Kalkstein.
Ich erzähle hier eine Geschichte, die uns einmal ein Freund erzählt hat, in
der nichts Ungewöhnliches vorkömmt, und die ich doch nicht habe vergessen
können. Unter zehn Zuhörern werden neun den Mann, der in der Geschichte
vorkommt, tadeln, der zehnte wird oft an ihn denken. Die Gelegenheit zu der
Geschichte kam von einem Streite, der sich in der Gesellschaft von uns
Freunden darüber entspann, wie die Geistesgaben an einem Menschen
verteilt sein können. Einige behaupteten, es könne ein Mensch mit einer
gewissen Gabe außerordentlich bedacht sein und die andern doch nur in
einem geringen Maße besitzen. Man wies dabei auf die sogenannten
Virtuosen hin. Andere sagten, die Gaben der Seele seien immer im gleichen
Maße vorhanden, entweder alle gleich groß oder gleich mittelmäßig oder
gleich klein, nur hänge es von dem Geschicke ab, welche Gabe vorzüglich
ausgebildet wurde, und dies rufe den Anschein einer Ungleichheit hervor.
Raphael hätte unter andern Jugendeindrücken und Zeitverhältnissen statt
eines großen Malers ein großer Feldherr werden können. Wieder andere
meinten, wo die Vernunft als das übersinnliche Vermögen und als das
höchste Vermögen des Menschen überhaupt in großer Fülle vorhanden sei, da
seien es auch die übrigen, untergeordneten Fähigkeiten. Das Umgekehrte
gelte jedoch nicht; es könne eine niedere Fähigkeit besonders hervorragen,
die höhern aber nicht. Wohl aber, wenn was immer für eine Begabung, sie sei
selber hoch oder niedrig, bedeutend ist, müssen es auch die ihr
untergeordneten sein. Als Grund gaben sie an, daß die niedere Fähigkeit
immer die Dienerin der höheren sei, und daß es ein Widersinn wäre, die
höhere gebietende Gabe zu besitzen und die niedere dienende nicht. Endlich
waren noch einige, die sagten, Gott habe die Menschen erschaffen, wie er sie
erschaffen habe, man könnte nicht wissen, wie er die Gaben verteilt habe und
könne darüber nicht hadern, weil es ungewiß sei, was in der Zukunft in dieser
Beziehung noch zum Vorscheine kommen könne. Da erzählte mein Freund
seine Geschichte.
Ihr wißt alle, sagte er, daß ich mich schon seit vielen Jahren mit der
Meßkunst beschäftige, daß ich in Staatsdiensten bin, und daß ich mit
Aufträgen dieser Art von der Regierung bald hierhin, bald dorthin gesendet
wurde. Da habe ich verschiedene Landesteile und verschiedene Menschen
kennengelernt. Einmal war ich in der kleinen Stadt Wengen und hatte die
Aussicht, noch recht lange dort bleiben zu müssen, weil sich die Geschäfte in
die Länge zogen und noch dazu mehrten. Da kam ich öfter in das
nahegelegene Dorf Schauendorf und lernte dessen Pfarrer kennen, einen
vortrefflichen Mann, der die Obstbaumzucht eingeführt und gemacht hatte,
daß das Dorf, das früher mit Hecken, Dickicht und Geniste umgeben war,
jetzt einem Garten glich und in einer Fülle freundlicher Obstbäume dalag.
Einmal war ich von ihm zu einer Kirchenfeierlichkeit geladen, und ich sagte,
daß ich später kommen würde, da ich einige notwendige Arbeiten abzutun
hätte. Als ich mit meinen Arbeiten fertig war, begab ich mich auf den Weg
nach Schauendorf. Ich ging über die Feldhöhen hin, ich ging durch die
Obstbäume, und da ich mich dem Pfarrhofe näherte, sah ich, daß das
Mittagsmahl bereits begonnen haben müsse. In dem Garten, der, wie bei
vielen katholischen Pfarrhöfen, vor dem Hause lag, war kein Mensch, die
gegen den Garten gehenden Fenster waren offen, in der Küche, in die mir ein
Einblick gegönnt war, waren die Mägde um das Feuer vollauf beschäftigt,
und aus der Stube drang einzelnes Klappern der Teller und Klirren der
Eßgeräte. Da ich eintrat, sah ich die Gäste um den Tisch sitzen und ein
unberührtes Gedeck für mich aufbewahrt. Der Pfarrer führte mich zu
demselben hin und nötigte mich zum Sitzen. Er sagte, er wolle mir die
anwesenden Mitglieder nicht vorstellen und ihren Namen nicht nennen,
einige seien mir ohnehin bekannt, andere würde ich im Verlaufe des Essens
schon kennenlernen, und die übrigen würde er mir, wenn wir aufgestanden
wären, nennen. Ich setzte mich also nieder, und was der Pfarrer vorausgesagt
hatte, geschah. Ich wurde mit manchem Anwesenden bekannt, von manchem
erfuhr ich Namen und Verhältnisse, und da die Gerichte sich ablösten, und
der Wein die Zungen öffnete, war manche junge Bekanntschaft schon wie
eine alte. Nur ein einziger Gast war nicht zu erkennen. Lächelnd und
freundlich saß er da, er hörte aufmerksam alles an, er wandte immer das
Angesicht der Gegend, wo eifrig gesprochen wurde, zu, als ob ihn eine
Pflicht dazu antriebe, seine Mienen gaben allen Redenden recht, und wenn an
einem andern Orte das Gespräch wieder lebhafter wurde, wandte er sich
dorthin und hörte zu. Selber aber sprach er kein Wort. Er saß ziemlich weit
unten, und seine schwarze Gestalt ragte über das weiße Linnengedecke der
Tafel empor, und obwohl er nicht groß war, so richtete er sich nie vollends
auf, als hielte er das für unschicklich. Er hatte den Anzug eines armen
Landgeistlichen. Sein Rock war sehr abgetragen, die Fäden waren daran
sichtbar, er glänzte an manchen Stellen und an andern hatte er die schwarze
Farbe verloren und war rötlich oder fahl. Die Knöpfe daran waren von
starkem Bein. Die schwarze Weste war sehr lang und hatte ebenfalls beinerne
Knöpfe. Die zwei winzig kleinen Läppchen von weißer Farbe – das einzige
Weiße, das er an sich hatte –, die über sein schwarzes Halstuch herabhingen,
bezeugten seine Würde. Bei den Ärmeln gingen, wie er so saß, manchmal ein
ganz klein wenig eine Art Handkrausen hervor, die er immer bemüht war
wieder heimlich zurückzuschieben. Vielleicht waren sie in einem Zustande,
daß er sich ihrer ein wenig hätte schämen müssen. Ich sah, daß er von keiner
Speise viel nahm, und dem Aufwärter, der sie darreichte, immer höflich
dankte. Als der Nachtisch kam, nippte er kaum von dem besseren Weine,
nahm von dem Zuckerwerke nur kleine Stückchen und legte nichts auf seinen
Teller heraus, wie doch die andern taten, um nach der Sitte ihren
Angehörigen eine kleine Erinnerung zu bringen.
Dieser Eigenheiten willen fiel mir der Mann auf.
Als das Mahl vorüber war und die Gäste sich erhoben hatten, konnte ich
auch den übrigen Teil seines Körpers betrachten. Die Beinkleider waren von
demselben Stoffe und in demselben Zustande wie der Rock, sie reichten bis
unter die Knie und waren dort durch Schnallen zusammengehalten. Dann
folgten schwarze Strümpfe, die aber fast grau waren. Die Füße standen in
weiten Schuhen, die große Schnallen hatten. Sie waren von starkem Leder
und hatten dicke Sohlen. So angezogen stand der Mann, als sich Gruppen zu
Gesprächen gebildet hatten, fast allein da, und sein Rücken berührte beinahe
den Fensterpfeiler. Sein körperliches Aussehen stimmte zu seinem Anzuge.
Er hatte ein längliches, sanftes, fast eingeschüchtertes Angesicht mit sehr
schönen, klaren, blauen Augen. Die braunen Haare gingen schlicht gegen
hinten zusammen, es zogen sich schon weiße Fäden durch sie, die anzeigten,
daß er sich bereits den fünfzig Jahren nähere, oder daß er Sorge und Kummer
gehabt haben müsse.
Nach kurzer Zeit suchte er aus einem Winkel ein spanisches Rohr hervor,
das einen schwarzen Beinknopf hatte, wie die an seinen Kleidern waren,
näherte sich dem Hausherrn und begann Abschied zu nehmen. Der Hausherr
fragte ihn, ob er denn schon gehen wolle, worauf er antwortete, es sei für ihn
schon Zeit, er habe vier Stunden nach seinem Pfarrhofe zu gehen, und seine
Füße seien nicht mehr so gut wie in jüngeren Jahren. Der Pfarrer hielt ihn
nicht auf. Er empfahl sich allseitig, ging zur Tür hinaus, und gleich darauf
sahen wir ihn durch die Kornfelder dahinwandeln, den Hügel, der das Dorf
gegen Sonnenuntergang begrenzte, hinansteigen und dort gleichsam in die
glänzende Nachmittagsluft verschwinden.
Ich fragte, wer der Mann wäre, und erfuhr, daß er in einer armen Gegend
Pfarrer sei, daß er schon sehr lange dort sei, daß er nicht weg verlange und
daß er selten das Haus verlasse, außer bei einer sehr dringenden
Veranlassung. –
Es waren seit jenem Gastmahle viele Jahre vergangen, und ich hatte den
Mann vollständig vergessen, als mich mein Beruf einmal in eine fürchterliche
Gegend rief. Nicht daß Wildnisse, Schlünde, Abgründe, Felsen und stürzende
Wässer dort gewesen wären – das alles zieht mich eigentlich an –, sondern es
waren nur sehr viele kleine Hügel da, jeder Hügel bestand aus nacktem,
grauem Kalksteine, der aber nicht, wie es oft bei diesem Gesteine der Fall ist,
zerrissen war oder steil abfiel, sondern in rundlichen, breiten Gestalten
auseinanderging und an seinem Fuße eine lange, gestreckte Sandbank um
sich herum hatte. Durch diese Hügel ging in großen Windungen ein kleiner
Fluß namens Zirder. Das Wasser des Flusses, das in der grauen und gelben
Farbe des Steines und Sandes durch den Widerschein des Himmels oft
dunkelblau erschien, dann die schmalen grünen Streifen, die oft am Saume
des Wassers hingingen, und die andern einzelnen Rasenflecke, die in dem
Gesteine hier und da lagen, bildeten die ganze Abwechslung und Erquickung
in dieser Gegend.
Ich wohnte in einem Gasthofe, der in einem etwas besseren und darum
sehr entfernten Teile der Gegend lag. Es ging dort eine Straße über eine
Anhöhe und führte, wie das in manchen Gegenden der Fall ist, den Namen
Hochstraße, welchen Namen auch der Gasthof hatte. Um nicht durch Hinund
Hergehen zu viele Zeit zu verlieren, nahm ich mir immer kalte Speisen
und Wein auf meinen Arbeitsplatz mit und aß erst am Abende mein
Mittagsmahl. Einige meiner Leute wohnten auch in dem Gasthofe, die andern
richteten sich ein, wie es ging, und bauten sich kleine hölzerne Hüttchen in
dem Steinlande.
Die Gegend namens Steinkar, obwohl sie im Grunde nicht
außerordentlich abgelegen ist, wird doch wenigen Menschen bekannt sein,
weil keine Veranlassung ist, dorthin zu reisen.
Eines Abends, als ich von meinen Arbeiten allein nach Hause ging, weil
ich meine Leute vorausgeschickt hatte, sah ich meinen armen Pfarrer auf
einem Sandhaufen sitzen. Er hatte seine großen Schuhe fast in den Sand
vergraben, und auf den Schößen seines Rockes lag Sand. Ich erkannte ihn in
dem Augenblicke. Er war ungefähr so gekleidet wie damals, als ich ihn zum
ersten Male gesehen hatte. Seine Haare waren jetzt viel grauer, als hätten sie
sich beeilt, diese Farbe anzunehmen, sein längliches Angesicht hatte
deutliche Falten bekommen, und nur die Augen waren blau und klar wie
früher. An seiner Seite lehnte das Rohr mit dem schwarzen Beinknopfe.
Ich hielt in meinem Gange inne, trat näher zu ihm und grüßte ihn.
Er hatte keinen Gruß erwartet, daher stand er eilfertig auf und bedankte
sich. In seinen Mienen war keine Spur vorhanden, daß er mich erkenne; es
konnte auch nicht sein; denn bei jenem Gastmahle hat er mich gewiß viel
weniger betrachtet, als ich ihn. Er blieb nun so vor mir stehen und sah mich
an. Ich sagte daher, um ein Gespräch einzuleiten: »Euer Ehrwürden werden
mich nicht mehr kennen.«
»Ich bin nicht der Ehre teilhaftig,« antwortete er.
»Aber ich habe die Ehre gehabt,« sagte ich, auf den Ton seiner
Höflichkeit eingehend, »mit Euer Ehrwürden an ein und derselben Tafel zu
speisen.«
»Ich kann mich nicht mehr erinnern,« erwiderte er.
»Euer Ehrwürden sind doch derselbe Mann,« sagte ich, »der einmal vor
mehreren Jahren auf einem Kirchenfeste bei dem Pfarrer zu Schauendorf war
und nach dem Speisen der erste fortging, weil er, wie er sagte, vier Stunden
bis zu seinem Pfarrhofe zu gehen hätte?«
»Ja, ich bin derselbe Mann,« antwortete er, »ich bin vor acht Jahren zu
der hundertjährigen Jubelfeier der Kircheneinweihung nach Schauendorf
gegangen, weil es sich gebührt hat, ich bin bei dem Mittagsessen geblieben,
weil mich der Pfarrer eingeladen hat, und bin der erste nach dem Essen
fortgegangen, weil ich vier Stunden nach Hause zurückzulegen hatte. Ich bin
seither nicht mehr nach Schauendorf gekommen.«
»Nun, an jener Tafel bin ich auch gesessen,« sagte ich, »und habe Euer
Ehrwürden heute sogleich erkannt.«
»Das ist zu verwundern – nach so vielen Jahren,« sagte er.
»Mein Beruf bringt es mit sich,« erwiderte ich, »daß ich mit vielen
Menschen verkehre und sie mir merke, und da habe ich denn im Merken eine
solche Fertigkeit erlangt, daß ich auch Menschen wiedererkenne, die ich vor
Jahren und auch nur ein einziges Mal gesehen habe. Und in dieser
abscheulichen Gegend haben wir uns wiedergefunden.«
»Sie ist, wie sie Gott erschaffen hat,« antwortete er, »es wachsen hier
nicht so viele Bäume wie in Schauendorf, aber manches Mal ist sie auch so
schön, und zuweilen ist sie schöner als alle andern in der Welt.«
Ich fragte ihn, ob er in der Gegend ansässig sei, und er antwortete, daß er
siebenundzwanzig Jahre Pfarrer in dem Kar sei. Ich erzählte ihm, daß ich
hierher gesendet worden sei, um die Gegend zu vermessen, daß ich die Hügel
und Täler aufnehme, um sie auf dem Papier verkleinert darzustellen, und daß
ich in der Hochstraße draußen wohne. Als ich ihn fragte, ob er oft
hierherkomme, erwiderte er: »Ich gehe gern heraus, um meine Füße zu üben,
und sitze dann auf einem Steine, um die Dinge zu betrachten.«
Wir waren während dieses Gespräches ins Gehen gekommen, er ging an
meiner Seite, und wir redeten noch von manchen gleichgültigen Dingen, vom
Wetter, von der Jahreszeit, wie diese Steine besonders geeignet seien, die
Sonnenstrahlen einzusaugen, und von anderm.
Waren seine Kleider schon bei jenem Gastmahle schlecht gewesen, so
waren sie jetzt womöglich noch schlechter. Ich konnte mich nicht erinnern,
seinen Hut damals gesehen zu haben; jetzt aber mußte ich wiederholt auf ihn
hinblicken; denn es war nicht ein einziges Härchen auf ihm.
Als wir an die Stelle gelangt waren, wo sein Weg sich von dem meinigen
trennte und zu seinem Pfarrhofe in das Kar hinabführte, nahmen wir
Abschied und sprachen die Hoffnung aus, daß wir uns nun öfter treffen
würden.
Ich ging auf meinem Wege nach der Hochstraße dahin und dachte immer
an den Pfarrer. Die ungemeine Armut, wie ich sie noch niemals bei einem
Menschen oberhalb des Bettlerstandes angetroffen habe, namentlich nicht bei
solchen, die andern als Muster der Reinlichkeit und Ordnung vorzuleuchten
haben, schwebte mir beständig vor. Zwar war der Pfarrer beinahe ängstlich
reinlich, aber gerade diese Reinlichkeit hob die Armut noch peinlicher hervor
und zeigte die Lockerheit der Fäden, das Unhaltbare und Wesenlose dieser
Kleidung. Ich sah noch auf die Hügel, welche nur mit Stein bedeckt waren,
ich sah noch auf die Täler, in welchen sich nur die langen Sandbänke
dahinzogen, und ging dann in meinen Gasthof, um den Ziegenbraten zu
verzehren, den sie mir dort öfter vorsetzten.
Ich fragte nicht um den Pfarrer, um keine rohe Antwort zu bekommen.
Von nun an kam ich öfter mit dem Pfarrer zusammen. Da ich den ganzen
Tag in dem Steinkar war und abends noch öfter in demselben
herumschlenderte, um verschiedene Richtungen und Abteilungen
kennenzulernen, da er auch zuweilen herauskam, so konnte es nicht fehlen,
daß wir uns trafen. Wir kamen auch einige Male zu Gesprächen. Er schien
nicht ungern mit mir zusammenzutreffen, und ich sah es auch gerne, wenn
ich mit ihm zusammenkam. Wir gingen später öfter miteinander in den
Steinen herum oder saßen auf einem und betrachteten die andern. Er zeigte
mir manches Tierchen, manche Pflanze, die der Gegend eigentümlich waren,
er zeigte mir die Besonderheiten der Gegend und machte mich auf die
Verschiedenheiten mancher Steinhügel aufmerksam, die der sorgfältigste
Beobachter für ganz gleichgebildet angesehen haben würde. Ich erzählte ihm
von meinen Reisen, zeigte ihm unsere Werkzeuge und erklärte ihm bei
Gelegenheit unserer Arbeiten manchmal deren Gebrauch.
Ich kam nach der Zeit auch einige Male mit ihm in seinen Pfarrhof
hinunter. Wo das stärkste Gestein sich ein wenig auflöst, gingen wir über
eine sanftere Abdachung gegen das Kar hinab. An dem Rande der Gesteine
lag eine Wiese, es standen mehrere Bäume darauf, unter ihnen eine schöne,
große Linde, und hinter der Linde stand der Pfarrhof. Er war damals ein
weißes Gebäude mit einem Stockwerke, das sich von dem freundlicheren
Grün der Wiese, von den Bäumen und von dem Grau der Steine schön abhob.
Das Dach war mit Schindeln gedeckt. Die Dachfenster waren mit Türchen
versehen, und die Fenster des Hauses waren mit grünen Flügelbalken zu
schließen. Weiter zurück, wo die Landschaft einen Winkel macht, stand
gleichsam in die Felsen versteckt die Kirche mit dem rot angestrichenen
Kirchturmdache. In einem andern Teile des Kar stand in einem dürftigen
Garten die Schule. Diese drei einzigen Gebäude waren das ganze Kar. Die
übrigen Behausungen waren in der Gegend zerstreut. An manchem Stein
gleichsam angeklebt lag eine Hütte mit einem Gärtchen mit Kartoffeln ober
Ziegenfutter. Weit draußen gegen das Land hin lag auch ein fruchtbarerer
Teil, der zu der Gemeinde gehörte und der auch Acker-, Wiesen- und
Kleegrund hatte.
Im Angesichte der Fenster des Pfarrhofes ging am Rande der Wiese die
Zirder vorüber, und über den Fluß führte ein hoher Steg, der sich gegen die
Wiese herabsenkte. Die Wiesenfläche war nicht viel höher als das Flußbett.
Dieses Bild des hohen Steges über den einsamen Fluß war nebst der
Steingegend das einzige, das man von dem Pfarrhofe sehen konnte.
Wenn ich mit dem Pfarrer in sein Haus ging, führte er mich nie in das
obere Stockwerk, sondern er geleitete mich stets durch ein geräumiges
Vorhaus in ein kleines Stüblein. Das Vorhaus war ganz leer; nur in einer
Mauervertiefung, die sehr breit, aber seicht war, stand eine lange hölzerne
Bank. Auf der Bank lag immer, so oft ich den Vorhof besuchte, eine Bibel,
ein großes, in starkes Leder gebundenes Buch. In dem Stüblein war nur ein
weicher, unangestrichener Tisch, um ihn einige Sessel derselben Art, dann an
der Wand eine hölzerne Bank und zwei gelb angestrichene Schreine. Sonst
war nichts vorhanden, man müßte nur ein kleines, sehr schön aus Birnholz
geschnitztes mittelalterliches Kruzifix hierher rechnen, das über dem
ebenfalls kleinen Weihbrunnenkessel an dem Türpfosten hing.
Bei diesen Besuchen machte ich eine seltsame Entdeckung. Ich hatte
schon in Schauendorf bemerkt, daß der arme Pfarrer immer heimlich die
Handkrausen seines Hemdes in die Rockärmel zurückschiebe, als hätte er
sich ihrer zu schämen. Dasselbe tat er auch jetzt immer. Ich machte daher
genauere Beobachtungen und kam darauf, daß er sich seiner Handkrausen
keineswegs zu schämen habe, sondern daß er, wie mich auch andere
Einblicke in seine Kleidung belehrten, die feinste und schönste Wäsche trug,
welche ich jemals auf Erden gesehen hatte. Diese Wäsche war auch immer in
der untadelhaftesten Weiße und Reinheit, wie man es nach dem Zustande
seiner Kleider nie vermutet hätte. Er mußte also auf die Besorgung dieses
Teiles die größte Sorgfalt verwenden. Da er nie davon sprach, schwieg ich
auch darüber, wie sich wohl von selber versteht.
Unter diesem Verkehre ging ein Teil des Sommers dahin.
Eines Tages war in den Steinen eine besondere Hitze. Die Sonne hatte
zwar den ganzen Tag nicht ausgeschienen, aber dennoch hatte sie den matten
Schleier, der den ganzen Himmel bedeckte, so weit durchdrungen, daß man
ihr blasses Bild immer sehen konnte, daß um alle Gegenstände des
Steinlandes ein wesenloses Licht lag, dem kein Schatten beigegeben war, und
daß die Blätter der wenigen Gewächse, die zu sehen waren, herabhingen;
denn obgleich kaum ein halbes Sonnenlicht durch die Nebelschichte der
Kuppel drang, war doch eine Hitze, als wären drei Tropensonnen am heitern
Himmel und brennten alle drei nieder. Wir hatten sehr viel gelitten, so daß
ich meine Leute kurz nach zwei Uhr entließ. Ich setzte mich unter einen
Steinüberhang, der eine Art Höhle bildete, in welcher es bedeutend kühler
war als draußen in der freien Luft. Ich verzehrte dort mein Mittagsmahl, trank
meinen eingekühlten Wein und las dann. Gegen Abend wurde die
Wolkenschicht nicht zerrissen, wie es doch an solchen Tagen sehr häufig
geschieht, sie wurde auch nicht dichter, sondern lag in derselben
gleichmäßigen Art wie den ganzen Tag über dem Himmel. Ich ging daher
spät aus der Höhle; denn so wie die Schleierdecke am Himmel sich nicht
geändert hatte, so war die Hitze auch kaum minder geworden, und man hatte
in der Nacht keinen Tau zu erwarten. Ich wandelte sehr langsam durch die
Hügel dahin, da sah ich den Pfarrer in den Sandlehnen daherkommen und den
Himmel betrachten. Wir näherten uns und grüßten uns. Er fragte mich, wo
wir heute gearbeitet hätten, und ich sagte es ihm. Ich erzählte ihm auch, daß
ich in der Höhle gelesen habe, und zeigte ihm das Buch. Hierauf gingen wir
miteinander in dem Sande weiter.
Nach einer Weile sagte er: »Es wird nicht mehr möglich sein, daß Sie die
Hochstraße erreichen.«
»Wieso?« fragte ich.
»Weil das Gewitter ausbrechen wird,« antwortete er.
Ich sah nach dem Himmel. Die Wolkendecke war eher dichter geworden,
und auf allen kahlen Steinflächen, die wir sehen konnten, lag ein sehr
sonderbares, bleifarbenes Licht.
»Daß ein Gewitter kommen wird,« sagte ich, »war wohl den ganzen Tag
zu erwarten, allein wie bald die Dunstschicht sich verdichten, erkühlen, den
Wind und die Elektrizität erzeugen und sich herabschütteln wird, kann man,
glaube ich, nicht ermessen.«
»Man kann es wohl nicht genau sagen,« antwortete er, »allein ich habe
siebenundzwanzig Jahre in der Gegend gelebt, habe Erfahrungen gesammelt
und nach ihnen wird das Gewitter eher ausbrechen als man denkt, und wird
sehr stark sein. Ich glaube daher, daß es das beste wäre, wenn Sie mit mir in
meinen Pfarrhof gingen und die Nacht heute dort zubrächten. Der Pfarrhof ist
so nahe, daß wir ihn noch leicht erreichen, wenn wir auch das Gewitter schon
deutlich an dem Himmel sehen; dort sind Sie sicher und können morgen an
Ihre Geschäfte gehen, sobald es Ihnen beliebt.«
Ich erwiderte, daß es desungeachtet nicht unmöglich sei, daß aus der
Dunstschicht sich auch nur ein Landregen entwickle. In diesem Falle sei ich
geborgen; ich habe ein Mäntelchen aus Wachstaffet bei mir, das dürfe ich nur
aus der Tasche ziehen und umhängen, und der Regen könnte mir nichts
anhaben. Ja, wenn ich auch ohne diesen Schutz wäre, so sei ich in meinem
Amte schon so oft vom Regen durchnäßt worden, daß ich, um ein derartiges
Ereignis zu vermeiden, nicht jemandem zur Last sein und Unordnung in sein
Hauswesen bringen möchte. Sollte aber wirklich ein Gewitter bevorstehen,
das Platzregen oder Hagel oder gar einen Wolkenbruch bringen könnte, dann
nähme ich sein Anerbieten dankbar an und bitte um einen Unterstand für die
Nacht, aber ich mache die Bedingung, daß es wirklich nichts weiter sei als
ein Unterstand, daß er sich in seinem Hause nicht beirren lasse und sich
weiter keine Last auferlege, als daß er mir ein Plätzchen unter Dach und Fach
gäbe; denn ich bedürfe nichts als eines solches Plätzchen. Übrigens führe
unser Weg noch ein gutes Stück auf demselben gemeinschaftlichen Pfade
fort, da könnten wir die Frage verschieben, indessen den Himmel betrachten
und zuletzt nach der Gestalt der Sache entscheiden.
Er willigte ein und sagte, daß, wenn ich bei ihm bliebe, ich nicht zu
fürchten hätte, daß er sich eine Last auflege; ich wisse, daß es bei ihm einfach
sei, und es werde keine andere Anstalt gemacht werden, als die notwendig
sei, daß ich die Nacht bei ihm zubringen könnte.
Nachdem wir diesen Vertrag geschlossen hatten, gingen wir auf unserm
Wege weiter. Wir gingen sehr langsam, teils der Hitze wegen, teils weil es
von jeher schon so unsere Gewohnheit war.
Plötzlich flog ein schwacher Schein um uns, unter dem die Felsen
erröteten.
Es war der erste Blitz gewesen, der aber stumm war und dem kein
Donner folgte.
Wir gingen weiter. Nach einer Weile folgten mehrere Blitze, und da der
Abend bereits ziemlich dunkel geworden war, und da die Wolkenschicht
auch einen dämmernden Einfluß ausübte, stand unter jedem Blitze der
Kalkstein in rosenroter Farbe vor uns.
Als wir zu der Stelle gelangt waren, an welcher unsere Wege sich teilten,
blieb der Pfarrer stehen und sah mich an. Ich gab zu, daß ein Gewitter
komme, und sagte, daß ich mit ihm in seinen Pfarrhof gehen wolle.
Wir schlugen also den Weg in das Kar ein und gingen über den sanften
Steinabhang in die Wiese hinunter.
Als wir bei dem Pfarrhofe angelangt waren, setzten wir uns noch ein
wenig auf das hölzerne Bänklein, das vor dem Hause stand. Das Gewitter
hatte sich nun vollständig entwickelt und stand als dunkle Mauer an dem
Himmel. Nach einer Weile entstanden auf der gleichmäßigen, dunkelfarbigen
Gewitterwand weiße, laufende Nebel, die in langen, wulstigen Streifen die
untern Teile der Wolkenwand säumten. Dort war also vielleicht schon Sturm,
während bei uns sich noch kein Gräschen und kein Laub rührte. Solche
laufende, gedunsene Nebel sind bei Gewittern oft schlimme Anzeichen; sie
verkünden immer Windausbrüche, oft Hagel und Wasserstürze. Den Blitzen
folgten nun auch schon deutliche Donner.
Endlich gingen wir in das Haus.
Der Pfarrer sagte, daß es seine Gewohnheit sei, bei nächtlichen Gewittern
ein Kerzenlicht auf den Tisch zu stellen und bei dem Lichte ruhig sitzen zu
bleiben, solange das Gewitter dauere. Bei Tage sitze er ohne Licht bei dem
Tische. Er fragte mich, ob er auch heute seiner Sitte treu bleiben dürfe. Ich
erinnerte ihn an sein Versprechen, sich meinetwegen nicht die geringste Last
aufzulegen. Er führte mich also durch das Vorhaus in das bekannte Stüblein
und sagte, daß ich meine Sachen ablegen möchte.
Ich trug gewöhnlich an einem ledernen Riemen ein Fach über der
Schulter, in welchem Werkzeuge zum Zeichnen, Zeichnungen und zum Teil
auch Meßwerkzeuge waren. Neben dem Fache war eine Tasche befestigt, in
der sich meine kalten Speisen, mein Wein, mein Trinkglas und meine
Vorrichtung zum Einkühlen des Weines befanden. Diese Dinge legte ich ab
und hing sie über die Lehne eines in einer Ecke stehenden Stuhles. Meinen
langen Meßstab lehnte ich an einen der gelben Schreine.
Der Pfarrer war indessen hinausgegangen und kam nun mit einem Lichte
in der Hand herein. Es war ein Talglicht, welches in einem messingenen
Leuchter stak. Er stellte den Leuchter auf den Tisch und legte eine
messingene Lichtschere dazu. Dann setzten wir uns beide an den Tisch,
blieben sitzen und erwarteten das Gewitter.
Dasselbe schien nicht mehr lange ausbleiben zu wollen. Als der Pfarrer
das Licht gebracht hatte, war die wenige Helle, die von draußen noch durch
die Fenster hereingekommen war, verschwunden, die Fenster standen wie
schwarze Tafeln da, und die völlige Nacht war hereingebrochen. Die Blitze
waren schärfer und erleuchteten trotz des Kerzenlichts bei jedem
Aufflammen die Winkel des Stübleins. Die Donner wurden ernster und
dringender. So blieb es eine lange Weile. Endlich kam der erste Stoß des
Gewitterwindes. Der Baum, welcher vor dem Hause stand, schauerte einen
Augenblick leise, wie von einem kurz abgebrochenen Lüftchen getroffen,
dann war es wieder still. Über ein Kleines kam das Schauern abermals,
jedoch länger und tiefer. Nach einem kurzen Zeitraume geschah ein starker
Stoß, alle Blätter rauschten, die Äste mochten zittern, nach der Art zu
urteilen, wie wir den Schall herein vernahmen, und nun hörte das Tönen gar
nicht mehr auf. Der Baum des Hauses, die Hecken um dasselbe und alle
Gebüsche und Bäume der Nachbarschaft waren in einem einzigen Brausen
befangen, das nur abwechselnd abnahm und schwoll. Dazwischen schallten
die Donner. Sie schallten immer schneller und immer heller. Doch war das
Gewitter noch nicht da. Zwischen Blitz und Donner war noch eine Zeit, und
die Blitze, so hell sie waren, waren doch keine Schlangen, sondern nur ein
ausgebreitetes, allgemeines Aufleuchten.
