen Schritt mehr zu tun vermochte und beim
Gehen nach allen Richtungen ausglitt. Da der Großvater diesen Zustand
bemerkt hatte, sagte er: »Du mußt mit den Füßen nicht so schleifen; auf
diesem Grase muß man den Tritt gleich hinstellen, daß er gilt, sonst bohrt
man die Sohlen glatt und es ist kein sicherer Halt möglich. Siehst du, alles
muß man lernen, selbst das Gehen. Aber komm, reiche mir die Hand, ich
werde dich führen, daß du ohne Mühsal fortkommst.«
Er reichte mir die Hand, ich faßte sie und ging nun gestützt und
gesicherter weiter.
Der Großvater zeigte nach einer Weile auf einen Baum und sagte: »Das
ist die Drillingsföhre.«
Ein großer Stamm ging in die Höhe und trug drei schlanke Bäume,
welche in den Lüften ihre Äste und Zweige vermischten. Zu seinen Füßen lag
eine Menge herabgefallener Nadeln.
»Ich weiß es nicht,« sagte der Großvater, »hatte das Vöglein die Worte
gesungen oder hat sie Gott dem Manne in das Herz gegeben: aber die
Drillingsföhre darf nicht umgehauen werden und ihrem Stamme und ihren
Ästen darf kein Schaden geschehen.«
Ich sah mir den Baum recht an, dann gingen wir weiter und kamen nach
einiger Zeit allmählich aus den Dürrschnäbeln hinaus. Die Stämme wurden
dünner, sie wurden seltener, hörten endlich ganz auf, und wir gingen auf
einem sehr steinigen Wege zwischen Feldern, die jetzt wieder erschienen,
hinauf. Hier zeigte mir der Großvater wieder einen Baum und sagte: »Siehe,
das ist die Machtbuche, das ist der bedeutsamste Baum in der Gegend, er
wächst aus dem steinigsten Grunde empor, den es gibt. Siehe, darum ist sein
Holz auch so fest wie Stein, darum ist sein Stamm so kurz, die Zweige stehen
so dicht und halten die Blätter fest, daß die Krone gleichsam eine Kugel
bildet, durch die nicht ein einziges Äuglein des Himmels hindurchschauen
kann. Wenn es Winter werden will, sehen die Leute auf diesen Baum und
sagen: Wenn einmal die Herbstwinde durch das dürre Laub der Machtbuche
sausen und ihre Blätter auf dem Boden dahintreiben, dann kommt bald der
Winter. Und wirklich hüllen sich in kurzer Zeit die Hügel und Felder in die
weiße Decke des Schnees. Merke dir den Baum und denke in späteren
Jahren, wenn ich längst im Grabe liege, daß es dein Großvater gewesen ist,
der ihn dir zuerst gezeigt hat.«
Von dieser Buche gingen wir noch eine kleine Zeit aufwärts und kamen
dann auf die Schneidelinie der Anhöhe, von der wir auf die jenseitigen
Gegenden hinübersahen und das Dorf Melm in einer Menge von Bäumen zu
unsern Füßen erblickten.
Der Großvater blieb hier stehen, zeigte mit seinem Stocke auf einen
entfernten Wald und sagte: »Siehst du, dort rechts hinüber der dunkle Wald
ist der Rindlesberg, hinter dem das Dorf Rindles liegt, das wir nicht sehen
können. Weiter links, wenn der Nadelwald nicht wäre, würdest du den
großen Alschhof erblicken. Zur Zeit der Pest ist in dem Alschhofe alles
ausgestorben bis auf eine einzige Magd, welche das Vieh, das in dem
Alschhofe ist, pflegen mußte, zwei Reihen Kühe, von denen die Milch zu
dem Käse kommt, den man in dem Hofe bereitet, dann die Stiere und das
Jungvieh. Diese mußte sie viele Wochen lang nähren und warten, weil die
Seuche den Tieren nichts anhaben konnte und sie fröhlich und munter
blieben, bis ihre Herrschaft Kenntnis von dem Ereignisse erhielt und von den
übriggebliebenen Menschen ihr einige zu Hilfe sendete. In der großen
Hammermühle, die du mir im Heraufgehen gezeigt hast, sind ebenfalls alle
Personen gestorben bis auf einen einzigen krummen Mann, der alle Geschäfte
zu tun hatte und die Leute befriedigen mußte, die nach der Pest das Getreide
zur Mühle brachten und ihr Mehl haben wollten; daher noch heute das
Sprichwort kommt: ›Ich habe mehr Arbeit als der Krumme im Hammer.‹
Von den Priestern in Oberplan ist nur der alte Pfarrer übriggeblieben, um der
Seelsorge zu pflegen, die zwei Kapläne sind gestorben, auch der Küster ist
gestorben und sein Sohn, der schon die Priesterweihe hatte. Von den
Badhäusern, die neben der kurzen Zeile des Marktes die gebogene Gasse
machen, sind drei gänzlich ausgestorben.«
Nach diesen Worten gingen wir in dem Hohlwege und unter allerlei
lieblichen Spielen von Licht und Farben, welche die Sonne in den grünen
Blättern der Gesträuche verursachte, in das Dorf Melm hinunter.
Der Großvater hatte in dem ersten Hause desselben, im Machthofe, zu
tun. Wir gingen deshalb durch den großen Schwibbogen desselben hinein.
