Das alte Siegel
1843
1. Die Berghalde
Veit Hugo Evaristus Almot war der einzige Sohn eines uralten noch aus
den Zeiten Laudons und Eugens stammenden Kriegers, der ebenfalls den
Namen Veit Hugo führte, und welcher Krieger, nachdem er glücklich den
Schwertern und Spießen der Türken entgangen war, zuletzt noch in
bedeutend vorgerückten Jahren in die Gefangenschaft eines schönen
Mädchens gerieth, welcher er nicht entging; daher er das Mädchen zur Frau
nahm, dieselbe auf seinen Landsitz ins Hochgebirge führte, und mit ihr sein
Söhnlein Veit Hugo erzielte. Er lebte darnach noch eine Reihe von Jahren in
die Zeit hinein, so daß ihm sogar sein liebes Weiblein, obgleich es viel jünger
war, als er, in die Ewigkeit vorausging, so wie ihm bereits alle Kameraden
und Freunde vorausgegangen waren.
Ungleich vielen Kriegern seiner Zeit hatte er sich so viele
wissenschaftliche und Staatsbildung eigen gemacht, als damals möglich war,
und da er seinen Sohn selber unterrichtete und erzog, weil er meinte, daß es
niemand so gut zu thun vermöchte, als er, so trug er alles, was er wußte, auf
diesen über. Freilich wäre bei dem indessen vorgerückten Stande der
Wissenschaften mancher Andere gewesen, der den Unterricht weit besser
hätte führen können, als er; allein neben dem Unterrichte gab er seinem
Sohne unversehens auch ein anderes Kleinod mit, welches ein Fremder nicht
hätte geben können, nemlich sein eigenes einfältiges, metallstarkes,
goldreines Männerherz, welches Hugo unsäglich liebte, und unbemerkt in
sich sog, so daß er schon als Knabe etwas Eisenfestes und Altkluges an sich
hatte, wie ein Obrist des vorigen Jahrhunderts, aber auch noch als Mann von
zwanzig Jahren etwas so einsam Unschuldiges, wie es heut zu Tage selbst tief
auf dem Lande kaum vierzehnjährige Knaben besitzen. Das Herz und seine
Leidenschaften waren bei dem Vater schon entschlummert, daher blieben sie
bei dem Sohne ungeweckt und ungebraucht in der Brust liegen, und er hatte
von dem Vater sonst nichts geerbt, als den Tag für Tag gleichen Frohsinn und
die Freude an der Welt. Von der Mutter hatte er die ungewöhnliche Schönheit
des Körpers und Antlitzes bekommen, die sie einst in ihrem Leben
ausgezeichnet hatte, und diese Schönheit entwickelte sich an ihm, da er
empor wuchs, so daß die Blicke aller Menschen mit Wohlgefallen an dem
Knaben hafteten, und daß er als Jüngling, obgleich er selbst noch nichts
anderes liebte, als den Vater und die ganze Welt, doch an manchen Stellen,
wohin der Himmel seines Auges leuchtete, bereits die heißeste Liebe
entzündet hatte, davon er selber nie etwas wußte.
Als er auf diese Weise ein und zwanzig Jahre alt geworden war, gab ihm
der Vater ein Päckchen mit Goldstücken, einen Empfehlungsbrief, mehrere
gute Lehren, und sagte, daß er mit allem diesem jetzt in die Hauptstadt gehen
müsse.
»Veit,« sagte er, »du hast nun von mir genug gelernt, ich weiß nichts mehr
weiter. Du mußt nun in die Welt gehen und auch das Deine thun. Gieb diesen
Brief da dem alten Feldobristen, auf den er lautet, er wird dir, wenn er noch
lebt, an die Hand gehen; schau auf das Geld, wir haben nicht viel, aber was
ein ehrlicher Mann braucht, werde ich dir immer senden; sieh zu, daß du
noch etwas lernest, das dir gut thut, denn jetzt braucht man viel mehr, als
ehedem, weil die Welt aufgeklärter geworden ist; dann, wenn du ausgelernt
hast, mußt du auch, wie ich dir immer gesagt habe, auf der Erde etwas wirken
– es sei, was es wolle, ich rede dir da nichts ein, aber gut muß es sein, und so
viel, daß es einer Rede werth ist, wenn man einmal Abends bei seinem
eigenen Ofenfeuer beisammen sitzt, hörst du, Veit! – Dann kannst du in dein
Haus zurückkommen, es trägt schon so viel, daß davon ein strenger Mann
leben kann, und sein Weib auch, und eine Handvoll Kinder auch noch und
mancher Gast dazu, der zu dir übers Gebirge steigt. So – jetzt geh und lasse
den gesattelten Rappen nicht zu lange warten, ich konnte das nie leiden, mein
Bruder, der Franz, dein Oheim, hat es immer gethan, darum haben sie ihn
auch bei Karlowitz niedergeschossen, weil er wieder zu spät aufgebrochen
ist, wie sonst. Schreib' oft, Veit, wenigstens jeden Monat einmal, und vergiß
mich nicht, und sei kein Narr, wenn du einmal hörst, daß ich gestorben bin.«
Nach diesen Worten stand der Knabe, der schon wußte, daß er jetzt fort
ziehen werde, und bereits dazu vollkommen ausgerüstet war, auf, und ging an
der Hand des Vaters, der ihn führte, aus dem Hause hinaus. Sie gingen
rückwärts durch den Garten und an den Blumenbeeten entlang. Der Rappe
stand am Gitter, von dem traurigen Knechte gehalten. Der alte Krieger wollte
grimmig darein schauen, um sich selber zu Hülfe zu kommen; aber wie er
dem Sohne, der bisher stumm und standhaft den Schmerz nieder gekämpft
hatte, die Hand gab, und nun sah, daß dessen gute, junge und unschuldige
Augen plötzlich voll Wasser anliefen, so kam auch in die starren, eisengrauen
Züge des alten Mannes ein so plötzliches Zucken, daß er es nicht mehr
zurück halten konnte. Er sagte nur die ganz verstümmelten Worte: »dummer
Hasenfuß,« und kehrte sich um, indem er heftig mit den Armen schlagend in
den Garten zurück ging. Hugo sah es nicht mehr, wie der verlassene Mann,
um sich seinem Anblicke zu entziehen, in die allererste Laube hinein ging,
und dort die Hände über dem Haupte zusammen schlug: sondern er ließ sich
von dem Knechte den Steigbügel halten, schwang sich auf, und ritt mit fester
Haltung den Berg hinab, weil er meinte, der Vater sehe ihm nach; aber als er
unten angekommen war, und die Haselgesträuche ihn deckten, ließ er dem
Herzen Luft, und wollte sich halb todt weinen vor ausgelassenem Schmerze.