Endlich schlugen die ersten Tropfen an die Fenster. Sie schlugen stark
und einzeln gegen das Glas, aber bald kamen Genossen, und in kurzem
strömte der Regen in Fülle herunter. Er wuchs schnell, gleichsam rauschend
und jagend, und wurde endlich dergestalt, daß man meinte, ganze
zusammenhängende Wassermengen fielen auf das Haus hernieder, das Haus
dröhne unter dem Gewichte, und man empfinde das Dröhnen und Ächzen
herein. Kaum das Rollen des Donners konnte man vor dem Strömen des
Wassers hören, das Strömen des Wassers wurde ein zweites Donnern. Das
Gewitter war endlich über unserm Haupte. Die Blitze fuhren wie feurige
Schnüre hernieder, und den Blitzen folgten schnell und heiser die Donner, die
jetzt alles andere Brüllen besiegten und in ihren tieferen Enden und
Ausläufen das Fensterglas erzittern und klirren machten.
Ich war nun froh, daß ich dem Rate des Pfarrers gefolgt hatte. Ich hatte
selten ein solches Gewitter erlebt. Der Pfarrer saß ruhig und einfach an dem
Tische des Stübleins, und das Licht der Talgkerze beleuchtete seine Gestalt.
Zuletzt geschah ein Schlag, als ob er das ganze Haus aus seinen Fugen
heben und niederstürzen wollte, und gleich darauf wieder einer. Dann war ein
Weilchen Anhalten, wie es oft bei solchen Erscheinungen der Fall ist, der
Regen zuckte einen Augenblick ab, als ob er erschrocken wäre, selbst der
Wind hielt inne. Aber es wurde bald wieder wie früher; allein die
Hauptmacht war doch gebrochen, und alles ging gleichmäßiger fort. Nach
und nach milderte sich das Gewitter, der Sturm war nurmehr ein gleichartiger
Wind, der Regen war schwächer, die Blitze leuchteten blässer und der
Donner rollte matter, gleichsam landauswärts gehend.
Als endlich das Regnen nur ein einfaches Niederrinnen war und das
Blitzen ein Nachleuchten, stand der Pfarrer auf und sagte: »Es ist vorüber.«
Er zündete sich ein Stümpfchen Licht an und ging hinaus. Nach einer
Weile kam er wieder herein und trug auf einem Eßbrette mehrere Dinge, die
zu dem Abendmahle bestimmt waren. Er setzte von dem Eßbrett ein Krüglein
mit Milch auf den Tisch und goß aus demselben zwei Gläser voll. Dann
setzte er auf einem grünglasierten Schüsselchen Erdbeeren auf, und auf
einem Teller mehrere Stücke schwarzen Brotes. Als Bestecke legte er auf
jeden Platz ein Messer und ein kleines Löffelchen; dann trug er das Eßbrett
wieder hinaus.
Als er hereingekommen war, sagte er: »Das ist unser Abendmahl, lassen
Sie es sich genügen.«
Er trat zu dem Tisch, faltete die Hände und sprach bei sich einen Segen,
ich tat desgleichen, und nun setzten wir uns zu unserm Abendessen nieder.
Die Milch tranken wir aus den Gläsern, von dem schwarzen Brote schnitten
wir uns Stückchen mit dem Messer und aßen die Erdbeeren mit dem
Löffelchen. Da wir fertig waren, sprach er wieder mit gefalteten Händen ein
Dankgebet, holte das Eßbrett und trug die Reste wieder fort.
Ich hatte in meiner Tasche noch Teile von meinem Mittagsmahle und in
meiner Flasche noch Wein. Ich sagte daher: »Wenn Euer Ehrwürden
erlauben, so nehme ich die Überbleibsel meines heutigen Mittagessens aus
meinem Ränzchen heraus, weil sie sonst verderben würden.«
»Tun Sie nur nach Ihrem Gefallen,« antwortete er.
Ich nahm daher meine Tasche und sagte: »Da sehen Euer Ehrwürden
auch zugleich, wie ich bei meinem Wanderleben Tafel halte, und wie mein
Trink- und Eßgeschirr beschaffen ist.«
»Sie müssen wissen,« fuhr ich fort, »daß, so sehr man das Wasser und
insbesondere das Gebirgswasser lobt, und so nützlich und herrlich dieser
Stoff auch in dem großen Haushalte der Natur ist, dennoch, wenn man
tagelang auf offenem Felde im Sonnenscheine arbeitet, oder in heißen
Steinen und heißem Sande herumgeht oder in Klippen klettert, ein Trunk
Wein mit Wasser ungleich mehr labt und Kraft gibt, als das lautere,
auserlesenste Wasser der Welt. Das lernte ich bei meinem Amte bald kennen
und versah mich daher stets bei allen meinen Reisen mit Wein. Aber nur
guter Wein ist es, der gute Dienste leistet. Ich hatte mir daher auch auf die
Hochstraße einen reinen guten Wein kommen lassen und nehme täglich einen
Teil mit in meine Steinhügel.«
Der arme Pfarrer sah mir zu, wie ich meine Vorrichtungen
auseinanderpackte. Er betrachtete die kleinen blechernen Tellerchen, deren
mehrere in eine unbedeutende flache Scheibe zusammenzupacken waren. Ich
stellte die Tellerchen auf den Tisch. Dazu tat ich von meinem Fache Messer
und Gabeln. Dann schnitt ich Scheibchen von feinem, weißem Weizenbrote,
das ich wöchentlich zweimal kommen ließ, dann Scheibchen von Schinken,
von kaltem Braten und Käse. Das breitete ich auf den Tellern aus. Hierauf bat
ich um eine Flasche Wasser; denn das allein, sagte ich, führe ich nicht mit
mir, da ich es in der Natur überall finden müsse. Als er in einem Kruge
Wasser gebracht hatte, legte ich meine Trinkvorrichtungen auseinander. Ich
tat die Flasche, die noch halb voll Wein war, heraus, ich stellte die zwei
Gläser – eines habe ich immer zum Vorrate – auf den Tisch, und dann zeigte
ich ihm, wie ich den Wein kühle. Das Glas wird in ein Fach von sehr
lockerem Stoffe gestellt, der Stoff mit einer sehr dünnen Flüssigkeit, die
Äther heißt, und die ich in einem Fläschchen immer mitführe, befeuchtet,
welche Flüssigkeit sehr schnell und heftig verdünstet und dabei eine Kälte
erzeugt, daß der Wein frischer wird, als wenn er eben von dem Keller käme,
ja als ob er sogar in Eis stünde. Da ich auf diese Weise zwei Gläser Wein
aufgefrischt, mit Wasser vermischt und eins auf seinen Platz gestellt hatte,
lud ich ihn ein, mit mir zu speisen.
Er nahm, gleichsam um meiner Einladung die Ehre anzutun, ein winziges
bißchen von den Dingen, nippte an dem Glase und war nicht mehr zu
bewegen, etwas weiteres zu nehmen.
Ich aß von den aufgestellten Speisen nun auch nur sehr weniges und
packte dann alles wieder zusammen, indem ich mich der Unhöflichkeit, die
ich eigentlich in der Übereilung begangen hatte, schämte.
Ich tat schnell einen Blick in das Angesicht des Pfarrers; aber es sprach
nicht der kleinste Zug von Unfreundlichkeit aus.
Da der Tisch leer war, saßen wir noch eine Zeit bei der Talgkerze und
sprachen. Dann schritt der Pfarrer daran, mein Bett zu bereiten. Er trug eine
große wollene Decke herein, legte sie vierfach zusammen und tat sie auf die
Bank, die an der Mauer stand. Aus einer ähnlichen Decke machte er ein
Kissen. Dann öffnete er einen der gelben Schreine, nahm ein Leintuch von
außerordentlicher Schönheit, Feinheit und Weiße heraus, tat es auseinander
und breitete es über mein Lager. Als ich bei dem schwachen Scheine der
Kerze die ungemeine Trefflichkeit des Linnenstückes gesehen und dann
unwillkürlich meine Augen auf ihn gewendet hatte, errötete er in seinem
Angesichte.
Als Hülle für meinen Körper legte er eine dritte Wolldecke auf das Lager.
»Das ist Ihr Bett, so gut ich es machen kann,« sagte er, »Sie dürfen nur
sagen, wenn Sie bereit sind, die Ruhe zu suchen.«
»Das überlasse ich Euer Ehrwürden,« antwortete ich, »wann Sie zum
Schlafen Ihre Zeit haben, richten Sie sich nach derselben. Ich bin an keine
Stunde gebunden, meine Lebensweise bringt es mit sich, daß ich bald kurz,
bald lang schlafe, bald früher, bald später mein Lager suche.«
»Auch ich bin keiner Zeit untertan,« erwiderte er, »und kann den
Schlummer nach meinen Pflichten einrichten; aber da es wegen des Gewitters
heute später geworden ist als sonst, da Sie morgen gewiß sehr bald aufstehen
und wahrscheinlich in die Hochstraße gehen werden, um manches zu holen,
so dächte ich, wäre Ruhe das beste, und wir sollten sie suchen.«
»Ich stimme Ihnen vollständig bei, Herr Pfarrer,« sagte ich.
Nach diesem Gespräche verließ er das Stüblein und ich dachte, er habe
sich nach seiner Schlafkammer begeben. Ich entkleidete mich daher, soweit
ich es immer gewohnt bin, und legte mich auf mein Bett. Eben wollte ich das
Licht, das ich auf einen Stuhl neben meinem Bette gestellt hatte, auslöschen,
als der Pfarrer wieder hereintrat. Er hatte sich umgekleidet und trug jetzt
grauwollene Strümpfe, grauwollene Beinkleider und eine grauwollene Jacke.
Schuhe hatte er nicht, sondern er ging auf den Strümpfen. So trat er in das
Stüblein.
»Sie haben sich schon zur Ruhe gelegt,« sagte er; »ich bin gekommen,
Ihnen eine gute Nacht zu sagen und dann auch den Schlaf zu suchen. Also
schlummern Sie wohl, wie es auf dem Bette möglich ist.«
»Ich werde gut schlafen,« erwiderte ich; »und wünsche Ihnen ein
Gleiches.«
Nach diesen Worten ging er zu dem Weihbrunnenkessel, der unter dem
kleinen, schön geschnitzten Kruzifixe hing, besprengte sich mit Tropfen des
Wassers und verließ das Stüblein.
Ich sah bei dem Lichte meiner Kerze, wie er in dem geräumigen
Vorhause sich auf die hölzerne Bank, die in der Nische stand, legte und die
Bibel sich als Kissen unter das Haupt tat.
Als ich dieses gesehen hatte, sprang ich von meinem Lager auf, ging in
den Nachtkleidern in das Vorhaus hinaus und sagte: »Mit nichten, Euer
Ehrwürden, so ist es nicht gemeint, Sie dürfen nicht auf dieser nackten Bank
schlafen, während Sie mir das bessere Bett einräumen. Ich bin gewohnt, auf
allen Lagern zu schlafen, selbst im Freien unter einem Baume; lassen Sie
mich diese Bank benützen und begeben Sie sich in das Bett, das Sie mir
abtreten wollten.«
»Nein, lieber Herr,« antwortete er, »ich habe Ihnen kein Bett abgetreten;
wo das Ihrige ist, wird sonst nie eines gemacht, und wo ich jetzt liege, schlafe
ich alle Nächte.«
»Auf dieser harten Bank und mit diesem Buche als Kissen schlafen Sie
alle Nächte?« fragte ich.
»Wie Sie durch Ihren Stand an alle Lager gewöhnt sind, selbst an eines
im Freien,« erwiderte er, »so bin ich auch durch meinen Stand gewohnt, auf
dieser Bank zu schlafen und dieses Buch als Kissen zu haben.«
»Ist das wirklich möglich?« fragte ich.
»Ja, es ist so,« antwortete er, »ich sage keine Lüge. Ich hätte mir ja auch
auf dieser Bank ein Bett machen können, wie ich Ihnen eines auf der Ihrigen
gemacht habe; allein ich habe schon seit sehr langer Zeit her angefangen, in
diesen Kleidern und auf dieser Bank hier, wie Sie mich sehen, zu schlafen,
und tue es auch heute.« Da ich noch immer mißtrauisch zögerte, sagte er:
»Sie können in Ihrem Herzen ganz beruhigt sein, ganz beruhigt.«
Ich wendete gegen dieses nichts mehr ein; namentlich war der Grund, daß
er sich ja auch ein Bett hätte machen können, überzeugend.
Nach einer Weile, während welcher ich noch immer dagestanden war,
sagte ich: »Wenn es eine alte Gewohnheit ist, hochwürdiger Herr, so habe ich
freilich nichts mehr einzuwenden; aber Sie werden es auch begreifen, daß ich
anfänglich dagegen sprach, weil man gewöhnlich überall ein gebettetes Lager
hat.«
»Ja, man hat es,« sagte er, »und gewöhnt sich daran, und meint, es müsse
so sein. Aber es kann auch anders sein. An alles gewöhnt sich der Mensch,
und die Gewohnheit wird dann sehr leicht, sehr leicht.«
Nach diesen Worten ging ich wieder, nachdem ich ihm zum zweiten Male
eine gute Nacht gewünscht hatte, in mein Stüblein und legte mich wieder in
mein Bett. Ich erinnerte mich nun auch, daß ich wirklich nie ein Bett gesehen
habe, sooft ich früher in der Behausung des Pfarrers gewesen war. Ich dachte
noch eine Zeitlang an die Sache und konnte nicht umhin, die äußerste
Feinheit des Linnens des Pfarrers sehr wohltätig an meinem Körper zu
empfinden. Nach einer kurzen Zeit lieferte der Pfarrer den tatsächlichen
Beweis, daß er an sein Lager gewohnt sei; denn ich hörte aus dem sanften,
regelmäßigen Atmen, daß er bereits in tiefen Schlummer gesunken sei.
Da ich nun auch ruhig war, da alles in dem Pfarrhause totenstille war, da
der Wind aufgehört hatte, der Regen kaum nur leise zu vernehmen war und
die Blitze wie verloren nur mehr selten mit mattem Scheine das Fenster
berührten, senkte sich auf meine Augen der Schlummer, und nachdem ich die
Kerze ausgelöscht hatte, vernahm ich noch einige Male das Fallen eines
Tropfens an das Fenster, dann war mir's, als ob daran der schwache Aufblick
eines Leuchtens geschähe, und dann war nichts mehr.
Ich schlief sehr gut, erwachte spät, und es war schon völliger Tag, als ich
die Augen öffnete. Es war, als ob es ein zartes Geräusch gewesen wäre, das
mein völliges Aufwachen veranlaßt hatte. Als ich die Augen vollkommen
öffnete und herumsah, erblickte ich in dem Vorhause den Pfarrer in seinen
grauen Nachtkleidern, wie er eben beschäftigt war, meine Kleider mit einer
Bürste vom Staube zu reinigen. Ich erhob mich schnell von meinem Lager,
ging hinaus und störte ihn in seinem Beginnen, indem ich sagte, das dürfe
nicht sein, so etwas könne ich von ihm nicht annehmen, es liege nicht in
seinem Stande, es mache der Staub nichts, und wenn ich ihn fortwollte, so
könnte ich ihn ja selber mit einer Bürste schnell abstreifen.
»Es liegt nicht in meinem Stande als Priester, aber es liegt in meinem
Stande als Gastfreund,« sagte er; »ich habe nur eine einzige alte Dienerin, die
nicht in dem Hause wohnt: sie kommt zu gewissen Stunden, um meine
kleinen Dienste zu verrichten, und ist heute noch nicht da.«
»Nein, nein, das tut nichts,« antwortete ich, »ich erinnere Sie an Ihr
Versprechen, sich keine Last aufzulegen.«
»Ich lege mir keine Last auf,« erwiderte er, »und es ist schon bald gut.«
Mit diesen Worten tat er noch ein paar Striche mit der Bürste auf dem
Rocke und ließ sich dann beides, Bürste und Kleider, nehmen. Er ging aus
dem Vorhause in ein anderes, mir bis dahin unbekanntes Gemach. Ich
kleidete mich indessen an. Nach einer Zeit kam auch er vollständig
angekleidet herein. Er hatte die alten, schwarzen Kleider an, die er am Tage
und alle vorhergehenden Tage angehabt hatte. Wir traten an das Fenster. Der
Schauplatz hatte sich vollkommen geändert. Es war ein durchaus schöner
Tag, und die Sonne erhob sich strahlend in einem unermeßlichen Blau. Was
doch so ein Gewitter ist! Das Zarteste, das Weichste der Natur ist es,
wodurch ein solcher Aufruhr veranlaßt wird. Die feinen, unsichtbaren Dünste
des Himmels, die in der Hitze des Tages oder in der Hitze mehrerer Tage
unschädlich in dem unermeßlichen Raume aufgehängt sind, mehren sich
immer, bis die Luft an der Erde so erhitzt und verdünnt ist, daß die oberen
Lasten derselben niedersinken, daß die tieferen Dünste durch sie erkühlt
werden, oder daß sie auch von einem andern kalten Hauch angeweht werden,
wodurch sie sich sogleich zu Nebelballen bilden, das elektrische Feuer
erzeugen und den Sturm wachrufen, neue Kälte bewirken, neue Nebel
erregen, sodann mit dem Sturme daherfahren und ihre Mengen, die
zusammenschießen, sei es in Eis, sei es in geschlossenen Tropfen, auf die
Erde niederschütten. Und haben sie sie niedergeschüttet und hat die Luft sich
gemischt, so steht sie bald wieder in ihrer Reinheit und Klarheit oft schon am
andern Tage da, um wieder die Dünste aufzunehmen, die in der Hitze erzeugt
werden, wieder allmählich dasselbe Spiel zu beginnen und so die
Abwechslung von Regen und Sonnenschein zu bewirken, welche die Freude
und das Gedeihen von Menschen, Tieren und Gewächsen ist.
Der unermeßliche Regen der Nacht hatte die Kalksteinhügel glatt
gewaschen, und sie standen weiß und glänzend unter dem Blau des Himmels
und unter den Strahlen der Sonne da. Wie sie hintereinander zurückwichen,
wiesen sie in zarten Abstufungen ihre gebrochenen Glanzfarben in Grau,
Gelblich, Rötlich, Rosenfarbig, und dazwischen lagen die länglichen, nach
rückwärts immer schöneren, luftblauen Schatten. Die Wiese vor dem
Pfarrhofe war frisch und grün, die Linde, die ihre älteren und schwächeren
Blätter durch den Sturm verloren hatte, stand neugeboren da, und die andern
Bäume und die Büsche um den Pfarrhof hoben ihre nassen glänzenden Äste
und Zweige gegen die Sonne. Nur in der Nähe des Steges war auch ein
anderes, minder angenehmes Schauspiel des Gewitters. Die Zirder war
ausgetreten und setzte einen Teil der Wiese, von der ich gesagt habe, daß sie
um ein wenig höher liegt als das Flußbett, unter Wasser. Der hohe Steg
senkte sich mit seinem abwärtsgehenden Teile unmittelbar in dieses Wasser.
Allein, wenn man von dem Schaden absieht, den die Überschwemmung
durch Anführung von Sand auf der Wiese verursacht haben mochte, so war
auch diese Erscheinung schön. Die große Wasserfläche glänzte unter den
Strahlen der Sonne, sie machte zu dem Grün der Wiese und dem Grau der
Steine den dritten stimmenden und schimmernden Klang, und der Steg stand
abenteuerlich wie eine dunkle Linie über dem silbernen Spiegel.
Der Pfarrer zeigte mir mehrere Stellen sehr entfernter Gegenden, die man
sonst nicht sehen konnte, die aber heute deutlich in der gereinigten Luft wie
klare Bilder zu erblicken waren.
Nachdem wir eine kleine Zeit das Morgenschauspiel, das die Augen
unwillkürlich auf sich gezogen hatte, betrachtet hatten, brachte der Pfarrer
kalte Milch und schwarzes Brot zum Frühmahle. Wir verzehrten beides, und
ich schickte mich dann zum Fortgehen an. Ich nahm mein Fach und meine
Tasche mit den Lederriemen über die Schulter, nahm meinen Stab von der
Ecke neben dem gelben Schreine, nahm meinen weißen Wanderhut und sagte
dem Pfarrer herzlichen Dank für meine Beherbergung während des starken
Gewitters.
»Wenn es nur nicht zu schlecht gewesen ist,« sagte er.
»Nein, nein, Euer Ehrwürden,« erwiderte ich, »es war alles lieb und gut
von Ihnen; ich bedaure nur, daß ich Ihnen Störung und Unruhe verursacht
habe; ich werde künftig genau auf das Wetter und den Himmel sehen, daß
meine Unvorsichtigkeit nicht wieder ein andrer büßen muß.«
»Ich habe gegeben, was ich gehabt habe,« sagte er.
»Und ich wünsche sehr, einen Gegendienst leisten zu können,« erwiderte
ich.
»Menschen leben nebeneinander und können sich manchen Gefallen
tun,« sagte er.
Mit diesen Worten waren wir in das Vorhaus hinausgelangt.
»Ich muß Ihnen noch meine dritte Stube zeigen,« sagte er; »hier habe ich
ein Gemach, in welchem ich mich aus- und ankleide, daß mich niemand
sieht, und in welchem ich noch mancherlei Sachen bewahrt habe.«
Mit diesen Worten führte er mich aus dem Vorhause in ein Seitenzimmer
oder eigentlich in ein Gewölbe, dessen Tür ich früher nicht beachtet hatte. In
dem Gewölbe waren wieder sehr schlechte Geräte. Ein großer, weicher,
stehender Schrein, in dem Kleider und andere solche Dinge, wahrscheinlich
auch die Wolldecken meines Lagers, aufbewahrt wurden, ein paar Stühle und
ein Brett, auf dem schwarze Brote lagen und ein Topf mit Milch stand: das
war die ganze Gerätschaft. Als wir wieder aus dem Zimmer herausgetreten
waren, schloß er es zu, wir nahmen Abschied und versprachen, uns bald
wiederzusehen.
Ich trat in die kühle, reine Luft und auf die nasse Wiese hinaus. Ich hatte
wohl noch den Gedanken, wie es sonderbar sei, daß wir immer nur in dem
Erdgeschosse gewesen seien und daß ich doch in der Nacht und am Morgen
deutlich Tritte oberhalb unser in dem Pfarrhof vernommen hatte; allein ich
ließ mich den Gedanken nicht weiter anfechten und schritt vorwärts.
Ich ging nicht auf meinem eigentlichen Wege, sondern ich schlug die
Richtung gegen die Zirder ein. Wenn man ein Land vermißt, wenn man viele
Jahre lang Länder und ihre Gestalten auf Papier zeichnet, so nimmt man auch
Anteil an der Beschaffenheit der Länder und gewinnt sie lieb. Ich ging gegen
die Zirder, weil ich sehen wollte, welche Wirkungen ihr Austritt
hervorgebracht hatte und welche Veränderungen er in der unmittelbaren
Nähe eingeleitet haben möge. Als ich eine Weile vor dem Wasser stand und
sein Walten betrachtete, ohne daß ich eben andre Wirkungen als den bloßen
Austritt wahrnehmen konnte, so erlebte ich plötzlich ein Schauspiel, welches
ich bisher noch nicht gehabt hatte, und bekam eine Gesellschaft, die mir
bisher in dem Steinlande nicht zuteil geworden war. Außer meinen Arbeitern,
mit denen ich so bekannt war, und die mit mir so bekannt waren, daß wir uns
wechselweise wie Werkzeuge vorkommen mußten, hatte ich nur einige
Menschen in meinem Gasthause, manchen Wanderer auf dem Wege und den
armen Pfarrer in den Gesteinen gesehen. Jetzt sollte es anders werden. Als ich
hinblickte, sah ich von dem jenseitigen Ufer, welches höher und nicht
überschwemmt war, einen lustigen, fröhlichen Knaben über den Steg
daherlaufen. Als er gegen das Ende des Steges kam, welches sich in das
Überschwemmungswasser der Zirder hinabsenkte, kauerte er sich nieder, und
soviel ich durch mein Handfernrohr wahrnehmen konnte, nestelte er sich die
Schuhriemen auf und zog Schuhe und Strümpfe aus. Allein nachdem er
beides ausgezogen hatte, ging er nicht in das Wasser herab, wie ich vermutet
hatte, sondern blieb an der Stelle. Gleich darauf kam ein zweiter Knabe und
tat dasselbe. Dann kam ein barfüßiger, der auch stehen blieb, dann mehrere
andre. Endlich kam ein ganzer Schwarm Kinder über den Steg gelaufen, und
als sie gegen das Ende desselben gekommen waren, duckten sie sich nieder,
gleichsam wie ein Schwarm Vögel, der durch die Luft geflogen kommt und
an einer kleinen Stelle einfällt, und ich konnte unschwer wahrnehmen, daß
sie sämtlich damit beschäftigt waren, Schuhe und Strümpfe auszuziehen.
Als sie damit fertig waren, ging ein Knabe über den Steg herab und
behutsam in das Wasser. Ihm folgten die andern. Sie nahmen auf ihre
Höschen keine Rücksicht, sondern gingen damit tief in das Wasser, und die
Röckchen der Mädchen schwammen um ihre Füße herum. Zu meinem
Erstaunen erblickte ich jetzt auch mitten im Wasser eine größere schwarze
Gestalt, die niemand anders als der arme Pfarrer im Kar war. Er stand bis an
die Hüften im Wasser. Ich hatte ihn früher nicht gesehen und auch nicht
wahrgenommen, wie er hineingekommen war, weil ich mit meinen Augen
immer weiter hin gegen den Steg geblickt hatte und sie erst jetzt mehr nach
vorn richtete, wie die Kinder gegen meinen Standpunkt heranschritten. Alle
Kinder gingen gegen den Pfarrer zu, und nachdem sie eine Weile bei ihm
verweilt und mit ihm gesprochen hatten, traten sie den Weg gegen das Ufer
an, an dem ich stand. Da sie ungleich vorsichtig auftraten, so zerstreuten sie
sich im Hergehen durch das Wasser, erschienen wie schwarze Punkte auf der
glänzenden Fläche und kamen einzeln bei mir an. Da ich sah, daß keine
Gefahr in dem überall seichten Überschwemmungswasser vorhanden sei,
blieb ich auf meiner Stelle stehen und ließ sie ankommen. Die Kinder kamen
heran und blieben bei mir stehen. Sie sahen mich anfangs mit trotzigen und
scheuen Angesichtern an; aber da ich von Jugend auf ein Kinderfreund
gewesen bin, da ich stets die Kinder als Knospen der Menschheit
außerordentlich geliebt habe und seit meiner Verehelichung selbst mit einer
Anzahl davon gesegnet worden bin, da zuletzt auch keine Art von
Geschöpfen so schnell erkennt, wer ihnen gut ist, und auf diesem Boden
ebenso schnell Vertrauen gewinnt als Kinder: so war ich bald von einem
Kreise plaudernder und rühriger Kinder umringt, die sich bemühten, Fragen
zu geben und Fragen zu beantworten. Es war leicht zu erraten, auf welchem
Wege sie sich befanden, da sie sämtlich an ledernen oder leinenen Bändern
ihre Schultaschen um die Schultern gehängt hatten. Weil aber auch ich meine
Tasche und mein Fach an einem ledernen Riemen um meine Schultern trug,
so mochte es ein lächerlicher Anblick gewesen sein, mich gleichsam wie ein
großes Schulkind unter den kleinen stehen zu sehen. Einige bückten sich und
waren bemüht, ihre Schuhe und Strümpfe wieder anzuziehen, andere hielten
sie noch in den Händen, sahen zu mir auf und redeten mit mir.
Ich fragte sie, woher sie kämen, und erhielt zur Antwort, daß sie aus den
Karhäusern und Steinhäusern seien und daß sie in die Schule in das Kar
gehen.
Als ich sie fragte, warum sie auf dem Stege zusammen gewartet hätten
und nicht einzeln, wie sie gekommen wären, in das Wasser gestiegen seien,
sagten sie, weil die Eltern befohlen hätten, sie sollten sehr vorsichtig sein und
nicht allein, sondern alle zusammen in das Wasser gehen, wenn ein solches
jenseits des Steges der Zirderwiese sei.
»Wenn aber das Wasser auf der Wiese so tief wäre, daß es über das Haupt
eines großen Menschen hinausginge?« fragte ich.
»So kehren wir wieder um,« antworteten sie.
»Wenn aber erst das Wasser mit Gewalt daherkäme, wenn ihr bereits über
den Steg gegangen wäret und euch auf der Wiese befändet, was tätet ihr
dann?«
»Das wissen wir nicht.«
Ich fragte sie, wie lange sie von den Steinhäusern und Karhäusern hierher
brauchten, und erhielt die Antwort: eine Stunde. So weit mochten auch die
genannten Häuser wirklich entfernt sein. Sie liegen jenseits der Zirder in
einem ebenso unfruchtbaren Boden wie das Kar, aber ihre Bewohner treiben
viele Geschäfte, namentlich brennen sie Kalk aus ihren Steinen und verführen
ihn weit.
Ich fragte sie, ob ihnen die Eltern auch aufgetragen hätten, die Schuhe
und Strümpfe zu schonen, erhielt die Antwort Ja, und bewunderte die
Unfolgerichtigkeit, indem sie die trockenen Schuhe und Strümpfe in den
Händen hielten und mit bitterlich nassen Höschen und Röckchen vor mir
standen.
Ich fragte, was sie in dem Winter täten.
»Da gehen wir auch herüber,« sagten sie.
»Wenn aber Schneewasser auf der Wiese ist?«
»Da ziehen wir die Schuhe nicht aus, sondern gehen mit ihnen durch.«
»Und wenn der Steg eisig ist?«
»Da müssen wir achtgeben.«
»Und wenn außerordentliches Schneegestöber ist?«
»Das macht nichts.«
»Und wenn ungeheuer viel Schnee liegt und kein Weg ist?«
»Dann bleiben wir zu Hause.«
In diesem Augenblicke kam der Pfarrer mit den letzten Kindern gegen
mich heran. Es war auch Zeit, denn die Kinder waren bereits so zutraulich
geworden, daß mir ein winzig kleiner Knabe, der den Grund und Anfang aller
Wissenschaften auf einem kleinen Papptäfelchen trug, seine Buchstaben
aufsagen wollte.
Da mich der Pfarrer in der Mitte der Kinder ansichtig wurde, grüßte er
sehr freundlich und sagte, das sei schön von mir, daß ich auch zur Hilfe
herbeigeeilt wäre.
Ich erschrak über diese Zumutung, sagte aber gleich, ich sei eben nicht
zur Hilfe herbeigeeilt, da ich nicht gewußt hätte, daß Kinder über den Steg
kommen würden, aber wenn Hilfe nötig geworden wäre, so würde ich sie
auch gewiß geleistet haben.
Bei dieser Gelegenheit, als ich ihn so unter den Kindern stehen sah,
bemerkte ich, daß er bei weitem tiefer im Wasser gewesen sein müsse als die
Kinder; denn er war bis über die Hüften naß, und dies hätte bei manchem
Kinde beinahe an den Hals gereicht. Ich begriff den Widerspruch nicht und
fragte ihn deshalb. Er sagte, das sei leicht zu erklären. Der Wennerbauer, dem
das überschwemmte Stück Wiese gehöre, auf dem er eben im Wasser
gestanden sei, habe vorgestern Steine aus der Wiese graben und wegführen
lassen. Die Grube sei geblieben. Da er nun heute die Wiese gegen die Zirder
mit Wasser überdeckt gesehen hätte, habe er geglaubt, daß der Weg der
Kinder etwa nahe an dieser Grube vorbeigehen und daß eines in derselben
verunglücken könnte. Deshalb habe er sich zu der Grube stellen wollen, um
alle Gefahr zu verhindern. Da sie aber abschüssig war, sei er selber in die
Grube geglitten, und einmal darin stehend, sei er auch darin stehen geblieben.