Der Machtbauer stand in dem Hofe, hatte bloße Hemdärmel an den Armen
und viele hochgipflige Metallknöpfe auf der Weste. Er grüßte den Großvater,
als er ihn sah, und führte ihn in die Stube; mich aber ließen sie auf einem
kleinen hölzernen Bänklein neben der Tür im Hof sitzen und schickten mir
ein Butterbrot, das ich verzehrte. Ich rastete, betrachtete die Dinge, die da
waren, als: die Wagen, welche abgeladen unter dem Schuppendache
ineinandergeschoben standen, die Pflüge und Eggen, welche, um Platz zu
machen, in einem Winkel zusammengedrängt waren, die Knechte und
Mägde, die hin und her gingen, ihre Samstagsarbeit taten und sich zur Feier
des Sonntags rüsteten; und die Dinge gesellten sich zu denen, mit denen
ohnehin mein Haupt angefüllt war, zu Drillingsföhren, Toten und Sterbenden
und singenden Vöglein.
Nach einer Zeit kam der Großvater wieder heraus und sagte: »So, jetzt
bin ich fertig und wir treten unsern Rückweg wieder an.«
Ich stand von meinem Bänklein auf, wir gingen dem Schwibbogen zu, der
Bauer und die Bäuerin begleiteten uns bis dahin, nahmen bei dem
Schwibbogen Abschied und wünschten uns glückliche Heimkehr.
Da wir wieder allein waren und auf unserm Rückwege den Hohlweg
hinanschritten, fuhr der Großvater fort: »Als es tief in den Herbst ging, wo
die Preißelbeeren reifen und die Nebel sich schon auf den Mooswiesen
zeigen, wandten sich die Menschen wieder derjenigen Erde zu, in welcher
man die Toten ohne Einweihung und Gepränge begraben hatte. Viele
Menschen gingen hinaus und betrachteten den frischen Aufwurf, andere
wollten die Namen derer wissen, die da begraben lagen, und als die Seelsorge
in Oberplan wieder vollkommen hergestellt war, wurde die Stelle wie ein
ordentlicher Kirchhof eingeweiht, es wurde feierlicher Gottesdienst unter
freiem Himmel gehalten und alle Gebete und Segnungen nachgetragen, die
man früher versäumt hatte. Da wurde um den Ort eine Planke gemacht und
ungelöschter Kalk auf denselben gestreut. Von da an bewahrte man das
Gedächtnis an die Vergangenheit in allerlei Dingen. Du wirst wissen, daß
manche Stellen unserer Gegend noch den Beinamen Pest tragen, zum
Beispiel Pestwiese, Peststeig, Pesthang; und wenn du nicht so jung wärest, so
würdest du auch die Säule noch gesehen haben, die jetzt nicht mehr
vorhanden ist, die auf dem Marktplatze von Oberplan gestanden war und auf
welcher man lesen konnte, wann die Pest gekommen ist und wann sie
aufgehört hat und auf welcher ein Dankgebet zu dem Gekreuzigten stand, der
auf dem Gipfel der Säule prangte.«
»Die Großmutter hat uns von der Pestsäule erzählt,« sagte ich.
»Seitdem aber sind andere Geschlechter gekommen,« fuhr er fort, »die
von der Sache nichts wissen und die die Vergangenheit verachten; die
Einhegungen sind verlorengegangen, die Stellen haben sich mit
gewöhnlichem Grase überzogen. Die Menschen vergessen gerne die alte Not
und halten die Gesundheit für ein Gut, das ihnen Gott schuldig sei und das sie
in blühenden Tagen verschleudern. Sie achten nicht der Plätze, wo die Toten
ruhen, und sagen den Beinamen Pest mit leichtfertiger Zunge, als ob sie einen
andern Namen sagten, wie etwa Hagedorn oder Eiben.«
Wir waren unterdessen wieder durch den Hohlweg auf den Kamm der
Anhöhe gekommen und hatten die Wälder, zu denen wir uns im Heraufgehen
umwenden mußten, um sie zu sehen, jetzt in unserm Angesichte, und die
Sonne neigte sich in großem Gepränge über ihnen dem Untergange zu.
»Wenn nicht so die Abendsonne gegen uns schiene,« sagte der Großvater,
»und alles in einem feurigen Rauche schwebte, würde ich dir die Stelle
zeigen können, von der ich jetzt reden werde, und die in unsere Erzählung
gehört. Sie ist viele Wegestunden von hier, sie ist uns gerade gegenüber, wo
die Sonne untersinkt, und dort sind erst die rechten Wälder. Dort stehen die
Tannen und Fichten, es stehen die Erlen und Ahorne, die Buchen und andere
Bäume wie die Könige, und das Volk der Gebüsche und das dichte Gedränge
der Gräser und Kräuter, der Blumen, der Beeren und Moose stehen unter
ihnen. Die Quellen gehen von allen Höhen herab und rauschen und murmeln
und erzählen, was sie immer erzählt haben, sie gehen über Kiesel wie leichtes
Glas und vereinigen sich zu Bächen, um hinaus in die Länder zu kommen,
oben singen die Vögel, es leuchten die weißen Wolken, die Regen stürzen
nieder, und wenn es Nacht wird, scheint der Mond auf alles, daß es wie ein
genetztes Tuch aus silbernen Fäden ist. In diesem Walde ist ein sehr dunkler
See, hinter ihm ist eine graue Felsenwand, die sich in ihm spiegelt, an seinen
Seiten stehen dunkle Bäume, die in das Wasser schauen, und vorne sind
Himbeer- und Brombeergehege, die einen Verhau machen. An der
Felsenwand liegt ein weißes Gewirre herabgestürzter Bäume, aus den
Brombeeren steht mancher weiße Stamm empor, der von dem Blitz zerstört
ist, und schaut auf den See, große graue Steine liegen hundert Jahre herum,
und die Vögel und das Gewild kommen zu dem See, um zu trinken.«
»Das ist der See, Großvater, den ich im Heraufgehen genannt habe,«
sagte ich, »die Großmutter hat uns von seinem Wasser erzählt, und den
seltsamen Fischen, die darin sind, und wenn ein weißes Wölklein über ihm
steht, so kömmt ein Gewitter.«
»Und wenn ein weißes Wölklein über ihm steht,« fuhr der Großvater fort,
»und sonst heiterer Himmel ist, so gesellen sich immer mehrere dazu, es wird
ein Wolkenheer, und das löst sich von dem Walde los und zieht zu uns mit
dem Gewitter heraus, das uns den schweren Regen bringt und auch öfter den
Hagel. Am Rande dieses Waldes, wo heutzutage schon Felder sind, wo aber
dazumal noch dichtes Gehölze war, befand sich zur Zeit der Pest eine
Pechbrennerhütte. In derselben wohnte der Mann, von dem ich dir erzählen
will. Mein Großvater hat sie noch gekannt, und er hat gesagt, daß man
zeitweilig von dem Walde den Rauch habe aufsteigen sehen, wie du heute die
Rauchfäden hast aufsteigen gesehen, da wir heraufgegangen sind.«
»Ja, Großvater,« sagte ich.
