Bergkristall.
Unsere Kirche feiert verschiedene Feste, welche zum Herzen dringen.
Man kann sich kaum etwas Lieblicheres denken als Pfingsten und kaum
etwas Ernsteres und Heiligeres als Ostern. Das Traurige und Schwermütige
der Karwoche und darauf das Feierliche des Sonntags begleiten uns durch das
Leben. Eines der schönsten Feste feiert die Kirche fast mitten im Winter, wo
beinahe die längsten Nächte und kürzesten Tage sind, wo die Sonne am
schiefsten gegen unsere Gefilde steht und Schnee alle Fluren deckt: das Fest
der Weihnacht. Wie in vielen Ländern der Tag vor dem Geburtsfeste des
Herrn der Christabend heißt, so heißt er bei uns der heilige Abend, der darauf
folgende Tag der heilige Tag und die dazwischenliegende Nacht die
Weihnacht. Die katholische Kirche begeht den Christtag als den Tag der
Geburt des Heilandes mit ihrer allergrößten kirchlichen Feier; in den meisten
Gegenden wird schon die Mitternachtstunde als die Geburtsstunde des Herrn
mit prangender Nachtfeier geheiligt, zu der die Glocken durch die stille,
finstere, winterliche Mitternachtluft laden, zu der die Bewohner mit Lichtern
oder auf dunkeln, wohlbekannten Pfaden aus schneeigen Bergen an bereiften
Wäldern vorbei und durch knarrende Obstgärten zu der Kirche eilen, aus der
die feierlichen Töne kommen, und die aus der Mitte des in beeiste Bäume
gehüllten Dorfes mit den langen, beleuchteten Fenstern emporragt.
Mit dem Kirchenfeste ist auch ein häusliches verbunden. Es hat sich fast
in allen christlichen Ländern verbreitet, daß man den Kindern die Ankunft
des Christkindleins – auch eines Kindes, des wunderbarsten, das je auf der
Welt war – als ein heiteres, glänzendes, feierliches Ding zeigt, das durch das
ganze Leben fortwirkt und manchmal noch spät im Alter bei trüben,
schwermütigen oder rührenden Erinnerungen gleichsam als Rückblick in die
einstige Zeit mit den bunten, schimmernden Fittigen durch den öden,
traurigen und ausgeleerten Nachthimmel fliegt. Man pflegt den Kindern die
Geschenke zu geben, die das heilige Christkindlein gebracht hat, um ihnen
Freude zu machen. Das tut man gewöhnlich am heiligen Abende, wenn die
tiefe Dämmerung eingetreten ist. Man zündet Lichter, und meistens sehr viele
an, die oft mit den kleinen Kerzlein auf den schönen, grünen Ästen eines
Tannen- oder Fichtenbäumchens schweben, das mitten in der Stube steht. Die
Kinder dürfen nicht eher kommen, als bis das Zeichen gegeben wird, daß der
heilige Christ zugegen gewesen ist und die Geschenke, die er mitgebracht,
hinterlassen hat. Dann geht die Tür auf, die Kleinen dürfen hinein, und bei
dem herrlichen, schimmernden Lichterglanze sehen sie Dinge auf dem
Baume hängen oder auf dem Tische herumgebreitet, die alle Vorstellungen
ihrer Einbildungskraft weit übertreffen, die sie sich nicht anzurühren
getrauen, und die sie endlich, wenn sie sie bekommen haben, den ganzen
Abend in ihren Ärmchen herumgetragen und mit sich in das Bett nehmen.
Wenn sie dann zuweilen in ihre Träume hinein die Glockentöne der
Mitternacht hören, durch welche die Großen in die Kirche zur Andacht
gerufen werden, dann mag es ihnen sein, als zögen jetzt die Englein durch
den Himmel, oder als kehre der heilige Christ nach Hause, welcher nunmehr
bei allen Kindern gewesen ist und jedem von ihnen ein herrliches Geschenk
hinterbracht hat.
Wenn dann der folgende Tag, der Christtag, kommt, so ist er ihnen so
feierlich, wenn sie früh morgens mit ihren schönsten Kleidern angetan in der
warmen Stube stehen, wenn der Vater und die Mutter sich zum Kirchgange
schmücken, wenn zu Mittag ein feierliches Mahl ist, ein besseres als in jedem
Tage des ganzen Jahres, und wenn nachmittags oder gegen den Abend hin
Freunde und Bekannte kommen, auf den Stühlen und Bänken herumsitzen,
miteinander reden und behaglich durch die Fenster in die Wintergegend
hinausschauen können, wo entweder die langsamen Flocken niederfallen,
oder ein trübender Nebel um die Berge steht, oder die blutrote, kalte Sonne
hinabsinkt. An verschiedenen Stellen der Stube, entweder auf einem
Stühlchen oder auf der Bank oder auf dem Fensterbrettchen, liegen die
zauberischen, nun aber schon bekannteren und vertrauteren Geschenke von
gestern abend herum.
Hierauf vergeht der lange Winter, es kommt der Frühling und der
unendlich dauernde Sommer – und wenn die Mutter wieder vom heiligen
Christ erzählt, daß nun bald sein Festtag sein wird, und daß er auch diesmal
herabkommen werde, ist es den Kindern, als sei seit seinem letzten
Erscheinen eine ewige Zeit vergangen, und als liege die damalige Freude in
einer weiten, nebelgrauen Ferne.
Weil dieses Fest solange nachhält, weil sein Abglanz so hoch in das Alter
hinaufreicht, so stehen wir so gern dabei, wenn Kinder dasselbe begehen und
sich darüber freuen. –
In den hohen Gebirgen unsers Vaterlandes steht ein Dörfchen mit einem
kleinen, aber sehr spitzigen Kirchturme, der mit seiner roten Farbe, mit
welcher die Schindeln bemalt sind, aus dem Grün vieler Obstbäume
hervorragt und wegen derselben roten Farbe in dem duftigen und blauen
Dämmern der Berge weithin ersichtlich ist. Das Dörfchen liegt gerade mitten
in einem ziemlich weiten Tale, das fast wie ein länglicher Kreis gestaltet ist.
Es enthält außer der Kirche eine Schule, ein Gemeindehaus und noch mehrere
stattliche Häuser, die einen Platz gestalten, auf welchem vier Linden stehen,
die ein steinernes Kreuz in ihrer Mitte haben. Diese Häuser sind nicht bloße
Landwirtschaftshäuser, sondern sie bergen auch noch diejenigen Handwerke
in ihrem Schoße, die dem menschlichen Geschlechte unentbehrlich sind und
die bestimmt sind, den Gebirgsbewohnern ihren einzigen Bedarf an
Kunsterzeugnissen zu decken. Im Tale und an den Bergen herum sind noch
sehr viele zerstreute Hütten, wie das in Gebirgsgegenden sehr oft der Fall ist,
welche alle nicht nur zur Kirche und Schule gehören, sondern auch jenen
Handwerken, von denen gesprochen wurde, durch Abnahme der Erzeugnisse
ihren Zoll entrichten. Es gehören sogar noch weitere Hütten zu dem
Dörfchen, die man von dem Tale aus gar nicht sehen kann, die noch tiefer in
den Gebirgen stecken, deren Bewohner selten zu ihren Gemeindemitbrüdern
herauskommen und die im Winter oft ihre Toten aufbewahren müssen, um
sie nach dem Wegschmelzen des Schnees zum Begräbnisse bringen zu
können. Der größte Herr, den die Dörfler im Laufe des Jahres zu sehen
bekommen, ist der Pfarrer. Sie verehren ihn sehr, und es geschieht
gewöhnlich, daß derselbe durch längeren Aufenthalt im Dörfchen ein der
Einsamkeit gewöhnter Mann wird, daß er nicht ungern bleibt und einfach
fortlebt. Wenigstens hat man seit Menschengedenken nicht erlebt, daß der
Pfarrer des Dörfchens ein auswärtssüchtiger oder seines Standes unwürdiger
Mann gewesen wäre.
Es gehen keine Straßen durch das Tal; sie haben ihre zweigleisigen
Wege, auf denen sie ihre Felderzeugnisse mit einspännigen Wäglein nach
Hause bringen; es kommen daher wenig Menschen in das Tal, unter diesen
manchmal ein einsamer Fußreisender, der ein Liebhaber der Natur ist, eine
Weile in der bemalten Oberstube des Wirtes wohnt und die Berge betrachtet,
oder gar ein Maler, der den kleinen spitzen Kirchturm und die schönen Gipfel
der Felsen in seine Mappe zeichnet. Daher bilden die Bewohner eine eigene
Welt, sie kennen einander alle mit Namen und mit den einzelnen Geschichten
von Großvater und Urgroßvater her, trauern alle, wenn einer stirbt, wissen,
wie er heißt, wenn einer geboren wird, haben eine Sprache, die von der der
Ebene draußen abweicht, haben ihre Streitigkeiten, die sie schlichten, stehen
einander bei und laufen zusammen, wenn sich etwas Außergewöhnliches
begibt.
Sie sind sehr stetig, und es bleibt immer beim alten. Wenn ein Stein aus
einer Mauer fällt, wird derselbe wieder hineingesetzt, die neuen Häuser
werden wie die alten gebaut, die schadhaften Dächer werden mit gleichen
Schindeln ausgebessert, und wenn in einem Hause scheckige Kühe sind, so
werden immer solche Kälber aufgezogen, und die Farbe bleibt bei dem
Hause.
Gegen Mittag sieht man von dem Dorfe einen Schneeberg, der mit seinen
glänzenden Hörnern fast oberhalb der Hausdächer zu sein scheint, aber in der
Tat doch nicht so nahe ist. Er sieht das ganze Jahr, Sommer und Winter, mit
seinen vorstehenden Felsen und mit seinen weißen Flächen in das Tal herab.
Als das Auffallendste, was sie in ihrer Umgebung haben, ist der Berg der
Gegenstand der Betrachtung der Bewohner, und er ist der Mittelpunkt vieler
Geschichten geworden. Es lebt kein Mann und Greis in dem Dorfe, der nicht
von den Zacken und Spitzen des Berges, von seinen Eisspalten und Höhlen,
von seinen Wässern und Geröllströmen etwas zu erzählen wüßte, was er
entweder selbst erfahren oder von andern erzählen gehört hat. Dieser Berg ist
auch der Stolz des Dorfes, als hätten sie ihn selber gemacht, und es ist nicht
so ganz entschieden, wenn man auch die Biederkeit und Wahrheitsliebe der
Talbewohner hoch anschlägt, ob sie nicht zuweilen zur Ehre und zum Ruhme
des Berges lügen. Der Berg gibt den Bewohnern außerdem, daß er ihre
Merkwürdigkeit ist, auch wirklichen Nutzen; denn wenn eine Gesellschaft
von Gebirgsreisenden hereinkommt, um von dem Tale aus den Berg zu
besteigen, so dienen die Bewohner des Dorfes als Führer, und einmal Führer
gewesen zu sein, dieses und jenes erlebt zu haben, diese und jene Stelle zu
kennen, ist eine Auszeichnung die jeder gern von sich darlegt. Sie reden oft
davon, wenn sie in der Wirtsstube beieinander sitzen und erzählen ihre
Wagnisse und ihre wunderbaren Erfahrungen und versäumen aber auch nie
zu sagen, was dieser oder jener Reisende gesprochen habe, und was sie von
ihm als Lohn für ihre Bemühungen empfangen hätten. Dann sendet der Berg
von seinen Schneeflächen die Wasser ab, welche einen See in seinen
Hochwäldern speisen und den Bach erzeugen, der lustig durch das Tal strömt,
die Brettersäge, die Mahlmühle und andere kleine Werke treibt, das Dorf
reinigt und das Vieh tränkt. Von den Wäldern des Berges kommt das Holz,
und sie halten die Lawinen auf. Durch die innern Gänge und Lockerheiten
der Höhen sinken die Wasser durch, die dann in Adern durch das Tal gehen
und in Brünnlein und Quellen hervorkommen, daraus die Menschen trinken
und ihr herrliches, oft belobtes Wasser dem Fremden reichen. Allein an
letzteren Nutzen denken sie nicht und meinen, das sei immer so gewesen.
Wenn man auf die Jahresgeschichte des Berges sieht, so sind im Winter
die zwei Zacken seines Gipfels, die sie Hörner heißen, schneeweiß und
stehen, wenn sie an hellen Tagen sichtbar sind, blendend in der finstern Bläue
der Luft; alle Bergfelder, die um diese Gipfel herumlagern, sind dann weiß;
alle Abhänge sind so; selbst die steilrechten Wände, die die Bewohner
Mauern heißen, sind mit einem angeflogenen weißen Reife bedeckt und mit
zartem Eise wie mit einem Firnisse belegt, so daß die ganze Masse wie ein
Zauberpalast aus dem bereiften Grau der Wälderlast emporragt, welche
schwer um ihre Füße herum ausgebreitet ist. Im Sommer, wo Sonne und
warmer Wind den Schnee von den Steilseiten wegnimmt, ragen die Hörner
nach dem Ausdrucke der Bewohner schwarz in den Himmel und haben nur
schöne weiße Äderchen und Sprenkel auf ihrem Rücken, in der Tat aber sind
sie zart fernblau, und was sie Äderchen und Sprenkeln heißen, das ist nicht
weiß, sondern hat das schöne Milchblau des fernen Schnees gegen das
dunklere der Felsen. Die Bergfelder um die Hörner aber verlieren, wenn es
recht heiß ist, an ihren höheren Teilen wohl den Firn nicht, der gerade dann
recht weiß auf das Grün der Talbäume herabsieht, aber es weicht von ihren
unteren Teilen der Winterschnee, der nur einen Flaum machte, und es wird
das unbestimmte Schillern von Bläulich und Grünlich sichtbar, das das
Geschiebe von Eis ist, das dann bloßliegt und auf die Bewohner unten
hinabgrüßt. Am Rande dieses Schillerns, wo es von ferne wie ein Saum von
Edelsteinsplittern aussieht, ist es in der Nähe ein Gemenge wilder,
riesenhafter Blöcke, Platten und Trümmer, die sich drängen und verwirrt
ineinandergeschoben sind. Wenn ein Sommer gar heiß und lang ist, werden
die Eisfelder weit hinauf entblößt, und dann schaut eine viel größere Fläche
von Grün und Blau in das Tal, manche Kuppen und Räume werden
entkleidet, die man sonst nur weiß erblickt hatte, der schmutzige Saum des
Eises wird sichtbar, wo es Felsen, Erde und Schlamm schiebt, und viel
reichlichere Wasser als sonst fließen in das Tal. Dies geht fort, bis es nach
und nach wieder Herbst wird, das Wasser sich verringert, zu einer Zeit einmal
ein grauer Landregen die ganze Ebene des Tales bedeckt, worauf, wenn sich
die Nebel von den Höhen wieder lösen, der Berg seine weiche Hülle
abermals umgetan hat, und alle Felsen, Kegel und Zacken in weißem Kleide
dastehen. So spinnt es sich ein Jahr um das andere mit geringen
Abwechslungen ab und wird sich fortspinnen, solange die Natur so bleibt und
auf den Bergen Schnee und in den Tälern Menschen sind. Die Bewohner des
Tales heißen die geringen Veränderungen große, bemerken sie wohl und
berechnen an ihnen den Fortschritt des Jahres. Sie bezeichnen an den
Entblößungen die Hitze und die Ausnahmen der Sommer.
Was nun noch die Besteigung des Berges betrifft, so geschieht dieselbe
von dem Tale aus. Man geht nach der Mittagsrichtung zu auf einem guten,
schönen Wege, der über einen sogenannten Hals in ein anderes Tal führt.
Hals heißen sie einen mäßig hohen Bergrücken, der zwei größere und
bedeutendere Gebirge miteinander verbindet und über den man zwischen den
Gebirgen von einem Tale in ein anderes gelangen kann. Auf dem Halse, der
den Schneeberg mit einem gegenüberliegenden großen Gebirgszuge
verbindet, ist lauter Tannenwald. Etwa auf der größten Erhöhung desselben,
wo nach und nach sich der Weg in das jenseitige Tal hinabzusenken beginnt,
steht eine sogenannte Unglückssäule. Es ist einmal ein Bäcker, welcher Brot
in seinem Korbe über den Hals trug, an jener Stelle tot gefunden worden.
Man hat den toten Bäcker mit dem Korbe und mit den umringenden
Tannenbäumen auf ein Bild gemalt, darunter eine Erklärung und eine Bitte
um ein Gebet geschrieben, das Bild auf eine rot angestrichene hölzerne Säule
getan und die Säule an der Stelle des Unglücks aufgerichtet. Bei dieser Säule
biegt man von dem Wege ab und geht auf der Länge des Halses fort, statt
über seine Breite in das jenseitige Tal hinüberzuwandern. Die Tannen bilden
dort einen Durchlaß, als ob eine Straße zwischen ihnen hinginge. Es führt
auch manchmal ein Weg in dieser Richtung hin, der dazu dient, das Holz von
den höheren Gegenden zu der Unglückssäule herabzubringen, der aber dann
wieder mit Gras verwächst. Wenn man auf diesem Wege fortgeht, der sachte
bergan führt, so gelangt man endlich auf eine freie, von Bäumen entblößte
Stelle. Dieselbe ist dürrer Heideboden, hat nicht einmal einen Strauch,
sondern ist mit schwachem Heidekraute, mit trockenen Moosen und mit
Dürrbodenpflanzen bewachsen. Die Stelle wird immer steiler, und man geht
lange hinan; man geht aber immer in einer Rinne, gleichsam wie in einem
aufgerundeten Graben hinan, was den Nutzen hat, daß man auf der großen,
baumlosen und überall gleichen Stelle nicht leicht irren kann. Nach einer Zeit
erscheinen Felsen, die wie Kirchen gerade aus dem Grasboden aufsteigen und
zwischen deren Mauern man längere Zeit hinangehen kann. Dann erscheinen
wieder kahle, fast pflanzenlose Rücken, die bereits in die Lufträume der
höheren Gegenden ragen und gerade zu dem Eise führen. Zu beiden Seiten
dieses Weges sind steile Wände, und durch diesen Damm hängt der
Schneeberg mit dem Halse zusammen. Um das Eis zu überwinden, geht man
eine geraume Zeit an der Grenze desselben, wo es von den Felsen umstanden
ist, dahin, bis man zu dem ältern Firn gelangt, der die Eisspalten überbaut
und in den meisten Zeiten des Jahres den Wanderer trägt. An der höchsten
Stelle des Firns erheben sich die zwei Hörner aus dem Schnee, wovon eines
das höhere, mithin die Spitze des Berges ist. Diese Kuppen sind sehr schwer
zu erklimmen; da sie mit einem oft breiteren, oft engeren Schneegraben –
dem Firnschrunde – umgeben sind, der übersprungen werden muß, und da
ihre steilrechten Wände nur kleine Absätze haben, in welche der Fuß
eingesetzt werden muß, so begnügen sich die meisten Besteiger des Berges
damit, bis zu dem Firnschrunde gelangt zu sein und dort die Rundsicht,
soweit sie nicht durch das Horn verdeckt ist, zu genießen. Die den Gipfel
besteigen wollen, müssen dies mit Hilfe von Steigeisen, Stricken und
Klammern tun.
Außer diesem Berge stehen an derselben Mittagseite noch andere, aber
keiner ist so hoch, wenn sie sich auch früh im Herbste mit Schnee bedecken
und ihn bis tief in den Frühling hinein behalten. Der Sommer aber nimmt
denselben immer weg, und die Felsen glänzen freundlich im Sonnenscheine,
und die tiefer gelegenen Wälder zeigen ihr sanftes Grün von breiten, blauen
Schatten durchschnitten, die so schön sind, daß man sich in seinem Leben
nicht satt daran sehen kann.
An den andern Seiten des Tales, nämlich von Mitternacht, Morgen und
Abend her, sind die Berge langgestreckt und niederer, manche Felder und
Wiesen steigen ziemlich hoch hinauf, und oberhalb ihrer sieht man
verschiedene Waldblößen, Alpenhütten und dergleichen, bis sie an ihrem
Rande mit feingezacktem Walde am Himmel hingehen, welche Auszackung
eben ihre geringe Höhe anzeigt, während die mittäglichen Berge, obwohl sie
noch großartigere Wälder hegen, doch mit einem ganz glatten Rande an dem
glänzenden Himmel hinstreichen.
Wenn man so ziemlich mitten in dem Tale steht, so hat man die
Empfindung, als ginge nirgends ein Weg in dieses Becken hinein und keiner
daraus hinaus; allein diejenigen, welche öfter im Gebirge gewesen sind,
kennen diese Täuschung gar wohl: in der Tat führen nicht nur verschiedene
Wege, und darunter sogar manche durch die Verschiebung der Berge fast auf
ebenem Boden in die nördlichen Flächen hinaus, sondern gegen Mittag, wo
das Tal durch steilrechte Mauern fast geschlossen scheint, geht sogar ein
Weg über den obenbenannten Hals.
Das Dörflein heißt Gschaid, und der Schneeberg, der auf seine Häuser
herabschaut, heißt Gars.
Jenseit des Halses liegt ein viel schöneres und blühenderes Tal, als das
von Gschaid ist, und es führt von der Unglückssäule der gebahnte Weg hinab.
Es hat an seinem Eingange einen stattlichen Marktflecken, Millsdorf, der sehr
groß ist, verschiedene Werke hat und in manchen Häusern städtische
Gewerbe und Nahrung treibt. Die Bewohner sind viel wohlhabender als die
in Gschaid, und obwohl nur drei Wegstunden zwischen den beiden Tälern
liegen, was für die an große Entfernungen gewöhnten und Mühseligkeiten
liebenden Gebirgsbewohner eine unbedeutende Kleinigkeit ist, so sind doch
Sitten und Gewohnheiten in den beiden Tälern so verschieden, selbst der
äußere Anblick derselben ist so ungleich, als ob eine große Anzahl Meilen
zwischen ihnen läge. Das ist in Gebirgen sehr oft der Fall und hängt nicht nur
von der verschiedenen Lage der Täler gegen die Sonne ab, die sie oft mehr
oder weniger begünstigt, sondern auch von dem Geiste der Bewohner, der
durch gewisse Beschäftigungen nach dieser oder jener Richtung gezogen
wird. Darin stimmen aber alle überein, daß sie an Herkömmlichkeiten und
Väterweise hängen, großen Verkehr leicht entbehren, ihr Tal außerordentlich
lieben und ohne dasselbe kaum leben können.
Es vergehen oft Monate, oft fast ein Jahr, ehe ein Bewohner von Gschaid
in das jenseitige Tal hinüberkommt und den großen Marktflecken Millsdorf
besucht. Die Millsdorfer halten es ebenso, obwohl sie ihrerseits doch Verkehr
mit dem Lande draußen pflegen und daher nicht so abgeschieden sind wie die
Gschaider. Es geht sogar ein Weg, der eine Straße heißen könnte, längs ihres
Tales, und mancher Reisende und mancher Wanderer geht hindurch, ohne
nur im geringsten zu ahnen, daß mitternachtwärts seines Weges jenseits des
hohen, herabblickenden Schneebergs noch ein Tal sei, in dem viele Häuser
zerstreut sind, und in dem das Dörflein mit dem spitzigen Kirchturme steht.
Unter den Gewerben des Dorfes, welche bestimmt sind, den Bedarf des
Tales zu decken, ist auch das eines Schusters, das nirgends entbehrt werden
kann, wo die Menschen nicht in ihrem Urzustande sind. Die Gschaider aber
sind so weit über diesem Stande, daß sie recht gute und tüchtige
Gebirgsfußbekleidung brauchen. Der Schuster ist mit einer kleinen
Ausnahme der einzige im Tale. Sein Haus steht auf dem Platze in Gschaid,
wo überhaupt die besseren stehen, und schaut mit seinen grauen Mauern,
weißen Fenstersimsen und grün angestrichenen Fensterläden auf die vier
Linden hinaus. Es hat im Erdgeschosse die Arbeitsstube, die Gesellenstube,
eine größere und kleinere Wohnstube, ein Verkaufsstübchen, nebst Küche
und Speisekammer und allen zugehörigen Gelassen; im ersten Stockwerke,
oder eigentlich im Raume des Giebels, hat es die Oberstube oder eigentliche
Prunkstube. Zwei Prachtbetten, schöne, geglättete Kästen mit Kleidern stehen
da, dann ein Gläserkästchen mit Geschirren, ein Tisch mit eingelegter Arbeit,
gepolsterte Sessel, ein Mauerkästchen mit den Ersparnissen, dann hängen an
den Wänden Heiligenbilder, zwei schöne Sackuhren, gewonnene Preise im
Schießen, und endlich sind auch Scheibengewehre und Jagdbüchsen nebst
ihrem Zubehöre in einem eigenen, mit Glastafeln versehenen Kasten
aufgehängt. An das Schusterhaus ist ein kleineres Häuschen, nur durch den
Einfahrtsschwibbogen getrennt, angebaut, welches genau dieselbe Bauart hat
und zum Schusterhause wie ein Teil zum Ganzen gehört. Es hat nur eine
Stube mit den dazu gehörigen Wohnteilen. Es hat die Bestimmung, dem
Hausbesitzer, sobald er das Anwesen seinem Sohne oder Nachfolger
übergeben hat, als sogenanntes Ausnahmestübchen zu dienen, in welchem er
mit seinem Weibe so lange haust, bis beide gestorben sind, die Stube wieder
leer steht und auf einen neuen Bewohner wartet. Das Schusterhaus hat nach
rückwärts Stall und Scheune; denn jeder Talbewohner ist, selbst wenn er ein
Gewerbe treibt, auch Landbebauer und zieht hieraus seine gute und
nachhaltige Nahrung. Hinter diesen Gebäuden ist endlich der Garten, der fast
bei keinem besseren Hause in Gschaid fehlt, und von dem sie ihre Gemüse,
ihr Obst und für festliche Gelegenheiten ihre Blumen ziehen. Wie oft im
Gebirge, so ist auch in Gschaid die Bienenzucht in diesen Gärten sehr
verbreitet.
Die kleine Ausnahme, deren oben Erwähnung geschah, und die
Nebenbuhlerschaft der Alleinherrlichkeit des Schusters ist ein anderer
Schuster, der alte Tobias, der aber eigentlich kein Nebenbuhler ist, weil er
nur mehr flickt, hierin viel zu tun hat und es sich nicht im entferntesten
beikommen läßt, mit dem vornehmen Platzschuster in einen Wettstreit
einzugehen, insbesondere, da der Platzschuster ihn häufig mit Lederflecken,
Sohlenabschnitten und dergleichen Dingen unentgeltlich versieht. Der alte
Tobias sitzt im Sommer am Ende des Dörfchens unter Hollunderbüschen und
arbeitet. Er ist umringt von Schuhen und Bundschuhen, die aber sämtlich alt,
grau, kotig und zerrissen sind. Stiefel mit langen Röhren sind nicht da, weil
sie im Dorfe und in der Gegend nicht getragen werden; nur zwei Personen
haben solche, der Pfarrer und der Schullehrer, welche aber beides, flicken
und neue Ware machen, nur bei dem Platzschuster lassen. Im Winter sitzt der
alte Tobias in seinem Stübchen hinter den Hollunderstauden und hat warm
geheizt, weil das Holz in Gschaid nicht teuer ist.
Der Platzschuster ist, ehe er das Haus angetreten hat, ein
Gemsenwildschütze gewesen und hat überhaupt in seiner Jugend, wie die
Gschaider sagen, nicht gut getan. Er war in der Schule immer einer der besten
Schüler gewesen, hatte dann von seinem Vater das Handwerk gelernt, ist auf
Wanderung gegangen und ist endlich wieder zurückgekehrt. Statt, wie es sich
für einen Gewerbsmann ziemt, und wie sein Vater es zeitlebens getan, einen
schwarzen Hut zu tragen, tat er einen grünen auf, steckte noch alle
bestehenden Federn darauf und stolzierte mit ihm und mit dem kürzesten
Lodenrocke, den es im Tale gab, herum, während sein Vater immer einen
Rock von dunkler, womöglich schwarzer Farbe hatte, der auch, weil er einem
Gewerbsmanne angehörte, immer sehr weit herabgeschnitten sein mußte. Der
junge Schuster war auf allen Tanzplätzen und Kegelbahnen zu sehen. Wenn
ihm jemand eine gute Lehre gab, so pfiff er ein Liedlein. Er ging mit seinem
Scheibengewehre zu allen Schießen der Nachbarschaft und brachte
manchmal einen Preis nach Hause, was er für einen großen Sieg hielt. Der
Preis bestand meistens aus Münzen, die künstlich gefaßt waren, und zu deren
Gewinnung der Schuster mehr gleiche Münzen ausgeben mußte, als der Preis
enthielt, besonders da er wenig haushälterisch mit dem Gelde war. Er ging
auf alle Jagden, die in der Gegend abgehalten wurden, und hatte sich den
Namen eines guten Schützen erworben. Er ging aber auch manchmal allein
mit seiner Doppelbüchse und mit Steigeisen fort, und einmal sagte man, daß
er eine schwere Wunde im Kopfe erhalten habe.
In Millsdorf war ein Färber, welcher gleich am Anfange des
Marktfleckens, wenn man auf dem Wege von Gschaid hinüberkam, ein sehr
ansehnliches Gewerbe hatte, mit vielen Leuten, und sogar, was im Tale etwas
Unerhörtes war, mit Maschinen arbeitete. Außerdem besaß er noch eine
ausgebreitete Feldwirtschaft. Zu der Tochter dieses reichen Färbers ging der
Schuster über das Gebirge, um sie zu gewinnen. Sie war wegen ihrer
Schönheit weit und breit berühmt, aber auch wegen ihrer Eingezogenheit,
Sittsamkeit und Häuslichkeit belobt. Dennoch, hieß es, soll der Schuster ihre
Aufmerksamkeit erregt haben. Der Färber ließ ihn nicht in sein Haus
kommen; und hatte die schöne Tochter schon früher keine öffentlichen Plätze
und Lustbarkeiten besucht und war selten außer dem Hause ihrer Eltern zu
sehen gewesen: so ging sie jetzt schon gar nirgends mehr hin als in die
Kirche oder in ihrem Garten oder in den Räumen des Hauses herum.
Einige Zeit nach dem Tode seiner Eltern, durch welchen ihm das Haus
derselben zugefallen war, das er nun allein bewohnte, änderte sich der
Schuster gänzlich. So wie er früher getollt hatte, so saß er jetzt in seiner Stube
und hämmerte Tag und Nacht an seinen Sohlen. Er setzte prahlend einen
Preis darauf, wenn es jemand gäbe, der bessere Schuhe und Fußbekleidungen
machen könne. Er nahm keine andern Arbeiter als die besten und trillte sie
noch sehr herum, wenn sie in seiner Werkstätte arbeiteten, daß sie ihm
folgten und die Sache so einrichteten, wie er befahl. Wirklich brachte er es
jetzt auch dahin, daß nicht nur das ganze Dorf Gschaid, das zum größten Teil
die Schusterarbeit aus benachbarten Tälern bezogen hatte, bei ihm arbeiten
ließ, daß das ganze Tal bei ihm arbeiten ließ und daß endlich sogar einzelne
von Millsdorf und andern Tälern hereinkamen und sich ihre Fußbekleidungen
von dem Schuster in Gschaid machen ließen. Sogar in die Ebene hinaus
verbreitete sich sein Ruhm, daß manche, die in die Gebirge gehen wollten,
sich die Schuhe dazu von ihm machen ließen.
Er richtete das Haus sehr schön zusammen, und in dem Warengewölbe
glänzten auf den Brettern die Schuhe, Bundstiefel und Stiefel; und wenn am
Sonntag die ganze Bevölkerung des Tales hereinkam und man bei den vier
Linden des Platzes stand, ging man gern zu dem Schusterhause hin und sah
durch die Gläser in die Warenstube, wo die Käufer und Besteller waren.
Nach seiner Vorliebe zu den Bergen machte er auch jetzt die
Gebirgsbundschuhe am besten. Er pflegte in der Wirtsstube zu sagen: es gäbe
keinen, der ihm einen fremden Gebirgsbundschuh zeigen könne, der sich mit
einem der seinigen vergleichen lasse. »Sie wissen es nicht,« pflegte er
beizufügen, »sie haben es in ihrem Leben nicht erfahren, wie ein solcher
Schuh sein muß, daß der gestirnte Himmel der Nägel recht auf der Sohle sitze
und das gebührende Eisen enthalte, daß der Schuh außen hart sei, damit kein
Geröllstein, wie scharf er auch sei, empfunden werde, und daß er sich von
innen doch weich und zärtlich wie ein Handschuh an die Füße lege.«
Der Schuster hatte sich ein sehr großes Buch machen lassen, in welches
er alle verfertigte Ware eintrug, die Namen derer beifügte, die den Stoff
geliefert und die Ware gekauft hatten, und eine kurze Bemerkung über die
Güte des Erzeugnisses beischrieb. Die gleichartigen Fußbekleidungen hatten
ihre fortlaufenden Zahlen, und das Buch lag in der großen Lade seines
Gewölbes.
Wenn die schöne Färberstochter von Millsdorf auch nicht aus der Eltern
Hause kam, wenn sie auch weder Freunde noch Verwandte besuchte, so
konnte es der Schuster von Gschaid doch so machen, daß sie ihn von ferne
sah, wenn sie in die Kirche ging, wenn sie in dem Garten war und wenn sie
aus den Fenstern ihres Zimmers auf die Matten blickte. Wegen dieses
unausgesetzten Sehens hatte es die Färberin durch langes, inständiges und
ausdauerndes Flehen für ihre Tochter dahingebracht, daß der halsstarrige
Färber nachgab, und daß der Schuster, weil er denn nun doch besser
geworden, die schöne reiche Millsdorferin als Eheweib nach Gschaid führte.
Aber der Färber war desungeachtet auch ein Mann, der seinen Kopf hatte.
Ein rechter Mensch, sagte er, müsse sein Gewerbe treiben, daß es blühe und
vorwärts komme, er müsse daher sein Weib, seine Kinder, sich und sein
Gesinde ernähren, Hof und Haus im Stande des Glanzes halten und sich noch
ein Erkleckliches erübrigen, welches letztere doch allein imstande sei, ihm
Ansehen und Ehre in der Welt zu geben; darum erhalte seine Tochter nichts
als eine vortreffliche Ausstattung, das andere ist Sache des Ehemanns, daß er
es mache und für alle Zukunft es besorge. Die Färberei in Millsdorf und die
Landwirtschaft auf dem Färberhause sei für sich ein ansehnliches und
ehrenwertes Gewerbe, das seiner Ehre willen bestehen, und wozu alles, was
da sei, als Grundstock dienen müsse, daher er nichts weggebe. Wenn einmal
er und sein Eheweib, die Färberin, tot seien, dann gehöre Färberei und
Landwirtschaft in Millsdorf ihrer einzigen Tochter, nämlich der Schusterin in
Gschaid, und Schuster und Schusterin könnten dann damit tun, was sie
wollten: aber alles dieses nur, wenn die Erben es wert wären, das Erbe zu
empfangen; wären sie es nicht wert, so ginge das Erbe auf die Kinder
derselben, und wenn keine vorhanden wären, mit der Ausnahme des
lediglichen Pflichtteiles auf andere Verwandte über. Der Schuster verlangte
auch nichts, er zeigte im Stolze, daß es ihm nur um die schöne Färberstochter
in Millsdorf zu tun gewesen, und daß er sie schon ernähren und erhalten
könne, wie sie zu Hause ernährt und erhalten worden ist. Er kleidete sie als
sein Eheweib nicht nur schöner als alle Gschaiderinnen und alle
Bewohnerinnen des Tales, sondern auch schöner, als sie sich je zu Hause
getragen hatte, und Speise, Trank und übrige Behandlung mußte besser und
rücksichtsvoller sein, als sie das gleiche im väterlichen Hause genossen hatte.
Und um dem Schwiegervater zu trotzen, kaufte er mit erübrigten Summen
nach und nach immer mehr Grundstücke so ein, daß er einen tüchtigen Besitz
beisammen hatte.
Weil die Bewohner von Gschaid so selten aus ihrem Tale kommen und
nicht einmal oft nach Millsdorf hinübergehen, von dem sie durch Bergrücken
und durch Sitten geschieden sind, weil ferner ihnen gar kein Fall vorkömmt,
daß ein Mann sein Tal verläßt und sich in dem benachbarten ansiedelt
(Ansiedlungen in großen Entfernungen kommen öfter vor), weil endlich auch
kein Weib oder Mädchen gern von einem Tale in ein anderes auswandert,
außer in dem ziemlich seltenen Falle, wenn sie der Liebe folgt und als
Eheweib und zu dem Ehemann in ein anderes Tal kömmt: so geschah es, daß
die schöne Färberstochter von Millsdorf, da sie Schusterin in Gschaid
geworden war, doch immer von allen Gschaidern als Fremde angesehen
wurde, und wenn man ihr auch nichts Übles antat, ja wenn man sie ihres
schönen Wesens und ihrer Sitten wegen sogar liebte, doch immer etwas
vorhanden war, das wie Scheu oder, wenn man will, wie Rücksicht aussah
und nicht zu dem Innigen und Gleichartigen kommen ließ, wie
Gschaiderinnen gegen Gschaiderinnen, Gschaider gegen Gschaider hatten. Es
war so, ließ sich nicht abstellen und wurde durch die bessere Tracht und
durch das erleichterte häusliche Leben der Schusterin noch vermehrt.
Sie hatte ihrem Manne nach dem ersten Jahre einen Sohn und in einigen
Jahren darauf ein Töchterlein geboren. Sie glaubte aber, daß er die Kinder
nicht so liebe, wie sie sich vorstellte, daß es sein solle, und wie sie sich
bewußt war, daß sie dieselben liebe; denn sein Angesicht war meistens
ernsthaft und mit seinen Arbeiten beschäftigt. Er spielte und tändelte selten
mit den Kindern und sprach stets ruhig mit ihnen, gleichsam so, wie man mit
Erwachsenen spricht. Was Nahrung und Kleidung und andere äußerliche
Dinge anbelangte, hielt er die Kinder untadelig.
In der ersten Zeit der Ehe kam die Färberin öfter nach Gschaid, und die
jungen Eheleute besuchten auch Millsdorf zuweilen bei Kirchweihen oder
andern festlichen Gelegenheiten. Als aber die Kinder auf der Welt waren, war
die Sache anders geworden. Wenn schon Mütter ihre Kinder lieben und sich
nach ihnen sehnen, so ist dieses von Großmüttern öfter in noch höherem
Grade der Fall; sie verlangen zuweilen mit wahrlich krankhafter Sehnsucht
nach ihren Enkeln. Die Färberin kam sehr oft nach Gschaid herüber, um die
Kinder zu sehen, ihnen Geschenke zu bringen, eine Weile dazubleiben und
dann mit guten Ermahnungen zu scheiden. Da aber das Alter und die
Gesundheitsumstände der Färberin die öfteren Fahrten nicht mehr so möglich
machten, und der Färber aus dieser Ursache Einsprache tat, wurde auf etwas
anderes gesonnen, die Sache wurde umgekehrt, und die Kinder kamen jetzt
zur Großmutter. Die Mutter brachte sie selber öfter in einem Wagen, öfter
aber wurden sie, da sie noch im zarten Alter waren, eingemummt einer Magd
mitgegeben, die sie in einem Fuhrwerke über den Hals brachte. Als sie aber
größer waren, gingen sie zu Fuß entweder mit der Mutter oder mit einer
Magd nach Millsdorf, ja, da der Knabe geschickt, stark und klug geworden
war, ließ man ihn allein den bekannten Weg über den Hals gehen, und wenn
es sehr schön war und er bat, erlaubte man auch, daß ihn die kleine Schwester
begleite. Dies ist bei den Gschaidern gebräuchlich, weil sie an starkes
Fußgehen gewöhnt sind, und die Eltern überhaupt, namentlich aber ein Mann
wie der Schuster, es gern sehen und eine Freude daran haben, wenn ihre
Kinder tüchtig werden.
So geschah es, daß die zwei Kinder den Weg über den Hals öfter
zurücklegten als die übrigen Dörfler zusammengenommen, und da schon ihre
Mutter in Gschaid immer gewissermaßen wie eine Fremde behandelt wurde,
so wurden durch diesen Umstand auch die Kinder fremd, sie waren kaum
Gschaider und gehörten halb nach Millsdorf hinüber.
Der Knabe Konrad hatte schon das ernste Wesen seines Vaters, und das
Mädchen Susanna, nach ihrer Mutter so genannt, oder, wie man es zur
Abkürzung nannte, Sanna, hatte viel Glauben zu seinen Kenntnissen, seiner
Einsicht und seiner Macht und gab sich unbedingt unter seine Leitung, gerade
so wie die Mutter sich unbedingt unter die Leitung des Vaters gab, dem sie
alle Einsicht und Geschicklichkeit zutraute.
An schönen Tagen konnte man morgens die Kinder durch das Tal gegen
Mittag wandern sehen, über die Wiese gehen und dort anlangen, wo der Wald
des Halses gegen sie herschaut. Sie näherten sich dem Walde, gingen auf
seinem Wege allgemach über die Erhöhung hinan und kamen, ehe der Mittag
eingetreten war, auf den offenen Wiesen auf der anderen Seite gegen
Millsdorf hinunter. Konrad zeigte Sanna die Wiesen, die dem Großvater
gehörten, dann gingen sie durch seine Felder, auf denen er ihr die
Getreidearten erklärte, dann sahen sie auf Stangen unter dem Vorsprunge des
Daches die langen Tücher zum Trocknen herabhängen, die sich im Winde
schlängelten oder närrische Gesichter machten, dann hörten sie seine
Walkmühle und seinen Lohstampf, die er an seinem Bache für Tuchmacher
und Gerber angelegt hatte, dann bogen sie noch um eine Ecke der Felder und
gingen in kurzem durch die Hintertür in den Garten der Färberei, wo sie von
der Großmutter empfangen wurden. Diese ahnte immer, wenn die Kinder
kamen, sah zu den Fenstern aus und erkannte sie von weitem, wenn Sannas
rotes Tuch recht in der Sonne leuchtete.
Sie führte die Kinder dann durch die Waschstube und Presse in das
Zimmer, ließ sie niedersetzen, ließ nicht zu, daß sie Halstücher oder Jäckchen
lüfteten, damit sie sich nicht verkühlten, und behielt sie beim Essen da. Nach
dem Essen durften sie sich lüften, spielen, durften in den Räumen des
großväterlichen Hauses herumgehen oder sonst tun, was sie wollten, wenn es
nur nicht unschicklich oder verboten war. Der Färber, welcher immer bei
dem Essen war, fragte sie um ihre Schulgegenstände aus und schärfte ihnen
besonders ein, was sie lernen sollten. Nachmittags wurden sie von der
Großmutter schon ehe die Zeit kam, zum Aufbruche getrieben, daß sie ja
nicht zu spät kämen. Obgleich der Färber keine Mitgift gegeben hatte und vor
seinem Tode von seinem Vermögen nichts wegzugeben gelobt hatte, glaubte
sich die Färberin an diese Dinge doch nicht so strenge gebunden, und sie gab
den Kindern nicht allein während ihrer Anwesenheit allerlei, worunter nicht
selten ein Münzstück und zuweilen gar von ansehnlichem Werte war,
sondern sie band ihnen auch immer zwei Bündelchen zusammen, in denen
sich Dinge befanden, von denen sie glaubte, daß sie notwendig wären oder
daß sie den Kindern Freude machen könnten. Und wenn oft die nämlichen
Dinge im Schusterhause in Gschaid ohnedem in aller Trefflichkeit vorhanden
waren, so gab sie die Großmutter in der Freude des Gebens doch, und die
Kinder trugen sie als etwas Besonderes nach Hause. So geschah es nun, daß
die Kinder am heiligen Abende schon unwissend die Geschenke in
Schachteln gut versiegelt und verwahrt nach Hause trugen, die ihnen in der
Nacht einbeschert werden sollten.
Weil die Großmutter die Kinder immer schon vor der Zeit zum Fortgehen
drängte, damit sie nicht zu spät nach Hause kämen, so erzielte sie hierdurch,
daß die Kinder gerade auf dem Wege bald an dieser, bald an jener Stelle sich
aufhielten. Sie saßen gern an dem Haselnußgehege, das auf dem Halse ist,
und schlugen mit Steinen Nüsse auf oder spielten, wenn keine Nüsse waren,
mit Blättern oder mit Hölzlein oder mit den weichen, braunen Zäpfchen, die
im ersten Frühjahre von den Zweigen der Nadelbäume herabfielen.
Manchmal erzählte Konrad dem Schwesterchen Geschichten, oder wenn sie
zu der roten Unglückssäule kamen, führte er sie ein Stück auf dem
Seitenwege links gegen die Höhen hinan und sagte ihr, daß man da auf den
Schneeberg gelange, daß dort Felsen und Steine seien, daß die Gemsen
herumspringen und große Vögel fliegen. Er führte sie oft über den Wald
hinaus, sie betrachteten dann den dürren Rasen und die kleinen Sträucher der
Heidekräuter; aber er führte sie wieder zurück und brachte sie immer vor der
Abenddämmerung nach Hause, was ihm stets Lob eintrug.
Einmal war am heiligen Abende, da die erste Morgendämmerung in dem
Tale von Gschaid in Helle übergegangen war, ein dünner trockener Schleier
über den ganzen Himmel gebreitet, so daß man die ohnedem schiefe und
ferne Sonne im Südosten nur als einen undeutlichen roten Fleck sah; überdies
war an diesem Tage eine milde, beinahe laulichte Luft unbeweglich im
ganzen Tale und auch an dem Himmel, wie die unveränderte und ruhige
Gestalt der Wolken zeigte. Da sagte die Schustersfrau zu ihren Kindern:
»Weil ein so angenehmer Tag ist, weil es so lange nicht geregnet hat und die
Wege fest sind, und weil es auch der Vater gestern unter der Bedingung
erlaubt hat, wenn der heutige Tag dazu geeignet ist, so dürft ihr zur
Großmutter nach Millsdorf gehen; aber ihr müßt den Vater noch vorher
fragen.«
Die Kinder, welche noch in ihren Nachtkleidchen dastanden, liefen in die
Nebenstube, in welcher der Vater mit einem Kunden sprach, und baten um
die Wiederholung der gestrigen Erlaubnis, weil ein so schöner Tag sei. Sie
wurde ihnen erteilt, und sie liefen wieder zur Mutter zurück.