Eines der kleineren Kinder hätte in der Grube sogar ertrinken können, so tief
sei sie gegraben worden. Man müsse Sorge tragen, daß die Wiese wieder
abgeebnet werde; denn das Wasser bei Überschwemmungen sei trüb und
lasse die Tiefe und Ungleichheit des Bodens unter sich nicht bemerken.
Die nassen Kinder drängten sich um den nassen Pfarrer, sie küßten ihm
die Hand, sie redeten mit ihm, er redete mit ihnen, oder sie standen da und
sahen zutraulich zu ihm hinauf.
Er aber sagte endlich, sie sollten jetzt die nassen Röckchen auswinden,
das Wasser aus allen Kleidern drücken oder abstreifen, und wer Schuhe und
Strümpfe habe, solle sie anziehen, dann sollen sie gehen, daß sie sich nicht
erkühlen, sie sollen sich in die Sonne stellen, daß sie eher trocken würden,
und sollen dann in die Schule gehen und dort sehr sittsam sein.
»Ja, das werden wir tun,« sagten sie.
Sie folgten der Weisung auch sogleich, sie duckten oder kauerten sich
nieder, sie wanden die Röckchen aus, sie drückten das Wasser aus den Füßen
der Höschen oder sie drängten und streiften es aus Falten und Läppchen, und
ich sah, daß sie darin eine große Geschicklichkeit hatten. Auch war die Sache
nicht so bedeutend, denn sie hatten alle entweder ungebleichte oder rot- oder
blaugestreifte leinene Kleidchen an, die bald trocken werden würden und
denen man kaum ansehen würde, daß sie naß gewesen seien; und in Hinsicht
der Gesundheit, dachte ich, würde der jugendliche Körper leicht die
Feuchtigkeit überwinden. Da sie mit dem Auspressen des Wassers fertig
waren, gingen sie an das Anziehen der Schuhe und Strümpfe. Als sie auch
dieses Geschäft beendigt hatten, nahm der Pfarrer wieder von mir Abschied,
dankte mir noch einmal, daß ich hierhergekommen sei, und begab sich mit
den Kindern auf den Weg in das Kar.
Ich rief den Kindern zu, sie sollten recht fleißig sein, sie riefen zurück:
»Ja, ja!« und gingen mit dem Pfarrer davon.
Ich sah die Gestalt des Pfarrers unter dem Kinderhaufen über die nasse
Wiese der Karschule zugehen, wendete mich dann auch und schlug den Weg
in meine Steine ein. Ich wollte nicht mehr in die Hochstraße gehen, sondern
gleich meine Leute und meinen Arbeitsplatz aufsuchen, teils weil ich keine
Zeit zu verlieren hatte, teils weil ich ohnedem noch mit den Resten von
Lebensmitteln versehen war, die der Pfarrer gestern abend verschmäht hatte.
Auch wollte ich meine Leute beruhigen, die gewiß erfahren haben würden,
daß ich in der Nacht nicht in der Hochstraße gewesen sei, und deshalb
meinetwillen besorgt sein könnten.
Als ich in die Höhe der Kalksteinhügel hinaufstieg, dachte ich an die
Kinder. Wie groß doch die Unerfahrenheit und Unschuld ist! Sie gehen auf
das Ansehen der Eltern dahin, wo sie den Tod haben können; denn die
Gefahr ist bei den Überschwemmungen der Zirder sehr groß und kann bei der
Unwissenheit der Kinder unberechenbar groß werden. Aber sie kennen den
Tod nicht. Wenn sie auch seinen Namen auf den Lippen führen, so kennen
sie seine Wesenheit nicht, und ihr emporstrebendes Leben hat keine
Empfindung von Vernichtung. Wenn sie selbst in den Tod gerieten, würden
sie es nicht wissen, und sie würden eher sterben, ehe sie es erführen.
Als ich so dachte, hörte ich das Glöcklein von dem Turme der Karkirche
in meine Steine hineinklingen, das eben zu der Morgenmesse rief, die der
Pfarrer abhalten und der die Kinder beiwohnen würden.
Ich ging tiefer in die Steine hinein und fand meine Leute, die sich freuten,
mich zu sehen, und die mir Lebensmittel gebracht hatten. –
Da ich lange in der Gegend verweilte, konnte ich es nicht vermeiden,
auch aus dem Munde der Menschen manches über den Pfarrer zu hören. Da
erfuhr ich, daß es wirklich wahr sei, woran ich vermöge seiner Aussage
ohnehin nicht mehr gezweifelt hatte, daß er schon seit vielen Jahren in
seinem Vorhause auf der hölzernen Bank schlafe und die Bibel unter dem
Kopfe habe; daß er hierbei im Sommer nur die grauen Wollkleider anhabe
und im Winter sich auch einer Decke bediene. Seine Kleider trage er so lange
und erhalte sie so beisammen, daß sich niemand erinnern könne, wann er sich
einmal neue angeschafft hätte. Das obere Stockwerk seines Pfarrhofes habe
er vermietet. Es sei ein Mann gekommen, der in einem Amte gestanden, dann
in den Ruhestand versetzt worden war, und der sein Gehalt nun in der
Gegend verzehre, in welcher er geboren worden sei. Er habe den Umstand,
daß der Pfarrer seine Zimmer vermiete, benützt, um sich mit seiner Tochter
da einzumieten, daß er immer den Schauplatz vor Augen habe, in dem er
seine Kindheit zugebracht hatte. Es war mir diese Tatsache wieder ein
Beweis, wie süß uns nach den Worten des Dichters der Geburtsboden zieht
und seiner nicht vergessen läßt, daß hier ein Mann eine Gegend als ein Labsal
und als eine Erheiterung seines Alters aufsucht, aus der jeder andere
fortzukommen trachten würde. Der Pfarrer, sagte man, esse zum Frühmahle
und am Abend nur ein Stück schwarzen Brotes und sein Mittagessen bereite
ihm seine Dienerin Sabine, welche es in ihrer Wohnung koche und es ihm in
den Pfarrhof bringe. Es bestehe häufig aus warmer Milch oder einer Suppe
oder im Sommer selbst aus kalten Dingen. Wenn er krank sei, lasse er keinen
Arzt und keine Arznei kommen, sondern liege und enthalte sich der Speisen,
bis er gesund werde. Von den Einkünften seiner Miete und seines Amtes tue
er Gutes, und zwar an Leuten, die er sorgsam aussuche. Er habe keine
Verwandten und Bekannten. Seit den Jahren, seit denen er da sei, sei niemand
bei ihm auf Besuch gewesen. Alle seine Vorgänger seien nur kurze Zeit
Pfarrer in dem Kar gewesen und seien dann fortgekommen; er aber sei schon
lange da, und es habe den Anschein, daß er bis zu seinem Lebensende
dableiben werde. Er gehe auch nicht auf Besuche in die Nachbarschaft, ja, er
gehe nicht viel mit Menschen um, und wenn er nicht in seinen
Amtsgeschäften oder in der Schule sei, so lese er in seinem Stüblein oder er
gehe über die Wiese in das Steinkar, gehe dort im Sande herum oder sitze
dort einsam mit seinen Gedanken.
Es hatte sich in der Gegend der Ruf verbreitet, daß er wegen seiner
Lebensweise Geld habe, und er ist deshalb schon dreimal beraubt worden.
Ich konnte von diesen Dingen weder wissen, was wahr sei, noch was
nicht wahr sei. Sooft ich zu ihm kam, sah ich die ruhigen, klaren blauen
Augen, das einfache Wesen und die bittere, ungeheuchelte Armut. Was seine
Vergangenheit gewesen sei, in das drang ich nicht ein und mochte nicht
eindringen.
Ich hatte auch mehrere Predigten von ihm gehört. Sie waren einfach
christlich, und wenn auch von seiten der Beredsamkeit manches einzuwenden
gewesen wäre, so waren sie doch klar und ruhig, und es war eine solche Güte
in ihnen, daß sie in das Herz gingen.
Die Zeit meiner Arbeiten in jener Gegend zog sich in die Länge. Die
Steinnester jener unwirtlichen Landschaften setzten uns solche Hindernisse
entgegen, daß wir Aussicht hatten, doppelt so viel Zeit zu brauchen, als auf
einem gleichen Flächenraum einer gezähmten und fruchtbaren Gegend. Dazu
kam noch, daß uns von den Behörden gleichsam eine Frist gesetzt wurde, in
der wir fertig sein sollten, indem wir die Bestimmung bekamen, zu einer
gewissen Zeit in einem andern Teile des Reiches beschäftigt zu werden. Ich
wollte mir die Schande nicht antun, mich saumselig finden zu lassen. Ich bot
daher alles auf, das Geschäft in einen lebhaften Gang zu bringen. Ich verließ
die Hochstraße, ich ließ mir in dem Teile des Steinkars, in dem wir
arbeiteten, eine Bretterhütte als Wohnung aufschlagen, ich wohnte dort und
ließ mir mit meinen Leuten gemeinschaftlich an einem Feuer kochen. Ich zog
auch alle Leute zu mir, daß sie auf dem Arbeitsschauplatze oder in der Nähe
in errichteten Hüttchen wohnten, und ich nahm noch mehrere fremde
Menschen als Handlanger auf, um nun alles recht tüchtig und lebendig zu
fördern.
Da ging es nun an ein Hämmern, Messen, Pflöckeschlagen, Kettenziehen,
an ein Aufstellen der Meßtische, an ein Absehen durch die Gläser, an ein
Bestimmen der Linien, Winkelmessen, Rechnen und dergleichen. Wir
rückten durch die Steinhügel vor, und unsere Zeichen verbreiteten sich auf
dem Kalkgebiete. Da es eine Auszeichnung war, diesen schwierigen
Erdwinkel aufzunehmen, so war ich stolz darauf, es recht schön und
ansehnlich zu tun, und arbeitete oft noch bis tief in die Nacht hinein in meiner
Hütte. Ich zeichnete manche Blätter doppelt und verwarf die minder
gelungenen. Der Stoff wurde sachgemäß eingereiht.
Daß mir bei diesen Arbeiten der Pfarrer in den Hintergrund trat, ist
begreiflich. Allein da ich ihn einmal schon längere Zeit nicht im Steinkar sah,
wurde ich unruhig. Ich war gewöhnt, seine schwarze Gestalt in den Steinen
zu sehen, von weitem sichtbar, weil er der einzige dunkle Punkt in der
graulich dämmernden oder unter dem Strahle der hinabsinkenden Sonne
rötlich beleuchteten Kalkflur war. Ich fragte deshalb nach ihm und erfuhr,
daß er krank sei. Sogleich beschloß ich, ihn zu besuchen. Ich benützte die
erste freie Zeit dazu, oder vielmehr, ich machte mir den ersten Abend frei und
ging zu ihm.
Ich fand ihn nicht auf seinem gewöhnlichen Lager in dem Vorhause,
sondern in dem Stüblein auf der hölzernen Bank, auf welcher er mir in der
Gewitternacht ein Bett gemacht hatte. Man hatte ihm die Wolldecken unter
den Leib gegeben, die ich damals gehabt hatte, und er hatte es zugelassen,
weil er krank war. Man hatte ihm auch eine Hülle gegeben, um seinen Körper
zudecken zu können, und man hatte den fichtenen Tisch an sein Bett gerückt,
daß er Bücher darauf legen und andere Dinge darauf stellen konnte.
So fand ich ihn.
Er lag ruhig dahin und war auch jetzt nicht zu bewegen gewesen, einen
Arzt oder eine Arznei anzunehmen, selbst nicht die einfachsten Mittel
zuzulassen, die man ihm in sein Zimmer brachte. Er hatte den seltsamen
Grund, daß es eher eine Versuchung Gottes sei, eingreifen zu wollen, da Gott
die Krankheit sende, da Gott sie entferne oder den beschlossenen Tod folgen
lasse. Endlich glaubte er auch nicht so sehr an die gute Wirkung der Arzneien
und an das Geschick der Ärzte.
Da er mich sah, zeigte er eine sehr heitere Miene, es war offenbar, daß er
darüber erfreut war, daß ich gekommen sei. Ich sagte ihm, daß er verzeihen
möge, daß ich erst jetzt komme, ich hätte es nicht gewußt, daß er krank sei,
ich wäre wegen der vielen Arbeiten nicht von meiner Hütte in dem Steinkar
herausgekommen, ich hätte ihn aber vermißt, hätte ihm nachgefragt und sei
nun gekommen.
»Das ist schön, das ist recht schön,« sagte er.
Ich versprach, daß ich nun schon öfter kommen werde.
Ich erkannte bei näheren Fragen über seinen Zustand, daß seine Krankheit
weniger eine bedenkliche als vielmehr eine längere sein dürfte, und ging
daher mit Beruhigung weg. Desungeachtet fuhr ich eines Tages mit
hereinbestellten Postpferden in die Stadt hinaus und beriet mich mit einem
mir bekannten Arzte daselbst, indem ich ihm alle Zustände, die ich dem
Pfarrer in mehreren Besuchen abgefragt hatte, darlegte. Er gab mir die
Versicherung, daß ich recht gesehen hätte, daß das Übel kein gefährliches sei,
daß die Natur da mehr tun könne als der Mensch und daß der Pfarrer in etwas
längerer Zeit schon genesen werde.
Da ich nun öfter zu dem Pfarrer kam, so wurde ich es so gewöhnt, abends
ein wenig auf dem Stuhle neben seinem Bette zu sitzen und mit ihm zu
plaudern, daß ich es nach und nach alle Tage tat. Ich ging nach meiner
Tagesarbeit aus dem Steinkar über die Wiese in den Pfarrhof und verrichtete
meine Hausarbeit später bei Licht in meiner Hütte. Ich konnte es um so
leichter tun, da ich jetzt ziemlich nahe an dem Pfarrhofe wohnte, was in der
Hochstraße bei weitem nicht der Fall gewesen war. Ich war aber nicht der
einzige, der sich des Pfarrers annahm. Die alte Sabine, seine Aushelferin,
kam nicht nur öfter in die Wohnung des Pfarrers herüber, als es eigentlich
ihre Schuldigkeit gewesen wäre, sondern sie brachte die meiste Zeit, die sie
von ihrem eigenen Hauswesen, das nur ihre einzige Person betraf, absparen
konnte, in dem Pfarrhofe zu und verrichtete die kleinen Dienste, die bei
einem Kranken notwendig waren. Außer dieser alten Frau kam auch noch ein
junges Mädchen, die Tochter des Mannes, welcher in dem ersten Stockwerke
des Pfarrhofes zur Miete war. Das Mädchen war bedeutend schön, es brachte
dem Pfarrer entweder eine Suppe oder irgend etwas anderes, oder es
erkundigte sich um sein Befinden, oder es hinterbrachte die Frage des Vaters,
ob er dem Pfarrer in irgendeinem Stücke beistehen könne. Der Pfarrer hielt
sich immer sehr stille, wenn das Mädchen in das Zimmer trat, er regte sich
unter seiner Hülle nicht und zog die Decke bis an sein Kinn empor.
Auch der Schullehrer kam oft herüber, und auch ein paar Amtsbrüder aus
der Nachbarschaft waren eingetroffen, um sich nach dem Befinden des
Pfarrers zu erkundigen.
War es nun die Krankheit, welche den Mann weicher stimmte, oder war
es der tägliche Umgang, der uns näher brachte: wir wurden seit der Krankheit
des Pfarrers viel besser miteinander bekannt. Er sprach mehr und teilte sich
mehr mit. Ich saß an dem fichtenen Tische, der an seinem Bette stand, und
kam pünktlich alle Tage an die Stelle. Da er nicht ausgehen konnte und nicht
in das Steinkar kam, so mußte ich die Veränderungen, die dort vorkamen,
berichten. Er fragte mich, ob die Brombeeren an dem Kulterloche schon zu
reifen begännen, ob der Rasen gegen die Zirderhöhe, welchen der Frühling
immer sehr schön grün färbe, schon im Vergelben und Ausdorren begriffen
sei, ob die Hagebutten schon reiften, ob das Verwittern des Kalksteins
vorwärts gehe, ob die in die Zirder gefallenen Stücke sich vermehrten und der
Sand sich vervielfältigte, und dergleichen mehr. Ich sagte es ihm, ich erzählte
ihm auch andere Dinge, ich sagte ihm, wo wir gearbeitet hätten, wie weit wir
vorgerückt wären und wo wir morgen beginnen würden. Ich erklärte ihm
hierbei manches, was ihm in unsern Arbeiten dunkel war. Auch las ich ihm
zuweilen etwas vor, namentlich aus den Zeitungen, die ich mir wöchentlich
zweimal durch einen Boten in das Steinkar hereinbringen ließ.
Eines Tages, da die Krankheit sich schon bedeutend zum Bessern
wendete, sagte er, er hätte eine Bitte an mich.
Als ich ihm erwiderte, daß ich ihm gerne jeden Dienst erweise, der nur
immer in meiner Macht stehe, daß er nur sagen solle, was er wolle, ich würde
es gewiß tun, antwortete er: »Ich muß Ihnen, ehe ich meine Bitte ausspreche,
erst etwas erzählen. Bemerken Sie wohl, ich erzähle es nicht, weil es wichtig
ist, sondern damit Sie sehen, wie alles so gekommen ist, was jetzt ist, und
damit Sie vielleicht geneigter werden, meine Bitte zu erfüllen. Sie sind immer
sehr gut gegen mich gewesen, und Sie sind sogar neulich, wie ich erfahren
habe, in die Stadt hinausgefahren, um einen Arzt über meine Zustände zu
befragen. Dies gibt mir nun den Mut, mich an Sie zu wenden.
»Ich bin der Sohn eines wohlhabenden Gerbers in unserer Hauptstadt.
Mein Urgroßvater war ein Findling aus Schwaben und wanderte mit dem
Stabe in der Hand in unsere Stadt ein. Er lernte das Gerbergewerbe aus Güte
mildtätiger Menschen, er besuchte dann mehrere Werkstätten, um in ihnen zu
arbeiten, er ging in verschiedene Länder, um sich mit seinen Händen sein
Brot zu verdienen und dann die Art kennenzulernen, wie überall das Geschäft
betrieben wird. Unterrichtet kehrte er wieder in unsere Stadt zurück und
arbeitete in einer ansehnlichen Lederei. Dort zeichnete er sich durch seine
Kenntnisse aus, er ward endlich Werkführer, und der Herr des Gewerbes
vertraute ihm mehrere Geschäfte an und übertrug ihm die Ausführung
mancher Versuche zu neuen Bereitungen. Dabei versuchte sich der
Urgroßvater in kleinen Handelsgeschäften, er kaufte mit geringen Mitteln
Rohstoffe und verkaufte sie wieder. So erwarb er sich ein kleines Vermögen.
Da er schon an Jahren zunahm, kaufte er sich in der entfernten Vorstadt einen
großen Garten, an den noch unbenützte Gründe stießen. Er baute auf diesem
Grunde eine Werkstätte und ein Häuschen, heiratete ein armes Mädchen und
trieb nun als eigener Herr sein Gewerbe und seine Handelschaft. Er brachte
es vorwärts und starb als ein geachteter, bei den Geschäftsleuten angesehener
Mann. Er hatte einen einzigen Sohn, meinen Großvater.
»Der Großvater trieb das Geschäft seines Vaters fort. Er dehnte es noch
weiter aus. Er baute ein großes Haus am Rande des Gartens, daß die Fenster
dahin gingen, wo in Zukunft eine Straße mit Häusern sein würde. Rückwärts
des Hauses baute er die Werkstätten und Aufbewahrungsplätze. Der
Großvater war überhaupt ein Freund des Bauens. Er baute außer dem Hause
noch einen großen Hof, der zu weiteren Werkstätten und zu verschiedenen
Teilen unseres Geschäftes benützt wurde. Die öden Gründe neben unserm
Garten verkaufte er, und weil die Stadt einen großen Aufschwung nahm, so
waren diese Gründe sehr teuer. Den Garten umgab er mit einer Mauer, die
wieder regelmäßige Unterbrechungen mit Eisengittern hatte. Er brachte das
Geschäft sehr empor und legte die großen Kaufgewölbe an, in welchen die
Waren, die wir selbst erzeugten, und die, mit welchen wir Handelschaft
trieben, niedergelegt wurden. Der Großvater hatte wieder nur einen Sohn, der
das Gewerbe weiterführte, meinen und meines Bruders Vater.
»Der Vater baute nun noch die Trockenböden auf das Stockwerk der
Werkstätte, er baute an das Haus einen kleinen Flügel gegen den Garten und
baute ein Gewächshaus. Zu seiner Zeit war schon vor den Fenstern des
Hauptgebäudes eine Straße entstanden, welche mit Häusern gesäumt, mit
Steinen gepflastert und von Gehenden und Fahrenden besetzt war. Ich
erinnere mich noch aus meiner Kindheit, daß unser Haus sehr groß und
geräumig war, daß es viele Höfe und Fächer hatte, die zur Betreibung des
Gewerbes dienten. Am liebsten erinnere ich mich noch des schönen Gartens,
in dem Bäume und Blumen, Kräuter und Gemüse standen. In den Räumen
der Gebäude und der Höfe gingen die von ihrer Arbeit in ihren
Leinenkleidern fast gelbbraun gefärbten Gesellen herum, in dem großen
Gewölbe zu ebener Erde und in den zwei kleinen daranstoßenden lagen
Lederballen aufgetürmt, auf den Stangen des Trockenbodens hingen Häute,
und in den großen Austeilzimmern wurden sie gesondert und geordnet. In
dem Verkaufsgewölbe lagen sie zierlich in den Fächern. Im Rinderstalle
standen Kühe, im Pferdestalle waren sechs Pferde und in dem
Wagenbehältnis Kutschen und Wagen; ich erinnere mich sogar noch auf den
großen, schwarzen Hund Hassan, der im großen Hofe war und bei dem Tore
desselben jedermann hineinließ, aber niemand hinaus.
»Unser Vater war ein großer, starker Mann, der in den weitläufigen
Räumen des Hauses herumging, alles besah und alles anordnete. Er ging fast
nie aus dem Hause, außer wenn er Geschäfte hatte oder in die Kirche ging;
und wenn er zu Hause war und nicht eben bei der Arbeit nachsah, so saß er
an dem Schreibtische und schrieb. Öfter wurde er auch in dem Garten
gesehen, wie er mit den Händen auf dem Rücken dahinging, oder wie er so
dastand und auf einen Baum hinaufsah, oder wie er die Wolken betrachtete.
Er hatte eine Freude an der Obstzucht, hatte einen eigenen Gärtner hierfür
genommen und hatte Pfropfreiser aus allen Gegenden Europas verschrieben.
Er war gegen seine Leute sehr gut, er hielt sie ausreichend, sah, daß einem
jeden sein Teil werde, daß er aber auch tue, was ihm obliege. Wenn einer
krank war, ging er selber zu seinem Bette, fragte ihn, wie er sich befinde, und
reichte ihm oft selber die Arznei. Er hatte im Hause nur den allgemeinen
Namen Vater. Dem Prunke war er abgeneigt, daß er eher zu schlicht und
unscheinbar daherging als zu ansehnlich, seine Wohnung war einfach, und
wenn er in einem Wagen ausfuhr, so mußte es ein sehr bürgerlich
aussehender sein.
»Wir waren zwei Brüder, Zwillinge, und die Mutter hatte bei unserer
Geburt ihr Leben verloren. Der Vater hatte sie sehr hoch geehrt und daher
keine Frau mehr genommen; denn er hat sie nie vergessen können. Weil auf
der Gasse zuviel Lärm war, wurden wir in den hintern Flügel gegen den
Garten getan, den der Vater an das Haus angebaut hatte. Es war eine große
Stube, in der wir waren, die Fenster gingen gegen den Garten hinaus, die
Stube war durch einen langen Gang von der übrigen Wohnung getrennt, und
damit wir nicht bei jedem Ausgange durch den vordern Teil des Hauses
gehen mußten, ließ der Vater in dem Gartenflügel eine Treppe bauen, auf
welcher man unmittelbar in den Garten und von ihm ins Freie gelangen
konnte.
»Nach dem Tode der Mutter hatte der Vater die Leitung des Hauswesens
einer Dienerin anvertraut, welche schon bei der Mutter, ehe sie Braut wurde,
in Diensten gestanden und gleichsam ihre Erzieherin gewesen war. Die
Mutter hatte sie auf ihrem Totenbette dem Vater empfohlen. Sie hieß Luise.
Sie führte über alles die Leitung und Aufsicht, was die Speise und den Trank
betraf, was sich auf die Wäsche, auf die Geschirre, auf die Geräte des Hauses,
auf Reinigung der Treppen und Stuben, auf Beheizung und Lüftung bezog,
kurz über alles, was das innere Hauswesen anbelangt. Sie stand an der Spitze
der Mägde. Sie besorgte auch die Bedürfnisse von uns beiden Knaben.
»Da wir größer geworden waren, bekamen wir einen Lehrer, der bei uns
in dem Hause wohnte. Es wurden ihm zwei schöne Zimmer hergerichtet, die
sich neben unserer Stube befanden und mit dieser Stube den ganzen hinteren
Teil des Flügels ausmachten, der den Namen Gartenflügel führte. Wir lernten
von ihm, was alle Kinder zu Anfang ihres Lernens vornehmen müssen:
Buchstaben kennen, Lesen, Rechnen, Schreiben. Der Bruder war viel
geschickter als ich, er konnte sich die Buchstaben merken, er konnte sie zu
Silben verbinden, er konnte deutlich und in Absätzen lesen, ihm kam in der
Rechnung immer die rechte Zahl, und seine Buchstaben standen in der
Schrift gleich und auf der nämlichen Linie. Bei mir war das anders. Die
Buchstabennamen wollten mir nicht einfallen, dann konnte ich die Silbe nicht
sagen, die sie mir vorstellten, und beim Lesen waren die großen Wörter sehr
schwer, und es war eine Pein, wenn sehr lange kein Beistrich erschien. In der
Rechnung befolgte ich die Regeln, aber es standen am Ende meistens ganz
andere Zahlen da, als herauskommen mußten. Bei dem Schreiben hielt ich die
Feder sehr genau, sah fest auf die Linie, fuhr gleichmäßig auf und nieder, und
doch standen die Buchstaben nicht gleich, sie senkten sich unter die Linie, sie
sahen nach verschiedenen Richtungen, und die Feder konnte keinen
Haarstrich machen. Der Lehrer war sehr eifrig, der Bruder zeigte mir auch
vieles, bis ich die Sache machen konnte. Wir hatten in der Stube einen großen
eichenen Tisch, auf welchem wir lernten. An jeder der zwei Langseiten des
Tisches waren mehrere Fächer angebracht, die herauszuziehen waren, wovon
die eine Reihe dem Bruder diente, seine Schulsachen hineinzulegen, die
andere mir. In jeder der hintern Ecke der Stube stand ein Bett und neben dem
Bette ein Nachttischchen. Die Tür unseres Zimmers stand nachts in das
Schlafzimmer des Lehrers offen.
»Wir gingen sehr häufig in den Garten und beschäftigten uns dort. Wir
fuhren oft mit unseren Schimmeln durch die Stadt, wir fuhren auch auf das
Land oder sonst irgendwo herum, und der Lehrer saß immer bei uns in dem
Wagen. Wir gingen mit ihm auch aus, wir gingen entweder auf einer Bastei
der Stadtmauer oder in einer Allee spazieren, und wenn etwas Besonderes in
der Stadt ankam, das sehenswürdig war, und es der Vater erlaubte, so gingen
wir mit ihm hin, es zu sehen.
»Als wir in den Gegenständen der unteren Schulen gut unterrichtet waren,
kamen die Gegenstände der lateinischen Schule an die Reihe, und der Lehrer
sagte uns, daß wir aus ihnen vor dem Direktor und vor den Professoren
werden Prüfungen ablegen müssen. Wir lernten die lateinische und
griechische Sprache, wir lernten die Naturgeschichte und Erdbeschreibung,
das Rechnen, die schriftlichen Aufsätze und andere Dinge. In der Religion
wurden wir von dem würdigen Kaplane unserer Pfarrkirche in unserm Hause
unterrichtet, und der Vater ging uns in religiösen und sittlichen Dingen mit
einem guten Beispiel voran. Aber wie es in dem früheren Unterrichte
gewesen war, so war es hier auch wieder. Der Bruder lernte alles recht gut, er
machte seine Aufgaben gut, er konnte das Lateinische und Griechische
deutsch sagen, er konnte die Buchstabenrechnungen machen, und seine
Briefe und Aufsätze waren, als hätte sie ein erwachsener Mensch
geschrieben. Ich konnte das nicht. Ich war zwar auch recht fleißig, und im
Anfange eines jeden Dinges ging es nicht übel, ich verstand es und konnte es
sagen und machen; aber wenn wir weiter vorrückten, entstand eine
Verwirrung, die Sachen kreuzten sich, ich konnte mich nicht zurechtfinden
und hatte keine Einsicht. In den Übertragungen aus der deutschen Sprache
befolgte ich alle Regeln sehr genau, aber da waren immer bei einem Worte
mehrere Regeln, die sich widersprachen, und wenn die Arbeit fertig war, so
war sie voll Fehler. Ebenso ging es bei den Übertragungen in das Deutsche.
Es standen in dem lateinischen oder griechischen Buche immer so fremde
Worte, die sich nicht fügen wollten, und wenn ich sie in dem Wörterbuche
aufschlug, waren sie nicht darin, und die Regeln, die wir in unserer
Sprachlehre lernten, waren in den griechischen und lateinischen Büchern
nicht befolgt. Am besten ging es noch in zwei Nebengegenständen, die der
Vater zu lernen befohlen hatte, weil wir sie in unserer Zukunft brauchen
könnten, in der französischen und italienischen Sprache, für welche in jeder
Woche zweimal ein Lehrer in das Haus kam. Der Bruder und unser Lehrer
nahmen sich meiner sehr an und suchten mir beizustehen. Aber da die
Prüfungen kamen, genügte ich nicht, und meine Zeugnisse waren nicht gut.
»So vergingen mehrere Jahre. Da die Zeit vorüber war, welche der Vater
zur Erlernung dieser Dinge bestimmt hatte, sagte er, daß wir jetzt unser
Gewerbe lernen müßten, das er uns nach seinem Tode übergeben würde, und
das wir gemeinsam so ehrenwert und ansehnlich fortzuführen hätten, wie es
unsere Vorfahren getan hätten. Er sagte, wir müßten auf die nämliche Weise
unterrichtet werden wie unsere Voreltern, damit wir auf die nämliche Weise
zu handeln verstünden wie sie. Wir müßten alle Handgriffe und Kenntnisse
unseres Geschäftes von unten hinauf lernen, wir müßten zuerst arbeiten
können wie jeder gute und der beste Arbeiter in unserm Handwerke, damit
wir den Arbeiter und die Arbeit beurteilen könnten, damit wir wüßten, wie
die Arbeiter behandelt werden sollen, und damit wir von den Arbeitern
geachtet würden. Dann erst sollten wir zur Erlernung der weiteren in der
Handelschaft nötigen Dinge übergehen.
»Der Vater wollte, daß wir auch so leben sollten, wie unsere Arbeiter
lebten, daß wir ihre Lage verstünden und ihnen nicht fremd wären. Er wollte
daher, daß wir mit ihnen essen, wohnen und schlafen sollten. Unser
bisheriger Lehrer verließ uns, indem er jedem von uns ein Buch zum
Andenken hinterließ, wir zogen aus der Studierstube fort und gingen in die
Arbeiterwohnung hinüber.