Er hörte noch das Dorfglöcklein klingen, wie es in die Frühmesse läutete, und
neben ihm rauschte das grüne klare Wasser des Gebirgsbaches. Das
Glöcklein klang, wie es ihm zwanzig Jahre geklungen, der Bach rauschte,
wie er zwanzig Jahre gerauscht – und beide Klänge goßen erst recht das heiße
Wasser in seine Augen.
»Ob es denn,« sagte er gleichsam halblaut zu sich, »in der ganzen Welt
einen so lieben Ort und einen so lieben Klang geben könne, und ob ich denn
nur noch einmal in meinem Leben diesen Klang wieder hören werde!«
Das Glöcklein hörte endlich auf, nur der Bach hüpfte neben ihm her, und
rauschte und plauderte fort.
»Grüße mir den Vater, und das Grab der Mutter,« sagte er, »du liebes
Wasser.«
Aber er bedachte nicht, daß ja die Wellen nicht zurückflossen, sondern mit
ihm denselben Weg hinaus in die Länder der Menschen gingen. – –
Fuhrleute mit krachenden Wägen begegneten ihm auf der Straße, der graue
Gebirgsjäger mit dem Gemsbarte ging über den Weg, Heerdenglocken
klangen, der Thau glänzte auf den Bergen – Hugo ritt langsam aus einem
Thale in das andere, und aus jedem derselben kam ihm ein Bächlein nach,
und alle vereinten sich, und zogen als größerer Bach mit ihm des Weges
weiter – der Himmel wurde immer blauer, die Sonne immer kräftiger, und
das Herz des Reisenden mit. Nachmittags, als ihm die straffe Gebirgsluft
schon längst die letzte Thräne von dem Auge getrocknet hatte, und seine
Gedanken schon weit und breit wieder ihre Wege gingen, dauerte doch noch
eine gewisse Weichheit und Sehnsucht fort, die ihm sonst fremd gewesen
waren. Er suchte daher, als er seine erste Nachtherberge erreicht hatte,
sogleich sein Lager, und entschlummerte todtmüde, während in seinen Ohren
Heimatglocken klangen und Heimathsbäche rauschten. In der ganzen Nacht
hing das Bild des abwesenden Vaters vor den zugemachten Augen.
Deßohngeachtet erwachte er am andern Morgen gestärkter und ruhiger,
und jeder Tag, der da folgte, legte sein Körnlein dazu, bis er am Abende des
sechsten Tages wohlgemuth und staunend in die Herrlichkeit der Hauptstadt
einritt.
Hier wußte er nun nicht, was er gleich beginnen sollte. Der einzige
Empfehlungsbrief, den er mit bekommen hatte, nemlich der an den alten
Feldobristen, war ihm unnütz; denn der Feldobrist war schon längstens
gestorben, und so war er also mit sich allein. Das erste, was er vornehmen
wollte, bestand darin, daß er sich irgendwo ein Stübchen miethe, in dem er
lebe, und die Dinge ansähe, wie sie hier sind, damit er erfahre, was er dann
weiter zu erringen habe.
Mit dem Pferde, welches er mitgebracht hatte, war er gleich Anfangs in
eine große Verlegenheit gekommen. Es war zur Zeit, als er von Hause ging,
nicht mehr Sitte, zu Pferde zu reisen, sondern der Reitpferde bediente man
sich nur im Heere zum Dienste, und außer demselben, vorzüglich in der
Stadt, blos zu dem einen oder dem andern Spazierritte. Er war daher häufig
angeschaut worden, wenn er so auf seinem Rappen die Straße dahin zog, und
als er in die Hauptstadt gekommen war, waren alle Reitpferde schöner, waren
alle ganz anders gesattelt und gezäumt, als das seine, und überall wo er um
ein Zimmer für sich fragte, war kein Stall, in welchen er seinen Rappen hätte
thun können. Er gab daher denselben, der noch immer in dem Gasthofe, in
welchem er abgestiegen war, weil er ihm von den Fuhrleuten seiner Gegend,
die alle dort einkehren, empfohlen wurde, gestanden war, einem Fuhrmanne
mit, der in das Thal seines Vaters zurück kehrte, und trug ihm auf, daß er den
Rappen hinten an seinen Wagen anhängen, sehr gut auf ihn schauen, und ihn
von dem Wirthshause des letzten Dorfes aus nach dem Hause der
Gebirgshalde senden möge, wo der Vater ist. Der Fuhrmann versprach alles,
und Hugo nahm Abschied von dem Thiere.
In der ersten Woche seines Aufenthaltes in der großen Stadt hatte er eine
Stube gefunden, wie er sie wünschte. Sie war zum Studieren abgelegen, und
ihre zwei Fenster sahen doch auf ein paar grüne Bäume, wie er sie liebte,
obgleich jenseits derselben sogleich wieder Mauern anfingen, die ihm
zuwider waren. In diese Stube brachte er seine Sachen, und richtete sich ein.
Hier wollte er nun eine Thätigkeit anfangen, von der er wußte, daß sie seinem
Vater eine große Freude machen könnte. Die Sache war so: Als sie, nemlich
er und sein Vater, zu lernen angefangen hatten, und Hugo bereits schon
bedeutende Fortschritte machte, brach die französische Revolution aus. Es
bereiteten sich gemach die erschütternden Begebenheiten vor, die dann auf
ein Vierteljahrhundert hinaus den Frieden der Welt zerstören sollten. Der alte
Veit lebte gleichsam wieder jugendlich auf und ließ sich alle nur denkbaren
Zeitungen auf das alte Gebirgshaus bringen. Der Knabe mußte sie ihm
vorlesen, sie lebten Jahr nach Jahr diese Bewegungen durch, und als sie auf
jene Zeit kamen, in welcher der fremde Eroberer unser Vaterland in Fesseln
schlug, und Hugo bereits zu einem Jünglinge aufzublühen begann – da
entstand in beiden derselbe Gedanke, daß nemlich eines Tages die gesammte
deutsche Jugend aufstehen werde, wie ein Mann, um die deutsche Erde
gänzlich zu befreien.