Die Schustersfrau zog nun ihre Kinder vorsorglich an, oder eigentlich, sie
zog das Mädchen mit dichten, gut verwahrenden Kleidern an; denn der
Knabe begann sich selber anzukleiden und stand viel früher fertig da, als die
Mutter mit dem Mädchen hatte ins reine kommen können. Als sie dieses
Geschäft vollendet hatte, sagte sie: »Konrad, gib mir wohl acht: weil ich dir
das Mädchen mitgehen lasse, so müsset ihr beizeiten fortgehen, ihr müsset an
keinem Platze stehen bleiben, und wenn ihr bei der Großmutter gegessen
habt, so müsset ihr gleich wieder umkehren und nach Hause trachten; denn
die Tage sind jetzt sehr kurz, und die Sonne geht gar bald unter.«
»Ich weiß es schon, Mutter,« sagte Konrad.
»Und siehe gut auf Sanna, daß sie nicht fällt oder sich erhitzt.«
»Ja, Mutter.«
»So, Gott behüte euch, und geht noch zum Vater und sagt, daß ihr jetzt
fortgehet.«
Der Knabe nahm eine von seinem Vater kunstvoll aus Kalbfellen genähte
Tasche an einem Riemen um die Schulter, und die Kinder gingen in die
Nebenstube, um dem Vater Lebewohl zu sagen. Aus dieser kamen sie bald
heraus und hüpften, von der Mutter mit einem Kreuze besegnet, fröhlich auf
die Gasse.
Sie gingen schleunig längs des Dorfplatzes hinab und dann durch die
Häusergasse und endlich zwischen den Planken der Obstgärten in das Freie
hinaus. Die Sonne stand schon über dem mit milchigen Wolkenstreifen
durchwobenen Wald der morgendlichen Anhöhen, und ihr trübes, rötliches
Bild schritt durch die laublosen Zweige der Holzäpfelbäume mit den Kindern
fort.
In dem ganzen Tale war kein Schnee, die größeren Berge, von denen er
schon viele Wochen herabgeglänzt hatte, wurden damit bedeckt, die
kleineren standen in dem Mantel ihrer Tannenwälder und im Fahlrot ihrer
entblößten Zweige unbeschneit und ruhig da. Der Boden war noch nicht
gefroren, und er wäre vermöge der vorhergegangenen langen, regenlosen Zeit
ganz trocken gewesen, wenn ihn nicht die Jahreszeit mit einer zarten
Feuchtigkeit überzogen hätte, die ihn aber nicht schlüpfrig, sondern eher fest
und widerprallend machte, daß sie leicht darauf fortgingen. Das wenige Gras,
welches noch auf den Wiesen und vorzüglich an den Wassergräben derselben
war, stand in herbstlichem Ansehen. Es lag kein Reif und bei näherem
Anblicke nicht einmal ein Tau, was nach der Meinung der Landleute
baldigen Regen bedeutet.
Gegen die Grenzen der Wiesen zu war ein Gebirgsbach, über welchen ein
hoher Steg führte. Die Kinder gingen auf den Steg und schauten hinab. Im
Bache war schier kein Wasser, ein dünner Faden von sehr stark blauer Farbe
ging durch die trockenen Kiesel des Gerölles, die wegen Regenlosigkeit ganz
weiß geworden waren, und sowohl die Wenigkeit als auch die Farbe des
Wassers zeigten an, daß in den größeren Höhen schon Kälte herrschen müsse,
die den Boden verschließe, daß er mit seiner Erde das Wasser nicht trübe,
und die das Eis erhärte, daß es in seinem Innern nur wenige klare Tropfen
abgeben könne.
Von dem Stege liefen die Kinder durch die Gründe fort und näherten sich
immer mehr den Waldungen.
Sie trafen endlich die Grenze des Holzes und gingen in demselben weiter.
Als sie in die höheren Wälder des Halses hinaufgekommen waren,
zeigten sich die langen Furchen des Fahrweges nicht mehr weich, wie es
unten im Tale der Fall gewesen war, sondern sie waren fest, und zwar nicht
aus Trockenheit, sondern, wie die Kinder sich bald überzeugten, weil sie
gefroren waren. An manchen Stellen waren sie so überfroren, daß sie die
Körper der Kinder trugen. Nach der Natur der Kinder gingen sie nun nicht
mehr auf dem glatten Pfade neben dem Fahrwege, sondern in den Gleisen,
und versuchten, ob dieser oder jener Furchenaufwurf sie schon trage. Als sie
nach Verlauf einer Stunde auf der Höhe des Halses angekommen waren, war
der Boden bereits so hart, daß er klang und Schollen wie Steine hatte.
An der roten Unglückssäule des Bäckers bemerkte Sanna zuerst, daß sie
heute gar nicht dastehe. Sie gingen zu dem Platze hinzu und sahen, daß der
runde, rot angestrichene Balken, der das Bild trug, in dem dürren Grase liege,
das wie dünnes Stroh an der Stelle stand und den Anblick der liegenden Säule
verdeckte. Sie sahen zwar nicht ein, warum die Säule liege, ob sie
umgeworfen worden oder ob sie von selber umgefallen sei; das sahen sie, daß
sie an der Stelle, wo sie in die Erde ragte, sehr morsch war, und daß sie daher
sehr leicht habe umfallen können; aber da sie einmal lag, so machte es ihnen
Freude, daß sie das Bild und die Schrift so nahe betrachten konnten, wie es
sonst nie der Fall gewesen war. Als sie alles – den Korb mit den Semmeln,
die bleichen Hände des Bäckers, seine geschlossenen Augen, seinen grauen
Rock und die umstehenden Tannen – betrachtet hatten, als sie die Schrift
gelesen und laut gesagt hatten, gingen sie wieder weiter.
Abermals nach einer Stunde wichen die dunklen Wälder zu beiden Seiten
zurück, dünnstehende Bäume, teils einzelne Eichen, teils Birken und
Gebüschgruppen empfingen sie, geleiteten sie weiter, und nach kurzem liefen
sie auf den Wiesen in das Millsdorfer Tal hinab.
Obwohl dieses Tal bedeutend tiefer liegt als das von Gschaid und auch
um so viel wärmer war, daß man die Ernte immer um vierzehn Tage früher
beginnen konnte als in Gschaid, so war doch auch hier der Boden gefroren,
und als die Kinder bis zu den Loh- und Walkwerken des Großvaters
gekommen waren, lagen auf dem Wege, auf den die Räder oft Tropfen
herausspritzten, schöne Eistäfelchen. Den Kindern ist das gewöhnlich ein
sehr großes Vergnügen.
Die Großmutter hatte sie kommen gesehen, war ihnen entgegengegangen,
nahm Sanna bei den erfrornen Händchen und führte sie in die Stube.
Sie nahm ihnen die wärmeren Kleider ab, sie ließ in dem Ofen nachlegen
und fragte sie, wie es ihnen im Herübergehen gegangen sei.
Als sie hierauf die Antwort erhalten hatte, sagte sie: »Das ist schon recht,
das ist gut, es freut mich gar sehr, daß ihr wieder gekommen seid; aber heute
müßt ihr bald fort, der Tag ist kurz, und es wird auch kälter, am Morgen war
es in Millsdorf nicht gefroren.«
»In Gschaid auch nicht,« sagte der Knabe.
»Siehst du, darum müßt ihr euch sputen, daß euch gegen Abend nicht zu
kalt wird,« antwortete die Großmutter.
Hierauf fragte sie, was die Mutter mache, was der Vater mache, und ob
nichts Besonderes in Gschaid geschehen sei.
Nach diesen Fragen bekümmerte sie sich um das Essen, sorgte, daß es
früher bereitet wurde als gewöhnlich und richtete selber den Kindern kleine
Leckerbissen zusammen, von denen sie wußte, daß sie eine Freude damit
erregen würde. Dann wurde der Färber gerufen, die Kinder bekamen an dem
Tische aufgedeckt wie große Personen und aßen nun mit Großvater und
Großmutter, und die letzte legte ihnen hierbei besonders Gutes vor. Nach
dem Essen streichelte sie Sannas unterdessen sehr rot gewordene Wangen.
Hierauf ging sie geschäftig hin und her und steckte das Kalbfellränzchen
des Knaben voll und steckte ihm noch allerlei in die Taschen. Auch in die
Täschchen von Sanna tat sie allerlei Dinge. Sie gab jedem ein Stück Brot, es
auf dem Wege zu verzehren, und in dem Ränzchen, sagte sie, seien noch
zwei Weißbrote, wenn etwa der Hunger zu groß würde.
»Für die Mutter habe ich einen gut gebrannten Kaffee mitgegeben,« sagte
sie, »und in dem Fläschchen, das zugestopft und gut verbunden ist, befindet
sich auch ein schwarzer Kaffeeaufguß, ein besserer, als die Mutter bei euch
gewöhnlich macht, sie soll ihn nur kosten, wie er ist, er ist eine wahre Arznei,
so kräftig, daß nur ein Schlückchen den Magen so wärmt, daß es den Körper
in den kältesten Wintertagen nicht frieren kann. Die andern Sachen, die in der
Schachtel und in den Papieren im Ränzchen sind, bringt unversehrt nach
Hause.«
Da sie noch ein Weilchen mit den Kindern geredet hatte, sagte sie, daß sie
gehen sollten.
»Habe acht, Sanna,« sagte sie, »daß du nicht frierst, erhitze dich nicht;
und daß ihr nicht über die Wiesen hinauf und unter den Bäumen lauft. Etwa
kömmt gegen Abend ein Wind, da müßt ihr langsamer gehen. Grüßet Vater
und Mutter und sagt, sie sollen recht glückliche Feiertage haben.«
Die Großmutter küßte beide Kinder auf die Wangen und schob sie durch
die Tür hinaus. Nichtsdestoweniger ging sie aber auch selber mit, geleitete sie
durch den Garten, ließ sie durch das Hinterpförtchen hinaus, schloß wieder
und ging in das Haus zurück.
Die Kinder gingen an den Eistäfelchen neben den Werken des Großvaters
vorbei, sie gingen durch die Millsdorfer Felder und wendeten sich gegen die
Wiesen hinan.
Als sie auf den Anhöhen gingen, wo, wie gesagt wurde, zerstreute Bäume
und Gebüschgruppen standen, fielen äußerst langsam einzelne
Schneeflocken.
»Siehst du, Sanna,« sagte der Knabe, »ich habe es gleich gedacht, daß wir
Schnee bekommen; weißt du, da wir von Hause weggingen, sahen wir noch
die Sonne, die so blutrot war wie eine Lampe bei dem heiligen Grabe, und
jetzt ist nichts mehr von ihr zu erblicken, und nur der graue Nebel ist über
den Baumwipfeln oben. Das bedeutet allemal Schnee.«
Die Kinder gingen freudiger fort, und Sanna war recht froh, wenn sie mit
dem dunkeln Ärmel ihres Röckchens eine der fallenden Flocken auffangen
konnte, und wenn dieselbe recht lange nicht auf dem Ärmel zerfloß. Als sie
endlich an dem äußersten Rand der Millsdorfer Höhen angekommen waren,
wo es gegen die dunkeln Tannen des Halses hineingeht, war die dichte
Waldwand schon recht lieblich gesprenkelt von den immer reichlicher
herabfallenden Flocken. Sie gingen nunmehr in den dicken Wald hinein, der
den größten Teil ihrer noch bevorstehenden Wanderung einnahm.
Es geht von dem Waldrande noch immer aufwärts, und zwar bis man zur
roten Unglückssäule kommt, von wo sich, wie schon oben angedeutet wurde,
der Weg gegen das Tal von Gschaid hinabwendet. Die Erhebung des Waldes
von der Millsdorfer Seite aus ist sogar so steil, daß der Weg nicht gerade
hinangeht, sondern daß er in sehr langen Abweichungen von Abend nach
Morgen und von Morgen nach Abend hinanklimmt. An der ganzen Länge des
Weges hinauf zur Säule und hinab bis zu den Wiesen von Gschaid sind hohe,
dichte, ungelichtete Waldbestände, und sie werden erst ein wenig dünner,
wenn man in die Ebene gelangt ist und gegen die Wiesen des Tales von
Gschaid hinauskömmt. Der Hals ist auch, wenn er gleich nur eine kleine
Verbindung zwischen zwei großen Gebirgshäuptern abgibt, doch selbst so
groß, daß er, in die Ebene gelegt, einen bedeutenden Gebirgsrücken abgeben
würde.
Das erste, was die Kinder sahen, als sie die Waldung betraten, war, daß
der gefrorene Boden sich grau zeigte, als ob er mit Mehl besäet wäre, daß die
Fahne manches dünnen Halmes des am Wege hin und zwischen den Bäumen
stehenden dürren Grases mit Flocken beschwert war, und daß auf den
verschiedenen grünen Zweigen der Tannen und Fichten, die sich wie Hände
öffneten, schon weiße Fläumchen saßen.
»Schneit es denn jetzt bei dem Vater zu Hause auch?« fragte Sanna.
»Freilich«, antwortete der Knabe, »es wird auch kälter, und du wirst
sehen, daß morgen der ganze Teich gefroren ist.«
»Ja, Konrad,« sagte das Mädchen.
Es verdoppelte beinahe seine kleinen Schritte, um mit denen des
dahinschreitenden Knaben gleichbleiben zu können.
Sie gingen nun rüstig in den Windungen fort, jetzt von Abend nach
Morgen, jetzt von Morgen nach Abend. Der von der Großmutter
vorausgesagte Wind stellte sich nicht ein; im Gegenteile war es so stille, daß
sich nicht ein Ästchen oder Zweig rührte, ja sogar es schien im Walde
wärmer, wie es in lockeren Körpern, dergleichen ein Wald auch ist, immer im
Winter zu sein pflegt, und die Schneeflocken fielen stets reichlicher, so daß
der ganze Boden schon weiß war, daß der Wald sich grau zu bestäuben
anfing, und daß auf dem Hute und den Kleidern des Knaben sowie auf denen
des Mädchens der Schnee lag.
Die Freude der Kinder war sehr groß. Sie traten auf den weichen Flaum,
suchten mit dem Fuße absichtlich solche Stellen, wo er dichter zu liegen
schien, um dorthin zu treten und sich den Anschein zu geben, als wateten sie
bereits. Sie schüttelten den Schnee nicht von den Kleidern ab.
Es war große Ruhe eingetreten. Von den Vögeln, deren doch manche
auch zuweilen im Winter in dem Walde hin und her fliegen, und von denen
die Kinder im Herübergehen sogar mehrere zwitschern gehört hatten, war
nichts zu vernehmen, sie sahen auch keine auf irgendeinem Zweige sitzen
oder fliegen, und der ganze Wald war gleichsam ausgestorben.
Weil nur die bloßen Fußstapfen der Kinder hinter ihnen blieben, und weil
vor ihnen der Schnee rein und unverletzt war, so war daraus zu erkennen, daß
sie die einzigen waren, die heute über den Hals gingen.
Sie gingen in ihrer Richtung fort, sie näherten sich öfter den Bäumen,
öfter entfernten sie sich, und wo dichtes Unterholz war, konnten sie den
Schnee auf den Zweigen liegen sehen.
Ihre Freude wuchs noch immer; denn die Flocken fielen stets dichter, und
nach kurzer Zeit brauchten sie nicht mehr den Schnee aufzusuchen, um in
ihm zu waten; denn er lag schon so dicht, daß sie ihn überall weich unter den
Sohlen empfanden, und daß er sich bereits um ihre Schuhe zu legen begann;
und wenn es so ruhig und heimlich war, so war es, als ob sie das Knistern des
in die Nadeln herabfallenden Schnees vernehmen könnten.
»Werden wir heute auch die Unglückssäule sehen?« fragte das Mädchen,
»sie ist ja umgefallen, und da wird es darauf schneien, und da wird die rote
Farbe weiß sein.«
»Darum können wir sie doch sehen,« antwortete der Knabe, »wenn auch
der Schnee auf sie fällt und wenn sie auch weiß ist, so müssen wir sie liegen
sehen, weil sie eine dicke Säule ist und weil sie das schwarze eiserne Kreuz
auf der Spitze hat, das doch immer herausragen wird.«
»Ja, Konrad.«
Indessen da sie noch weitergegangen waren, war der Schneefall so dicht
geworden, daß sie nur mehr die allernächsten Bäume sehen konnten.
Von der Härte des Weges oder gar von Furchenaufwerfungen war nichts
zu empfinden, der Weg war vom Schnee überall gleich weich und war
überhaupt nur daran zu erkennen, daß er als ein gleichmäßiger weißer
Streifen in dem Walde fortlief. Auf allen Zweigen lag schon die schöne,
weiße Hülle.
Die Kinder gingen jetzt mitten auf dem Wege, sie furchten den Schnee
mit ihren Füßlein und gingen langsamer, weil das Gehen beschwerlich ward.
Der Knabe zog seine Jacke empor an dem Halse zusammen, damit ihm nicht
der Schnee in den Nacken falle, und er setzte den Hut tiefer in das Haupt, daß
er geschützter sei. Er zog auch seinem Schwesterlein das Tuch, das ihm die
Mutter um die Schulter gegeben hatte, besser zusammen und zog es ihm
mehr vorwärts in die Stirne, daß es ein Dach bilde.
Der von der Großmutter vorausgesagte Wind war noch immer nicht
gekommen; aber dafür wurde der Schneefall nach und nach so dicht, daß
auch nicht mehr die nächsten Bäume zu erkennen waren, sondern daß sie wie
neblige Säcke in der Luft standen.
Die Kinder gingen fort. Sie duckten die Köpfe dichter in ihre Kleider und
gingen fort.
Sanna nahm den Riemen, an welchem Konrad die Kalbfelltasche um die
Schulter hängen hatte, mit den Händchen, hielt sich daran, und so gingen sie
ihres Weges.
Die Unglückssäule hatten sie noch immer nicht erreicht. Der Knabe
konnte die Zeit nicht ermessen, weil keine Sonne am Himmel stand und weil
es immer gleichmäßig grau war.
»Werden wir bald zu der Unglückssäule kommen?« fragte Sanna.
»Ich weiß es nicht,« antwortete der Knabe, »ich kann heute die Bäume
nicht sehen und den Weg nicht erkennen, weil er so weiß ist. Die
Unglückssäule werden wir wohl gar nicht sehen, weil so viel Schnee liegen
wird, daß sie verhüllt sein wird, und daß kaum ein Gräschen oder ein Arm
des schwarzen Kreuzes hervorragen wird. Aber es macht nichts. Wir gehen
immer auf dem Wege fort, der Weg geht zwischen den Bäumen, und wenn er
zu dem Platze der Unglückssäule kommt, dann wird er abwärts gehen, wir
gehen auf ihm fort, und wenn er aus den Bäumen hinausgeht, dann sind wir
schon auf den Wiesen von Gschaid, dann kömmt der Steg, und dann haben
wir nicht mehr weit nach Hause.«
»Ja, Konrad,« sagte das Mädchen.
Sie gingen auf ihrem aufwärtsführenden Wege fort. Die hinter ihnen
liegenden Fußstapfen waren jetzt nicht mehr lange sichtbar; denn die
ungemeine Fülle des herabfallenden Schnees deckte sie bald zu, daß sie
verschwanden. Der Schnee knisterte in seinem Falle nun auch nicht mehr in
den Nadeln, sondern legte sich eilig und heimlich auf die weiße, schon
daliegende Decke nieder. Die Kinder nahmen die Kleider noch fester, um das
immerwährende, allseitige Hineinrieseln abzuhalten.
Sie gingen sehr schleunig, und der Weg führte noch stets aufwärts.
Nach langer Zeit war noch immer die Höhe nicht erreicht, auf welcher die
Unglückssäule stehen sollte und von wo der Weg gegen die Gschaider Seite
sich hinunterwenden mußte.
Endlich kamen die Kinder in eine Gegend, in welcher keine Bäume
standen.
»Ich sehe keine Bäume mehr,« sagte Sanna.
»Vielleicht ist nur der Weg so breit, daß wir sie wegen des Schneiens
nicht sehen können,« antwortete der Knabe.
»Ja, Konrad,« sagte das Mädchen.
Nach einer Weile blieb der Knabe stehen und sagte: »Ich sehe selber
keine Bäume mehr, wir müssen aus dem Walde gekommen sein, auch geht
der Weg immer bergan. Wir wollen ein wenig stehenbleiben und
herumsehen, vielleicht erblicken wir etwas.«
Aber sie erblickten nichts. Sie sahen durch einen trüben Raum in den
Himmel. Wie bei dem Hagel über die weißen oder grünlich gedunsenen
Wolken die finsteren, fransenartigen Streifen herabstarren, so war es hier,
und das stumme Schütten dauerte fort. Auf der Erde sahen sie nur einen
runden Fleck Weiß und dann nichts mehr.
»Weißt du, Sanna,« sagte der Knabe, »wir sind auf dem dürren Grase, auf
welches ich dich oft im Sommer heraufgeführt habe, wo wir saßen und wo
wir den Rasen betrachteten, der nacheinander hinaufgeht, und wo die
schönen Kräuterbüschel wachsen. Wir werden da jetzt gleich rechts
hinabgehen!«
»Ja, Konrad.«
»Der Tag ist kurz, wie die Großmutter gesagt hat, und wie du auch wissen
wirst, wir müssen uns daher sputen.«
»Ja, Konrad,« sagte das Mädchen.
»Warte ein wenig, ich will dich besser einrichten,« erwiderte der Knabe.
Er nahm seinen Hut ab, setzte ihn Sanna auf das Haupt und befestigte ihn
mit den beiden Bändchen unter ihrem Kinn. Das Tüchlein, welches sie um
hatte, schützte sie zu wenig, während auf seinem Haupte eine solche Menge
dichter Locken war, daß noch lange Schnee darauffallen konnte, ehe Nässe
und Kälte durchzudringen vermochten. Dann zog er sein Pelzjäckchen aus
und zog dasselbe über die Ärmelein der Schwester. Um seine eigenen
Schultern und Arme, die jetzt das bloße Hemd zeigten, band er das kleinere
Tüchlein, das Sanna über die Brust, und das größere, das sie über die
Schultern gehabt hatte. Das sei für ihn genug, dachte er, wenn er nur stark
auftrete, werde ihn nicht frieren.
Er nahm das Mädchen bei der Hand, und so gingen sie jetzt fort.
Das Mädchen schaute mit den willigen Äuglein in das ringsum
herrschende Grau und folgte ihm gern, nur daß es mit den kleinen, eilenden
Füßlein nicht so nachkommen konnte, wie er vorwärts strebte gleich einem,
der es zur Entscheidung bringen wollte.
Sie gingen nun mit der Unablässigkeit und Kraft, die Kinder und Tiere
haben, weil sie nicht wissen, wie viel ihnen beschieden ist, und wann ihr
Vorrat erschöpft ist.
Aber wie sie gingen, so konnten sie nicht merken, ob sie über den Berg
hinabkämen oder nicht. Sie hatten gleich rechts nach abwärts gebogen, allein
sie kamen wieder in Richtungen, die bergan führten, bergab und wieder
bergan. Oft begegneten ihnen Steilheiten, denen sie ausweichen mußten, und
ein Graben, in dem sie fortgingen, führte sie in einer Krümmung herum. Sie
erklommen Höhen, die sich unter ihren Füßen steiler gestalteten, als sie
dachten, und was sie für abwärts hielten, war wieder eben, oder es war eine
Höhlung, oder es ging immer gedehnt fort.
»Wo sind wir denn, Konrad?« fragte das Mädchen.
»Ich weiß es nicht,« antwortete er.
»Wenn ich nur mit diesen meinen Augen etwas zu erblicken imstande
wäre,« fuhr er fort, »daß ich mich danach richten könnte.«
Aber es war rings um sie nichts als das blendende Weiß, überall das
Weiß, das aber selber nur einen immer kleineren Kreis um sie zog und dann
in einen lichten, streifenweise niederfallenden Nebel überging, der jedes
Weitere verzehrte und verhüllte und zuletzt nichts anderes war als der
unersättlich fallende Schnee.
»Warte, Sanna,« sagte der Knabe, »wir wollen ein wenig stehenbleiben
und horchen, ob wir nicht etwas hören können, was sich im Tale meldet, sei
es nun ein Hund oder eine Glocke oder die Mühle, oder sei es ein Ruf, der
sich hören läßt; hören müssen wir etwas, und dann werden wir wissen, wohin
wir zu gehen haben.«
Sie blieben nun stehen, aber sie hörten nichts. Sie blieben noch ein wenig
länger stehen, aber es meldete sich nichts, es war nicht ein einziger Laut,
auch nicht der leiseste außer ihrem Atem zu vernehmen, ja, in der Stille, die
herrschte, war es, als sollten sie den Schnee hören, der auf ihre Wimpern fiel.
Die Voraussage der Großmutter hatte sich noch immer nicht erfüllt, der Wind
war nicht gekommen, ja, was in diesen Gegenden selten ist, nicht das leiseste
Lüftchen rührte sich an dem ganzen Himmel.
Nachdem sie lange gewartet hatten, gingen sie wieder fort.
»Es tut auch nichts, Sanna,« sagte der Knabe, »sei nur nicht verzagt, folge
mir, ich werde dich doch noch hinüberführen. – Wenn nur das Schneien
aufhörte!«
Sie war nicht verzagt, sondern hob die Füßchen, so gut es gehen wollte
und folgte ihm. Er führte sie in dem weißen, lichten, regsamen,
undurchsichtigen Raume fort.
Nach einer Weile sahen sie Felsen. Sie hoben sich dunkel und undeutlich
aus dem weißen und undurchsichtigen Lichte empor. Da die Kinder sich
näherten, stießen sie fast daran. Sie stiegen wie eine Mauer hinauf und waren
ganz gerade, so daß kaum ein Schnee an ihrer Seite haften konnte.
»Sanna, Sanna,« sagte er, »da sind die Felsen, gehen wir nur weiter,
gehen wir weiter.«
Sie gingen weiter, sie mußten zwischen die Felsen hinein und unter ihnen
fort. Die Felsen ließen sie nicht rechts und nicht links ausweichen und führten
sie in einem engen Wege dahin. Nach einer Zeit verloren sie dieselben wieder
und konnten sie nicht mehr erblicken. So wie sie unversehens unter sie
gekommen waren, kamen sie wieder unversehens von ihnen. Es war wieder
nichts um sie als das Weiß, und ringsum war kein unterbrechendes Dunkel zu
schauen. Es schien eine große Lichtfülle zu sein, und doch konnte man nicht
drei Schritte vor sich sehen; alles war, wenn man so sagen darf, in eine
einzige weiße Finsternis gehüllt, und weil kein Schatten war, so war kein
Urteil über die Größe der Dinge, und die Kinder konnten nicht wissen, ob sie
aufwärts ober abwärts gehen würden, bis eine Steilheit ihren Fuß faßte und
ihn aufwärts zu gehen zwang.
»Mir tun die Augen weh,« sagte Sanna.
»Schaue nicht auf den Schnee,« antwortete der Knabe, »sondern in die
Wolken. Mir tun sie schon lange weh; aber es tut nichts, ich muß doch auf
den Schnee schauen, weil ich auf den Weg zu achten habe. Fürchte dich nur
nicht, ich führe dich doch hinunter ins Gschaid.«
»Ja, Konrad.«
Sie gingen wieder fort; aber wie sie auch gehen mochten, wie sie sich
auch wenden mochten, es wollte kein Anfang zum Hinabwärtsgehen
kommen. An beiden Seiten waren steile Dachlehnen nach aufwärts, mitten
gingen sie fort, aber auch immer aufwärts. Wenn sie den Dachlehnen
entrannen und sie nach abwärts beugten, wurde es gleich so steil, daß sie
wieder umkehren mußten, die Füßlein stießen oft auf Unebenheiten, und sie
mußten häufig Büheln ausweichen.
Sie merkten auch, daß ihr Fuß, wo er tiefer durch den jungen Schnee
einsank, nicht erdigen Boden unter sich empfand, sondern etwas anderes, das
wie älterer, gefrorner Schnee war; aber sie gingen immer fort und sie liefen
mit Hast und Ausdauer. Wenn sie stehenblieben war alles still, unermeßlich
still; wenn sie gingen, hörten sie das Rascheln ihrer Füße, sonst nichts; denn
die Hüllen des Himmels sanken ohne Laut hernieder und so reich, daß man
den Schnee hätte wachsen sehen können. Sie selber waren so bedeckt, daß sie
sich von dem allgemeinen Weiß nicht hervorhoben und sich, wenn sie um ein
paar Schritte getrennt worden wären, nicht mehr gesehen hätten.
Eine Wohltat war es, daß der Schnee so trocken war wie Sand, so daß er
von ihren Füßen und den Bundschühlein und Strümpfen daran leicht abglitt
und abrieselte, ohne Ballen und Nässe zu machen.
Endlich gelangten sie wieder zu Gegenständen.
Es waren riesenhafte große, sehr durcheinanderliegende Trümmer, die mit
Schnee bedeckt waren, der überall in die Klüfte hineinrieselte, und an die sie
sich ebenfalls fast anstießen, ehe sie sie sahen. Sie gingen ganz hinzu, die
Dinge anzublicken.
Es war Eis – lauter Eis.
Es lagen Platten da, die mit Schnee bedeckt waren, an deren beiden
Seitenwänden aber das glatte, grünliche Eis sichtbar war; es lagen Hügel da,
die wie zusammengeschobener Schaum aussahen, an deren Seiten es aber
matt nach einwärts flimmerte und glänzte, als wären Balken und Stangen von
Edelsteinen durcheinandergeworfen worden; es lagen ferner gerundete
Kugeln da, die ganz mit Schnee umhüllt waren; es standen Platten und andere
Körper auch schief und gerade aufwärts, so hoch wie der Kirchturm in
Gschaid oder wie Häuser. In einigen waren Höhlen eingefressen, durch die
man mit einem Arme durchfahren konnte, mit einem Kopfe, mit einem
Körper, mit einem ganzen großen Wagen voll Heu. Alle diese Stücke waren
zusammen- oder emporgedrängt und starrten, so daß sie oft Dächer bildeten
oder Überhänge, über deren Ränder sich der Schnee herüberlegte und
herabgriff wie lange, weiße Tatzen. Selbst ein großer, schreckhaft schwarzer
Stein, wie ein Haus, lag unter dem Eise und war emporgestellt, daß er auf der
Spitze stand, daß kein Schnee an seinen Seiten liegen bleiben konnte. Und
nicht dieser Stein allein – noch mehrere und größere staken in dem Eise, die
man erst später sah, und die wie eine Trümmermauer an ihm hingingen.
»Da muß recht viel Wasser gewesen sein, weil so viel Eis ist,« sagte
Sanna.
»Nein, das ist von keinem Wasser,« antwortete der Bruder, »das ist das
Eis des Berges, das immer oben ist, weil es so eingerichtet ist.«
»Ja, Konrad,« sagte Sanna.
»Wir sind jetzt bis zu dem Eise gekommen,« sagte der Knabe, »wir sind
auf dem Berge, Sanna, weißt du, den man von unserm Garten aus im
Sonnenscheine so weiß sieht. Merke gut auf, was ich dir sagen werde.
Erinnerst du dich noch, wie wir oft nachmittags in dem Garten saßen, wie es
recht schön war, wie die Bienen um uns summten, die Linden dufteten, und
die Sonne von dem Himmel schien?«
»Ja, Konrad, ich erinnere mich.«
»Da sahen wir auch den Berg. Wir sahen, wie er so blau war, so blau wie
das sanfte Firmament, wir sahen den Schnee, der oben ist, wenn auch bei uns
Sommer war, eine Hitze herrschte, und die Getreide reif wurden.«
»Ja, Konrad.«
»Und unten, wo der Schnee aufhört, da sieht man allerlei Farben, wenn
man genau schaut, grün, blau, weißlich – das ist das Eis, das unten nur so
klein ausschaut, weil man sehr weit entfernt ist, und das, wie der Vater sagte,
nicht weggeht bis an das Ende der Welt. Und da habe ich oft gesehen, daß
unterhalb des Eises die blaue Farbe noch fortgeht; das werden Steine sein,
dachte ich, oder es wird Erde und Weidegrund sein, und dann fangen die
Wälder an, die gehen herab und immer weiter herab, man sieht auch allerlei
Felsen in ihnen, dann folgen die Wiesen, die schon grün sind, und dann die
grünen Laubwälder, und dann kommen unsere Wiesen und Felder, die in dem
Tale von Gschaid sind. Siehst du nun, Sanna, weil wir jetzt bei dem Eise
sind, so werden wir über die blaue Farbe hinabgehen, dann durch die Wälder,
in denen die Felsen sind, dann über die Wiesen, und dann durch die grünen
Laubwälder, und dann werden wir in dem Tale von Gschaid sein und recht
leicht unser Dorf finden.«
»Ja, Konrad,« sagte das Mädchen.
Die Kinder gingen nun in das Eis hinein, wo es zugänglich war.
Sie waren winzig kleine wandelnde Punkte in diesen ungeheuren
Stücken.
Wie sie so unter die Überhänge hineinsahen, gleichsam als gäbe ihnen ein
Trieb ein, ein Obdach zu suchen, gelangten sie in einen Graben, in einen
breiten, tiefgefurchten Graben, der gerade aus dem Eise hervorging. Er sah
aus wie das Bett eines Stromes, der aber jetzt ausgetrocknet und überall mit
frischem Schnee bedeckt war. Wo er aus dem Eise hervorkam, ging er gerade
unter einem Kellergewölbe heraus, das recht schön aus Eis über ihn gespannt
war. Die Kinder gingen in dem Graben fort und gingen in das Gewölbe
hinein und immer tiefer hinein. Es war ganz trocken, und unter ihren Füßen
hatten sie glattes Eis. In der ganzen Höhlung aber war es blau, so blau, wie
gar nichts in der Welt ist, viel tiefer und viel schöner blau als das Firmament,
gleichsam wie himmelblau gefärbtes Glas, durch welches lichter Schein
hineinsinkt. Es waren dickere und dünnere Bogen, es hingen Zacken, Spitzen
und Troddeln herab, der Gang wäre noch tiefer zurückgegangen, sie wußten
nicht, wie tief, aber sie gingen nicht mehr weiter. Es wäre auch sehr gut in der
Höhle gewesen, es war warm, es fiel kein Schnee, aber es war so schreckhaft
blau, die Kinder fürchteten sich und gingen wieder hinaus. Sie gingen eine
Weile in dem Graben fort und kletterten dann über seinen Rand hinaus.
Sie gingen an dem Eise hin, sofern es möglich war, durch das Getrümmer
und zwischen den Platten durchzudringen.
»Wir werden jetzt da noch hinübergehen und dann von dem Eise abwärts
laufen,« sagte Konrad.
»Ja,« sagte Sanna und klammerte sich an ihn an.
Sie schlugen von dem Eise eine Richtung durch den Schnee abwärts ein,
die sie in das Tal führen sollte. Aber sie kamen nicht weit hinab. Ein neuer
Strom von Eis, gleichsam ein riesenhaft aufgetürmter und aufgewölbter Wall,
lag quer durch den weichen Schnee und griff gleichsam mit Armen rechts
und links um sie herum. Unter der weißen Decke, die ihn verhüllte,
glimmerte es seitwärts grünlich und bläulich und dunkel und schwarz und
selbst gelblich und rötlich heraus. Sie konnten es nun auf weitere Strecken
sehen, weil das ungeheure und unermüdliche Schneien sich gemildert hatte
und nur mehr wie an gewöhnlichen Schneetagen vom Himmel fiel. Mit dem
Starkmute der Unwissenheit kletterten sie in das Eis hinein, um den
vorgeschobenen Strom desselben zu überschreiten und dann jenseits weiter
hinabzukommen. Sie schoben sich in die Zwischenräume hinein, sie setzten
den Fuß auf jedes Körperstück, das mit einer weißen Schneehaube versehen
war, war es Fels oder Eis, sie nahmen die Hände zu Hilfe, krochen, wo sie
nicht gehen konnten, und arbeiteten sich mit ihren leichten Körpern hinauf,
bis sie die Seite des Walles überwunden hatten und oben waren.
Jenseits wollten sie wieder hinabklettern.
Aber es gab kein Jenseits.
Soweit die Augen der Kinder reichen konnten, war lauter Eis. Es standen
Spitzen und Unebenheiten und Schollen empor wie lauter furchtbares,
überschneites Eis. Statt ein Wall zu sein, über den man hinübergehen könnte,
und der dann wieder von Schnee abgelöst würde, wie sie sich unten dachten,
stiegen aus der Wölbung neue Wände von Eis empor, geborsten und
geklüftet, mit unzähligen blauen, geschlängelten Linien versehen, und hinter
ihnen waren wieder solche Wände, und hinter diesen wieder solche, bis der
Schneefall das Weitere mit seinem Grau verdeckte.
»Sanna, da können wir nicht gehen,« sagte der Knabe.
»Nein,« antwortete die Schwester.
»Da werden wir wieder umkehren und anderswo hinabzukommen
suchen.«
»Ja, Konrad.«
Die Kinder suchten nun von dem Eiswalle wieder da hinabzukommen,
wo sie hinaufgeklettert waren, aber sie kamen nicht hinab. Es war lauter Eis,
als hätten sie die Richtung, in der sie gekommen waren, verfehlt. Sie wandten
sich hierhin und dorthin und konnten aus dem Eise nicht herauskommen, als
wären sie von ihm umschlungen. Sie kletterten abwärts und kamen wieder in
Eis. Endlich, da der Knabe die Richtung immer verfolgte, in der sie nach
seiner Meinung gekommen waren, gelangten sie in zerstreutere Trümmer,
aber sie waren auch größer und furchtbarer, wie sie gern am Rande des Eises
zu sein pflegen, und die Kinder gelangten kriechend und kletternd hinaus. An
dem Eissaume waren ungeheure Steine, sie waren gehäuft, wie sie die Kinder
ihr Leben lang nicht gesehen hatten. Viele waren in Weiß gehüllt, viele
zeigten die unteren schiefen Wände sehr glatt und fein geschliffen, als wären
sie darauf geschoben worden, viele waren wie Hütten und Dächer
gegeneinandergestellt, viele lagen aufeinander wie ungeschlachte Knollen.
Nicht weit von dem Standorte der Kinder standen mehrere mit den Köpfen
gegeneinander gelehnt, und über sie lagen breite, gelagerte Blöcke wie ein
Dach. Es war ein Häuschen, das gebildet war, das gegen vorn offen,
rückwärts und an den Seiten aber geschützt war. Im Innern war es trocken, da
der steilrechte Schneefall keine einzige Flocke hineingetragen hatte. Die
Kinder waren recht froh, daß sie nicht mehr in dem Eise waren und auf ihrer
Erde standen.
Aber es war auch endlich finster geworden.
»Sanna,« sagte der Knabe, »wir können nicht mehr hinabgehen, weil es
Nacht geworden ist, und weil wir fallen oder gar in eine Grube geraten
könnten. Wir werden da unter die Steine hineingehen, wo es so trocken und
so warm ist, und da werden wir warten. Die Sonne geht bald wieder auf, dann
laufen wir hinunter. Weine nicht, ich bitte dich recht schön, weine nicht, ich
gebe dir alle Dinge zu essen, welche uns die Großmutter mitgegeben hat.«
Sie weinte auch nicht, sondern, nachdem sie beide unter das steinerne
Überdach hineingegangen waren, wo sie nicht nur bequem sitzen, sondern
auch stehen und herumgehen konnten, setzte sie sich recht dicht an ihn und
war mäuschenstille.
»Die Mutter,« sagte Konrad, »wird nicht böse sein, wir werden ihr von
dem vielen Schnee erzählen, der uns aufgehalten hat, und sie wird nichts
sagen; der Vater auch nicht. Wenn uns kalt wird – weißt du – dann mußt du
mit den Händen an deinen Leib schlagen, wie die Holzhauer getan haben,
und dann wird dir wärmer werden.«
»Ja, Konrad,« sagte das Mädchen.
Sanna war nicht gar so untröstlich, daß sie heute nicht mehr über den
Berg hinabgingen und nach Hause liefen, wie er etwa glauben mochte; denn
die unermeßliche Anstrengung, von der die Kinder nicht einmal gewußt
hatten, wie groß sie gewesen sei, ließ ihnen das Sitzen süß, unsäglich süß
erscheinen, und sie gaben sich hin.
Jetzt machte sich aber auch der Hunger geltend. Beide nahmen fast zu
gleicher Zeit ihre Brote aus den Taschen und aßen sie. Sie aßen auch die
Dinge – kleine Stückchen Kuchen, Mandeln und Nüsse und andere
Kleinigkeiten –, die die Großmutter ihnen in die Tasche gesteckt hatte.
»Sanna, jetzt müssen wir aber auch den Schnee von unsern Kleidern tun,«
sagte der Knabe, »daß wir nicht naß werden.«
»Ja, Konrad,« erwiderte Sanna.
Die Kinder gingen aus ihrem Häuschen, und zuerst reinigte Konrad das
Schwesterlein vom Schnee. Er nahm die Kleiderzipfel, schüttelte sie, nahm
ihr den Hut ab, den er ihr aufgesetzt hatte, entleerte ihn von Schnee, und was
noch zurückgeblieben war, das stäubte er mit einem Tuche ab. Dann
entledigte er auch sich, so gut es ging, des auf ihm liegenden Schnees.
Der Schneefall hatte zu dieser Stunde ganz aufgehört. Die Kinder spürten
keine Flocke.
Sie gingen wieder in die Steinhütte und setzten sich nieder. Das
Aufstehen hatte ihnen ihre Müdigkeit erst recht gezeigt, und sie freuten sich
auf das Sitzen. Konrad legte die Tasche aus Kalbfell ab. Er nahm das Tuch
heraus, in welches die Großmutter eine Schachtel und mehrere
Papierpäckchen gewickelt hatte, und tat es zu größerer Wärme um seine
Schultern. Auch die zwei Weißbrote nahm er aus dem Ränzchen und reichte
sie beide an Sanna. Das Kind aß begierig. Es aß eines der Brote und von dem
zweiten auch noch einen Teil. Den Rest reichte es aber Konrad, da es sah,
daß er nicht aß. Er nahm es und verzehrte es.
Von da an saßen die Kinder und schauten.
Soweit sie in die Dämmerung zu sehen vermochten, lag überall der
flimmernde Schnee hinab, dessen einzelne winzige Täfelchen hie und da in
der Finsternis seltsam zu funkeln begannen, als hätte er bei Tag das Licht
eingesogen und gäbe es jetzt von sich.
Die Nacht brach mit der in großen Höhen gewöhnlichen Schnelligkeit
herein. Bald war es ringsherum finster, nur der Schnee fuhr fort, mit seinem
bleichen Lichte zu leuchten. Der Schneefall hatte nicht nur aufgehört,
sondern der Schleier an dem Himmel fing auch an, sich zu verdünnen und zu
verteilen; denn die Kinder sahen ein Sternlein blitzen. Weil der Schnee
wirklich gleichsam ein Licht von sich gab, und weil von den Wolken kein
Schleier mehr herabhing, so konnten die Kinder von ihrer Höhle aus die
Schneehügel sehen, wie sie sich in Linien von dem dunkeln Himmel
abschnitten. Weil es in der Höhle viel wärmer war, als es an jedem andern
Platze im ganzen Tage gewesen war, so ruhten die Kinder eng
aneinandersitzend und vergaßen sogar die Finsternis zu fürchten. Bald
vermehrten sich auch die Sterne, jetzt kam hier einer zum Vorschein, jetzt
dort, bis es schien, als wäre am ganzen Himmel keine Wolke mehr.
Das war der Zeitpunkt, in welchem man in den Tälern die Lichter
anzuzünden pflegt. Zuerst wird eines angezündet und auf den Tisch gestellt,
um die Stube zu erleuchten, oder es brennt auch nur ein Span, oder es brennt
das Feuer auf der Leuchte, und es erhellen sich alle Fenster von bewohnten
Stuben und glänzen in die Schneenacht hinaus; – aber heute erst – am
heiligen Abende – da wurden viel mehr angezündet, um die Gaben zu
beleuchten, welche für die Kinder auf den Tischen lagen oder an den Bäumen
hingen, es wurden wohl unzählige angezündet; denn beinahe in jedem Hause,
in jeder Hütte, jedem Zimmer war eines oder mehrere Kinder, denen der
heilige Christ etwas gebracht hatte, und wozu man Lichter stellen mußte. Der
Knabe hatte geglaubt, daß man sehr bald von dem Berge hinabkommen
könne, und doch, von den vielen Lichtern, die heute in dem Tale brannten,
kam nicht ein einziges zu ihnen herauf; sie sahen nichts als den blassen
Schnee und den dunkeln Himmel, alles andere war ihnen in die unsichtbare
Ferne hinabgerückt. In allen Tälern bekamen die Kinder in dieser Stunde die
Geschenke des heiligen Christ: nur die zwei saßen oben am Rande des Eises,
und die vorzüglichsten Geschenke, die sie heute hätten bekommen sollen,
lagen in versiegelten Päckchen in der Kalbfelltasche im Hintergrunde der
Höhle.
Die Schneewolken waren ringsum hinter die Berge hinabgesunken, und
ein ganz dunkelblaues, fast schwarzes Gewölbe spannte sich um die Kinder
voll von dichten, brennenden Sternen, und mitten durch diese Sterne war ein
schimmerndes, breites, milchiges Band gewoben, das sie wohl auch unten im
Tale, aber nie so deutlich gesehen hatten. Die Nacht rückte vor. Die Kinder
wußten nicht, daß die Sterne gegen Westen rücken und weiterwandeln, sonst
hätten sie an ihrem Vorschreiten den Stand der Nacht erkennen können; aber
es kamen neue und gingen die alten, sie aber glaubten, es seien immer
dieselben. Es wurde von dem Scheine der Sterne auch lichter um die Kinder;
aber sie sahen kein Tal, keine Gegend, sondern überall nur Weiß – lauter
Weiß. Bloß ein dunkles Horn, ein dunkles Haupt, ein dunkler Arm wurde
sichtbar und ragte dort und hier aus dem Schimmer empor. Der Mond war
nirgends am Himmel zu erblicken, vielleicht war er schon früh mit der Sonne
untergegangen oder er ist noch nicht erschienen.
Als eine lange Zeit vergangen war, sagte der Knabe: »Sanna, du mußt
nicht schlafen; denn weißt du, wie der Vater gesagt hat, wenn man im
Gebirge schläft, muß man erfrieren, so wie der alte Eschenjäger auch
geschlafen hat und vier Monate tot auf dem Steine gesessen ist, ohne daß
jemand gewußt hatte, wo er sei.«
»Nein, ich werde nicht schlafen,« sagte das Mädchen matt.
Konrad hatte es an dem Zipfel des Kleides geschüttelt, um es zu jenen
Worten zu erwecken.
Nun war es wieder stille.
Nach einer Zeit empfand der Knabe ein sanftes Drücken gegen seinen
Arm, das immer schwerer wurde. Sanna war eingeschlafen und war gegen
ihn herübergesunken.
»Sanna, schlafe nicht, ich bitte dich, schlafe nicht,« sagte er.