»Der Vater hatte den besten Gesellen unseres Geschäftes, der zugleich
Werkführer war, zu unserm Lehrmeister bestimmt und uns überhaupt seiner
Aufsicht übergeben. Wir bekamen jeder unsern Platz in seiner Werkstätte,
waren mit dem Handwerkzeuge versehen und mußten beginnen, wie jeder
Lehrling. Zum Speisen kamen wir an den nämlichen Tisch, an dem alle
unsere Arbeiter saßen, aber wir kamen an die untersten Plätze, wo sich die
Lehrlinge befanden. Als Schlafgemach hatten wir auch das der Lehrlinge, an
welches das Schlafzimmer des Werkführers stieß, der der einzige war,
welcher ein eigenes Zimmer zum Schlafen hatte. Deshalb mußte er immer
nicht nur ein sehr geschickter Arbeiter sein, sondern auch durch
Rechtlichkeit, Sitte und Lebenswandel sich auszeichnen. Ein anderer wurde
in unserm Hause zu dieser Stelle gar nicht genommen. Er hatte die besondere
Aufsicht über die Lehrlinge, weil diese noch einer Erziehung bedurften. Zum
Lager erhielten wir ein Bett wie die Lehrlinge und zur Bekleidung hatten wir
das Kleid aller unserer Arbeiter.
»So begann die Sache. Aber auch hier war es genau wieder so, wie es in
allen vorhergegangenen Dingen gewesen war. Der Bruder arbeitete schnell
und seine Arbeitsstücke waren schön. Ich machte es genau so, wie der
Lehrmeister es angab, aber meine Stücke wurden nicht so, wie sie sein
mußten und wurden nicht so schön wie die meines Bruders. Ich war aber
außerordentlich fleißig. Des Abends saßen wir oft in der großen
Gesprächstube der Arbeiter und hörten ihren Reden zu. Es kamen auch böse
Beispiele von Arbeitern vor, aber sie sollten uns nicht verlocken, sondern sie
sollten uns befestigen und einen Abscheu einflößen. Der Vater sagte, wer
leben soll, muß das Leben kennen, das Gute und das Böse davon, muß aber
von dem letzteren nicht angegriffen, sondern gestärkt werden. An solchen
Abenden holte ich den Arbeitern gern Dinge, um welche sie mich schickten,
Wein, Käse und andere Gegenstände. Sie hatten mich deshalb auch sehr lieb.
»Wenn wir in einer Werkstätte unterrichtet waren und die Sachen machen
konnten, kamen wir in eine andere, bis wir endlich freigesprochen wurden
und als Lehrlinge in die Handelschaft traten. Als wir auch da fertig waren,
kamen wir in die Schreibstube zu den Schreibereien unseres Geschäftes.
»Da endlich nach geraumer Zeit unsere Lehrjahre vorüber waren, kamen
wir in das Zimmer der Söhne vom Hause und erhielten die einfachen Kleider,
wie sie unser Vater zu tragen pflegte.
»Nicht lange nach der Zeit der Vollendung der Lehre, und da der Bruder
schon überall zu den Geschäften beigezogen wurde, erkrankte der Vater. Er
erkrankte nicht so ernstlich, daß eine Gefahr zu befürchten gewesen wäre, so
wie er auch nicht in dem Bette liegen mußte, aber seine starke Gestalt nahm
ab, sie wurde leichter, er ging viel in dem Hause und in dem Garten herum
und nahm sich nicht mehr so um die Geschäfte an, wie es früher seine
Gewohnheit und seine Freude gewesen war.
»Der Bruder nahm sich um die Führung des Gewerbes an, ich brauchte
mich nicht einzumischen, und der Vater blieb endlich den größten Teil des
Tages, wenn er nicht eben in dem Garten war, in seinem Wohnzimmer.
»Um jene Zeit tat ich die Bitte, daß man erlauben möge, daß ich wieder
unsere alte Studierstube beziehen und dort wohnen dürfe. Man gewährte die
Bitte, und ich schaffte meine Habseligkeiten durch den langen Gang in die
Stube. Weil der Vater in dem Geschäfte keine Anordnungen und keine
Befehle erteilte, und weil mir der Bruder keine Arbeit auftrug, hatte ich
Muße, zu tun, was ich wollte. Da man mir damals, als ich in unsern
Lehrgegenständen keine genügenden Zeugnisse erhalten hatte, keinen
Vorwurf gemacht hatte, so beschloß ich, jetzt alles nachzuholen und alles so
zu lernen, wie es sich gebührte. Ich nahm ein Buch aus der Lade, setzte mich
dazu und las den Anfang. Ich verstand alles und lernte es und merkte es mir.
Am andern Tage wiederholte ich das, was ich an den vorigen Tagen gelernt
hatte, versuchte, ob ich es noch wisse, und lernte ein neues Stück dazu. Ich
gab mir nur weniges zur Aufgabe, aber ich suchte es zu verstehen und es
gründlich in meinem Gedächtnisse aufzubewahren. Ich gab mir auch
Aufgaben zur Ausarbeitung und sie gelangen. Ich suchte die Aufgaben
hervor, welche uns damals von unserm Lehrer gegeben worden waren,
machte sie noch einmal und machte jetzt keinen Fehler. Wie ich es mit dem
einen Buche gemacht hatte, machte ich es auch mit den andern. Ich lernte
sehr fleißig, und nach und nach war ich schier den ganzen Tag in der Stube
beschäftigt. Wenn ich eine freie Zeit hatte, so saß ich gern nieder, nahm das
Buch in die Hand, welches mir mein Lehrer zum Angedenken gegeben hatte,
und dachte an den Mann, der damals bei uns gewesen war.
»In der Stube war alles geblieben, wie es einst gewesen war. Der große
eichene Tisch stand noch in der Mitte, er hatte noch die Male, die wir
entweder absichtlich mit dem Messer oder zufällig mit andern Werkzeugen in
sein Holz gebracht hatten, er zeigte noch die vertrockneten Tintenbäche,
welche entstanden waren, wenn mit dem Tintengefäß ein Unglück geschehen
war und wenn mit allem Waschen und Reiben keine Abhilfe mehr gebracht
werden konnte. Ich zog die Fächer heraus. Da lagen noch in den meinigen
meine Lehrbücher mit dem Rötel- oder Bleifederzeichen in ihrem Innern, wie
weit wir zu lernen hätten; es lagen noch die Papierhefte darinnen, in welchen
die Ausarbeitungen unserer Aufgaben geschrieben waren, und es leuchteten
die mit roter Tinte gemachten Striche des Lehrers hervor, die unsere Fehler
bedeuteten; es lagen noch die veralteten, bestaubten Federn und Bleistifte
darinnen. Ebenso war es in den Fächern des Bruders. Auch in ihnen lagen
seine alten Lerngeräte in bester Ordnung beisammen. Ich lernte jetzt an
demselben Tische meine Aufgaben, an welchem ich sie vor ziemlich vielen
Jahren gelernt hatte. Ich schlief in dem nämlichen Bette und hatte das
Nachttischchen mit dem Licht daneben. Das Bett des Bruders aber blieb leer
und war immer zugedeckt. In den zwei Zimmern, in welchen damals der
Lehrer gewohnt hatte, hatte ich einige Kästen mit Kleidern und andern
Sachen; sonst waren sie auch unbewohnt und hatten nur noch die alten
Geräte. So war ich der einzige Bewohner des hintern Gartenflügels, und
dieser Zustand dauerte mehrere Jahre.
»Plötzlich starb unser Vater. Mein Schreck war fürchterlich. Kein
Mensch hatte geglaubt, daß es so nahe sei und daß es überhaupt eine Gefahr
geben könnte. Er hatte sich zwar in der letzten Zeit immer mehr
zurückgezogen, seine Gestalt war etwas verfallen, auch brachte er oft
mehrere Tage in dem Bette zu; allein wir hatten uns an diesen Zustand so
gewöhnt, daß er uns zuletzt auch als ein regelmäßiger erschien. Jeder
Hausbewohner sah ihn als den Vater an; der Vater gehörte so notwendig zu
dem Hause, daß man sich seinen Abgang nicht denken konnte, und ich habe
mir wirklich nie gedacht, daß er sterben könnte und daß er so krank sei. In
dem ersten Augenblick war alles in Verwirrung, dann aber wurden die
Leichenvorbereitungen gemacht. Mit seinem Leichenzuge gingen alle Armen
des Stadtbezirkes, es gingen die Männer seines Geschäftes mit, seine
Freunde, viele Fremde, die Arbeiter seines Hauses und seine zwei Söhne. Es
wurden sehr viele Tränen geweint, wie man um wenige Menschen des
Landes weint, und die Leute sagten, daß ein vortrefflicher Mann, ein
auserlesener Bürger und ein ehrenvoller Geschäftsmann begraben worden sei.
Nach einigen Tagen wurde das Testament eröffnet und in demselben stand,
daß wir beiden Brüder als Erben eingesetzt seien und uns das Geschäft
gemeinschaftlich zugefallen sei.
»Der Bruder sagte mir nach einiger Zeit, daß die ganze Last des
Geschäftes nun auf unsern Schultern liege, und ich eröffnete ihm nun hierbei,
daß ich das Lateinische, Griechische, die Naturgeschichte, die
Erdbeschreibung und die Rechenkunst, worin ich damals, als wir unterrichtet
wurden, geringe Fortschritte gemacht hatte, nachgelernt hätte, und daß ich
jetzt beinahe vollkommen in diesen Dingen bewandert wäre. Er aber
antwortete mir, daß Lateinisch, Griechisch und die übrigen Fächer zu unserm
Berufe nicht geradehin notwendig seien, und daß ich zu spät diese Mühe
verwendet hätte. Ich erwiderte ihm, daß ich, so wie ich diese Lernfächer
nachgelernt hätte, ich auch alle die Arbeiten und Kenntnisse, die zu unserm
Geschäfte unmittelbar notwendig wären, allmählich nachlernen würde.
Hierauf sagte er wieder, daß, wenn das Geschäft auf mich warten müßte, ich
zu einer Zeit fertig werden würde, wenn es bereits zugrunde gegangen wäre.
Er versprach aber, daß er sich so annehmen werde, wie es in seinen Kräften
möglich sei, und daß er mir überlasse zu tun, wie es mir gefalle, daß ich
Einsicht nehmen könne, daß ich mithelfen könne, daß ich noch lernen könne,
und daß mein Teil mir aber in jedem Falle unverkümmert bewahrt werden
solle.
»Ich ging wieder in die Studierstube zurück, mischte mich in die
Geschäfte nicht, weil ich sie wohl nicht verstand, und er ließ mich dort. Ja, er
schickte mir sogar bessere Geräte und versah mich mit mehreren
Bequemlichkeiten, daß der Aufenthalt in der Stube mir nicht unangenehm
würde. Nach einiger Zeit erschien er mit dem Rechtsanwalte unseres Hauses,
mit Personen des Gerichtes und mit Zeugen, welche Freunde unsers Vaters
gewesen waren, und gab mir ein gerichtliches Papier, auf welchem
verzeichnet war, was ich für Ansprüche an die Erbschaft habe, welcher mein
Teil sei, und was mir in der Zukunft gebühre. Der Bruder, die Zeugen und ich
unterschrieben die Schrift.
»Ich fuhr nun mit dem Lernen fort; der Bruder leitete den ganzen Umfang
des Geschäftes. Nach einem Vierteljahre brachte er mir eine Summe Geldes
und sagte, das seien die Zinsen, welche mir von meinem Anteile an der
Erbschaft, der in dem Gewerbe tätig sei, gebühren. Er sagte, daß er mir alle
Vierteljahre diese Summe einhändigen werde. Er fragte mich, ob ich
zufrieden sei, und ich antwortete, daß ich sehr zufrieden sei.
»Nachdem so wieder eine Zeit vergangen war, stellte er mir einmal vor,
daß mein Lernen doch zu etwas führen müsse, und er fragte mich, ob ich
nicht geneigt wäre, zu einem der gelehrten Stände hinzuarbeiten, zu denen
die Dinge, mit welchen ich mich jetzt beschäftige, die Vorarbeit seien. Als
ich ihm antwortete, daß ich nie darüber nachgedacht habe und daß ich nicht
wisse, welcher Stand sich für mich ziemen könnte, sagte er, das sei jetzt auch
nicht notwendig, ich möchte nur aus den Kenntnissen, die ich mir jetzt
erworben hätte, nach und nach die Prüfungen ablegen, damit ich beglaubigte
Schriften über meine Anwartschaft in den Händen hätte, ich möchte mir die
fehlenden Wissenschaften noch zu erwerben trachten und mich über sie
gleichfalls Prüfungen unterziehen, und wenn dann der Zeitpunkt gekommen
wäre, mich für einen besonderen Stand zu entscheiden, hätte ich wieder mehr
Erfahrungen gesammelt und sei dann leichter in der Lage, mich zu
bestimmen, wohin ich mich zu wenden hätte.
»Mir gefiel der Vorschlag recht gut, und ich sagte zu. Nach einiger Zeit
machte ich die ersten Prüfungen aus den unteren Fächern, und sie fielen
außerordentlich gut aus. Dies machte mir Mut, und ich ging mit Eifer an die
Erlernung der weiteren Kenntnisse. Mir zitterte innerlich das Herz vor
Freude, daß ich einmal einem jener Stände, die ich immer mit so vieler
Ehrfurcht betrachtet hatte, die der Welt mit ihren Wissenschaften und mit
ihrer Geschicklichkeit dienen, angehören sollte. Ich arbeitete sehr fleißig, ich
kargte mir die Zeit ab, ich kam wenig in die andern Räume des Hauses
hinüber, und nachdem wieder eine Zeit vergangen war, konnte ich abermals
eine Prüfung mit gutem Erfolge ablegen.
»So war ich vollständig ein Bewohner des hinteren Gartenflügels
geworden, durfte es bleiben und konnte mich mit gutem Gewissen meinen
Bestrebungen hingeben.
»An unsern hinteren Gartenteil stieß ein zweiter Garten, der aber
eigentlich kein Garten war, sondern mehr ein Anger, auf dem hie und da ein
Baum stand, den niemand pflegte. Hart an einem Eisengitter unseres Gartens
ging der Weg vorüber, der in dem fremden Garten war. Ich sah in jenem
Garten immer sehr schöne, weiße Tücher und andere Wäsche auf langen
Schnüren aufgehängt. Ich blickte oft teils aus meinen Fenstern, teils durch
das Eisengitter, wenn ich eben in dem Garten war, darauf hin. Wenn sie
trocken waren, wurden sie in einen Korb gesammelt, während eine Frau
dabeistand und es anordnete. Dann wurden wieder nasse aufgehängt,
nachdem die Frau die zwischen Pflöcken gespannten Schnüre mit einem
Tuche abgewischt hatte. Diese Frau war eine Witwe. Ihr Gatte hatte ein Amt
gehabt, das ihn gut nährte. Kurz nach seinem Tode war auch sein alter,
gütiger Herr gestorben, und der Sohn desselben hatte ein so hartes Herz, daß
er der Witwe nur so viel gab, daß sie nicht gerade verhungerte. Sie mietete
daher das Gärtchen, das an unsern Garten stieß, sie mietete auch das kleine
Häuschen, welches in dem Garten stand. Mit dem Gelde, das ihr ihr Gatte
hinterlassen hatte, richtete sie nun das Häuschen und den Garten dazu ein,
daß sie für die Leute, welche ihr das Vertrauen schenken würden, Wäsche
besorgte, feine und jede andere. Sie ließ in dem Häuschen Kessel einmauern
und andere Vorrichtungen machen, um die Wäsche zu sieden und die Laugen
zu bereiten. Sie ließ Waschstuben herrichten, sie bereitete Orte, wo geglättet
und gefaltet wurde, und für Zeiten des schlechten Wetters und des Winters
ließ sie einen Trockenboden aufführen. In dem Garten ließ sie Pflöcke in
gleichen Entfernungen voneinander einschlagen, an den Pflöcken Ringe
befestigen und durch die Ringe Schnüre ziehen, welche oft gewechselt
wurden. Hinter dem Häuschen ging ein Bach vorüber, welcher die Witwe
verleitet hatte, hier ihre Waschanstalt zu errichten. Von dem Bache führten
Pumprinnen in die Kessel, und über dem Wasser des Baches war eine
Waschhütte erbaut. Die Frau hatte viele Mägde genommen, welche arbeiten
und die Sache gehörig bereiten mußten, sie stand dabei, ordnete an, zeigte,
wie alles richtig zu tun sei, und da sie die Wäsche nicht mit Bürsten und
groben Dingen behandeln ließ und darauf sah, daß sie sehr weiß sei und daß
das Schlechte ausgebessert wurde, so bekam sie sehr viele Kundschaften, sie
mußte ihre Anstalt erweitern und mehr Arbeiterinnen nehmen, und nicht
selten kam manche vornehme Frau und saß mit ihr unter dem großen
Birnbaume des Gartens.
»Diese Frau hatte auch ein Töchterlein, ein Kind, nein, es war doch kein
Kind mehr – ich wußte eigentlich damals nicht, ob es noch ein Kind sei oder
nicht. Das Töchterlein hatte sehr feine rote Wangen, es hatte feine rote
Lippen, unschuldige Augen, die braun waren und freundlich um sich
schauten. Über den Augen hatte es Lider, die groß und sanft waren, und von
denen lange Wimpern niedergingen, die zart und sittsam aussahen. Die
dunkeln Haare waren von der Mutter glatt und rein gescheitelt und lagen
schön an dem Haupte. Das Mädchen trug manchmal ein längliches Körbchen
von feinem Rohre; über dem Körbchen war ein weißes, sehr feines Tuch
gespannt, und in dem Körbchen mochte ganz auserlesene Wäsche liegen,
welche das Kind zu einer oder der andern Frau zu tragen hatte.
»Ich sah es gar so gern an. Manchmal stand ich an dem Fenster und sah
auf den Garten hinüber, in welchem immer ohne Unterbrechung, außer wenn
es Nacht wurde oder schlechtes Wetter kam, Wäsche an den Schnüren hing,
und ich hatte die weißen Dinge sehr lieb. Da kam zuweilen das Mädchen
heraus, ging auf dem Anger hin und wieder und hatte mancherlei zu tun, oder
ich sah es, obwohl das Häuschen sehr unter Zweigen versteckt war, an dem
Fenster stehen und lernen. Ich wußte bald auch die Zeit, an welcher es die
Wäsche forttrug, und da ging ich manchmal in den Garten hinunter und stand
an dem eisernen Gitter. Da der Weg an dem Gitter vorüberging, mußte das
Mädchen an mir vorbeikommen. Es wußte recht wohl, daß ich dastehe; denn
es schämte sich immer und nahm sich im Gange zusammen.
»Eines Tages, da ich die Wäscheträgerin von ferne kommen sah, legte ich
schnell einen sehr schönen Pfirsich, den ich zu diesem Zwecke schon vorher
gepflückt hatte, durch die Öffnung der Gitterstäbe hinaus auf ihren Weg und
ging in das Gebüsch. Ich ging so tief hinein, daß ich sie nicht sehen konnte.
Als schon so viele Zeit vergangen war, daß sie lange vorüber gekommen sein
mußte, ging ich wieder hervor; allein der Pfirsich lag noch auf dem Wege.
Ich wartete nun die Zeit ab, wann sie wieder zurückkommen würde. Aber da
sie schon zurückgekommen war und ich nachsah, lag der Pfirsich noch auf
dem Wege. Ich nahm ihn wieder herein. Das nämliche geschah nach einer
Zeit noch einmal. Beim dritten Male blieb ich stehen, als der Pfirsich mit
seiner sanften, roten Wange auf dem Sande lag, und sagte, da sie in die Nähe
kam: ›Nimm ihn.‹ Sie blickte mich an, zögerte ein Weilchen, bückte sich
dann und nahm die Frucht. Ich weiß nicht mehr, wo sie dieselbe hingesteckt
hatte, aber das weiß ich gewiß, daß sie sie genommen hatte. Nach Verlauf
von einiger Zeit tat ich dasselbe wieder, und sie nahm wieder die Frucht. So
geschah es mehrere Male, und endlich reichte ich ihr den Pfirsich mit der
Hand durch das Gitter.
»Zuletzt kamen wir auch zum Sprechen. Was wir gesprochen haben, weiß
ich nicht mehr. Es muß gewöhnliches Ding gewesen sein. Wir nahmen uns
auch bei den Händen.
»Mit der Zeit konnte ich nicht mehr erwarten, wenn sie mit dem
Körbchen kam. Ich stand allemal an dem Gitter. Sie blieb stehen, wenn sie zu
mir gekommen war, und wir redeten miteinander. Einmal bat ich sie, mir die
Dinge in dem Körbchen zu zeigen. Sie zog den linnenen Deckel mit kleinen
Schnürchen auseinander und zeigte mir die Sachen. Da lagen Krausen, feine
Ärmel und andere geglättete Dinge. Sie nannte mir die Namen, und als ich
sagte, wie schön das sei, erwiderte sie: ›Die Wäsche gehört einer alten
Gräfin, einer vornehmen Frau, ich muß sie ihr immer selber hintragen, daß
ihr nichts geschieht, weil sie so schön ist.‹ Da ich wieder sagte: ›Ja, das ist
schön, das ist außerordentlich schön,‹ antwortete sie: ›Freilich ist es schön;
meine Mutter sagt: die Wäsche ist nach dem Silber das erste Gut in einem
Hause, sie ist auch feines weißes Silber und kann, wenn sie unrein ist, immer
wieder zu feinem weißen Silber gereinigt werden. Sie gibt unser vornehmstes
und nächstes Kleid. Darum hat die Mutter auch so viele Wäsche gesammelt,
daß wir nach dem Tode des Vaters genug hatten, und darum hat sie auch die
Reinigung der Wäsche für andere Leute übernommen und läßt nicht zu, daß
sie mit rauhen und unrechten Dingen angefaßt werde. Das Gold ist zwar auch
kostbar, aber es ist kein Hausgerät mehr, sondern nur ein Schmuck.‹ Ich
erinnerte mich bei diesen Worten wirklich, daß ich an dem Körper der
Sprechenden immer am Rande des Halses oder an den Ärmeln die feinste
weiße Wäsche gesehen hatte, und daß ihre Mutter immer eine schneeweiße
Haube mit feiner Krause um das Angesicht trug.
»Von diesem Augenblicke an begann ich von dem Gelde, welches mir
der Bruder alle Vierteljahre zustellte, sehr schöne Wäsche, wie die der
vornehmen Gräfin war, anzuschaffen und mir alle Arten silberne Hausgeräte
zu kaufen.
»Einmal, da wir so beieinander standen, kam die Mutter in der Nähe
vorüber und rief: ›Johanna, schäme dich.‹ Wir schämten uns wirklich und
liefen auseinander. Mir brannten die Wangen vor Scham, und ich wäre
erschrocken, wenn mir jemand im Garten begegnet wäre.
»Von der Zeit an sahen wir uns nicht mehr an dem Gitter. Ich ging
jedesmal in den Garten, wenn sie vorüberkam, aber ich blieb in dem
Gebüsche, daß sie mich nicht sehen konnte. Sie ging mit geröteten Wangen
und niedergeschlagenen Augen vorüber.
»Ich ließ nun in die zwei Zimmer, die an meine Wohnstube stießen,
Kästen stellen, von denen ich die oberen Fächer hatte schmal machen lassen,
in welche ich das Silber hineinlegte, die unteren aber breit, in welche ich die
Wäsche tat. Ich legte das Zusammengehörige zusammen und umwand es mit
rotseidenen Bändern.
»Nach geraumer Zeit sah ich das Mädchen lange nicht an dem eisernen
Gitter vorübergehen, ich getraute mir nicht zu fragen, und als ich endlich
doch fragte, erfuhr ich, daß es in eine andere Stadt gegeben worden sei, und
daß es die Braut eines fernen Anverwandten werden würde.
»Ich meinte damals, daß ich mir die Seele aus dem Körper weinen müsse.
»Aber nach einer Zeit ereignete sich etwas Furchtbares. Mein Bruder
hatte einen großen Wechsler, der ihm stets auf Treu und Glauben das Geld
für laufende Ausgaben bis zu einer festgesetzten Summe lieferte, um sich
nach Umständen immer wieder auszugleichen. Ich weiß es nicht, haben
andere Leute meinem Bruder den Glauben untergraben oder hat der Wechsler
selber, weil zwei Handelschaften, die uns bedeutend schuldeten, gefallen
waren und uns um unsern Reichtum brachten, Mißtrauen geschöpft: er
weigerte sich fortan die Wechsel unseres Hauses zu zahlen. Der Bruder sollte
mehrere mit Summen decken, und es fehlte hinlängliches bares Geld dazu.
Die Freunde, an welche er sich wendete, schöpften selber Mißtrauen, und so
kam es, daß die Wechselgläubiger Klage anstellten, daß unser Haus, unsere
andern Besitzungen und unsere Waren abgeschätzt wurden, ob sie
hinreichten, ohne daß man an unsere ausstehenden Forderungen zu greifen
hätte. Da nun dies bekannt wurde, kamen alle, welche eine Forderung hatten,
und wollten sie erfüllt haben; aber die, welche uns schuldeten, kamen nicht.
Der Bruder wollte mir nichts entdecken, damit ich mich nicht kränkte, er
gedachte es noch vorüberzuführen. Allein da der Verkauf unseres Hauses zu
sofortiger Deckung der Wechselschulden angeordnet wurde, konnte er es mir
nicht mehr verbergen. Er kam auf meine Stube und sagte mir alles. Ich gab
ihm das Geld, das ich hatte; denn meine Bedürfnisse waren sehr gering
gewesen, und ich hatte einen großen Teil meiner Einkünfte ersparen können.
Ich öffnete die schmalen oberen Fächer meiner Kästen und legte alles mein
Silber auf unsern eichenen Lerntisch heraus und bot es ihm an. Er sagte, daß
das nicht reiche, um das Haus und das Geschäft zu retten, und er weigerte
sich, es anzunehmen. Auch das Gericht machte keine Forderung an mich,
aber ich konnte es nicht leiden, daß mein Bruder etwas unerfüllt ließe und
sein Gewissen belastete, ich tat daher alles zu den andern Werten. Es reichte
zusammen hin, daß allen Gläubigern ihre Forderungen ausgezahlt und sie bis
auf das genaueste befriedigt werden konnten. Allein unser schönes Haus mit
seinem hinteren Flügel und unser schöner Garten waren verloren.
»Ich weiß nicht, welche andere Schläge noch kamen; aber auch die
Aussicht, mit dem ausstehenden Gelde noch ein kleines Geschäft einzuleiten
und uns nach und nach wieder emporzuschwingen, war in kurzer Zeit
vereitelt.
»Mein Bruder, welcher unverheiratet war, grämte sich so, daß er in ein
Fieber verfiel und starb. Ich allein und mehrere Menschen, denen er Gutes
getan hatte, gingen mit der Leiche. Da vom Urgroßvater her immer nur ein
Sohn als ein einziges Kind und Nachfolger bis auf uns beide Brüder gewesen
war, da auch die Haushälterin Luise schon länger vorher mit Tod abgegangen
war, so hatte ich keinen Verwandten und keinen Bekannten mehr.
»Ich hatte den Gedanken gefaßt, ein Verkünder des Wortes des Herrn, ein
Priester, zu werden. Wenn ich auch unwürdig wäre, dachte ich, so könnte mir
doch Gott seine Gnade verleihen, zu erringen, daß ich nicht ein ganz
verwerflicher Diener und Vertreter seines Wortes und seiner Werke sein
könnte.
»Ich nahm meine Zeugnisse und Schriften zusammen, ich ging in die
Priesterbildungsanstalt und bat beklemmt um Aufnahme. Sie wurde mir
gewährt. Ich zog zur festgesetzten Zeit in die Räume ein und begann meine
Lernzeit. Sie ging gut vorüber, und als ich fertig war, wurde ich zum Diener
Gottes geweihet. Ich tat meine ersten Dienste bei älteren Pfarrern als
Mitarbeiter in der Seelsorge, die ihnen anvertraut war. Da kam ich in
verschiedene Lagen und lernte Menschen kennen. Von den Pfarrern lernte ich
in geistlichen und weltlichen Eigenschaften. Als eine solche Reihe von
Jahren vergangen war, daß man es mir nicht mehr zu arg deuten konnte,
wenn ich um eine Pfarre einkäme, bat ich um die jetzige und erhielt sie. Ich
bin nun über siebenundzwanzig Jahre hier und werde auch nicht mehr
weggehen. Die Leute sagen, die Pfarre sei schlecht, aber sie trägt schon,
wovon ein Verkünder des Evangeliums leben kann. Sie sagen, die Gegend sei
häßlich, aber auch das ist nicht wahr, man muß sie nur gehörig anschauen.
Meine Vorgänger sind von hier auf andere Pfarrhöfe versetzt worden. Da
aber meine jetzt lebenden Mitbrüder, die in meinen Jahren und etwas jünger
sind, sich während ihrer Vorbereitungszeit sehr auszeichneten und mir in
allen Eigenschaften überlegen sind, so werde ich nie bitten, von hier auf
einen andern Platz befördert zu werden. Meine Pfarrkinder sind gut, sie
haben sich manchem meiner lehrenden Worte nicht verschlossen und werden
sich auch ferner nicht verschließen.
»Dann habe ich noch einen anderen weltlicheren und einzelneren Grund,
weshalb ich an dieser Stelle bleibe. Sie werden denselben schon einmal später
erfahren, wenn Sie nämlich die Bitte, die ich an Sie stellen will, erhören. Ich
komme nun zu dieser Bitte, aber ich muß noch etwas sagen, ehe ich sie
ausspreche. Ich habe zu einem Zwecke in diesem Pfarrhofe zu sparen
angefangen, der Zweck ist kein schlechter, er betrifft nicht bloß ein zeitliches
Wohl, sondern auch ein anderes. Ich sage ihn jetzt nicht, er wird schon
einmal kund werden; aber ich habe um seinetwillen zu sparen begonnen. Von
dem Vaterhause habe ich kein Vermögen mitgebracht; was noch an Gelde
eingegangen ist, wurde zu verschiedenen Dingen verwendet, und seit Jahren
ist nichts mehr eingegangen. Ich habe von dem väterlichen Erbe nur das
einzige Kruzifix, welches an meiner Tür dort über dem Weihbrunngefäße
hängt. Der Großvater hat es einmal in Nürnberg gekauft, und der Vater hat es
mir, weil es mir stets gefiel, geschenkt. So fing ich also an, von den Mitteln
meines Pfarrhofes zu sparen. Ich legte einfache Kleider an und suche sie
lange zu erhalten, ich verabschiedete das Bett und legte mich auf die Bank in
dem Vorhause und tat die Bibel zum Zeugen und zur Hilfe unter mein Haupt.
Ich hielt keine Bedienung mehr und mietete mir die Dienste der alten Sabine,
die für mich hinreichen. Ich esse, was für den menschlichen Körper gut und
zuträglich ist. Den oberen Teil des Pfarrhofes habe ich vermietet. Ich habe
schon zweimal darüber einen Verweis von dem hochwürdigen bischöflichen
Konsistorium erhalten, aber jetzt lassen sie es geschehen. Weil die Leute bei
mir bares Geld vermuteten, was auch wahr gewesen ist, so bin ich dreimal
desselben beraubt worden, aber ich habe wieder von vorn angefangen. Da die
Diebe nur das Geld genommen hatten, so suchte ich es ihnen zu entrücken.
Ich habe es gegen Waisensicherheit angelegt, und wenn kleine Zinsen
anwachsen, so tue ich sie stets zu dem Kapitale. So bin ich nun seit vielen
Jahren nicht behelligt worden. In der langen Zeit ist mir mein Zustand zur
Gewohnheit geworden, und ich liebe ihn. Nur habe ich eine Sünde gegen
dieses Sparen auf dem Gewissen: ich habe nämlich noch immer das schöne
Linnen, das ich mir in der Stube in unserm Gartenflügel angeschafft hatte. Es
ist ein sehr großer Fehler, aber ich habe versucht, ihn durch noch größeres
Sparen an meinem Körper und an andern Dingen gutzumachen. Ich bin so
schwach, ihn mir nicht abgewöhnen zu können. Es wäre gar zu traurig, wenn
ich die Wäsche weggeben müßte. Nach meinem Tode wird sie ja auch etwas
eintragen, und den ansehnlicheren Teil gebrauche ich ja gar nicht.«
Ich wußte nun, weshalb er sich seiner herrlichen Wäsche schämte.