»Dieses Geschlecht,« sagte der alte Veit, »hat den Krieg noch nicht
gesehen, es weiß also jetzt, da er da ist, nichts mit ihm anzufangen. Wenn ich
nur nicht so alt wäre. Sie merken die große Schande nicht, daß sie immer
geschlagen werden, und der Feind, der auch lange keinen Krieg gehabt hat,
ist ebenfalls so thöricht, diese Schande immer zu mehren, und mit Worten
größer zu machen, weil er sie für einen Triumph hält. Aber es kann nicht
lange so dauern; wenn das Kraut fort wachsen wird, dann wird er sich über
die Blume wundern, die ganz oben stehen wird. Sie muß Ingrimm heißen,
diese Blume, und alle alten Sünden müssen getilgt werden, wenn es mit
rechten Dingen zugehen soll. Wenn auch die Sünder selber nicht mehr leben,
um auszubessern, so wird es die nachwachsende Jugend thun. – Wie wir
damals mit dem alten und schon schwachen Eugenius an den Rhein rückten,
unser sechzig, unser siebenzig Tausend, lauter blutjunge Bursche! – hätten
sie uns damals von Seite des heiligen römischen Reiches nicht so im Stiche
gelassen – der alte Eugenius hat ohnehin mit uns Wunder gewirkt. Ich
glaube, wenn solche sechzig, oder siebenzig Tausend im Felde stünden, sie
würden den Feind über die Gränze zurück werfen. Macht er es in seinem
Uebermuthe nur immer so fort, so werden schon mehrere aufstehen, man
wird nicht wissen, woher sie gekommen sind, es werden ihrer mehr, als
sechzig und siebenzig Tausend sein, diese werden Thaten thun – es wird eine
Zeit sein, du kannst sie noch erleben, ich schwerlich – sie werden es nicht
mehr ertragen können, und der jetzt an der Zeche sitzt, der wird sehr bald und
sehr fürchterlich dafür bezahlen müssen. Merke dir das, daß ich es gesagt
habe, wenn es geschieht, und ich vielleicht schon im Grabe liege.«
Durch solche und ähnliche Worte entzündete er das arme Herz des
Knaben, daß es sich in heimlicher und einsamer Glut abarbeitete, und dies
um so mehr, da es sich von den Dingen der Wirklichkeit auch keine entfernt
ähnliche Vorstellung zu machen verstand. Als nach ein paar Jahren darauf
der Krieg über ganz Deutschland fluthete, obwohl man auf der Berghalde nie
einen Feind gesehen hatte, und das alte Haus wie manch andere Stelle im
Gebirge gleichsam als eine Insel aus der Fluth heraus ragte: faßte Hugo den
Entschluß, wenn der Zeitpunkt gekommen wäre, daß sich Deutschlands
Jugend gegen den Feind erhebe, auch hinaus zu gehen, und sich in die Reihe
der Krieger zu stellen. Er sagte zu seinem Vater nichts von diesem Gedanken.
Denn wie die andern mit den kleinen Lastern und Begierden ihres Herzens,
so war Hugo verschämt mit der Schönheit des seinigen. Jede Zeile, die er
lernte, jeden veralteten Handgriff, den ihm sein Vater beibrachte, berechnete
er schon auf jene Zeit. Als er nun von dem Hause Abschied nahm, in die
Stadt reiste und die von ihm gemiethete abgelegene Stube bezog, nahm er
sich vor, in derselben alle kriegerischen Wissenschaften zu betreiben,
nebstbei die Bekanntschaft von Männern aus dem Kriegerstande zu suchen,
daß sie ihm an die Hand gingen, daß er sich nicht nur aus den Büchern
wissenschaftlich, sondern durch Erlernung aller Handgriffe und Uebungen
auch thatsächlich unterrichte – und wenn dann der Zeitpunkt der Erhebung
gekommen wäre, von dem er eben so fest überzeugt war, daß er kommen
müsse, wie sein Vater, würde er demselben schreiben, daß er sich seither für
den Kriegerstand gebildet habe, und daß er sich nun dem Aufstande
anschließe. Wenn dann die That der Befreiung, dachte er, von den vielen
hunderttausend deutschen Jünglingen versucht worden, und gelungen wäre,
dann wolle er nach Hause gehen, und wolle dem alten Vater alles auseinander
setzen, was er gelernt habe, wie er sich vorbereitet habe, wie er eingetreten
sei, was er gethan habe, – und dann wolle er ihn fragen, ob dieses der Rede
werth sei, wenn man Abends einmal bei dem Ofenfeuer beisammen sitze –
oder ob er noch hinaus gehen müsse, und noch etwas thun.
So wie Hugo mußten sich damals viele vereinzelte Jünglingsherzen, wenn
auch nicht thatsächlich, wie er, doch durch Erwägung der Frage, die zu jener
Zeit noch ein Unding schien, vorbereitet haben, weil, da gleichwohl die
Lösung derselben eintrat, die Flamme nicht ein Herz nach dem andern ergriff,
sondern von allen, als hätte sie schon lange darinnen geglimmt, auf einmal
und mit einer einzigen Lohe empor schlug.
Seinem Entschluße gemäß, begann nun Hugo in der gemietheten Stube
seine wissenschaftlichen Arbeiten. Gleich in den ersten Tagen, in denen er
sehr oft herum ging und öffentliche Orte besuchte, um etwa einen Bekannten
zu erwerben, wie er ihn wünschte, machte er wirklich die Bekanntschaft eines
Kriegers, die ihm von großem Vortheile war; denn derselbe gab Hugo nicht
nur die Werke an, nach denen er seine Bildung beginnen solle, sondern er
vermittelte auch bei seinen Obern und Vorgesetzten, daß Hugo nicht nur
allen kriegerischen Uebungen beiwohnen, sondern auch dieselben, wo es
anging, persönlich mitmachen konnte. Hiedurch kam er in die Bekanntschaft
fast aller höheren in der Hauptstadt befindlichen Krieger. Er sagte keinem
von ihnen seinen eigentlichen Plan, sondern theilte nur das Allgemeine
desselben mit, daß er sich nemlich zum Kriege gegen den Landesfeind
vorbereite. Ob es einzelne gab, die ihn erriethen, oder ob mehrere aus ihnen
schon selber an eine Entscheidung der Art dachten, wie sie erst nach
mehreren Jahren wirklich eintrat, können wir nicht sagen, weil er trotz des
Umganges mit diesen Männern so einsam war, als säße er beständig und
ausschließlich in seinem Stübchen, daher ihm der Aufenthalt in der
Hauptstadt auch nicht im Geringsten anzusehen war, als wäre er erst gestern
Abends von der Gebirgshalde gekommen.
Das erkannte er gleich, daß er hier noch sehr vieles lernen müsse, und
schrieb es auch dem Vater. Er schrieb ihm dazu, daß er die
Kriegswissenschaften betreibe und sich auf diesem Felde auch thatsächlich
übe, wenn er diese Dinge heute oder morgen etwa einmal brauchen könnte.