»Nein,« lallte sie schlaftrunken, »ich schlafe nicht.«
Er rückte weiter von ihr, um sie in Bewegung zu bringen, allein sie sank
um und hätte auf der Erde liegend fortgeschlafen. Er nahm sie an der Schulter
und rüttelte sie. Da er sich dabei selber etwas stärker bewegte, merkte er, daß
ihn friere, und daß sein Arm schwerer sei. Er erschrak und sprang auf. Er
ergriff die Schwester, schüttelte sie stärker und sagte: »Sanna, stehe ein
wenig auf, wir wollen eine Zeit stehen, daß es besser wird.«
»Mich friert nicht, Konrad,« antwortete sie.
»Ja, ja, es friert dich, Sanna, stehe auf,« rief er.
»Die Pelzjacke ist warm,« sagte sie.
»Ich werde dir emporhelfen,« sagte er.
»Nein,« erwiderte sie und war still.
Da fiel dem Knaben etwas anderes ein. Die Großmutter hatte gesagt: Nur
ein Schlückchen wärmt den Magen so, daß es den Körper in den kältesten
Wintertagen nicht frieren kann.
Er nahm das Kalbfellränzchen, öffnete es und griff so lange, bis er das
Fläschchen fand, in welchem die Großmutter der Mutter einen schwarzen
Kaffeabsud schicken wollte. Er nahm das Fläschchen heraus, tat den Verband
weg und öffnete mit Anstrengung den Kork. Dann bückte er sich zu Sanna
und sagte: »Da ist der Kaffee, den die Großmutter der Mutter schickt, koste
ihn ein wenig, er wird dir warm machen. Die Mutter gibt ihn uns, wenn sie
nur weiß, wozu wir ihn nötig gehabt haben.«
Das Mädchen, dessen Natur zur Ruhe zog, antwortete: »Mich friert
nicht.«
»Nimm nur etwas,« sagte der Knabe, »dann darfst du schlafen.«
Diese Aussicht verlockte Sanna, sie bewältigte sich so weit, daß sie fast
das eingegossene Getränk verschluckte. Hierauf trank der Knabe auch etwas.
Der ungemein starke Auszug wirkte sogleich, und zwar um so heftiger, da
die Kinder in ihrem Leben keinen Kaffee gekostet hatten. Statt zu schlafen,
wurde Sanna nun lebhafter und sagte selber, daß sie friere, daß es aber von
innen recht warm sei und auch schon in die Hände und Füße gehe. Die
Kinder redeten sogar eine Weile miteinander.
So tranken sie trotz der Bitterkeit immer wieder von dem Getränk, sobald
die Wirkung nachzulassen begann, und steigerten ihre unschuldigen Nerven
zu einem Fieber, das imstande war, den zum Schlummer ziehenden
Gewichten entgegenzuwirken.
Es war nun Mitternacht gekommen. Weil sie noch so jung waren und an
jedem heiligen Abend in höchstem Drange der Freude erst sehr spät
entschlummerten, wenn sie nämlich der körperliche Drang übermannt hatte,
so hatten sie nie das mitternächtliche Läuten der Glocken, nie die Orgel der
Kirche gehört, wenn das Fest gefeiert wurde, obwohl sie nahe an der Kirche
wohnten. In diesem Augenblicke der heutigen Nacht wurde nun mit allen
Glocken geläutet, es läuteten die Glocken in Millsdorf, es läuteten die
Glocken in Gschaid, und hinter dem Berge war noch ein Kirchlein mit drei
hellen, klingenden Glocken, die läuteten. In den fernen Ländern draußen
waren unzählige Kirchen und Glocken, und mit allen wurde zu dieser Zeit
geläutet, von Dorf zu Dorf ging die Tonwelle, ja man konnte wohl zuweilen
von einem Dorfe zum andern durch die blätterlosen Zweige das Läuten
hören: nur zu den Kindern herauf kam kein Laut, hier wurde nichts
vernommen; denn hier war nichts zu verkündigen. In den Talkrümmen
gingen jetzt an den Berghängen die Lichter der Laternen hin, und von
manchem Hofe tönte das Hausglöcklein, um die Leute zu erinnern; aber
dieses konnte um so weniger heraufgesehen und gehört werden, es glänzen
nur die Sterne, und sie leuchteten und funkelten ruhig fort.
Wenn auch Konrad sich das Schicksal des erfrorenen Eschenjägers vor
Augen hielt, wenn auch die Kinder das Fläschchen mit dem schwarzen
Kaffee fast ausgeleert hatten, wodurch sie ihr Blut zu größerer Tätigkeit
brachten, aber gerade dadurch eine folgende Ermattung herbeizogen: so
würden sie den Schlaf nicht haben überwinden können, dessen verführende
Süßigkeit alle Gründe überwiegt, wenn nicht die Natur in ihrer Größe ihnen
beigestanden wäre und in ihrem Innern eine Kraft aufgerufen hätte, welche
imstande war, dem Schlaf zu widerstehen.
In der ungeheuern Stille, die herrschte, in der Stille, in der sich kein
Schneespitzchen zu rühren schien, hörten die Kinder dreimal das Krachen des
Eises. Was das Starrste scheint und doch das Regsamste und Lebendigste ist,
der Gletscher, hatte die Töne hervorgebracht. Dreimal hörten sie hinter sich
den Schall, der entsetzlich war, als ob die Erde entzweigesprungen wäre, der
sich nach allen Richtungen im Eise verbreitete und gleichsam durch alle
Äderchen des Eises lief. Die Kinder blieben mit offenen Augen sitzen und
schauten in die Sterne hinaus.
Auch für die Augen begann sich etwas zu entwickeln. Wie die Kinder so
saßen, erblühte am Himmel vor ihnen ein bleiches Licht mitten unter den
Sternen und spannte einen schwachen Bogen durch dieselben. Es hatte einen
grünlichen Schimmer, der sich sachte nach unten zog. Aber der Bogen wurde
immer heller und heller, bis sich die Sterne vor ihm zurückzogen und
erblaßten. Auch in andere Gegenden des Himmels sandte er einen Schein, der
schimmergrün sachte und lebendig unter die Sterne floß. Dann standen
Garben verschiedenen Lichtes auf der Höhe des Bogens wie Zacken einer
Krone und brannten. Es floß hell durch die benachbarten Himmelsgegenden,
es sprühte leise und ging in sanftem Zucken durch lange Räume. Hatte sich
nun der Gewitterstoff des Himmels durch den unerhörten Schneefall so
gespannt, daß er in diesen stummen, herrlichen Strömen des Lichtes ausfloß,
oder war es eine andere Ursache der unergründlichen Natur: nach und nach
wurde er schwächer und immer schwächer, die Garben erloschen zuerst, bis
es allmählich und unmerklich immer geringer wurde, und wieder nichts am
Himmel war als die tausend und tausend einfachen Sterne.
Die Kinder sagten keines zu dem andern ein Wort, sie blieben fort und
fort sitzen und schauten mit offenen Augen in den Himmel.
Es geschah nun nichts Besonderes mehr. Die Sterne glänzten, funkelten
und zitterten, nur manche schießende Schnuppe fuhr durch sie.
Endlich, nachdem die Sterne lange allein geschienen hatten, und nie ein
Stückchen Mond an dem Himmel zu erblicken gewesen war, geschah etwas
anderes. Es fing der Himmel an, heller zu werden, langsam heller, aber doch
zu erkennen; es wurde seine Farbe sichtbar, die bleichsten Sterne erloschen
und die andern standen nicht mehr so dicht. Endlich wichen auch die
stärkeren, und der Schnee vor den Höhen wurde deutlicher sichtbar. Zuletzt
färbte sich eine Himmelsgegend gelb, und ein Wolkenstreifen, der in
derselben war, wurde zu einem leuchtenden Faden entzündet. Alle Dinge
waren klar zu sehen, und die entfernten Schneehügel zeichneten sich scharf in
die Luft.
»Sanna, der Tag bricht an,« sagte der Knabe.
»Ja, Konrad,« antwortete das Mädchen.
»Wenn es nur noch ein bißchen heller wird, dann gehen wir aus der
Höhle und laufen über den Berg hinunter.«
Es wurde heller, an dem ganzen Himmel war kein Stern mehr sichtbar,
und alle Gegenstände standen in der Morgendämmerung da.
»Nun, jetzt gehen wir,« sagte der Knabe.
»Ja, wir gehen,« antwortete Sanna.
Die Kinder standen auf und versuchten ihre erst heute recht müden
Glieder. Obwohl sie nicht geschlafen hatten, waren sie doch durch den
Morgen gestärkt, wie das immer so ist. Der Knabe hing sich das
Kalbfellränzchen um und machte das Pelzjäckchen an Sanna fester zu. Dann
führte er sie aus der Höhle.
Weil sie nach ihrer Meinung nur über den Berg hinabzulaufen hatten,
dachten sie an kein Essen und untersuchten das Ränzchen nicht, ob noch
Weißbrot oder andere Eßwaren darinnen seien.
Von dem Berge wollte nun Konrad, weil der Himmel ganz heiter war, in
die Täler hinabschauen, um das Gschaider Tal zu erkennen und in dasselbe
hinunterzugehen. Aber er sah gar keine Täler. Es war nicht, als ob sie sich auf
einem Berge befänden, von dem man hinabsieht, sondern in einer fremden,
seltsamen Gegend, in der lauter unbekannte Gegenstände sind. Sie sahen
heute auch in größerer Entfernung furchtbare Felsen aus dem Schnee
emporstehen, die sie gestern nicht gesehen hatten, sie sahen das Eis, sie sahen
Hügel und Schneelehnen emporstarren, und hinter diesen war entweder der
Himmel oder es ragte die blaue Spitze eines sehr fernen Berges am
Schneerande hervor.
In diesem Augenblicke ging die Sonne auf.
Eine riesengroße, blutrote Scheibe erhob sich an dem Schneesaume in
den Himmel, und in dem Augenblicke errötete der Schnee um die Kinder, als
wäre er mit Millionen Rosen überstreut worden. Die Kuppen und die Hörner
warfen sehr lange, grünliche Schatten längs des Schnees.
»Sanna, wir werden jetzt da weiter vorwärtsgehen bis wir an den Rand
des Berges kommen, und hinuntersehen,« sagte der Knabe.
Sie gingen nun in den Schnee hinaus. Er war in der heiteren Nacht noch
trockener geworden und wich den Tritten noch besser aus. Sie wateten rüstig
fort. Ihre Glieder wurden sogar geschmeidiger und stärker, da sie gingen.
Allein, sie kamen an keinen Rand und sahen nicht hinunter. Schneefeld
entwickelte sich aus Schneefeld, und am Saume eines jeden stand alle Male
wieder der Himmel.
Sie gingen desungeachtet fort.
Da kamen sie wieder in das Eis. Sie wußten nicht, wie das Eis daher
gekommen sei, aber unter den Füßen empfanden sie den glatten Boden, und
waren gleich nicht die fürchterlichen Trümmer, wie an jenem Rande, an dem
sie die Nacht zugebracht hatten, so sahen sie doch, daß sie auf glattem Eise
fortgingen, sie sahen hie und da Stücke, die immer mehr wurden, die sich
näher an sie drängten, und die sie wieder zu klettern zwangen.
Aber sie verfolgten doch ihre Richtung.
Sie kletterten neuerdings an Blöcken empor. Da standen sie wieder auf
dem Eisfelde. Heute bei der hellen Sonne konnten sie erst erblicken, was es
ist. Es war ungeheuer groß, und jenseits standen wieder schwarze Felsen
empor, es ragte gleichsam Welle hinter Welle auf, das beschneite Eis war
gedrängt, gequollen, emporgehoben, gleichsam als schöbe es sich nach
vorwärts und flösse gegen die Brust der Kinder heran. In dem Weiß sahen sie
unzählige vorwärtsgehende, geschlängelte blaue Linien. Zwischen jenen
Stellen, wo die Eiskörper gleichsam wie aneinandergeschmettert starrten,
gingen auch Linien wie Wege, aber sie waren weiß und waren Streifen, wo
sich fester Eisboden vorfand, oder die Stücke doch gar nicht so sehr
verschoben waren. In diese Pfade gingen die Kinder hinein, weil sie doch
einen Teil des Eises überschreiten wollten, um an den Bergrand zu gelangen
und endlich einmal hinunterzusehen. Sie sagten kein Wörtlein. Das Mädchen
folgte dem Knaben. Aber es war auch heute wieder Eis, lauter Eis. Wo sie
hinübergelangen wollten, wurde es gleichsam immer breiter und breiter. Da
schlugen sie ihre Richtung aufgebend den Rückweg ein. Wo sie nicht gehen
konnten, griffen sie sich durch die Mengen des Schnees hindurch, der oft
dicht vor ihrem Auge wegbrach und den sehr blauen Streifen einer Erdspalte
zeigte, wo doch früher alles weiß gewesen war; aber sie kümmerten sich
nicht darum, sie arbeiteten sich fort, bis sie wieder irgendwo aus dem Eise
herauskamen.
»Sanna,« sagte der Knabe, »wir werden gar nicht mehr in das Eis
hineingehen, weil wir in demselben nicht fortkommen. Und weil wir schon in
unser Tal gar nicht hinabsehen können, so werden wir gerade über den Berg
hinabgehen. Wir müssen in ein Tal kommen, dort werden wir den Leuten
sagen, daß wir aus Gschaid sind, die werden uns einen Wegweiser nach
Hause mitgeben.«
»Ja, Konrad,« sagte das Mädchen.
So begannen sie nun in dem Schnee nach jener Richtung abwärts zu
gehen, welche sich ihnen eben darbot. Der Knabe führte das Mädchen an der
Hand. Allein, nachdem sie eine Weile abwärts gegangen waren, hörte in
dieser Richtung das Gehänge auf, und der Schnee stieg wieder empor. Also
änderten die Kinder die Richtung und gingen nach der Länge einer Mulde
hinab. Aber da fanden sie wieder Eis. Sie stiegen also an der Seite der Mulde
empor, um nach einer andern Richtung ein Abwärts zu suchen. Es führte sie
eine Fläche hinab, allein die wurde nach und nach so steil, daß sie kaum noch
einen Fuß einsetzen konnten und abwärts zu gleiten fürchteten. Sie klommen
also wieder empor, um wieder einen andern Weg nach abwärts zu suchen.
Nachdem sie lange im Schnee emporgeklommen und dann auf einem ebenen
Rücken fortgelaufen waren, war es wie früher: entweder ging der Schnee so
steil ab, daß sie gestürzt wären, oder er stieg wieder hinan, daß sie auf den
Berggipfel zu kommen fürchteten. Und so ging es immer fort.
Da wollten sie die Richtung suchen, in der sie gekommen waren, und zur
roten Unglückssäule hinabgehen. Weil es nicht schneit, und der Himmel so
hell ist, so würden sie, dachte der Knabe, die Stelle schon erkennen, wo die
Säule sein solle, und würden von dort nach Gschaid hinabgehen können.
Der Knabe sagte diesen Gedanken dem Schwesterchen, und diese folgte.
Allein auch der Weg auf den Hals hinab war nicht zu finden.
So klar die Sonne schien, so schön die Schneehöhen dastanden, und die
Schneefelder dalagen, so konnten sie doch die Gegenden nicht erkennen,
durch die sie gestern heraufgegangen waren. Gestern war alles durch den
fürchterlichen Schneefall verhängt gewesen, daß sie kaum einige Schritte von
sich gesehen hatten, und da war alles ein einziges Weiß und Grau
durcheinander gewesen. Nur die Felsen hatten sie gesehen, an denen und
zwischen denen sie gegangen waren: allein auch heute hatten sie bereits viele
Felsen gesehen, die alle den nämlichen Anschein gehabt hatten, wie die
gestern gesehenen. Heute ließen sie frische Spuren in dem Schnee zurück;
aber gestern sind alle Spuren von dem fallenden Schnee verdeckt worden.
Auch aus dem bloßen Anblick konnten sie nicht erraten, welche Gegend auf
den Hals führe, da alle Gegenden gleich waren. Schnee, lauter Schnee. Sie
gingen aber doch immer fort und meinten, es zu erringen. Sie wichen den
steilen Abstürzen aus und kletterten keine steilen Anhöhen hinauf.
Auch heute blieben sie öfter stehen, um zu horchen; aber sie vernahmen
auch heute nichts, nicht den geringsten Laut. Zu sehen war auch nichts als der
Schnee, der helle weiße Schnee, aus dem hie und da die schwarzen Hörner
und die schwarzen Steinrippen emporstanden.
Endlich war es dem Knaben, als sähe er auf einem fernen, schiefen
Schneefelde ein hüpfendes Feuer. Es tauchte auf, es tauchte nieder. Jetzt
sahen sie es, jetzt sahen sie es nicht. Sie blieben stehen und blickten
unverwandt auf jene Gegend hin. Das Feuer hüpfte immer fort, und es schien,
als ob es näher käme; denn sie sahen es größer und sahen das Hüpfen
deutlicher. Es verschwand nicht mehr so oft und nicht mehr auf so lange Zeit
wie früher. Nach einer Weile vernahmen sie in der stillen blauen Luft
schwach, sehr schwach etwas wie einen lange anhaltenden Ton aus einem
Hirtenhorne. Wie aus Instinkt schrieen beide Kinder laut. Nach einer Zeit
hörten sie den Ton wieder. Sie schrieen wieder und blieben auf der nämlichen
Stelle stehen. Das Feuer näherte sich auch. Der Ton wurde zum dritten Male
vernommen, und dieses Mal deutlicher. Die Kinder antworteten wieder durch
lautes Schreien. Nach einer geraumen Weile erkannten sie auch das Feuer. Es
war kein Feuer, es war eine rote Fahne, die geschwungen wurde. Zugleich
ertönte das Hirtenhorn näher, und die Kinder antworteten.
»Sanna,« rief der Knabe, »da kommen Leute aus Gschaid, ich kenne die
Fahne, es ist die rote Fahne, welche der fremde Herr, der mit dem jungen
Eschenjäger den Gars bestiegen hatte, auf dem Gipfel aufpflanzte, daß sie der
Herr Pfarrer mit dem Fernrohre sähe, was als Zeichen gälte, daß sie oben
seien, und welche Fahne damals der fremde Herr dem Herrn Pfarrer
geschenkt hat. Du warst noch ein recht kleines Kind.«
»Ja, Konrad.«
Nach einer Zeit sahen die Kinder auch die Menschen, die bei der Fahne
waren, kleine schwarze Stellen, die sich zu bewegen schienen. Der Ruf des
Hornes wiederholte sich von Zeit zu Zeit und kam immer näher. Die Kinder
antworteten jedesmal.
Endlich sahen sie über den Schneeabhang gegen sich her mehrere Männer
mit ihren Stöcken herabfahren, die die Fahne in ihrer Mitte hatten. Da sie
näherkamen, erkannten sie dieselben. Es war der Hirt Philipp mit dem Horne,
seine zwei Söhne, dann der junge Eschenjäger und mehrere Bewohner von
Gschaid.
»Gebenedeiet sei Gott,« schrie Philipp, »da seid ihr ja. Der ganze Berg ist
voll Leute. Laufe doch einer gleich in die Sideralpe hinab und läute die
Glocke, daß die dort hören, daß wir sie gefunden haben, und einer muß auf
den Krebsstein gehen und die Fahne dort aufpflanzen, daß sie dieselbe in dem
Tale sehen und die Böller abschießen, damit die es wissen, die im Millsdorfer
Walde suchen, und damit sie in Gschaid die Rauchfeuer anzünden, die in der
Luft gesehen werden, und alle, die noch auf dem Berge sind, in die Sideralpe
hinab bedeuten. Das sind Weihnachten!«
»Ich laufe in die Alpe hinab,« sagte einer.
»Ich trage die Fahne auf den Krebsstein,« sagte ein anderer.
»Und wir werden die Kinder in die Sideralpe hinabbringen, so gut wir es
vermögen, und so gut uns Gott helfe,« sagte Philipp.
Ein Sohn Philipps schlug den Weg nach abwärts ein, und der andere ging
mit der Fahne durch den Schnee dahin.
Der Eschenjäger nahm das Mädchen bei der Hand, der Hirt Philipp den
Knaben. Die andern halfen, wie sie konnten. So begann man den Weg. Er
ging in Windungen. Bald gingen sie nach einer Richtung, bald schlugen sie
die entgegengesetzte ein, bald gingen sie abwärts, bald aufwärts. Immer ging
es durch Schnee, immer durch Schnee, und die Gegend blieb sich beständig
gleich. Über sehr schiefe Flächen taten sie Steigeisen an die Füße und trugen
die Kinder. Endlich nach langer Zeit hörten sie ein Glöckchen, das sanft und
fein zu ihnen heraufkam und das erste Zeichen war, das ihnen die niederen
Gegenden wieder zusandten. Sie mußten wirklich sehr tief herabgekommen
sein; denn sie sahen ein Schneehaupt recht hoch und recht blau über sich
ragen. Das Glöcklein aber, das sie hörten, war das der Sideralpe, das geläutet
wurde, weil dort die Zusammenkunft verabredet war. Da sie noch weiter
kamen, hörten sie auch schwach in die stille Luft die Böllerschüsse herauf,
die infolge der ausgesteckten Fahne abgefeuert wurden, und sahen dann in
die Luft feine Rauchsäulen aufsteigen.
Da sie nach einer Weile über eine sanfte, schiefe Fläche abgingen,
erblickten sie die Sideralphütte. Sie gingen auf sie zu. In der Hütte brannte
ein Feuer, die Mutter der Kinder war da, und mit einem furchtbaren Schrei
sank sie in den Schnee zurück, als sie die Kinder mit dem Eschenjäger
kommen sah.
Dann lief sie herzu, betrachtete sie überall, wollte ihnen zu essen geben,
wollte sie wärmen, wollte sie in vorhandenes Heu legen; aber bald überzeugte
sie sich, daß die Kinder durch die Freude stärker seien, als sie gedacht hatte,
daß sie nur einiger warmer Speisen bedurften, die sie bekamen, und daß sie
nur ein wenig ausruhen mußten, was ihnen ebenfalls zuteil werden sollte.
Da nach einer Zeit der Ruhe wieder eine Gruppe Männer über die
Schneefläche herabkam, während das Hüttenglöcklein immer fortläutete,
liefen die Kinder selber mit den andern hinaus, um zu sehen, wer es sei. Der
Schuster war es, der einstige Alpensteiger, mit Alpenstock und Steigeisen,
begleitet von seinen Freunden und Kameraden.
»Sebastian, da sind sie,« schrie das Weib.
Er aber war stumm, zitterte und lief auf sie zu. Dann rührte er die Lippen,
als wollte er etwas sagen, sagte aber nichts, riß die Kinder an sich und hielt
sie lange. Dann wandte er sich gegen sein Weib, schloß es an sich und rief:
»Sanna, Sanna!«
Nach einer Weile nahm er den Hut, der ihm in den Schnee gefallen war,
auf, trat unter die Männer und wollte reden. Er sagte aber nur: »Nachbarn,
Freunde, ich danke euch.«
Da man noch gewartet hatte, bis die Kinder sich zur Beruhigung erholt
hatten, sagte er: »Wenn wir alle beisammen sind, so können wir in Gottes
Namen aufbrechen.«
»Es sind wohl noch nicht alle,« sagte der Hirt Philipp, »aber die noch
abgehen, wissen aus dem Rauche, daß wir die Kinder haben, und sie werden
schon nach Hause gehen, wenn sie die Alphütte leer finden.«
Man machte sich zum Aufbruch bereit.
Man war von der Sideralphütte gar nicht weit von Gschaid entfernt, aus
dessen Fenstern man im Sommer recht gut die grüne Matte sehen konnte, auf
der die graue Hütte mit dem kleinen Glockentürmlein stand; aber es war
unterhalb eine fallrechte Wand, die viele Klafter hoch hinabging, und auf der
man im Sommer nur mit Steigeisen, im Winter gar nicht hinabkommen
konnte. Man mußte daher den Umweg zum Halse machen, um von der
Unglückssäule aus nach Gschaid hinabzukommen. Auf dem Wege gelangte
man über die Siderwiese, die noch näher an Gschaid ist, so daß man die
Fenster des Dörfleins zu erblicken meinte.
Als man über diese Wiese ging, tönte hell und deutlich das Glöcklein der
Gschaider Kirche herauf, die Wandlung des heiligen Hochamtes verkündend.
Der Pfarrer hatte wegen der allgemeinen Bewegung, die am Morgen in
Gschaid war, die Abhaltung des Hochamtes verschoben, da er dachte, daß die
Kinder zum Vorschein kommen würden. Allein endlich, da noch immer
keine Nachricht eintraf, mußte die heilige Handlung doch vollzogen werden.
Als das Wandlungsglöcklein tönte, sanken alle, die über die Siderwiese
gingen, auf die Knie in den Schnee und beteten. Als der Klang des Glöckleins
aus war, standen sie auf und gingen weiter.
Der Schuster trug meistens das Mädchen und ließ sich von ihm alles
erzählen.
Als sie schon gegen den Wald des Halses kamen, trafen sie Spuren, von
denen der Schuster sagte: »Das sind keine Fußstapfen von Schuhen meiner
Arbeit.«
Die Sache klärte sich bald auf. Wahrscheinlich durch die vielen Stimmen,
die auf dem Platze tönten, angelockt, kam wieder eine Abteilung Männer auf
die Herabgehenden zu. Es war der aus Angst aschenhaft entfärbte Färber, der
an der Spitze seiner Knechte, seiner Gesellen und mehrerer Millsdorfer
bergab kam.
»Sie sind über das Gletschereis und über die Schründe gegangen, ohne es
zu wissen,« rief der Schuster seinem Schwiegervater zu.
»Da sind sie ja – da sind sie ja – Gott sei Dank,« antwortete der Färber,
»ich weiß es schon, daß sie oben waren, als dein Bote in der Nacht zu uns
kam, und wir mit Lichtern den ganzen Wald durchsucht und nichts gefunden
hatten – und als dann das Morgengrau anbrach, bemerkte ich an dem Wege,
der von der roten Unglückssäule links gegen den Schneeberg hinanführt, daß
dort, wo man eben von der Säule weggeht, hin und wieder mehrere
Reiserchen und Rütchen geknickt sind, wie Kinder gern tun, wo sie eines
Weges gehen – da wußte ich es – die Richtung ließ sie nicht mehr aus, weil
sie in der Höhlung gingen, weil sie zwischen den Felsen gingen, und weil sie
dann auf dem Grat gingen, der rechts und links so steil ist, daß sie nicht
hinabkommen konnten. Sie mußten hinauf. Ich schickte nach dieser
Beobachtung gleich nach Gschaid, aber der Holzknecht Michael, der
hinüberging, sagte bei der Rückkunft, da er uns fast am Eise oben traf, daß
ihr sie schon habt, weshalb wir wieder heruntergingen.«
»Ja,« sagte Michael, »ich habe es gesagt, weil die rote Fahne schon auf
dem Krebssteine steckt, und die Gschaider dieses als Zeichen erkannten, das
verabredet worden war. Ich sagte euch, daß auf diesem Wege da alle
herabkommen müssen, weil man über die Wand nicht gehen kann.«
»Und knie nieder und danke Gott auf den Knien, mein Schwiegersohn,«
fuhr der Färber fort, »daß kein Wind gegangen ist. Hundert Jahre werden
wieder vergehen, daß ein so wunderbarer Schneefall niederfällt, und daß er
gerade niederfällt, wie nasse Schnüre von einer Stange hängen. Wäre ein
Wind gegangen, so wären die Kinder verloren gewesen.«
»Ja, danken wir Gott, danken wir Gott,« sagte der Schuster.
Der Färber, der seit der Ehe seiner Tochter nie in Gschaid gewesen war,
beschloß, die Leute nach Gschaid zu begleiten.
Da man schon gegen die rote Unglückssäule zu kam, wo der Holzweg
begann, wartete ein Schlitten, den der Schuster auf alle Fälle dahinbestellt
hatte. Man tat die Mutter und die Kinder hinein, versah sie hinreichend mit
Decken und Pelzen, die im Schlitten waren, und ließ sie nach Gschaid
vorausfahren.
Die andern folgten und kamen am Nachmittage in Gschaid an.
Die, welche noch auf dem Berge gewesen waren und erst durch den
Rauch das Rückzugszeichen erfahren hatten, fanden sich auch nach und nach
ein. Der letzte, welcher erst am Abende kam, war der Sohn des Hirten
Philipp, der die rote Fahne auf den Krebsstein getragen und sie dort
aufgepflanzt hatte. In Gschaid wartete die Großmutter, welche
herübergefahren war.
»Nie, nie,« rief sie aus, »dürfen die Kinder in ihrem ganzen Leben mehr
im Winter über den Hals gehen.«
Die Kinder waren von dem Getriebe betäubt. Sie hatten noch etwas zu
essen bekommen, und man hatte sie in das Bett gebracht. Spät gegen Abend,
da sie sich ein wenig erholt hatten, da einige Nachbarn und Freunde sich in
der Stube eingefunden hatten und dort von dem Ereignisse redeten, die
Mutter aber in der Kammer an dem Bettchen Sannas saß und sie streichelte,
sagte das Mädchen: »Mutter, ich habe heut nachts, als wir auf dem Berge
saßen, den heiligen Christ gesehen.«
»O, du mein geduldiges, du mein liebes, du mein herziges Kind,«
antwortete die Mutter, »er hat dir auch Gaben gesendet, die du bald
bekommen wirst.«
Die Schachteln waren ausgepackt worden, die Lichter waren angezündet,
die Tür in die Stube wurde geöffnet, und die Kinder sahen von dem Bette auf
den verspäteten helleuchtenden freundlichen Christbaum hinaus. Trotz der
Erschöpfung mußte man sie noch ein wenig ankleiden, daß sie hinausgingen,
die Gaben empfingen, bewunderten und endlich mit ihnen entschliefen.
In dem Wirtshause in Gschaid war es an diesem Abend lebhafter als je.
Alle, die nicht in der Kirche gewesen waren, waren jetzt dort, und die andern
auch. Jeder erzählte, was er gesehen und gehört, was er getan, was er geraten,
und was für Begegnisse und Gefahren er erlebt hatte. Besonders aber wurde
hervorgehoben, wie man alles hätte anders und besser machen können.
Das Ereignis hatte einen Abschnitt in die Geschichte von Gschaid
gebracht, es hat auf lange den Stoff zu Gesprächen gegeben, und man wird
noch nach Jahren davon reden, wenn man den Berg an heitern Tagen
besonders deutlich sieht, oder wenn man den Fremden von seinen
Merkwürdigkeiten erzählt.
Die Kinder waren von dem Tage an erst recht das Eigentum des Dorfes
geworden, sie wurden von nun an nicht mehr als Auswärtige, sondern als
Eingeborene betrachtet, die man sich von dem Berge herabgeholt hatte.
Auch ihre Mutter Sanna war nun eine Eingeborene von Gschaid.
Die Kinder aber werden den Berg nicht vergessen und werden ihn jetzt
noch ernster betrachten, wenn sie in dem Garten sind, wenn wie in der
Vergangenheit die Sonne sehr schön scheint, der Lindenbaum duftet, die
Bienen summen, und er so schön und so blau wie das sanfte Firmament auf
sie herniederschaut.
Katzensilber.
In einem abgelegenen, aber sehr schönen Teile unseres Vaterlandes steht
ein stattlicher Hof. Er steht auf einem kleinen Hügel und ist auf einer Seite
von seinen Feldern und seinen Wiesen, und auf der andern von seinem
kleinen Walde umgeben. Man sollte eigentlich auch einen Garten hierher
rechnen; aber es würde doch eine unrechte Benennung sein; denn Gärten der
Art, wie sie in allen Ländern im Brauche sind, gibt es in jenem
hochgelegenen, mit Hügeln und Waldesspitzen besetzten Landesteile nicht,
weil die Stürme des Winters und die Fröste des Frühlings und des Herbstes
allen jenen Gewächsen übel mitspielen, die man vorzugsweise in Gärten
hegt; aber der Besitzer des Hofes hat gegen eine Sandlehne hin, die steil
abfällt und in den warmen Lagen die Sonnenstrahlen recht heiß zurückwirft,
Bäume gepflanzt, die auf weichem, schönem Rasen stehen, vor den Abend-,
Mitternacht- und Morgenwinden geschützt sind, durch die höhere und
eingeschlossene Lage vor dem Reife bewahrt werden und auf ihrem warmen
Platze so schnell gewachsen sind, daß sie auf ihren Edelreisern, die ihnen
eingesetzt worden und zu bedeutenden Ästen gediehen sind, jährlich die
großen schwarzen Kirschen, die Weichseln, die Birnen und die rotwangigen
Äpfel tragen. Von den kleineren Gewächsen, als Johannisbeeren,
Stachelbeeren, Erdbeeren, rede ich nicht. Sogar Pfirsiche und Aprikosen
reifen an einer an der Sandlehne aufgeführten Mauer dann, wenn sich ein
heißer Sommer ereignet, und wenn man das Zuhüllen durch eine Rohrmappe
an kühlen Frühlingsabenden nicht vergessen hat. Seine Blumen hegt der
Besitzer in verschiedenen gläsernen Häusern, stellt sie an schönen Tagen und
in den warmen Sommermonaten auf die hölzernen Gestelle vor dem Hause
oder in die Fenster. Selbst in den Zimmern sieht man die schönsten auf dazu
eingerichteten Tischen stehen. Diejenigen, welche für die Luft und das
Wetter des Landes eingerichtet sind, stehen in dem freien Grunde.
Wenn man über die Sandlehne emporgegangen ist, steigt noch ein Felsen
auf, der dem Berge Festigkeit gibt, dessen Geschiebe nicht gegen den Garten
absinken läßt und zur Vermehrung der Wärme nicht wenig beiträgt. Der
Besitzer des Hofes hat einen Weg mit festem Geländer durch die Sandlehne
und um den Felsen empor anlegen lassen, weil man von dort recht schön auf
das Haus, auf den Garten und auf die Landschaft niedersieht. Er hat an
einigen Stellen Bänkchen anbringen lassen, daß man da sitzen und die Dinge
mit Ruhe betrachten kann. Hinter dem Felsen gegen mitternachtwärts geht
Gebüsch, dann folgen noch auf dem immer ansteigenden Boden einzelne
Eichen und Birken, dann der Nadelwald, der den Gipfel einnimmt und das
Schauspiel beschließt.
Um das Haus liegen, wie es in jenem Lande immer vorkommt, in näheren
und ferneren Kreisen Hügel, die mit Feldern und Wiesen bedeckt sind,
manches Bauernhaus, manchen Meierhof zeigen und auf dem Gipfel
jedesmal den Wald tragen, der wie nach einem verabredeten Gesetze alle
Gipfel jenes hügeligen Landes besetzt. Zwischen den Hügeln, die oft, ohne
daß man es ahnt, in steile Schluchten abfallen, gehen Bäche, ja zuweilen
Gießbäche, über welche Stege und in abgelegenen Teilen gar nur
Baumstämme führen. Regelmäßige Brücken haben nur die Fahrwege, wo sie
über einen solchen Bach gehen müssen. Das ganze Land geht gegen
Mitternacht immer mehr empor, bis die größeren, düsteren, weitgedehnten
Wälder kommen, die den Beginn der böhmischen Länder bezeichnen. Gegen
mittag sieht man die freundliche blaue Kette der Hochgebirge an dem
Himmel dahinstreichen.
Der Besitzer des Hofes war einmal als ein sehr junger Mensch in die Welt
gegangen und hatte viele Dinge erfahren und viele Menschen kennengelernt.
Als er herangereift, als ihm der Vater gestorben war und er von ihm und zwei
unverehelichten Oheimen eine hinreichende Habe geerbt hatte, ging er mit
der Erbschaft und dem, was er sich selber erworben hatte, auf beständig in
das Land seiner Geburt zurück, das er früher nur zuweilen besucht hatte, und
baute dort die Gebäude des Vaterhauses um und noch so viel daran, bis der
liebliche Hof dastand. Dann holte er sich aus der entfernten Hauptstadt ein
sehr schönes Mädchen und wurde mit demselben in der kleinen Pfarrkirche
eingesegnet. Er wollte lieber in der traulichen Einöde seiner Heimat als
beständig unter dem Geräusche der vielen und fremden Menschen der
Hauptstadt leben. Wenn es aber Winter wurde, dann ging er mit der Gattin in
ihre Geburtsstadt, um eine Weile dort zu sein und zu sehen, was die
Menschen indessen wieder gefördert, was auf geistigem Felde sich
zugetragen und im Zusammenleben sich geändert hat. Mit der Rückkehr der
Sonne kam er wieder auf seinen Hof.
Auf demselben lebte auch seine Mutter, welche nie aus ihrer Heimat
entfernt gewesen war, nur die nächsten Orte kannte und bloß ein einziges Mal
in der Hauptstadt des Landes gewesen war. Sie nahm die Tochter liebreich
auf, und es war reizend, wenn die schöne junge Gattin neben der ältlichen
Frau ging, die die Tracht des Landes trug. Während des Aufenthaltes der
Eheleute in der Hauptstadt hütete sie den Hof und besorgte und ordnete alles.
Wenn sie kommen sollten, sandte sie den Knecht mit den Pferden entgegen
und sah ihm nach, wenn der Wagen den Hügel hinabfuhr.
Sogleich ging der tätige Sohn wieder an die unterbrochene Arbeit.
Anlagen wurden erweitert, neue begonnen, das Haus verbessert und
verschönert, und die Geschäfte des Feldes geführt. Man sah ihn unter seinem
Gesinde und unter seinen Leuten.
Nach zwei Jahren schickte der Himmel einen Zuwachs der Familie, es
erschien das Töchterlein Emma. Gatte und Gattin, die bisher Sohn und
Tochter geheißen hatten, wurden jetzt Vater und Mutter, und die Mutter
wurde Großmutter.
Sie nahm das Kindlein und lehrte die Tochter manche Dinge, wie es zu
behandeln sei.
Als dem Mädchen die Härlein auf dem Haupte sich zu ringeln begannen
und in schöner blonder Farbe herabfielen, erschien das zweite, dunkle
Schwesterlein Clementine, dessen Haupt schon bei der Geburt beschattet war,
und an dem sich bald die schwarzen Ringlein bildeten.
Wenn nun nicht mehr der Vater und Mutter allein im Winter wegfuhren,
sondern auch die Kindlein, hatte die Großmutter nun mehr zu sorgen, sie
hatte für viere zu fürchten, und wenn sie kamen, fanden sie die Gelasse für
viere noch wohnlicher eingerichtet.
Die Kindlein wuchsen empor. Sie hatten einen unschuldigen Mund, rote
Wänglein, große Augen und eine reine Stirn, und das eine hatte um dieselbe
die blonden, seidenweichen Locken des Vaters, das andere die schwarzen der
Mutter.
Großmutter war ihre Gespielin, sie lockte sie in ihr Gemach, sie siedelte
sich mit ihnen im Garten an, in der schattigen Laube am Stamme des
Apfelbaumes oder in den Glashäusern oder an der Lehne des Sandes.
Da sie schon größer waren, da sie mit den Füßlein über Hügel und Täler
gehen konnten, da die Körperchen schlanker und behender emporzielten,
gingen sie mit Großmutter auf den hohen Nußberg. Wenn der Hafer bleichte,
und das Korn und die Gerste in der Scheune zur Ruhe war, dann färbten sich
die Haselnüsse mit braunen oder rosenfarbenen Wänglein.
Die Kinder hatten beide Strohhüte auf, sie hatten Kleider, aus deren
Ärmeln die Arme hervorgingen, sie hatten weiße Höschen und hatten
Schuhe, die so stark waren, daß sie das Gerölle des Berges nicht empfanden.
An der Hand trugen sie ein Körblein, in der andern eine weiße Rute mit
einem Haken, daß sie die Haselzweige herabbeugen konnten. Die Rute war
selber von einem Haselstrauche genommen und war abgeschält worden. Sie
gingen unter den Obstbäumen hin, sie gingen hinter den Glashäusern in der
Sandlehne empor, sie hielten sich mit den Händchen an dem Geländer, und
sie rasteten auf den Sitzen. Wenn sie in den Felsen hinaufgekommen waren,
saßen sie auf einem Bänklein oder auf einem Stücke Stein, nahmen eine
Stecknadel aus den Bändern ihres Hutes oder baten die Großmutter um ein
spitziges Messerlein, das sie in ihrer Armtasche hatte, und gruben die kleinen
feinen Blättchen und Flinserchen aus den Steinen, die da staken und so
funkelten und glänzten. Sie taten dieselben in ein Papierchen und hoben sie
im Schürzensäckchen oder in der Armtasche der Großmutter auf. Die
Großmutter wartete auf sie oder half ihnen oder erzählte Geschichten. Wenn
sie noch höher hinaufkamen, da war wieder die Erde, und auf ihr war das
Heidekraut und die Gräser und Kräuter, und da stand auch ein
Wacholderstrauch oder der Strunk einer Birke, oder eine Distel. Und bei
denselben saßen sie wieder nieder und ruhten wieder. Sie waren die einzigen
weißen Punkte, und um sie waren die Hügel, die von den lichten Stoppeln der
Ernte glänzten oder von den gepflügten Feldern brannten oder von dem Grün
der Gewächse, die man nach der Ernte gebaut hatte, mannigfach gefärbt
waren, da lagen die Täler, die Wiesen mit dem zweiten Grün, oder ein
glänzendes Wasser, es erklommen die Wäldchen die Gipfel der Hügel, ein
Erdbruch leuchtete, ein Häuschen oder ein Gemäuer von Höfen schimmerte,
und weit, weit draußen lagen die blauen Berge, die mit den schwachen Felsen
durchwirkt waren und die kleinen Täfelchen von Schnee zeigten.
Da sie einmal in dem dürren Grase saßen und die hohen Halme wankten,
erzählte die Großmutter folgende Geschichte: »Wo dort hinter dem spitzigen
Walde die weißen Wolken ziehen, liegt das Hagenbucher Haus. Der
Hagenbucher war ein strenger Mann, und es konnte kein Dienstbote bei ihm
aushalten, und kein Knecht und keine Magd konnte die Arbeit verrichten, die
das große Haus verlangte. Sie gingen immer davon oder er schickte sie fort.
Einmal erschien eine große Magd mit braunem Angesichte und starken
Armen und sagte, sie wolle ihm dienen, wenn er ihr nur die Nahrung gäbe
und manchmal ein Tuch auf einen Rock und ein Linnen auf ein Hemd. Der
Bauer dachte, er könne es versuchen. Die braune Magd waltete und
wirtschaftete nun, als ob zwei gekommen wären, und aß doch nur für eine
und lernte immer besser schaffen und arbeiten. Der Bauer dachte, er habe es
getroffen, und die Magd war Jahre in dem Hause. Einmal, da der Bauer zwei
Ochsen zu verkaufen hatte, und da er sie in einem Joche den Gallbruner Wald
hinunter nach Rohrach auf den Viehmarkt getrieben und verkauft hatte, nahm
er das ledige Joch auf seine Schultern und ging durch den Wald nach Hause
zurück. Da hörte er eine Stimme, die rief: ›Jochträger, Jochträger, sag' der
Sture Mure, die Rauh-Rinde sei tot – Jochträger, Jochträger, sag' der Sture
Mure, die Rauh-Rinde sei tot.‹ Der Bauer sah unter die Bäume, er konnte
aber nichts sehen und erblicken, und da fürchtete er sich und fing so schnell
zu gehen an, als er konnte, und kam nach Hause, da ihm der Schweiß über
die Stirne rann. Als er beim Abendessen die Sache erzählte, heulte das große
Mädchen, lief davon und wurde niemals wieder gesehen.«
Ein anderes Mal erzählte die Großmutter: »Sehet, ihr Kinder, wo der
Gallbruner Wald aufhört, da geht ein fahles Ding empor, das sind die
Karesberge, und dort sind die Karesberger Häuser auf dem Grase und
zwischen den Steinen.
»Zu den Karesbergern kam einmal ein Wichtelchen und sagte, es wolle
ihnen die Ziegen hüten, sie dürften ihm keinen Lohn geben; aber abends,
wenn die Ziegen im Stalle wären, müßten sie ihm ein weißes Brot auf den
hohlen Stein legen, der außerhalb der Karesberge ist, und es werde es sich
holen. Die Karesberger willigten ein, und das Wichtelchen wurde bei ihnen
Geißer. Die Ziegen liefen des Morgens fort, sie liefen auf die Weide hinaus
und holten sich das Futter, sie kamen mittags mit den gefüllten Eutern und
liefen wieder fort, und kamen am Abende mit gefüllten Eutern und gediehen
und wurden immer schöner und vermehrten sich, sowohl weiße als schwarze,
sowohl scheckige als braune. Die Karesberger freuten sich und legten das
weiße Brot, das sie eigens backen ließen, auf den Stein. Da dachten sie, sie
müßten dem Geißer eine Freude machen, und ließen ihm ein rotes Röcklein
machen. Sie legten das Röcklein abends auf den Stein, da die Ziegen schon
zu Hause waren. Das Wichtelchen legte das rote Röcklein an und sprang
damit, es sprang wie toll vor Freude unter den grauen Steinen, sie sahen es
immer weiter abwärts springen wie ein Feuer, das auf dem grünen Rasen
hüpft, und da der andere Morgen gekommen war, und die Ziegen auf die
Weide liefen, war das Wichtelchen nicht da, und es kam gar nie wieder zum
Vorscheine.«
So erzählte die Großmutter, und wenn sie aufgehört hatte, so standen sie
auf und gingen wieder weiter. Sie gingen an den Gebüschen der Schlehen
und Erlen dahin: da waren die Käfer, die Fliegen, die Schmetterlinge um sie,
es war der Ton der Ammer zu hören oder das Zwitschern des Zaunkönigs und
Goldhähnchens. Sie sahen weit herum und sahen den Hühnergeier in der Luft
schweben. Dann kamen sie zu den weißen Birken, die die schönen Stämme
haben, von denen sich die weißen Häutchen lösen und die braune feine Rinde
zeigen, und sie kamen endlich zu den Eichen, die die dunklen, starren Blätter
und die knorrigen, starken Äste haben, und sie kamen zuletzt in den
Nadelwald, wo die Föhren sausen, die Fichten mit den herabhängenden
grünen Haaren stehen, und die Tannen die flachzeiligen, glänzenden Nadeln
auseinanderbreiten. Am Rande des Waldes sahen sie zurück, um das Haus
und den Garten zu sehen. Diese lagen winzig unter ihnen, und die Scheiben
der Glashäuser glänzten wie die Täfelchen, die sie mit einer Stecknadel oder
mit dem spitzigen Messerlein der Großmutter aus dem Steine gebrochen
hatten.
Dann gingen sie in den Wald, wo es dunkel war, wo die Beeren und
Schwämme standen, die Moossteine lagen, und ein Vogel durch die Stämme
und Zweige schoß. Sie pflückten keine Beeren, weil sie nicht Zeit hatten, und
weil schon der Sommer so weit vorgerückt war, daß die Heidelbeere nicht
mehr gut war, die Himbeere schon aufgehört hatte, die Brombeere noch nicht
reif war und die Erdbeere auf dem Erdbeerenberge stand. Sie gingen auf dem
sandigen Wege fort, den der Vater an vielen Stellen hatte ausbessern lassen.