»Es ist mir nicht lieb,« fuhr er fort, »daß ich hier den Menschen nicht so
helfen kann, wie ich möchte; aber ich kann es dem Zwecke nicht entziehen,
und es können ja nicht alle Menschen im ganzen Umfange wohltun, wie sie
wünschten; dazu wäre der größte Reichtum nicht groß genug.
»Sehen Sie, nun habe ich Ihnen alles gesagt, wie es mit mir gewesen ist
und wie es noch mit mir ist. Jetzt kommt meine Bitte; Sie werden sie mir
vielleicht, wenn Sie an alles denken, was ich Ihnen erzählt habe, gewähren.
Sie ist aber beschwerlich zu erfüllen, und nur Ihre Freundlichkeit und Güte
erlaubt mir, sie vorzubringen. Ich habe mein Testament bei dem Gerichte zu
Karsberg in dem Schlosse niedergelegt. Ich vermute, daß es dort sicher ist,
und ich habe den Empfangschein hier in meinem Hause. Aber alle
menschlichen Dinge sind wandelbar; es kann Feuer, Verwüstung,
Feindeseinbruch oder sonst ein Unglück kommen und das Testament
gefährden. Ich habe daher noch zwei gleichlautende Abschriften verfaßt, um
sie so sicher als möglich niederzulegen, daß sie nach meinem Tode zum
Vorschein kommen mögen und ihr Zweck erfüllt werde. Da wäre nun meine
Bitte, daß Sie eine Abschrift in Ihre Hände nehmen und aufbewahrten. Die
andere behalte ich entweder hier oder ich gebe sie auch jemandem, daß er sie
ebenfalls zu ihrem Zwecke aufbewahre. Freilich müßten Sie da erlauben, daß
ich Ihnen, wenn Sie von dieser Gegend scheiden, von Zeit zu Zeit einen
kleinen Brief schreibe, worin ich Ihnen sage, daß ich noch lebe. Wenn die
Briefe ausbleiben, so wissen Sie, daß ich gestorben bin. Dann müßten Sie das
Testament durch ganz sichere Hände und gegen Bescheinigung nach
Karsberg gelangen lassen oder überhaupt dorthin, wo die Ämter sind, die es
in Erfüllung bringen können. Es ist das alles nur zur Vorsicht, wenn das
gerichtlich Niedergelegte verlorengehen sollte. Das Testament ist zugesiegelt
und den Inhalt werden Sie nach meinem Tode erfahren, wenn Sie nämlich
nicht abgeneigt sind, meine Bitte zu erfüllen.«
Ich sagte dem Pfarrer, daß ich mit Freuden in seinen Wunsch eingehe,
daß ich das Papier sorgfältig bewahren wolle, wie meine eigenen besten
Sachen, deren Vernichtung mir unersetzlich wäre, und daß ich allen seinen
Weisungen gern nachkommen wolle. Übrigens hoffe ich, daß der Zeitpunkt
noch sehr fern sei, wo das Testament und seine zwei andern Genossen
entsiegelt werden würden.
»Wir stehen alle in Gottes Hand,« sagte er, »es kann heute sein, es kann
morgen sein, es kann noch viele Jahre dauern. Zum Zwecke, den ich neben
meinen Seelsorgerpflichten verfolge, wünsche ich, daß es nicht so bald sei;
aber Gott weiß, wie es gut ist, und er bedarf zuletzt auch zur Krönung dieses
Werkes meiner nicht.«
»Da aber auch ich vor Ihnen sterben könnte,« erwiderte ich, »so werde
ich zur Sicherheit eine geschriebene Verfügung zu dem Testament legen,
wodurch meine Verpflichtung in andere Hände übergehen soll.«
»Sie sind sehr gut,« antwortete er, »ich habe gewußt, daß Sie so
freundschaftlich sein werden, ich habe es gewiß gewußt. Hier wäre das
Papier.«
Mit diesen Worten zog er unter seinem Hauptkissen ein Papier hervor.
Dasselbe war gefaltet und mit drei Siegeln gesiegelt. Er reichte es in meine
Hand. Ich betrachtete die Siegel, sie waren rein und unverletzt und trugen ein
einfaches Kreuz. Auf der obern Seite des Papiers standen die Worte: Letzter
Wille des Pfarrers im Kar. Ich ging an den Tisch, nahm ein Blatt aus meiner
Brieftasche, schrieb darauf, daß ich von dem Pfarrer im Kar an dem
bezeichneten Tage ein mit drei Siegeln, die ein Kreuz enthalten, versiegeltes
Papier empfangen habe, das die Aufschrift »Letzter Wille des Pfarrers im
Kar« trage. Die Bescheinigung reichte ich ihm dar und er schob sie ebenfalls
unter das Kissen seines Hauptes. Das Testament tat ich einstweilen in die
Tasche, in welcher ich meine Zeichnungen und Arbeiten hatte.
Nach dieser Unterredung blieb ich noch eine geraume Zeit bei dem
Pfarrer, und das Gespräch wendete sich auf andre, gleichgültigere
Gegenstände. Es kam Sabine herein, um ihm Speise zu bringen, es kam das
Mädchen aus dem ersten Stockwerk herunter, um sich nach seinem Befinden
zu erkundigen. Da die Sterne an dem hohen Himmel standen, ging ich durch
das bleiche Gestein und den weichen Sand in meine Hütte und dachte an den
Pfarrer. Ich tat das Testament vorerst in meinen Koffer, wo ich meine besten
Sachen hatte, um es später in meinem Hause gut zu verwahren.
Die Zeit nach der Erzählung des Pfarrers ging mir in meinem
Steingewirre dahin, wie sie mir vorher dahingegangen war. Wir maßen und
arbeiteten und zeichneten; ich sammelte mir unter Tags Stoff, besuchte gegen
Abend den Pfarrer, saß ein paar Stunden an seinem Bette und arbeitete dann
in der Nacht in meiner Hütte, während mir einer meiner Leute auf einem
Notherde derselben einen schmalen Braten briet.
Nach und nach wurde der Pfarrer besser, endlich stand er auf, wie es der
Arzt in der Stadt vorausgesagt hatte, dann ging er vor sein Haus, er ging
wieder in die Kirche und zuletzt kam er auch wieder in das Steinkar,
wandelte in den Hügeln herum oder stand bei uns und schaute unsern
Arbeiten zu.
Wie aber endlich alles ein Ende nimmt, so war es auch mit unserm langen
Aufenthalte im Steinkar. Wir waren immer weiter vorgerückt, wir näherten
uns der Grenzlinie unseres angewiesenen Bezirks immer mehr und mehr,
endlich waren die Pflöcke auf ihr aufgestellt, es war bis dahin gemessen, und
nach geringen schriftlichen Arbeiten war das Steinkar in seinem ganzen
Abbilde in vielen Blättern in unserer Mappe. Die Stangen, die Pflöcke, die
Werke wurden sofort weggeschafft, die Hütten abgebrochen, meine Leute
gingen nach ihren Bestimmungen auseinander, und das Steinkar war wieder
von diesen Bewohnern frei und leer.
Ich packte meinen Koffer, nahm von dem Pfarrer, von dem Schullehrer,
von Sabine, von dem Mietsmann und seiner Tochter und von andern Leuten
Abschied, ließ den Koffer in die Hochstraße bringen, ging zu Fuß dahin,
bestellte mir Postpferde, und da diese angelangt waren, fuhr ich von dem
Schauplatz meiner bisherigen Tätigkeit fort.
Eines sehr seltsamen Gefühles muß ich Erwähnung tun, das ich damals
hatte. Es ergriff mich nämlich beinahe eine tiefe Wehmut, als ich von der
Gegend schied, welche mir, da ich sie zum ersten Male betreten hatte,
abscheulich erschienen war. Wie ich immer mehr und mehr in die
bewohnteren Teile hinauskam, mußte ich mich in meinem Wagen umkehren
und nach den Steinen zurückschauen, deren Lichter so sanft und matt
schimmerten, und in deren Vertiefungen die schönen blauen Schatten waren,
wo ich so lange verweilt hatte, während ich jetzt zu grünenden Wiesen, zu
geteilten Feldern und unter hohe, strebende Bäume hinausfuhr.
Nach fünf Jahren ergriff ich eine Gelegenheit, die mich in die Nähe
brachte, das Steinkar wieder zu besuchen. Ich fand den Pfarrer in demselben
zuweilen herumgehen, wie früher, oder gelegentlich auf einem der Steine
sitzen und herumschauen. Seine klaren, blauen Augen waren die nämlichen
geblieben.
Ich zeigte ihm die Briefe, die ich von ihm empfangen und die ich
aufbewahrt hatte. Er bedankte sich sehr schön, daß ich auf jeden der Briefe
ihm eine Antwort gesendet hätte, er freue sich der Briefe und lese oft in
denselben. Er zeigte sie mir, da wir in seinem Stübchen wieder an dem
fichtenen Tische beisammen saßen.
Die Zirder floß mit ihrem himmelblauen Bande durch die Steine, diese
hatten die graue Farbe, und der Sand lagerte zu ihren Füßen. Die grünen
Streifen und die wenigen Gesträuche waren wie immer. In der Hochstraße
war der Wirt, die Wirtin und fast auch ihre Kinder wie früher, ja die alten
Gäste schienen an den Tischen zu sitzen, so sehr bleiben die Menschen die
nämlichen, die in jenen Gegenden den Verkehr über die Anhöhe treiben.
Nach diesem Besuche in jener Gegend führte mich weder ein Geschäft
mehr dahin, noch fand ich Zeit, aus freiem Antriebe wieder einmal das Kar
zu besuchen. Viele Jahre gingen vorüber, und der Wunsch des Pfarrers, daß
ihn Gott seines Zweckes willen lange leben lassen möchte, schien in
Erfüllung gehen zu wollen. Alle Jahre bekam ich mehrere Briefe von ihm, die
ich regelmäßig beantwortete, und die regelmäßig im nächsten Jahre wieder
anlangten. Nur eins glaubte ich zu bemerken, daß die Buchstaben nämlich
etwas zeigten, als zittere die Hand.
Nach langen Jahren kam einmal ein Brief von dem Schullehrer. In
demselben schrieb er, daß der Pfarrer erkrankt sei, daß er von mir rede, und
daß er gesagt habe: »Wenn er es wüßte, daß ich krank bin!« Er nehme sich
daher die Erlaubnis, mir dieses zu melden, weil er doch nicht erkennen
könne, ob es nicht zu etwas gut sei, und er bitte mich deshalb um Verzeihung,
daß er so zudringlich gewesen.
Ich antwortete ihm, daß ich seinen Brief als keine Zudringlichkeit
ansehen könne, sondern daß er mir einen Dienst damit erwiesen habe, indem
ich an dem Pfarrer im Kar großen Anteil nehme. Ich bitte ihn, er möge mir
öfter über das Befinden des Pfarrers schreiben, und wenn es schlechter
würde, mir dieses sogleich anzeigen. Und sollte Gott wider Vermuten schnell
etwas Menschliches über ihn verhängen, so solle er mir auch dieses ohne
geringstes Versäumen melden.
An den Pfarrer schrieb ich auch zu seiner Beruhigung, daß ich von seiner
Erkrankung gehört habe, daß ich den Schullehrer gebeten habe, er möge mir
über sein Befinden öfter schreiben; ich ersuchte ihn, daß er sich nicht selber
anstrengen möchte, an mich zu schreiben, daß er sich ein Bett in das
Stübchen machen lassen solle, und daß sich, wie es ja auch in früheren Jahren
geschehen sei, sein Unwohlsein in kurzer Zeit wieder heben könnte. Mein
Beruf gestatte für den Augenblick keinen Besuch.
Er antwortete mir desungeachtet in einigen Zeilen, daß er sehr, sehr alt
sei, daß er geduldig harre und sich nicht fürchte.
Da der Schullehrer zwei Briefe geschrieben hatte, in denen er sagte, daß
mit dem Pfarrer keine Veränderung vorgegangen sei, kam ein dritter, der
meldete, daß derselbe nach Empfang der heiligen Sterbesakramente
verschieden sei.
Ich machte mir Vorwürfe, setzte jetzt alles beiseite und machte mich
reisefertig. Ich zog das versiegelte Papier aus meinem Schreine hervor, ich
nahm auch die Briefe des Pfarrers mit, die zur Erweisung der Handschrift
dienen könnten, und begab mich auf den Weg nach Karsberg.
Als ich daselbst angekommen war, erhielt ich die Auskunft, daß ein
Testament des Pfarrers in dem Schlosse gerichtlich niedergelegt worden sei,
daß man ein zweites in seiner Verlassenschaft gefunden habe, und daß ich
mich in zwei Tagen in dem Schlosse einfinden solle, um mein Testament
vorzuzeigen, worauf die Öffnung und Prüfung der Testamente statthaben
würde.
Ich begab mich während dieser zwei Tage in das Kar. Der Schullehrer
erzählte mir über die letzten Tage des Pfarrers. Er sei ruhig in seiner
Krankheit gelegen, wie in jener, da ich ihn so oft besucht habe. Er habe
wieder keine Arznei genommen, bis der Pfarrer aus der Wenn, ein Nachbar
des Pfarrers im Kar, welcher ihm die Sterbesakramente gereicht hatte, ihm
dargetan hätte, daß er auch irdische Mittel gebrauchen und es Gott überlassen
müsse, ob sie wirkten oder nicht. Von dem Augenblicke an nahm er alles,
was man ihm gab, und ließ alles mit sich tun, was man tun wollte. Er lag
wieder in seinem Stübchen, wo man ihm wieder aus den Wolldecken ein Bett
gemacht hatte. Sabine war immer bei ihm. Als es zum Sterben kam, machte
er keine besondere Vorbereitung, sondern er lag wie alle Tage. Man konnte
nicht annehmen, ob er es wisse, daß er jetzt sterbe oder nicht. Er war wie
gewöhnlich und redete gewöhnliche Worte. Endlich schlief er sanft ein, und
es war vorüber.
Man entkleidete ihn, um ihn für die Bahre anzuziehen. Man legte ihm die
schönste seiner Wäsche an. Dann zog man ihm sein fadenscheiniges Kleid an
und über das Kleid den Priesterchorrock. So wurde er auf der Bahre
ausgestellt. Die Leute kamen sehr zahlreich, um ihn anzuschauen; denn sie
hatten so etwas nie gesehen; er war der erste Pfarrer gewesen, der in dem Kar
gestorben war. Er lag mit seinen weißen Haaren da, sein Angesicht war mild,
nur viel blässer als sonst, und die blauen Augen waren von den Lidern
gedeckt. Mehrere seiner Amtsbrüder kamen, ihn zur Erde zu bestatten. Bei
der Einsenkung haben viele der herbeigekommenen Menschen geweint.
Ich erkundigte mich nun auch um den Mietmann im ersten Stockwerke.
Er kam selbst in das Vorhaus des Pfarrhofes herunter, in dem ich mich
befand, und sprach mit mir. Er hatte fast keine Haare mehr und trug daher ein
schwarzes Käppchen auf seinem Haupte. Ich fragte nach seiner schönen
Tochter, die damals, als sie in meiner Gegenwart öfter in das Krankenzimmer
des Pfarrers gekommen war, ein junges, rasches Mädchen gewesen war. Sie
war in der Hauptstadt verheiratet und war Mutter von beinahe erwachsenen
Kindern. Auch diese war in den letzten Tagen des Pfarrers nicht um ihn
gewesen. Der Mietmann sagte mir, daß er jetzt wohl zu seiner Tochter werde
ziehen müssen, da er bei der Wiederbesetzung der Pfarre gewiß seine
Wohnung verlieren und im Kar keine andere finden werde.
Die alte Sabine war die einzige, die sich nicht geändert hatte; sie sah
gerade so aus wie damals, als sie bei meiner ersten Anwesenheit den Pfarrer
in seiner Krankheit gepflegt hatte. Niemand wußte, wie alt sie sei, und sie
wußte es selbst nicht. Ich mußte deshalb in dem Vorhause des Pfarrhofes
stehen bleiben, weil das Stüblein und das neben dem Vorhause befindliche
Gewölbe versiegelt waren. Die einzige hölzerne Bank, die Schlafstätte des
Pfarrers, stand an ihrer Stelle, und niemand hatte an sie gedacht. Die Bibel
aber lag nicht mehr auf der Bank; man sagte, sie sei in das Stüblein gebracht
worden.
Als die zwei Tage vorüber waren, die man als Frist zur Eröffnung des
Testaments anberaumt hatte, begab ich mich nach Karsberg und verfügte
mich zur festgesetzten Stunde in den Gerichtssaal. Es waren mehrere
Menschen zusammengekommen, und es waren die Vorstände der
Pfarrgemeinde und die Zeugen geladen worden. Die zwei Testamente und
das Verzeichnis der Verlassenschaft des Pfarrers lagen auf dem Tische. Man
wies mir meine Bescheinigung über den Empfang des Testamentes des
Pfarrers vor, die in der Verlassenschaft gefunden worden war, und forderte
mich zur Vorzeigung des Testamentes auf. Ich überreichte es. Man
untersuchte Schrift und Siegel und erkannte die Richtigkeit des Testamentes
an.
Nach herkömmlicher Art wurde nun das gerichtlich niedergelegte
Testament zuerst eröffnet und gelesen. Dann folgte das von mir übergebene.
Es lautete Wort für Wort wie das erste. Endlich wurde das in der Wohnung
des Pfarrers vorgefundene eröffnet, und es lautete ebenfalls Wort für Wort
wie die beiden ersten. Die Zeitangabe und die Unterschrift war in allen drei
Urkunden dieselbe. Sofort wurden alle drei Testamente als ein einziges, in
drei Abschriften vorhandenes Testament erklärt.
Der Inhalt des Testamentes aber überraschte alle.
Die Worte des Pfarrers, wenn man den Eingang hinwegläßt, in dem er die
Hilfe Gottes anruft, die Verfügung unter seinen Schutz stellt und erklärt, daß
er bei vollkommnem Gebrauche seines Verstandes und Willens sei, lauten so:
»Wie ein jeder Mensch außer seinem Amte und Berufe noch etwas finden
oder suchen soll, das er zu verrichten hat, damit er alles tue, was er in seinem
Leben zu tun hat, so habe auch ich etwas gefunden, was ich neben meiner
Seelsorge verrichten muß: ich muß die Gefahr der Kinder der Steinhäuser
und Karhäuser aufheben. Die Zirder schwillt oft an und kann dann ein
reißendes Wasser sein, das in Schnelle daherkommt, wie es ja in den ersten
Jahren meiner Pfarre zweimal durch Wolkenbrüche alle Stege und Brücken
weggenommen hat. Die Ufer sind niedrig, und das am Kar ist noch niedriger
als das Steinhäuser Ufer. Da sind drei Fälle möglich: entweder ist das Karufer
überschwemmt, oder es ist auch das Steinhäuser Ufer überschwemmt, oder es
wird sogar der Steg hinweggetragen. Die Kinder aus den Steinhäusern und
Karhäusern müssen aber über den Steg ins Kar in die Schule gehen. Wenn
nun das Karufer überschwemmt ist und sie von dem Stege in das Wasser
gehen, so können manche in eine Grube oder in eine Vertiefung geraten und
dort verunglücken; denn das kotige Wasser der Überschwemmung läßt den
Boden nicht sehen; oder es kann das Wasser, während die Kinder in ihm
waten, so schnell steigen, daß sie das Trockene nicht mehr erreichen können
und alle verloren sind; oder sie können noch von dem Steinhäuser Ufer auf
den Steg kommen, können das Wasser auf dem Karufer zu tief finden,
können sich durch Beratschlagen oder Zaudern so lange aufhalten, daß
indessen auch das Steinhäuser Ufer mit zu tiefem Wasser bedeckt wird; dann
ist der Steg eine Insel, die Kinder stehen auf ihm und können mit ihm
fortgeschwemmt werden. Und wenn auch dieses alles nicht geschieht, so
gehen sie mit ihren Füßlein im Winter in das Schneewasser, das auch
Eisschollen hat, und fügen ihrer Gesundheit großen Schaden zu.
»Damit diese Gefahr in der Zukunft aufhöre, habe ich zu sparen
begonnen und verordne, wie folgt: Von der Geldsumme, welche nach
meinem Tode als mein Eigentum gefunden wird, vermehrt um die
Geldsumme, welche aus dem Verkaufe meiner hinterlassenen Habe entsteht,
soll in der Mitte der Schulkinder der Steinhäuser und Karhäuser ein
Schulhaus gebaut werden; dann soll ein solcher Teil der Geldsumme auf
Zinsen angelegt werden, daß durch das Erträgnis die Lehrer der Schule
erhalten werden können; ferner soll noch ein Teil nutzbringend gemacht
werden, daß aus den Zinsen die jährliche Vergütung des Schadens entrichtet
werden könne, welchen der Schullehrer im Kar durch den Abgang der Kinder
erleidet, und endlich, wenn noch etwas übrig bleibt, so soll es meiner
Dienerin Sabine gehören.
»Ich habe drei gleiche Testamente geschrieben, daß sie sicherer seien,
und wenn noch was immer für eine Verfügung oder Meinung in meinem
Nachlasse sollte gefunden werden, welche nicht den Inhalt und Jahres- und
Monatstag dieser Testamente trägt, so soll sie ungültig sein.
»Damit aber in der Zeit schon die Gefahr vermindert werde, gehe ich alle
Tage auf die Wiese am Karufer und sehe, ob keine Graben, Gruben und
Vertiefungen sind, und stecke eine Stange dazu. Den Eigentümer der Wiese
bitte ich, daß er entstandene Gruben und Vertiefungen so bald ausebnen
lasse, als es angeht, und er hat meine Bitten immer erfüllt. Ich gehe hinaus,
wenn die Wiese überschwemmt ist, und suche den Kindern zu helfen. Ich
lerne das Wetter kennen, um eine Überschwemmung voraussehen zu können
und die Kinder zu warnen. Ich entferne mich nicht weit von dem Kar, um
keine Versäumnis zu begehen. Und so werde ich es auch in der Zukunft
immer tun.«
Diesen Testamenten war die Geldrechnung bis zu dem Zeitpunkte ihrer
Abfassung beigelegt. Die Rechnung, die von dieser Zeit an bis gegen die
Sterbetage des Pfarrers lief, fand man in seinen Schriften. Die Rechnungen
waren mit großer Genauigkeit gemacht. Man ersah auch aus ihnen, wie
sorgsam der Pfarrer im Sparen war. Die kleinsten Beträge, selbst Pfennige,
wurden zugelegt und neue Quellen, die unscheinbarsten, eröffnet, daraus ein
kleines Fädlein floß.
Zur Versteigerung des Nachlasses des Pfarrers wurde der fünfte Tag nach
Eröffnung des Testamentes bestimmt.
Da wir von dem Gerichtshause fortgingen, sagte der Mietmann des
Pfarrers unter Tränen zu mir: »O, wie habe ich den Mann verkannt, ich hielt
ihn beinahe für geizig; da hat ihn meine Tochter viel besser gekannt, sie hat
den Pfarrer immer sehr lieb gehabt. Ich muß ihr die Begebenheit sogleich
schreiben.«
Der Schullehrer im Kar segnete den Pfarrer, der immer so gut gegen ihn
gewesen sei, und der sich so gern in der Schule aufgehalten habe.
Auch die andern Leute erfuhren den Inhalt des Testamentes.
Nur die einzigen, die es am nächsten anging, die Kinder in den
Steinhäusern und Karhäusern, wußten nichts davon, oder wenn sie es auch
erfuhren, so verstanden sie es nicht und wußten nicht, was ihnen zugedacht
worden sei.
Weil ich auch bei der Versteigerung gegenwärtig sein wollte, so ging ich
wieder in das Kar zurück und beschloß die vier Tage dazu anzuwenden, um
manche Plätze im Steinkar und andern Gegenden zu besuchen, wo ich
einstens gearbeitet hatte. Es war alles unverändert, als ob diese Gegend zu
ihrem Merkmale der Einfachheit auch das der Unveränderlichkeit erhalten
hätte. Da der fünfte Tag herangekommen war, wurden die Siegel von den Türen
der Pfarrerswohnung abgenommen und die hinterlassenen Stücke des
Pfarrers versteigert. Es hatten sich viele Menschen eingefunden, und die
Versteigerung war in Hinsicht des Testamentes eine merkwürdige geworden.
Es trugen sich auffallende Begebenheiten bei derselben zu. Ein Pfarrer kaufte
einen unter den Kleidern des Verstorbenen gefundenen Rock, der das
Schlechteste war, was man unter nicht zerrissenen Kleidern finden kann, um
einen ansehnlichen Kaufschilling. Die Gemeinde des Kar erstand die Bibel,
um sie in ihre Kirche zu stiften. Selbst die hölzerne Bank, die man nicht
einmal eingesperrt hatte, fand einen Käufer.
Auch ich erwarb etwas in der Versteigerung, nämlich das kleine aus Holz
geschnitzte Kruzifix von Nürnberg und sämtliche noch übrigen, so schönen
und feinen Leinentücher und Tischtücher. Ich und meine Gattin besitzen die
Sachen noch bis auf den heutigen Tag und haben die Wäsche sehr selten
gebraucht. Wir bewahren sie als ein Denkmal auf, daß der arme Pfarrer diese
Dinge aus einem tiefen, dauernden und zarten Gefühle behalten und nie
benutzt hat. Zuweilen läßt meine Gattin die Linnen durchwaschen und
glätten; dann ergötzt sie sich an der unbeschreiblichen Schönheit und
Reinheit, und dann werden die zusammengelegten Stücke mit den alten
ausgebleichten, rotseidenen Bändchen, die noch vorhanden sind, umbunden
und wieder in den Schrein gelegt. –
Nun stellt sich die Frage, was die Wirkung von all diesen Dingen
gewesen sei.
Die Summe, welche der Pfarrer erspart hatte, und die, welche aus der
Versteigerung seines Nachlasses gelöst worden war, waren
zusammengenommen viel zu klein, als daß eine Schule daraus hätte
gegründet werden können. Sie waren zu klein, um nur ein mittleres Haus, wie
sie in jener Gegend gebräuchlich sind, zu bauen, geschweige denn ein
Schulhaus, mit den Lehrzimmern und den Lehrerswohnungen, ferner das
Gehalt der Lehrer festzustellen und den früheren Lehrer zu entschädigen.
Es lag das in der Natur des Pfarrers, der die Weltdinge nicht verstand und
dreimal beraubt werden mußte, bis er das ersparte Geld auf Zinsen anlegte.
Aber wie das Böse stets in sich selber zwecklos ist und im Weltplane
keine Wirkung hat, das Gute aber Früchte trägt, wenn es auch mit
mangelhaften Mitteln begonnen wird, so war es auch hier: »Gott bedurfte zur
Krönung dieses Werkes des Pfarrers nicht.« Als die Sache mit dem
Testamente und dessen Unzulänglichkeit bekannt wurde, traten gleich die
Wohlhabenden und Reichen in dem Umkreise zusammen und unterschrieben
in kurzem eine Summe, die hinlänglich schien, alle Absichten des Pfarrers
vollziehen zu können. Und sollte noch etwas nötig sein, so erklärte jeder, daß
er eine Nachzahlung leisten würde. Ich habe auch mein Scherflein dazu
beigetragen.
War ich das erstemal mit Wehmut von der Gegend geschieden, so flossen
jetzt Tränen aus meinen Augen, als ich die einsamen Steine verließ. –
Jetzt, da ich rede, steht die Schule längst in den Steinhäusern und
Karhäusern; sie steht in der Mitte der Schulkinder auf einem gesunden und
luftigen Platze. Der Lehrer wohnt mit seiner Familie und dem Gehilfen in
dem Gebäude; der Lehrer im Kar erhält seine jährliche Entschädigung, und
selbst Sabine ist noch mit einem Teile bedacht worden. Sie wollte ihn aber
nicht und bestimmte ihn im vorhinein für die Tochter des Schullehrers, die
sie immer lieb hatte.
Das einzige Kreuz, das für einen Pfarrer in dem Kirchhofe des Kar steht,
steht auf dem Hügel des Gründers dieser Dinge. Es mag manchmal ein Gebet
dabei verrichtet werden, und mancher wird mit einem Gefühle davor stehen,
das dem Pfarrer nicht gewidmet worden ist, da er noch lebte.
Turmalin.
Der Turmalin ist dunkel, und was da erzählt wird ist sehr dunkel. Es hat
sich in vergangenen Zeiten zugetragen wie sich das, was in den ersten zwei
Stücken erzählt worden ist, in vergangenen Zeiten zugetragen hat. Es ist darin
wie in einem traurigen Briefe zu entnehmen, wie weit der Mensch kommt,
wenn er das Licht seiner Vernunft trübt, die Dinge nicht mehr versteht, von
dem innern Gesetze, das ihn unabwendbar zu dem Rechten führt, läßt, sich
unbedingt der Innigkeit seiner Freuden und Schmerzen hingibt, den Halt
verliert und in Zustände gerät, die wir uns kaum zu enträtseln wissen.
In der Stadt Wien wohnte vor manchen Jahren ein wunderlicher Mensch,
wie in solchen großen Städten verschiedene Arten von Menschen wohnen
und sich mit den verschiedensten Dingen beschäftigen. Der Mensch, von dem
wir hier reden, war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren und wohnte auf
dem Sankt-Peters-Platze in dem vierten Geschosse eines Hauses. Zu seiner
Wohnung führte ein Gang, der mit einem eisernen Gitter verschlossen war,
an welchem ein Glockenzug herniederhing, an dem man läuten konnte,
worauf eine ältliche Magd erschien, welche öffnete und den Weg zu ihrem
Herrn hinein zeigte. Wenn man durch das Gitter eingetreten war, setzte sich
der Gang noch fort; rechts hatte er eine Tür, die in die Küche führte, in
welcher die Magd war, und deren einziges Fenster auf den Gang herausging;
links hatte er ein fortlaufendes eisernes Geländer und den offenen Hof. Sein
Ende stieß an die Tür zur Wohnung. Wenn man die braune Tür öffnete, kam
man in ein Vorzimmer, welches ziemlich dunkel war und in welchem sich die
großen Kästen befanden, die die Kleider enthielten. Es diente auch zum
Speisen. Von diesem Vorzimmer kam man in das Zimmer des Herrn. Es war
aber eigentlich ein sehr großes Zimmer und ein kleines Nebenzimmer. In dem
Zimmer waren alle Wände ganz vollständig mit Blättern von Bildnissen
berühmter Männer beklebt. Es war kein Stückchen auch nur handgroß, das
von der ursprünglichen Wand zu sehen gewesen wäre. Damit er, oder
gelegentlich auch ein Freund, wenn einer kam, diejenigen Männer, die ganz
nahe oder hart an dem Fußboden sich befanden, betrachten konnte, hatte er
ledergepolsterte Ruhebetten von verschiedener Höhe und mit Rollfüßen
versehen machen lassen. Das niederste war eine Hand hoch. Man konnte sie
zu was immer für Männern rollen, sich darauf niederlegen und die Männer
betrachten. Für die hoch und höher hängenden hatte er doppelgestellige
Rolleitern, deren Räder mit grünem Tuche überzogen waren, welche Leitern
man in jede Gegend rollen, und von deren Stufen aus man verschiedene
Standpunkte gewinnen konnte. Überhaupt hatten alle Dinge in der Stube
Rollen, daß man sie leicht von einer Stelle zu der andern bewegen konnte, um
im Anschauen der Bildnisse nicht beirrt zu sein. In Hinsicht des Ruhmes der
Männer war es dem Besitzer einerlei, welcher Lebensbeschäftigung sie
angehört hatten und durch welche ihnen der Ruhm zuteil geworden war; er
hatte sie womöglich alle.