Der Vater antwortete in einem Schreiben, daß er über das, was der Sohn
treibe, kein Urtheil abgebe, daß er schon gesagt habe, er hätte Freiheit zu
thun, wie er wolle, nur gut müsse es sein, und einer Abendrede werth. Was
ihm sonst Veit schriebe, wie man die Kriegsdinge jetzt anders betreibe, so
sehe er wohl ein, daß die Wissenschaft des Krieges fortgeschritten sei, und
jetzt vieles besser ins Werk gestellt werden würde, als zu seiner Zeit, aber die
Manneszucht und die Tapferkeit sei heute nicht mehr so, wie in seinen
Tagen, das könne er durchaus nicht glauben.
Hugo richtete sich seine Stube zu seinen Zwecken ein. Das Vorstübchen
war ganz leer, lag über dem Schwibbogen eines Thores und war daher zu den
Fechtübungen sehr tauglich, die er sehr häufig mit seinem Meister, und oft
auch mit einem Kameraden anstellte. In der Stube selber hingen seine
Scheibengewehre, seine andern Waffen, und, wo noch Platz war, die
Landkarten. Auf den vielen Tischen lagen die Bücher, die Pläne, Karten und
andern Papiere. Bald, als er den Rappen nach Hause geschickt hatte, kaufte er
sich ein anderes Pferd, weil ihm die Uebungen in der Reitschule auf den
Pferden des Bereiters nicht genügten, sondern weil er sie auf einem edlen,
kräftigen, feurigen Pferde, das ihm eigen wäre, selber machen wollte, und
weil er einen Rest seiner Zeit in die Pflege eines solchen edlen Pferdes
theilen wollte. Er miethete einen Stall dafür, und obwohl es sein Diener in der
Obhut hatte, ging er doch täglich hin und leitete die Wartung desselben. Der
früheste Morgen – denn Hugo stand schon wenige Stunden nach Mitternacht
auf – war den Studien gewidmet. Seine Zeit war strenge eingetheilt, dies hatte
er von dem Vater gelernt, und nur im Laufe des Vormittags und des Abends
war eine Stunde oder etwas darüber zum Spazierengehen und zur Erholung
bestimmt.
So lebte Hugo ein und ein halbes Jahr fort. Er dachte, er könne mit seinen
Erwerbungen auf dem betretenen Felde zufrieden sein, als ein Brief kam, und
ihm den Tod seines Vaters meldete. Derselbe hatte also nicht mehr erlebt, daß
ihm der Sohn die Freude mache, den geliebten Gedanken, den er im hohen
Alter noch mit Jugendfeuer ausdachte, aus freiem Antriebe verwirklichen zu
helfen, und wenn der Sohn in die Zukunft dachte, und sich selber seine Pläne
entwickelte, so war oft der Gedanke da, was der Vater dazu sagen werde,
aber daß der Tod dieses Vaters eintreten könnte, das war nie in Rechnung
gebracht. Hugo konnte also jetzt nichts thun, als auf der eingeschlagenen
Bahn fort zu gehen, und wenn die That gethan sei, und sein Herz noch unter
den Lebendigen schlage, auf das Grab des Vaters zu gehen, dort die Waffen
nieder zu legen, und zu fragen, ob die That einer Abendrede werth sei –
schlägt aber das Herz nicht mehr unter den Lebendigen, dann, hoffe er, würde
er doch auch an einen Ort kommen, wo er dem Vater selber sagen könnte,
was er gethan.
Er hatte das alte Haus geerbt mit den Erträgnissen der dazu gehörigen
Felder, Wiesen und Wälder. Das Haus trug er dem noch lebenden Altknechte
seines Vaters zur Verwaltung auf, bis er selber kommen werde. In der Stube
hingen mehrere verrostete Waffen, die er befahl, daß man sie unberührt und
unvermischt hängen lassen solle. Mit dem Briefe, der ihm den Tod des Vaters
angezeigt hatte, war zugleich in einem Futerale ein altes Siegel angekommen,
über das der Vater verordnet hatte, daß man es sogleich nach seinem Tode
dem Sohne einhändigen solle. Er hatte zu Lebzeiten das Siegel immer bei
allen seinen Briefen und bei allen andern Papieren und Urkunden, die eines
Petschaftes bedurften, geführt. In dem Fache des Siegels lag ein Blättchen
Papier mit der eigenen Handschrift des Vaters beschrieben. Das Feld des
Siegels, dessen Stiel von kunstreicher Arbeit in Stahl war, trug mit sehr
schönen klaren Buchstaben im Halbkreise herum die Worte: »#Servandus
tantummodo honos#,« unterhalb des Bogens der Buchstaben war ein ganz
blankes Schild, um die Reinheit der Ehre anzuzeigen. Denn die Familie
Almot war nicht von Adel und hatte kein Wappen. Auf dem, dem Siegel
beigelegten Papiere stand, daß ihm der Vater hier das Siegel übergebe, das
man immer in der Familie geführt habe, und daß er ihm die Worte, die darauf
stünden, auf das Beste empfehle; denn so lange der Sinnspruch desselben
befolgt werde, ist nichts verloren, und man steht vor sich selber und den
anderen gerechtfertigt und untadelich da.
»Ja,« dachte Hugo, »das will ich unabänderlich befolgen:. so lange ich
lebe, soll keine Makel an mein Herz und meine Ehre kommen, es soll kein
Einziger sein, der etwas Schimpfliches über mich zu sagen wüßte, und vor
allen Andern soll ich selber nicht der Einzige sein, der eine geheime Schuld
hätte, und sich dieselbe erzählen könnte. Ich will eine große und nützliche
That thun helfen, und erst dann, wenn ich mein eigenes Gewissen befragt
habe, ob es genug sei, und wenn mein eigenes Gewissen geantwortet hat:
wenn der Vater lebte, würde er es einer Rede des Abends für werth halten –
dann werde ich nach Hause gehen, das alte Haus in meine Obsorge nehmen,
und alle die behüten, die mir untergeben sind, und ein Recht haben auf
meinen Schutz und meine Verwaltung.«
Mit dem großen Schmerze in dem Herzen ging er an die Fortsetzung seiner
Arbeiten und Bestrebungen. Sie zeigten ihm bald eine neue Seite. Waren sie
ihm früher nur Beruf und Mittel zum Ziele gewesen, so wurden sie ihm nun
eine Art Trost, gleichsam ein unsichtbares Band mit dem Verstorbenen, der
auch diesem Stande angehört hat, und den Kreis dieser Dinge bald ganz, bald
zum Theile gleichsam mit hinüber in die Ewigkeit gezogen hat. Er arbeitete
sehr fleißig und erst jetzt setzte er seine Studien mit der wahren und rechten
Begeisterung fort.