Und als sie bei dem Holze vorbei waren, das im Sommer geschlagen worden
war, und noch ein Weilchen auf dem Sandwege gegangen waren, kamen sie
wieder aus dem Walde hinaus.
Sie sahen nun einen grauen Rasen vor sich, auf dem viele Steine lagen,
dann war ein Tal, und dann stand der hohe Nußberg empor.
Da gingen sie nun auf dem Rasen abwärts, der eine Mulde hatte, in dem
ein Wässerlein floß. Sie gingen zwischen den grauen Steinen, auf denen ein
verdorrtes Reis oder eine Feder lag, oder die Bachstelze hüpfte und mit den
Steuerfedern den Takt schlug. Und als sie zu dem Bächlein gekommen
waren, in welchem die grauen, flinken Fischlein schwimmen, und um
welches die blauen, schönen Wasserjungfern flattern, und als sie über den
breiten Stein gegangen waren, den ihnen der Vater als Brücke über das
Bächlein hatte legen lassen, kamen sie gegen den hohen Nußberg empor.
Sie gingen auf den Nußberg, der ringsherum rund ist, der eine Spitze hat,
an dessen Fuße die Steine liegen, der die vielen Gebüsche trägt – die
Krüppelbirke, die Erle, die Esche und die vielen, vielen Haselnußstauden –
und der weit herumsieht auf die Felder, auf denen fremde Menschen ackern,
und auf weitere unbekannte Gegenden.
Großmutter hatte Schwarzköpfchen an der Hand. Blondköpfchen ging
allein und sprang über die Steine. Da sie zu dem Nußberge kamen, gingen sie
unter das Gehege hinein, die Großmutter bückte sich, Blondköpfchen bückte
sich auch, es bückte sich sogar Schwarzköpfchen, und sie kamen zu den
Gebüschen der Nüsse. Da waren nun sie und viele andere Dinge auf dem
Berge. Es waren die rötlichen Mäuslein, die auch Nüsse fressen, die unter den
Wurzeln die trockenen Gänge bohren, in welche sie die Sämereien des
Berges und andere Dinge zu Mahlzeiten tragen, in welche sie Halme und Heu
für die Nester der Jungen tragen, und in welchen sie die Nüsse mit den
Zähnen benagen, um zu dem süßen, kräftigen Kerne zu gelangen – da war der
flüchtige Häher, der mit den Flügeln, in die er die blaugestreiften Täfelchen
eingesetzt hat, durch die Äste dahinflog – da war das Eichhörnchen, das über
den Rasen schlüpfte und auf einem hohen dicken Aste hielt, die Vorderpfoten
an den Mund nahm und emsig nagte, – und wer weiß, was noch da war, seine
Freude und Lust auf dem hohen Nußberge zu suchen, was Flügel hat, oder
wie die Wiesel und Iltisse in der Sandgrube lief.
Es standen die grünen Äste zu dem blauen Himmel empor, und Blätter
und Nüsse starrten an ihnen, bald einzeln, bald zwei, bald drei, bald zu
großen Knöpfen vereinigt, und hatten blasse oder grünliche oder bräunliche
oder rötliche Wangen. Die Kinder langten mit den Händlein in die Zweige
oder sie faßten dieselben mit dem Haken und zogen sie nieder, um die Nüsse
zu pflücken. Und wenn sie sich geirrt und einen tauben Zweig herabgebogen
hatten, ließen sie ihn gleich wieder los und suchten nach einem andern. So
waren sie emsig und fleißig. Und wenn die Äste zu hoch waren oder wenn sie
stark waren, daß sie durch die Kraft der Kinder nicht gebogen werden
konnten, so half die Großmutter, sie langte den Zweig herunter und hielt ihn
so lange, bis die Hände der Kinder die Nüsse gefunden und gepflückt hatten.
Sie führte sie auch in Gegenden, wo die Zweige recht gefüllt waren und von
Nüssen an Nüssen prangten. Wenn dann die Kinder recht viel gelesen hatten,
wenn sie ihre Körblein voll hatten, wenn sie auch in ihre Täschlein noch
gesteckt, ja sogar in ihre Tüchlein gebunden hatten, so blieben sie noch auf
dem Berge, sie gingen herum, sie gingen auf den Gipfel empor und setzten
sich an einer dicken und veralteten Haselwurzel, die sehr einladend war,
nieder und verweilten in der weiten, glänzenden Luft.
Die Großmutter sagte ihnen, da sei es auch gewesen, wo das Hähnlein
und das Hühnlein auf den Nußberg gegangen seien, wo das Hühnlein so viel
gedurstet, und das Hähnlein ihm Wasser gebracht habe, und wo auch noch
andere Dinge geschehen seien. Sie zeigte ihnen dann herum und sagte ihnen
die wunderlichen Namen der Berge, sie nannte manches Feld, das zu
erblicken war, und erklärte die weißen Pünktlein, die kaum zu sehen waren
und ein Haus oder eine Ortschaft bedeuteten. Und wenn gar reine, schöne
Himmelsferne war, und die Gebirge deutlich standen, enträtselte sie die
seltsamen Spitzen, die hinaufragten, und erzählte von manchem Rücken, der
sich dehnte, und wenn schwache Wolken über dem Gebirge waren, so sagte
sie, sie gleichen wirklichen Palästen oder Städten oder Ländern oder Dingen,
die niemand kennt. Und gegen Mitternacht sahen sie auf den Gallbruner
Wald und die Karesberge und dahinter auf den Streifen des Sesselwaldes,
über dem oft eine lange, matte Wolke war, die nicht so schön glänzte wie die
gegen Mittag über dem Gebirge.
Und wenn sie recht viel in das Land gesehen hatten, erzählte ihnen die
Großmutter auch von den Männern, die in demselben gelebt hatten, von den
Rittern, die herumgeritten, von den schönen Frauen und Mädchen, die auf
Zelter gesessen seien, von den Schäfern mit den klugen Schafen und von den
Fischern und von den Jägern.
Dann gingen sie zurück. Sie ordneten die zerdrückten Kleidchen, nahmen
Korb und Rute und gingen auf dem nämlichen Wege hinab, auf dem sie
gekommen waren.
Sie gingen an den Haselstauden abwärts, sie gingen über die Steine, sie
gingen über das Bächlein mit den grauen Fischlein und den blauen
Wasserjungfern, sie gingen über den Rasen, sie gingen durch den Wald, sie
gingen in dem Felsen in dem Gebüsche und in die Sandlehne nieder und
kamen von den Glashäusern auf dem Rasen gegen den Hof vorwärts, wo die
Mutter oft in ihrem schönen Gewande und mit dem Sonnenschirme wandelte
und ihnen entgegenging.
Dann bekamen sie ein Essen, weil sie sehr hungerte. Sie hatten zwei
Nußknacker, Blondköpfchen einen größeren und ernsteren, Schwarzköpfchen
einen kleineren und närrischeren, der einen drolligen Mund hatte und
fürchterliche Augen machte. In die Mäuler der Nußknacker taten sie die
Nüsse, die sie gebracht und von den grünen Hülsen befreit hatten, drückten
mit dem Zünglein und zerbrachen die Nüsse, indem die Knacker gewaltig die
Kinnladen zusammentaten und erschreckliche Gesichter erzeugten. Sie gaben
von den Kernen und von den Nüssen dem Vater und der Mutter und auch der
Großmutter, die selten Nüsse von dem hohen Nußberge mitbrachte, und dann
immer nur wenige, die sie stets auf das Tischlein der Kinder legte, so wie sie
auch die geschenkten ihnen immer wieder zurückschenkte.
Als Blondköpfchen schon recht groß geworden war und zu lernen anfing,
als Schwarzköpfchen auch schon lernte, und ein freundlicher Lehrer aus der
Stadt gekommen war und mit ihnen auf einem Tische in der Kinderstube die
schönen Bücher aufmachte und die Dinge in denselben deutete: wurde auch
ein Brüderlein geboren, Sigismund. Und wie Blondköpfchen der Vater,
Schwarzköpfchen die Mutter war, so war Sigismund Vater und Mutter, er
war Blondköpfchen und Schwarzköpfchen; denn wie sich seine Haare zu
entwickeln begannen, so wurden sie anfangs licht und bildeten sich dann zu
braunen Ringeln, die Augen waren nicht blau oder schwarz, sondern braun.
Jetzt konnten sie nicht mehr mit der Großmutter auf den hohen Nußberg
gehen, weil sie bei dem kleinen Brüderlein bleiben mußten. Mit jemand
andern durften sie nicht gehen und mußten bei dem Hause verweilen. Da
gingen sie nun in dem Garten herum, schauten die Obstbäume an, oder sie
waren in den Glashäusern und betrachteten die Blumen.
Als aber das Brüderlein zweimal in dem Winter im großen Wagen mit in
die Stadt gefahren und zweimal im Sommer wiedergekommen war, so war es
schon so stark geworden, daß es mit den Schwesterlein und mit der
Großmutter herumgehen konnte. Sie gingen durch die Felder, sie gingen in
den Wald und übten die Füße. Dann gingen sie auch wieder auf den hohen
Nußberg.
Die Schwesterlein hatten weiße Kleider an, sie hatten gelbe Strohhüte auf,
von denen der eine sich mit Blondköpfchens Locken unkenntlich vermischte,
der andere sich von Schwarzköpfchens Haupte wie im Schein abhob, sie
hatten rote Bänder an den Hüten und Kleidern, sie trugen Körblein an dem
Arme und die weiße Haselrute mit dem Haken in der Hand. Der Knabe hatte
weiße Höslein, ein blaues Jäckchen, auch ein Strohhütchen auf den braunen
Locken und eine kleinere weiße Rute mit einem Haken. Statt des Körbleins
hatte er ein Täschchen von gelbem Leder an grünen Bändern über seine
Schultern hängen. Sie gingen viel langsamer, sie rasteten öfter, und die
Schwesterlein zeigten dem Bruder viele Dinge an dem Wege, die sie schon
kannten, und zeigten auch, wie schnell sie gehen könnten, wenn sie wollten,
indem sie auf dem Rasen hüpften, auf den Steinen hüpften, vorwärts und
wieder rückwärts liefen. Sie gingen durch die Sandlehne, das Gestrüppe,
durch die Felsen, den Wald, über die graue Mulde und den hohen Nußberg
hinan. Sie pflückten sich die Nüsse in ihre Körblein, das Brüderlein langte
auch mit seinem kleinen Häklein, und alle halfen zusammen, bis es auch sein
Täschchen voll hatte.
Als sie an der dicken, veralteten Haselwurzel saßen, erzählte die
Großmutter wieder eine Geschichte. Sie sagte: »Bei dem Sesselwalde, an
seinem steilen Mittagsfalle, war einstens auch ein Wald, aber er war nicht
dicht, es standen Birken und Ahorne auf dem Rasen. Da war ein Schäfer, der
die Schafe in das Gehölz führte, daß sie auf dem Rasen weideten, und daß sie
ihm Milch und Wolle gaben. Da kam aus dem Sesselwalde ein schwarzer
Mann herunter, der sagte, daß in der Harthöhle, wo das Silber rinne, das
blutige Licht sei. Der Schäfer wußte nicht, wer der Mann sei und was das
Silber und das blutige Licht sei, und konnte ihn auch nicht fragen, weil er
gleich fortging. Aber er wartete, bis er wiederkäme. Allein der Mann kam
nicht mehr. Da der Schäfer eines Tages ein verlorenes Lamm suchte, ging er
dem Bache entgegen, wo er herabfließt, daß er die springenden Wellen in den
Augen hatte. Da er das Lamm immer wieder weiter oben blöken hörte, ging
er fort und fort. Er ging so weit hinauf, daß der Wald schon sehr dick war,
daß der Bach über Steine und Kugeln floß, und daß an den beiden Seiten
harte Felsenwände standen. Da sah er aus einem Steine Wasser herausfließen
und herabfallen, als ob lauter silberne Bänder und Fransen über die Steine
herabgebreitet wären. Da stieg er an dem Steine empor und suchte sich an
dem glatten Felsen mit Füßen und Händen zu halten. Als er oben war, sah er,
daß das Wasser aus einer Höhle herausrinne, und daß die Höhle sehr
glänzend hart sei, als wäre sie aus einem kunstreichen Steine gehauen
worden. Er ging in die Höhle hinein. Sie wurde immer enger und wurde
immer finsterer, und das Wässerlein floß aus ihr hervor. Da sah er es
plötzlich in einem Winkel leuchten, als ob ein roter blutiger Tropfen dort
läge. Er ging näher, und es leuchtete fort. Da gab es ihm ein, er solle die
Hand ausstrecken und den Tropfen nehmen. Er nahm den Tropfen, aber es
war ein kalter, rauher Stein, den er in der Hand spürte, und der Stein war so
groß, daß er ihn kaum mit der Hand fassen konnte. Er trug den Stein hervor,
bis er an das Tageslicht kam, und da sah er, daß es ein Feldstein war, wie
man Tausende findet, und daß aus dem Feldsteine ein rotes Äuglein
hervorschaue, wie wenn es von den Lidern der harten Steinrinde bedeckt
wäre und nur rosenfarben blinzen könne. Wenn man den Stein drehte, warf er
Funken auf die Dinge. Der Schäfer stieg eilig die Felsenwand herab, er ging
den fließenden Bach entlang und sputete sich, bis er zu seiner Herde kam.
Das Lamm, das er verloren und nicht gefunden hatte, war zu Hause und trank
an seiner Mutter. Er wickelte den Stein in ein Tuch und bewahrte ihn
sorgsam. Da kam einmal ein Hochbauer, und er verkaufte ihm den Stein um
fünf Schafe. Und der Hochbauer verkaufte ihn einem Arzt um ein Pferd, und
der Arzt verkaufte ihn einem Lombarden um hundert Goldstücke, und der
Lombarde ließ ihn von dem gemeinen Gesteine befreien und schleifen, und
jetzt tragen ihn Fürsten und Könige in ihren Kronen, er ist sehr groß und
leuchtend und ist ein Karfunkel oder ein anderer roter Stein, sie beneiden sich
darum, und wenn sie das Land erobern, wird der Stein sorgsam fortgetragen,
als ob man eine eroberte Stadt in einem Schächtelchen davontrüge.«
Zu einem andern Male sagte die Großmutter: »In unsern Wässern, die
braun und glänzend sind, weil sie den Eisenstaub aus den Bergen führen, ist
nicht bloß das Eisen enthalten, es glänzt der Sand, als ob er lauter Gold wäre,
und wenn man ihn nimmt und wenn man ihn mit Wasser vorsichtig
abschwemmt, so bleiben kleine Blättchen und Körner zurück, die eitel und
wirkliches Gold sind. In früheren Jahren haben seltsame Menschen, die weit
von der Ferne gekommen sind, das Gold in unsern Bächen gewaschen und
sind reich von dannen gezogen; es haben dann auch mehrere von uns in den
Wässern gewaschen und manches gefunden; aber jetzt ist es wieder
vergessen worden, und niemand achtet das Wasser weiter, als daß er sein
Vieh darin tränkt. Dann liegen noch köstlichere Sachen in demselben. Wenn
man eine Muschel findet und sie die rechte ist, so liegt in ihr eine Perle, die
so kostbar ist, daß man sie durchbohrt und, mit mehreren vereinigt an einer
Schnur gefaßt, den schönen Frauen als sanften Schmuck um den Hals tut oder
Heiligenbilder umwindet und heilige Gefäße einfaßt.«
Wenn die Kinder und die Großmutter lange gesessen waren, standen sie
wieder auf und gingen nach Hause.
Aber auch auf andere Stellen gingen die Kinder mit der Großmutter, sie
gingen auf die Wiesen, wo die Schmalz- und Butterblumen waren und
besonders die Vergißmeinnicht, die wie klare Fischäuglein aus den Wellen
schauen und auf einem Gefäße mit Wasser lange auf dem Tische der Mutter
blühen. Sie gingen auf den Erdbeerenberg, wo die würzigen Erdbeeren
standen, die kleiner, aber besser waren, als die der Vater an der Sandlehne
zog. Sie gingen in die Felder, wo der brennende Mohn, die blauen
Kornblumen und die hellgelben Frauenschühlein blühten.
Für sich allein standen die Kinder gern am Bache, wo er sanft fließt und
allerlei krause Linien zieht und blickten auf den Sand, der wohl wie Gold
war, wenn die Sonne durch das Wasser auf ihn schien, und der glänzende
Blättchen und Körner zeigte. Wenn sie aber mit einem Schäufelchen Sand
herausholten und gut wuschen und schwemmten, so waren die Blättchen
Katzensilber, und die Körner waren schneeweiße Stückchen von Kiesel.
Muscheln waren wenige zu sehen, und wenn sie eine fanden, so waren sie im
Innern glatt und es war keine Perle darin.
Als Blondköpfchen und Schwarzköpfchen schon schöner und
wunderbarer geworden waren, als Sigismund schon groß geworden war, und
sie wieder einmal auf dem hohen Nußberg an der dicken, veralteten
Haselwurzel saßen, kam aus dem Gebüsche ein fremdes, braunes Kind
heraus. Es war ein Mädchen, es war fast so groß und noch schlanker als
Blondköpfchen, hatte nackte Arme, die es an der Seite herabhängen ließ,
hatte einen nackten Hals und hatte ein grünes Wams und grüne Höschen an,
an welchem viele rote Bänder waren. In dem Angesichte hatte es schwarze
Augen. Es blieb an dem Gebüsche der Haseln stehen und sah auf die
Großmutter und auf die Kinder. Die Großmutter sagte nichts und fuhr fort zu
reden. Die Kinder aber sahen auf das Mädchen. Als Großmutter geendet
hatte, redete sie das Mädchen an und sagte:
»Wer bist du denn?«
Das Mädchen aber antwortete nicht, es sprang in die Gebüsche und lief
davon, daß man die Zweige sich rühren sah. Die Großmutter und die Kinder
gingen von dem hohen Nußberge, ohne weiter von dem Mädchen etwas zu
sehen oder zu hören.
Als sie wieder einmal an der dicken, veralteten Haselwurzel saßen und
die Großmutter redete, kam das braune Mädchen wieder, trat wieder aus den
Gebüschen, blieb stehen und sah die Kinder an. Als man es fragte, lief es
nicht davon wie das erste Mal, zog sich aber gegen das Gebüsch zurück, daß
die Blätter seine nackten Arme deckten, und sah auf die Kinder. Da man sich
erhob, um wegzugehen, lief es wieder über den hohen Nußberg hinunter.
Die Kinder verlangten nun öfter nach dem hohen Nußberge, um das
braune Mädchen zu sehen.
Die Großmutter ging mit ihnen hinauf. Sie gingen wohl öfter, ohne das
braune Mädchen zu erblicken, aber einmal, als sie ihre Körbchen mit Nüssen
gefüllt hatten und an der Haselwurzel saßen, kam das Mädchen wieder aus
den Gebüschen, blieb wieder stehen und sah auf Blondköpfchen hin. Es
mochte wohl hinsehen, da es selber nicht die langen, blonden Locken,
sondern kurz abgeschnittene, schwarze Haare hatte. Als man es nach einer
Weile freundlich anredete, wich es nur ein wenig zurück, lächelte, zeigte
wunderbare, weiße Zähne, antwortete aber nicht. Die Kinder blieben länger
sitzen, die Großmutter sprach allerlei, und das braune Mädchen stand und sah
zu. Da man fortging, lief es nicht so eilig davon wie die zwei ersten Male,
sondern ging auch langsam auf einem Wege, der den Kindern nahe war, den
Berg hinunter und konnte einige Male in den Gebüschen gesehen werden. Es
hatte immer die nämlichen Kleider an, die es das erste Mal angehabt hatte.
Der Vater erlaubte den Kindern gern, daß sie auf den hohen Nußberg
gingen, sagte aber, daß sie dem fremden Kinde nichts zuleide tun sollten.
Wenn sie oben waren, kam das Kind, blieb an dem Rande der Gebüsche
stehen und sah zu. Es lächelte recht freundlich, wenn man zu ihm sprach,
antwortete aber nicht. Wenn man fortging, ging es hinterher bis an das Ende
der Gebüsche.
Einmal erschien es auch mit einer weißen, abgeschälten Haselrute, wie
die Kinder hatten, und hielt die Rute hoch empor.
Ein anderes Mal, da die Kinder herabgingen und es hinter ihnen ging, und
die Kinder etwas langsamer gingen, näherte es sich ihnen immer mehr und
berührte endlich Blondköpfchen mit der Rute.
Nach und nach legte es sich auch in das Gras, wenn die Großmutter
erzählte, es stützte den braunen Arm auf den Ellbogen, das Haupt auf die
Hand und richtete die schwarzen Augen auf die Großmutter. Es verstand die
Worte, weil es in dem Angesicht die Empfindungen ausdrückte. Die Kinder
hatten es recht lieb.
Sie brachten ihm Spielzeug und Äpfel, legten sie zu ihm in das Gras, und
es nahm dieselben und steckte sie zu sich.
Da es nach und nach tief in den Herbst gegangen war, da keine Nüsse
mehr an den Zweigen hingen, da die Zweige sich schon mit Gelb färbten, die
geackerten Felder der Ferne schon das Grün der Wintersaaten angenommen
hatten, und die Tage kurz waren, daß man bald nach Hause gehen mußte, war
einmal ein gar heißer, schöner Herbsttag, wie kaum seit Menschengedenken
einer gewesen sein mochte. Die Kinder saßen wieder auf dem hohen
Nußberge, das braune Mädchen saß in dem Grase, und die Großmutter saß
auf einem Steine.
Es war ihnen wohl, in der späten, warmen Sonne sitzen zu können. Die
Züge der alten Frau waren beleuchtet, die Steine glänzten, an den Zacken und
Hervorragungen hingen gespannte silberne Fäden, und die roten Bänder des
braunen Mädchens schimmerten, wenn sie die Sonne an einer Stelle traf, und
sie hingen herab wie glühende Streifen.
Die Großmutter erzählte wieder von einer schönen Gräfin, die auf dem
Walle gestanden war und sich allein gegen die Bauern im Bauernkriege
verteidigte, als dieselben mit Gabeln, Dreschflegeln, Morgensternen und
andern Dingen das Schloß erbrechen und anzünden wollten, bis endlich von
fernen Landen ihr Mann kam und wie ein Sturmwind die Aufrührer
zerschmetterte und vertilgte.
An dem Himmel, da sie sprach, standen Wolken, die eine Wand machten
und mit den Bergen verschmolzen, daß alles in einem lieblichen Dufte war,
und die Stoppelfelder noch heller und glänzender schimmerten und
leuchteten.
Die Kinder blieben auf dem Berge. Sie spielten und hatten dem fremden
Mädchen liebliche Dinge mitgebracht.
Die Wolken aber wurden nach und nach immer deutlicher und an ihren
oberen Rändern waren sie von der Sonne beschienen und glänzten, als ob
geschmolzenes Silber herabflösse.
Die Hitze wurde immer größer, und weil man in ihr im Herbste müder
wird als im Sommer, so blieben sie noch immer auf dem Berge sitzen.
Die Großmutter schaute nach den Wolken. Wenn es Sommer gewesen
wäre, würde sie gedacht haben, daß ein Gewitter kommen könnte; aber in
dieser Jahreszeit war das nicht möglich, und es war daran nicht zu denken.
Das braune Mädchen sah auch nach den Wolken.
Wenn im üblen Falle ein leichter Herbststaubregen käme, dachte die
Großmutter, so macht das nichts, da die Kinder gewohnt seien, naß zu
werden, und da dies ihrer Gesundheit eher zuträglich ist.
Aber bald sollte sie anders denken. Man hörte aus den Wolken schwach
donnern.
Man wartete noch ein Weilchen, und der Donner wiederholte sich.
Die Großmutter überlegte nun, was zu tun sei. Zwischen dem hohen
Nußberge und dem Hofe ihres Sohnes war kein Haus und keine Hütte, man
konnte also nirgends eine Unterkunft finden. In dem Walde könnten wohl die
Bäume einen Schutz vor dem Regen gewähren, aber dafür waren sie desto
gefährlicher wegen des Blitzes und man durfte dort keine Zuflucht suchen.
Ob sie mit den Kindern noch vor Ausbruch des Gewitters nach Hause
kommen könnte, war zweifelhaft. Aber sie dachte, wenn auch das Gewitter
erschiene, so könne es auf keinen Fall in der späten Jahreszeit stark sein, der
Regen werde nicht in Strömen herabfließen wie im Sommer, und so würde er
leicht zu überstehen sein.
Indessen hatte sich die Gestalt der Wolken verändert. Sie bildeten eine
dunkle Wand und auf dem Grunde dieser Wand zeigten sich weißliche,
leichte Flocken, die dahinzogen. Es wurden auch schon Blitze in den Wolken
gesehen, aber die Donner, die ihnen folgten, waren noch so fern, als wären
sie hinter den Bergen. Die Sonne schien noch immer auf den hohen Nußberg
und die umringende Gegend.
Die Kinder fürchteten sich nicht. Sie hatten schon starke Gewitter
gesehen, wie sie in ihrem Hügellande vorkommen, und da Vater und Mutter
ihre Geschäfte ruhig forttaten, so waren ihnen Gewitter nicht entsetzlich.
Das braune Mädchen war in der Nähe der Stelle, auf welcher sie gesessen
waren, hin und her gegangen. Es hatte unter manche Haselbüsche
hineingesehen, es hatte unter Wurzelgeflechte geblickt oder in kleinere
Erdhöhlungen geschaut.
Die Wolken hatten nach und nach die Sonne verschlungen. Die vielen
Haseln auf dem Berge lagen im Schatten, die anstoßende Gegend war im
Schatten, und nur noch die fernen Stoppeln gegen Morgen waren beleuchtet
und schimmerten.
»Ich weiß nicht, liebe Kinder,« sagte die Großmutter, »ob es nun auch
wirklich wahr ist, was meine Mutter oft erzählt hat, daß die heilige Mutter
Maria, als sie zu ihrer Base Elisabeth über das Gebirge ging, unter einer
Haselstaude untergestanden sei, und daß deshalb der Blitz niemals in eine
Haselstaude schlage; aber wir wollen uns doch eine dichte Haselstaude
suchen, deren Zweige gegen Morgen hängen und ein Überdach bilden, und
deren Stämme gegen Abend stehen und den von daher kommenden Regen
abhalten. Unter derselben wollen wir sitzen, so lange der Regen dauert, daß
er uns nicht so schaden kann, und daß wir nicht zu naß werden. Dann gehen
wir nach Hause.«
»Ja, so tun wir, Großmutter,« riefen die Kinder, »so tun wir.«
Sie gingen nun daran, eine solche Staude zu suchen.
Das braune Mädchen aber schoß in die Gebüsche und lief davon.
Nach einem Weilchen kam es wieder und trug ein Reisigbündel in den
Händen, wie man sie aus dünnern und dickern Zweigen und Stäben macht,
aufschichtet, trocken werden läßt und gegen den Winter zum Brennen nach
Hause bringt.
Es lief nun wieder fort und brachte zwei Bündel. Und so fuhr es mit
großer Schnelligkeit fort, daß die braunblassen Wangen glühten und der
Schweiß von der Stirne rann.
Während das braune Mädchen die Bündel trug, und die Kinder und die
Großmutter eine Haselstaude suchten, waren die Wolken, die früher so
langsam gewesen waren, nun viel schneller näher gekommen, und der
Donner rollte klarer und deutlicher.
Das braune Mädchen hörte endlich mit dem Herbeitragen von Bündeln
auf und begann aus denselben gleichsam ein Häuschen zu bauen. Es suchte
eine Stelle aus, die gegen Abend mit dichten Haseln umstanden war, stellte
Bündel gleichsam als Säulen auf, legte quer darüber Stangen und Stäbe, die
es von dem Bündelstoße herbeigetragen hatte, bedeckte dieselben wieder mit
Bündeln und häufte immer mehr und mehr Bündel auf, daß im Innern eine
Höhlung war, die Unterstand bot.
Da es fertig war und da die Großmutter und die Kinder auch bereits eine
taugliche Haselstaude gefunden hatten, unter derselben saßen und auf das
Gewitter warteten, ging es zu ihnen hin und sagte etwas, das sie nicht
verstanden. Darauf machte es ein Zeichen, weil es die Sache nicht mit
Worten sagen konnte: es hielt die linke Hand flach auf, hob die rechte hoch,
machte eine Faust und ließ dieselbe auf die geöffnete Hand niederfallen.
Dann schaute es auf die Großmutter und zeigte auf die Wolken.
Die Großmutter ging unter der Haselstaude hervor und stellte sich auf
einen Platz, wo sie die Wolken sehen konnte. Dieselben waren grünlich und
fast weißlich licht, aber trotz dieses Lichtes war unter ihnen auf den Hügeln
eine Finsternis, als wolle die Nacht anbrechen. So wogten sie näher, und bei
der Stille des Nußberges hörte man in ihnen ein Murmeln, als ob tausend
Kessel sötten.
»Heiliger Himmel, Hagel!« schrie die Großmutter.
Sie begriff nun sogleich, was das Mädchen wollte, sie begriff die
Kenntnis und Vorsicht des braunen Mädchens, die es mit den Reisigbündeln
gezeigt hatte, sie lief gegen die Haselstaude, riß die Kinder hervor, bedeutete
ihnen zu folgen, das fremde Mädchen lief voran, die Großmutter eilte mit den
Kindern hinterher, sie kamen zu den Bündeln, das Mädchen zeigte, daß man
hineinkriechen sollte, Sigismund wurde zuerst hineingetan, dann folgte
Clementia, dann folgten Emma und die Großmutter nebeneinander, und am
äußersten Rande schmiegte sich das braune Mädchen an und hielt die
blonden Locken Emmas in der Hand.
Die Kinder hatten kaum Zeit gehabt, sich unter die Bündel zu legen, und
eben wollten sie lauschen, was geschehen würde, als sie in den Haselstauden
einen Schall vernahmen, als würde ein Stein durch das Laub geworfen. Sie
hörten später das noch einmal, dann nichts mehr. Endlich sahen sie wie ein
weißes, blinkendes Geschoß einen Hagelkern vor ihrem Bündelhause auf das
Gras niederfallen, sie sahen ihn hoch emporspringen und wieder niederfallen
und weiterkollern. Dasselbe geschah in der Nähe mit einem zweiten. Im
Augenblicke kam auch der Sturm, er faßte die Büsche, daß sie rauschten, ließ
einen Atemzug lang nach, daß alles totenstill stand, dann faßte er die Büsche
neuerdings, legte sie um, daß das Weiße der Blätter sichtbar wurde, und jagte
den Hagel auf sie nieder, daß es wie weiße, herabsausende Blitze war. Es
schlug auf das Laub, es schlug gegen das Holz, es schlug gegen die Erde, die
Körner schlugen gegeneinander, daß ein Gebrülle wurde, daß man die Blitze
sah, welche den Nußberg entflammten, aber keinen Donner zu hören
vermochte. Das Laub wurde herabgeschlagen, die Zweige wurden
herabgeschlagen, die Äste wurden abgebrochen, der Rasen wurde gefurcht,
als wären eiserne Eggenzähne über ihn gegangen. Die Hagelkörner waren so
groß, daß sie einen erwachsenen Menschen hätten töten können. Sie
zerschlugen auch die Haseln, die hinter den Bündeln waren, daß man ihren
Schlag auf die Bündel vernahm.
Und auf den ganzen Berg und auf die Täler fiel es so nieder. Was
Widerstand leistete, wurde zermalmt, was fest war, wurde zerschmettert, was
Leben hatte, wurde getötet. Nur weiche Dinge widerstanden, wie die durch
die Schloßen zerstampfte Erde und die Reisigbündel. Wie weiße Pfeile fuhr
das Eis in der finstern Luft gegen die schwarze Erde, daß man ihre Dinge
nicht mehr erkennen konnte.
Was die Kinder fühlten, weiß man nicht, sie wußten es selber nicht. Sie
lagen enge aneinandergedrückt und drückten sich noch immer enger
aneinander, die Bündel waren bereits durch den Hagelfall niedergesunken
und lagen auf den Kindern, und die Großmutter sah, daß bei jedem heftigeren
Schlag, den eine Schloße gegen die Bündel tat, ihre leichten Körperchen
zuckten. Die Großmutter betete. Die Kinder schwiegen, und das braune
Mädchen rührte sich nicht.
Die Stumpfen der Haselnußstauden, die hinter den Bündeln waren,
machten, daß der Wind nicht in die Bündel fahren und sie auseinanderwerfen
konnte.
Nach längerer Zeit hörte es ein wenig auf, daß man den Donner wieder
hören konnte, der jetzt als ein mildes Rollen erschien. Die Schloßen fielen
dichter, waren aber kleiner, und endlich kam ein Regen, der ein Wolkenbruch
war. Er fiel nicht wie gewöhnlich in Tropfen oder Schnüren, sondern es war,
als ob ganze Tücher von Wasser niedergingen. Dasselbe drang durch die
Fugen und Zwischenräume der Bündel auf die Kinder hinein.
Nach und nach milderte es sich, der Wind wurde leichter, und der Donner
war entfernter zu hören. Das braune Mädchen kroch aus den Bündeln hervor,
stand auf und sah mit den schwarzen Augen unter die Bündel hinein.
Die Großmutter stand auch auf und sah nach dem Himmel. Die Wolken
hatten sich gegen Aufgang gezogen, dort war es finster, und man hörte das
Niederfallen des Wassers und Eises herüber. Aber auf den Bergen gegen
Untergang war es lichter, lichtere graue Wolken zogen herüber und zeigten,
daß der Hagel nicht mehr zurückkehren werde.
Die Großmutter zog nun zuerst Blondköpfchen hervor, dann
Schwarzköpfchen, dann Braunköpfchen.
Die nassen Kinder gingen unter den Bündeln hervor, und die Kleider
klebten an ihren Körpern. Das braune Mädchen hatte auch sein schönes
Gewand verdorben, es war naß und beschmutzt an seinem Körper. Das
Mädchen blutete an dem nackten rechten Arme. Weil es sich nicht ganz unter
das Reisig hatte hineinlegen können, so war es von einem Eisstücke gestreift
und geritzt worden. Da die Kinder hinzugingen, um es zu betrachten, da die
Großmutter es untersuchen wollte, wandte es sich ab und machte eine
Bewegung, als ob es sagen wollte, daß die Sache keiner Mühe wert sei.
Man richtete sich zum Fortgehen.
Die Großmutter nahm die zwei Körbchen der Mädchen und das
Ledertäschchen des Knaben, band alles mit einem nassen Tuche zusammen
und trug es selber, damit die Kinder leichter wären, damit sie sich beim
Fortgehen an sie anhalten und ihre Kleidchen aufheben konnten. Sie hielt sie
bei sich, daß sie nicht auf der nassen Erde und in den Hagelkörnern
ausgleiten und fallen könnten. Das braune Mädchen ging mit ihnen.
Die Kinder sahen, wie der Wind das dürre Gras, die Blätter und andere
Dinge in die Stämme der Haseln hineingeblasen hatte, sie sahen, wie keine
Büsche mehr auf dem Berge standen, sondern nur lauter dicke Strünke, sie
sahen, wie schier kein Gras war, sondern nur beinahe schwarze Erde, die mit
dem Wasser einen Brei machte. Und wo die Erde nicht zu sehen war, dort
lagen lauter weiße Haufen von Schloßen, wie im Frühling die Schneelehnen
liegen, wenn er auf den sonnigen Stellen schon weggeschmolzen war. Wenn
die Kinder eine Schloße anrührten, war sie sehr kalt, und wenn sie dieselbe
genau ansahen, war sie so schön wie eine Glaskugel und hatte im Innern eine
kleine Flocke von Schnee. Auf allen Seiten des Berges rannen die Wasser des
Regens nieder.
Die Großmutter gab sehr acht, daß die Kinder nicht gleiteten.
Der Regen hatte aufgehört, und es fiel nur mehr ein nasser Staub von dem
Himmel.
Sie kamen an den Rand des hohen Nußberges, und das braune Mädchen
ging dieses Mal mit ihnen auf den grauen Rasen hinaus.
Aber es war kein grauer Rasen mehr. Er war zerschlagen worden und war
schwarze Erde, so wie die Steine, die durch den Regen naß geworden waren,
schwarz erschienen. Da lagen große, weiße Strecken von Hagel.
Als sie zu dem Bächlein gekommen waren, war kein Bächlein da, in
welchem die grauen Fischlein schwimmen und um welches die
Wasserjungfern flattern, sondern es war ein großes, schmutziges Wasser, auf
welchem Hölzer und viele, viele grüne Blätter und Gräser schwammen, die
von dem Hagel zerschlagen worden waren. Es standen sonst immer kleine
Gesträuche an dem Bache, die im Sommer rote Blüten hatten und dann, wenn
die Blüten abgefallen waren, schöne, weiße Kätzchen bekamen. Von diesen
Gesträuchen schauten die Spitzen aus dem Wasser.
Die Großmutter ging zu dem kleinen, steinernen Brücklein, allein
dasselbe war nicht zu sehen, und man konnte die Stelle nicht erkennen, an
welcher es sei.
Da die Großmutter zauderte und sich bemühte, den Platz des Brückleins
aufzufinden, zeigte das braune Mädchen auf eine Stelle, und als man noch
immer zögerte, ging es ruhig und entschlossen gegen das Wasser. Es ging in
dasselbe hinein, ging durch dasselbe hindurch und ging wieder zurück,
gleichsam um den sichtbaren Beweis zu geben, daß man hindurchgelangen
könne. Weil ihm das Wasser nur gegen die Hüften reichte, sah man deutlich,
daß es auf dem Brücklein gehe.
Da es zurückgekommen war, bückte es sich sanft und freundlich gegen
Sigismund und streckte ihm die Arme entgegen. Der Knabe verstand die
Bewegung, er ließ die Hand der Großmutter los und begab sich in den Schutz
des braunen Mädchens. Dieses nahm ihn auf den Arm, er schlug beide
Ärmchen um den Hals desselben, und es trug ihn fest und sicher schreitend
auf das jenseitige Ufer.
Die Großmutter hatte Schwarzköpfchen auf den Arm genommen, hatte
Blondköpfchen fest an der Hand gefaßt und ging hinter dem braunen
Mädchen. Sie empfand bald an den Füßen, daß sie das Brücklein unter sich
habe und kam auch an das andere Ufer.
Als das fremde Mädchen Sigismund, und die Großmutter
Schwarzköpfchen auf die Erde gestellt hatten, mußten sie weitergehen. Sie
sahen auf das Wasser zurück. Die Spitzen der Gesträucher waren nicht mehr
zu sehen, und das Wasser war viel breiter geworden. Es eilte mit dem Holze,
mit dem Laube und mit den fremden, schwarzen Dingen, die auf ihm
schwammen, dahin.
Sie gingen nun auf dem Rasen aufwärts gegen den Wald. Sie mußten den
weißen Haufen von Schloßen ausweichen, sie mußten den Wässern
ausweichen, die in den Vertiefungen standen, und sie mußten den Bächen
ausweichen, die überall herabflossen. Daher mußten sie öfter von einem
Steine auf den andern springen, um fortzukommen, und öfter durch ein
fließendes Wässerlein gehen. Die Großmutter ließ ihre eigenen Gewänder
dem Wasser und dem Schmutze der Erde preis, um die Kinder zu wahren und
zu helfen, daß die Kleinen leichter fortkommen könnten. Das braune
Mädchen ging mit.
Als sie in die Nähe des Waldes kamen, sahen sie aus demselben Männer
heraustreten und über den Rasen herabeilen. Da dieselben gegen sie
herankamen, erkannten sie den Vater, der an der Spitze aller seiner Knechte
und Männer daherkam. Sie trugen Stangen, Stricke und trockene Kleider.
Als der Vater näher kam, rief er: »Da sind ja die Kinder, Gott sei gedankt,
sie leben! Mutter, wo habt ihr sie denn geborgen?«
»Unter Bündeln dürren Reisigs,« antwortete die Großmutter.
Schwarzköpfchen und Braunköpfchen gingen in ihrem durch und durch
nassen Anzuge zu ihm hin, wie sie es am Morgen vor ihrem Frühmale zu tun
gewohnt waren, und küßten ihm die Hand. Blondköpfchen blieb stehen, weil
es schon begriff, daß das sich hier nicht schicke.
Der Vater nahm die Kinder zu sich auf, küßte sie auf die Wangen,
untersuchte sie und sagte: »Ihr armen Dinger!«
Das fremde Mädchen stand in der Ferne, wie es sonst an dem Rande der
Haselbüsche zu stehen gewohnt war, aufrecht und steif.
»Mutter,« sagte der Vater, »wir haben geglaubt, daß ihr in dem Walde
hinter einem dicken Stamme oder hinter einem Holzstoße werdet Sicherheit
gesucht haben. Darum gingen wir gleich nach dem Hagel in den Wald, wir
hatten trockene Kleider in einem Bündel mit, um die Kinder anzukleiden, und
suchten auch an allen Stellen neben dem Wege und riefen nach euch. Da wir
euch nicht fanden und da keine Stimme antwortete, sandte ich schnell einige
Knechte um Stangen und Stricke zurück, weil ich dachte, ihr könntet etwa
jenseits des Baches sein, der bei solchen Anlässen immer sehr anschwillt, und
wir könnten die Werkzeuge zum Durchdringen des Wassers brauchen. Da die
Knechte gekommen waren, gingen wir weiter. Ich hatte große Angst, aber ich
hatte auch große Hoffnung zu euch, liebe Mutter, daß ihr werdet eine Stelle
gefunden haben, euch alle zu sichern.«
»Ich werde dir gleich erzählen, wie es gekommen ist,« sagte die Mutter,
»aber laß uns weitergehen. Die Kinder können hier nicht umgekleidet
werden, und in den nassen Kleidern dürfen sie nicht stehenbleiben. Wenn sie
gehen, wird ihnen wärmer, und die Nässe schadet nicht.«
»Und auch Ihr seid durchnäßt, liebe Mutter,« sagte der Vater.
»Ich bin ein Weib aus den alten Bergen unsres Landes,« antwortete die
Großmutter, »mir schadet die Nässe nicht. Ich bin naß geworden, mein Kind,
da ich kaum einige Jahre zählte, ich bin durchnäßt gewesen, da ich ein
Mädchen war, und wie oft habe ich tagelang nasse Kleider gehabt, da ich
schaffen mußte, weil du noch klein warst und der Vater schon kränkelte.
Aber schicke sogleich einen Knecht ab, daß er laufe, was er kann, und die
arme Frau zu Hause beruhige, die um die Kinder in Angst vergehen wird.«
Der Vater tat es sogleich. Die Knechte waren bisher in einem dichten
Kreise um den Vater, die Kinder und die Großmutter gestanden. Nachdem
einer abgeschickt worden war, setzte man sich in Bewegung. Der Vater, die
Kinder und die Großmutter gingen voran, dann folgten die Knechte. Der
Vater führte Blondköpfchen und Braunköpfchen an der Hand, die
Großmutter Schwarzköpfchen. Sie erzählte ihm nun, was sich auf dem
Nußberge begeben hatte und wie sie bis zu der Stelle gelangt seien, an der er
sie gefunden habe.
»Aber du bist ja selber ganz naß,« schloß sie.
»Weil wir während des Wolkenbruches in den Wald hinaufgegangen
sind,« antwortete er, »da nur einmal der Hagel nachgelassen hatte.«
Sie kamen nun in den Wald und hier sah es zum Erschrecken aus.
Wie man eine Streu aus Tannenreisern macht, wenn in einem Jahre
wegen Dürre oder andern Unglücksfällen die Halme nicht geraten, so lagen
auf dem ganzen Boden die Tannenzweige gehäuft, mancher starke Ast lag
mehrere Male getroffen und also gebrochen darunter, an den Stämmen waren
Risse der Rinde sichtbar, daß hie und da das weiße Holz hervorstand, und
durch den Wald war ein feiner Harzgeruch verbreitet, wie er ist, wenn
Nadelholz gesägt oder gespalten wird. Die Schloßen lagen mit der
Tannenstreu untermischt und von ihr bedeckt und hauchten eine unsägliche
Kälte unter den Stämmen aus, welche im Freien draußen nicht so empfunden
worden war. Der Vater und die Knechte mußten den Weg suchen, weil er mit
Streu bedeckt und nicht zu sehen war.
Aus dem Walde kam man wieder in das Freie und ging bis zu den Felsen
nieder, von denen aus man das Haus und die Felder sehen konnte.
Der Garten war verschwunden, nur einzelne Stämme mit verstümmelten
Armen standen empor. Das Grün war dahin, und die Felder jenseits des
Gartens sahen aus, als wären sie schlecht geeggt worden.
Der Vater ging mit den Kindern in der Sandlehne nieder.
Da sahen sie, daß alle Fenster der Glashäuser zerstört waren und daß im
Innern an der Stelle, wo die Blumen in Töpfen und Kübeln gestanden waren,
weiße Haufen von Schloßen lagen. Die Fenster des Hauses, welche gegen
Abend schauten, waren zertrümmert, die Ziegeldächer und die
Schindeldächer waren zerschlagen, daß sie teils wie ein Sieb aussahen, teils
große, ausgebrochene Stellen hatten, durch die das innere Bauholz hervorsah.
Die Verzierungen und der Anwurf der Mauern waren an der Wetterseite
heruntergeschlagen, daß die Mauern nicht etwa wie neu, ehe der Anwurf
geschieht, sondern wie mit Hämmern ausgeschlagen dastanden.
Als sie gegen das Ende der Sandlehne kamen, sahen sie eine weiße
Gestalt durch den ehemaligen Garten eilen, durch nasses Gras, durch
Schloßen, über die herabgestürzten Baumäste laufen und ihnen an der Ecke
der Glashäuser begegnen.
Es war die Mutter.
Sie lief gegen die Kinder und sah sie an.
Auf den Wangen der Kinder war durch das Gehen ein schöner, rosiger
Hauch erblüht und ihre Haare lagen wohl naß und zusammengeklebt, aber
wunderschön um ihr Antlitz.
»Vater, Vater,« schrie sie, »du hast sie mir gebracht.«
»Ja, ohne Makel, ohne Beschädigung,« erwiderte er.
»Mein Gott, mein Gott, du bist gütig, daß du mir sie gegeben hast. O
Clementia, o Emma, o Sigismund!« rief die Frau.
Sie riß die Kinder an sich, sie drückte sie, herzte sie und hatte alle drei in
ihren Armen.
»Mutter, wir haben keine Nüsse gebracht,« sagte der Knabe.
»Aber dich selbst, du kleines, unvernünftiges Kind,« sagte die Mutter,
»das mir lieber ist als goldene Nüsse.«
»Schauerlich war es und beinahe prächtig,« sagte Emma.