»Dieser Pechbrenner,« fuhr er fort, »wollte sich in der Pest der
allgemeinen Heimsuchung entziehen, die Gott über die Menschen verhängt
hatte. Er wollte in den höchsten Wald hinaufgehen, wo nie ein Besuch von
Menschen hinkömmt, wo nie eine Luft von Menschen hinkömmt, wo alles
anders ist als unten, und wo er gesund zu bleiben gedachte. Wenn aber doch
einer zu ihm gelangte, so wollte er ihn eher mit einem Schürbaume
erschlagen, als daß er ihn näherkommen und die Seuche bringen ließe. Wenn
aber die Krankheit lange vorüber wäre, dann wollte er wieder zurückkehren
und weiterleben. Als daher die schwarzen Schubkarrenführer, die von ihm
die Wagenschmiere holten, die Kunde brachten, daß in den angrenzenden
Ländern schon die Pest entstanden sei, machte er sich auf und ging in den
hohen Wald hinauf. Er ging aber noch weiter, als wo der See ist, er ging
dahin, wo der Wald noch ist, wie er bei der Schöpfung gewesen war, wo noch
keine Menschen gearbeitet haben, wo kein Baum umbricht, als wenn er vom
Blitze getroffen ist, oder von dem Winde umgestürzt wird; dann bleibt er
liegen, und aus seinem Leibe wachsen neue Bäumchen und Kräuter empor;
die Stämme stehen in die Höhe, und zwischen ihnen sind die unangesehenen
und unangetasteten Blumen und Gräser und Kräuter.«
Während der Großvater dieses sagte, war die Sonne untergegangen. Der
feurige Rauch war plötzlich verschwunden, der Himmel, an welchem keine
einzige Wolke stand, war ein goldener Grund geworden, wie man in alten
Gemälden sieht, und der Wald ging nun deutlich und dunkelblau in diesem
Grunde dahin.
»Siehe, Kind, jetzt können wir die Stelle sehen, von der ich rede,« sagte
der Großvater, »blicke da gerade gegen den Wald, und da wirst du eine
tiefere blaue Färbung sehen; das ist das Becken, in welchem der See ist. Ich
weiß nicht, ob du es siehst.«
»Ich sehe es,« antwortete ich, »ich sehe auch die schwachen grauen
Streifen, welche die Seewand bedeuten.«
»Da hast du schärfere Augen als ich,« erwiderte der Großvater; »jetzt
gehe mit den Augen von der Seewand rechts und gegen den Rand empor,
dann hast du jene höheren großen Waldungen. Es soll ein Fels dort sein, der
wie ein Hut überhängende Krempen hat und wie ein kleiner Auswuchs an
dem Waldrande zu sehen ist.«
»Großvater, ich sehe den kleinen Auswuchs.«
»Er heißt der Hutfels und ist noch weit oberhalb des Sees im Hochwalde,
wo kaum ein Mensch gewesen ist. An dem See soll aber schon eine hölzerne
Wohnung gestanden sein. Der Ritter von Wittinghausen hat sie als
Zufluchtsort für seine zwei Töchter im Schwedenkriege erbaut. Seine Burg
ist damals verbrannt worden, die Ruinen stehen noch wie ein blauer Würfel
aus dem Thomaswalde empor.«
»Ich kenne die Ruine, Großvater.«
»Das Haus war hinter dem See, wo die Wand es beschützte, und ein alter
Jäger hat die Mädchen bewacht. Heutzutage ist von alledem keine Spur mehr
vorhanden. Von diesem See ging der Pechbrenner bis zum Hutfels hinan und
suchte sich einen geeigneten Platz aus. Er war aber nicht allein, sondern es
waren sein Weib und seine Kinder mit ihm, es waren seine Brüder, Vettern,
Muhmen und Knechte mit, er hatte sein Vieh und seine Geräte
mitgenommen. Er hatte auch allerlei Sämereien und Getreide mitgeführt, um
in der aufgelockerten Erde anbauen zu können, daß er sich Vorrat für die
künftigen Zeiten sammle. Nun baute man die Hütten für Menschen und Tiere,
man baute die Öfen zum Brennen der Ware, und man säte die Samen in die
aufgegrabenen Felder. Unter den Leuten im Walde war auch ein Bruder des
Pechbrenners, der nicht in dem Walde bleiben, sondern wieder zu der Hütte
zurückkehren wollte. Da sagte der Pechbrenner, daß er ihnen ein Zeichen
geben solle, wenn die Pest ausgebrochen sei. Er solle auf dem Hausberge in
der Mittagsstunde eine Rauchsäule aufsteigen lassen, solle dieselbe eine
Stunde gleichartig dauern lassen und solle dann das Feuer dämpfen, daß sie
aufhöre. Dies solle er zur Gewißheit drei Tage hintereinander tun, daß die
Waldbewohner daran ein Zeichen erkennen, das ihnen gegeben worden sei.