Fast zwei Jahre waren seit dem Tode des Vaters wieder verflossen. Hugo
blieb in der Stadt rein und stark, wie eine Jungfrau; denn in dessen Busen ein
Gott ist, der wird von den Niedrigkeiten, die die Welt hat, nicht berührt.
Obwohl er nun schon im vierten Jahre in der großen Stadt war, lag ihm das
Herz noch so einsam in seiner Brust, wie einst auf der Gebirgshalde – nur daß
es ihn zuweilen, wenn er auf den Höhen um die große Stadt herum schweifte,
wie Heimweh überkam, oder wie eine traurige Sehnsucht. Er hielt es für
Thatendurst; in Wahrheit aber war es, wenn er so die Landschaft übersah, ein
sanftes Anpochen seines Herzens, das da fragte: »Wo in dieser großen Weite
hast du denn die Sache, die du lieben kannst?« – – Aber die Sache hatte er
nicht, der Mahnung achtete er nicht, und so schleiften die Stunden hin,
höchstens, daß er in solchen Augenblicken nieder saß und an seinem
Tagebuche schrieb, das sonderbar genug, in lauter Briefen an den todten
Vater bestand. Anders wußte sich seine Liebe nicht zu helfen; wie hold
Mutterliebe sei, hatte er nie erfahren, und wie süß die andere, davon ahnete
ihm noch nichts, oder, wenn man es so nimmt, die Briefe an den Vater sind
mißgekannte Versuche derselben.
Zu der Zeit, von der wir reden, übrigte er sich täglich auch ein paar
Stunden ab, in denen er die schönen Wissenschaften trieb und Dichter und
Geschichtschreiber las. Er las aber nur lauter heidnische Alte. Er hatte einen
Mann kennen gelernt, der ein inniger Freund des mit Hugo gleiche Wege
gehenden Körner war, von dem ihm damals nicht ahnete, daß er ihn so bald
durch den Tod verlieren würde. Dieser Mann war ein schwärmender Verehrer
der Sprache der Griechen und Römer und führte Hugo in die Gebiete
derselben ein und unterrichtete ihn sogar zum Theile darinnen. Hugo's feste
Einfalt, die er auf der Gebirgshalde bekommen hatte, stimmte vortrefflich mit
der der Alten, er pries dieselben unsäglich, und sagte: er wolle nun vorerst in
dem Reiche derselben verbleiben, bis er es erschöpft und in sein Blut
aufgenommen habe. Dann wolle er in das der Neueren übergehen und sehen,
was denn diese auf demselben Felde hervorgebracht hätten.
2. Die Kirche von Sanct Peter
Hugo saß eines Tages, wie gewöhnlich, in seiner Stube. Es war eben zwölf
Uhr. Er war von dem Spaziergange, den er gerne um zehn Uhr Vormittags
machte, zurückgekehrt, und wollte die anderthalb Stunden, die noch bis zu
seinem Mittagsessen übrig waren, wie er es alle Tage that, mit Rechnen
verbringen. Die zwölfte Stunde war in der Stadt die, in welcher man die
eingelaufenen Briefe auszutragen beginnt. An Hugo's Thür ward gepocht, der
bekannte Briefträger trat ein und brachte ein Schreiben. Als der kleine Betrag
dafür entrichtet war, ging er wieder fort. Hugo sah gleich, daß der Brief nicht
von dem Altknechte seines Vaters sei, dem einzigen Menschen, von dem er
Briefe zu empfangen pflegte. Das Schreiben war auf nicht gar feinem, nicht
gar weißem Papiere, und der Umschlag trug eine nicht gar schöne Schrift.
Hugo erbrach das Siegel, und las folgenden Inhalt: »Wenn ihr der junge
Mann seid, der so wundersam schöne blonde Haare hat, und sie nicht gar zu
kurz aber auch nicht gar zu lange auf seinen Nacken niedergehend trägt, so
erfüllet einem alten Manne die Bitte, und seid morgen zwischen zehn und eilf
Uhr in der Kirche von Sanct Peter.«
Der Brief hatte keine Unterschrift, und Hugo hielt ihn verblüfft in seinen
Händen. Die Schrift war augenscheinlich die eines Mannes, und zwar eines
alten Mannes, wie die festen, starken, aber zitternden Züge verriethen. Allein
was der Mann von Hugo wollte und warum er nicht lieber gleich zu ihm in
die Stube gekommen sei, war nicht zu enträthseln.
»Wer weiß, ob ich auch der Mann mit den wundersamen schönen blonden
Locken bin, oder ob es nicht einen andern gibt, der noch wundersamere,
schönere und blondere hat,« sagte Hugo lächelnd zu sich, und wäre bald
versucht gewesen in den Spiegel zu schauen. Aber der Name, auf den der
Brief lautete, war der seine. Und in der That, die Locken, die an den Seiten
seiner Stirne nieder gingen, waren wundersam genug. Wenn blonde Locken
kräftig sind, und den milden Metallglanz haben, so kann man sich an jungen
Menschen kaum etwas schöneres denken. Hugo hatte darunter eine reine
Stirne, von zwei geistvollen klaren Augenbogen geschnitten, feines starkes
Wangenroth, und die Lippen frisch und kräftig, die noch von keinem
Menschen dieser Erde, nicht einmal von einem Kinde geküßt worden sind.
Die Augen hatte er von der Mutter, groß und blau. Sie waren so gut, daß,
hätten sie sich nicht eben jetzt ins Männliche hinüber verändert, man gesagt
haben würde, er hätte sie von einer edlen schönen Frau empfangen.
Ueberhaupt sah er viel jünger aus, als seine Jahre waren, und er hatte von
manchem aus dem Kriegerstande, die er bei seinen Uebungen kennen gelernt
hatte, und die ihn gelegentlich besuchten, einigen Hohn und Scherz zu
erfahren, da sie ihn spottweise nur immer den heiligen Aloisius nannten.
Eben, da er so stand, ließen sich klirrende Tritte durch sein Vorstübchen
gegen sein Gemach vernehmen. Er riß den Brief, der auf dem Tische lag, an
sich, verbarg ihn in der Tasche, und ward so roth, als hätte er eine Schandthat
begangen. Es geschahen ein paar nachlässige Schläge an seine Thür, und
ohne Umstände trat der Besuch herein. Es war eben so ein junger Mann
kriegerischen Ansehens, wie wir oben von ihnen geredet haben. An den
Stiefeln tönten die Sporen. Unter einem rauhen »guten Tag, Freund,« legte er
den Hut hin, warf sich in den Armsessel, und begann ein Gespräch, das er
über den Dienst, über lange Weile, über Theater, Mädchen und Pferde führte.