In dem Zimmer stand auch ein sehr großer Flügel, auf dessen Pulte viele
Notenhefte lagen, und auf dem er gern spielte. Es waren auch zwei Fächer
auf zwei Gestellen, in welchen sich Geigen befanden, auf welchen er
ebenfalls spielte. Auf einem Tische war ein Fach mit zwei Flöten, die er zu
seinem eigenen Vergnügen und zu seiner Vervollkommnung in dieser Kunst
behandelte. An einem der Fenster stand eine Staffelei mit einem Malerkasten,
woran er Bilder in Öl malte. In dem Nebenzimmer hatte er einen großen
Schreibtisch, auf welchem er eine Menge Papiere liegen hatte, Gedichte
machte, Erzählungen schrieb, und neben welchem sein Bücherkasten stand,
wenn er etwa ein Buch herausnehmen und sich mit Lesen ergötzen wollte. In
diesem Zimmer stand auch sein Bett, und in dem Hintergrunde des Gemaches
war eine Vorrichtung, in welcher er in Pappe arbeiten konnte und Fächer,
Behältnisse, Schirme und andere Kunstsachen verfertigte.
Diesen Mann hießen sie im Hause den Rentherrn; die meisten aber
wußten nicht, ob er den Namen habe, weil er von einer Rente lebte oder weil
er in einem Rentamte angestellt war. Dies letztere aber konnte nicht der Fall
sein, weil er sonst zu bestimmten Zeiten hätte in sein Amt gehen müssen, er
aber zu den verschiedensten Zeiten und oft ganze Tage lang zu Hause war
und in den mannigfaltigen Geschäften, die er sich aufgeladen hatte,
herumarbeitete. Außerdem ging er in das Kaffeehaus, um den Schachspielern
zuzuschauen, oder er ging in der Stadt herum, um die verschiedenen Dinge
zu betrachten, die da zu sehen sind, oder er besuchte ein Gasthauskränzchen,
zu dem sich regelmäßig an bestimmten Tagen einige Freunde
zusammenfanden. Er mußte also offenbar eine kleine Rente haben, von
welcher er dieses Leben führen konnte.
Dieser Mann hatte eine wunderschöne Frau von etwa dreißig Jahren, die
ihm ein Kindlein, ein Mädchen, geboren hatte. Die Frau bewohnte ein
Gemach, das an das große Zimmer ihres Mannes stieß, ebenfalls so groß war
und ebenfalls ein kleineres Seitengemach hatte. Man konnte aus dem Zimmer
des Mannes in das der Frau gelangen, man konnte aber auch aus dem
Vorzimmer durch einen kleinen heimlichen Gang dahin kommen; denn die
vier Zimmer der Wohnung lagen in einer Reihe quer gegen die Richtung des
äußeren Ganges. Der kleine Gang war darum nützlich, weil die Frau, wenn
Freunde bei ihrem Manne waren, unbeirrt und die Männer nicht störend in
das Vorzimmer und von da in die Küche hinausgehen konnte.
Die Zimmer der Frau waren nach ihrer Art eingerichtet. Das größere hatte
dunkle Vorhänge an den Fenstern; es standen weiche Ruhesitze von
demselben Stoffe darin, es stand ein schöner, großer Tisch da, der immer auf
das glänzendste vom Staube reingehalten war und auf seiner Platte einige
Bücher oder Zeichnungen oder gelegentlich irgendein anderes Ding trug. An
den Fensterpfeilern waren Spiegel, unter denen schmale Pfeilertische standen,
auf welchen sich einige schöne Dinge von Silber oder Porzellan befanden.
An einem Fenster stand ein sehr feines Arbeitstischchen, auf dem schöne
Linnen, zarte Stoffe und andere Arbeitsdinge lagen und davor ein knappes, in
die Fenstervertiefung passendes Stühlchen stand. An dem zweiten Fenster
war der Stickrahmen mit einem gleichen Stühlchen, und an der kurzen
Seitenwand des dritten stand der Schreibtisch, auf dessen reiner, grüner
Fläche sich die Mappe, das Tintengefäß und geordnete Schreibgeräte zeigten.
Um den Tisch wie im Halbkreise standen hohe dunkle und zum Teil
breitblätterige Pflanzen. Die große Wanduhr hatte kein Schlagwerk und ging
so sanft, daß man sie kaum hörte. Übrigens war im Hintergrunde des
Zimmers noch ein Fachgestelle mit Gläsern und Seidenvorhängen, daß die
Frau verschiedene Dinge in die Fächer hineinstellen und die Seide davor
zusammenziehen konnte.
Das zweite, kleinere Zimmer hatte schneeweiße, in dichte Falten gelegte
Fenstervorhänge; in der Nähe der Fenster stand ein Tisch, aber nicht zum
Darauflegen schöner Sachen, sondern zu häuslichen Zwecken bestimmt.
Dann war ein großes Ruhebett, verschiedene Sessel und Schemel. Im
Hintergrunde stand das weiße Bett der Frau, von weißen Vorhängen umhüllt;
an demselben war ein Nachttischchen mit einem Leuchter, mit einer Glocke,
mit Büchern, Zündzeug und andern Dingen. In der Nähe dieses Bettes stand
auf einem Gestelle ein vergoldeter Engel, welcher die Flügel um die
Schultern zusammengefaltet hielt, mit der einen Hand sich stützte, die andere
aber sanft ausstreckte und mit den Fingern die Spitze eines weißen
Vorhanges hielt, der in reichen Falten in der Gestalt eines Zeltes auseinanderund
niederging. Unter diesem Zelte stand auf einem Tische ein feiner Korb;
in dem Korbe war ein feines Bettchen, und in dem Bettchen war das Kind der
beiden Eheleute, das Mädchen, bei dem sie öfter standen und die winzigen
roten Lippen und die rosigen Wangen und die geschlossenen Äuglein
betrachteten. Zum Schlusse war noch ein sehr schön gemaltes großes Bild in
dem Zimmer, die heilige Mutter mit dem Kinde vorstellend. Es war mit einer
Faltung von dunklem Sammet umgeben.
Die Frau waltete in ihrem Zimmer; sie besorgte alles Nötige, was das
Kindlein brauchte, beschäftigte sich mit Arbeit, mit Lesen, mit Sticken, mit
Besorgung des Hauswesens und andern Dingen dieser Art. Sie verkehrte
nicht sehr viel mit der Außenwelt, so wie auch nicht häufig Frauen zu ihr
zum Besuche kamen.
Zu derselben Zeit, da dieses Ehepaar auf dem Sankt-Peters-Platze
wohnte, lebte in Wien auch ein anderer Mann, der von sich reden machte. Er
war ein glänzender Künstler, ein Schauspieler, und bildete damals das
Entzücken der Welt. Mancher alte Mann unserer Zeit, der ihn noch in seiner
Blüte gekannt hat, gerät in Begeisterung, wenn er von ihm spricht, und
erzählt, wie er diese oder jene Rolle aufgefaßt und dargestellt habe, und
gewöhnlich ist der Schluß solcher Reden, daß man jetzt dergleichen Künstler
nicht mehr habe, und daß alles, was die neue Zeit bringe, keinen Vergleich
mit dem aushalten könne, was die Väter in dieser Art gesehen haben. Manche
von uns, die sich jetzt dem höheren Alter nähern, mögen jenen Schauspieler
noch gekannt und mögen Leistungen von ihm gesehen haben, aber
wahrscheinlich haben sie ihn nicht in der Mitte seines Ruhmes, sondern erst,
da derselbe schon von dem Gipfel abwärts ging, gekannt, obwohl er seinen
Glanz sehr lange und fast bis in das Greisenalter hinein behauptet hat. Der
Mann namens Dall war vorzüglich im Trauerspiele berühmt, obwohl er auch
in andern Fächern, namentlich im Schauspiel, mit ungewöhnlichem Erfolge
auftrat. Es haben sich noch Erzählungen von einzelnen Augenblicken
erhalten, in denen er die Zuschauer bis zum äußersten hinriß, zur äußersten
Begeisterung oder zum äußersten Schauer, so daß sie nicht mehr im Theater,
sondern in der Wirklichkeit zu sein meinten und mit Bangen den weiteren
Verlauf der Dinge erwarteten. Besonders soll seine Darstellung hoher
Personen von einer solchen Würde und Majestät gewesen sein, daß seither
nicht mehr dem Ähnliches auf der Bühne zum Vorschein gekommen sei. Ein
sehr gründlicher Kenner solcher Dinge sagte einst, daß Dall seine Rollen
nicht durch künstliches Nachsinnen oder durch Vorbereitungen und
Einübungen sich zurechtgelegt, sondern daß er sich in dieselben, wenn sie
seinem Wesen zusagten, hineingelebt habe, daß er sich dann auf seine
Persönlichkeit verließ, die ihm im rechten Augenblicke eingab, was er zu tun
habe, und daß er auf diese Weise nicht die Rollen spielte, sondern das in
ihnen Geschilderte wirklich war. Daraus erklärt sich, daß, wenn er sich der
Lage grenzenlos hingab, er im Augenblicke Dinge tat, die nicht nur ihn selber
überraschten, sondern auch die Zuschauer überraschten und ungeheure
Erfolge hervorbrachten. Daraus erklärt sich aber auch, daß, wenn er in eine
Rolle sich nicht hineinzuleben vermochte, er sie gar nicht, nicht einmal
schlecht, darstellen konnte. Darum übernahm er solche Rollen nie und war
durch kein Zureden und durch kein noch so eindringliches Beweisen dazu zu
bewegen.
Aus dem Gesagten erklärt sich aber auch das Wesen und die Lebensweise
Dalls außer dem Theater. Er hatte ein sehr einnehmendes Äußere, war in
seinen Bewegungen leicht und gefällig und trug seinen Körper als den
Ausdruck eines lebhaften und beweglichen Geistes, der sich durch dieses
Werkzeug sehr deutlich aussprach. Er war heiter, suchte seine Freude, wo er
sie fand, und liebte die gesellige Laune, daher man, wenn er hinter einem
Glase guten Weines bei plaudernden Freunden saß und selber plauderte,
unmöglich glauben konnte, daß das derselbe Mann sei, der unsere Seele in
seinen großartigen Darstellungen zu den tiefsten Erschütterungen, zu Angst
und Entsetzen und zu Freude und Entzücken treiben konnte. Aber gerade
weil er das war, was er spielte, und weil er dafür in seinem Körper den
treffendsten Ausdruck fand, so stellten sich die Gefühle, die in seinem
feurigen Geiste entstanden, auf der Oberfläche seines Körpers feurig dar, sei
es in Bewegung, in Ausdruck, in Stimme, und rissen hin. Darum war er der
Liebling der Gesellschaft; er belebte sie und gab ihr Empfindungen. Man
suchte ihn und bestrebte sich, ihn zu fesseln. Er bewegte sich in den
mannigfachsten Kreisen und lernte daraus die leichte und geebnete Freiheit
seines Benehmens; aber er wurde von keinem derselben gebannt: wie er sich
im Spiele von seinem Geiste leiten ließ, so führte ihn derselbe auch unter
Menschen, daß er mit ihnen lebe und empfinde, er führte ihn in die Natur,
daß er sie anschaue und fühle; aber er entführte ihn auch wieder von den
Menschen, wenn seinem Geiste nichts mehr zur Bewegung gegeben wurde,
und er entführte ihn von der Natur, wenn ihre sanfte Sprache aufhörte ihn zu
erregen, und wenn er gewaltigere Eindrücke und tieferen Wechsel suchte. Er
lebte daher in Zuständen und verließ sie, wie es ihm beliebte.
Dieser Mann nun war mit dem Rentherrn bekannt, und man konnte sagen,
daß er vielleicht in nichts so beständig war als in dieser Bekanntschaft. Er
ging sehr gern, wenn er in was immer für Umgebungen gewesen war, auf den
Sankt-Peters-Platz, stieg die vier Treppen empor, läutete an der Glocke des
Eisengitters, ließ sich von der ältlichen Magd öffnen und ging durch das
Vorzimmer in die Heldenstube des Rentherrn. Da saß er und plauderte mit
dem Rentherrn über die vielen verschiedenen Dinge, die dieser trieb. Ja
vielleicht kam er gerade deshalb so gern in die Gesellschaft des Rentherrn,
weil es da so Mannigfaltiges gab. Besonders war es die Kunst, die Dall in
allen ihren Gestalten, ja selbst Abarten anzog. Darum wurden die Verse des
Rentherrn besprochen, er mußte auf einer seiner zwei Geigen spielen, er
mußte auf der Flöte blasen, er mußte das eine oder das andere Musikstück auf
dem Flügel vortragen, oder man saß an der Staffelei und sprach über die
Farben eines Bildes oder über die Linien einer Zeichnung. Gerade in dem
letzteren war Dall am erfahrensten und war selber ein bedeutender Zeichner.
Zu den Pappgestalten des Rentherrn gab er Länge und Breite, er gab
Beziehungen und Verhältnisse an.
In bezug auf die an die Wände geklebten Bildnisse berühmter Männer
legte er sich auf das niederste Ruhebett und musterte die untere Reihe durch.
Der Rentherr mußte ihm bei jedem erzählen, was er von ihm wußte, und
wenn beide nichts Ausreichendes von einem Manne sagen konnten, als daß er
berühmt sei, so suchten sie Bücher hervor und forschten so lange, bis sie
Befriedigendes fanden. Dann legte er sich auf die höheren Ruhebetten, dann
saß er auf dem nächsten, dann stand er, und endlich befand er sich auf den
verschiedenen Stufen der Leiter. Bei dieser Gelegenheit lernte er die
Bequemlichkeit solcher Ruhebetten kennen, und der Rentherr mußte ihm
einen großen Rollsessel machen lassen, der eine gepolsterte Rücklehne und
gute Seitenarme hatte.
In diesem Rollsessel saß er gern, wenn er kam, und man überließ sich der
Plauderei.
Auf diese Weise verging eine geraume Zeit.
Endlich fing Dall ein Liebesverhältnis mit der Frau des Rentherrn an und
setzte es eine Weile fort. Die Frau selber sagte es endlich in ihrer Angst dem
Manne.
Dall mußte davon gewußt haben oder er mußte es an dem Gewissen der
Frau gemerkt haben, daß sie ihrem Manne das Verhältnis mit seinem Freunde
bekennen würde. Denn er kam in diesen Tagen nicht, obwohl er sonst in der
letzten Zeit häufiger in die Wohnung am Sankt-Peters-Platze gekommen war,
als es in der früheren Zeit der Fall gewesen war.
Der Rentherr war in einer außerordentlichen Wut, er wollte zu Dall
rennen, ihm Vorwürfe machen, ihn ermorden; aber auch in seiner Wohnung
war Dall nicht zu finden, er spielte auch in jener Zeit nicht im Theater, und
man wußte nicht, wo er war. Der Rentherr gab sich Mühe, Dall aufzufinden,
er ging alle Tage zu verschiedenen Zeiten in dessen Wohnung, aber er fand
ihn niemals, und die Leute sagten, Dall habe eine kleine Erholungsreise
gemacht. Dasselbe war auch in der Stadt in allen Kreisen bekannt, und man
sagte, der Künstler werde wohl bald wieder zurückkehren und die Welt mit
seinem Glanze erfreuen. Der Rentherr aber ließ sich nicht irremachen, er fuhr
fort, Dall zu suchen. Er suchte ihn in allen Teilen der Stadt, er suchte ihn an
öffentlichen Plätzen, in der Kirche, an Vergnügungsorten, auf Spaziergängen,
er suchte ihn neuerdings in seiner Wohnung. Der Gesuchte war nirgends zu
finden.
So trieb es der Rentherr eine geraume Weile fort. Plötzlich aber wurde er
sehr stille. Seine Freunde sahen, daß die Unruhe, die ihn in der letzten Zeit
befallen hatte, verschwunden war. Er saß ruhig und sinnend. Da ging er zu
seinem Weibe und sagte, sie habe an Dall fallen müssen, warum habe er ihn
ins Haus geführt; sie habe ihm das Herz gegeben, wie er es Tausenden an
einem Schauspielabende aus dem Leibe nehme.
Selber gegen Freunde, denen aus leisen Vermutungen, die in der Stadt
herumgingen, die Sache im allgemeinen bekannt wurde, äußerte er sich
bewußt oder unbewußt in einem Sinne, daß sie eine Gemütslage in ihm
vermuten mußten, wie die eben geschilderte war.
Auch Dall mußte in seiner Entfernung von dem Stande der Sache
Nachricht erhalten haben, und er mußte wissen, daß der Rentherr ruhig sei;
denn da sich nichts Besonderes ereignete und die Dinge ihren Gang zu gehen
schienen, war Dall wieder in der Stadt und wurde wieder auf der Bühne
gesehen.
Eines Tages verschwand die Frau des Rentherrn. Sie war ausgegangen,
wie sie gewöhnlich auszugehen pflegte, und war nicht wiedergekommen.
Der Rentherr hatte gewartet, er hatte bis in die Nacht gewartet; aber da sie
nicht erschien, hatte er gedacht, es könne sie ein Unglück betroffen haben,
und er fuhr in einem Mietwagen zu allen Bekannten und Freunden und fragte,
ob sie seine Gattin nicht gesehen hätten; aber niemand wußte eine Auskunft
zu geben. Am andern Tage zeigte er die Sache bei den Behörden an; er
forderte den Schutz der Ämter und er bekümmerte sich um alle
Verunglückten oder Aufgefundenen. Aber auch die Ämter fanden nichts, und
unter den Verunglückten, die sich vorfanden, war sie nicht, und unter den
Aufgefundenen, die sich als heimatlos auswiesen, war sie nicht.
Da dachte der Rentherr, Dall könne sie irgendwohin geführt haben und
halte sie dort verborgen. Er ging zu Dall und forderte von ihm, daß er ihm
sage, wo sein Weib sei, und daß er ihm dasselbe zurückgebe. Dall beteuerte,
er wisse nichts von der Frau, er habe sie seit seinem letzten Besuch in der
Wohnung auf dem Sankt-Peters-Platze nicht mehr gesehen; er gehe von
seiner Wohnung nicht viel aus, und zwar nur in das Theater und wieder
zurück.
Der Rentherr ging nach Hause.
Nach einiger Zeit kam er wieder zu Dall, kniete vor ihm nieder, faltete die
Hände und bat ihn um sein Weib. Dall erwiderte wieder, er wisse von dem
Weibe gar nichts, dasselbe habe sich nicht mit seinem Willen entfernt, er
kenne dessen Aufenthalt nicht und könne es nicht zurückgeben.
Der Rentherr entfernte sich wieder.
Nach einigen Tagen kam er abermals, kniete abermals nieder und bat mit
gefalteten Händen um sein Weib. Dall schwor, daß er nicht wisse, wo die
Frau sei, und daß er sie nicht zurückgeben könne.
Der Rentherr kam nach einigen Tagen noch einmal, tat dasselbe und
bekam dieselbe Antwort. Dann kam er nicht mehr. Er verabschiedete seine
Magd, er nahm das kleine Kindlein aus dem Bette, er nahm es auf den Arm,
ging aus seiner Wohnung, sperrte hinter sich zu und ging fort.
Wenn Freunde zu dem Rentherrn kamen, um ihn zu besuchen, so hörten
sie von den Leuten in dem Hause, der Rentherr sei fort, er müsse eine Reise
angetreten haben; denn er habe das Kindlein mitgenommen und habe, obwohl
es Sommer war, den Mantel angehabt.
So stand die Wohnung in dem vierten Stockwerke des Hauses auf dem
Sankt-Peters-Platze leer, und das eiserne Gitter auf dem Gange war
geschlossen.
Als ein halbes Jahr vergangen war und weder der Rentherr zurückgekehrt
war noch auch jemand die Miete für die Wohnung bezahlt hatte, zeigte der
Besitzer des Hauses den Vorfall bei der Obrigkeit an. Man ließ mehrere
Freunde des Abwesenden kommen und fragte sie, ob sie dessen Aufenthalt
wüßten; allein keiner wußte ihn. Man ließ nach und nach alle kommen, von
denen man wußte, daß sie mit dem Rentherrn in Beziehung gewesen seien;
aber kein einziger konnte eine Auskunft geben. Auf das Anraten des
Gerichtes, und weil ihn sein eigenes Wohlwollen gegen den Rentherrn dazu
trieb, entschloß sich der Hausbesitzer, noch eine Zeit zu warten, ob der
Rentherr nicht etwa von selber zurückkehren würde. Nach der Aussage der
Bewohner des Hauses und des Pförtners desselben hatte der Rentherr nicht
das kleinste von seiner Wohnung fortbringen lassen; ja man erinnerte sich
nicht einmal genau, ob er bei seiner Abreise einen Koffer gehabt habe oder
nicht. Da man nun wußte, daß viele und kostbare Sachen in der Wohnung
seien, so war es wahrscheinlich, daß der Rentherr nur verreist sei, daß ihn
irgendein Zufall getroffen haben müsse, der ihn hindere, zurückzukehren
oder eine Nachricht zu geben, und daß er schon wiederkommen werde.
Allein da bereits zwei Jahre vergangen waren, und da der Rentherr weder
selbst zurückgekehrt war noch auch eine Nachricht von sich gegeben hatte,
ließ man ihn amtlich durch die Zeitungen auffordern, daß er von sich
Nachricht zu geben und sich auszusprechen hätte, ob er seine dermalige
Wohnung auf dem Sankt-Peters-Platze noch ferner behalten und die Miete
gesetzmäßig berichten würde. Wenn in einer gegebenen Frist keine Nachricht
einginge, so würde man seine Wohnung als aufgekündet betrachten, würde
seine Zurücklassenschaft versteigern, davon die angelaufene Miete bezahlen
und den etwaigen Rest in gerichtliche Verwahrung nehmen.
Allein auch die Frist verstrich, ohne daß der Rentherr kam oder eine
Nachricht eintraf oder jemand erschien, der sich um die Wohnung annahm.
Da schritt man zur amtlichen Öffnung derselben.
Ein Schlosser mußte das Schloß des eisernen Gitters öffnen. Die ältliche
Magd erschien nicht mehr, die Leute in das Vorzimmer und in die Stube des
Rentherrn zu geleiten; ihr Küchenfenster war nicht glatt und rein wie ehedem,
sondern es war voll Staub und hing voll Spinngeweben. In der Küche war
alles wie nach dem Gebrauche; die Magd hatte vor ihrem Weggange alles
noch gereinigt und an seinen Platz gestellt; nur war jedes Ding voll Staub,
und die hölzernen Küferarbeiten waren zerfallen, und die Reifen lagen um
sie. In dem Vorzimmer waren die großen Kästen mit Kleidern gefüllt; von
den wollenen flog eine Wolke Motten auf, die andern waren unversehrt. Es
hingen auch die Sachen der Frau da und darunter schöne seidene Gewänder.
In dem Speisekasten befanden sich die Eßgeräte und das Silbergeschirr.
Da man das Zimmer des Rentherrn eröffnet hatte, fand sich alles, wie es
sonst gewesen war. Der Flügel stand eröffnet, die zwei Geigen waren da, die
Fächer mit den Flöten; nur eine Flöte fehlte. Auf der Staffelei war ein
angefangenes Bild, auf dem Schreibtische lagen Bücher und Schriften, und
das Bett war mit seiner feinen Decke überzogen. Die berühmten Männer
waren bestaubt und von der eingeschlossenen Luft vergelbt. Die Ruhebetten
standen umher, aber sie waren lange nicht gerollt worden. Der große
Armsessel des Schauspielers stand mitten in dem Zimmer.
In der Wohnung der Frau war schier keine Veränderung; es standen die
Geräte in der alten Ordnung, und es lagen die alten Sachen auf ihnen; aber
die kleinen Veränderungen, die doch vor sich gegangen waren, zeigten, wie
es hier anders geworden sei. Die schweren Vorhänge hingen ruhig herab, da
sie doch sonst bei den geöffneten Fenstern sich leicht bewegt hatten, die
Blumen und Pflanzen standen als verdorrte Reiser, die Uhr mit dem sanften
Gange hatte auch diesen nicht, das Pendel hing stille, und sie zeigte
unabänderlich auf dieselbe Stunde. Die Linnen und andern Arbeiten lagen
wohl auf den Tischen, aber sie zeigten keine anfassende Hand und trauerten
unter dem Staube. In dem Seitengemache hingen die weißen Vorhänge in den
vielen Falten hernieder, aber in den Falten war der leichte, schnell rieselnde
Staub; die heilige Mutter schaute von dem Bilde nieder, die rote Umhüllung
war grau; der vergoldete Engel hielt die Spitze des Linnenzeltes, aber auf
dem Linnen lag der Staub, und unter ihnen war der leere Korb, und in ihm
nicht mehr das rosige Angesicht des Kindes.
Das Amt nahm alle Gegenstände dadurch in Empfang, daß es dieselben in
ein Buch verzeichnete. Dann wurden sie in zwei Zimmer zusammengestellt,
daß man sie besser übersehen und überwachen könnte. Hierauf wurde die
Wohnung wieder verschlossen und versiegelt.
Unter den vorgefundenen Sachen war nichts, was von dem Aufenthalte
und den weiteren Verhältnissen des Rentherrn hätte Kunde geben können.
Auch kein Geld wurde gefunden; man vermutete, daß er alles bare auf die
Reise mitgenommen habe.
Der Tag der Versteigerung wurde anberaumt, und als diese vor sich
gegangen war, wurde ein Teil des Erlöses dem Besitzer des Hauses als
angewachsener Mietbetrag samt dessen Zinsen gegeben, der Rest für den
abwesenden Rentherrn von dem Amte in Verwahrung genommen. Die
Helden waren sämtlich von den Wänden abgelöst worden, die Wohnung in
dem vierten Stockwerke im Hause auf dem Sankt-Peters-Platze stand leer,
und auf einem an dem Tore desselben angeschlagenen Zettel war zu lesen,
daß sie an einen neuen Mieter zu vergeben sei.
Die Sache hatte in Wien großes Aufsehen gemacht; man hatte mehr oder
minder eine Ahnung von dem wahren Sachverhalte und redete eine geraume
Zeit davon. Einmal ging die Sage, der Rentherr sei in den böhmischen
Wäldern, wohne dort in einer Höhle, halte das Kind in derselben verborgen,
gehe unter Tags aus, um sich den Lebensunterhalt zu erwerben, und kehre
abends wieder in die Höhle zurück. Aber es kamen andere Ereignisse der
großen Stadt, wie sich überhaupt die Dinge in solchen Orten drängen; man
redete von etwas anderem, und nach kurzem war der Rentherr und seine
Begebenheit vergessen.
Es war seit der Zeit, in welcher sich das zugetragen hatte, was oben
erzählt worden ist, eine Reihe von Jahren vergangen. Die Erzählung rührt von
einer Freundin her, welche den Künstler recht gut gekannt hat, und welche
das genauere Verhältnis desselben zur Familie des Rentherrn von seinen
Freunden erfahren hatte. Denn sie selber war zur Zeit, da die Begebenheit
sich zugetragen hatte, noch zu jung gewesen, um viel von ihr berührt zu
werden. Wir lassen nun aus ihrem Munde das Weitere folgen.
Vor ziemlich langer Zeit, erzählte sie, als ich mit meinem Gatten erst
einige Jahre vermählt war, hatten wir eine sehr angenehme und freundliche
Vorstadtwohnung. Mein Gatte konnte recht leicht den kleinen Weg in die
Stadt, in welche ihn täglich seine Amtsgeschäfte riefen, zurücklegen; ich kam
nicht oft hinein, weil ich mit meiner Häuslichkeit sehr viel beschäftigt war,
weil mir damals die kleinen Kinder viel zu tun gaben, weil ich mich ihrer
Pflege sehr gern widmete, und wenn ich doch in die Stadt mußte, so war,
wenn es schön war, der Weg nur ein Spaziergang, und am Ende kostete bei
schlechtem Wetter ein Wagen auch nicht gar viel. Für die Kinder aber war
die luftige und freie Wohnung, zu welcher auch ein geräumiger Garten
gehörte, von entschiedenem Vorteile, und ein bedeutender Arzt, der Freund
meines Mannes, widerriet, als der letztere einmal die Wohnung aufgeben
wollte, ihm diesen Vorsatz auf das eindringlichste. Die Fenster eines Teils
der Wohnung gingen auf den Garten und über ihn weg auf andere Gärten und
endlich auf die nahen Weinberge und Waldhügel der Umgebung. Hier war
hauptsächlich ich mit den Kindern. Die vorderen Fenster sahen auf die breite,
gerade und schöne Hauptstraße der Vorstadt, in welcher ein angenehmes,
nicht zu bewegtes Leben herrschte, Kaufbuden und Warenstände waren und
Wagen fuhren und Menschen gingen. In diesem Teile der Wohnung war
unser Gesellschaftszimmer, noch ein schönes Zimmer und das
Arbeitsgemach meines Mannes. Die Entfernung zwischen der Stadt und dem
Lande war so gleich und so kurz, daß wir zu keinem einen großen Weg
zurückzulegen hatten.
Als einmal ein sehr schöner, milder Morgen war – ich glaube, es war zur
Zeit des Frühlingsanbruches –, als mein Gatte bereits in der Stadt war, die
Kinder aber sich in der Schule befanden, ließ ich mich von der
einschmeichelnden Luft bewegen, die Fenster zu öffnen, um die Wohnung zu
lüften, und bei dieser Gelegenheit, wie das immer so folgt, auch ein wenig
Staub abzuwischen, aufzuräumen und dergleichen. Wir hörten in unserer
Wohnung gern das Kirchenglöcklein des Krankenhauses, wenn es zur Messe
rief, und ich ging nicht selten, wenn ich eben danach angekleidet war,
hinüber, meine Andacht zu verrichten. Eben tönte auch wieder das Glöcklein
durch die Lüfte, als ich bei einem Fenster unsers schönsten Zimmers gegen
die Straße hinaussah und ein Abwischtuch ausschwang. Ich hatte aber außer
dem Klingen des Glöckleins auch noch einen andern Eindruck, der mich
bewog, noch ein Weilchen an dem Fenster zu bleiben. Da ich nämlich
hinuntersah, was denn für Leute gingen, erblickte ich ein seltsames Paar. Ein
Mann, nach dem Rücken zu schließen, den er mir zukehrte, schon ziemlich
bejahrt, mit einem dünnen, gelben Moldonröckchen, blaßblauen
Beinkleidern, großen Schuhen und einem kleinen, runden Hütchen angetan,
ging auf der Straße dahin; er führte ein Mädchen, das ebenso seltsam
gekleidet war in einem braunen Überwurf, der ihr fast wie eine Toga um die
Schultern lag. Das Mädchen hatte aber einen so großen Kopf, daß es zum
Erschrecken gereichte, und daß man immer nach demselben hinsah. Beide
gingen mäßig schnell ihres Weges, aber beide so unbeholfen und
ungeschickt, daß man sogleich sah, daß sie Wien nicht gewohnt seien, und
daß sie sich nicht so zu bewegen verstünden wie die andern Menschen. Aber
bei aller Unbeholfenheit und Ungeschicklichkeit war der Mann doch noch
beflissen, das Mädchen zu leiten, mit ihm den fahrenden Wagen
auszuweichen und es vor dem Zusammenstoße mit Personen zu hüten. Sie
schlugen gerade den Weg ein, der zu dem Kirchlein führte, von dem eben das
Glöcklein tönte.