Wenn aber die Seuche aufgehört habe, solle er ihnen auch eine Nachricht
geben, daß sie hinabgehen könnten und die Krankheit nicht bekämen. Er solle
eine Rauchsäule um die Mittagsstunde von dem Hausberge aufsteigen lassen,
solle sie eine Stunde gleichartig erhalten und dann das Feuer löschen. Dies
solle er vier Tage hintereinander tun, aber an jedem Tage eine Stunde später;
an diesem besonderen Vorgange würden sie erkennen, daß nun alle Gefahr
vorüber sei. Wenn er aber erkranke, so solle er den Auftrag einem Freunde
oder Bekannten als Testament hinterlassen, und dieser ihn wieder einem
Freunde oder Bekannten, so daß einmal einer eine Rauchsäule errege und von
dem Pechbrenner eine Belohnung zu erwarten habe. Kennst du den
Hausberg?«
»Ja, Großvater,« antwortete ich, »es ist der schwarze, spitzige Wald, der
hinter Pernek emporsteigt, und auf dessen Gipfel ein Felsklumpen ist.«
»Ja,« sagte der Großvater, »der ist es. Es sollen einmal drei Brüder gelebt
haben, einer auf der Alpe, einer auf dem Hausberge und einer auf dem
Thomaswalde. Sie sollen sich Zeichen gegeben haben, wenn einem eine
Gefahr drohte, bei Tage einen Rauch, bei Nacht ein Feuer, daß es gesehen
würde, und daß die andern zu Hilfe kämen. Ich weiß nicht, ob die Brüder
gelebt haben. In dem hohen Walde wohnten nun die Ausgewanderten fort,
und als die Pest in unsern Gegenden ausgebrochen war, stieg um die
Mittagsstunde eine Rauchsäule von dem Hausberge empor, dauerte eine
Stunde gleichartig fort und hörte dann auf. Dies geschah drei Tage
hintereinander, und die Leute in dem Walde wußten, was sich begeben hatte.
– Aber siehe, wie es schon kühl geworden ist, und wie bereits der Tau auf die
Gräser fällt; komm, ich werde dir dein Jäckchen zumachen, daß du nicht
frierst, und werde dir dann die Geschichte weitererzählen.«
Wir waren während der Erzählung des Großvaters in die Dürrschnäbel
gekommen, wir waren an der Drillingsföhre vorübergegangen und unter den
dunklen Stämmen auf dem fast farblosen Grase bis zu den Feldern von
Oberplan gekommen. Der Großvater legte seinen Stock auf den Boden,
beugte sich zu mir herab, nestelte mir das Halstuch fester, richtete mir das
Westchen zurecht und knöpfte mir das Jäckchen zu. Hierauf knöpfte er sich
auch seinen Rock zu, nahm seinen Stab, und wir gingen weiter.
»Siehst du, mein liebes Kind,« fuhr er fort, »es hat aber alles nichts
geholfen, und es war nur eine Versuchung Gottes. Da die Büsche des Waldes
ihre Blüten bekommen hatten, weiße und rote, wie die Natur will, da aus den
Blüten Beeren geworden waren, da die Dinge, welche der Pechbrenner in
Walderde gebaut hatte, aufgegangen und gewachsen waren, da die Gerste die
goldenen Barthaare bekommen hatte, da das Korn schon weißlich wurde, da
die Haferflocken an den kleinen Fädlein hingen, und das Kartoffelkraut seine
grünen Kugeln und bläulichen Blüten trug: waren alle Leute des
Pechbrenners, er selber und seine Frau bis auf einen einzigen kleinen
Knaben, den Sohn des Pechbrenners, gestorben. Der Pechbrenner und sein
Weib waren die letzten gewesen, und da die Überlebenden immer die Toten
begraben hatten, der Pechbrenner und sein Weib aber niemand hinter sich
hatten, und der Knabe zu schwach war, sie zu begraben, blieben sie als Tote
in ihrer Hütte liegen. Der Knabe war nun allein in dem fürchterlichen, großen
Walde. Er ließ die Tiere aus, welche in den Ställen waren, weil er sie nicht
füttern konnte, er dachte, daß sie an den Gräsern des Waldes eine Nahrung
finden würden, und dann lief er selber von der Hütte weg, weil er den toten
Mann und das tote Weib entsetzlich fürchtete. Er ging auf eine freie Stelle
des Waldes, und da war jetzt überall niemand, niemand als der Tod. Wenn er
in der Mitte von Blumen und Gesträuchen niederkniete und betete oder wenn
er um Vater und Mutter und um die andern Leute weinte und jammerte, und
wenn er da wieder aufstand, so war nichts um ihn als die Blumen und
Gesträuche und das Vieh, welches unter die Bäume des Waldes hinein
weidete und mit den Glocken läutete. Siehst du, so war es mit dem Knaben,
der vielleicht gerade so groß war wie du. Aber siehe, die Pechbrennerknaben
sind nicht wie die in den Marktflecken oder in den Städten, sie sind schon
unterrichteter in den Dingen der Natur, sie wachsen in dem Walde auf, sie
können mit dem Feuer umgehen, sie fürchten die Gewitter nicht und haben
wenig Kleider, im Sommer keine Schuhe und auf dem Haupte statt eines
Hutes die berußten Haare. Am Abend nahm der Knabe Stahl, Stein und
Schwamm aus seiner Tasche und machte sich ein Feuer; das in den Öfen der
Pechbrenner war längst ausgegangen und erloschen. Als ihn hungerte, grub er