»Lasse mir das Bild nicht vor die Augen, Vater, ich bitte dich – – was
hätte werden können!« sagte die Mutter.
»Sie lagen unter Reisigbündeln,« antwortete der Vater, »aber lasse uns in
das Haus gehen, ich werde dir alles erzählen, gib ihnen trockene Kleider und
etwas zu essen, daß ihr Blut wieder in gleichmäßige Bewegung komme.«
»So kommt, ihr Kinder,« sagte die Mutter.
Sie wendete sich, um durch den Garten in das Haus zu gehen. Die Kinder
schlossen sich an. Sie führte alle drei, soweit dies möglich ist, an der Hand.
Dann folgte die Großmutter und der Vater, dann die Knechte.
Als man zu dem Haupteingange des Hauses gekommen war, wandte sich
der Vater zu den Knechten um, dankte ihnen, entließ sie, sagte, sie sollten
das, was sie tragen, an die rechte Stelle tun, sollen sich umkleiden, sollen alle
Arbeit ruhen lassen, und er werde ihnen ein Glas Wein zu ihrem Abendessen
senden.
»Und ich danke euch auch,« sagte die Mutter, die mit den Kindern bei
den Worten ihres Gatten vor dem Hause stehengeblieben war und sich
umwendete, »ich danke euch auch und werde es euch gewiß vergelten.«
»Es ist nicht nötig,« sagte der Altknecht, »wir haben nichts Besonderes
getan, als was unsere Schuldigkeit gewesen ist.«
Die Knechte fingen nun an sich zu zerstreuen.
Als sie auseinandergegangen waren, und man die Aussicht auf den Weg
hatte, auf dem man hergekommen war, sah man das braune Mädchen in
einiger Entfernung im Garten stehen.
Man hatte es bei dem ersten Anblicke des Vaters und bei seinem
Empfange, da man von den Knechten umstanden war, nicht beachtet, man
hatte es im Nachhausegehen, da die Knechte gerade hinter dem Vater, den
Kindern und der Großmutter gingen, nicht gesehen und hatte geglaubt, daß es
nach seiner Art schon längstens umgekehrt sein werde. Als die Kinder es
sahen, ließen sie von den Händen der Mutter los, hatten große Freude, daß
das fremde Kind in ihrem Garten stehe, liefen zu ihm hin und sprachen zu
ihm. Die Mutter aber sagte: »Wer ist denn das?«
Der Vater sagte ihr, daß es das braune Mädchen von dem hohen
Nußberge sei und erzählte ihr, was es heute zu dem Schutze der Großmutter
und der Kinder getan habe.
Dann wendete er sich zu der Gruppe der Kinder und sagte: »Komme her,
du liebes Kind, wir werden dir sehr viel Gutes tun.«
Das Mädchen zog sich bei diesen Worten langsam von den Kindern
zurück, und da es ein Stückchen entfernt war, fing es zu laufen an, es lief
durch den Garten zurück, es lief um die Glashäuser herum und in dem
nächsten Augenblicke sah man es schon in der Sandlehne emporlaufen.
Die Kinder gingen wieder zu ihren Eltern zurück.
»Schade, daß das Kind nicht näher kommt und so scheu ist,« sagte der
Vater.
»Ich fange das Ding,« sagte ein Knecht.
Alle drei Kinder taten auf diese Aeußerung einen Angstschrei der
Abwehrung.
»Lasse das,« sagte der Vater, »das Mädchen hat meiner Mutter und
meinen Kindern heute den größten Dienst erwiesen. Darf man es überhaupt
nicht rauh behandeln, so darf man es jetzt um so weniger, so lange es sich
nicht schädlich erweist. Wir werden es schon auszukundschaften und zu
finden wissen, dann muß es gut behandelt werden, daß es Zutrauen gewinnt,
und wir werden die Art schon finden, wie wir das Kind belohnen und ihm
sein Leben vielleicht nützlicher machen können, als es jetzt ahnt.«
Indessen war das Mädchen schon wie ein Hirsch auf die höchste Höhe
gekommen, war noch einen Augenblick in den Klippen sichtbar und war
dann verschwunden.
Der Tag neigte sich schon gegen den Abend, und man war nicht ohne
Besorgnis um das Kind, besonders, da die Großmutter erzählt hatte, daß es an
dem rechten Arm blute. Aber der Himmel war lichter, ein schweigender
Nebel stand an demselben, und es war kein Regen mehr zu befürchten. Man
mußte der Ansicht des Vaters beipflichten, daß das Mädchen am besten
aufgehoben sei, wenn man es seinem eigenen Ermessen überlasse, daß es ein
Waldgeschöpf sei, dem Berge und Hügel nichts anhaben, und daß ihm, wenn
man es suchen oder beobachten ließe, ein größeres Ungemach zustieße, als
ihm so bevorstehen könne.
Man ging nun in das Haus. Die Mutter hatte die Kinder in ein an der
Morgenseite des Hauses gelegenes, gut erhaltenes und gut verwahrtes
Zimmer gebracht, das sie auf die Nachricht des vorausgeschickten Knechtes
in Anbetracht der eingetretenen Kälte sogar schwach hatte heizen lassen.
Dort wurden die Kinder entkleidet, auf wenige Augenblicke in ein warmes
Bad getan und hierauf mit wohlgetrockneten und durchwärmten Kleidern
angetan. Weil sie durch die vorangegangene Begebenheit aufgeregt waren, so
gingen sie trotz der Müdigkeit selbst beim Kerzenschein und, als sie das
Abendmahl eingenommen hatten, noch nicht zu Bette; und als die
Großmutter sich umgekleidet hatte und wieder zu ihnen hereinkam, saßen sie
um den Tisch und knackten mit ihren drei Nußknackern die Nüsse auf, die sie
noch vorrätig hatten und die ihnen die Großmutter gegeben hatte. Sie
erzählten auch von dem Gewitter und erzählten so, daß man sah, daß sie auch
nicht die entfernteste Ahnung von der Gefahr hatten, in der sie geschwebt
waren. Sie nahmen die Reisigbündel als etwas an, das sich von selber
verstehe und das so da sei, wie im Winter das warme Haus, daß sie nicht
erfrieren.
Als man die Großmutter fragte, ob sie das Gewitter nicht hätte kommen
gesehen, antwortete sie: »Ich habe die Wolken nicht für ein Gewitter
gehalten, und da es zu regnen anfing, war es zu spät, den Wald zu erreichen.«
Auf die Frage, ob sie die Wolken als Hagelwolken erkannt habe,
antwortete sie: »Ich habe wohl eine kleine Vermutung gehabt, daß aus den
Wolken Hagel kommen könnte; aber ich habe eine so dichte Haselstaude
ausgesucht, daß ein gewöhnlicher Hagel nicht durchgedrungen wäre. Nur das
braune Mädchen hat die Reisigbündel herbeigetragen.«
»Ich will den Anblick und das Bild dessen, was sich hätte zutragen
können, wenn die Bündel früher nach Hause geführt worden wären, in den
Hintergrund und in die Ferne rücken,« sagte der Vater zu der Mutter, »da die
Kinder den hohen Nußberg so lieben, da die Großmutter sie gern dahin
begleitet, und da es hart wäre, ihnen diese Freude zu rauben, so werde ich ein
Stückchen Landes dort kaufen und werde auf demselben ein winziges,
kleines Häuschen zum Schutze bauen. Wenn es auch fast gewiß ist, daß die
Kinder schon erwachsene Personen, ja vielleicht schon Greise sein werden,
ehe sich ein Hagelwetter wiederholt, wie das heutige war, ja wenn auch in
mehreren Menschenaltern, wie zu vermuten ist, kein solches mehr kommen
wird, so wie in den vergangenen Menschenaltern keines verzeichnet ist, das
so entsetzlich gewesen wäre, so würden in deinem und meinem Gemüte doch
immer Hagelwolken heraufsteigen, so oft die Kinder auf dem hohen
Nußberge wären. Bei einer Ueberraschung finden sie in dem Häuschen
Schutz, und wenn sie auf dem Heimwege ein Gewitter sehen, so gibt auch der
Wald die notdürftige Unterkunft, und wir dürfen beruhigt sein, wenn sie auf
jenem Wege gehen, besonders wenn man fleißig auf die Wolken und den
Himmel blickt.«
»Es ist häufig geblickt worden,« erwiderte die Großmutter, »aber wenn
Gott zur Rettung kleiner Engel ein sichtbares Wunder tun will, daß wir uns
daran erbauen, so hilft alle menschliche Vorsicht nichts. Ich habe in siebenzig
Jahren alle Wolken gesehen, die in diesem Lande sind; aber wenn es heute
nicht wie ein Nebel ausgesehen hat, der in dem Herbste blau auf allen fernen
Wäldern liegt, an den Rändern weiß funkelt, gegen abend in die Täler und auf
das Land heruntersteigt und morgens doch wieder weggeht und die helle
Sonne scheinen läßt: so will ich eine sehr harte Strafe hier und dort erdulden.
Und sind in dieser Zeit des Jahres schon öfter Gewitter gewesen? Ein altes
Wort sagt: Um das Fest der Geburt der heiligen Jungfrau ziehen die Wetter
heim, und heute ist es sechs Wochen nach jenem Feste. Dein alter Vater wird
sich in der Ewigkeit wundern, wenn er es weiß oder wenn ich komme und es
ihm sage, daß nach Gallus ein so großes, außerordentliches Gewitter gewesen
sei, und daß es die Bäume und die Häuser zerschlagen habe. Es ist ein
Wunder, wie Gott in dem Haupte des braunen, wilden Kindes die Gedanken
weckte, daß es die Wolken sah und daß es die Bündel herbeitrug.«
»Ihr habt recht, teure Mutter,« antwortete der Vater, »es war das nicht zu
erwarten, was gekommen ist. Kein Mensch konnte erraten, was geschehen
würde, und es ist ein Glück, daß sich alles so gewendet hat. Wir waren in
dem Garten, die Knechte arbeiteten in den nächsten Gemarken, als es
donnerte. Da die ersten Hagelkörner fielen, konnten die Knechte nur
verwundert in die Scheune springen und wir in das Haus, und als es mit
Getose niederging, die Fenster, die Mauern und das Dach zerschlagen wurde,
fiel die Mutter ohnmächtig auf den Teppich des Fußbodens.«
»Der Mensch ist eine Blume,« sagte die Großmutter, »zuerst ist er ein
Veilchen, dann eine Rose, dann eine Nelke, bis er eine Zeitlose wird. Und
wer eine Zeitlose werden soll, der kann nicht als ein Veilchen zugrunde
gehen, darum war die dunkle Blume da, daß die lichten leben.«
»Nur die Annahme, daß es fast gewiß sei, daß ihr alle den dichten Wald
als Schutz gesucht habt und hinter einem dicken Stamme desselben geborgen
seid,« sagte der Vater, »konnte der Mutter und mir Trost geben und die
Verzweiflung abhalten.«
»Es wäre die dichte Haselstaude hinreichend gewesen,« antwortete die
Mutter, »aber weil sie nicht hinreichend war, waren die Bündel da, und es
war die Hand schon bestimmt gewesen, welche sie einst schneiden mußte.«
»Als wir euch in dem Walde nicht errufen konnten,« sagte der Vater, »da
faßte auch mich das Entsetzen.«
»Ich sage dir ja,« erwiderte die Mutter, »daß die Hand schon bestimmt
war die Bündel zu tragen, so wie einmal der Fuß schon bestimmt war, daß er
durch den Wald zwischen Jericho und Jerusalem gehe, damit der verwundete
und geschlagene Mann, der dort lag, gepflegt und geheilt werde.«
»Amen, teure Schwiegermutter,« sagte die Frau, »das ist ein trostreicher,
herzlindernder Glaube.«
»Gib dich ihm hin und du wirst dein Leben lang gut fahren,« antwortete
die alte Frau.
Die Kinder waren unterdessen in ihrem Geplauder fortgefahren, sie
sagten allerlei zu den Erwachsenen und unter sich und verstanden nichts von
dem ernsthaften Gespräche, das ihretwillen stattgefunden hatte.
Als es später geworden war, als doch schon der Sand in die schönen
Äuglein zu kommen anfing, wurden sie zu Bette gebracht. Blondköpfchen
hatte sein Schlafgemach neben dem der Eltern, Braunköpfchen hatte es auf
der entgegengesetzten Seite, und Schwarzköpfchen hatte sich noch von der
Großmutter nicht trennen können; es schlief in dem Gemache derselben und
entschlummerte, wenn das Auge der alten Frau sein Bett behütete, und
erwachte, wenn dasselbe Auge auf seine Lider schaute und ihr Öffnen
erwartete. Die zwei ersten Kinder wurden in ihre Schlafkämmerlein geführt,
Schwarzköpfchen wurde von der Großmutter auf den Arm genommen und,
nachdem man gute Nacht gesagt hatte, über den Gang in die
gemeinschaftliche Schlafstube getragen. Was die beiden Eltern vor dem Bilde
des Gekreuzigten gebetet haben, weiß niemand, weil es nur ein eheliches
Geheimnis ist, wenn sie ihre Freude oder ihren Schmerz vor Gott
ausschütten.
Am andern Morgen war ein kühler Tag. Wolkenhaufen zogen beständig
von der Gegend des Sonnenunterganges nach der des Sonnenaufganges, und
wenn man oft meinte, die Sonne werde jetzt durchbrechen, die Wolken sich
zerteilen und dem blauen Himmel Platz machen, so entstanden wieder neue,
deckten wieder die früher lichteren Stellen und zogen wieder gegen Morgen.
Es regnete aber nicht. Die ungeheuren Mengen von Schloßen, welche auf die
Gegend niedergefallen waren, verbrauchten Wärme, die Kälte verdichtete
daher beständig die in der Luft befindlichen Dünste und erzeugte die
unaufhörlichen Wolken.
Das erste, was der Vater am Morgen vernehmen ließ, war, daß er das
Innere der Glashäuser reinigen ließ. Die Schloßen wurden mit Schaufeln auf
Karren getan und in eine Grube gefahren, aus der einst Steine gebrochen
worden waren, und die der Vater wieder dadurch ausfüllen wollte, daß er alle
festen Abfälle des Hauses, wie Geschirrtrümmer, oder des Feldes, wie
ausgelesene Steine, in dieselbe werfen ließ. Der Hagel wurde dorthin geführt,
weil nirgends ein passender Ort für ihn war. Die Gewächse, von denen man
hoffen konnte, daß sie noch zu retten sein könnten, wurden ausgelesen, die
übrigen und die Scherben der Töpfe wurden in obbesagte Grube gebracht.
Auch wurden Knechte auf den Boden des Hauses geschickt, um den Schaden
dort zu untersuchen, und andere mußten in Verbindung mit Mägden das
Reisig von den zerschlagenen Obstbäumen aus dem Garten wegräumen. Ein
Bote wurde nach dem Glasarbeiter geschickt. Der Vater besah die Bäume, ob
manchen von ihnen noch zu helfen sei. Wenn dieses wäre, so müßte bald
dazu geschritten werden, weil sonst der Herbst zu weit vorrückte, und die
Kälte die Wiederbelebungskraft der Bäume nicht wirksam werden ließe.
Die Kinder gingen in der Kühle mit der Großmutter in die Luft. Die
ungeheuer vielen kleinen Glastäfelchen, die an der Abendseite des Hauses
lagen, waren wie die kleinen, flimmernden Täfelchen, welche sie gern aus
den Steinen der Sandlehne und aus andern auslösten. Die Bäume des Gartens
erkannten sie aus den Stumpfen nicht und konnten sich nicht erinnern, was
der Stamm einst getragen habe. Im Freien sahen sie, wie Menschen damit
beschäftigt waren, die noch immer hie und da liegenden Schloßenhaufen von
den Vertiefungen der Felder wegzuschaffen. An dem Wiesenbache, der
zurückgetreten war, dessen Wasser sich aber noch immer nicht geklärt hatte,
sahen sie, daß die Weidenruten zerschlagen und weggeschwemmt waren, daß
sich Schlamm und Steine auf den Wiesenrändern befanden, und daß tote
Fische dalagen, die das Weiße des Bauches emporzeigten.
Am Tage zuvor war es wie Sommer gewesen, jetzt war tiefer Herbst
eingetreten.
Nachmittags ging der Vater zu dem eine halbe Stunde Wegs entfernten
Pfarrer hinüber, dessen Pfarrhaus neben der kleinen Pfarrkirche war, und
fragte ihn wegen des braunen Mädchens.
Der Pfarrer wußte nichts. Es war kein Ding dieser Art in die Pfarr- oder
Schulbücher eingetragen und war auch nie unter den Pfarrkindern zu sehen
gewesen.
Der Vater ging nun zu dem Jäger, der oft durch Felder, Wälder und
Fluren strich und alle Dinge derselben kennen mußte.
Allein auch dieser wußte nichts.
Es seien Banden gewesen, sagte er, aber sie seien immer in den höheren
Bergen, die gegen Bayern hinüberziehen, gewesen und hätten sich längs des
Saumes aufgehalten, an dem sie durch die Länder gewandert sind. Sein
Nachbar aus den jenseitigen Gegenden wisse auch nichts.
Der Vater kehrte unverrichteter Dinge wieder heim.
Die folgenden Tage waren ebenso kalt und unfreundlich wie der
vergangene. Immer kamen Wolken, selten waren Sonnenblicke, und der
Wind wehte zwar nicht stark, aber rauh. Auf den Dächern waren die Arbeiter
und hämmerten die Latten und Schindeln fest oder setzten die Ziegel ein. Die
Glasarbeiter, die anfangs durch die viele Arbeit verhindert waren, kamen
endlich doch, und es wurde ihnen zur Herstellung aller Fenster des Hauses
und der Gewächshäuser der große Saal eingeräumt. Die Maurer arbeiteten an
der Außenseite des Hauses, damit noch alles in vollkommenen Stand gesetzt
würde, ehe die kalte Zeit käme und die meisten Hausbewohner fortzögen.
Der Vater war mit Beihilfe von Arbeitern beschäftigt, die verwundeten
Bäume zu verbinden oder die Stämme zu überstreichen. Die Mägde mußten
die Plätze vor dem Hause reinigen.
Endlich, da lange die Nachwehen des Gewitters angehalten hatten, kamen
noch tief im Herbste schönere Tage, die im Verhältnisse zur Jahreszeit sehr
warm genannt werden konnten.
Der Vater munterte die Kinder selber auf, auf den hohen Nußberg zu
gehen. Er sagte, er werde mitgehen, um etwa das braune Mädchen zu sehen.
Er möchte sich ihm gern dankbar beweisen.
Die Kinder gingen mit der Großmutter wie immer auf den hohen
Nußberg. Der Vater begleitete sie.
Sie gingen durch den Saum der Stumpfen hinein, die traurig dastanden
und die wohl den ganzen Winter so bleiben würden.
Das braune Mädchen sahen sie nicht.
Sie gingen bis zu dem Gipfel, sie gingen zu der alten, dicken
Haselwurzel, sie gingen endlich zur Stelle, wo sie Schutz vor dem Hagel
gefunden hatten. Die Reisigbündel lagen noch da. Der Vater schlug vor, die
Bündel mit vereinten Kräften auf den Platz zurückzutragen, von dem sie
genommen worden waren. Er fand den Platz nach einigem Suchen, und man
schaffte die Bündel wieder zu denen, von denen sie genommen worden
waren. Blondköpfchen konnte ein ganzes tragen und Schwarzköpfchen und
Braunköpfchen trugen eins miteinander, bei dem auch die Großmutter half.
Als alles geschehen war, blieb man noch lange auf dem Berge, man ging zu
dieser und jener Stelle und wartete. Aber das braune Mädchen erschien nicht.
Da ging man nach Hause.
Der Vater ging ein zweites Mal mit den Kindern auf den hohen Nußberg,
er zeigte ihnen die Stelle, wo er das Schutzhäuschen bauen wollte, und
wartete; aber das braune Mädchen kam auch dieses Mal nicht.
Und so ging er mehrere Male; aber das braune Mädchen war nicht zu
sehen.
Da gingen die Kinder allein auf den hohen Nußberg und die Großmutter
ging mit ihnen.
Die Sonne schien warm, der Himmel war blau, das Heidebächlein war
klar, die grauen, flinken Fischlein spielten darin, und da die Kinder zu der
Grenze des Geheges kamen, lief das braune Mädchen durch die laub- und
zweigelosen Stumpfen der Haseln, Birken und Eschen daher und gesellte sich
zu den Kindern. Alle schauten sich mit freudigen Augen an, und da die
Kinder hingingen und den Arm des Mädchens und seine Bänder berührten,
da nahm es Blondköpfchens Haare in die Hände und drückte sie fest, und
nahm dann Schwarzköpfchens Locken und hielt sie. Braunköpfchen, das
mehr Mut bekommen hatte, weil es von dem braunen Mädchen getragen
worden war, nahm dessen Finger und hielt ihn, und das braune Mädchen ließ
es geschehen, es nahm dessen Hand und ließ es auch geschehen. Es ging mit
ihnen auf den hohen Nußberg empor, und sie schauten ins Weite und Breite,
und die Großmutter erzählte. Es redete Worte und die Kinder verstanden sie.
Sie gaben ihm Kuchen, Brot und was sie sonst mitgebracht hatten. Das
Mädchen hatte ihnen nichts zu geben und hielt die leeren Hände hin.
Das braune Mädchen hatte denselben Anzug, den es immer gehabt hatte,
aber er war in jenem Gewitter sehr verdorben worden, er war unrein und
verknittert.
Die Großmutter erzählte ihnen von den Bäumen, die von dem Berge
herabgefallen waren und doch nicht aufgehört hatten zu leben – dann erzählte
sie ihnen von den Königen mit den drei Sesseln – dann von dem Weizen, der
nicht hatte blühen können – dann sprach sie von den fernen Ländern, deren
hohe Gebirge man gar nicht mehr sehen könne – und endlich von den
unbeschlagenen Wägen und Ackerwerkzeugen, mit denen man vor Zeiten die
Felder bestellt hatte.
Hierauf traten sie den Rückweg nach Hause an.
Die Sonne schien auch im Herabgehen warm, der Himmel war blau, die
Schatten waren lang, weil es schon tief in den Herbst ging, die Gräser wurden
gelb, und die grauen flinken Fischlein in dem klaren Bächlein der Mulde
spielten so lustig wie im Sommer.
Das braune Mädchen war mit ihnen gegangen. Es war mit ihnen den
hohen Nußberg herabgegangen, es war mit ihnen über das Bächlein gegangen
und ging mit ihnen über den grauen Rasen, durch den Wald, durch die
Klippen und über die Sandlehne herab. Und da man zu den Glashäusern des
Gartens gekommen war, da sagte es anmutige Worte und lief dann wieder
über die Sandlehne empor und ward nicht mehr gesehen.
Die Kinder erzählten den Eltern, daß das braune Mädchen nun dagewesen
und daß es mit ihnen gegangen sei.
Sie gingen nun, so oft es möglich war, auf den hohen Nußberg, das
fremde Mädchen kam immer und sie spielten und kosten. Sie brachten dem
braunen Mädchen schöne Sachen. Das braune Mädchen brachte ihnen auch
bunte Steine, es brachte ihnen verspätete Brombeeren, es trug in seinem
Wamse Haselnüsse herbei, die es im Sommer gesammelt hatte, oder brachte
ihnen die gefleckte Feder eines Geiers oder die schwarze eines Raben.
Wenn die Kinder nach Hause gingen, so ging das braune Mädchen immer
mit ihnen bis zu den Glashäusern, man hielt sich bei den Händen und
scherzte. Bei den Glashäusern liebkosten sie sich, und das fremde Mädchen
lief dann immer über die Sandlehne zurück.
Wenn es Nacht war und wenn die Kinder an dem Tische mit den Lichtern
saßen, da sprachen sie von dem fremden Mädchen und stritten, wer es lieber
habe. Die Großmutter erzählte den Eltern von dem braunen Mädchen, und
Vater und Mutter achteten auf das, was sie sagte, und merkten es sich in
ihrem Sinne gar wohl.
Es wurde immer später und später im Jahre. Die Fäden, die auf dem
Rasen und zwischen dem Wacholder gesponnen hatten, waren
verschwunden, die Beeren der Moore, die in dem Sumpfgrase oder neben der
schwarzen Erde so rot und weiß geglänzt hatten, waren vergangen, die späte
Preißelbeere, die unter dem Schutze eines Steines oder eines Baumes von
dem Hagel verschont worden war, war dahin, ihr Kraut und das kräftige der
Heidelbeere war ein dürres Stengelbüschlein, der Wald wurde sehr
durchsichtig, die Berge waren rot, an den Morgen lag der weiße Reif auf der
Gegend, oder es war der lange Nebel da, und die Sonne, die spät kam, konnte
ihn kaum zerstreuen, die Hügelgipfel etwas blicken lassen und dann
untergehen; oder es kamen die frostigen Wolken, schütteten den Regen in
kleinen Tröpflein herunter, und wenn sie vergingen, war der hohe, ferne
Wald weiß bestäubt.
Da wurde eines Tages der große Wagen herausgeschoben, er wurde
gepackt, alles Nötige hineingetan, und in Mäntel und warme Kleider gehüllt
stiegen der Vater und die Mutter ein, es stiegen die Kinder ein und fuhren
davon.
Die Kinder weinten, als ob ihnen ein tiefer Schmerz und ein tiefer
Kummer angetan worden wäre.
Erst als sie schon weit gefahren waren, als sie schon durch Dörfer,
Marktflecken und Städte gekommen waren und Wälder und Flüsse gesehen
hatten, milderte sich die Trauer, sie sprachen und redeten untereinander, bis
sie in die große Stadt einfuhren, die hohen Häuser mit den glänzenden
Fenstern dastanden, dicht gedrängt die schön gekleideten Menschen gingen,
prächtige Wagen fuhren, und vor den Verkaufsläden die schönen Waren und
Kleinodien unter Glastafeln funkelten. –
Da die weißen Hüllen über die Berge und Täler vergangen waren, da der
Himmel wieder öfter blau lächelte, als er trüb verhüllt war, da die Sonne
schon höher stieg und kräftiger niederleuchtete, kam der Wagen wieder
gegen den Hof in dem Hügellande gefahren, und Vater und Mutter und die
Kinder stiegen aus.
Es war noch kein Gräslein, es war kein Blättchen, die Felder waren nackt,
nur die Wintersaaten, die sich schon regten, legten grüne Tafeln auf die
braune Erde, und an manchem Morgen war es noch ein wenig gefroren, daß
der Weg zähe war, und an dem Rande vom Wässerlein Eisspitzen glänzten:
aber die Sonne schien sehr freundlich, sie siegte alle Tage mehr und füllte
alle Tage schöner die Zimmer der Kinder und der Großmutter auf dem
ländlichen Hofe mit Licht und Wärme.
Als man die Kleider der Stadt eingepackt hatte, als man die Kleider des
Landes aus den Kästen des Hauses hervorgetan hatte, fand sich, daß manches
geändert werden mußte. Die Säume der Kleider der Mädchen mußten
aufgelassen werden, daß die Kleider tiefer reichten, die Jacken von
Braunköpfchen mußten erweitert werden, und die Strohhütchen von
Blondköpfchen, von Schwarzköpfchen und von Braunköpfchen mußten
weggetan und es mußte um neue geschrieben werden.
Da die Sonne schon sehr warm schien, da man schon begann, die
Sommerfrucht in die geeggte Erde zu säen, da es schon trocken war, und in
der Frühlingssonne die Flimmer der Steine und Felder funkelten, begehrten
die Kinder auf den hohen Nußberg. Die Großmutter legte ihnen wärmere
Kleider an, als sie sonst im Sommer hatten, tat selbst wärmere Gewänder an
und führte sie auf den hohen Nußberg. Sie hatten ihre Haselruten mit den
Haken nicht mit, wie sie dieselben überhaupt nie mitnahmen, als wenn die
Nüsse reif waren. Sie trugen nur ihre Körbchen am Arme. Sie gingen über die
Sandlehne empor, sie gingen durch die Felsen und den Wald. Als sie über die
graue Heide gingen, lief ihnen das braune Mädchen von weitem entgegen.
Sie freuten sich, sie jubelten, sie liebkosten sich, und Braunköpfchen schlang
seine zwei Ärmlein um den Nacken des braunen Mädchens und hielt ihn fest.
Aber nicht bloß an den Kindern war, während sie abwesend gewesen
waren, eine Veränderung vorgegangen, sondern auch das braune Mädchen
hatte sich verändert. So wie man bei ihnen die Säume der Kleider hatte
auflassen müssen, daß sie ihnen wieder recht wären, so waren dem braunen
Mädchen seine grünen Höschen zu kurz geworden; es war größer und
schlanker geworden und ließ seine nackten Arme dicht an seinem Körper
hinabhängen. Die vielen schwarzen Haare, die ihm immer abgeschoren
waren, trug es jetzt nicht mehr so, sondern es hatte auch Locken bis auf den
Nacken hinab, wie sie die Kinder bisher gehabt hatten.
Sie gingen auf den Nußberg, sie gingen weit und breit herum, sie sahen
alle Stellen und sahen auf die Berge des Landes hinaus.
Auf der Erde war noch kein neues Gras, aber sie war trocken; an den
zerschlagenen Ästen war kein Laublein, aber die reine Luft war um sie, und
die Sonne schien hold auf sie hernieder.
Als die Kinder nach Hause gingen, ging das fremde Mädchen bis zu den
Glashäusern mit ihnen und lief dann zurück.
Die Kinder kamen nun wie immer oft auf den hohen Nußberg, und das
fremde Mädchen erschien häufig.
Nach und nach lockte die Sonne die grüne Farbe auf die Erde. Die
Wiesen wurden grün, und die Unzahl der gelben, weißen, roten, blauen
Blümlein mischte sich darunter. Die Felder wurden grün, weil die junge Saat
hervorsproßte und die hellgrüne Farbe zeigte, und weil die Wintersaat weiter
wuchs und die dunkelgrüne beigesellte. Der Vater hatte viele Pflanzen und
Gewächse kommen lassen, und sie standen jetzt neben den noch erhaltenen in
den Glashäusern, und es war, als ob nie ein Schaden angerichtet worden
wäre. An den verstümmelten Bäumen wuchsen zahlreiche kleine Zweige
hervor, die so schön waren und so lebhaft wuchsen, als wäre das Abschlagen
der Zweige kein Unglück gewesen, sondern als hätte ein weiser Gärtner
dieselben beschnitten, daß sie nur desto besser emportrieben. An den
Zweiglein, die der Vater vielen abgeschnittenen Ästen eingepfropft und die er
mit Pflastern verbunden hatte, prangten zwei oder vier große Blätter. Im
Walde, im Gestrüppe oberhalb der Sandlehne, ja sogar auf der grauen
Heidemulde war alles tätig. Die Zweige sproßten als müßten sie eine
Versäumnis einbringen, sie drängten sich und strebten empor. Endlich, da die
Erde weithin grün war, da die Zweige sich verlängert hatten, kamen auch
Blüten, sie kamen später und waren weniger als in andern Jahren, aber sie
waren da und waren fast noch zutraulicher und lieblicher als in früheren
Zeiten.
Einmal in der Fülle des Frühlings, da alles blühte und duftete und sich das
menschliche Herz erfreute, da die Kinder von dem hohen Nußberge nach
Hause gingen, das braune Mädchen sie begleitete, und man bis zu den
Glashäusern gekommen war, hatte Blondköpfchen mit ernsten Augen die
Hand des braunen Mädchens gefaßt. Braunköpfchen hatte es am Arme
genommen. Blondköpfchen sah dem braunen Mädchen in das Angesicht und
sagte: »Komme mit, komme mit.«
Braunköpfchen sagte auch: »Komme mit, komme mit.«
Das braune Mädchen sah die Kinder an und tat einen Schritt vorwärts.
Braunköpfchen war außerordentlich erfreut, es ging einen Schritt voraus
und sagte lockend: »Komme mit, komme mit.«
Das braune Mädchen ging zögernd nach. Es ging von den Glashäusern
gegen die Bäume vorwärts, es ging auf dem Kieswege durch das Grün des
Gartens, es ging über den Sandplatz vor dem Hause, es ging über die Treppe
empor und stand auf dem Teppiche des Besuchzimmers.
Es war in dem Zimmer niemand zugegen. Die Großmutter ging gleich, da
man die Treppe emporgekommen war, in ein anderes Gemach.
Das fremde Mädchen stand und öffnete seine großen Augen noch mehr
und schaute auf den Spiegel an der Wand, auf die Uhr, auf den Schrein, auf
welchem schöne Gefäße standen, auf Tische und Stühle und Sessel und auf
den wunderbaren Teppich.
Die Kinder liefen und brachten süße Milch in einer Schale und brachten
feines Weizenbrot und silberne Löfflein. Das fremde Kind trank die Milch
aus der Schale, nahm ein Stückchen Brot in die Hand, biß davon ab und
verzehrte es so.
Die Kinder brachten ihre Spielzeuge und zeigten sie. Das braune Kind
wußte damit nichts anzufangen. Die Kinder brachten auch ihre Nußknacker,
ihre schöneren Kleider und ihre Bänder.
Endlich kam auch die Mutter in einem feinen weißen Anzuge und trug
gezuckerte, eingemachte Früchte auf einer Tasse und bot dem fremden
Mädchen davon an.
Das braune Mädchen wich zurück, bis es mit dem Rücken aufrecht an der
Wand stand. Es rührte keine Hand, es blickte die Früchte an und ließ die
Arme an dem Körper herabhängen.
Da wendete sich die Mutter wieder um und ging, ohne weiter ein Wort zu
reden, aus dem Zimmer.
Die Kinder traten zu dem fremden Mädchen, liebkosten es, es gab die
Liebkosungen zurück, und nachdem dies ein Weilchen gedauert hatte,
nachdem man geredet, nachdem das fremde Kind geantwortet hatte, und da
es die Augen immer auf die Tür geheftet hielt, liefen alle zur Tür hinaus,
liefen über die Treppe hinab, liefen durch den Garten, und hinter den
Glashäusern lief das fremde Mädchen dann allein über die Sandlehne empor.
So wie es an diesem Tage gewesen war, war es wieder einmal an einem
andern. Da die Kinder auf dem Nußberge gewesen waren, da das fremde
Mädchen zu ihnen gekommen war, da man nach Hause gegangen und bei den
Glashäusern angekommen war, hielt Braunköpfchen das fremde Mädchen an
dem Arme, zog es nach sich und bat, daß es mitgehen möchte. Das braune
Mädchen ließ sich ziehen, es folgte dem Knaben willig, man ging durch den
Garten, man ging über die Treppen, und man ging dieses Mal in das
Spielzimmer der Kinder. Dort ließ sich das braune Mädchen gar bewegen,
sich niederzusetzen. Es saß an der Seite des Knaben, es ließ sich von ihm
Kuchen, gedörrte Pflaumen, Milch, Butter und Honig geben. Als man
gegessen hatte, als man einen Kreisel gezeigt, und als man einen Federball
versucht und ein Bilderbuch aufgeschlagen hatte, ging man wieder fort, die
Kinder begleiteten das braune Mädchen bis an die Glashäuser, küßten und
herzten es dort wie immer, nahmen Abschied und ließen es über die
Sandlehne emporgehen.
Indessen war der Sommer vorgerückt. Der hohe Nußberg hatte sich über
und über mit grünen Zweigen bedeckt. Wie es in dem Garten des Vaters
gewesen war, so geschah es auch hier. Die zerschlagenen Stämme der
Haseln, der Birken, der Eschen, der Erlen suchten durch ihren steigenden Saft
die verlorenen Äste zu ersetzen und trieben Zweige, die schnell wuchsen,
dick wurden und Blätter hatten, deren Größe und dunkle Farbe nie vorher auf
dem Nußberge gesehen worden war. Die wenigen Äste, welche von früher
übriggeblieben waren, bedeckten sich mit Nüssen, die in dicken Knöpfen und
enge geschart an den Zweigen saßen, als müßten diese die Pflicht der
verlorengegangenen Äste übernehmen und soviel Nüsse, als sie nur immer
könnten, auf die Welt bringen. Dieselben waren noch grünlich und weißlich,
fingen aber bereits an, sich mit einem sanften, roten Hauche zu färben.
In der Zeit war auch das Schutzhäuschen des Vaters fertig geworden. Er
hatte ein Stückchen Landes gekauft, das an der Morgenseite des Berges
gelegen war, woher am seltensten ein Gewitter zu kommen pflegte. Er hatte
das Häuschen so gebaut, daß es gegen Mittag und Abend ein Fenster mit
eisernen Fensterläden hatte, und daß gegen Morgen die Tür war. Im Innern
stand an der Mitternachtseite ein Bänklein an der Wand, davor ein Tischlein
war. Es befanden sich noch Stühle und Schemel in dem Häuschen.
Die Kinder waren öfter, wenn sie auf dem Nußberge waren, zu der Stelle
gegangen, an der man arbeitete, und hatten zugeschaut. Auch das braune
Mädchen stand dabei und betrachtete, was da wurde.
Es war von außen nicht angestrichen oder angeworfen worden, sondern
sah so aus, wie die Steine oder die Steinhaufen aussehen, die auf dem
Nußberge liegen. Das Dach war mit dunkelbrauner Farbe gemalt. Im Innern
hatte es der Vater sehr schön grün machen und hatte in jeder Ecke ein
Sträußlein von wilden Rosen, von Kamillen und Zyanen malen lassen. Da es
fertig war, begleitete einmal der Vater die Kinder auf den hohen Nußberg, um
das Häuschen einzuweihen. Sie traten hinein. Die Kinder waren
außerordentlich erfreut, als sie das nette Zimmerchen und alle die netten
Dinge sahen. Die Großmutter hatte in ihrer Tasche eine Flasche mit Milch,
Kuchen, in einer Dose Butter und andere Dinge nebst dem Tischgeräte
mitgebracht. Sie deckte wie das wohltätige Weiblein den Knappen Rolands
ein weißes Tuch über das Tischlein, das so glänzte wie die Blüten des
Kirschbaumes, sie legte an jedem Sitze ein Tellerchen auf das Tischlein, sie
tat auf das Tellerchen ebenfalls ein weißes Tüchlein und legte ein Löffelchen,
Messerlein und Gabel zu jedem Teller. Dann tat sie aus der Flasche Milch in
das Milchtöpflein und legte einen silbernen Schöpfer dazu, dann tat sie den
reinen Honig auf die weißen Tassen, daß er wie Gold in denselben stand,
dann legte sie Butter auf einen Teller und gab zu jedem Sitze ein feines
weißes Brot. Die Kinder aßen nun in ihrem Hause, und der Vater war ihr
Gast. Da gegessen war, wurden die Reste wieder weggeräumt und
eingepackt. Die Kinder freuten sich über dieses Vesperbrot sehr. Das braune
Mädchen war an diesem Tage nicht gekommen, und der Vater wunderte sich,
warum denn das Mädchen immer nicht komme, wenn er auf dem hohen
Nußberge sei.
Die Kinder gingen nun dem Häuschen zulieb auf den Berg. Sie waren
immer in demselben, und wenn das braune Mädchen kam, mußte es mit in
das Häuschen gehen, auf einem Stühlchen sitzen und mit ihnen tafeln. Es
waren in der Zwischenzeit die Erdbeeren gekommen, und wenn die Kinder in
ihre Birkenrindentäschchen im Wald und an Rainen und oberhalb der
Sandlehne Erdbeeren gelesen hatten, so tat die Großmutter sie im Häuschen
auf einen der Teller, die in der Tischlade aufbewahrt wurden, und man
verzehrte vergnügt das Nachmittagsmahl.
Aber die Freude an dem Häuschen wurde nach und nach geringer. Die
Kinder gingen stets weniger hinein, und als eine Zeit vergangen war, schien
es gar nicht mehr da zu stehen. Sie saßen wieder an ihrer alten, dicken
Haselwurzel, und wenn sie nicht dasaßen, so gingen sie herum, waren in den
Gebüschen, lasen verschiedene Dinge und Steinchen zusammen und sprachen
mit der Großmutter.
Wenn das braune Mädchen kam, ging man früher als gewöhnlich nach
Hause, weil das Mädchen mitging, weil es mit den Kindern in ihre Stube ging
und dort bei ihnen war und aß und sprach und gegen Abend wieder fortzog.
Die Mutter ging bei solchem Anlasse öfter durch das Zimmer, aber sie
näherte sich dem braunen Mädchen nicht und sprach nicht zu ihm. Sie hatte
ein blasses Kleidchen angetan, wie Schwarzköpfchen eines anhatte, ihre
Locken waren in den Nacken gekämmt, wie Schwarzköpfchen hatte, so daß
sie ihm in allem glich und ein großes Schwarzköpfchen war. In dieser Weise
brachte sie einmal auf einem Teller viele große, schöne Erdbeeren, die in dem
Walde und auf der Heide nicht wachsen, sondern die der Vater in eigenen
Beeten, auf welche im Frühling Glas gelegt wird, zog. Die Mutter hatte
früher auf alle Plätze der Kinder an dem Tische Tellerchen legen lassen. Sie
ging zu dem Tellerchen Blondköpfchens, tat mit einem Löffel Erdbeeren auf
dasselbe, und Blondköpfchen begann zu essen. Sie ging zu dem Tellerchen
Schwarzköpfchens, tat Erdbeeren darauf, und Schwarzköpfchen fing an zu
essen. Sie ging zu dem Tellerchen Braunköpfchens, tat Erdbeeren darauf, und
Braunköpfchen aß sie. Sie ging zu dem Tellerchen des braunen Mädchens,
legte Erdbeeren darauf, und das braune Mädchen begann zu essen. Dann ging
sie wieder zur Tür hinaus. Ein anderes Mal kam sie wieder, war wieder ein
Schwarzköpfchen, brachte allerlei Dinge und war unter den Kindern. So tat
sie nun öfter, bis das braune Mädchen auch mit ihr redete, sich immer mehr
an das Haus gewöhnte, mit den Kindern in der Stube spielte und mit ihnen
auch im Garten war. Da bekam es von der Mutter auch ein Kleid, welches
wie das frühere war, nur daß es viel schöner war, und daß es Ärmel hatte, die
bis zu den Ellenbogen herabgingen.
Der Vater bekümmerte sich jetzt wieder um die Herkunft des braunen
Mädchens. Er fragte Nachbarn und Bekannte, sie wußten gar nichts von ihm.
Er beschloß nun, die Landleute, die armen Häusler, die Holzhauer, die
Pechbrenner, die Waldhüttler zu fragen. Er ging deshalb auf den Berg der
Ahorne, der hinter der Grenze seiner Besitztümer emporsteigt, und wo eine
Hütte mit zwei alten Leuten war, die einen jungen Sohn hatten, der Fässer
und Bottiche machte und viel in die Wälder kam. Sie wußten nichts. Er ging
an dem Steingehege aufwärts und fragte bei den Hütten der Steinbrecher. Das
Kind wird wohl von weiter oben sein, war die Antwort. Er ging weiter hinauf
und fragte. Das Mädchen könne zu den Heideleuten gehören, sagten sie. Er
fragte an der Heide, sie antworteten, das Mädchen komme etwa von den
Moorhütten herab. Er fragte an den Mooren. Sie wußten dort nichts. Er kam
nun zu den hohen Wäldern. Die Holzhauer und Pechbrenner sagten, es gäbe
allerlei Leute. Und wenn er das Mädchen beschrieb, so sagten sie insgesamt,
sie hätten es schon gesehen, und wenn sie das Mädchen beschrieben, so
beschrieb es der eine so, der andere anders, ein jeder auf seine Weise. Der
Vater kehrte wieder nach Hause.
Wenn die Mutter das Mädchen selber leise fragte, so war es still und
sagte nichts. Die Kinder fragten nie. So verging nun die Zeit.
Das Mädchen kam jetzt auch zuweilen allein zu dem Hause. Wenn man
an einem Morgen die Lehnen der Fenster öffnete, stand es naß in dem
betauten Grase des Gartens und wartete.
Wenn die Kinder lernen mußten, stand es dabei und sah zu. Plötzlich
konnte es einmal die Buchstaben sagen und konnte dann lesen. Es wurde
öfter um das Gelernte gefragt und zu weiterem Lernen veranlaßt.
Wenn die Großmutter mit den Kindern fortging, hing es sich so gut an die
Schürze derselben wie die andern Kinder und ging mit. Einmal über die
Nacht in dem Hause zu bleiben und sich in ein Bettlein zu legen, konnte es
nicht bewogen werden.
Und wie der Sommer immer vorrückte, wie das Getreide reifte und in die
Scheunen gesammelt wurde, und wie der Hafer goldig dastand, die leichten
Fäden zitterten, und die Hülse den weißen Schnabel aufsperrte, was immer
auch die Zeit der Reife der Haselnüsse ist, so gingen die Kinder im
Sonnenscheine mit ihren Haselruten auf den hohen Nußberg. Sie gingen
nachmittags, wenn sie ihre Aufgaben gelernt und ihre Schriften geschrieben
hatten. Das braune Mädchen hatte einen langen Stab, an dem ein gut
gerichteter Haken war. Sie gingen über die Sandlehne empor, sie gingen
durch die Felsen, durch das Gestrüppe und Geniste, sie gingen durch den
Wald, über die graue Heide und durch die grauen Steine, wo wieder das
Bächlein so lieb wie immer war, die Fischlein spielten, die Wasserjungfern
flogen, und die roten Blumen standen, die ein Samenhaus voll weißer Wolle
machen würden, sie gingen über das Steingerölle in das Gehege der Nüsse.
Sie mußten heuer sehr mühsam suchen, um die wenigen Stellen zu finden, an
denen jetzt Nüsse waren, sie riefen einander, wenn sie sie fanden, und sie
langten mit ihren Haken nach den bedeckten Zweigen, und das braune
Mädchen schwang sich empor und zog mit seinem Stabe die höchsten Äste
herab, daß Braunköpfchen die Nüsse sammeln und in seine lederne Tasche
tun konnte. Dann suchte man noch die lieben Stellen des Nußberges, wo
allerlei Dinge im Gesteine, im Sande und im Gebüsche waren, und saß dann
noch wie gewöhnlich an der alten Wurzel.
Und wie der Hafer endlich von den Feldern verschwunden war, wie die
Haselstauden sich entfärbten, und die Blätter sich runzelten und rollten, wie
auf den Hügeln die weißen Flecke der Stoppeln sich in braune verwandelten,
wie auf den Feldern nichts mehr als die Kartoffeln, der Kohl und die Rüben,
wie kein Apfel und keine Birne mehr in den Zweigen der Bäume war, ja wie
die Blätter schon von diesen Bäumen abfielen, wie die Blumen, die der Vater
vor dem Hause in Töpfen stehen hatte, wieder in die Glashäuser gesammelt
wurden, wie die blauen Wacholderbeeren an den Wacholdersträuchern immer
blauer wurden und die grünen schwollen und sich mit einem Taue überzogen,
wie wieder der Fadensommer spann, und die Großmutter immer trauriger
wurde und immer zärtlicher die Locken aller Kinder streichelte: so wußten
sie, daß die Zeit da sei, daß sie bald scheiden mußten, daß der traurige Herbst
und die Nebel die Gegend bedecken werden, und daß sie lange nicht werden
beisammen sein können.