Von Neugierde getrieben und weil ich dachte, daß der Mann etwa das
Mädchen in die Messe führe, beschloß ich, auch dahin zu gehen, meine
Andacht zu verrichten und nebenbei auch etwas Näheres von den beiden zu
erfahren oder sie zu betrachten. Ich kleidete mich schnell an, warf ein Tuch
um, setzte den Hut auf und ging fort. Ich bog in das kleine Gäßchen ein, das
von unserer Hauptstraße um die Ecke der Soldatenarzneischule herum gegen
die Gegend des Kirchleins führt, wohin ich die zwei Menschen hatte
einlenken gesehen; allein ich erblickte sie nicht in dem Gäßchen. Ich ging
dasselbe entlang, ging durch den Schwibbogen, der dasselbe damals noch
schloß, wendete ich um die Häuserecke und wandelte bis zur Kirche; aber ich
sah sie nirgends. Auch in der Kirche, in der wenig Menschen waren, erblickte
ich sie nicht. Ich verrichtete nun meine gewöhnliche Andacht, vertiefte mich
in dieselbe, und da die Messe vorüber war und ich mich zum Fortgehen
rüstete, sah ich noch einmal ringsherum, um ihnen Hilfe anzubieten, wenn sie
deren vielleicht bedürfen; allein ich hatte mich geirrt, das Paar war wirklich
nicht in der Kirche. Ich verfügte mich nun wieder nach Hause.
Es war seit diesem Vorfalle eine bedeutende Zeit vergangen, und ich hatte
ihn längst vergessen, als ich mit meinem Gatten einmal in einer sehr schönen
Nacht von der Stadt nach Hause ging. Wir waren in dem Theater in der
Hofburg gewesen, und da die Nacht gar so schön und heiter war, so
bestimmte uns dieser Umstand, das Anerbieten eines Freundes, der mit uns
der Vorstellung beigewohnt hatte, anzunehmen und, bevor wir nach Hause
gingen, noch ein wenig bei seiner Familie einzutreten. Wie es zu geschehen
pflegt, man sprach dort von dem Stücke, man stritt hinüber und herüber, man
brachte Erfrischungen, und es wurde Mitternacht, ehe wir aufbrachen. Wir
lehnten den Antrag unseres Freundes, uns seinen Wagen zu geben, ab und
sagten, es wäre ein Raub an dieser schönen Nacht, wenn wir in dem Wagen
säßen und den freien Raum, der zwischen der Stadt und der Vorstadt ist,
durchflögen, statt ihn langsam zu durchwandeln und seine freie, erhellte
Schönheit zu genießen. Man widersprach uns nicht mehr, und wir machten
uns zu Fuß auf.
Als wir aus dem Tore hinaustraten und die Stadt hinter uns ließen,
empfing uns der heitere große Grasplatz mit seinen vielen Bäumen, und eine
wirklich herrliche Mondnacht stand über dem Raume. Ein ungeheurer
Himmel, wie aus einem Edelsteine gegossen, war über der großen Rundsicht
der Vorstädte, nicht ein einziges Wölklein war an ihm, und von seinem
Gipfel schien das Rund des Mondes lichtausgießend nieder. Wir wandelten
an der Reihe der Bäume, die den Fahrweg säumten, dahin; mancher einzelne
Wanderer und manches Paar begegneten uns. Weil die Nacht so duftend und
beinahe südlich war, machten wir den Weg über den freien Raum noch
einmal hin und zurück, so daß wir endlich beinahe die letzten auf dem Platze
waren. Wir wendeten uns nun auch, um nach Hause zu gehen. Als wir an der
Häuserreihe unserer Vorstadt hin gingen und uns kein Mensch mehr
begegnete, merkten wir, daß wir doch nicht die einzigen waren, welche von
dieser schönen Mondnacht angezogen wurden, sondern daß auch noch ein
anderer von ihren Strahlen in seinem Herzen erregt war; denn wir hörten in
der allgemeinen Stille, die nur durch unsere Tritte und durch manchen fernen
Ruf einer Nachtigall unterbrochen wurde, ein seltsames Flötenspiel. Wir
hörten es anfangs ganz leise, dann, da wir weiterkamen, lauter. Wir blieben
ein wenig stehen, um zu horchen. Wenn es ein gewöhnliches Flötenspiel
gewesen wäre, würden wir wahrscheinlich bald weitergegangen sein; denn es
ist nichts Seltenes, daß man auch noch spät in der Nacht aus irgendeinem
Hause unserer Stadt Musik hört; aber das Flötenspiel war so sonderbar, daß
wir länger stehen blieben. Es war nicht ein ausgezeichnetes Spiel, es war
nicht ganz stümperhaft, aber was die Aufmerksamkeit so erregte, war, daß es
von allem abwich, was man gewöhnlich Musik nennt, und wie man sie lernt.
Es hatte keine uns bekannte Weise zum Gegenstande; wahrscheinlich sprach
der Spieler seine eigenen Gedanken aus, und wenn es auch nicht seine
eigenen Gedanken waren, so gab er doch jedenfalls so viel hinzu, daß man es
als solche betrachten konnte. Was am meisten reizte, war, daß, wenn er einen
Gang angenommen und das Ohr verleitet hatte mitzugehen, immer etwas
anderes kam, als was man erwartete und das Recht hatte zu erwarten, so daß
man stets von vorn anfangen und mitgehen mußte und endlich in eine
Verwirrung geriet, die man beinahe irrsinnig hätte nennen können. Und
dennoch war trotz des Unzusammenhanges eine Trauer und eine Klage und
noch etwas Fremdartiges in dem Spiele, als erzählte der Spieler in ungefügen
Mitteln seinen Kummer. Man war beinahe gerührt.
»Das ist sonderbar,« sagte mein Gatte, »der muß das Flötenspiel auf
einem eigentümlichen Wege gelernt haben; er stimmt richtig an, er fährt nicht
fort, er verhaftet die Sache, er kann mit dem Hauche nicht aushalten, er
überstürzt ihn und reißt ihn ab und hat doch eine Gattung Herz darin.«
Wir konnten auch nicht ergründen, woher das Spiel kam; fast hätten wir
geglaubt, daß es aus dem alten Perronschen Hause klinge, in dessen Nähe wir
uns befanden; aber das Haus war im Begriffe abgetragen zu werden, es war
schon nur mehr sehr wenig bewohnt, und die Töne klangen durchaus nicht,
als kämen sie von irgendeinem Fenster herab.
Als wir noch ein Weilchen gestanden waren, gingen wir weiter, das
seltsame Flötenspiel wurde hinter uns undeutlich, endlich hörten wir es gar
nicht mehr; wir kamen nach Hause und begaben uns neben unsern Kindern,
die schon mehr als die Hälfte ihres erquickenden Schlafes ausgeschlafen
hatten, zur Ruhe.
Nach dieser Begebenheit verging wieder eine geraume Zeit.
Wer schon länger in unserer Stadt lebt, wird sich noch des alten
Perronschen Hauses erinnern. Wer überhaupt etwa fünfzehn bis zwanzig
Jahre her Wien kennt, der wird wissen, daß diese Stadt in beständigem
Umwandeln begriffen und daß sie trotz ihres Alters eine neue Stadt ist; denn
die Häuser werden immer nach neuer Art und zu dem Zwecke der Benützung
umgebaut; alte, unveränderliche Denkmale, wie etwa die Kirche von Sankt
Stephan, gibt es zu wenige, als daß sie der Stadt ein allgemeines Aussehen
aufdrücken könnten, und so sieht sie immer wie eine von gestern aus. Das
alte Perronsche Haus stand an der Hauptstraße der Vorstadt, in welcher wir
wohnten, und war nicht gar weit von unserer Wohnung entfernt. Es hatte
noch die Eigentümlichkeit, welche die jetzigen jungen Bewohner der
Hauptstadt nicht mehr kennen, daß es unterirdische Wohnungen hatte. Die
Fenster solcher Wohnungen gingen gewöhnlich dicht an dem Pflaster der
Straßen heraus. Sie waren nicht sehr groß, hatten starke eiserne Stäbe, hinter
denen sich gewöhnlich noch ein dichtes, eisernes Drahtgitter befand, das,
wenn der Bewohner nicht besonders reinlichkeitliebend war, mit dem
hingeschleuderten und getrockneten Kote der Straße bedeckt war und einen
traurigen Anblick gewährte. Das Perronsche Haus war auch ohnedem schon
ein sehr altes Haus; es sah schwarz aus und hatte Verzierungen aus sehr alten
Zeiten. Es ging nur mit seiner schmäleren Seite auf die Straße; mit den
größeren Räumen ging es gegen einen Garten zurück. Es hatte ein kleines
Pförtlein, das mit dunkelroter, fast schwarz gewordener Farbe angestrichen
und mit vielen metallenen Nägeln beschlagen war, deren Stoff man nicht
mehr erkennen konnte, weil sich die breiten Köpfe mit Schwärze überzogen
hatten. Es war wohl neben dem Pförtchen ein größeres Haustor, aber dasselbe
war seit undenklichen Zeiten nicht mehr benützt worden; es war geschlossen,
es war voll Straßenkot und Staub und hatte zwei Querbalken, die mit eisernen
Klammern an der Mauer befestigt waren.
Wir hatten damals einen Freund, der es auch in allen folgenden Zeiten
geblieben ist. Es war der Professor Andorf. Er war unvermählt, war ein
heiterer, freundlicher Mann, voll geistiger Anlagen, er hatte ein warmes,
empfindendes Herz und war für alles Gute und Schöne empfänglich. Er kam
sehr oft zu uns, war mit meinem Manne in gelehrten Verbindungen, und es
wurde öfter etwas Schönes vorgelesen oder Musik gemacht oder traulich von
verschiedenen Dingen gesprochen. Dieser Professor Andorf wohnte in dem
Perronschen Hause; er wohnte nicht einmal auf die Gasse heraus, sondern in
dem Hofe. Er hatte freiwillig diese Wohnung gewählt, weil sie für seine
Beschäftigungen, die im Lesen, Schreiben oder etwas Klavierspielen
bestanden, sehr ruhig war; und obwohl er ein heiterer, geselliger Mann war,
hatte er doch gerade diese Wohnung gewählt, weil es seinen dichtenden
Kräften, die sich nicht sowohl im Hervorbringen als vielmehr im Empfangen
äußerten, zusagte, das allmähliche Versinken, Vergehen, Verkommen zu
beobachten und zu betrachten, wie die Vögel und andere Tiere nach und nach
von dem Mauerwerke Besitz nahmen, aus dem sich die Menschen
zurückgezogen hatten; es gehe ihm in der Welt nichts darüber, pflegte er zu
sagen, an einem Regentage an seinem Fenster zu stehen und das Wasser von
den Disteln, dem Huflattich und den anderen Pflanzen, die in dem Hofe
stehen, niederträufeln und die Nässe sich in den alten Mauern herabziehen zu
sehen.
Einmal sagte mein Gatte, da er schon angezogen war und eben in sein
Amt gehen wollte: »Da ist ein Buch, es gehört dem Professor Andorf, es ist
sehr wichtig, mir ist daran gelegen, daß es nicht in fremde Hände komme; sei
so gut, schlage es in ein Papier ein, siegle das Papier zu und schicke das Buch
durch jemand Zuverlässigen an den Professor. Ich hatte nicht mehr Zeit, das
Geschäft selber zu besorgen, und wende mich daher an dich.«
Er legte das Buch auf mein Nähtischchen; ich sagte ihm zu, daß ich
seinen Auftrag vollziehen würde, und er ging fort, um sich an seine
Dienstgeschäfte zu begeben.
Da mir aber im Laufe des Vormittags einfiel, daß ich ohnedem in die
Stadt gehen müsse, und daß ich da an dem Perronschen Hause vorübergehe,
so dachte ich, daß ich bei dieser Gelegenheit das Buch selber abgeben
könnte, so könne es ganz gewiß in keine unrechten Hände kommen. Ich
beschloß, also so zu tun. Da die Zeit gekommen war, kleidete ich mich an, tat
das Buch in meine Arbeitstasche, die ich gern am Arme mitzutragen pflege,
und machte mich auf den Weg. Als ich zu dem Perronschen Hause
gekommen war, drückte ich auf die Klinke des kleinen, roten Pförtchens. Ich
war nie in dem Hause gewesen. Die Klinke gab leicht nach, und das
Pförtchen öffnete sich. Als ich aber in dem Gange stand, der sich hinter dem
Pförtchen öffnete, sah ich mich vergeblich nach einer Stube oder Wohnung
um, in der ein Pförtner oder dergleichen wäre, der mir Auskunft geben
könnte. Ich ging also in dem Gange weiter, der mir keine Treppe in die
höheren Stockwerke zeigte, und gelangte in den Hof. Derselbe war mit
großen, aber zum Teile schon zerbrochenen Steinen gepflastert. Ich sah da
die Pflanzen des Professors Andorf stehen, die ihn bei dem Regen mit ihrem
triefenden Wasser ergötzten, ich sah aber auch bei allen Fugen der Steine das
Gras herausstehen, das schön und unzertreten wuchs. An den Mauern, die
den Hof bildeten, sah ich mehrere Tore, die zu Stallungen oder
Wagenbehältern führen mochten, aber die Tore wurden nie geöffnet, was ihr
ausgewittertes, vertrocknetes und zum Teil zerfallenes Aussehen, das hohe
Gras zu ihren Füßen und die braunverrosteten Angeln bewiesen. Es waren
auch drei Mündungen, die zu Treppen führten, aber die Mündungen sahen
unwirtlich aus, und die Treppen schienen nicht betreten zu werden. Unter den
erblindeten oder bläulich schillernden oder teils mit hölzernen Läden
verschlossenen Fenstern sah ich auch einige mit reinem Glase, hinter denen
weiße Vorhänge waren. Ich schloß, daß diese zu der Wohnung des Professors
gehören mochten, wußte aber nicht, wie ich zu dieser Wohnung
hinangelangen könnte.
In diesem Augenblick hörte ich leise Tritte hinter mir und vernahm eine
nicht unangenehme, etwas feine Männerstimme, die sagte: »Wünschen Sie
etwas?«
Ich wendete mich um und sah ein Männchen hinter mir stehen, das
spärliche graue Haare auf dem Haupte und einen schlichten Ausdruck in dem
Angesichte hatte. Es war nicht eigentlich angekleidet; denn es hatte nur
linnene Beinkleider an, eine ähnliche Jacke, auf dem Kopfe nichts und an den
Füßen Pantoffeln.
»Ich suche den Herrn Professor Andorf,« sagte ich.
»Was wünschen Sie denn von dem Herrn Professor Andorf?« erwiderte
er. »Kann ich vielleicht eine Botschaft oder eine Übergabe bestellen? Der
Herr Professor ist nicht zu Hause.«
Ich sah den Mann näher an. Er hatte ein längliches Angesicht und blaue
Augen. Seine Miene stieß nicht ab.
»Ich hätte ein Buch zu übergeben,« sagte ich, »das nur in seine Hände
gehört; aber da er nicht zu Hause ist, so kann das Buch auch ein anderes Mal
zu ihm kommen, mein Gatte kann es ein anderes Mal herüberschicken.«
»Ich bin der Pförtner des Hauses,« erwiderte er, »Sie können mir das
Buch schon anvertrauen; wenn Sie es aber vorziehen, es ihm selbst zu
übergeben oder durch jemand Ihrer Leute übergeben zu lassen, so treffen Sie
den Professor täglich bis neun Uhr früh und meistens auch zwischen vier Uhr
und sechs Uhr nachmittags.«
Da ich unschlüssig zauderte und ihn ansah, sagte er: »Verehrte Frau,
geben Sie mir das Buch; ich werde es behutsam anfassen, daß es nicht
schmutzig werde, ich werde nicht in dasselbe hineinsehen und werde es
sogleich, wenn der Herr Professor Andorf nach Hause kommt, in seine Hände
geben.«
Ich sah ihn wieder an. Das Anständige in seiner Stellung fiel mir auf.
Seine Worte waren in dem wenigen, was er mir sagte, sehr gewählt, wie man
es in der besseren Gesellschaft findet; nur seine blauen Augen hatten etwas
Unstetes, als blickten sie immer hin und her. Ich hatte nicht den Mut, ihn
durch Mißtrauen zu kränken, ich nestelte meine Arbeitstasche auf, zog das
Buch hervor und gab es in seine Hände. Ich hatte es in kein Papier
eingeschlagen, weil ich es selber zu übergeben gedachte. Er bemerkte den
Umstand gleich und sagte: »Ich werde das Buch in ein Papier einwickeln,
werde es so liegen lassen, bis der Herr Professor kommt, und werde es ihm so
übergeben.«
»Ja, tun Sie das,« sagte ich, und mit diesen Worten schied ich aus dem
Hause.
Aber kaum war ich auf der Gasse, so bemächtigte sich meiner eine
Unruhe. Etwa zwanzig Schritte von dem roten Pförtlein an der Mauer des
nächsten Hauses saß gern eine Obstfrau. Sie saß jeden Tag da, wenn nicht gar
ein zu abscheuliches Wetter war; denn an gewöhnlichen Regentagen hatte sie
einen breiten Schirm über ihr Warenlager ausgebreitet. Ich kannte die Frau
sehr gut und hatte oft schon für die Kinder von ihr Obst gekauft. Zu dieser
Frau ging ich hin. Ich fragte sie, ob sie den Pförtner des Perronschen Hauses
kenne. Sie sagte, daß sie ihn kenne, daß er ein ordentlicher Mann sei, daß,
wenn er ausgehe, er gewiß immer vor Anbruch der Nacht nach Hause
komme. Man könne ihm nichts nachsagen, er sei sehr still. Übrigens sei es
schon daran, daß man das Perronsche Haus umbauen müsse; es wohnen
schon nicht mehr viele Leute darinnen, vornehme schon gar nicht, wenn man
den Herrn Professor Andorf ausnehme, wie ich ja selber sehr gut wisse, und
in wenig Jahren werde gar niemand mehr darin wohnen wollen. Wenn Herr
Perron nicht immer in fremden Ländern wäre, so würde er wissen, wie es mit
dem Hause stehe, daß es ihm nicht viel eintrage, und daß er besser fahren
würde, wenn er es niederrisse und ein anderes an dessen Stelle aufbaute.
Ich kaufte von der Frau einiges Obst, tat es in meine Tasche und setzte
meinen Weg in die Stadt fort.
Als mein Gatte nach Hause gekommen war und wir bei dem Mittagessen
saßen, drückte mich das Gewissen, und ich sagte ihm, was ich getan habe:
aber er nach seiner ihm von jeher innewohnenden Güte und Milde beruhigte
mich und sagte, ich hätte vollkommen recht getan; er selber, wenn er das
Buch hinübergetragen hätte und ihm das gleiche begegnet wäre, hätte nicht
anders gehandelt. Das Buch würde schon in die rechten Hände kommen.
Desungeachtet fragte ich den Professor, als er das erstemal nach dieser
Begebenheit zu uns kam, ob er das Buch erhalten habe; ich hätte es in die
Hände des Pförtners des Perronschen Hauses gegeben.
»Das Buch habe ich erhalten,« sagte der Professor, »aber ich habe
geglaubt, daß Sie es mir durch jenen alten Mann überschickt haben. Daß wir
im Perronschen Hause einen Pförtner besitzen, habe ich gar nicht gewußt,
und wenn wir einen haben, so muß er der stillste Pförtner der Welt sein; denn
ich habe nie etwas von ihm vernommen. Ich habe einen Schlüssel, durch den
ich mir das Pförtchen öffne, wenn ich so spät nach Hause komme, daß es
schon verschlossen ist. Übrigens tut es mir leid, daß ich nicht zu Hause
gewesen bin, da Sie in das Perronsche Haus gekommen sind, daß ich Sie
hätte empfangen und Ihnen die vorkommenden Merkwürdigkeiten des
Hauses hätte zeigen können.«
Wieder war seit diesem Vorfalle eine bedeutende Zeit vergangen, als sich
ein neues Merkmal zutrug. Unser ältester Sohn Alfred kam einmal von der
Schule nach Hause. Er lief die Treppe heran, er stürzte in die Stube und rief:
»Mutter, ich habe ihm nichts getan; Mutter, ich habe ihm nichts getan.«
»Alfred,« sagte ich, »was ist dir denn?«
»Mutter, du weißt das Perronsche Haus,« erwiderte er; »da ging ich auf
dem breiten Pflaster des Weges für die Fußgänger, und da sah ich einen
Raben auf dem Pflaster sitzen, der sich nicht fürchtete, der nicht fliegen zu
können schien, und der vor mir, da ich mich näherte, herging. Ich duckte
mich ein wenig, sprach zu ihm, langte nach ihm, und er ließ sich fangen.
Mutter, ich habe ihm nichts getan, ich habe ihn nur gestreichelt. Da sah bei
den Erdfenstern des Perronschen Hauses ein fürchterlich großes Angesicht
heraus und schrie: ›Laß, laß!‹
»Ich blickte nach dem Kopfe hin; er hatte starre Augen, war sehr blaß und
war erschreckend groß. Ich ließ den Raben aus, richtete mich empor und lief
nach Hause. Mutter, ich habe ihm wirklich nichts getan, ich habe ihn bloß
streicheln wollen.«
»Ich weiß, Alfred, ich weiß,« sagte ich; »lege deinen Schulsack ab, gehe
in die Kinderstube, da wirst du dein Nachmittagbrot bekommen und schlage
dir den Raben aus dem Sinn, es liegt nichts an ihm.«
Der Knabe küßte mir die Hand und ging leichten Gemütes in die
Kinderstube.
Aber mein Gemüt war nicht so leicht, es war nachdenklich geworden. Mir
fiel nun das vor vieler Zeit gesehene Paar ein, dem ich einmal in der Richtung
nach der Kirche des Krankenhauses nachgegangen bin. Das Mädchen hatte
auch damals einen nach des Knaben Ausdruck fürchterlich großen Kopf
gehabt. Ich fing nun an, die Begebenheiten zu verbinden. Wenn der von
Alfred gesehene Kopf der nämliche gewesen ist, den ich an jenem Mädchen
wahrgenommen hatte, so muß das Mädchen in einer unterirdischen Wohnung
des Perronschen Hauses wohnen. Wenn ich nun an den Pförtner des
Perronschen Hauses dachte, dem ich das Buch für den Professor Andorf
gegeben hatte, so dürfte derselbe, wie mir jetzt vorkam, ungefähr die Gestalt
und Größe des Mannes haben, den ich mit dem Mädchen über die Straße
gehen gesehen hatte. Dann war der Pförtner vielleicht der Vater des
Mädchens.
Mir fiel auch noch einmal auf, wie ordentlich, ja anständig sich damals
der Pförtner benommen hatte, als er mir das Buch für den Professor Andorf
abgenötigt hatte, wie ausgewählt und gut seine Sprache gewesen sei, so daß
es den Anschein hat, als sei hier etwas Besonderes im Spiele. Dies steigerte
meine Teilnahme noch mehr, und ich nahm mir vor, gelegentlich dem
Pförtner des Perronschen Hauses nachzuforschen und, wenn etwa eine Hilfe
notwendig sein sollte, sie nach den kleinen Mitteln, die mir zu diesem
Zwecke gegeben waren, zu leisten.
Die Zeit, in welcher Alfred die Begegnung mit dem Raben gehabt hatte,
war im Spätherbst gewesen. In dem sehr milden Winter, der darauf folgte,
ging ich oft mit meinem Gatten in die Stadt. Wir gingen zum Teil zu
Freunden, zum Teil besuchten wir auch das Theater, von dem ich damals eine
sehr große Freundin gewesen war. Wenn wir in der Nacht nach Hause
gingen, hörten wir noch einige Male das seltsame Flötenspiel, das wir in
jener Mondnacht gehört hatten, und wir vernahmen jetzt deutlich, daß es aus
den unterirdischen Wohnungen des Perronschen Hauses kam.
Die Gelegenheit aber, mit dem Pförtner des Perronschen Hauses bekannt
zu werden, war nicht leicht zu finden. Zuerst wollte ich nicht zudringlich
sein, dann war der Professor Andorf so wenig mit dem Pförtner des Hauses
bekannt, daß er nicht einmal gewußt hatte, daß das Haus einen Pförtner habe,
und endlich kam überhaupt niemand in das Perronsche Haus, durch den eine
Verbindung hätte eingeleitet werden können. Es verging ein Teil des Winters,
ohne daß ich mein Vorhaben ins Werk setzen konnte.
Einmal war ich damit beschäftigt, unsere schöneren Zimmer ein wenig zu
ordnen. Wir hatten am Tage vorher eine Gesellschaft bei uns gehabt, und es
war manches in Unordnung geraten. Da hörte ich von der Gasse herauf ein
Gesumme und Gebrause, und da ich ein Fenster öffnete und hinabschaute,
sah ich mehrere Menschen an dem Pförtchen des Perronschen Hauses stehen
und sah, daß noch immer mehrere hinzugingen und sich zu ihnen gesellten.
Ich rief eines meiner Dienstmädchen und schickte dasselbe hinab, um fragen
zu lassen, was es denn gäbe.
Das Mädchen kam nach einer Weile zurück und sagte, der Pförtner des
Perronschen Hauses habe sich erschlagen. Ich warf sogleich einen Mantel
um, ging hinab und ging gegen das Perronsche Haus. Ich wollte mich aber
mit den Leuten, die vor dem roten Pförtchen standen, in kein Gespräch
einlassen, sondern ging zu der mir bekannten Obstfrau, die bei ihrem Stande
saß, und fragte: »Was ist es denn gewesen, und wie kann sich denn ein
Mensch selber erschlagen?«
»Es hat sich niemand erschlagen,« antwortete die Frau, »es ist nur der
Pförtner des Perronschen Hauses gestorben. Vor einer Viertelstunde, da eben
niemand an dieser Seite der Häuser ging, kam das Mädchen, seine Tochter,
aus der Wohnung zu mir und sagte mir heimlich, daß der Vater tot sei. Dann
ging es gleich wieder in das Perronsche Haus zurück. Ich aber rief den
Lehrling des Schusters da herüber, sagte es ihm und sagte, daß er auf das
Stadthaus gehen und dort die Meldung von dem machen möge, was mir das
Mädchen gesagt habe. Der Lehrling wird es auf dem Wege den Leuten
vertraut haben, darum sind sie schon gekommen. Aber von dem Stadthause
muß auch bald jemand da sein, ein Amtmann, ein Arzt, ein Beschauer, ein
Geschworener oder wer es sein mag.«
Während der Rede der Frau hatten sich noch mehr Menschen
angesammelt; es ging aber niemand von ihnen durch das rote Pförtchen
hinein, entweder aus Achtung vor dem Toten, der im Innern lag, oder aus
Scheu vor dem seltsamen Perronschen Hause.
Endlich kamen auch die von dem Amte Abgeordneten, den Befund
aufzunehmen.
»Diese Frau hat es mir gesagt,« sagte der Lehrling, der auf die Obstfrau
zeigte.
Die Obstfrau mußte mit den Amtsabgeordneten gehen. Sie tat es gern,
nachdem sie zuvor ein großes, weißes Tuch auf ihren Obstkram gebreitet
hatte. Ich nannte mich den Amtsleuten und bat, mich mit in die Wohnung zu
nehmen, weil ich im Sinn habe zu helfen, wenn dort etwas nottun sollte. Man
gestand es gern zu. Der Lehrling, als in der Anzeige beteiligt, mußte ebenfalls
mit.
Als wir zu dem Pförtchen gelangt waren, drängte sich alles nach
demselben, aber die Männer des Amtes sagten, daß niemand, der nicht zu
dem Amte gehöre oder von demselben aufgefordert sei, in das Innere des
Hauses dürfe. Hierauf wurden zwei Diener der öffentlichen Sicherheit zu
beiden Seiten des Pförtchens gestellt, das Pförtchen wurde geöffnet, wir
gingen hinein; die Sicherheitsdiener stellten sich dann in die Mündung des
Pförtchens und ließen niemand mehr hinein.
Wir begaben uns durch den Gang, der hinter dem Pförtchen war, in den
Hof und von dem Hofe unter die Einfahrt, welche durch das Tor geschlossen
war, und in der Seitenmauer der Einfahrt zeigte sich eine Tür. Die Tür wurde
geöffnet. Hinter ihr ging eine Treppe in die Tiefe hinunter. Als dort gelegen
wurde die Wohnung des Pförtners angegeben.
Da wir die Treppe hinuntergestiegen waren und die Wohnung betreten
hatten, sahen wir, daß dieselbe nur aus einem einzigen Zimmer bestehe.
Neben einer Leiter, die gegen das Fenster emporlehnte, lag der alte, tote
Mann. Er hatte ein gelbes Molldonröcklein und blaßblaue Beinkleider an. Als
ihn die Männer aufgehoben und auf ein Bett, das das seinige schien, gelegt
hatten, sah ich aus den Zügen, daß es wirklich der nämliche Mann sei, dem
ich das Buch gegeben hatte. Man hatte anfangs die Absicht gehabt, Versuche
zu machen, ihn ins Leben zurückzurufen, aber beim Anfassen hatte man
schon empfunden, daß er kalt sei, und bei näherer Beschauung zeigte sich
auch, daß er unzweifelhaft tot sei.
Wann mußte er denn gestorben sein?
Sonst war niemand in dem Zimmer als das Mädchen mit dem großen
Haupte. Es saß tief zurück auf einem weißen, unangestrichenen Stuhle und
sah von fern zu, was man mit dem Mann beginne. Auf einem Schirme, der
vor einem Bette stand, das ich für das des Mädchens hielt, saß die Dohle,
denn eine solche, kein Rabe war es gewesen, was Alfred hatte fangen wollen.
Der Vogel nickte mit dem Kopfe und sprach schier Laute, die aber
unverständlich, verstümmelt und kaum menschenähnlich waren. Auf dem
Tische, der nicht weit von dem Sitze des Mädchens stand, sah ich die Flöte
liegen.
Ich wollte, während die Männer die Leiche besahen und auf dem Bette in
eine anständige Lage zu bringen suchten, das Mädchen ansprechen, wollte es
zutraulich machen und es dann mit mir nehmen, um es aus der traurigen
Umgebung zu bringen. Ich näherte mich und sprach es an, wobei ich die
höflichste, aber einfachste Sprache versuchte. Das Mädchen antwortete mir
zu meinem Erstaunen in der reinsten Schriftsprache: aber was es sagte, war
kaum zu verstehen. Die Gedanken waren so seltsam, so von allem, was sich
immer und täglich in unserm Umgange ausspricht, verschieden, daß man das
Ganze für blödsinnig hätte halten können, wenn es nicht zum Teile wieder
sehr verständig gewesen wäre.
Ich hatte zufällig in meinem Mantel einige Stücke Zuckerbäckerei und
etwas Obst. Ich nahm ein Stückchen Backwerk heraus und bot es dem
Mädchen an. Es langte danach, aß es und zeigte in den Zügen des großen
Antlitzes einen augenfälligen Schein von Freude. Ich versuchte bei dieser
Gelegenheit auch, ob ich aus den Zügen herauslesen könnte, wie alt das
Mädchen sein möge; aber es war mir wegen der ungewöhnlichen Bildung des
Hauptes und des Angesichtes nicht möglich. Es konnte sechzehn Jahre alt
sein, es konnte aber auch zwanzig Jahre alt sein.
Ich gab ihm nun noch ein zweites Stück, dann ein drittes und dann
mehrere.
Ich werde den Sinn dessen, was es sagte, ungefähr in unserer Sprache
oder Sprechweise geben, weil man die Gedankenfolge des Mädchens nicht
verstehen würde, und weil ich auch nicht imstande wäre, die Dinge so genau
aus dem Gedächtnisse zu wiederholen, wie es dieselben gesagt hatte.
Ich fragte es, ob es solche Speisen gern äße, wenn es dieselben hätte, ob
sie gut seien.
»Ja, gut,« sagte es, »gib mir noch mehr.«
»Ich werde dir mehr geben,« antwortete ich, »wenn du mit mir gehst und
in einer anderen Stube bleibst, bis es Nacht wird und bis es wieder Tag wird.
Dann werde ich dich wieder in diese deine Stube zurückführen. Ich habe hier
keine solchen süßen Dinge mehr, aber in der Stube, in welche du mit mir
gehen sollst, sind viele.«
»Ich gehe mit dir,« sagte es, »aber wenn der Tag kommt, gehen wir
wieder zu uns her.«
»Ja, dann gehen wir wieder in diese Stube,« sagte ich.