mit der Hand Kartoffeln aus, die unter den emporwachsenden Reben waren,
und briet sie in der Glut des Feuers. Zu trinken gaben ihm Quellen und
Bäche. Am andern Tage suchte er einen Ausweg aus dem Walde. Er wußte
nicht mehr, wie sie in den Wald hinaufgekommen waren. Er ging auf die
höchste Stelle des Berges, er kletterte auf einen Baum und spähte, aber er sah
nichts als Wald und lauter Wald. Er gedachte nun zu immer höhern und
höhern Stellen des Waldes zu gehen, bis er einmal hinaussähe und das Ende
des Waldes erblickte. Zur Nahrung nahm er jetzt auch noch die Körner der
Gerste und des Kornes, welche er samt den Ähren auf einem Steine über dem
Feuer röstete, wodurch sich die Haare und Hülsen verbrannten, oder er löste
die rohen, zarten Kornkörner aus den Hülsen oder er schälte Rüben, die in
den Kohlbeeten wuchsen. In den Nächten hüllte er sich in Blätter und Zweige
und deckte sich mit Reisig. Die Tiere, welche er ausgelassen hatte, waren
fortgegangen, entweder weil sie sich in dem Walde verirrt hatten oder weil
sie auch die Totenhütte scheuten und von ihr flohen; er hörte das Läuten nicht
mehr, und sie kamen nicht zum Vorscheine. Eines Tages, da er die Tiere
suchte, fand er auf einem Hügel, auf welchem Brombeeren und Steine waren,
mitten in einem Brombeergestrüppe ein kleines Mädchen liegen. Dem
Knaben klopfte das Herz außerordentlich, er ging näher, das Mädchen lebte,
aber es hatte die Krankheit und lag ohne Bewußtsein da. Er ging noch näher,
das Mädchen hatte weiße Kleider und ein schwarzes Mäntelchen an, es hatte
wirre Haare und lag so ungefüg in dem Gestrüpp, als wäre es hineingeworfen
worden. Er rief, aber er bekam keine Antwort, er nahm das Mädchen bei der
Hand, aber die Hand konnte nichts fassen und war ohne Leben. Er lief in das
Tal, schöpfte mit seinem alten Hute, den er aus der Hütte mitgenommen
hatte, Wasser, brachte es zu dem Mädchen zurück und befeuchtete ihm die
Lippen. Dies tat er nun öfter. Er wußte nicht, womit dem Kinde zu helfen
wäre, und wenn er es auch gewußt hätte, so hätte er nichts gehabt, um es ihm
zu geben. Weil er durch das verworrene Gestrüpp nicht leicht zu dem Platze
gelangen konnte, auf welchem das Mädchen lag, so nahm er nun einen
großen Stein, legte ihn auf die kriechenden Ranken der Brombeeren und
wiederholte das so lange, bis er die Brombeeren bedeckt hatte, bis sie
niedergehalten wurden, und die Steine ein Pflaster bildeten. Auf dieses
Pflaster kniete er nieder, rückte das Kind, sah es an, strich ihm die Haare
zurecht, und weil er keinen Kamm hatte, so wischte er die nassen Locken mit
seinen Händen ab, daß sie wieder schönen, feinen, menschlichen Haaren
glichen. Weil er aber das Mädchen nicht heben konnte, um es auf einen
besseren Platz zu tragen, so lief er auf den Hügel, riß dort das dürre Gras ab,
riß die Halme ab, die hoch an dem Gesteine wuchsen, sammelte das trockene
Laub, das von dem vorigen Herbste übrig war, und das entweder unter
Gestrüppen hing oder von dem Winde in Steinklüfte zusammengeweht
worden war, und tat alles auf einen Haufen. Da es genug war, trug er es zu
dem Mädchen und machte ihm ein weicheres Lager. Er tat die Dinge an jene
Stellen unter ihrem Körper, wo sie am meisten not taten. Dann schnitt er mit
seinem Messer Zweige von den Gesträuchen, steckte sie um das Kind in die
Erde, band sie an den Spitzen mit Gras und Halmen zusammen und legte
noch leichte Äste darauf, daß sie ein Dach bildeten. Auf den Körper des
Mädchens legte er Zweige und bedeckte sie mit breitblättrigen Kräutern, zum
Beispiel mit Huflattig, daß sie eine Decke bildeten. Für sich holte er dann
Nahrung aus den Feldern des toten Vaters. Bei der Nacht machte er ein Feuer
aus zusammengetragenem Holze und Moder. So saß er bei Tage bei dem
bewußtlosen Kinde, hütete es und schützte es vor Tieren und Fliegen, bei
Nacht unterhielt er ein glänzendes Feuer. Siehe, das Kind starb aber nicht,
sondern die Krankheit besserte sich immer mehr und mehr, die Wänglein
wurden wieder lieblicher und schöner, die Lippen bekamen die Rosenfarbe
und waren nicht mehr so bleich und gelblich, und die Äuglein öffneten sich
und schauten herum. Es fing auch an zu essen, es aß die Erdbeeren, die noch
zu finden waren, es aß Himbeeren, die schon reiften, es aß die Kerne der
Haselnüsse, die zwar nicht reif, aber süß und weich waren, es aß endlich
sogar das weiße Mehl der gebratenen Kartoffeln und die zarten Körner des
Kornes, was ihm alles der Knabe brachte und reichte; und wenn es schlief, so
lief er auf den Hügel und erkletterte einen Felsen, um überall herumzuspähen;
auch suchte er wieder die Tiere, weil die Milch jetzt recht gut gewesen wäre.