Als diese Zeit gekommen, als der letzte Tag vergangen war, an dem sie
noch beisammen sein konnten, nahmen sie, da das braune Mädchen fortging,
Abschied, sie umhalsten es und weinten, und Braunköpfchen schenkte dem
fremden Mädchen seine Bilderbücher und seine Trompete.
Und sie fuhren wieder fort, da die Großmutter voll Kümmernis bei dem
Wagen stand, da die Knechte und Mägde bei dem Wagen waren, da der Vater
noch mit weinenden Augen die faltenreichen Wangen der Großmutter küßte,
ihre Hand küßte, wie er auch noch in seinen Mannestagen tat, in den Wagen
stieg, und die Pferde die Räder in Bewegung setzten.
Es verging der lange Winter, und das Schneegestöber, das das Haus, den
Garten, die Glashäuser, die Sandlehne, den Wald, die Felder, den hohen
Nußberg, alle Berge und Wohnungen der Menschen eingehüllt hatte, hörte
auf, die Sonne kam wieder, die harten Winde gingen in mildere Lüfte über,
und der Vater, die Mutter und die Kinder kehrten wieder in ihr Haus auf dem
Lande zurück.
Sie fanden alles, wie sie es verlassen hatten. Die Großmutter war gesund,
alle Knechte und Mägde waren gesund, und alle Tiere des Hauses lebten und
waren fröhlich.
Das braune Mädchen war wieder größer geworden, und die schönen,
schwarzen Haare gingen noch in größerer Fülle und noch dichter auf den
Nacken herab. Die Kinder liefen ihm entgegen, als es in das Haus kam, sie
begrüßten es und gaben ihm die vielen Sachen, die sie ihm aus der Stadt
mitgebracht hatten.
Es ging nun das Leben auf dem Lande wieder an, sie waren beisammen,
sie lernten, sie arbeiteten, und da, wie es im vergangenen Jahre war, die
Gräser auf den Wiesen und Rainen sproßten, da die Schwalben kamen und
mit ihren braunen Kehlchen und dem weißen Bauche tief an dem Wege
dahinfuhren und wieder hoch in die Lüfte schossen, da das Rotkehlchen in
dem Gebüsche saß, mit dem Vorderleibe nickte und seine Stimme schmettern
ließ, da alle Bäume mit Blüten bedeckt waren, kleine Laubbüschel bekamen,
und nichts mehr von dem Unglücke des Hagels zu erblicken war, da die
Felder grün waren und die weißen Wolken darauf niederleuchteten: da ging
man wieder herum und ergötzte sich, wie man sich in früheren Zeiten ergötzt
hatte. Das braune Mädchen war nun auch nicht scheu, wenn der Vater bei den
Kindern war, und es wich vor den Knechten und Mägden nicht zurück,
welche im Hause, im Garten und auf den Feldern herumgingen und
arbeiteten.
Da auf diese Weise der Sommer sehr weit vorgerückt war, da eines Tages
die Sonne schon gegen Untergang neigte, da die Kinder von ihrer Wanderung
heimgekehrt waren, ihr Vesperbrot gegessen hatten, das fremde Mädchen
schon fortgegangen war, und die Kinder mit der Mutter allein in der Stube
gegen den Garten hinaus saßen, weil der Vater verreist war: geschah es, daß
Blondköpfchen wiederholt sagte, es rieche etwas unangenehm, als würden
widrige Gegenstände verbrannt. Man sah überall nach. Auf dem Herde war
kein Feuer, in den Kaminen war auch keines, da man in der Hitze des hohen
Sommers keines brauchte. Auf den Feuerstellen der Dienstmädchen war
ebenfalls kein Feuer, an dem sie etwa Eisen zum Glätten gehitzt oder irgend
Wäsche oder dergleichen gesotten hätten. Man schaute aus den Fenstern,
alles lag ruhig und freundlich da, und nicht einmal ein Rauch ging aus nahen
und fernen Schornsteinen empor.
Die Mutter sprach mit den Kindern über die Sache, und man wunderte
sich, wie solche Eindrücke in die Sinne kommen können, Blondköpfchen
verteidigte sich, andere griffen es an, und wie man so redete, geschah
draußen ein Schrei, es geschahen sogleich mehrere, und wie alle an die
Fenster liefen, um zu sehen, was es gäbe, stieg ein dicker, qualmender
Rauchknäuel als schwarze, finstere Säule von dem Scheuerdache empor, er
wirbelte schnell, und gleich darauf schoß die blitzende Flamme zu ihm
hinauf, und während die Kinder und die Mutter noch schauten, lief es
geschäftig und prasselnd, als ob die Sommerhitze alles vorbereitet hätte, in
lichten kleinen Flämmchen von der Scheuer längs des Dachfirstes der
Stallungen und Wagenbehälter gegen das Haus hervor, mit eins geschah ein
Knall, wie wenn ein auf glühende Kohlen gelegtes Papier plötzlich seiner
ganzen Fläche nach Feuer fängt, und das ganze Dach der Ställe und
Wagenbehälter stand unter einer einzigen breiten, nach aufwärts gehenden
Flamme, das Scheuerdach aber war ein Körper von Glut und von Flamme.
Knechte und Mägde rannten unten herum und schrien, und das Fichtenholz
der Sparren und Latten krachte furchtbar unter dem Feuer.
»Kinder! um mich!« schrie die Mutter.
»Mutter, Mutter, Großmutter, Sigismund, Clementia, Emma!« schrien die
Kinder.
Sie schossen in das Zimmer zurück, sie ergriffen Dinge, sie zu retten, und
wußten nicht, was sie taten. Sie nahmen eine Puppe, einen Lappen oder sonst
etwas, das ihnen in die Hände kam, ob es Wert hatte oder nicht. Die Mutter
hatte schnell einen Schreibtisch geöffnet, der in der Nebenstube stand, hatte
ein Kästchen aus demselben genommen, stürzte wieder in die Stube zurück,
raffte die Kinder, die mit Verschiedenem beladen waren, zusammen und
führte sie die Vordertreppe, die von dem Feuer weggewendet war, hinunter
ins Freie. Da sie die Haustür hinter sich hatten, hörten sie erst recht das
Brüllen, Wehen und Krachen der furchtbaren Macht, die hinter ihnen auf der
andern Seite des Hauses in ihrem Eigentume herrschte. Die stille Luft drückte
den Rauch nieder, der sich an der Abendseite des Hauses lagerte, und durch
den die untergehende Sonne wie eine blutige Scheibe schien. Viele Leute,
man konnte nicht unterscheiden, ob es eigene oder schon herzugelaufene
waren, drängten sich wild durcheinander.
Die Mutter führte die Kinder nach der Morgenseite des Gartens. Da die
Hitze den nach aufwärts strebenden Wind erzeugt hatte, und derselbe die
feurigen Lappen, die aus brennenden Schindeln, aus Stroh, Heu oder Linnen
und Gewändern der Leute herstammten, wie frevelnde Geister in die Luft
hinauf und auseinander schleuderte, so mußte die Mutter die Kinder vor dem
fallenden Feuer zu sichern suchen, damit sich ihre Kleidchen nicht
entzündeten. Sie führte daher dieselben unter dichten Bäumen und
Gebüschen weg. Sie führte sie in die äußerste Laube an der Morgenseite des
Gartens, vor der zwei reiche Linden standen, die sogar jeden Funken
abhielten, der etwa in dieser Richtung hätte fallen können.
»Kinder, bleibt nun hier, entfernt euch ja nicht,« sagte die Mutter, »was
ihr auch hören mögt. Hier geschieht euch nichts, ich muß fort, ich komme
aber bald wieder. Bewahrt indessen das Kästchen.«
»Ja,« sagten die Kinder, »wir werden bleiben.«
Nach diesen Worten lief die Mutter aus der Laube und lief entschlossen
in den Hof, und da ihr Gatte nicht anwesend war, übernahm sie seine Stelle
und drang bei den Knechten, die fast den Verstand verloren hatten, darauf,
daß sie in den Stall gingen und die Pferde herauszogen, damit sie nicht etwa
erstickten, und daß sie dieselben an die Bäume anbanden, daß sie nicht
wieder in das Feuer liefen. Ein Teil der Leute hatte es mit dem Rindvieh
schon so gemacht. Man rettete aus dem brennenden Stalle ein Pferd nach dem
andern, die Mutter leitete das Unternehmen und gab die Stellen an, wo die
Pferde angebunden werden sollten. Den Haushund hatte jemand losgelassen.
Er kam in großen Sprüngen auf die Frau zu, strebte an ihr empor und gab
seine Freude zu erkennen, gleichsam als wüßte er, daß eine Gefahr vorhanden
gewesen war und daß die Frau ihr glücklich entronnen sei.
In den Zwischenaugenblicken lief die Frau in den Garten, um nach den
Kindern zu sehen, und wenn sie sich überzeugt hatte, daß dieselben in der
Laube seien, kehrte sie wieder zu dem Feuer zurück.
Endlich fand sie eine Magd, die sie zu den Kindern senden konnte, daß
sie bei denselben in der Laube bliebe.
Die Knechte hatten indessen alle Tiere gerettet.
Die Tauben kreuzten in der Luft und fielen wie die Mücken, die um ein
Licht flattern, mit versengten Flügeln in die Flammen.
Die Wagenbehälter grenzten an die Holzlage, in welcher die großen
Vorräte von Winterholz und Kochholz aufgehäuft waren. Wenn dieses Holz
Feuer finge, so waren die Wägen samt dem Wagenbehälter verloren. Darum
ließ die Frau auch die Wägen aus ihren Behältern ziehen und ließ sie in dem
Garten unter den Bäumen in Sicherheit bringen.
Da die Leute bei dieser Beschäftigung waren, hörte man hoch oben ein
neues plötzliches Krachen und Prasseln, und da man hinaufsah, so erblickte
man das Dach des Wohnhauses von den Flammen ergriffen. Es war wohl
eine Feuerspritze in dem Hause, es war auch Wasservorrat teils im Hause,
teils in dem nahen Bache, die Spritze hatte immer auf das Hausdach gespielt,
die Hausleute und die Nachbarn die schnell genug herbeigeeilt waren, hatten
das Wasser stets in hinreichender Menge herangeschafft: aber die Hitze des
Sommers hatte das Holzwerk zu sehr ausgetrocknet, die Gewalt des Feuers
auf den angrenzenden Dächern war zu mächtig gewesen, der Wasserstrahl
verdünstete fast in der Luft, die Tropfen auf dem Dache waren ohnmächtig,
und da das Holzwerk einmal Feuer gefangen hatte, so war das ganze Dach
bald ein sausender, krachender, brodelnder Feuerberg. Das Spritzen in die
Flamme war nun unnütz, ja es belebte dieselbe nur noch mehr. Die Frau
befahl daher, jetzt die Feuerhaken zu gebrauchen, die vielfach in dem Hause
vorhanden waren, und die brennenden Sparren von dem Dache soviel als
möglich herunterzureißen.
Für die Gemächer fürchtete die Frau nicht viel, weil ihre Decken mit sehr
dickem Estrich belegt waren, und weil die Glut, die von dem brennenden
Dache auf das Estrich fiel, mittels der Haken und später durch Schaufeln eher
entfernt werden konnte, ehe das Estrich so erhitzt würde, daß die Tragbalken
ergriffen würden, in Brand gerieten und die Decke einstürzen ließen. Daher
hatte sie aus den Gemächern nichts herausräumen lassen, außer was Mägde
bereitwillig und aus unbefohlenem Eifer herausgetragen hatten.
Da nun die Feuerhaken angelegt waren, und die Männer an ihnen
bereitstanden, um die Sparren, sobald sie durch das Feuer ein wenig geledigt
wären, herunterzureißen, so glaubte die Frau einen Augenblick für sich
gewinnen zu können, weil nun kein Hausteil mehr war, der von der Flamme
ergriffen werden konnte, und sie ging hinweg, um nach ihren Kindern in der
Laube zu sehen.
Als sie zu der Laube kam, liefen ihr Emma und Clementia entgegen und
riefen: »Mutter, wir sind nicht fortgegangen und haben das Kästchen
aufbewahrt.«
»Wo ist Sigismund?« rief die Mutter.
»Er wird bei der Großmutter sein,« sagte Emma.
»War die Großmutter auch bei euch in der Laube hier?« fragte die Mutter.
»Nein,« sagten die Kinder.
»Ist die Großmutter nicht bei euch hier in der Laube gewesen und hat
Sigismund mit sich fortgenommen?« fragte die Mutter noch einmal.
»Mutter, du hast ja Sigismund gar nicht mit uns über die Stiege
herabgenommen,« riefen die beiden Mädchen einstimmig.
»Dann muß er ja bei der Großmutter sein,« sagte die Mutter und rief in
den Garten hinaus: »Großmutter, Großmutter!«
Die Großmutter kam in dem Augenblicke, da sie so gerufen wurde, gegen
die Laube herzu, entweder weil sie den Ruf gehört hatte oder weil sie zu den
Kindern gehen wollte.
»Wo ist Sigismund?« rief ihr die Mutter entgegen.
»Ist er nicht bei dir?« antwortete die Großmutter.
»Nein,« sagte die Mutter.
»Ich habe ihn in dem Augenblicke, da Feuer gerufen wurde, gehört,«
sagte die Großmutter, »ich habe ihn vor meinem Zimmer ›Großmutter‹ rufen
gehört, und da ich in dem nämlichen Augenblicke auch deine Stimme
vernahm, wie du die Kinder zusammenriefst, und da ich dich die vordere
Treppe mit ihnen hinuntergehen hörte, so meinte ich, er sei bei dir, sperrte die
Tür, die von dem Gange aus dem Kinderzimmer zu meinem Gemache führt,
zu, ging durch die andere hinaus, sperrte sie ebenfalls hinter mir zu und ging
über die hintere Treppe hinab.«
Die Mutter durchzuckte ein Strahl.
Von dem Kinderzimmer führte eine Tür auf einen Gang, der ganz allein
zu dem Zimmer der Großmutter ging. Die Tür von dem Kinderzimmer in den
Gang fiel gern ins Schloß und dasselbe konnte Sigismund mit seiner
schwachen Kraft nicht öffnen. Es war daher wahrscheinlich, daß er von dem
Kinderzimmer gegen das Zimmer der Großmutter geeilt war, sie zu warnen,
daß hinter ihm das Schloß zugefallen war, daß er das Zimmer der Großmutter
verschlossen fand, daß er zurück wollte, nicht mehr ins Kinderzimmer
konnte, und nun auf dem Gange eingesperrt sei.
Als diese Gedanken plötzlich durch den Kopf der Mutter liefen, schrie
sie. »O du heilige, himmlische Barmherzigkeit, dann ist er durch den Gang zu
Euch gelaufen, um Euch zu helfen, hat hinter sich die Tür ins Schloß
geworfen, konnte in Euer Zimmer nicht hinein und ist nun auf dem Gange
eingeschlossen. Ich habe alle Kinder, wie sie mit ihren Lappen beladen
waren, über die Treppe hinabgebracht, ohne zu achten, ob sie zwei oder drei
seien. Er kann ersticken, es kann das Estrich einbrennen. Der Schlüssel steckt
von innen in der Tür des Kinderzimmers, ich muß hinauf, ihn zu befreien.«
Nachdem sie diese Worte gerufen hatte, lief sie, ohne auf die andern
Kinder zu achten, dem brennenden Hause zu. Sie lief gerade durch alle
Pflanzen und mitten durch den Funkenregen hindurch. Die Großmutter folgte
ihr. Die Magd, die bei den Kindern war, konnte dieselben nicht zurückhalten,
sie liefen auch zu dem Feuer, und die Magd lief mit ihnen.
Als die Mutter bei der Feuerstätte angekommen war, war es dort bei
weitem nicht so gefahrlos für die Zimmer, als sie gedacht hatte. Der
Dachstuhl war beinahe zusammengebrannt, wenigstens war er schon
zusammengestürzt. Ein furchtbarer Gluthaufen, der die Luft vor Hitze zittern
machte, lag auf der Decke der Zimmer. Von dieser Glut trennte nur eine Lage
Estrich die Tragbalken, sie konnten sich erhitzen, brennen, und die Decke
konnte einstürzen. Die Männer mit den Feuerhaken hatten außerordentlich
gearbeitet. Einen großen Teil der Sparren hatten sie herabgerissen, und die
Trümmer lagen um das Haus und brannten und rauchten; aber ein anderer
Teil hing noch oben und konnte aus der Verbindung nicht gerissen werden.
Die Nacht war mittlerweile eingebrochen, und in der düstern Finsternis war
das Leuchten des Feuers und des Rauches, das Glühen der vorragenden
Balken und das Glänzen der umstehenden Bäume doppelt unheimlich.
Die Mutter lief gerades Weges gegen die Tür zu, von welcher die Treppe
gegen das Kinderzimmer emporführte. Sie wollte in das Zimmer gelangen,
dort an der Tür zu dem Gange den Schlüssel umdrehen und den Knaben
befreien. Aber als sie gegen die Tür kam, lag ein Haufen herabgerissener
Balken vor derselben und brannte.
Es war unmöglich, durchzukommen.
»Reißt das Holz weg, Sigismund ist in dem Hause«, schrie sie zu den
Männern, die da waren.
Die Männer verstanden sie. Sie näherten sich dem Feuerhaufen, schlugen
die Haken ein und suchten die Balken wegzubringen. Aber es war vergeblich.
Die Balken waren teils noch in Verbindung, teils hatten sich andere
herabgestürzte mit ihnen verschlungen, so daß die angestrengteste Kraft aller
Männer nicht hinreichte, das zusammenhängende Gewirr eher
hinwegzubringen, als bis es mehr ausgebrannt wäre, und die Verbindungen
sich gelöst hätten.
»Das geht nicht,« rief die Mutter, »wir müssen durch die hintere Treppe
in Euer Zimmer hinauf, Großmutter, um von demselben in den Gang zu
kommen. Wo habt Ihr die Schlüssel?«
»Ich weiß es nicht, ich werde sie in meiner Armtasche haben, die ich
vielleicht in den Glashäusern niedergelegt habe,« antwortete die Großmutter,
»ich werde sie gleich holen.«
»Um des Himmels willen, warum habt Ihr zugesperrt?« rief die Mutter.
»Der Diebe wegen«, rief die Großmutter und eilte, von einem Knechte
begleitet davon.
Noch war es Zeit; denn alle Fenster des Hauses waren noch schwarz, zum
Zeichen, daß das oberhalb herrschende Feuer noch nirgends in die Zimmer
hineingebrochen war.
Aber es kam der Knecht gelaufen und sagte, daß die Schlüssel der
Großmutter nirgends zu finden seien.
Die Mutter änderte ihren Plan. Sie ging um die Ecke des Hauses und kam
zu einer Seite, die mit Weingeländer bepflanzt war, die gegen den Garten sah,
und in welcher ein offenes Fenster der Kinderstube war. Sie zeigte gegen das
Fenster empor und rief: »Eine Leiter, eine Leiter, da kann man in das
Kinderzimmer einsteigen.«
Die Knechte liefen nach einer Leiter. Andere schlossen sich an. Die
Leitern waren unter einem eichenen Dächlein auf einem eigenen Gestell
angehängt, das in der Nähe des Wagenbehälters war. Dort brannte aber jetzt
in einer entsetzensvollen ruhigen Flamme, die majestätisch in die Höhe ging,
der gesamte Vorrat des Holzes des Hauses. Es war unmöglich, sich zu
nähern. Ein Mann, der, in eine nasse Decke gehüllt, es gewagt hatte, war
durch den heißen Atem umgeworfen worden, und man konnte ihn nur mittels
eines Feuerhakens retten, mit dem man ihn aus der heißen Luft zog. Im
nächsten Augenblicke hatte auch das Leiterdächlein Feuer gefangen, und
dasselbe und die Leitern brannten.
Die Knechte kamen zurück und meldeten es der Mutter.
Da stürzte sie auf die Knie, breitete die Arme auseinander und schrie: »So
rette du ihn, der die Macht und das Vollbringen hat, und der ein unschuldiges
Leben nicht vernichten kann!«
In diesem Augenblick tönte ein gellender Schrei: »Braunköpfchen,
Braunköpfchen!«
Und ehe man sich's versah, huschte eine dunkle Gestalt gegen das Haus
und kletterte wie ein Eichhörnchen an dem Weingeländer empor, und war in
dem nächsten Augenblick durch das Fenster verschwunden.
Alle vergaßen ihre Arbeit oder was sie immer im Herzen hatten und
richteten ihre Augen auf das Fenster.
Es dauerte nicht lange, so kamen zwei Gestalten am Fenster an. Sie waren
durch brennende Balken, die oberhalb ihrer über die Mauer des Hauses
hervorragten, wie von Fackeln beleuchtet. Es war das braune Mädchen und
Sigismund.
Ein Schrei ertönte einstimmig aus dem Munde aller Umstehenden bei
diesem Anblicke.
Emma und Clementia kreischten vor Entsetzen und vor Freude.
Aber die Kinder konnten nicht herunter. Das braune Mädchen hätte es
gekonnt; allein den Knaben konnte es nicht auf das Weingeländer bringen.
Wie ein Nachtbild, das ein Künstler gemalt und mit der äußern Glut
beleuchtet hat, standen sie in dem schwarzen Rahmen des Fensters.
»Leintücher, Leintücher, bindet Leintücher zusammen«, riefen mehrere
Stimmen hinauf.
»Da ist eine Leiter,« hörte man rufen, »die Leiter wird reichen, sie wird
halten, für Kinder hält sie schon.«
In dem Augenblicke drängten sich der Altknecht und der Pferdeknecht
durch die hier zusammengepreßten Menschen und trugen eine Leiter herbei.
Sie war von den Wägen, die aus Gottes Vorsicht und mit dem Willen der
Frau gerettet worden waren, genommen und aus zwei Leitern eines
Erntewagens zusammengebunden worden.
Sie wurde angelehnt und reichte.
Das braune Mädchen stieg zuerst aus dem Fenster. Es faßte festen Fuß
auf den Sprossen und half dann dem Knaben auch aus dem Fenster heraus.
Die beiden Kinder kletterten nun schnell und geschickt über die Leiter herab.
Als sie auf dem Grase waren, kniete das braune Mädchen vor dem
Knaben nieder, setzte sich auf seine eigenen Fersen und sah den Knaben mit
den schwarzen Augen an.
Man hätte in der dunkeln Nacht und bei dem Scheine des Feuers sehen
können, wie diese Augen freudesprühend waren, daß er gerettet sei.
Der Knabe konnte nicht reden, er schwindelte, und es war, als sollte er
umfallen.
Da eilte die Mutter herbei, nahm ihn in die Arme, wischte ihm die Stirne
ab und suchte ihn zu trösten.
In diesem Augenblicke kam auch die Großmutter, so schnell sie in ihrem
Alter laufen konnte, in von der Hast in Unordnung geratenen Kleidern und
mit den Schlüsseln in der Hand herbei.
Da sie den Knaben gerettet sah, bemühte sie sich mit der Mutter um ihn.
Die andern Kinder standen dabei, und viele Menschen drängten sich herzu.
Da das Kind noch immer im halben Bewußtsein war, so hoben es die
Mutter und die Großmutter auf, brachten es zum Brunnen im Garten und
benetzten dort mit frischem Wasser seine Stirne und Schläfe.
Da sich der Knabe hierauf erholt hatte, brachten sie ihn in die Laube, in
welcher zu Anfang des Feuers die Kinder gewesen waren.
Während dort die Mutter mit dem Knaben beschäftigt war, ihn zu
untersuchen, ob er keine Beschädigung erlitten habe, ihn zu befragen und zu
besänftigen, sah man die alte Frau an dem Stamme eines Obstbaumes knien
und mit gefalteten Händen beten.
Das Kind war nach und nach beruhigt. Die Mutter richtete ihm die
Kleider zurecht und streichelte ihm die Wangen und die Haare. Die zwei
Schwesterlein streichelten ihm auch Locken und Wangen und gaben ihm
Liebkosungen.
Der Knabe hatte wirklich keine Beschädigung erlitten. Er war in der Tat
von der Kinderstube in den Gang geeilt, der zu dem Zimmer der Großmutter
führte, um zu ihr zu gehen und ihr zu sagen, daß Feuer im Hause sei, und daß
sie fortgehen solle. Er hatte auch, wie es ihm öfter geschah, die Gangtür
hinter sich zugeworfen, und der Riegel war in den Haken gesprungen. Da er
bei der Tür der Großmutter nicht hineinkonnte, als er sie auch nicht zu
errufen vermochte, wollte er zurück. Allein da sah er zu seinem Schreck, daß
er die Tür zugesperrt habe. Er versuchte mit allen Kräften den Riegel
aufzuziehen, aber die Feder war zu stark, und er konnte nichts ausrichten. Da
klopfte er mit beiden Fäusten bald an die Tür der Kinderstube, bald an die der
Großmutter. Er schrie auch aus allen Kräften, damit er gehört würde. Allein
da er dies eine Weile getan, und ihn niemand vernommen hatte, setzte er sich
in dem Gange auf dem Boden nieder und wartete, ob jemand kommen und
ihm öffnen würde. Er hörte da das Krachen und Sausen des Feuers oberhalb
seiner.
Da kam das braune Mädchen, führte ihn fort und stieg mit ihm die Leiter
herab.
Als er sich schon ganz von seiner Angst erholt hatte, übergab ihn die
Mutter der Großmutter und den Mägden, die in der Laube waren, und ging
wieder fort, um bei dem Feuer nachzusehen.
Die Männer rissen die letzten Balken herab. Der Gluthaufe, der über den
Zimmern des Herrn und der Seinigen stand, würde die Decke durchgebrannt
haben, da alles Spritzen mit Wasser nichts fruchtete; allein es war in der Zeit,
als die Mutter in der Laube war, der Pfarrer mit den Kirchenleitern
gekommen. Sie waren mit ihren eisernen Haken an die Mauerränder des
brennenden Hauses gelegt worden, die Männer stiegen hinauf und begannen
mit Schürhaken die Glut hinabzuwerfen. Sie wechselten hierbei ab. Da die
Glut immer weniger wurde, wurde das hinaufgespritzte Wasser immer
wirksamer, indem es zum Teile die Glut dämpfte, zum Teile dem
ausgedörrten und geklüfteten Estrich wieder Feuchtigkeit gab, daß es die
Hitze nicht so durchlasse und den Tragbalken keinen Schaden zufüge. Auf
diese Weise wurden die Zimmer gerettet.
Da man den Gesindezimmern nicht zugleich die nämliche Hilfe
zuwenden konnte, brannten wirklich einige ein. Als man aber die
Herrenzimmer in Sicherheit wußte, wendete man sich jetzt auch dorthin und
tat dem Weitergreifen des Feuers Einhalt.
Hierauf wurden die Balken und Sparren, die rings um das Haus
herumgestreut lagen und brannten, beiseitegebracht und gelöscht. Und ehe
Mitternacht gekommen war, war die Hauptsache vorüber. Nur das vorrätige
Brennholz brannte noch mit stiller aber heftiger Glut und Lohe weiter. Die
Spritze vermehrte nur den Brand, da sich das Wasser zersetzte und das
Brennen förderte. Man hätte mit Schaufeln Erde auf das Feuer werfen
können; aber die Hitze erlaubte nicht, sich so weit zu nähern, daß man mit
Werfen das Feuer hätte erreichen können. Es blieb daher nur übrig, das Feuer
zu umstehen, es zusammenbrennen zu lassen und nur zu sorgen, daß es sich
nicht neuerdings weiterverbreite. Auch um alle Teile des Hauses wurden
Wachen gestellt, daß kein Funke sich neu belebe oder weitergetragen werde.
Der in der niedergebrannten Scheune stehende und rauchende Stock von Heu
konnte zwar nicht gelöscht werden, wurde aber durch die Spritze in einer
Grenze gehalten, daß das Feuer nicht lebhafter wurde und daß es endlich
unter seiner Asche ersticke.
Da nun alles soweit gesänftigt und in eine Ordnung gebracht war, dachte
die Mutter auch daran, die Kinder zur Ruhe zu bringen. Sie ging in die
Laube, nahm ihr Kästchen, nahm die Kinder bei der Hand und führte
dieselben nach rückwärts in die Glashäuser. Weil man den Zustand der
verschont gebliebenen Zimmer nicht kannte, hatte die Mutter die Glashäuser
gewählt. Da Sommer war, und ein Teil der Blumen im Freien stand, so war in
einem der Glashäuser hinreichend Platz. Die Mutter ließ durch die Mägde
Betten, Decken und alles Notwendige aus den Zimmern bringen. Sogar
Tischchen, Stühle und Schemel wurden herbeigeschafft.
Bei dieser Gelegenheit sah man auch nach dem braunen Mädchen. In der
Verwirrung und Angst und in der Tätigkeit, die die Mutter noch bei dem
Feuer anwenden mußte, hatte man auf das Mädchen nicht gedacht. Jetzt aber
war es nirgends zugegen. Man ängstigte sich aber nicht weiter, es werde
wieder fortgegangen sein, weil es nie in der Nacht in dem Hause geblieben
war.
Es wurden nun die Betten teils auf den Bänken des Glashauses, teils auf
der Erde gemacht, und als die Kinder gebetet hatten, wurde jedes unter sein
Decklein gebracht, und sie sahen noch, wie das Feuer des Holzstoßes in den
Tafeln des Glashauses glänzte, und entschlummerten dann sanft und beruhigt.
Auch die Mutter und Großmutter suchten auf kurze Zeit die Ruhe.
Mit der Morgenröte stand das braune Mädchen im Garten und wartete.
Die Kinder gingen zu ihm hinaus, und auch die Großmutter und die Mutter
gesellten sich dazu. Man ging an alle Stellen. Der Garten war ein Viehstall;
denn an den Bäumen waren Pferde, Ochsen, Kühe und Kälber angebunden
und hatten Heu vor sich; denn es waren schon vor Tagesanbruch Nachbarn
und andere Leute mit Wägen gekommen und hatten Heu, Stroh und
Lebensmittel gebracht; erschreckte Hühner liefen unter den Blumen und
Gebüschen herum, und Schweine zerwühlten den Rasen. Die Mauern des
Hauses waren schwarz und beschmutzt, der Sandplatz und der Rasen vor dem
Hause waren schwarz wie ein Kohlenmeiler, die Stätte des Brennholzes war
ein Haufen nasser Kohlen und Asche, und aus dem Heu stieg noch schwarzer
Rauch mit widrigem Geruche empor.
Als die Kinder alles gesehen hatten, ging die Mutter mit ihnen auf die
Wiese hinaus, wo die Wägen standen, welche eine Beisteuer gebracht hatten,
und bei denen noch die Leute waren, welche die Wägen hergeführt hatten.
Die Mutter bedankte sich recht herzlich bei allen.
Dann machte sie bei ihren Leuten und bei denen, die bereitwillig zu
helfen gekommen waren, Anstalten, was getan werden sollte.
Die Kinder hatten ihre Wohnung im Glashause, in welches man noch
mehrere Sachen brachte, die gestern nicht notwendig gewesen waren.
Am Nachmittage kam der Vater. Er hatte in der Nacht die Feuerröte am
Himmel gesehen. Er hatte gedacht, daß es bei ihm sein könne; er gab seine
Geschäfte einem Bevollmächtigten und reiste ab. In der Nähe hatte er
erfahren, daß sein Hof abgebrannt sei, und er mietete ein Pferd zum Reiten,
daß er auf Fußwegen oder näheren Feldwegen schneller nach Hause kommen
könnte.
Als er seine Mutter, die Gattin und die Kinder gesehen hatte, als er
erfahren hatte, daß kein Mensch bei dem Brande verunglückt sei, war er sehr
freudig und fragte nicht, was er noch weiter verloren habe.
Er schritt nun zur Ausbesserung des Schadens.
Zuerst mußten die Decken der Zimmer untersucht werden. Da sich die
Tragbalken als gut erwiesen, und da sich gezeigt hatte, daß sie durch die
Hitze und durch den zerklüfteten Estrich nicht schadhaft geworden waren
noch auch durch Nässe gelitten hatten, zogen die Mutter, die Kinder und die
Großmutter wieder in ihre Zimmer ein. Am andern Tage wurde zur
einstweiligen Abhilfe ein Notdach aus Brettern über das Haus gemacht.
Dann wurden alle Plätze vor dem Hause gereinigt, damit das Bild des
Schmutzes und der Unordnung nicht mehr sichtbar wäre. Die Tiere wurden,
da ihre wohlgewölbten und erhaltenen Ställe nun durch Lüftung vom Rauche
und Gestanke befreit waren, wieder in dieselben getan. Das Heu ließ er
vollkommen löschen und dann in einem abgelegenen Orte auf einen Haufen
tun, damit es sich zum Dünger verwandele. Er ließ auch die gebrochenen
Fensterscheiben sogleich einschneiden, und dem Gesinde ersetzte er seinen
Verlust reichlich, weil es sich so sehr zur Rettung seiner Wohnung hatte
verwenden lassen.
Nachdem alles dies geschehen war, fing man zu bauen an.
Auf dem Hofe wurden Sparren aufgezogen, und auf demselben waren
Zimmerleute und hämmerten die Latten an, und waren Ziegeldecker und
hängten die Ziegel ein. Der Vater ließ die Scheune völlig einwölben und die
Zugfenster und Öffnungen mit eisernen Türen versehen, daß im Falle eines
Feuers diese und die Tore geschlossen und das Feuer erstickt werden könne.
Die Außenmauern wurden gereinigt, frisch angeworfen und getüncht. Das
Weingeländer, welches der Vater schon oft, weil die Reben in diesen
Gegenden keine Trauben tragen und die Ausschmückung des Hauses durch
Weinlaub auch nicht so schön ist wie in andern Ländern, hatte wegtun
wollen, wurde jetzt nicht weggetan, sondern noch fester und schöner gemacht
und der Vorsatz gefaßt, die Reben recht zu pflegen. Das Schloß an der Tür
der Kinderstube, welche auf den Gang geht, wurde mit einem neuen
vertauscht, dessen Riegel nicht mehr vorspringen konnte. Die Holzlage
wurde ebenfalls ein Gewölbe, das von allen Seiten mit eisernen Türen und
Fensterladen zu schließen war. Das Leiterhäuschen wurde an einer sehr
zugänglichen Stelle in dem Garten aufgerichtet; sein Dächlein wurde rot
angestrichen, und unter ihm hingen die neuen Leitern wagerecht in allen
Abstufungen der Länge.
Der ganze Sommer verging mit Bauen, und als der Herbst gekommen
war, stand das Haus schöner und stattlicher da, als es je gewesen war.
Wie das Feuer entstanden war, konnte nicht ergründet werden.
Wahrscheinlich war irgendeine Unvorsichtigkeit schuld, da es in der Scheune
ausgebrochen war.
Sie gingen heuer früher als gewöhnlich in die Stadt, weil mehreres zu
besorgen war, und gingen unruhiger dahin als zu anderen Zeiten.
Aber keine Unruhe ging in Erfüllung. Als die Lenzlüfte wehten, kam man
wieder zurück und traf alles gut und wohlbehalten an.
Die Mutter hatte dem braunen Mädchen Stoffe gebracht, um es recht
schön zu kleiden, und gab ihm dieselben, indem sie es mit liebevollen und
zärtlichen Augen ansah.
Der Vater und die Mutter hatten beschlossen, das braune Mädchen zu
erziehen und es demjenigen Glücke zuzuführen, dessen es nur immer fähig
wäre. Man war sehr vorsichtig, daß man es nicht verscheuche, und man ließ
es nur selbst gewähren, daß es immer mehr Zutrauen gewinne.
Es kam recht oft mit den Kindern; es kam von selber, und da es die neuen
Kleider hatte, die dem Schnitte nach wie die alten gemacht waren, blieb es
auch manchmal über Nacht da, wozu man ihm ein eigenes Bettchen
hergerichtet hatte.
Von den Eltern des Mädchens vermutete man keinen Widerstand, weil
man sah, daß sie sich so wenig um dasselbe kümmerten, weil sie es so in der
Gegend herumgehen ließen, weil sie sich nie meldeten, da sie doch wissen
mußten, daß das Kind oft in dem Hause sei, und da sie die neuen Kleider
sehen mußten, die man ihm gegeben hatte.
An das Haus hoffte man es zu binden, indem man, wie bisher, die sanften
Fäden der Liebe und Nachsicht walten ließ, bis sein Herz von selber in dem
Hause sein würde, bis es nicht mehr fortginge und sein Gemüt ohne Rückhalt
hingäbe.
Das Mädchen hatte früher schon vieles mit den Kindern gelernt, und man
hatte es gefragt und es in das Gespräch gezogen, ohne daß es eine Absicht
merkte, und hatte das Gelernte geordnet und erweitert. Jetzt traf man die
Einrichtung, daß der junge Priester, der den Religionsunterricht der Kinder
besorgte, zweimal in der Woche von der Pfarre herüberkam, um das
Mädchen Gott und die Gebräuche unserer heiligen Religion kennen zu
lehren. Die Mutter wiederholte die Lehre und erzählte dem Kinde von
heiligen Dingen.
Das Mädchen lernte sehr feurig, und so wie es den Kindern in
körperlicher Fertigkeit und Gewandtheit voraus war und sie es nachahmten,
besonders Sigismund, so lernte es von ihnen wieder andere Dinge, wenn sie
in den Zimmern beschäftigt waren, oder wenn sie sich bei der Großmutter
befanden oder mit ihr in der Gegend herumgingen.
So verflossen mehrere Jahre. Das braune Mädchen gewöhnte sich immer
mehr an das Haus, es blieb immer da und ging schier gar nicht mehr fort. Es
lernte allerlei Arbeiten, wie sie die andern Mädchen machten, und verrichtete
solche Dinge wie sie.
In die Stadt mitzugehen, konnte es nicht bewogen werden. Es blieb im
Winter immer bei der Großmutter.
Endlich brachte man es auch dahin, daß es weibliche Kleider trug. Die
Mutter hatte die Stoffe dazu gekauft; diese wurden zu Kleidern verarbeitet
und mit Bändern nach dem Gebrauche verziert.
Da es weibliche Kleider trug, war es scheuer und machte kürzere Schritte.
Nach und nach wuchsen die Kinder heran, daß sie so groß wie die Eltern
waren. Es waren nun drei Schwarzköpfchen. Da die Mutter ihre dunkeln
Haare noch immer schön und glänzend bewahrt hatte, war sie das eine,
Clementia war das zweite, und das braune Mädchen das dritte.
Blondköpfchen waren der Vater und Emma. Braunköpfchen war Sigismund
allein. Auch ein Weißköpfchen war unter den Kindern vorhanden – die
Großmutter. Ihre Haare, die grau waren, waren endlich so weiß geworden,
daß, wenn eine Locke neben der Krause der weißen Haube zufällig
hervorschaute, sie von derselben nicht zu unterscheiden war.
Emma war eine schöne Jungfrau geworden, die ernsthaft blickte, blaue
Augen im stillen Haupte trug, die Fülle der blonden Haare auf den Nacken
gehen ließ und wie ein altdeutsches Bild war. Clementia war rosig und zart,
und das süße Feuer der schwarzen Augen schaute unter den schwarzen
Haaren aus der Tiefe der Seele. Sigismund war mutig, heiter und frei, er war
wirklich ein Mund des Sieges; denn wenn seine Rede tönte, flogen ihm die
Herzen zu.
Es kamen aus der Nachbarschaft Leute, Jünglinge und Mädchen; selbst
aus der fernen Hauptstadt kamen Bekannte, die Bewohner des abgelegenen
Hofes zu besuchen. Alle waren fröhlich, nur das braune Mädchen nicht.
Seine Wangen waren, wie wenn es krank wäre, und sein Blick war traurig.
Wenn alle freudig waren, saß es im Garten und schaute mit den einsamen
Augen um sich.
Eines Sommers an einem sehr schönen Tage, da Fremde da waren, da
man in dem großen Saale des Hauses Tanz, Klavierspiel, Pfänderspiele und
städtische Vergnügen trieb, gingen Vater und Mutter gegen die Sandlehne
zurück. Dort lag auf einem Sandhaufen in seinen schönen Kleidern das
braune Mädchen und schaute mit den verweinten Augen gegen die Erde. Die
Mutter näherte sich und fragte: »Was ist dir denn?«
Das Mädchen erhob sich ein wenig, und da Vater und Mutter sich auf ein
Bänkchen neben dem Sandhaufen niedergelassen hatten, saß es ihnen
gleichsam zu Füßen.
»Liebes, teures Mädchen,« sagte die Mutter, »betrübe dich nicht, alles
wird gut werden; wir lieben dich, wir geben dir alles, was dein Herz begehrt.
Du bist ja unser Kind, unser liebes Kind. Oder hast du noch Vater und
Mutter, so zeige es uns an, daß wir auch für sie tun, was wir können.«
»Sture Mure ist tot, und der hohe Felsen ist tot«, sagte das Mädchen.
»So bleibe bei uns,« fuhr die Mutter fort, »hier ist deine Mutter, hier ist
dein Vater; wir teilen alles mit dir, was wir haben, wir teilen unser Herz mit
dir.«
Bei diesen Worten brach das Mädchen in ein Schluchzen aus, das so
heftig war, daß es dasselbe erschütterte, und daß es schien, als müsse es ihm
das Herz zerstoßen. Es fiel plötzlich mit dem Angesichte gegen den Sand
nieder, es drückte mit den Händen ein Teilchen von dem Saume des
Gewandes der Frau in einen Knauf zusammen und preßte diesen Knauf an
seine Lippen. Da es nach einem Weilchen die Hand der Frau auf seinen
dichten, dunkeln, schönen Locken spürte, die dort ruhte, und freundlich
drückte, sprang es auf, hob die Arme, die nun nicht mehr so voll und
glänzend waren, auf, schlang sie fest um den Nacken der Frau, küßte sie auf
die Wange, als müßte es Lippen und Zähne in dieselbe eindrücken, und
weinte fort, daß die Tränen über die Wange der Frau herabflossen und ihr
Kleid benetzten. Als sich dieses nach und nach löste, als das Mädchen das
Haupt zurückbog und nach dem Vater sah, als es merkte, daß es dieser bei
der Hand halte, daß er aber nicht sprechen könne, weil seine Augen in
Wasser schwammen: da konnte es auch nicht mehr sprechen, seine Lippen
bebten, sein Herz hob sich krampfhaft in kurzen Stößen, und so ging es hinter
die Glashäuser zurück.
Der Vater und die Mutter wollten dem Mädchen nicht folgen, damit es
sich einsam beruhigen könnte. Sie dachten, es werde sich geben.
Aber es gab sich nicht. Sie sahen das Mädchen über die Sandlehne
emporgehen und sahen es seitdem nie wieder.
Da eine Zeit vergangen war, ohne daß das braune Mädchen erschien,
meinten die Eltern und Kinder, es sei nur fortgegangen und bleibe länger aus,
als man jetzt glauben sollte; aber als das Ausbleiben bedenklicher wurde,
stellte der Vater Nachforschungen an, und da das Mädchen immer nicht kam,
wurden diese Nachforschungen mit allen Mitteln, die es nur gab, betrieben.
Aber sie waren, wie die früheren, ohne Erfolg. In der Nähe kannte man das
Mädchen als ein solches, das immer zu den Kindern auf den Hof kam, und
betrachtete es fast als ein Mitglied der Familie; in der Ferne wußte man gar
nichts von ihm. Alle Bewohner des Hauses, Vater, Mutter, Kinder und
Großmutter, waren betrübt, und die Wunde wurde immer heißer.
Aber als Monate und Jahre vergangen waren, milderte sich der Schmerz,
und die Erscheinung sank, wie andere, immer tiefer in das Reich der
Vergangenheit zurück.
Aber vergessen konnte man das Mädchen nie. Immer redeten alle,
besonders die Kinder von ihm, und als schon viele Jahre vergangen waren,
als die Großmutter schon gestorben war, als der Vater schon gestorben war,
als die Mutter eine Großmutter war, als die Schwestern Gattinnen in fernen
Gegenden waren: war es Sigismund, wenn er auf den Anhöhen stand, wo
jetzt das Bächlein mit den grauen Fischlein recht klein geworden war, wo der
hohe Nußberg recht klein geworden war, als husche der Schatten des braunen
Mädchens an ihm vorüber; er fühlte ein tiefes Weh im Herzen und dachte:
wie oft mußte es herübergekommen sein, wie oft mußte es einsam gewartet
haben, ob seine Gespielen kämen, und wie hat es seinen Schmerz, den es sich
in der neuen Welt geholt hatte, in seine alte zurückgetragen! Er dachte: wenn
dem Mädchen nur recht, recht viel Gutes in der Welt beschieden wäre.
Bergmilch.
In unserm Vaterlande steht ein Schloß, wie man in manchen Gegenden
sehr viele findet, das mit einem breiten Wassergraben umgeben ist, so zwar,
daß es eigentlich aussieht, als stünde es auf der Insel eines Teiches. Von
solchen Verteidigungsmitteln sind gewöhnlich diejenigen Schlösser
umgeben, die auf Flächen liegen, also das Verteidigungsmittel des Wassers
haben, aber dafür desjenigen entbehren, das ihre stolzen Schwestern auf
hohen Bergen und schroffen Felsen besitzen. Sie müssen die geringere
Sicherheit, die ein Wassergraben gibt, noch mit feuchter Luft, mit
Fröschequaken und Fliegenungeziefer erkaufen, während ihre erhabenen
Schwestern zu dem größeren Schutz der hohen Felsen noch die reine Luft
und die Aussicht als Zugabe erhalten. Dafür können die ersten sich gegen
Winterstürme in ein ganzes Bett von Bäumen verhüllen, während die letzten
dem Anfalle der Winde so hingegeben sind wie ein Kiesel im Flusse dem
ewigen Glätten durch Wasser. Seit aber unsere Mitmenschen nach und nach
den Harnisch abgelegt haben, seit das Pulver erfunden worden ist, gegen
welches ein Wassergraben und ein hoher Fels nichts nützt, ziehen sich die
Mächtigeren von den Bergen und aus den Teichen heraus und lassen die
Trümmer wie ein abgelegtes, zerrissenes Kleid auf ihrem früheren Platze
stehen. Wer aber nicht so mächtig und reich ist, der muß sein früheres Haus
bewohnen und sich gegen die schlechten Einflüsse so gut als möglich zu
sichern suchen. So sieht man noch manches bewohnte Schloß in seinem
Teiche wie einen Fehler der Zeitrechnung stehen und manches mit
verwahrten Fenstern und Fensterläden von einem Felsen herniederschauen. In
dem einen versumpft das Wasser immer mehr, in dem andern wird die
Wetterseite preisgegeben, und die Zimmer ziehen sich tiefer zurück.