Hugo hörte ihn an, und erwiederte manchmal etwas auf höfliche Weise. Als
er endlich fragte, ob sich denn gar nichts neues zugetragen habe, das nur
einige Abwechslung in die Zeit bringe, sagte ihm Hugo von dem Briefe
nichts, sondern erwiederte, daß sich wahrscheinlich nichts zugetragen habe,
was man seiner besondern Aufmerksamkeit werth halten und ihm
anvertrauen möchte.
Da Hugo's Bekannte schon wußten, daß er sich in seiner gewohnten
Eintheilung der Zeit nicht irre machen ließe, so trat er auch jetzt an den Tisch,
und fing auf seinen großen schwarzen Schiefertafeln aus einem Buche zu
rechnen an. Der Mann, der zu Besuche da war, nahm seine Pfeife heraus,
rauchte, blätterte in einem Buche, und begleitete endlich Hugo aus dem
Hause, da dieser den Griffel weglegte und erklärte, daß er jetzt zu seinem
Mittagsessen gehen werde. An der Schwelle des Gasthauses, in dem Hugo
gewöhnlich aß, trennten sie sich.
Am andern Tage, genau als die Uhr von Sanct Peter zehn schlug, trat Hugo
durch das große Thor in die Kirche. Er hatte wohl flüchtig daran gedacht, daß
die Bestellung etwa ein Scherz eines seiner Kameraden sein könnte; aber zum
Theile stand er mit keinem so, daß dieser Scherz leicht denkbar gewesen
wäre, zum andern Theile hatte er sich nichts vergeben, wenn er kam, selbst
wenn ein Scherz statt gefunden haben sollte.
Es wurde am Hauptaltare in der Kirche eben eine Messe gelesen, die zu
dieser Stunde angesetzt ist. An einem der Seitenaltäre trat gleichfalls ein
Priester über. In Stühlen saßen allerlei Menschen herum, andere standen
heraußen auf dem Pflaster, wieder andere knieten theils in den Stühlen, theils
in den breiten Gängen der Kirche. Hoch oben durch die Fenster wallte ein
Sonnenstrom herein, und setzte den ruhig erhabenen Raum in warmes Feuer.
Hugo war vor sich selber in einiger Verlegenheit, da ihm sein Gefühl sagte,
daß er heute nicht aus Andacht in die Kirche gekommen sei; aber da er
entschlossen war, den Vorfall nur zum Guten zu benützen, so beruhigte er
sich bald wieder. Er stellte sich in die äußerste Ecke zurück, und es war fast
noch die Hälfte seines Körpers durch die Schnörkel eines hölzernen
Beichtstuhles verborgen, wie sie gerne in der Tiefe katholischer Kirchen zu
stehen pflegen. So stand er einige Minuten, und es war ihm als müßten
sogleich alle Augen auf ihn schauen; aber nicht ein einziges that es, und kein
Mensch nahm von seiner Anwesenheit besondere Kenntniß. Die Orgel ging
ihren regelmäßigen Gang, und die Melodie des Kirchengesanges wallte sanft
durch die Bogen. Es trat ein Kirchendiener zu ihm heran und hielt ihm den
Klingelbeutel vor, er warf eine kleine Münze hinein, der Diener dankte, ging
zu dem Nachbar, dann zu dem Nachbar des Nachbars, und so weiter – und
alles war wieder, wie vorher. Hugo blickte nun auf mehrere Personen – aber
alle waren in sich selber vertieft. In der Kirche ließ sich nicht das mindeste
Zeichen verspüren, daß heute etwas anderes geschehen solle, als sonst. Wie
es in großen Städten zu geschehen pflegt, traten wohl auch während des
Gottesdienstes immer Menschen herein und hinaus; aber sie thaten, wie sie
alle Tage thun: der eine blieb da, der andere schlug ein Kreuz, that ein kurzes
Gebet und ging wieder. Oefter waren es Mädchen der dienenden Klasse, die
einen kurzen Augenblick benützten. Sie setzten den Korb nieder, manche that
ein leichtfertiges Gebet, manche ein brünstiges – dann nahm sie wieder ihre
Last an den Arm und ging. Auch Frauen kamen – mancher ward von einem
Diener das Gebetbuch nachgetragen – sie setzten sich in einen Stuhl und
versenkten sich in ihre Andacht.
Indessen war die Messe aus geworden, und es kam der Segen. Die schöne
Weise des Dreimal heilig mischte sich mit dem Weihrauch, der nun empor
stieg, sich oben mit den Sonnenstrahlen vermälte, und von ihnen vergoldet
ward. Der Priester wendete sich, segnete mit dem Allerheiligsten, und alle
klopften andächtig an die Brust. Es kam noch ein kurzer Gesang, und dann
war der Gottesdienst aus. An den Seitenaltären war auch kein Priester mehr,
man löschte nach und nach die Kerzen, und die Menge wendete sich zum
Gehen, einer nach dem andern. Viele gingen an der Seitenthür hinaus, die
meisten bei dem Hauptthore, und manche mußten an Hugo vorüber, ohne ihn
aber zu beachten. Nur manches schöne Weiberauge, wenn es zufällig auf
seine Züge fiel, war betroffen, und ihm gab es jedesmal einen Stich in das
Herz. Die Kirche entvölkerte sich endlich ganz, und nur mehr ein paar
unscheinbare Personen knieten in den Stühlen, wie überhaupt in einer großen
Stadt eine Kirche in keinem Augenblicke des ganzen Tages vollkommen leer
zu sein pflegt. Es war so stille geworden, daß er deutlich von außen herein
die drei Glockenschläge vernehmen konnte, welche ihm verkündeten, daß
bereits drei Viertheile der ihm anberaumten Zeit abgeflossen seien. Hugo
wußte nicht, solle er den Rest noch abwarten, oder solle er fort gehen; aber,
seinem Willen getreu, wollte er bis eilf Uhr harren.
Es war so stille geworden, daß man das Rauschen der draußen fahrenden
Wägen herein hören konnte.
In diesem Augenblicke vernahm Hugo neben sich Tritte, es ging ein Mann
zu ihm hinzu und sagte: »Ich danke euch recht schön, Herr, daß ihr die
vermessene Bitte eines alten Mannes erhört habt und gekommen seid.«
Der Mann war in der That alt, weiße Haare waren auf seinem Haupte und
viele Runzeln im Angesichte. Sonst war er einfach und anständig gekleidet,
und hatte weiter nichts Auffallendes an sich.