Aber er konnte nichts erspähen und konnte die Tiere nicht finden. Da das
Mädchen schon stärker war und mithelfen konnte, brachte er es an einen
Platz, wo überhängende Äste es schützten, aber da er dachte, daß ein
Gewitter kommen und der Regen durch die Äste schlagen könnte, so suchte
er eine Höhle, die trocken war; dort machte er ein Lager und brachte das
Mädchen hin. Eine Steinplatte stand oben über die Stätte, und sie konnten
schön auf den Wald hinaussehen. Ich habe dir gesagt, daß jene Krankheit
sehr heftig war, daß die Menschen in fünf bis sechs Stunden gesund und tot
waren; aber ich sage dir auch: wer die Krankheit überstand, der war sehr bald
gesund, nur daß er lange Zeit schwach blieb und lange Zeit sich pflegen
mußte. In dieser Höhle blieben nun die Kinder, und der Knabe ernährte das
Mädchen und tat ihm alles und jedes Gute, was es notwendig hatte. Nun
erzählte ihm auch das Mädchen, wie es in den Wald gekommen sei. Vater
und Mutter und mehrere Leute hätten ihre ferne Heimat verlassen, als sich die
Krankheit genähert habe, um höhere Orte zu suchen, wo sie von dem Übel
nicht erreicht werden würden. In dem großen Walde seien sie irregegangen,
der Vater und die Mutter seien gestorben, und das Mädchen sei allein
übriggeblieben. Wo Vater und Mutter gestorben seien, wo die andern Leute
hingekommen, wie es selber in die Brombeeren geraten sei, wußte es nicht.
Auch konnte es nicht sagen, wo die Heimat sei. Der Knabe erzählte dem
Mädchen auch, wie sie ihre Hütte verlassen hätten, wie alle in den Wald
gegangen wären, und wie sie gestorben seien, und er allein nur am Leben
geblieben wäre. Siehst du, so saßen die Kinder in der Höhle, wenn der Tag
über den Wald hinüberzog und das Grüne beleuchtete, die Vöglein sangen,
die Bäume glänzten, und die Bergspitzen leuchteten; oder sie schlummerten,
wenn es Nacht war, wenn es finster und still war oder der Schrei eines wilden
Tieres tönte oder der Mond am Himmel stand und seine Strahlen über die
Wipfel goß. Du kannst dir denken, wie es war, wenn du betrachtest, wie
schon hier die Nacht ist, wie der Mond so schauerlich in den Wolken steht,
wo wir doch schon so nahe an den Häusern sind, und wie er auf die
schwarzen Vogelbeerbäume unsers Nachbars herniederscheint.«
Wir waren, während der Großvater erzählte, durch die Felder von
Oberplan herabgegangen, wir waren über die Wiese gegangen, in welcher das
Behringer Brünnlein ist, wir waren über die Steinwand gestiegen, wir waren
über den weichen Rasen gegangen und näherten uns bereits den Häusern von
Oberplan. Es war indessen völlig Nacht geworden, der halbe Mond stand am
Himmel, viele Wolken hatten sich aufgetürmt, die er beglänzte, und seine
Strahlen fielen gerade auf die Vogelbeerbäume, die in dem Garten unsers
Nachbars standen.
»Nachdem das Mädchen sehr stark geworden war,« fuhr der Großvater
fort, »dachten die Kinder daran, aus dem Walde zu gehen. Sie beratschlagten
unter sich, wie sie das anstellen sollten. Das Mädchen wußte gar nichts; der
Knabe aber sagte, daß alle Wässer abwärts rinnen, daß sie fort und fort
rinnen, ohne stille zu stehen, daß der Wald sehr hoch sei, und daß die
Wohnungen der Menschen sehr tief liegen, daß bei ihrer Hütte selber ein
breites, rinnendes Wasser vorbeigegangen wäre, daß sie von dieser Hütte in
den Wald gestiegen seien, daß sie immer aufwärts und aufwärts gegangen
und mehreren herabfließenden Wassern begegnet seien; wenn man daher an
einem rinnenden Wasser immer abwärts gehe, so müsse man aus dem Walde
hinaus und zu Menschen gelangen. Das Mädchen sah das ein, und mit
Freuden beschlossen sie so zu tun. Sie rüsteten sich zur Abreise. Von den
Feldern nahmen sie Kartoffeln, so viel sie tragen konnten, und viele
zusammengebundene Büschel von Ähren. Der Knabe hatte aus seiner Jacke
einen Sack gemacht, und für Erdbeeren und Himbeeren machte er schöne
Täschchen aus Birkenrinde. Dann brachen sie auf. Sie suchten zuerst den
Bach in dem Tale, aus dem sie bisher getrunken hatten, und gingen dann an
seinem Wasser fort. Siehst du, der Knabe leitete das Mädchen, weil es
schwach war, und weil er in dem Wald erfahrener war; er zeigte ihm die
Steine, auf die es treten, er zeigte ihm die Dornen und spitzigen Hölzer, die es
vermeiden sollte, er führte es an schmalen Stellen, und wenn große Felsen
oder Dickichte und Sümpfe kamen, so wichen sie seitwärts aus und lenkten
dann klug immer wieder der Richtung des Baches zu. So gingen sie
immerfort. Wenn sie müde waren, setzten sie sich nieder und rasteten; wenn
sie ausgerastet hatten, gingen sie weiter. Am Mittage machte er ein Feuer,
und sie brieten Kartoffeln und rösteten sich ihre Getreideähren. Das Wasser
suchte er in einer Quelle oder in einem kalten Bächlein, die winzig über
weißen Sand aus der schwarzen Walderde oder aus Gebüsch und Steinen
hervorrannen. Wenn sie Stellen trafen, wo Beeren und Nüsse sind, so
sammelten sie diese. Bei der Nacht machte er ein Feuer, machte dem
Mädchen ein Lager und bettete sich selber, wie er sich in den ersten Tagen im
Walde gebettet hatte. So wanderten sie weiter. Sie gingen an vielen Bäumen
vorüber, an der Tanne mit dem herabhängenden Bartmoose, an der
zerrissenen Fichte, an dem langarmigen Ahorne, an dem weißgefleckten
Buchenstamme mit den lichtgrünen Blättern, sie gingen an Blumen,
Gewächsen und Steinen vorüber, sie gingen unter dem Singen der Vögel
dahin, sie gingen an hüpfenden Eichhörnchen vorüber oder an einem
weidenden Reh. Der Bach ging um Hügel herum oder er ging in gerader
Richtung oder er wand sich um die Stämme der Bäume. Er wurde immer
größer, unzählige Seitenbächlein kamen aus den Tälern heraus und zogen mit
ihm, von dem Laube der Bäume und von den Gräsern tropften ihm Tropfen
zu und zogen mit ihm. Er rauschte über die Kiesel und erzählte gleichsam
den Kindern. Nach und nach kamen andere Bäume, an denen der Knabe recht
gut erkannte, daß sie nach auswärts gelangten; die Zackentanne, die Fichte
mit dem rauhen Stamme, die Ahorne mit den großen Ästen und die knollige
Buche hörten auf, die Bäume waren kleiner, frischer, reiner und zierlicher.