Unser zu Anfang dieser Zeilen erwähntes Wasserschloß heißt Ax. Es ist
von den Besitzern in neuerer Zeit etwas getan worden, um die Lage zu
erleichtern. Es ist statt der früheren Bogenbrücke, die immer ausgebessert
werden mußte, und die an dem Schloßtore gar in eine Zugbrücke endete, an
welcher es stets Anstände gab, ein großer fester Steindamm gebaut worden,
auf dem eine mit runden Kieseln gepflasterte und mit Mauern eingefaßte
Straße läuft, auf welcher man in geräumigen Wagen oder zu Pferde lustig in
gerader Richtung von dem Schlosse wegsprengen kann, während es früher
not tat, daß man sogar mit einem Schubkarren sehr sachte fuhr, daß Zug- und
Bogenbrücke nicht beschädigt würden. Der Großvater des letzten Besitzers
hat sogar mit vielen Tausenden von Fuhren von Steinen und Erde aus seinem
Anteile im Axwalde den Teich hinter dem Hause ausfüllen lassen, hat Erde
aufgeführt, hat Bäume gepflanzt und hat so den Garten seiner Wohnung
unmittelbar an das Gebäude angestoßen. Er hat dadurch der Festigkeit des
Schlosses, wenn es einer bedürfen sollte, nichts genommen, denn der Garten
ist mit einer sehr hohen, sehr alten, sehr dicken und aus Steinen gebauten
Mauer umgeben, die ein Gittertor aus starkem Eisen hat, das auf das Feld
hinausführt.
Der Nachfolger hatte nichts getan, und der letzte Besitzer, der ein
Junggeselle geblieben ist und gar keine Verwandten hatte, so daß er nicht
einmal wußte, wem er sein Gut vermachen sollte, hat gar keine Neigung
verspürt, das Erbe seiner Ahnen irgendwie zu verändern. Und so stand das
Gebäude noch da, wie es zu Großvaters Zeiten gewesen ist; es hatte vor den
Fenstern noch das Wasser aus den Ritterzeiten und aus dem Bauernkriege,
und atmete noch die Sumpfluft, und erlitt noch das Froschgequake und das
Mückenstechen, wie es die Ritter und Bauern gelitten haben, die hier gehaust
und gekämpft hatten.
Das Schloß hatte allerlei Rundungen, Brustwehren, dicke Mauern, kleine
Schießlöcher und Dinge, die wir heute nicht mehr begreifen, die aber ein
solches Gebäude einst sehr fest machten und heute in den Augen junger
Leute ihm ein sehr geheimnisvolles und merkwürdiges Ansehen geben,
besonders wenn noch eine Armschiene oder ein Helm in irgendeinem Winkel
des Hauses gefunden wird. Was aber unserm Schlosse ein besonders
auffallendes Ansehen gibt, ist ein runder, sehr dicker und sehr hoher Turm,
der gar kein Fenster und also im Innern nur finstere Räume hat, der statt eines
Daches mit Steinen gepflastert ist, die das Regenwasser in einer Rinne an
einer Stelle ablaufen lassen, und die mit einer vier bis fünf Fuß hohen Mauer
als Brustwehre umgeben sind. Der Turm hat wahrscheinlich, weil das Schloß
in der Ebene liegt, als Warte, als Luginsland und bei Belagerungen als
Verteidigungsmittel gedient. Jetzt sind in seinen innern Räumen, die wegen
der Dicke der Steinmauern sehr kühl sind, alle Gattungen von Grünwaren,
Gemüsen, Kartoffeln, Rüben, selbst Wein und Bier aufbewahrt, denen man
an kühlen Tagen Luft durch geöffnete Zuglöcher zulassen kann. Die Höhe
des Turmes dient jetzt bloß mehr zur Aussicht, welche aber leider nur in eine
große, fruchtbare Ebene geht.
Der letzte Besitzer hat, wie wir sagten, nie geheiratet. Er war der einzige
Sohn seines Vaters, von der Mutter etwas verzogen und von der Natur
widersprechend ausgestattet. Während er nämlich ein wunderschönes
Angesicht und einen sehr wohlgebildeten Kopf hatte, war der übrige Körper
zu klein geblieben, als gehörte er jemand anderm an. Er hieß im Hause seines
Vaters der Kleine, obwohl es einen größern nicht gab, da er der einzige war.
Er fuhr auch fort, der Kleine zu heißen, da er schon dreißig Jahre alt war und
man nicht mehr daran denken konnte, daß er noch wachse. Er hieß auch auf
der lateinischen Schule und auf der Universität der Kleine. Mit diesem
Widerspruche der Körperteile war noch einer der Geistesvermögen
verbunden. Er hatte ein so reines Herz, im Alter fast noch knabenhaft rein,
daß er die Liebe und Verehrung der Edelsten erworben hätte; er hatte einen
klaren, sicheren Verstand, der mit Schärfe das Richtige traf und den
Tüchtigsten Achtung eingeflößt hätte: aber er hatte auch eine so bewegliche,
lebhafte und über seine andern Geisteskräfte hinausragende Einbildungskraft,
daß sie immer die Äußerungen seiner andern Geistestätigkeiten zuschanden
und sich in struppigen, wirren und zackigen Dingen Luft machte. Wäre sie
bildend gewesen, so wäre er ein Künstler geworden; aber sie blieb nur
abschweifend, zerbrochen und herumspringend, so daß er Dinge sagte, die
niemand verstand, daß er witzig war, daß er lächerlich wurde und vor lauter
Plänen zu keinem rechten Tun kam. Daraus folgte, daß in seinem Leben nur
Anfänge ohne Fortsetzung und Fortsetzungen ohne Anfänge waren.
Er wurde einmal, da sein Vater und seine Mutter schon tot waren, der
Gegenstand großer Zuneigung eines Mädchens. Er liebte das Mädchen so
sehr, daß kein Wesen auf der Erde war, dem er eine gleiche oder nur
annähernde Neigung hätte schenken können. Es schienen also alle
Bedingungen zu einer glücklichen Vereinigung vorhanden zu sein. Aber
einmal machte er sich in Gesellschaft vieler Menschen durch seine Reden
und Wortsprünge so lächerlich, daß das Mädchen mit Glut und Scham
übergossen dasaß. Er schrieb des andern Tages an seine Braut, daß er ihrer
unwürdig wäre, und daß er sie nicht unglücklich machen könne. Alle
Zuredungen seiner Freunde waren umsonst, das Mädchen bereute bitter seine
Empfindung und beweinte den Tag: aber es war vergebens, und die
Verbindung blieb getrennt.
So kam er nicht dazu, seine Gaben, besonders sein Herz zu verwerten,
und lebte vereinzelt dem Alter entgegen.
Da er einmal entschlossen war, sich nicht mehr zu verehelichen, machte
er es sich zur Aufgabe, sich seinen künftigen Erben zu suchen. Das Gut, das
außer dem Schlosse in liegenden Gründen, besonders Wäldern, bestand und
die landesüblichen Bezüge hatte, war einst ein landesfürstliches Lehen
gewesen, war aber infolge großer Verdienste eines Ahnherrn mit Abfindung
entfernter Anwärter in wirkliches Eigentum übergegangen. Der Schloßherr,
wie sie ihn in der ganzen Gegend nannten, konnte also mittels Testaments
über das Gut verfügen. Er wollte aber der gesetzlichen Erbfolge zugetan
bleiben, wollte dem, der ihm, wenn er ohne Testament stürbe, gesetzlich
folgen würde, auch testamentlich seine Nachlassenschaft zuwenden; nur
wollte er den Erben vorher kennenlernen, ob er der Erbschaft auch würdig
wäre.
Er schlug also das Ahnenbuch auf. Abkömmlinge von ihm waren
natürlich nicht da. Also zu den Geschwistern. Die waren ebenfalls nicht da.
Also zu den Vorfahren. Vater und Mutter waren tot, beide hatten keine
Geschwister. Also zu den Großeltern. Der einzige Großvater väterlicherseits
hatte einen einzigen Bruder, dessen nachkommende Linie aber erloschen war.
Also zu den Urgroßeltern. Alle von ihnen abwärts gehenden Linien, die er in
dem Buche verzeichnet fand und in den Ländern erforschte, reichten nicht in
die Gegenwart. Ihr Erlöschen war amtlich belegt. Er ging eine Stufe höher,
die Sache wurde immer schwieriger. Aber alle Linien, die von allen Stufen,
sie mögen wie hoch immer sein, hinabliefen, rissen ab; ihr Abriß war
beurkundet, und er kam endlich dort an, wo nichts mehr zu wissen ist, und
wo keine Abstammung mehr erhellt oder erweislich ist. Nachdem er so viele
Reisen gemacht, nachdem er einen Teil seines Lebens damit zugebracht,
nachdem er sogar in den Zeitungen einen Aufruf hatte ergehen lassen, wer
mit ihm verwandt sei, möge sich melden, und nachdem manche gekommen
waren, aber keinen Beweis hatten beibringen können, gelangte er zu der
traurigen Entdeckung, daß er ganz und gar keinen Erben besitze.
Er wollte daher wenigstens für den Fall sorgen, wenn er schnell und
unversehens von der Erde genommen würde, und setzte aus Vaterlandsliebe
den Kaiser zum Erben ein. Er tat das Testament in die Lade seines
Schreibtisches.
Wenn er es auch aufgegeben hatte, sein Herz noch an eine Frau zu
hängen, so war dies nicht auch mit Freunden der Fall. Er hatte solche immer
gehabt, und da er alt wurde, bekam er derselben noch mehr. Ja sogar die
Frauen wurden ihm wieder zugetaner, freilich nicht in dem Sinne, daß sie ihn
hätten ehelichen wollen; denn da er älter wurde, stachen seine
Wunderlichkeiten, obwohl sie noch größer geworden waren, nicht mehr so
hervor, ja sie wurden, da sie von Witz und Einbildungskraft unterstützt
wurden, zur Lebhaftigkeit, die einen alten Mann ganz besonders zierte, und
er wurde überall liebenswürdig geheißen. Auch seine körperliche
Nichtstimmung verschwand, da man Schönheit und Übereinstimmung bei
einem Alten nicht suchte.
Unter seinen Freunden war der erste und geliebteste sein eigener
Verwalter. Schon in früher Jugend – und er ist sehr früh zum Besitze seines
Vermögens gelangt – sah er ein, daß er durch seine Einbildungskraft sich zu
Versuchen, steten Abänderungen, ja zu Vernachlässigungen seines Anwesens
hinreißen lasse, die namentlich im Landbaue stets von schlechten Erfolgen
begleitet sind. Daher sah er sich nach einem jungen Manne um, der ihm sein
Vermögen verwalten könnte, und weil er mit seinem Verstande sehr gut die
Eigenschaften anderer Menschen abzuschätzen wußte, so gelang es ihm auch,
einen sehr tüchtigen zu finden. Er erwarb ihn als Vorstand seiner Güter mit
einem sehr anständigen Gehalte und mit der Bedingung, daß er sich von
niemandem etwas einreden lasse, am allerwenigsten von ihm selber. Der
Vertrag wurde unterzeichnet, und die Männer fuhren recht gut miteinander.
Der Verwalter verstand seine Sachen trefflich, machte das Gut nach und nach
immer besser, verliebte sich in dasselbe, betrachtete es und behandelte es
zuletzt wie sein eigenes und gewöhnte sich, zu seinem Herrn zu sagen, er
solle sich nicht in fremde Sachen mischen; nur daß sie Geld und Geldsachen
in einer eigenen Truhe behandelten, zu der jeder einen Schlüssel hatte, daß
sie das Geld wie das eines Dritten ansahen und sich ihre Bezüge davon
auszahlten. Der Verwalter hatte auch seine Wunderlichkeiten und ging
namentlich in die Bücher und politischen Ansichten seines Herrn ein, so daß
sie sich liebten, daß der Schloßherr immer auf seinem Schlosse blieb, und
daß der Verwalter keine bessere Stelle verlangte. Beide schienen dasselbe
Los des nicht verehelichten Lebens gezogen zu haben.
Aber wie die Schicksale der Menschen wandelbar sind: der Verwalter
geriet noch in seinen vorgerückteren Jahren in die Fallstricke eines Mädchens
und heiratete es.
Nun kam ein ganz seltsames Verhältnis über den Schloßherrn. So wie der
Verwalter sich als Eigentümer des Gutes betrachtete und selbes so
behandelte, so betrachtete sich der Schloßherr als verheiratet. Wenn sein
Verwalter immer auf den Feldern, Wiesen, in den Wäldern war und sagte:
mein Hafer, meine Bäume, mein Holz, mein neugekauftes Feld, – so war der
andere immer in dem Schlosse und sagte: unser Kasten, unsere Aussicht,
unsere neuen Geräte, unsere Kinder.
So wie der Verwalter und der Schloßherr früher immer an demselben
Tische gespeist hatten, so blieb es auch jetzt, und der Schloßherr speiste mit
der Familie des Verwalters. Da einmal Kinder kamen, da zeigte es sich recht,
wie sehr der Schloßherr zu dem Familienleben geeignet gewesen wäre; denn
er war ein Kinderfreund, und die Kinder merkten das sehr bald, und es kam
die Tatsache zum Vorscheine, daß alle vier zu dem Schloßherrn »du« sagten;
es war ihnen mit aller Strenge nicht abzugewöhnen; er war froh darüber und
wäre betrübt geworden, wenn es ihnen abzugewöhnen gewesen wäre. Die
Schloßbewohner wohnten alle in demselben Flügel, und wenn ein Fremder
gekommen wäre, der die Verhältnisse nicht gekannt hätte, so würde er
geglaubt haben, der Schloßherr sei ein alter Verwandter, der unter seinen
Angehörigen seine letzten Tage verbringe.
Das erste Kind, welches dem Verwalter geboren wurde, war ein
Mädchen. Es bekam den Namen Ludmilla. Der Schloßherr wollte es nicht so
nennen, er nannte es nur immer abgekürzt Lulu.
Das zweite Kind war ein Knabe, Alfred, das dritte ein Mädchen, Clara,
und das vierte ein Knabe, Julius.
Damit war die Reihe abgeschlossen, es erschienen keine mehr.
Lulu wuchs heran. Sie bekam die verständigen, ruhigen braunen Augen
ihres Vaters und den lieblichen Mund der Mutter. Und wie sie waren alle
Kinder das eine oder andere Gemisch ihrer Eltern.
Sie begannen heranzuwachsen; der Schloßherr führte sie allerorten
herum, hatte seinen Stolz über sie, nahm stets immer ihre Partei gegen die
Eltern und hätte sie, wären nicht andere treffliche Eigenschaften und
Umstände ins Mittel getreten, vollständig verzogen.
Einer dieser Umstände war die Mutter selbst. Sie war eine gelassene,
vernünftige Hausfrau mit einem wohlwollenden Herzen. Sie waltete in
Reinlichkeit, Ordnung und Sittsamkeit im Hause, und diese Eigenschaften
verstand sie in einem gewissen Grade auch ihrem Gesinde einzupflanzen und
daher auch den Kindern. Sie zankte nie, war aber unermüdlich, dieselbe
Sache so oft zu befehlen und tun zu lassen, bis sie dem damit Beauftragten
zur Geläufigkeit und Gewohnheit war. Durch die Gleichheit und Heiterkeit
ihres Wesens kam Gleichheit und Heiterkeit in die Kinder; durch
Abwesenheit jedes Harten, Rohen und Unziemlichen wurden sie fein und
anständig, und besonders war es die Scham, etwas Unrechtes zu tun, was
ihnen ein Beistand war, und das Erröten war eine harte Strafe, weil die
Mutter selbst mit großem Ernste allem aus dem Wege ging, was sich nicht
schickte.
Ein zweiter Umstand war der Vater. Die größte Rechtlichkeit und
Biederkeit in seinem Wesen verfehlte nicht, auf die Kinder, selbst da sie noch
sehr klein waren, einen großen Eindruck zu machen. Er war ihnen das Bild
der Vollkommenheit und des Wissens, und als ihnen von dem Vater im
Himmel erzählt wurde, dachten sie sich denselben so wie ihren Vater auf
Erden, nur älter. Sie hatten vor dem freundlichen Vater, der nie einen
Verweis, sondern höchstens einen Rat gab, mehr Furcht und Scheu als vor
der oft rügenden und ermahnenden Mutter.
Der dritte Umstand war der Lehrer der Kinder. So wie der Schloßherr
sich mit Umsicht einen Verwalter ausgesucht hatte, so suchte sich der
Verwalter mit Umsicht einen Lehrer aus. Er brachte einen Mann in das Haus,
der in den Jahren schon etwas vorgerückt, ruhig und ernst war, und von dem
der Verwalter wußte, daß er die Kinder sehr bald lieben würde. Er hatte ein
kleines Gehalt von seiner früheren Erziehung her, von dem er, da er
unverehelicht war, hätte leben können; aber das Erziehen war ihm so zur
Natur geworden, daß es ihm eine große Freude gewährte, daß ihm der
Verwalter den Antrag machte, und daß er die Last wie ein Geschenk
hinnahm.
Der Mann stimmte zu den beiden andern Männern in Gutem und
Törichtem so, daß die Leute halb im Ernste, halb im Scherze sagten: »Nun,
der hat ihnen noch gefehlt.«
Er sagte nach kurzer Zeit gleichfalls wie die zwei andern Männer: »Mein
Hauswesen, meine Kinder.«
Die Kinder liebten ihn sehr, aber sie neckten ihn nie, was sie mit dem
Schloßherrn öfter taten. In verschiedenen Abstufungen hatten alle drei
Männer etwas Sonderbares, was die Kinder aber nur bei dem
Ausgezeichnetsten, bei dem Schloßherrn, merkten. Die Mutter allein war die
immer klare und einfache.
Als Lulu heranwuchs, als sie sehr schön und lieb zu werden versprach, als
sie die großen Augen demütig niederschlug, die Wimpern darüber
hinabzielten und nicht mehr so oft wie früher sich vorlaut erhoben, als
endlich auch noch das Letzte eintrat, nämlich ein oftmaliges heißes Erröten
ohne Grund und Ursache: da schlich der Schloßherr einmal leise auf sein
Zimmer, riegelte hinter sich die Tür zu, ging heimlich zu der Lade seines
Schreibtisches, tat sie auf, nahm das Testament heraus, in welchem er den
Kaiser zum Erben eingesetzt hatte, und durchstrich es ganz und gar. Dann
schrieb er emsig ein neues und setzte Lulus Namen hinein. Er warf den
andern drei Kindern Vermächtnisse aus, die Lulu auszuzahlen hatte, wodurch
sie Lulu zwar näherkamen, aber sie doch nicht erreichten. Als er das getan
hatte, ging er mit einem glänzenden Angesichte in den Garten, als hätte er
einen Schabernack verübt und freue sich auf dessen Bekanntwerden. Um gar
kein Aufhebens zu machen und keine Vermutungen und kein Gerede zu
veranlassen, ließ er keine Zeugen unterfertigen, sondern tat unserm Gesetze,
das er gut kannte, damit Genüge, daß er am Eingange schrieb: »Mit meiner
eigenhändigen Schrift und Unterschrift.«
Dennoch hätte Lulu einmal seine Gunst und wahrscheinlich auch die
Erbschaft, von der sie nichts wußte, vom Grunde aus verscherzt, hätte sie ihn
nicht ohne ihr Wissen bereits so unterjocht gehabt, daß er sich nicht mehr aus
der Sklaverei zu befreien vermochte.
Es waren jene traurigen Tage eingetreten, in denen ein auswärtiger Feind
den Boden unseres Vaterlandes betrat, lange und wiederholt da verweilte und
durch Schlachten ihn verwüstete, bis er durch jene ruhmwürdigen
Anstrengungen großer Männer, an denen unser Vaterland einen glänzenden
Anteil nahm, aus allen Fluren, wo man die deutsche Sprache spricht, wieder
verjagt wurde.
Schon bei dem Beginne der französischen Kriege kamen die drei Männer
in die größte Aufregung. Sie waren insgesamt sehr eifrige Vaterlandsfreunde,
ließen an den Franzosen nichts Gutes gelten, wünschten sie nur bald
geschlagen, aufgerieben, vernichtet und zugrunde gerichtet. Am weitesten
ging hierin der Schloßherr, der in dem Angriffe gegen unser Land geradezu
die unverzeihlichste Schandtat erblickte, was sich schon aus seiner
Anhänglichkeit an den väterlichen Boden und aus der Tatsache erklären ließ,
daß er, ehe ihn sein Herz anders verleitete, für seine Erbschaft keinen
würdigeren Erben zu finden gewußt hatte als den Kaiser. Er meinte, die
Franzosen seien bloß Räuber und Mörder, man müsse sie ausrotten wie
Ungeziefer und jeden und alle, wo sie sich blicken ließen, erschlagen, wie
man einen Wolf erschlage, wenn er durch die Felder in den Hof
hereingerannt komme. Nicht einmal in dem Himmel gab er ihnen einen Platz,
sondern jeder mußte in die Hölle. Ob er mit dem Erschlagen, wenn es dazu
gekommen wäre, rechten Ernst gemacht hätte, weiß man nicht, da bisher
keine Gelegenheit war, sein Wesen bis zu tätigem Ingrimme
emporzusteigern.
Als die Franzosen Fortschritte machten, wurde es noch ärger, die Männer
redeten von nichts als Zeitungen, Nachrichten und dergleichen und führten
grausame Worte in dem Munde. Die Kinder wußten von nichts, sie hatten
damals nur die Obliegenheit zu wachsen, und waren die einzigen, die von den
Ereignissen unberührt blieben.
Die Mutter war in einer schmerzlichen Lage. Sie konnte jene hohe Freude
nicht teilen, die die Männer über jeden Vorteil hatten, den die unsrigen
errangen, sie fühlte nur die Wunden, die geschlagen wurden, ob sie auch dem
Feinde galten, und wenn sie auch wünschte, daß Friede würde, und unsere
Fluren von dem Feinde befreit wären, so wünschte sie das nicht durch
Erschlagen aller Feinde, sondern nur durch ihr Vertreiben, und sie konnte es
nicht verhehlen, daß es ihr sehr widrig sei, daß vernünftige Wesen ihren
Streit nicht in Vernunft und nach Gerechtigkeit austragen können, sondern
daß sie sich gegenseitig dabei töteten, und sie schalt die Wildheit der drei
Männer, welche auch nicht mehr die Tatsachen rechts und links sähen,
sondern nur den Feind im Auge hätten, auf den sie blind losrennen wollten.
So waren die Sachen endlich zu jenem Stande gediehen, da unsere
Truppen, auf unserm Boden geschlagen, sich nach Norden zogen, um dort
noch tiefere und schmerzlichere Wunden zu empfangen, bis das Maß voll
war, bis das Gericht eintrat, und der Übermut und die Willkür wieder in ihre
Grenzen zurückgeworfen, ja dort hart gestraft werden sollten.
Als unsere Truppen sich damals vor dem Sieger zurückzogen, geschah es
zum ersten Male, daß auch eine Abteilung unserer Kriegsmacht, und zwar
eine Hauptabteilung, in die Gegend kam, in welcher das Schloß lag. Den
ganzen Tag waren Truppen gezogen, Richter, Geschworene,
Gemeindemänner hatten zu tun, Vorspann und Wegezeigung mußte geleistet
werden, und jedes Haus gab, was es vermochte. Die Bewohner der
Umgebung hatten herbeigebracht, was sie konnten, und hatten es auf dem
Platz des Dorfes aufgehäuft.
Gegen Abend kam eine Abteilung Russen. Sie schienen nicht mehr
weitergehen, sondern hier Nachtruhe halten zu wollen. Sie schienen aber
ihrer Sache nicht sehr gewiß zu sein und schickten sich an, große
Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Sie zerstreuten sich nicht, wurden nicht in die
Häuser verlegt und brachen ihre kriegerisch eingeteilten Glieder nicht ab.
Von der Umgebung mußte Stroh herbeigebracht werden, das an jener Stelle
zum Bette diente, an welcher der Schlummernde aufspringen und sogleich
auf seinem Platze stehen konnte. Die Wachenden waren zur Übersicht und
Warnung versendet und ausgestellt. Manche Abteilungen lagen weiter zurück
in den Feldern, und alle waren nach gewissen Anordnungen verteilt. Die
Bewohner mußten Lebensmittel, Brennbedarf und andere Dinge
herbeischaffen und an bestimmte Stellen abliefern. Sie durften aber nicht
zwischen den Gliedern herumgehen, sich nicht in die kriegerischen
Anordnungen eindrängen und etwa da Unordnung anrichten. Sie hatten
Befehl, wenn die Dämmerung eingetreten wäre, ihre Wohnungen nicht mehr
zu verlassen.
Daß das alles die größte Aufregung unter den Bewohnern hervorbrachte,
läßt sich denken. Sie gaben ihre Beiträge gern, sie hätten alles gegeben, wenn
sie den Sieg hätten auf unsere Seite bringen können; aber sie waren unruhig,
was die Nacht, was der kommende Tag bringen könnte. Daß kein einziger an
Ruhe dachte, ist begreiflich.
Der Schloßherr hatte seine Vorratskammer, seine Speicher, seine Küche
und seinen Keller geöffnet, er gab mehr als gefordert wurde, und er sandte
unter Tags Knechte mit Wägen an entfernte Stellen seines Gutes, wo er
Scheunen und Getreideböden hatte, um Vorrat herbeizuführen, wenn etwa
der folgende Tag noch etwas in Anspruch nehmen sollte.
So war die Nacht hereingebrochen. Sie war dunkel, weil es später Herbst
war und weil tiefe Wolken den Himmel bedeckten.
In den Häusern des Dorfes waren Lichter, weil die Leute nicht schlafen
gingen. Es war stille, nur daß ein gedämpfter Ruf der Wachen oder das
Klirren und der Stoß einer Waffe die Ruhe zuweilen unterbrach.
Die ganze Familie des Schlosses, selbst Gesinde eingerechnet, war in der
sogenannten Gartenhalle untergebracht. Die Gartenhalle ist ein großes
Gemach und heißt deshalb so, weil es rückwärts gegen den Garten liegt. Es
ist gewölbt, hat sehr starke, dicke Steinmauern, die Fenster sind mit eisernen
Stäben versehen, und die Geräte sind sehr alt und sehr stark. Man kam gern
im Sommer dahin, weil das Gemach kühl war, und weil die grünen Zweige
sehr anmutig an den Fenstern spielten. Im Winter war es häufig an den
langen Abenden der Aufenthalt der Mägde, die da spannen oder andere
Arbeiten verrichteten, weil es sich gut heizen ließ, und nicht selten geschah
es, daß die Verwalterfamilie, der Schloßherr und der Lehrer herabkamen,
man versammelte sich um den Ofen und geriet öfter in das Erzählen von
Märchen und Geschichten.
Daß man gerade heute dieses Gemach zum Aufenthalte gewählt hatte,
war das Werk des Vaters. Wenn es doch zu etwas kommen sollte und Kugeln
fliegen würden, war man hier für die ersten Augenblicke am sichersten.
Gegen das Dorf und den Teich hin war man durch die ganze Dicke des
Schlosses gedeckt, gegen die Seiten schützte die halbe Schloßlänge, weil das
Gemach in der Mitte lag, und gegen den Garten der Garten, der sehr lang war
und daher den Lauf einer Kugel schwächte, und der in der Nähe der Fenster
des Gemaches seine dicksten und dichtstehendsten Bäume hatte, die sie
auffangen konnten. Man hatte beschlossen, die ganze Nacht da zuzubringen.
In keinem andern Teile des Schlosses war ein Licht. Nur ein paar Knechte,
die in dem Meierhofe waren, hatten eines in ihrer Stube, das aber bald
erlosch, da sie schlafen gingen. Die Mägde aber waren alle in der Gartenhalle
und spannen.
Als man sich in die Lage gesetzt hatte, die jedem zusagte, als die zwei
kleineren Kinder eingeschlafen waren, die zwei größeren in der Nähe der
Mutter bei dem Ofen sich zusammengekauert hatten, und die Spinnräder
schnurrten, kam man wieder ins Erzählen, aber heute mit Eifer in das der
Kriegsereignisse, und zwar noch dazu in die Färbung, wie sie der
Leidenschaft eines jeden zusagte.
Als der Lehrer eine vergleichende Tatsache aus der alten Geschichte
erzählt hatte, sagte der Schloßherr: »Da machten es die Tiroler noch besser
und heißer; als die Franzmänner durch das Tal der Gleres herunterzogen, war
kein Mensch in dem Dorfe. Die Männer waren mit ihren Stutzen in die Steine
hinaufgegangen, die zu beiden Seiten der Straße emporragen, und die Weiber
und Kinder waren noch viel höher in den Wald und gar bis gegen den Schnee
hinangebracht worden. Nur ein achtzigjähriger Zimmermann, der keinen
Freund und keinen Feind hatte, war im Dorfe zurückgeblieben. Er stand
hinter seiner Scheuer und hatte den Stutzen geladen. Als die schneeweißen
Mäntel kamen – denn die Reiterei der Franzosen hatte weiße Mäntel und war
in der Vorhut – hielt er den Atem an und gebrauchte die Augen. Der beste
Federbusch, der in der Mitte wehte, schien dem Vornehmsten anzugehören,
weil die andern ihm Ehrfurcht erwiesen. Der Zimmermann sprang hinter der
Scheuer hervor, legte an, ein Rauch – ein Blitz – ein Krach – der Federbusch
war verschwunden, und der Reiter lag tot unter dem Pferde. Sie hieben im
nächsten Augenblicke den Zimmermann zusammen, er lachte in sich und ließ
es geschehen. Jetzt sprengten sie in das Dorf, durchsuchten alles, fanden
keinen Menschen, fanden keine Schätze, und da ihre Kameraden, die
Fußgänger, nachgekommen waren, zündeten sie das Dorf an allen Ecken an
und zogen weiter. Es ging ganz gut, sie zogen in der Stille der Berge fort, bis
das Tal enger wurde, und die Gleres an der Straße rann. Da wurden die
Klippen lebendig, lauter Rauch und lauter Blitzen und Krachen, und auf
jeden Schuß fiel ein Mann, und es wurde immer geladen, und es krachte
immer wieder, als ob ihrer viele Tausende oben wären; und wenn die
Soldaten hinaufschossen, so trafen sie niemand, weil sie niemand sahen, und
wenn sie hinauf wollten, so konnten sie nicht, weil die Felsen zu steil waren,
und weil sie erschossen wurden. Und als sie sich beeilten und im Laufe fort
wollten, um aus dem entsetzlichen Wege zu kommen, und als sie gegen den
Ausgang gelangten, wo die Straße durch die engsten Schluchten läuft, da
sprangen unzählige Felsstücke von den Bergen nieder, aufgehängte Bäume
rollten herab, schmetterten alles nieder, machten in der Enge einen Verhau,
die Franzosen konnten nicht vor, sie mußten zurück, sie flogen, sie rannten –
da hatten sie aber das brennende Dorf, das sie selbst angezündet hatten, unter
den Füßen, die hölzernen Häuser waren alle in Glut, daß man nicht zwischen
ihnen durch konnte. Da waren sie in der Not, da war mancher schneeweiße
Mantel ein roter, mancher schwamm in der Gleres, mancher lag auf der
Decke des Pferdes, ohne daß der Reiter dabei war, viele Männer lagen auf der
Straße, viele verbrannten, und wenige kamen auf einsamen Pfaden nur durch,
um draußen zu sagen, was ihnen begegnet sei, oder um auf ihren Irrwegen
von den Landleuten gefangen und erschlagen zu werden.«
Da es nach dieser Erzählung eine Weile still war, sagte er: »So sollten wir
es auch machen; wir haben zwar keine Berge und keine engen Täler, in denen
wir auf sie warten könnten wie die Tiroler; aber wir sollten uns zusammentun
wie sie, wir sollten Waffen tragen, uns üben, uns verabreden, Kundschaft
einziehen, und wenn wir erfahren, daß ein Trupp, dem wir gewachsen sind,
durch einen Wald oder Busch oder Hohlweg zieht, sollten wir ihm auflauern
und alle, die er enthält, erschießen. In den obern Ländern sind in ein
Seitendorf, ich weiß nur seinen Namen nicht zu nennen, ich habe mir die
Sache erzählen lassen, zwölf französische Reiter gekommen, um zu plündern.
Die Bauern verstanden aber die Sache schlecht und überfielen sie, da sie in
einem einsamen Wirtshause zechten, und schlugen sie bei einem einzigen tot.
Die Pferde, welche im Hofe angebunden waren, trieben sie weit nach Ungarn
und verkauften sie, die Sättel, die Kleider, die weißen Mäntel und die Waffen
verbrannten sie im Feuer. So mögen manche Feinde von ihrer Hauptabteilung
weggekommen, nicht mehr zurückgelangt sein, und niemand weiß, wohin sie
geraten sind.«
»Aber,« sagte die Mutter, »wenn es schon unter den Völkern festgesetzt
ist, daß die Kriege durch die Armeen ausgefochten werden, so sollten die
Bevölkerungen sich ruhig verhalten und die Sache in die Hände des Heeres
legen. Einen einzelnen Feind, der sich harmlos nähert, zu erschlagen, scheint
mir ein sündlicher Mord zu sein.«
»Sie nahen sich aber nicht harmlos,« sagte der Schloßherr, »wie haben sie
nur in ihrem eigenen Lande gewirtschaftet, sie haben ihre Landsleute
erwürgt, ersäuft, erschossen, enthauptet, weil sie ihnen verdächtig waren oder
den König liebten, und dann sind sie herausgegangen und wollten es bei uns
auch so machen. Wir sollten gegeneinander sein und das Land in Zerwürfnis
bringen, daraus es kaum entrinnen könnte. Darum sollen wir sie verfolgen,
ausrotten, vertilgen, wie wir nur können; und wenn sie darüber zornig werden
und wüten, so ist es nur desto besser, damit die Menschen es nicht mehr
ertragen können, sich zusammentun und sie aus dem Lande jagen, daß kein
Huf und kein Helmbusch von ihnen mehr bei uns ist. Wenn morgen die
Franzosen nachkommen, können Dinge geschehen – wer weiß, was
geschieht.«
Während er so sprach, hörten die Dienstleute zu, die Mägde hatten das
Spinnrad stillstehen lassen, die Knechte, die da waren, sahen ihn an, und der
Verwalter und der Lehrer blickten vor sich. Es war mittlerweile so finster
geworden, daß es schien, als wären die Fenster des Gemaches nur schwarze
Tafeln, von draußen hörte man nicht das Geringste herein, und nur die Uhr
pickte eintönig an der Wand. Die zwei jüngsten Kinder schliefen fest, Alfred
kauerte neben der Mutter und fürchtete sich, Lulu stand neben ihm und half
fürchten.
In diesem Augenblicke regte sich ein leises Geräusch an der Klinke der
Tür, die Tür öffnete sich, und es trat ein Mann herein, der einen glänzenden
Helm auf hatte und in einen langen, weißen Mantel gewickelt war.
Alle schauten auf ihn.
»Ich habe Licht durch diese Fenster scheinen gesehen,« sagte er in guter
deutscher Sprache, »und bin hereingekommen, eine Bitte vorzubringen.«
»Und welche?« fragten der Verwalter und der Schloßherr zugleich.
»Sie werden mir gefälligst auf die Spitze des dicken Turmes folgen,«
sagte der Fremde, indem er auf den Verwalter zeigte.
Er hatte hierbei den einen Arm erhoben, den Mantel gelüftet, und man
sah, daß er in der Hand des andern Armes eine doppelläufige Pistole hatte.
»Wer kann das fordern, ich bin hier der Gebieter,« rief der Schloßherr.
»So, Sie sind der Gebieter?« sagte der fremde Mann, »Sie gehen auch mit
hinauf.«
Hiebei griff er mit der freien Hand auf die Pistole und spannte beide
Hähne, daß man sie knacken hörte.
»Sie werden eine Laterne auf die Treppe mitnehmen und vor mir gehen,«
fuhr er fort, »es wird keinem ein Haar gekrümmt, solange alles ruhig
ausgeführt wird. Wenn ich aber Verrat merke, muß ich von den Waffen
Gebrauch machen, es geschehe dann, was wolle. Bleibt hier ruhig sitzen, ihr
andern, bis sie wieder zurückkehren.«
Er war mit dem Rücken gegen den Türpfosten stehengeblieben, hatte die
Pistole in der Hand und sah alle an.
»Es ist nichts, seid nur ruhig, und Ihr folgt uns,« sagte der Verwalter,
indem er den Schloßherrn bei der Hand nahm, »und ihr verlaßt keines das
Gemach, bis wir wiederkommen.«
Er langte bei diesen Worten mit der Hand nach der Laterne, die neben
dem Weihbrunnenkessel hing, machte sie auf, zündete das Stümpfchen Kerze
in derselben an, schloß sie wieder gut zu, schritt in die Stube vor und sagte:
»Wenn es gefällig ist.«
Der fremde Mann ließ, indem er sich seitwärts stellte, den Verwalter und
den Schloßherrn bei der Tür hinaus und folgte ihnen dann, mit dem Körper
seitwärts gewendet, daß er die in der Stube und die Vorangehenden zugleich
überblicken konnte.
Die Zurückgebliebenen hatten kein Wort gesagt, die Sache war einesteils
so schnell vor sich gegangen, und die Ruhe des Verwalters hatte ihnen
andernteils Vertrauen eingeflößt.
Die zwei Männer gingen mit der Laterne den Gang entlang, der zu dem
Turme führte, der Fremde folgte ihnen, daß sie die Sporen, die er an den
Füßen hatte, stets hinter sich klirren hörten.
Sie kamen an die Treppe und stiegen hinan. Als der Fremde merkte, daß
sie bald oben seien, befahl er ihnen, stille zu stehen, die Laterne auf eine
Stufe zu stellen, zu öffnen und mehrere Stufen aufwärts zu gehen.
Als sie das getan hatten, näherte er sich der Laterne, zog aus seiner
Manteltasche ein sehr kleines Laternchen heraus, zündete ein fast
unscheinbares Lichtchen in demselben an, ließ die andere Laterne auf der
Treppe stehen, stieg gegen die Männer, die indessen gewartet hatten, hinan
und befahl ihnen, weiterzugehen.
Als man auf das Steinpflaster des Turmes hinausgekommen war, welches,
wie oben gesagt wurde, die Stelle des Daches vertritt, hieß er die Männer an
einem Platze der Brustwehr, wo er sie sehen konnte, stehenbleiben, er selber
ging an eine andere Stelle der Brustwehr, stellte sein sehr kleines Laternchen
darauf, legte die Pistole daneben, zog eine Brieftasche heraus und fing an, bei
dem Scheine seines Lichtchens in dieselbe zu schreiben oder zu zeichnen.
Die Nacht war so finster, daß man von der Gegend nichts sah als einen
einzigen schwarzen Raum, in welchem die Lichter und Wachtfeuer wie rote
Sternchen sich zeichneten. Von dem Dorfe sah man nichts als den Umriß
mancher Dächer und der Kirche. Von dem Platze war ein Teil durch die
Feuer der Truppen beleuchtet.
Als der Fremde eine Weile gezeichnet oder geschrieben hatte, steckte er
seine Brieftasche wieder ein, nahm sein Laternchen in die eine, seine Pistole
in die andere Hand und hieß die Männer vor sich hinabgehen.
Als man zu der Stelle gekommen war, wo die Laterne stand, mußten sie
dieselbe nehmen und den Mann in der Weise, wie man heraufgekommen war,
wieder zurückführen.
Da man an der Tür der Gartenhalle angekommen war, sagte der Fremde,
daß ihn nun die zwei Männer auch durch den Garten bis zu dem Gitter, das
auf das Feld hinausführt, begleiten müßten. Wenn er außerhalb des Gitters
wäre, könnten sie zurückkehren. Die Laterne müßten sie in dem Torwege, der
an der Halle vorbeiführt, stehen lassen.
Der Schloßherr und der Verwalter gingen also in dem finstern Garten vor
dem Fremden her.
Nicht weit von dem Schlosse fand man ein Pferd an einem Baume
angebunden. Der Fremde löste es los, schlang den Zügel um den Arm und
führte es hinter sich her. Er führte es nicht auf dem Gartenwege, auf dem die
zwei Wegweiser gingen, sondern auf dem Rasen daneben, damit die
Hufschläge nicht gehört würden.
Als man in die Nähe des Gitters kam, zeigten sich dunkle Gestalten an
demselben. Der Fremde näherte sich den beiden Vorgängern und flüsterte
ihnen zu: »Halt.«
Dann schaute er sehr lange und, wie es schien, anstrengend auf die
Gestalten.
Endlich sagte er sehr leise, sie sollten ihn wieder zu der Halle
zurückführen.
Sie taten es, er zog sein Pferd hinter sich her.
Da sie bei der Halle angekommen waren, befahl er ihnen, das Tor,
welches den an der Halle vorbeiführenden Torweg schloß und überhaupt das
Haupttor des Schlosses war, zu öffnen.
Der Verwalter ging nach dem Schlüssel, während der Schloßherr in der
Gewalt des Fremden bleiben mußte, und da der Verwalter aus der
Gartenhalle, in welcher sich der Schlüssel befunden hatte, heraustrat, folgten
ihm auch neugierig die Leute, die in der Halle gewesen waren. Der Fremde
hielt sich an sein Pferd, hatte den Schloßherrn immer im Auge und die Pistole
in der Hand. Der Verwalter und ein Knecht sperrten das Tor auf, taten im
Laternenscheine den großen eichenen Querbalken weg, öffneten die beiden
Flügel, daß man in den schwarzen Raum hinaussah.
»Tut die Laterne zurück,« sagte der Fremde.
Als man das getan hatte, schaute er eine Weile scharf bei dem Tore
hinaus, den Blick aber jeden Augenblick kurz auf den Schloßherrn richtend,
daß derselbe sich nicht entfernen konnte. Dann, soweit man bei dem Scheine
der Laterne beurteilen konnte, richtete er etwas an dem Pferde, prüfte
anderes, und da es gut befunden war, schwang er sich hinauf. Da er einmal
oben saß, war es nur ein Augenblick, in welchem er sich gleichsam
festzusetzen suchte, dann gab er die Sporen, tat einen Ruf, und mit einer so
fürchterlichen Schnelligkeit, daß man kaum mit den Augen blicken konnte,
daß die Funken in Schwärmen sprühten, flog er über den Steindamm hinaus.
Als er jenseits war, wie man aus dem schwächeren Hufschlage schließen
konnte, schoß er rechts und links einen Pistolenschuß ab, worauf sogleich
Blitze hinter ihm sichtbar wurden, Schüsse krachten, Geschrei sich erhob und
sich ferner zog.
»Das ist ein Mann,« rief Lulu jubelnd.
»Du Scheusal, du kleine Ausgeburt,« schrie der Schloßherr, »du fällst in
Bewunderung unseren Feinden zu.«
»Er ist ja kein Franzose,« antwortete Lulu, »er spricht so schön deutsch.«
»Um so schlechter, um so tausendmal schlechter ist er,« sagte der
Schloßherr, »als ein Deutscher sollte er lieber in die fernsten Gegenden
ziehen und betteln, ehe er mit dem Erzfeinde sich verbindet, ja er sollte lieber
den Tod leiden. So aber nimmt er von unserm Turme die Stellung der
Verbündeten auf, verrät sie, und wir werden es morgen früh schon sehen,
wenn sie ihn nicht niedergeschossen oder erwischt haben.«
»Er rennt mit seinem Pferde an ein Haus an und zerschmettert sich und
das Tier,« sagte eine Magd.
»Der rennt nicht an,« erwiderte ein Knecht, »er sieht sich die Sache gut
zusammen und versteht sein Ding.«
»Er ist doch ein Mann, wenn er auch ein Feind ist«, sagte Lulu.
»Warum hast du ihn denn nicht umgebracht, da er einen weißen Mantel
hat?« fragte Alfred den Schloßherrn.
Dieser schaute den Fragenden an und antwortete nicht.
»Kinder, Leute, wir werden hier bald ein anderes Schauspiel haben,«
sagte der Verwalter, »dieser kühne Mann mag nun umgekommen sein oder
nicht, er ist ein Feind, wie sich aus seinem Tun gezeigt hat, er ist aus unserm
Schlosse in unsere Verbündeten gesprengt, bald werden sie da sein und
werden Rechenschaft fordern. Sehe jeder, daß er sich genau merke, wie die
Sache, bei der er war, hergegangen ist, damit er die Wahrheit bekennen
könne, daß sich keine Widersprüche finden, die uns arge Dinge bereiten
könnten. Die Soldaten im Dorfe draußen sind auf dem Rückzuge begriffen
und sind erbittert. Laßt uns das Tor wieder schließen, aber bei dem ersten
Stoße an dasselbe es gern und schnell öffnen. Bis dahin gehen wir wieder in
die Gartenhalle.«
Die Knechte schlossen das Tor, taten den Eichenbalken vor, gaben dem
Verwalter den Schlüssel, und man ging mit der Laterne wieder in die Halle.
Man war noch nicht lange dort, als sich Schläge an das Tor vernehmen
ließen.
Die Mutter tat einen schwachen Schrei und bewegte sich gegen den Vater
hin. Dieser beruhigte sie, ließ das Tor öffnen und ging selber den
Eintretenden mit einem Lichte entgegen. Es waren zwei Vorgesetzte mit
Begleitung von Soldaten. Der Steindamm war mit Soldaten bedeckt.
»Sind noch mehrere Feinde hier?« fragte einer der Vorgesetzten in
ziemlich verständlicher Sprache.
»Es war der einzige, der eben hinausgeritten ist,« antwortete der
Verwalter.
Sofort ließ der Krieger alle Ausgänge, alle Türen und die Ausgänge in
den Garten mit Mannschaft besetzen. Die Schloßleute wurden in der Halle
bewacht, und der Schloßherr und der Verwalter mußten unter Bedeckung von
Soldaten in alle Räume des Schlosses gehen, daß man dieselben untersuchte.
Der Schloßherr war viel geselliger, gesprächiger und freundlicher gegen die
jetzigen vielen, bewaffneten Soldaten, die ihn begleiteten, als er es früher
gegen den einzigen gewesen war. Als man nirgends etwas Verdächtiges fand,
kehrte man zu der Gartenhalle zurück. Den Garten untersuchte man nicht, nur
wurden die Ausgänge aus dem Schlosse zu ihm sehr verrammelt, daß ein
Feind, wenn einer im Garten wäre, schon dadurch gefangen war.