Hugo war etwas unbestimmt über sein von dem nächsten Augenblicke
gebotenes Benehmen, und schaute den Alten eine kleine Zeit lang an, dann
sagte er: »Ich weiß nicht, wenn ich etwa irre, so verzeiht mir – ich habe für
den Fall, daß es nöthig sein sollte, eine Kleinigkeit zu mir gesteckt.« – –
»Ich bedarf kein Almosen und bin keines Almosens wegen hieher
gekommen,« sagte der Alte.
Hugo wurde mit einer brennenden Röthe übergossen und sagte: »Ihr wollt
also mit mir sprechen – so sprecht. Aber wäre es nicht besser gewesen, wenn
wir nicht die Kirche dazu gewählt hätten – wollt ihr etwa mit mir in meine
Wohnung kommen?«
Der Fremde sah Hugo an und sagte: »Ihr seid so gut, als ihr schön seid,
Herr, ich habe mich in euch nicht geirrt. Aber ich bedarf auch keines
Gespräches mit euch, so wie ich keines Almosens bedarf. Ihr habt mir eine
große Wohlthat erwiesen, blos daß ihr gekommen seid. Ihr werdet das nicht
verstehen, aber es ist doch wahr, daß ihr mir eine sehr große Wohlthat
erwiesen habt. Ich kann euch jetzt gar nicht sagen, warum es so ist, und kann
euch nur bitten, wenn ihr so gut sein wolltet, sofern es eure Zeit zuläßt, auch
in Zukunft noch manchmal um diese Stunde hieher zu kommen.«
»Das ist seltsam, sagte Hugo, und was haben denn meine blonden Haare
dabei zu thun, daß ihr eigens auf dieselben aufmerksam gemacht habt?«
»Ich habe euch nur daran erkannt, erwiederte der Mann, und sie sollten
bedeuten, ob der, der über dem Schwibbogen wohnt, der nemliche sei, den
ich gemeint habe. Sie sind auch sehr schön, und ich habe diese Haare immer
geliebt. – Nun, Herr, sagt mir, ob ihr wohl wieder einmal kommen werdet?«
»Aber könnt ihr mir denn nicht erklären, wie das alles zusammenhängt?«
fragte Hugo.
»Nein, das kann ich nicht, antwortete der Mann, und wenn ihr nicht
freiwillig kommt, so muß ich schon darauf verzichten.«
»Nein, nein, ich komme schon, sagte Hugo. Wenn es wahr ist, daß ich
euch durch mein bloßes Kommen eine Wohlthat erweise, warum sollte ich es
nicht thun? Ich verspreche euch also, daß ich schon wieder einmal um diese
Zeit hieher kommen werde.«
»Ich danke euch recht schön, Herr, ich danke euch. Ich habe mich gar nicht
geirrt, ich habe gewußt, daß ihr sehr gut seid. Ich will eure Zeit nicht mehr
rauben, und will mich jetzt entfernen. Lebt recht wohl, Herr, lebt wohl.«
»Lebt wohl,« sagte Hugo.
Der Alte verbeugte sich, wendete sich um, und ging durch das sehr nahe
gelegene große Thor der Kirche hinaus. Hugo sah ihm nach und blieb dann
noch eine Weile in dem Raume zurück. Die Sonnenstrahlen, die früher durch
die Fenster der Kirche herein gekommen waren, waren verschwunden, nur an
den Fensterstäben draußen spann es sich, wie weißglitzerndes Silber
senkrecht nieder, wodurch die schwarzen Bilder und die trübe Vergoldung
der Kirche noch ernster und düsterer wurden. Einzelne Menschen saßen oder
knieten, wie gewöhnlich als Beter herum. Hugo wendete sich nun auch, und
schritt zum Thor hinaus. Draußen ward er von der warmen Mittagsluft des
Frühlings, der eben auf allen Ländern jenes Erdtheils lag, von blendender
Helle und von dem Lärmen des Tages empfangen.
Seit diesem Kirchenbesuche war eine geraume Zeit vergangen, als Hugo
wieder einmal zufällig in die Nähe des Gotteshauses von Sanct Peter gerieth.
Es war gegen zehn Uhr, welches gerade die Zeit war, die, wie wir oben
sagten, Hugo gewöhnlich zu seinem Vormittagsspaziergange verwendete. Es
fiel ihm ein, daß er jetzt sein Versprechen lösen könnte. Er dachte, der Mann,
der ihn so sonderbar bestellt habe, sei wahrscheinlich irrsinnig, aber, dachte
er hinzu, das könne doch keinen Grund abgeben, daß man ihm sein Wort
nicht halten dürfe. Wenn die Freude, Hugo in der Kirche zu sehen, eine
eingebildete ist, so sind es zuletzt alle unsere Freuden auch – und wer weiß,
welch' glühende, welch' schmerzliche oder süße Bilder seiner Vergangenheit
gerade die blonden Haare aus seinem Innern hervor heben mögen, weil er sie
so eigenthümlich in seinem Briefe bezeichnet hat.
Unter diesen Gedanken trat Hugo in die Kirche hinein. Der ruhige
Orgelton und der fromme Kirchengesang wallten ihm auch heute wieder
gedämpft entgegen. Da er drinnen war, war es eben auch gerade so, wie das
erste Mal. Der Priester las am Hochaltare die Messe, die andächtige Menge
aus allen Ständen und Altern saß zerstreut in den Stühlen herum, und sang
dieselbe schöne Kirchenweise. Der Diener kam mit dem Klingelbeutel, das
Dreimal heilig tönte endlich, der Weihrauch stieg, der Gottesdienst wurde
aus, und wieder, wie damals, zerstreute sich die Menge. Aber der alte Mann,
den Hugo damals gesehen, und mit dem er gesprochen hatte, war heute nicht
zugegen gewesen. Hugo wartete, bis die Kirchenuhr von draußen herein eilf
Uhr schlug, und als er eine geraume Weile darnach den alten Mann auch
noch nirgends sah, ging er wieder aus der Kirche fort, und hatte das Gefühl
mit sich genommen, als hätte er eine gute That gethan. Und es war auch eine,
wenn sie gleich die beabsichtigte Frucht nicht getragen hatte.
Hugo war später noch einige Male um zehn Uhr in der Kirche von Sanct
Peter gewesen. Zum zweiten Male hatte er den Greis wieder gesehen. Er war
auf ihn zugegangen, und hatte mit sehr viel Freude in seinen Zügen gesagt:
»Ich danke euch, ich danke euch recht schön.«
Nach diesen Worten war er wieder hinweg gegangen, und hatte
wahrscheinlich die Kirche verlassen.