An dem Wasser standen Erlengebüsche, mehrere Weiden standen da, der
wilde Apfelbaum zeigte seine Früchte, und der Waldkirschenbaum gab ihnen
seine kleinen, schwarzen, süßen Kirschen. Nach und nach kamen Wiesen, es
kamen Hutweiden, die Bäume lichteten sich, es standen nur mehr Gruppen,
und mit einem Male, da der Bach schon als ein breites, ruhiges Wasser ging,
sahen sie die Felder und Wohnungen der Menschen. Die Kinder jubelten und
gingen zu einem Hause. Sie waren nicht in die Heimat des Knaben
hinausgekommen, sie wußten nicht, wo sie hingekommen waren, aber sie
wurden recht freundlich aufgenommen und von den Leuten in die Pflege
genommen. Inzwischen stieg wieder eine Rauchsäule von dem Hausberge
empor, sie stieg in der Mittagsstunde auf, blieb eine Stunde gleichartig und
hörte dann auf. Dies geschah vier Tage hintereinander, an jedem Tage um
eine Stunde später; aber es war niemand da, das Zeichen verstehen zu
können.«
Als der Großvater bis hierher erzählt hatte, waren wir an unserm Hause
angekommen.
Er sagte: »Da wir müde sind, und da es so warm ist, so setzen wir uns ein
wenig auf den Stein, ich werde dir die Geschichte zu Ende erzählen.«
Wir setzten uns auf den Stein, und der Großvater fuhr fort: »Als man in
Erfahrung gebracht hatte, wer der Knabe sei und wohin er gehöre, wurde er
samt dem Mädchen in die Pechbrennerhütte zu dem Oheime gebracht. Der
Oheim ging in den Wald hinauf und verbrannte vor Entsetzen die Waldhütte,
in welcher der tote Pechbrenner mit seinem Weibe lag. Auch das Mädchen
wurde von seinen Verwandten ausgekundschaftet und in der
Pechbrennerhütte abgeholt. Siehst du, es ist in jenen Zeiten auch in andern
Teilen der Wälder die Pest ausgebrochen, und es sind viele Menschen an ihr
gestorben; aber es kamen wieder andere Tage, und die Gesundheit war
wieder in unsern Gegenden. Der Knabe blieb nun bei dem Oheime in der
Hütte, wurde dort größer und größer, und sie betrieben das Geschäft des
Brennens von Wagenschmiere, Terpentin und andern Dingen. Als schon viele
Jahre vergangen waren, als der Knabe schon beinahe ein Mann geworden
war, kam einmal ein Wägelchen vor die Pechbrennerhütte gefahren. In dem
Wägelchen saß eine schöne Jungfrau, die ein weißes Kleid und ein schwarzes
Mäntelchen anhatte und an der Brust ein Brombeersträußlein trug. Sie hatte
die Wangen, die Augen und die feinen Haare des Waldmädchens. Sie war
gekommen, den Knaben zu sehen, der sie gerettet und aus dem Walde geführt
hatte. Sie und der alte Vetter, der sie begleitete, baten den Jüngling, er
möchte mit ihnen in das Schloß des Mädchens gehen und dort leben. Der
Jüngling, der das Mädchen auch recht liebte, ging mit. Er lernte dort allerlei
Dinge, wurde immer geschickter und wurde endlich der Gemahl des
Mädchens, das er zur Zeit der Pest in dem Walde gefunden hatte. Siehst du,
da bekam er ein Schloß, er bekam Felder, Wiesen, Wälder, Wirtschaften und
Gesinde, und wie er schon in der Jugend verständig und aufmerksam
gewesen war, so vermehrte und verbesserte er alles und wurde von seinen
Untergebenen, von seinen Nachbarn und Freunden und von seinem Weibe
geachtet und geliebt. Er starb als ein angesehener Mann, der im ganzen Lande
geehrt war. Wie verschieden die Schicksale der Menschen sind! Seinen
Oheim hat er oft eingeladen, zu kommen, bei ihm zu wohnen und zu leben;
dieser aber blieb in der Pechbrennerhütte und trieb das Brenngeschäft fort
und fort, und als der Wald immer kleiner wurde, als die Felder und Wiesen
bis zu seiner Hütte vorgerückt waren, ging er tiefer in das Gehölz und trieb
dort das Brennen der Wagenschmiere weiter. Seine Nachkommen, die er
erhielt, als er in den Ehestand getreten war, blieben bei der nämlichen
Beschäftigung, und von ihm stammt der alte Andreas ab, der auch nur ein
Wagenschmierfuhrmann ist und nichts kann, als im Lande mit seinem
schwarzen Fasse herumziehen und törichten Knaben, die es nicht besser
verstehen, die Füße mit Wagenschmiere anstreichen.«
Mit diesen Worten hörte der Großvater zu erzählen auf. Wir blieben aber
noch immer auf dem Steine sitzen. Der Mond hatte immer heller und heller
geschienen, die Wolken hatten sich immer länger und länger gestreckt, und
ich schaute stets auf den schwarzen Vogelbeerbaum des Nachbars.