Dann schritt man zum Verhöre. Der Verwalter erzählte die Sache, wie sie
sich begeben hatte. Er stellte die Vermutung auf, daß der Fremde durch den
Garten gekommen sein müsse, weil das Tor gegen das Dorf geschlossen
gewesen sei, und in dem Dorfe sich ja die Verbündeten befunden hätten.
Wenigstens habe der Fremde durch den Garten fortgewollt, dies werde sich
deutlich in den Fußstapfen und namentlich in den Hufspuren im Grase
zeigen, wenn man sie morgen bei Tage untersuchen wolle.
»Man wird die Sache untersuchen,« sagte der Krieger.
Hierauf wurde der Schloßherr abgesondert vernommen, und dann alle
andern, selbst die Kinder.
Als dieses vorüber war, wurden die Männer in ein Gewölbe des Turmes
abgeführt, dort eingesperrt und bewacht. Die Weiber und die Kinder wurden
in der Gartenhalle gelassen, wurden aber dort ebenfalls eingesperrt und
bewacht.
Von da an verging die Zeit, die Ängstlichkeit und die Besorgnis
abgerechnet, ruhig. Nicht ein Laut war zu vernehmen, als zuweilen der
Schritt einer Wache vor der Tür, das Rasseln eines Gewehres oder ein
Kolbenstoß. An dem Himmel war kein Lüftchen, die Wolken schienen
unbeweglich dort zu stehen, und die Wipfel der Bäume im Garten regten sich
nicht. Unter diesen Betrachtungen brachten die Gefangenen der Gartenhalle
die Nacht zu. Daß kein Schlaf in ihre Augen kam, ist begreiflich. Wohin man
die Männer gebracht hatte, wußten sie nicht.
Als endlich das Morgengrauen anbrach, hörte man verworrenes Getöse,
wie Fahren, Reiten, Gehen, Rufen, man hörte endlich Hörnerklänge,
Trompeten und Trommeln, aber alles gedämpft, da es von der
entgegengesetzten Seite des Schlosses herkam. Sehen konnte man nichts, da
die Tür verschlossen war, und vor den Fenstern nur die Bäume des Gartens
standen, deren dunkle Wipfel sich immer deutlicher gegen den grauen, lichter
werdenden Himmel zeichneten.
Endlich geschah ein dumpfer, ferner Schlag, der aber so schwer war, daß
die Luft beinahe erzitterte. Gleich darauf ein zweiter. Sie folgten nun
schneller, und es war beinahe wie ein entfernter Donner, der so tief ging, daß
manchmal die Fenster leise klirrten. Die Trompetenklänge, das Blasen der
Hörner, das Wirbeln der Trommeln nahm in der Nähe zu.
Der Tag wuchs immer mehr dem Morgen entgegen.
Das Rollen des Donners kam näher, es ging in ein Krachen über, und
hinter den Gipfeln der Bäume stieg ein weißer Rauch auf. Endlich krachte es
auch ganz nahe an dem Schlosse, man konnte nicht erkennen, woher es kam,
bald war es rechts, bald links, bald vorn, bald hinten, bald mehr, bald
weniger, aber furchtbar war es, daß das Gemach sich zu rühren schien; und
wenn der kleinste Zwischenraum eintrat, so hörte man einen Ton, wie wenn
unzählige Hölzlein aneinandergeschlagen würden, es waren die Schüsse der
kleinen Gewehre. Sogar die Trommeln konnte man zuweilen vernehmen.
Der Rauch war endlich so in den Garten gedrungen, daß er wie ein Nebel
in den Bäumen war. Er vermehrte und verdichtete sich stets, daß kaum die
nächsten Stämme zu sehen waren. Im Zimmer entstand übler Geruch.
Als dieses lange gedauert hatte, zog sich der Donner auf der
entgegengesetzten Seite in die Ferne, das Rollen wurde dumpfer, einzelne
Schläge waren in der Nähe noch zu vernehmen, aber man hörte Geschrei,
Brausen und verworrenes Getöse. Zuletzt wurde auch das immer schwächer,
man hörte nichts mehr, der Rauch zog sich langsam aus den Bäumen, die
Wolken waren auch gleichsam durch den Schall verjagt worden, und die
Sonne, die anfangs als eine rote Scheibe in dem Rauch gestanden war,
glänzte endlich freundlich in den Garten hinunter.
Die Frauen in der Halle warteten lange. Als aber gar kein Ton sich
vernehmen ließ, als sie auch gar kein Geräusch von der Wache vernahmen,
die außer der Tür war, so riefen sie auf dieselbe. Sie erhielten keine Antwort.
Sie riefen noch einmal und stärker, aber erhielten wieder keine Antwort. Da
versuchten sie, an der Tür und an dem Schlosse zu rütteln. Von außen
erfolgte kein Zeichen und kein Widerstand. Nun rissen sie wirklich mittels
Beilen und Stemmeisen, die in der Gartenhalle als brauchbare Werkzeuge
immer vorrätig waren, das Schloß herunter und öffneten die Tür. Kein
Mensch war vor derselben. Die Torflügel standen weit offen. Im Dorfe
rauchte noch kohlendes Stroh und von einer entfernten Hütte, die brannte,
ging Rauch auf. Sonst sah man keine Beschädigung, aber man sah auch
keinen Menschen im Dorfe. Unter dem Schwibbogen des Tores lag eine
eiserne Kugel, und eine andere stak in der Mauer des Schlosses.
Als man noch so schaute, hörte man plötzlich Gerassel und Getrappe
rennender Pferde, und in dem Augenblicke kam um eine Ecke der Häuser ein
Schwarm weißer Reiter, bog gegen das Schloß und ritt über den Steindamm
herein. Lulu rief beinahe vor Freude auf, als sie an ihrer Spitze den Mann im
weißen Mantel erblickte, der in der Nacht im Schlosse gewesen war. Man
hoffte, daß man wenigstens von der Ungewißheit, vielleicht auch von der
Angst und Bangigkeit befreit werden würde.
Der Mann ritt auf die Versammelten zu. Bei der Beleuchtung des Tages
sahen sie erst jetzt, daß er noch sehr jung sei und ein blühendes Angesicht
habe. Er stieg sogleich von dem Pferde und sagte: »Ich habe nur kurze Zeit;
ich mußte Ihnen gestern Schrecken und Gewalt antun, damit wir heute die
Früchte ernten. Wir haben sie geerntet und sind im Vorrücken begriffen. Ich
aber bin auf einen Augenblick gekommen, um mir Verzeihung einzuholen,
daß ich von einer harten Kriegsregel Gebrauch gemacht habe, und ich bin
auch gekommen, um die Bewohner ebenfalls von einer Unannehmlichkeit,
die ihnen mein Verfahren könnte zugezogen haben, zu befreien. Wo sind die
Männer?«
»Wir wissen es nicht, wir haben uns in diesem Augenblicke aus unserm
Gefängnisse in der Gartenhalle befreit, sie sind in der Nacht gefangen
abgeführt worden,« sagte die Mutter.
»So müssen wir sie suchen,« erwiderte der Fremde, »vielleicht sind sie im
Hause.«
Er nahm aus Vorsicht mehrere bewaffnete Reiter mit, und aus Kenntnis
der Kriegsgebräuche schlug er gleich den Weg zu dem Turme ein. Alle
Frauen folgten ihm. Der Schlüssel stak an der Tür des Gewölbes, in welchem
sich die Männer befanden. Man drehte ihn um, traf da die Gefangenen und
ließ sie heraus.
Als die Angehörigen sich gegenseitig überzeugt hatten, daß keines einen
Schaden genommen habe, und als sich die Unruhe von Fragen und
Antworten ein wenig gelegt hatte, trat der Fremde gegen die Männer heran
und sagte: »Wir haben, und ich hege die Hoffnung, nicht ganz ohne Zutun
meiner gestrigen Beobachtungen, den Sieg errungen. Ich bin gekommen,
verehrte Herren, um den Augenblick, der mir vergönnt ist, zu benützen, Sie
um Verzeihung wegen meines Verfahrens gegen Sie in dieser Nacht zu
bitten. Hier ist eine Karte mit meinem Namen und Stande, Sie können an
meiner Person und meinem Vermögen Genugtuung fordern, wenn Sie eine zu
fordern für gut befinden sollten.« Bei diesen Worten reichte er dem
Schloßherrn ein Blatt Papier.
»Den Frauen,« fuhr er fort, »kann ich freilich keine Genugtuung für die
Angst und den Schrecken geben, um so inniger bedarf ich ihrer Verzeihung,
und um so mehr bitte ich sie darum.«
»Die beste Genugtuung würde sein,« sagte der Schloßherr, »wenn Sie
nicht auf jener Seite ständen, auf der Sie stehen.«
»Mein Herr,« erwiderte der Fremde, »wenn Sie diese Ansicht bei meinem
Könige durchsetzen können, so werde ich eine Tat wie die von heute Nacht
mit leichterem Herzen verrichten, als ich sie heute verrichtet habe. Aber bei
dem Krieger heißt es gehorchen. Nun lebt wohl, meine Zeit ist sehr
gemessen.«
Er reichte dem Schloßherrn die Hand, der sie nahm.
»Haben Sie doch keine Verletzung erlitten?« fragte der Verwalter.
»Keine einzige,« antworte der junge Mann.
»Nun, so leben Sie wohl,« sagte der Verwalter, »und mögen Ihre Taten
bald von leichten Gefühlen begleitet sein.«
»Amen,« sagte der junge Mann.
Er beugte sich vor den Männern, aber noch tiefer vor den Frauen, selbst
vor den Mägden, seine Begleiter schwenkten sich, und er ging mit ihnen
davon.
Man sah ihnen nach, sah sie unter dem Torbogen zu Pferde sitzen und
über den Steindamm hinausreiten.
Jetzt war nichts mehr von Kriegern zu sehen.
Nachdem der Verwalter und der Schloßherr die Unordnung im eigenen
Hause, soweit es möglich war, besichtigt hatten, wobei einige schöne, von
Kugeln arg verletzte Gartenbäume zu bedauern waren, verfügten sie sich in
das Dorf, um dort und in der Umgegend den Bewohnern in den Maßregeln
beizustehen, die infolge des stattgehabten Gefechtes notwendig geworden
waren. Unterbringung der noch aufgefundenen oder nach und nach
eintreffenden Verwundeten von Freund und Feind war das erste. Der Arzt
richtete im Schlosse ein Hospital ein, und die Verwalterin kochte für Freunde
und Feinde. Das zweite war die Beerdigung der Toten. Endlich ging man an
das Einsammeln und Aufbewahren von Waffen und Kriegsgeräten und an das
allmählige Ausbessern der Verletzungen an eigenen Häusern und Gebäuden.
Es pflegte in diesen Tagen mancher Verwundete seinen Nachbar, der
noch ärger verwundet war. Mancher trug einen Feind zur Verpflegung herbei,
und am dritten Tage verbreitete sich die Nachricht, daß ein Pferd regungslos
bei seinem toten Reiter in den Kohlgärten auf der Anhöhe stehe, und daß ein
Spitz nicht von dem Grabe seines Herrn wegzubringen sei.
Anfangs zogen noch viele feindliche Abteilungen den Fliehenden nach,
dann aber hörte dies auf, es kam nichts mehr, und Schloß und Dorf hat bis
zum Frieden weder feindliche noch freundliche Krieger mehr gesehen. – – –
Es waren zehn Jahre nach diesem Ereignisse vergangen. Die Feinde, die
damals gesiegt hatten, waren nun vollkommen geschlagen, ihre Hauptstadt
erobert, ihr weltberühmter Führer auf Elba und endlich nach seinem
Hervorbruche gar auf St. Helena verbannt, und der Friede ruhte segnend auf
allen Ländern, die so lange verwüstet worden waren. Die Menschen, welche
den Krieg noch gesehen hatten, erkannten vollkommen dessen Entsetzliches,
und daß ein solcher, der ihn mutwillig entzündet, wie sehr ihn spätere,
verblendete Zeiten auch als Helden und Halbgott verehren, doch ein
verabscheuungswürdiger Mörder und Verfolger der Menschheit ist, und sie
meinten, daß nun die Zeiten aus seien, wo man solches beginne, weil man zur
Einsicht gekommen: aber sie bedachten nicht, daß andere Zeiten und andere
Menschen kommen würden, die den Krieg nicht kennen, die ihre
Leidenschaften walten lassen und im Übermute wieder das Ding, das so
entsetzlich ist, hervorrufen würden.
Es war in unserm Schlosse abermals der Herbst gekommen, aber ein so
lieblicher, daß man die meiste Zeit im Freien zubringen konnte, und daß die
Bewohner des Schlosses täglich große Spaziergänge machten, um noch das
letzte ruhige Lächeln der Natur vor den Stürmen und Frösten zu genießen.
So saßen sie auch einmal alle an einem Nachmittage auf einem Hügel, der
in dem Garten nahe an dem Gittertore, das auf das Feld führt, entstanden war.
Alfred und Julius hatten nämlich alle Ferien aller ihrer Studienjahre dazu
verwendet, mit eigenen Händen und kleinen Schubkarren einen Hügel
aufzuführen und darauf ein Säulenhäuschen aufzurichten, in dem die ganze
Bewohnerschaft des Schlosses Platz hatte. Der Schloßherr und der Verwalter
hatten die Knaben walten lassen, weil sie es für besser hielten, daß sie da
bauten, wenn auch etwas so Ungeschlachtetes als einen Hügel, als daß sie
durch Vogelfangen oder Jagen zerstörten. Weil die Sonne gar so lieblich
schien, wollte man in dem Säulenhäuschen den Nachmittagskaffee verzehren.
Man hatte die ganze Gerätschaft auf dem Tische, wollte aufgießen, und
spielte mit den gelben Blättern, die herumlagen, oder mit den Herbstfäden,
die heuer besonders reichlich flogen und an den Säulen des Häuschens und
an den Gewändern der Gesellschaft hingen.
Plötzlich tat Lulu, die eine erwachsene und, wir müssen es sagen, sehr
schöne Jungfrau geworden war, einen Schrei.
»Hat dich eine Spinne geschreckt?« fragte man.
»Nein, ein weißer Mantel,« antwortete sie, und zeigte nach der Stelle,
nach welcher sie bei Ausstoßung ihres Schreies geblickt hatte.
Alle schauten hin.
Außerhalb des Gitters stand auf dem Feldwege, der um den Garten ging,
ein Wagen, in demselben saß ein einzelner Mann, der einen weißen Mantel
um die Schultern hängen hatte und unverwandt auf die Gesellschaft
hineinsah.
»Lauf, Julius,« sagte der Vater, »und frage, ob er etwas wünscht.«
Der Knabe lief hin, redete mit dem Manne, kam zurück und sagte:
»Eingelassen wünscht er zu werden, er sagt, er sei nicht ganz fremd.«
Der Knabe erhielt den Schlüssel, den man zur Bequemlichkeit bei
Spaziergängen immer mit sich führte, er schloß das Tor auf, der Fremde ging
herein, stieg den Hügel hinan und stellte sich der Gesellschaft vor.
Man erkannte ihn augenblicklich. Es war der junge Mann aus jener
schrecklichen Kriegsnacht. Aber er war nun kein Jüngling mehr, sondern ein
freundlicher Mann, der so gütig blickte, daß man unmöglich hätte glauben
können, daß er derselbe sei, der damals das fürchterliche Spiel auf Leben und
Sterben getrieben habe.
»Verzeihen Sie, meine Herren und Frauen,« sagte er, »daß ich zu Ihnen
komme, ich bin Ihnen nicht fremd, Sie haben nicht Ursache, mir irgend gut
zu sein; aber Sie werden mich doch auch nicht hassen, was ich daraus
schließen muß, daß seit den vielen Jahren her keine Genugtuung von mir
wegen jener Nacht gefordert worden ist.«
»Nein, nein, es wird auch keine mehr gefordert werden,« rief man und
nötigte ihn zum Sitzen.
Er tat es und sagte: »Lassen Sie mich nur noch einen Augenblick
fortfahren. Jeder Mensch hat einen Punkt der Sehnsucht in seinem Leben,
nach dem es ihn immer hinzieht und den er erreichen muß, wenn er ruhig sein
will. Meine Sehnsucht ist jenes Gitter dort. Seit ich damals in der Nacht sein
Schloß erbrach, um auf den Turm zu gehen und die Lichterstellung des
Feindes zu zeichnen, seit jenem Augenblicke, wo ich es, da ich zurückkehrte,
von dem Feinde besetzt fand und nun nur noch die Aussicht vor mir hatte,
entweder als Spion gefangen und schimpflich aufgehängt zu werden, oder
durch einen tollkühnen Ritt von vorn heraus in die überraschten Feinde zu
sprengen, um entweder ehrlich zu fallen oder eben durch die Unglaublichkeit
des Wagstückes durchzukommen – nach rückwärts hätte ich wegen des
geackerten Bodens und der andern Hindernisse nicht hinaussprengen können
– seit jenem Augenblicke zog es mich immer zu dem Gitter, und ich dachte,
ich müsse es doch einmal sehen. Darum kam ich her und fuhr auf dem
Feldwege um den Garten zu dem Gitter. Und lassen Sie mich es offenherzig
sagen, einen nicht minderen Anteil an meinem Kommen hat der Gedanke, Sie
alle zu sehen, mir wegen des Übels, das ich Ihnen zufügte und das mir immer
Unruhe machte, Ihre vollkommene Verzeihung zu holen und Ihre Achtung zu
erwerben; denn ich habe seither in vielen Schlachten mit jenem leichten
Herzen gekämpft, das mir dieser Herr damals gewünscht hat.«
Er zeigte mit diesen Worten auf den Verwalter.
»So gefallen Sie mir viel besser, junger Mann, als in jener Nacht,« sagte
der mit rotem Angesichte und schneeweißen Haaren prangende Schloßherr.
»Ja, lieber Herr,« erwiderte der Fremde, »ich kenne kein fröhlicheres
Gefühl, als mit entlasteter Brust an der Seite seiner Stammes- und
Sprachgenossen einem übermütigen und anmaßenden Feinde des schönen
Vaterlandes entgegen zu reiten. Mir ist dies Gefühl zuteil geworden, ich habe
gesucht, die Scharte, die meine Dienstpflicht in jener Nacht der
gemeinschaftlichen Sache vielleicht geschlagen hat, wieder gut zu machen,
und mögen alle Himmel geben, daß das so tieffühlende, denkende,
edelherzige Volk der Deutschen nie wieder in seinen altersgrauen Fehler
zurückfalle und gegen sich selber kämpfe.«
»Ja, gebe es Gott, gebe es Gott,« sagten die Männer.
Es war indessen der Kaffee eingeschenkt worden, und die Hausfrau gab
dem Fremden die erste Tasse. Der Verwalter ließ den Wagen um die
Gartenmauer herum in das Schloß bringen, und der Schloßherr und alle luden
den Fremden ein, nun in Ruhe und Muße in dem Schlosse zu bleiben, um das
Gartengitter so oft anzuschauen, als er wolle.
Die Einladung wurde angenommen.
Der Fremde blieb nun in dem Schlosse. Er konnte das Gitter, den Turm,
den Garten und die Gegend betrachten, soviel er nur immer wollte. Aber das
Schicksal hatte auch noch ganz andere Zwecke mit seiner Reise verbunden.
Alle gewannen ihn sehr lieb. Zwischen Lulu und ihm hatte sich das
Verhältnis vollständig umgekehrt. So wie sie ihn in jener Nacht bewundert
hatte, so konnte nun er von seiner Seite aus nicht aufhören und kein Ziel
finden, das Mädchen zu bewundern. Und da er es dem Kinde schon in jener
Nacht angetan hatte, und da er jetzt gar so gut und freundlich war, so konnte
es nicht fehlen, daß auch ihn die Jungfrau bald außerordentlich liebte und die
Verehrung eine vollkommen gegenseitige war.
Da er wegen des guten Verhältnisses, das sich mit allen angeknüpft hatte,
und wegen des Wunsches aller immer länger im Schlosse blieb, da er sich
über Stand und Vermögen auswies, ja sogar endlich ein benachbartes,
feilgewordenes Gut kaufte, um in der Gegend ansässig zu werden, so stand
einem Bündnisse nichts entgegen, und die zwei Leutchen wurden in der
Pfarrkirche des Dorfes ehelich eingesegnet.
Und von nun an begann ein ruhiges, friedliches und glückliches Leben.
Oft, wenn die Ehegatten in der Zukunft allein beieinander saßen, wenn er
Lulu seine Freude und sein höchstes Glück auf dieser Welt nannte, sagte sie:
»Wie hast du durch dein Herz die schönste Genugtuung gegeben, die du
geben konntest.«
»Es ist doch gut, daß ich ihn damals nicht erschlagen habe,« sagte noch
lange und öfter der uralte, gleichsam immer kleiner werdende Schloßherr.
Lulu lächelte jedesmal bei dieser Rede, später lächelten auch Alfred und
Julius und endlich alle, selbst der graue Lehrer, obgleich er der Schach- und
Spaziergenosse des Schloßherrn geworden war.
Die weißen Mäntel spielten noch lange eine Rolle in der Familie. Nicht
nur trugen Alfred und Julius, die in dem kaiserlichen Heere dienten, weiße
Mäntel, sondern auch der kleinere Alfred und der kleinere Julius, die Buben
Lulus, hatten im Winter, wenn sie im Schlitten über die Ebene gefahren
wurden, weiße Mäntel an, die aus jenem weißen Mantel entstanden waren,
den der Vater angehabt hatte, als er auf seinem Zuge begriffen war, das alte,
eiserne Gitter zu suchen. Der Vater hatte mit den Waffen die weißen Mäntel
abgelegt und trug jetzt im Winter dunkle und ausgezeichnete Pelze.
Nachwort.
Adalbert Stifter ist einer von den großen Dichtern, die einsam wie
erratische Blöcke im weiten Gebiet der deutschen Literatur stehen. Diese
Dichter ohne Vorläufer und ohne Nachfolger müssen von Epoche zu Epoche
erst immer wiederentdeckt werden. Sie sind zu Lebzeiten wohl berühmt
gewesen, aber bald verschwanden sie in den Grüften der Literaturgeschichte,
um nur in Sonderlingsbibliotheken oder in den Lesebüchern der Jugend ihre
Unsterblichkeit fortzufristen. Bis dann immer einmal ein Tag kam, der sie
ausgrub; da blühte in seinem Licht unverwelkte Schönheit auf, das Leben des
Kunstwerks strömte in die Menschen, und die Menschen waren beglückt, ein
altes Erbe zu erwerben, um es zu besitzen. So ist es den Deutschen mit
manchen ihrer Besten ergangen, und auch unsere Gegenwart erfährt jenes
Entdeckerglück: man denke an Friedrich Hölderlins frischen Ruhm oder an
Matthias Claudius und man denke an Adalbert Stifter.
Mag es auch in keiner Beziehung statthaft sein, diese drei Dichter
miteinander zu vergleichen – ihr posthumes Schicksal bringt sie in eine
gewisse Verwandtschaft. Als ob die Nachwelt Blick und Gefühl für die
ganzen Dimensionen dieser Erscheinungen verloren gehabt hätte, wurden sie,
die nicht bequem in Dichterschulen unterzubringen waren, in die Fesseln
einer Formel geschlagen, und obgleich das Schlagwort kaum die Kontur des
Schaffens zeichnete, den jene großen Gestalten durch die Generationen
warfen, blieb es dabei. So war Hölderlin für lange Zeiten als der unglückliche
Griechensänger abgetan, so ist Matthias Claudius heute noch den meisten der
biedere Hausvater, der manchmal harmlose Verse gemacht hat, und Stifters
Geltung beruht im allgemeinen auf einer nachsichtigen Anerkennung für den
typischen Erzähler des vormärzlichen Kleinbürgertums, für den Schilderer
geruhsamen Lebens mit einer behaglichen und fast pedantischen Liebe zu
den kleinen Dingen der Menschen, der Natur, der Welt.
Es ist übrigens merkwürdig, daß diese drei Dichter auch eine Ähnlichkeit
ihrer künstlerischen Entwicklung miteinander verbindet. Sie sind nämlich –
gerade sie, die man so gern unter die sogenannten Originalgenies zählt – nur
sehr allmählich im Verlauf ihres Schaffens zum Ausdruck und zur
Verfestigung ihres eigensten Wesens gelangt. Hier, wo nicht der Ort ist, diese
Analogie näher auszuführen, sei für Stifter etwa auf den vielsagenden
Gegensatz verwiesen, der innerlich und äußerlich zwischen den
»Feldblumen« und »Zwei Schwestern«* besteht und der den
Entwicklungsgang des Erzählers überaus gut erkennen läßt. Die
»Feldblumen« sind ein Frühwerk des Spätvollendeten und ihre farbenreiche,
traumwirre Schönheit, ihre Überschwänglichkeit in Sprache und Empfindung
ist ohne das geliebte Vorbild Jean Pauls undenkbar. Die andere der beiden
Erzählungen aber ist ein Beispiel für die reifste Prosakunst Stifters, wie sie
sich erst im langsamen Wachstum der Persönlichkeit ausgebildet hat. Hier ist
alles still und verhalten, wo dort Leidenschaft und Sturm ist, und wie erst
alles Glück und alle Schönheit ungemischt und nicht groß genug geschildert
werden kann, ist später die überlegene Weisheit tätig; das Ideal bleibt gleich
rein und erhaben, aber an die Stelle der Erfüllung tritt die Entsagung …
Darnach würde auch der Leser der »Bunten Steine« unschwer feststellen
können, daß die letzte Erzählung des Bandes nach ihrer Entstehungszeit den
andern der Sammlung vorangeht: sie verrät am wenigsten die
charakteristische Kunst des Dichters.
*
Vom Weg und Werden Adalbert Stifters geben uns eben diese
Erzählungen, welche, im Lauf eines Jahrzehnts entstanden, unter dem Titel
»Bunte Steine« vereinigt sind, ein deutliches Bild. Es deckt sich wie nur
immer im Schaffen eines geistigen Menschen mit dem Bild der
Persönlichkeit.
Der eben erwähnte Gegensatz zwischen der frühen und der späteren
Kunstform besteht notwendig auch zwischen der ungebrochenen Natur des
jugendlichen und der geistigen Haltung des alternden Dichters, es ist der
Gegensatz romantischer und klassischer Gesinnung. Das Stiftersche Werk ist
zur künstlerischen Gestalt gewordene Überwindung dieser Polarität, und
jedes seiner Teile enthüllt die ganze Problematik des Werdegangs, der ein
schwerer Kampf gewesen ist; ein Kampf zwischen Geist und Natur, in dem
der Sieg nur möglich war auf Kosten der verleugneten Realität. Je größer der
Triumph des Künstlers war, um so tiefer mußte der Mensch leiden. Aus dem
Überschwang des Gefühls, aus dem dichterischen Traum von großartigen und
erschütternden Begebenheiten, aus Unfreiheit und Unbefriedigtheit, die im
Jenseits der Phantasie erschaffen will, was ihr die schmerzensvolle
Gegenwart vorenthält, gewinnt das Werk in zielstrebiger Anspannung eines
immer entschiedener werdenden Kunstwollens seine bedeutende Form.
Gewinnt es, sich bescheidend und konzentrierend, die Kraft der Liebe, seine
starke und zarte Verhaltenheit, seine stille Musik, und die in sich beruhigte,
klingende Harmonie.
Man muß daran erinnern, daß diese heiteren klaren Erzählungen aus
einem unsagbar einsamen Leben kamen, dem kein tieferes Verständnis und
Glück der Wirkung beschieden war. In Armut verlebte Stifter seine Jugend,
sein ganzes Leben in ihm verhaßter Einschränkung; eine unglückliche Liebe
grub ihre Spur tief in seine Seele, und in einer wenn nicht unglücklichen, so
doch glücklosen Ehe gingen dreißig Jahre dahin. Kinderlosigkeit, Leid über
Leid in der Familie, Erfolglosigkeit in der Berufsarbeit, Unzufriedenheit mit
den politischen und seelischen Zuständen der Gesellschaft, und zuletzt die
schwere Erkrankung, die zum Tode führte – das war der düstere Hintergrund,
von dem sich das dichterische Werk abhebt; eine selbstgeschaffene Welt des
Lebens in Freiheit, Sonne und Wohlstand, des Familienglücks und der
Verwirklichung aller Ideale.
Wenn ein Zeitgenosse einst schrieb, Stifter sei wie kein zweiter mit
seinen Büchern identisch, so ist das trotz des scheinbaren Widerspruches ein
ebenso richtiges wie schönes Urteil. Nur ist das seinen Büchern
entsprechende Dasein freilich nicht die Realität des äußeren Lebens, welches
dieser stille und tätige, dieser sehnsüchtige und wenig geliebte Mensch auf
Erden geführt hat. Nicht etwa, daß er wie ein weltfremder Schwärmer in
einem Doppelleben, in einer Traumwelt den illusionären Ersatz für alles
Entbehrte gesucht hat – so einfach, wie unsere Psychologen glauben machen
wollen, wenn sie das Werden eines Künstlers und seines Werkes mit dem
Wort vom Ressentiment erledigen, so einfach ist das Problem eines
Dichterlebens sicherlich nicht zu lösen. Das redliche Leben jedes
bedeutenden Menschen, nach seinem Ablauf überblickt, verkündet die Macht
eines Gesetzes, dem die äußeren und die inneren Ereignisse dieses Daseins
gehorchen mußten, um die lebendige Einheit zu gestalten. Angesichts eines
solchen Lebens empfinden wir stets ehrfürchtig das Walten der höheren
Notwendigkeit, in welche sich die Schicksale und Werke fügten, und keine
Wissenschaft kann uns tieferes sagen, als daß hier ein Mensch auserwählt
war, im Leid zu sein und im Glück und immer nur im Dienst an seinem
Werk.
*
Man nennt Adalbert Stifter mit Recht einen Landschaftsdichter. Die
Landschaft ist das eigentliche Thema seiner Erzählungen. Sie ist nicht der
Prospekt, vor dem sich das von ihr mehr oder weniger beeinflußte Ereignis
abspielt, sie ist kein Akzidens mit der Aufgabe, einen äußeren Rahmen oder
eine innere Stimmung zu erzeugen, sie ist der wesentliche und Hauptinhalt
dieser Geschichten, und die Menschen und Ereignisse, deren Begegnungen
den Stoff der Handlung geben, sind von ihr bestimmt, ja sie sind in ihrer
individuellen Erscheinung nur in ihr verständlich und möglich; von der
überpersönlichen Natur werden sie nicht bloß umgeben, sondern geschaffen
und geleitet. Und weil diese Landschaft, die Stifter vornehmlich schildert,
seine heimatliche Landschaft, eine epische ist, und Stifter wie wenig andere
in der Erde seiner Heimat wurzelte, atmet in seiner Sprache der große
Rhythmus dieser Höhenzüge, Ebenen und Waldberge, aus denen er kam und
die ihn nie verlassen haben. Das ist aber wiederum nicht so zu verstehen, als
ob er das Beispiel eines Heimatkünstlers darstelle, der seine Eigenart aus der
mütterlichen Kraft der Scholle nährt und dessen Frucht nur auf dieser Scholle
gedeiht. Solche Verengung aufs Bodenständige, aufs Bodenbedingte, die aus
unkünstlerischen Tendenzen an vielen versucht wurde, verginge sich gegen
Stifters wahre Größe. Denn dieser Provinziale, der in einem entlegenen
Winkel des deutschen Sprachgebietes zu Hause war und blieb, hat mit der
Kunst seiner Sprache und mit dem Wissen um alle Weiten und Tiefen der
menschlichen Natur die Welt gewonnen.
Es wäre im Zusammenhang mit den »Bunten Steinen« besonders
vermessen, über die Gesinnung und die Grundprinzipien der Stifterschen
Kunst zu sprechen. In dem Vorwort zu diesem Buche hat er alles, was er
darüber zu sagen hatte, zusammengefaßt. Fast möchte man es Friedrich
Hebbel zu Dank wissen, daß er durch seine verständnislose Beurteilung der
»Studien« den Anlaß zu dieser Rechtfertigungsschrift gegeben hat, die uns
um ein edles, männliches und weises Bekenntnis bereichert. »Wir wollen das
sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht
geleitet wird« … – dieser Blick auf das Totale, diese Anschauung aus der
Höhe einer weltüberschauenden Weisheit widmet sich nun dem besonderen
Einzelnen und setzt es Zug um Zug zum großen Bild des Alls zusammen.
Wie wenig angebracht ist es doch, hier mit Unterschätzung oder gar spöttisch
von Kleinmalerei zu sprechen! Aus dieser vom Transzendenten zum
Irdischen, vom Allgemeinsten zum Begrenztesten gerichteten Bewegung
ergibt sich das rätselhafte künstlerische Ereignis, daß – in ihrer Umkehr –
jedes Stück zu einem epischen Ganzen wird; denn alles Einzelne, die Steine
und Gräser des Feldes und die leisen Regungen in den Seelen der Menschen
sind nur Spiegelbilder von kosmischen Zuständen und Bewegungen, welche
die Welt beherrschen und bilden.
Eine kleine Erzählung wie »Granit« ist durchleuchtet von dieser großen
Kunst. Da gibt es keinen Rahmen, kaum eine Handlung, keine Tendenz, alles
scheint naturhafte Willkür; und doch lebt das Ganze in einer vollkommenen
Verbundenheit der Motive und Sphären. Wie eine unbedeutende Anekdote
aus der Kindheit zum Ausgangspunkt der Erzählung wird – man merkt es
kaum –, wie sich das geschichtliche und das landschaftliche Panorama
ineinander entfalten, wie die Wanderung durch das Gelände und durch die
schweren alten Zeiten geht, und wie schließlich alles wieder in die Gegenwart
der Kindheit zurückkehrt, halb Traum, halb Wirklichkeit, das ist epische
Dichtung. Episch auch der Untergrund von Volkssagen und Geheimnis und
die innige Verwobenheit von Menschen und Landschaft. Schauder der
Vergangenheit dringt in den friedlichen Sommertag und die Jugend des
Kindes verbindet Gewesenes und Seiendes mit aller Zukunft. Die Sprache hat
die Klarheit der Gebirgsluft und ihr Gefüge ist stark und streng wie Granit.
Eine besondere Entdeckung Stifters ist die »arme Schönheit«. Es gibt
keine Kreatur auf Erden, und wäre sie die geringste, die gottverlassen ist, und
nicht die kahlste und kälteste Öde ist trostlos und ohne Wunder. Der wüsten,
traurigen Landschaft gewinnt diese Kunst einen bezwingenden Reiz ab, und
der armseligste Mensch enthüllt sich ihr in seiner natürlichen Schöne, wie der
bitterlich arme Pfarrer im Kar, der Heilige im »Kalkstein«.
Was in dieser Erzählung geschildert wird, ist die Gestalt eines Menschen.
Wie immer, sind auch hier die Elemente der Natur im Einklang mit den
äußeren und den seelischen Vorgängen; aber nun ist es die im Mittelpunkt
der Handlung stehende Person, welche die ganze Atmosphäre beherrscht.
Man könnte sagen, daß sich die Atmosphäre zu dieser körperlichen
Erscheinung verdichtet. Sie wird zur Gestalt, zum lebendigen Symbol; aus
Einfalt und Armut wächst sie empor zu einem Bildnis der unendlichen Güte,
des Heldentums und der Heiligkeit. Der Dichter spricht das freilich nicht aus,
seine Worte unterdrücken vielmehr fast ängstlich jeden vollen Ton, alles
schimmert nur schwach in den gebrochenen Farben und Schatten der
Kalksteinheide; aber die wahrhafte Liebe zaubert aus dieser Kargheit einen
luftigen Glanz, der die kahlen Hügel und das Leben in ihnen verklärt, und der
die Erscheinung des Pfarrers, dieses armen Glücklichen, ewig umstrahlt.
Es ist ein allerpersönlichstes Thema, das Stifter hier anschlägt: das
Hohelied der Entsagung, der opferbereiten Hingabe. Dieser Pfarrer im Kar ist
ein Asket, ohne selbstquälerisch und weltflüchtig zu sein, er kasteit sich nicht
um der Buße willen, sondern um durch jeden denkbaren Verzicht die
Verwirklichung seines humanen Ideals zu fördern, er verleugnet sich selbst,
um für die Welt und für sein Werk zu leben, ein Realist wie jeder Fromme
und wie der Künstler. Und wenn er sagt, daß »jeder Mensch außer seinem
Amte und Berufe noch etwas finden oder suchen soll, das er zu verrichten
hat, damit er alles tue, was er in seinem Leben zu tun hat«, so ist damit dem
kategorischen Imperativ der Pflicht noch ein übriges hinzugetan, eine
Forderung, die nur den Frommen und den Künstler angeht. In diesem Sinne
ist der Pfarrer das Gegenbild seines Dichters, und es ist unsagbar rührend,
wie aus einzelnen Zügen an jener Gestalt ein Licht ins Innere des Dichters
dringt. Der stille Held der Erzählung, der allem leicht entsagt hat, was das
Leben erleichtert und verschönt, kann sich von dem einzigen Luxus, den er
aus einer fernen Vergangenheit in Wohlstand sich bewahrt hat, von seiner
feinen Wäsche nicht trennen, er leidet unter dieser Schwäche und sie macht
ihn doch nur liebenswerter und ehrwürdiger. Dieser Zug setzt nun am
Eingang der Geschichte ein, geht ganz behutsam durch sie hindurch, verwebt
sich mit der hauchzarten Schilderung einer ersten Liebesahnung zweier
junger Herzen und wird am Ende dann in den persönlichen Bereich des
Erzählers gehoben. Wie er in seiner tiefen Bedeutsamkeit für das Schicksal
und Wesen der Hauptfigur immer nur leise angedeutet und niemals gedeutet
ist, das zeigt deutsche Prosadichtung auf einer selten erreichten Höhe.
In der Erzählung, die Stifter »Turmalin« benannt hat – ursprünglich »Der
Pförtner im Herrenhause« – begibt er sich auf von ihm nicht oft betretenes
Gebiet. In den wenigen Worten, die er der Geschichte vorausschickt, spricht
er ihren dunklen Sinn so aus: »Es ist darin wie in einem traurigen Briefe zu
entnehmen, wie weit der Mensch kommt, wenn er das Licht seiner Vernunft
trübt, die Dinge nicht mehr versteht, von dem inneren Gesetze, das ihn
unabwendbar zu dem Rechten führt, läßt, sich unbedingt der Innigkeit seiner
Freuden und Schmerzen hingibt, den Halt verliert und in Zustände gerät, die
wir uns kaum zu enträtseln wissen.« Diese Worte werden hier wiederholt um
der Bedeutung willen, die ihnen für die Glaubens- und Gedankenwelt Stifters
zukommt. Das Wort Schicksal ist heute ein altmodischer Begriff geworden,
dessen Substrat die moderne Gewitztheit schlankweg im Körperlichen
lokalisieren zu können glaubt. (Es fiele ihr gewiß nicht schwer, die Eigenart
Stifterscher Charaktere aus der Analyse ihrer Kindheitserlebnisse zu erklären
und den dichterischen Erlebnisprozeß als neurotische Erscheinung
auszudeuten.)
Was nun vorhin von dem metaphysischen Entwicklungsgesetz gesagt
wurde, daß es über dem gerade gelebten Menschenleben sichtbar waltet, das
ist das religiöse Grundgefühl, aus dem der Dichter seine Gestalten zu ihren
Konflikten und zu ihrer Harmonie gelangen läßt. Der Glaube an die
unwandelbare Sicherheit des inneren Gesetzes, von dem der Mensch nicht
ohne Gefahr lassen darf, mag dem Dichter den Ruf eines gütigen Optimisten
eingetragen haben, aber solche Bezeichnung wird seiner Gesinnung nur sehr
oberflächlich gerecht; sie trifft durchaus nicht die Lebensanschauung in ihrer
Tiefe. Dort ist Glauben, und das fromme Vertrauen in die schicksalhafte
Notwendigkeit ist der Urgrund, auf welchem die Vernunft die Formen baut,
in denen der Mensch seine Maße und Ziele findet. Wer diese Bedingtheit
mißachtet, wer sich der Intensität seiner Empfindungen hemmungslos
überläßt, muß sich im Labyrinth der eigenen Innenwelt, die ungeformt die
eigene Unterwelt ist, verlieren; er verliert sein Weltverhältnis und seine
geistige Aufgabe und geht den Weg in die Nacht, die dunkelschön und
rätselvoll ist wie die Farbe des Turmalins. Ein solches Schicksal zu schildern,
mußte Stifter, der später den Sinn seines Dichtens vornehmlich in der
sittlichen Erziehung sah, sehr angelegen sein. Aus diesem Bestreben ist die
Geschichte von dem unglücklichen Ratsherrn entstanden, fast eine Novelle.
Sie bewältigt freilich das Thema nicht in dem sonst erreichten Maße; es geht
ein Riß durch sie, der die Einheit des Ganzen bedroht, und wir vermissen den
Schein jener Überwirklichkeit, der über Stifters besten Erzählungen
ausgebreitet ist. Die Darstellung bemüht sich mit Erfolg um eine gewisse
Naturtreue, die gewöhnlich auf Kosten der künstlerischen Wahrheit erzielt
wird. Vielleicht ist es kein Zufall, daß gerade im »Turmalin« das
Landschaftliche keine Rolle spielt.
Um so reiner und selbständiger wirkt es sich im »Bergkristall« aus, der
berühmten Weihnachtsgeschichte, in welcher die Schilderung der Natur in
der Tat zur Handlung erhöht ist. Es ist über diese vollendete Erzählung wenig
zu sagen; ihre Schönheit hat je und je den Leser beseligt. Der Dichter selbst
hielt sie neben »Katzensilber« für das beste Stück der Sammlung, wenngleich
er, nie zufrieden mit seinem Werk, sich die Möglichkeit wünschte, diesen
Kristall noch einmal zu reinigen und zu fassen – »er könnte noch ein Diamant
werden.« Man muß in der Biographie Stifters das geringfügige Begebnis
nachlesen, das den Anlaß zu der Dichtung gegeben hat, in der nicht viel mehr
erzählt wird, als daß zwei Kinder, im Hochgebirge wandernd, infolge eines
dichten Schneefalls den Weg verfehlen und die Christnacht im Gletschereis
verbringen, bis sie am Morgen gerettet werden. Aber das ist nicht mehr
dargestellt, sondern das Walten der Elemente nimmt Gestalt an, die Stille der
Nacht wird hörbar, wir selber sind die Kinder geworden, die da durch den
heiligen Abend gehen und gehen »mit der Unablässigkeit und Kraft, die nur
Kinder und Tiere haben«, und wir erleben das Wunder.
Und was soll über das Wunder dieser Sprache gesagt werden? Ihre
Einfachheit enthält alle Fülle, ihre Ruhe alle Bewegtheit der Welt. Die
Schilderung des Schneefalls ist schon oft verherrlicht worden; und wenn ein
alter Kritiker sagte, daß das »Ja Konrad« des geduldig gläubigen Mädchens
mehr bedeute als eine ganze Ostermesse von Novellen, so besteht dieses gute
Urteil erst heute, in dieser Zeit der Sprachverwilderung, ganz zu Recht.
»Katzensilber« ist unter den Erzählungen dieser Sammlung am spätesten
entstanden, eine rein epische Dichtung, die ihre stilistische Fortsetzung in den
großen Altersromanen Stifters gefunden hat. Wenn ihr nicht derselbe Beifall
beschieden war wie anderen seiner Erzählungen, so rührt das daher, daß das
künstlerische Prinzip der späteren Werke unverstanden blieb. So sah man
Langatmigkeit, Pedanterie und Unwirklichkeit in einer Darstellungsform, zu
deren eigentlichem Wesen das gelassene Nacheinander, das tiefgründig
Gründliche, Breite und Realitätssteigerung gehören. Stifter ist seinen
schweren Weg unverdrossen gegangen – im »Nachsommer« ist die Höhe
gewonnen und »Katzensilber« ist der Vorbote. Der Stoff dieser Geschichte
vom braunen Mädchen ist karg, die Handlung fast Nebensache, alles ist zur
Form verdichtet, zur Form, der der Dichter nie genug tun zu können glaubte.
In dieser Erzählung stehen Sätze von einer vollkommenen Epik; es sind die
langen Perioden, deren scheinbare Überflüssigkeit oft belächelt wird; so z. B.
wenn der Weg beschrieben wird, der vom hohen Nußberg nach Hause führte,
oder wenn der Hausrat aufgezählt oder wenn geschildert wird, wie die Mutter
den Kindern, einem nach dem andern der Reihe nach, Erdbeeren auf die
Teller legt – da ist das Wesen der Erzählung zum Ausdruck seiner selbst
gelangt. Das Gegenständliche tritt so sehr zurück, daß z. B. die Hauptfigur in
ihrer tatsächlichen Existenz völlig unerklärt bleibt, wodurch nun ein
Mythisch-Geheimnisvolles leise in die Welt der Wirklichkeiten eindringt, um
endlich ebenso still und rätselhaft diese Welt wieder zu verlassen.
Unvergleichlich aber ist der erste Teil, in dem das Gehen der
Menschenkinder, das Gehen der Jahreszeiten und der Jahre mit den
einfachsten Mitteln gestaltet ist. »Wäre alles so, wie die ersten Bogen von
›Katzensilber‹, oder wie einige Partien des alten Pfarrers – was könnte das für
ein Buch sein!« Das war das eigene Urteil des Dichters.
Es ist schon erwähnt worden, daß »Bergmilch« seine Eigenart am
wenigsten verrät. Es ist eine früh entstandene, für eine Zeitschrift verfaßte
Erzählung, die nur aus äußeren Gründen den »Bunten Steinen« angegliedert
wurde. Freilich enthält auch sie manches Schöne; wie glücklich ist allein das
Motiv des weißen Mantels und seiner Wirkung durchgeführt – in einer höchst
kriegerischen Szene regt sich ein junges Mädchenherz und die
Liebesandeutung spinnt sich unterirdisch durch die Geschichte weiter. Was
aber das Auszeichnende an ihr ist, ist das Bekenntnis gegen Krieg und rohe
Gewalt, für den Frieden und die Sittlichkeit, und dieses Bekenntnis gibt auch
ihr einen Wert in aller Zeit. Denn Stifter, der »Seelenfrieden-Stifter«, war ein
Tendenzdichter, und ein Wort von ihm verdient wiederholt zu werden, nicht
nur weil es schön, sondern weil es auch für uns gesprochen ist:
»Meine Bücher sind nicht Dichtungen allein (als solche mögen sie von
sehr vorübergehendem Werte sein), sondern als sittliche Offenbarungen, als
mit strengem Ernst bewahrte menschliche Würde haben sie einen Wert, der
bei unserer elenden, frivolen Literatur länger bleiben wird als der poetische;
in diesem Sinne sind sie eine Wohltat der Zeit.«
Bruno Adler.
* Diese beiden Erzählungen sind als 3. Sonderdruck der dritten
Auswahlreihe des »Volksverbandes der Bücherfreunde« erschienen.

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