Ich gab dem Mädchen nun auch einen Apfel von einer besseren Gattung.
Es aß ihn mit dem Zeichen, daß er ihm angenehm sei.
Ich fragte das Mädchen auch, ob es keine Mutter habe, oder ob keine
Geschwister am Leben seien.
Es habe keine Mutter, antwortete es, und es sei immer nur bei dem Vater
allein gewesen. Den Begriff Geschwister schien es gar nicht zu kennen.
Ich fragte es hierauf, wie denn der Vater gestorben sei.
»Er ist auf die Leiter gestiegen,« antwortete es, »die zu unserm Fenster
hinaufführt. Ich weiß nicht, was er tun wollte, und da ist er herabgefallen und
ist liegen geblieben. Ich wartete, bis er wieder gesund werden würde; aber er
ist nicht mehr gesund geworden. Er war tot. Da eine Nacht und ein Tag
vergangen waren, sagte ich es der Frau, die immer nicht weit von unserm
Pförtlein sitzt. Seitdem sind die Leute gekommen.«
Ich teilte den Männern die Nachricht mit und sagte, daß ich das Mädchen
in mein Haus führen und einstweilen dasselbe verpflegen würde. Die
Behörden, welche die Sachen leiten, könnten das Mädchen immer bei mir
finden, wenn sie dasselbe zurückfordern sollten. Ich würde auch die
Begebenheit meinen Freunden und Bekannten anzeigen, daß wir eine
Sammlung von Geld machen, damit man den Mann anständig begraben
könne. Die Männer wendeten dagegen nichts ein.
Sie waren unterdessen mit der Leiche fertig geworden. Es hatte sich
gezeigt, daß der arme Mann aus was immer für einer Ursache gefallen sein
müsse, und zwar, wie der Anschein zeige und das Mädchen aussage, von der
Leiter, die gegen das Fenster lehnte, und daß er sich hierbei die Wirbel des
Genickes verletzt haben müsse, was den Tod augenblicklich zur Folge gehabt
habe. Man bedeutete mir, daß den Gesetzen zufolge eine gerichtliche
Zergliederung statthaben müsse, und daß es daher um so erwünschter
erscheine, wenn das Mädchen aus der Wohnung entfernt würde. Die Aussage
der Obstfrau und des Lehrlings waren zu Papier gebracht worden, und man
erklärte ihnen, daß nichts im Wege stehe, daß sie sich entfernen könnten.
Ich trat noch ein wenig zu der Leiche. Sie lag jetzt in ihren Kleidern auf
dem Bette. Die Züge waren wenig verändert und waren fast so wie an jenem
Vormittag, als der Mann in dem Hofe des Perronschen Hauses vor mir
gestanden war und mir das Buch abgedrungen hatte. Die blauen Augen waren
geschlossen, und da ihre etwas auffällige Unruhe durch die Lider bedeckt
war, so hatte die Miene sogar einen Ausdruck von Milde. Das mochten auch
die andern fühlen; denn man stand einen Augenblick schweigend um das Bett
herum und betrachtete den Mann. Endlich entfernten sich der Lehrling und
die Obstfrau aus dem Zimmer. Ich trat auch von dem Anblicke hinweg.
Ich näherte mich dem Mädchen und sagte ihm, daß ich es jetzt mit mir
führen würde und daß es mir folgen möge, wie es früher gesagt habe.
Das Mädchen erwiderte, daß es schon mit mir gehe und daß wir, wenn
wieder der Tag kommen würde, auch wieder in die Stube zurückkehren
sollen.
Ich antwortete, das werde ganz gewiß geschehen.
Es folgte mir nun ganz willig. Wir stiegen die Treppe hinan, ich nahm es
bei der Hand, wir gingen über den Hof durch den Gang und bei dem roten
Pförtchen auf die Gasse hinaus. Auf der Gasse standen noch immer Leute,
die sich im Gegenteil eher vermehrt hatten. Eine dichte Gruppe umgab die
Obstfrau und den Lehrling, die erzählten, was sie im Innern des Hauses
gesehen und erfahren hatten. Ich beeilte meine Schritte, um mich und das
Mädchen aus der Menge zu bringen und den Betrachtungen und
Verwunderungen zu entziehen, die durch den Anblick des ungewöhnlichen
Hauptes des Mädchens angeregt worden waren.
Ich führte es in meine Wohnung.
Dort gab ich ihm eine ordentliche Speise zu essen, da ich vermuten
konnte, daß es seit gestern zu keinem regelmäßigen Essen werde gekommen
sein. Es mußte auch so gewesen sein; denn das Mädchen aß mit sichtlichem
Vergnügen und es schien sehr erquickt zu werden. Es sagte mir nachträglich,
daß es alles Brot gegessen habe, was in der Wohnung gewesen sei.
Wir hatten ein nach dem Garten gelegenes Gemach, das von einer alten
Kinderwärterin, die schon bei meinen Eltern im Dienste gewesen war und
dann meine Kinder gepflegt hatte, so lange bewohnt gewesen war, bis endlich
ihre Tochter geheiratet hatte, zu der sie dann ging, um bei ihr zu leben und
allenfalls auch an ihren Kindern zu tun, was sie so lange an fremden getan
hatte. Seit jener Zeit stand das Gemach leer; aber die Geräte waren in
demselben geblieben. Ich ließ es nun für das mitgebrachte Mädchen
zusammenrichten. Ich ließ ein Bett machen und das Stübchen recht warm
beheizen. Dann führte ich das Mädchen in dasselbe zurück. Ich hatte Sorge
getragen, daß das Mädchen keinem meiner Dienstleute zu Gesicht gekommen
war, damit sie es nicht etwa durch unvernünftiges Anstaunen oder gar
Ausrufen einschüchterten. Darum hatte ich ihm die Speisen in unser
Speisezimmer, in dem es war, ehe es in das Rückstübchen geführt werden
konnte, selber gebracht und hatte den Befehl gegeben, daß niemand in das
Speisezimmer eintreten dürfe.
Wir hatten eine ältliche Magd, die seit unserer Verehelichung schon bei
uns gewesen war, die eine große Anhänglichkeit an uns und unsere Kinder
hatte und eine Art Vorrecht genoß, bei Familienangelegenheiten oder bei
andern wichtigen Sachen ein Wort mitzureden. Diese Magd rief ich, setzte ihr
den Fall mit dem fremden Mädchen auseinander und bat sie, daß sie bei dem
Mädchen in dem Stübchen bleiben, daß sie mit ihm freundlich reden, ihm
beistehen und ihm den Aufenthalt angenehm machen solle. Sie versprach,
alles dieses zu tun. Ich sorgte auch für Wäsche, wenn bei dem fremden
Mädchen hierin etwas notwendig sein sollte. Auch gab ich ihm in dem
Stübchen noch Zuckerwerk und Obst, um mein Versprechen, das ich gegeben
hatte, zu lösen.
Ich sagte dem Mädchen, daß ich mich jetzt entfernen müsse, weil ich
andere Dinge zu tun hätte, daß die Magd bei ihm bleiben, und daß ich schon
wiederkommen würde, um nachzusehen, wie es sich befinde.
Das Mädchen schien dies alles vollkommen zu begreifen.
Ich ging in mein Arbeitszimmer, setzte mich nieder und schrieb an
mehrere meiner Bekannten und Freunde, um sie um Beihilfe anzugehen.
Als am Abend mein Gatte nach Hause kam, erzählte ich ihm alles, was
vorgefallen war und was ich getan hatte, und fragte ihn, ob es recht gewesen
sei.
Er sagte, daß alles recht gewesen sei, er billigte alles und schloß sich
selber der Sache an. Er schrieb auch noch einige Briefe; dann nahm er einen
Wagen, um persönlich noch zu mehreren Freunden zu fahren. Als er spät in
der Nacht nach Hause kam, brachte er gute Zusicherungen, und es waren
auch freundliche Antworten auf mehrere Briefe noch an demselben Abend
eingegangen. Wir legten uns zufrieden schlafen.
Am andern Morgen ging mein Gatte mit mir in die unterirdische
Wohnung. Die gerichtliche Zergliederung hatte stattgefunden. Das
Rückenmark war an einer Stelle, wo der feinste Sitz des Lebens zu sein
scheint, durch Quetschung der Nackenwirbel verletzt worden, und dadurch ist
der Tod erfolgt. Die Leiche war bereits in einem Sarge und war bereitet,
beerdigt werden zu können. Wir machten Anzeige an die Kirche, um die Art
der Beerdigung einzuleiten. Während mein Gatte noch mehrere
Vorbereitungen machte, ging ich nach Hause, um das fremde Mädchen zu
veranlassen, daß es in meiner Wohnung bleibe, bis die Beerdigung vorüber
wäre.
Es war schon erwacht und angezogen. Es verlangte nach Hause. Ich sagte
ihm, daß ich jetzt nicht Zeit habe, daß mehrere Dinge zu verrichten wären,
und daß ich nach deren Beendigung gewiß kommen und daß ich es dann
selber wieder in seine Wohnung zurückführen würde. Es fügte sich in diese
Dinge, es erhielt ein Frühstück, und die Magd, welche ihm beigegeben
worden war, blieb bei ihm.
Der Professor Andorf war herübergekommen; er hatte die Sache erfahren.
Andere Freunde, an die wir geschrieben hatten, waren gekommen, um den
Fall persönlich zu sehen. Viele Menschen hatten sich wieder an dem roten
Pförtchen gesammelt. Es waren größtenteils Personen aus den niederen
Ständen, welche die Neugierde und eine Art dumpfer Teilnahme, die dieser
Gattung eigen ist, herbeigeführt hatte; dann, wie es in einer großen Stadt
geschieht, waren die Vorübergehenden stehengeblieben, hatten gefragt, was
es gäbe, und hatten sich nach Erhaltung der Antwort, wenn es ihre Zeit nur
ein wenig erlaubte, an die Wartenden angeschlossen.
Gegen Ende des Vormittags erschien der Priester; die Leiche wurde
eingesegnet, wurde dann in die Kirche gebracht, erhielt dort wieder die
gebräuchlichen Gebete und wurde dann auf den Kirchhof geführt. Wir hatten
die Beerdigung auf einfache Weise veranstaltet, damit von dem gesammelten
Gelde etwas für das hinterlassene Mädchen erübrigt werden könnte. Nach der
Wegführung der Leiche hatten sich alle Menschen von dem roten Pförtchen
entfernt.
Ich hielt es nun an der Zeit, das Mädchen wieder in seine unterirdische
Wohnung zu führen. Ich sah deutlich ein, daß ich mir nur durch genaues
Worthalten Zutrauen zu erwerben imstande wäre; denn das Mädchen hatte
unter andern merkwürdigen Eigenschaften auch die, daß es den Worten eines
andern blind glaubte. Ich ging daher in das Hinterstübchen, sagte, daß ich die
Dinge, die mich früher gehindert hätten, verrichtet habe, und daß ich jetzt das
Mädchen wieder in seine Wohnung führen wolle. Es stand heiter von dem
Stuhle auf und folgte mir.
Als wir in die unterirdische Stube gekommen waren, fragte es nach dem
Vater. Ich war in Verlegenheit; denn ich hatte gedacht, daß es wisse, daß der
Vater tot sei – denn es hatte selbst das Wort gebraucht – und daß es daher
wissen werde, wohin er gebracht worden sei, wenn es denselben nicht mehr
in der Wohnung finden würde. Ich sagte daher, daß es ja wisse, daß der Vater
gestorben sei, daß es ja selber gesagt habe, daß er nicht mehr gesund
geworden, sondern tot sei, und daß er daher nach dem Gebrauche unserer
Religion begraben worden sei.
Es stutzte eine Weile, dann sagte es: »Er wird gar nicht mehr kommen?«
Ich hatte nicht den Mut, ja zu sagen, und ich hatte nicht den Mut, das
Mädchen durch Täuschung zu trösten, sondern blieb mitten in meiner
Halbheit von Zugeben.
Es sagte nach einer Weile wieder fragend: »Er wird gar nicht mehr
kommen?«
Nun hatte ich den Mut nicht mehr, unwahr zu sein, sondern ich sagte dem
Mädchen, daß der Vater tot sei, daß er sich nie mehr regen könne, daß er von
uns unter die Erde getan worden sei, wie man es mit allen Toten tue, und daß
er dort in Ruhe liegenbleiben werde.
Da fing es heftig zu weinen an; ich suchte es zu trösten, aber meine Worte
verfingen nichts, es weinte fort, bis es sich selber nach und nach ein wenig
sänftigte. Ich fragte es, da es stiller geworden war, ob es wieder mit mir in
meine Wohnung gehen wollte, ich würde es, sobald es wollte, abermals
hierher zurückführen. Da die Wohnung leer war, machte das Mädchen wenig
Widerstand, und ich führte es in das Stübchen, in dem es geschlafen hatte.
Nach einer Weile gingen wir wieder in die unterirdische Wohnung. Und so
wiederholte ich das Verfahren im Laufe des Tages mehrere Male, teils um
das Mädchen zu beschäftigen, teils um es an eine Veränderung seiner Lage
zu gewöhnen und ihm den Schein von Freiheit zu lassen, damit es nicht durch
Empfindung eines Zwanges widersetzlich und unbehandelbar würde.
Ich gab ihm auch Speisen, von denen ich vermutete, daß sie ihm zusagen
könnten.
Gegen Abend, da wir in der unterirdischen Stube waren, schlug ich vor,
daß es wieder in dem Stübchen schlafen solle, in welchem es in der vorigen
Nacht geschlafen habe; es sei dort warm, es sei ein gutes Bett, es sei die
freundliche Magd dort und es sei ein Abendmahl bereitet.
Es sagte, daß es mitgehe, wenn es die Dohle mitnehmen dürfe.
Ich erlaubte es gern.
Es näherte sich der Dohle, gab ihr seltsamliche, unverständliche Namen
und suchte sie zu haschen. Die Dohle duckte sich auf dem Schirme und ließ
sich mit beiden Händchen des Mädchens nehmen. So trug es dieselbe fort, so
kamen wir in mein Hinterstübchen. Ich setzte das Mädchen in einen
geräumigen Armstuhl nahe an den Ofen, ich rief die Magd herbei, daß sie
Gesellschaft leiste, sorgte für ein Abendmahl und begab mich nach den
Anstrengungen des Tages in mein Zimmer.
Die Sachen waren in der Wohnung des Pförtners versiegelt und das
Bewegliche in Beschlag genommen worden. Nur den Schlüssel zur Stubentür
ließ man mir, damit ich öfter mit der hinterlassenen Tochter die Stube
besuchen könnte. Meinen Gatten hatte man gefragt, ob er die Vormundschaft
über das Mädchen übernehmen wolle, und er hatte eingewilligt.
Ich wußte nicht, was ich mit dem Mädchen tun sollte. Wir beschlossen
daher, dasselbe so lange bei uns zu behalten, bis meinem Manne alle Papiere
und etwaigen andern Dinge des Verstorbenen eingehändigt würden, woraus
man dann die Verhältnisse des Verstorbenen würde entnehmen und wissen
können, was mit dem Mädchen weiter zu geschehen hätte.
Sehr schwer war es, das Mädchen von dem unterirdischen Gewölbe zu
entwöhnen. Es hing mit einer Hartnäckigkeit an dem Gemache, die
unbegreiflich war. Nur durch den öfteren Besuch der unterirdischen
Wohnung, den ich mit ihm anstellte, durch zutrauliches Reden über
gleichgültige Dinge und endlich durch sorgfältige Pflege, die ihm wohltat,
gewöhnte ich es nach und nach an sein neues Stübchen. Ich gab ihm gute
Wäsche und ließ ihm Kleider von unsern Mägden verfertigen, die ihm gut
standen, in denen es sich wohlbefand und durch die es nicht mehr so auffiel.
Fast noch mehr als alles andere scheute es die freie Luft, und wenn ich es ein
wenig in den winterlichen Garten hinunter brachte, benahm es sich linkisch
und starrte die entlaubten Zweige an. In den ersten Tagen kam niemand zu
ihm als ich und die ältliche Magd; nach und nach gewöhnte es sich aber auch
an den Anblick von andern aus unserer Familie, und jedem Mitgliede
derselben war eingeschärft, das Mädchen freundlich zu behandeln und es
etwa nicht durch auffälliges Betrachten zu erschrecken.
Ich begann nach und nach zu untersuchen, was es denn gelernt habe.
Allein so gut gewählt und rein seine Worte waren, die es sprach, so gut sie
gesetzt waren, wenn auch die Gedanken oft schwer erraten werden konnten,
so wenig hatte es eine Vorstellung oder eine Kenntnis von der geringsten
weiblichen Arbeit. Nicht einmal von dem Waschen und Reinigen eines
Lappens, von dem Zusammennähen zweier Flecke hatte es einen Begriff. Der
Vater mußte alles das außer dem Hause besorgt haben. Dafür sprach es oft,
für uns unverständlich, mit der Dohle; wir trafen es zuweilen leise singend
an, und es konnte auf der Flöte des Vaters, die wir ihm hatten verschaffen
müssen, ein wenig spielen.
Als es eine bedeutende Anhänglichkeit an mich gewonnen hatte,
veranlaßte ich es, von seiner Vergangenheit zu sprechen. Allein entweder
hatte es alles Frühere vergessen oder es hatten die unmittelbar zuletzt
vergangenen Dinge eine solche Gewalt über sein Gedächtnis ausgeübt, daß es
sich an das, was vorher war, nicht mehr erinnerte. Es erzählte nur immer von
dem unterirdischen Gemache.
»Der Vater,« sagte es, »ging fort, nahm die Flöte mit und kam oft erst zur
Zeit, da die Lichter brannten, zurück. Er brachte in einem Topfe Speisen, die
wir in dem kleinen Ofen wärmten und dann aßen. Oft legte ich auch
Holzspäne in den Ofen, wenn er nicht da war, und machte mir eine Speise
warm, die in einem Topfe auf dem Gestelle stand; denn es blieb zuweilen viel
übrig. Ein anderes Mal hatte ich nichts als Brot, welches ich aß. Zuweilen
blieb er auch zu Hause. Er lehrte mich mancherlei Dinge und erzählte viel. Er
sperrte immer zu, wenn er fortging. Wenn ich fragte, was ich für eine
Aufgabe habe, während er nicht da sei, antwortete er: Beschreibe den
Augenblick, wenn ich tot auf der Bahre liegen werde, und wenn sie mich
begraben; und wenn ich dann sagte: Vater, das habe ich ja schon oft
beschrieben, antwortete er: So beschreibe, wie deine Mutter von ihrem
Herzen gepeinigt herumirrt, wie sie sich nicht zurückgetraut, und wie sie in
der Verzweiflung ihrem Leben ein Ende macht. Wenn ich sagte: Vater, das
habe ich auch schon oft beschrieben, antwortete er: So beschreibe es noch
einmal. Wenn ich dann mit der Aufgabe, wie der Vater tot auf der Bahre
liegt, und wie die Mutter in der Welt umherirrt und in der Verzweiflung
ihrem Leben ein Ende macht, fertig war, stieg ich auf die Leiter und schaute
durch die Drahtlöcher des Fensters hinaus. Da sah ich die Säume von
Frauenkleidern vorbeigehen, sah die Stiefel von Männern, sah schöne Spitzen
von Röcken oder die vier Füße eines Hundes. Was an den jenseitigen
Häusern vorging, war nicht deutlich.«
Als ich das Mädchen fragte, wo es die Ausarbeitungen der Aufgaben
habe, antwortete es, daß der Vater dieselben alle gesammelt habe, und daß sie
irgendwo aufbewahrt seien. Etwas weniges sei da. Mit diesen Worten ging es
zu einem Kleiderkasten, in welchem es seine Kleider hatte, tat aus dem Sacke
eines alten, abgelegten Rockes einige verknitterte Papiere heraus und reichte
sie mir. Ich faltete sie auseinander. Sie waren teils mit Tinte, teils mit
Bleifeder geschrieben und häufig durch Kreuze und andere Zeichen
ausgestrichen. Es war nicht viel daraus zu entnehmen.
Ich befragte es über Gott, über die Schöpfung der Welt und über andere
religiöse Gegenstände. Es sagte die betreffenden Stellen aus dem
Katechismus sehr geläufig auf und blickte mit den ruhigen und
ausdruckslosen Augen umher. Ich suchte zu ergründen, ob es den religiösen
Handlungen unserer Kirche beigewohnt habe, und brachte heraus, daß es
wiederholt die Kirche mit dem Vater besucht habe, daß es dort aber nie eine
Musik, das heißt ein Flötenspiel, wie es sich ausdrückte, gehört noch mit
jemand gesprochen habe. Es mußte also höchstens bei stillen Messen
gewesen sein.
Endlich wurde meinem Gatten die Vormundschaft übertragen und ihm
die gerichtlich vorgefundene und aufgezeichnete Verlassenschaft gegen
Bescheinigung übergeben. Aus den Papieren, die er sogleich sorgfältig
untersuchte, ging hervor, daß der Verstorbene niemand anders war als jener
Rentherr, der einmal abgereist und sodann spurlos verschwunden war. Wir
hatten die Geschichte jenes Mannes nur so im allgemeinen gewußt und sie
schon längst wieder vergessen. Jetzt wurde sie aufs neue aus der Erinnerung
hervorgeholt und von manchem, der es wissen konnte, das nähere einzelne
erforscht.
Das Mädchen mit dem großen Haupte und den breiten Zügen war also
das rosige Kind gewesen, das unter dem Gezelte geschlafen hatte, dessen
Spitze der vergoldete Engel mit seinen Fingern gehalten hatte, dessen Falten
rings um das Bettchen auseinandergegangen waren, und das die Eltern mit
Wonne betrachtet hatten.
Von Eigentum hatten sich nur einige schlechte Geräte, einige alte Kleider
und die Betten vorgefunden. Von Barschaft war ein kleiner Sack, mit
Kupfermünzen gefüllt, vorhanden. Weiter gar nichts.
Mein Gatte forschte unter den Papieren nach einer Aufklärung über den
Vermögensstand des Verstorbenen; denn ein solcher mußte doch vorhanden
gewesen sein; denn alle, die befragt worden waren, erinnerten sich nicht, daß
der Rentherr, als er das Haus auf dem Sankt-Peters-Platze bewohnt hatte, in
irgendeinem Amte gestanden sei, noch daß er irgendeinen Erwerb getrieben
habe, und dennoch habe er anständig und wohlhabend gelebt. Er mußte daher
von irgendeinem Anliegen Bezüge genossen haben. Aber in den gesamten
Schriften und den kleinsten Zettelchen war nicht das Geringste zu finden.
Mein Gatte ging nun in Wien zu allen Ämtern, die mit Geld oder irgend
andern Werten auch nur von fern zu tun hatten, und fragte an; aber nirgends
konnte eine Auskunft erhalten werden. Er besuchte nun nach und nach alle
Geschäftsführer, Stellvertreter, Anwälte und wie diese Männer alle heißen;
aber bei keinem konnte er etwas in Erfahrung bringen. Endlich griff er zu
dem Mittel, den Fall in den Zeitungen bekanntzugeben, inwiefern er sich auf
die Vermögensfrage bezog, und jedermann zur Mitteilung aufzufordern, der
etwa Kenntnis haben könnte; aber es erfolgte keine Antwort. Das Vermögen
des armen Mädchens, wenn noch eines vorhanden war, mußte also
verlorengegeben werden.
Die Summe, welche nach der Versteigerung der Geräte und andern
Dinge, die der Rentherr in seiner Wohnung auf dem Sankt-Peters-Platze
zurückgelassen hatte, und nach der Bezahlung der Schuld an den
Hausbesitzer noch übriggeblieben und in die Verwahrung der Gerichte
gegeben worden war, wurde meinem Gatten für das Mädchen eingehändigt.
Sie war durch die Zinsen während einer Reihe von Jahren nicht
unbeträchtlich angewachsen.
Von der Lebensweise und den Schicksalen des Verstorbenen seit seiner
Abreise von Wien konnte mein Gatte nichts Bestimmtes erfahren. Nur, da er
alle Wege zur Ermittlung des Lebenslaufes des Verstorbenen und
infolgedessen zur Ermittlung des Schicksales des Vermögens des Mädchens
einschlug, war das eine zu seiner Kenntnis gekommen, daß ein Mann, dessen
Beschreibung ganz auf den Verstorbenen paßte, in den Vorstädten, welche
sehr weit von der Wohnung des Verstorbenen entfernt waren, oft gesehen
worden war, daß er mit seiner Flöte in Gasthäusern, in Gärten und an
öffentlichen Orten erschienen war und dort für kleine Gaben gespielt habe.
Aus Küchen habe er gern Speisen, die man ihm schenkte, in seinem Topfe
fortgetragen. Daß er in der Nähe seiner Wohnung gespielt habe, konnte man
nicht erfahren.
Von dem Verwalter des Perronschen Hauses erfuhr mein Gatte, daß der
Verstorbene zu irgendeiner Zeit – er wisse es selbst nicht mehr genau, wann
es gewesen – unentgeltlich in die unterirdische Wohnung aufgenommen
worden sei, um Pförtnerdienste zu verrichten, obwohl bis dahin die Inwohner
Schlüssel zu dem roten Pförtchen gehabt hatten, die sie auch fernerhin noch
behielten. Überhaupt konnte von dem Verwalter des Perronschen Hauses
nicht viel in Erfahrung gebracht werden, da er sich der Verfallenheit des
Hauses wegen wenig um dasselbe kümmerte und von dem Besitzer auch
nicht dazu angehalten wurde.
Eines Tages brachte mein Gatte einen großen Stoß von Schriften in mein
Zimmer und reichte sie mir. Ich sah sie an, blätterte sie durch und sah, daß es
die Ausarbeitungen und schriftlichen Aufsätze des Mädchens waren. Ich
nahm mir nun, wenn ich Zeit hatte, die Mühe, den größten Teil dieser Papiere
zu durchlesen. Was soll ich davon sagen? Ich würde sie Dichtungen nennen,
wenn Gedanken in ihnen gewesen wären, oder wenn man Grund, Ursprung
und Verlauf des Ausgesprochenen hätte enträtseln können. Von einem
Verständnisse, was Tod, was Umirren in der Welt und sich aus Verzweiflung
das Leben nehmen heiße, war keine Spur vorhanden, und doch war dieses
alles der trübselige Inhalt der Ausarbeitungen. Der Ausdruck war klar und
bündig, der Satzbau richtig und gut, und die Worte, obwohl sinnlos, waren
erhaben.
Ich nahm von diesem Umstande Veranlassung, aus Dichtern oder andern
Schriftstellern Sätze mit bestimmter, gehobener Betonung vorzutragen. Das
Mädchen merkte hoch auf. Bald sagte es selber solche Dinge her, und später
trug es mit einer Art Schaustellung Teile aus den besten und herrlichsten
Schriften unseres Volkes vor. Wenn man aber näher in das Werk einging,
von dem es eine Stelle gesagt hatte, und nach dessen Inhalt, Bedeutung und
Gestalt forschte, verstand es nicht, was man wollte. Auch war in der
Verlassenschaft kein einziges der betreffenden Bücher vorhanden. Das
Aufsagen solcher Stellen war ein Reiz für das Mädchen, dem es sich
schwärmerisch hingab. Wir kamen dahinter, daß die leisen Worte, die es zur
Dohle sagte, ähnliche Dinge enthielten, so wie die Weisen, die es der Flöte
des Vaters abzulocken suchte, in demselben Geiste erschienen.
Mein Gatte forschte auch der Mutter des Mädchens nach. Seine Absicht
war, dem Mädchen seine natürliche und erste Verwandte und Stütze zu
verschaffen, dann aber auch, von der erkundeten Mutter Angaben zu
erfahren, aus denen sich über die Lage des Vermögens etwas entnehmen
ließe. Mein Gatte forschte anfangs vorsichtig auf dem Wege der Ämter, dann
mit der größten Schonung teils durch einzelne Personen, teils durch
öffentliche Blätter; aber wie genau auch diese Forschungen angestellt
wurden, wie viele Briefe geschrieben, wie viele Aufträge erteilt, wie viele
Antworten eingegangen waren: von der Frau ist keine Auskunft angelangt;
niemand hatte bis auf den Tag etwas von ihr gehört, sie ist auch nie wieder
zurückgekommen.
Von den früheren Schicksalen des Mädchens ist uns durch seine
Aussagen nie etwas bekanntgeworden.
Wir hatten unsern Hausarzt, den Freund meines Gatten, zu uns bitten
lassen, daß er den körperlichen Zustand des Mädchens untersuche, da das
auffallend große Haupt auf etwas Ungewöhnliches schließen lasse. Er meinte,
daß in dumpfen Aufenthaltsorten und etwa durch Wahnsinn des Vaters dieses
Wuchern hervorgerufen worden sei, daß sich Auftreibungen und
Drüsenleiden eingestellt haben. Der Gebrauch von Jodbädern würde in
beiden Richtungen vielleicht gute Dienste tun. Da ich nun im Frühling
ohnehin in die Gegend, wo sich das Bad befindet, eine Reise zu dem Bruder
meines Gatten vorhatte, um mehrere Wochen bei ihm zuzubringen, so
beschloß ich, das Mädchen mitzunehmen. Ich hoffte von der guten Luft und
der Reise nicht minder gute Wirkungen als von dem Bade. Das Haupt wurde
in der Tat nach einem zweimonatigen Aufenthalte auf dem Lande und nach
dem vorgeschriebenen Gebrauche des Bades etwas kleiner und gebildeter,
und die Züge des Angesichtes wurden geschmeidiger, klarer und
sprechender.
Wir unterrichteten das Mädchen auch in den gewöhnlichen Dingen und
suchten es zu den unentbehrlichsten Verrichtungen des Lebens anzuleiten.
Wir suchten ihm Geschmack an Verfertigung von allerlei weiblichen
Handarbeiten beizubringen und endlich durch Gespräche und durch Lesen
einfacher Bücher, hauptsächlich aber durch Umgang jene wilde und
zerrissene, ja fast unheimliche Unterweisung in einfache, übereinstimmende
und verstandene Gedanken umzuwandeln und ein Verstehen der Dinge der
Welt anzubahnen. Wie schwer das war, geht schon aus der Tatsache hervor,
daß Monate vergehen mußten, ehe es ertragen konnte, daß Alfred mit der
Dohle sprach oder gar mit ihr spielte, gelegentlich auch die Flöte des Vaters
anrührte.
Als wir es endlich wagen konnten, mieteten wir dem Mädchen in unserer
Nähe ein Zimmer, in dem es wohnte. Die Frau, welche das Zimmer
vermietete, nahm sich um das Mädchen an, ein Priester unterwies es in der
Religion, wir kamen sehr oft zu ihm hinüber, und so gestaltete es sich milder,
seine körperliche Beschaffenheit wurde nachträglich auch besser, so daß es
sich in den Lauf der Dinge schicken konnte, daß ihm mein Gatte, nachdem es
die Volljährigkeit erreicht hatte, die Urkunden über seine gerichtlich
anliegende Summe und über das, was bei der Beerdigung des Vaters
übriggeblieben war, einhändigen konnte, und daß es endlich sogar Teppiche,
Decken und dergleichen Dinge anfertigte, von denen es im Vereine mit den
Zinsen aus seinem kleinen Vermögen lebte, was um so eher möglich wurde,
als ihm die Leute, gerührt durch seine Schicksale, die fertigen Stücke immer
gern abkauften. –
So erzählte die Frau, und das Mädchen lebte so in den folgenden Jahren
fort.
Der große Künstler ist schon längst tot, der Professor Andorf ist tot, die
Frau wohnt schon lange nicht mehr in der Vorstadt, das Perronsche Haus
besteht nicht mehr, eine glänzende Häuserreihe steht jetzt an dessen und der
nachbarlichen Häuser Stelle, und das junge Geschlecht weiß nicht, was dort
gestanden war, und was sich dort zugetragen hatte.

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