Da streckte sich das Antlitz der Großmutter aus der Tür heraus, und sie
fragte, ob wir denn nicht zum Essen gehen wollten. Wir gingen nun in die
Stube der Großeltern, die Großmutter tat ein schönes, aus braun- und
weißgestreiftem Pflaumenholze verfertigtes Hängetischchen von der Wand
herab, überdeckte es mit weißen Linnen, gab uns Teller und Eßgeräte und
stellte ein Huhn mit Reis auf. Da wir aßen, sagte sie mit böser Miene, daß der
Großvater noch törichter und unbesonnener sei als der Enkel, weil er zum
Waschen von Wagenschmierfüßen eine grünglasierte Schüssel genommen
habe, so daß man sie jetzt aus Ekel zu nichts mehr verwenden könne.
Der Großvater lächelte und sagte: »So zerbrechen wir die Schüssel, daß
sie nicht einmal aus Unachtsamkeit doch genommen wird, und kaufen eine
neue; es ist doch besser, als wenn der Schelm länger in der Angst geblieben
wäre. Du nimmst dich ja auch um ihn an.«
Bei diesen Worten zeigte er gegen den Ofen, wo in einem kleinen
Wännchen meine Pechhöschen eingeweicht waren.
Als wir gegessen hatten, sagte der Großvater, daß ich nun schlafen gehen
solle, und er geleitete mich selber in meine Schlafkammer. Als wir durch das
Vorhaus gingen, wo ich in solche Strafe gekommen war, zwitscherten die
jungen Schwalben leise in ihrem Neste wie schlaftrunken, in der großen
Stube brannte ein Lämpchen auf dem Tische, das alle Samstagsnächte zu
Ehren der heiligen Jungfrau brannte, in dem Schlafgemache der Eltern lag der
Vater in dem Bette, hatte ein Licht neben sich und las, wie er gewöhnlich zu
tun pflegte; die Mutter war nicht zu Hause, weil sie bei einer kranken Muhme
war. Da wir den Vater gegrüßt hatten, und er freundlich geantwortet hatte,
gingen wir in das Schlafzimmer der Kinder. Die Schwester und die kleinen
Brüderchen schlummerten schon. Der Großvater half mir mich entkleiden,
und er blieb bei mir, bis ich gebetet und das Deckchen über mich gezogen
hatte. Dann ging er fort. Aber ich konnte nicht schlafen, sondern dachte
immer an die Geschichte, die mir der Großvater erzählt hatte, ich dachte an
diesen Umstand und an jenen, und es fiel mir mehreres ein, um was ich
fragen müsse. Endlich machte doch die Müdigkeit ihr Recht geltend, und der
Schlaf senkte sich auf die Augen. Als ich noch im halben Entschlummern
war, sah ich bei dem Scheine des Lichtes, das aus dem Schlafzimmer der
Eltern hereinfiel, daß die Mutter hereinging, ohne daß ich mich zu vollem
Bewußtsein emporrichten konnte. Sie ging zu dem Gefäße des
Weihbrunnens, netzte sich die Finger, ging zu mir, bespritzte mich und
machte mir das Kreuzzeichen auf Stirn, Mund und Brust; ich erkannte, daß
alles verziehen sei, und schlief nun plötzlich mit Versöhnungsfreuden, ich
kann sagen beseligt, ein.
Aber der erste Schlaf ist doch kein ruhiger gewesen. Ich hatte viele
Sachen bei mir, Tote, Sterbende, Pestkranke, Drillingsföhren, das
Waldmädchen, den Machtbauer, des Nachbars Vogelbeerbaum, und der alte
Andreas strich mir schon wieder die Füße an. Aber der Verlauf des Schlafes
muß gut gewesen sein; denn als man mich erweckte, schien die Sonne durch
die Fenster herein, es war ein lieblicher Sonntag, alles war festlich, wir
bekamen nach dem Gebete Festtagsfrühstück, bekamen die Festtagskleider,
und als ich auf die Gasse ging, war alles rein, frisch und klar, die Dinge der
Nacht waren dahin, und der Vogelbeerbaum des Nachbars war nicht halb so
groß als gestern. Wir erhielten unsere Gebetbücher und gingen in die Kirche,
wo wir den Vater und Großvater auf ihren Plätzen in dem Bürgerstuhle
sahen.
Seitdem sind viele Jahre vergangen, der Stein liegt noch vor dem
Vaterhause, aber jetzt spielen die Kinder der Schwester darauf, und oft mag
das Mütterlein auf ihm sitzen und nach den Weltgegenden ausschauen, in
welche ihre Söhne zerstreut sind.
Wie es aber auch seltsame Dinge in der Welt gibt, die ganze Geschichte
des Großvaters weiß ich, ja durch lange Jahre, wenn man von schönen
Mädchen redete, fielen mir immer die feinen Haare des Waldmädchens ein:
aber von den Pechspuren, die alles einleiteten, weiß ich nichts mehr, ob sie
durch Waschen oder durch Abhobeln weggegangen sind, und oft, wenn ich
eine Heimreise beabsichtigte, nahm ich mir vor, die Mutter zu fragen; aber
auch das vergaß ich jedesmal wieder.

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