War Hugo das erste Mal nicht gerade aus Beruf in die Kirche gegangen,
um einem Gottesdienste beizuwohnen, so wirkte doch nachher die Ruhe der
kirchlichen Feier auf sein Herz, und die Freundlichkeit dieses Tempels gefiel
ihm so, daß er später noch mehrere Male freiwillig hin ging, und andächtig da
stand, ja andächtiger, als viele andere, die zur Feier des Gottesdienstes
gekommen waren. Den Greis aber hatte er nicht mehr gesehen.
Da er nach langer Zeit wieder ein paar Male hinter einander in der Kirche
gewesen war, und den alten Mann nicht gesehen hatte, würde sich
wahrscheinlich die Gewohnheit, gerade zu dieser Zeit in diese Kirche zu
gehen, wieder verloren haben, wenn sich nicht etwas zugetragen hätte, das
der Sache eine andere Gestalt gab.
Es geschah eines Tages, daß man an dem Kirchenpflaster des
Hauptschiffes etwas ausbesserte, und deßhalb einen Querbalken über den
Hauptgang zwischen den Stühlen gezogen hatte. Hiedurch wurde eine alte
schwarz gekleidete Frau, die Hugo schon öfter bemerkt hatte, daß sie immer
vorne am Platze gegen den Hochaltar kniete, verschleiert war und fast
beständig die letzte, von einem graugekleideten Mädchen begleitet, die
Kirche verließ, genöthigt, in dem Seitengange der Kirche fast an der Wand
derselben zum Thore zurück zu gehen. Hiebei kam sie an Hugo vorüber. Sie
hatte heute den Schleier nicht über das Gesicht herab gelassen, und da sie
näher kam, bemerkte er, daß aus den alten und altmodisch geschnittenen
schwarzen Kleidern, die sich überall ungeschickt bauschten, ein ganz junges
Angesicht mit schönen großen Augen blicke. Er war betroffen und sah sie an.
Sie sah ihn auch einen Augenblick an, dann zog sie den Schleier herab, und
ging hinaus. Das grau gekleidete Mädchen ging hinter ihr her. Dasselbe hatte
die gewöhnlichen Züge einer Magd.
Hugo blieb noch eine Weile in der Kirche stehen. Wie gewöhnlich zu
dieser Zeit verlor sich oben an den Fenstern das Sonnenlicht, und die Kirche
wurde viel dunkler, als sie während des ganzen Gottesdienstes gewesen war.
Das Gerüste der rohen Balken, die quer zwischen den Stühlen gespannt
waren, machte das Ganze noch unwirthlicher. Nach einer Zeit schleppte sich
neben Hugo ein Bettler herein, und ließ sich von seinen Krüken in einen
Stuhl sinken, um zu beten. Hugo reichte dem verkrüppelten Manne eine Gabe
und schritt dann durch das große Thor zur Kirche hinaus.
Dies war die Ursache, daß Hugo am andern Tage wieder zur Kirche von
Sanct Peter ging. Es schien ihm aber, daß der Zweck, dessentwillen er
gekommen war, nicht mehr so gut sei, wie bisher; darum ging er nicht in die
Kirche hinein, sondern blieb vor dem Thore stehen, und wartete, bis die
schwarz verschleierte Gestalt heraus käme. Er meinte, daß er den Ort
entheiligen würde, wenn er drinnen wartete; darum blieb er heraußen. Die
kirchliche Feier wurde aus, die Menschen gingen Anfangs dicht, dann immer
seltener heraus, und zuletzt, wie immer, kam die schwarze Gestalt in
Kleidern, welche die einer uralten Frau waren. Das Haupt hüllte der Schleier
ein. Das grau gekleidete Mädchen folgte, aber es trug nur ein Gebetbuch,
nemlich das ihrige; die Gebieterin trug ihr eigenes selber.
Von nun an ging er jeden Tag, statt um zehn Uhr, wie er es ein paar Jahre
her gehalten hatte, einen Morgenspaziergang zu thun, um diese Zeit zur
Kirche von Sanct Peter, und wartete, bis die schwarz gekleidete Gestalt
heraus kam. Sie kam auch jedesmal, war jedesmal genau die letzte, und
wurde jedesmal von dem grau gekleideten Mädchen begleitet. Ihr Anzug war
immer dasselbe altmodische Kleid, und das Haupt war mit dem Schleier
verhüllt. Hugo sah sie alle Male an.
So verging eine geraume Zeit, und der Frühling neigte schon gegen den
Sommer.
Ob sie ihn auch beobachtete, wußte man nicht; aber wenn sie an seiner
Stelle vorüber ging, schien es, als wäre es innerhalb der schwarzen Wolke
unruhig.
Bisher war er nur an dem Thore der Kirche gestanden, und wenn nach der
Messe, die täglich um zehn Uhr gehalten wurde, die letzte Beterin, die
schwarze Gestalt mit ihrem grauen Mädchen heraus gekommen und vorüber
war, ging er wieder nach Hause zu seinen Arbeiten. – Einmal aber, da sie
langsam in gerader Richtung von dem Thore weg durch das andere Volk fort
ging, ging er in sehr großer Entfernung hinter ihr her. Sie wandelte auf den
großen sehr belebten Platz hinaus, ging durch das bunte Gewühl, ihren Weg
verfolgend, hindurch, wendete sich in die noch belebtere Gasse, in welche
der Platz seitwärts mündete, ging in derselben eine Strecke fort, und bog
dann in eine zwar schöne und breite, aber sehr leblose Gasse ein, in welcher
viele Palläste und große Häuser stehen, die aber schon anfingen sehr
entvölkert zu sein, weil ihre Bewohner bereits das Landleben suchten. Die
meisten Fenster waren zu, und hinter dem Glase hingen die ruhigen
grauleinenen Vorhänge herab. Fast bis gegen die Mitte dieser Gasse folgte ihr
Hugo, dann aber wendete er sich um, und ging nach Hause.
So wie er an diesem Tage gethan hatte, so that er nun an jedem der
kommenden. Weit hinter ihr gehend folgte er ihr, wenn sie die Kirche
verlassen hatte, und sah die schwarze Gestalt durch das Gewimmel des
Platzes gehen, sah sie durch einen Theil der belebten Gasse schreiten, sah sie
in die einsame einbiegen, folgte ihr beinahe bis in die Hälfte derselben,
wendete sich dann um, und ging nach Hause.
Eines Tages, da sie in der einsamen Gasse ging, sah er, daß ihr ein weißes
Blättchen entflatterte. Es war wie ein Bildchen, derlei man gerne in
Gebetbücher zu legen pflegt. Weil in der Gasse schier keine Leute gingen, so
blieb das von dem nachfolgenden Mädchen nicht bemerkte Blatt liegen, bis
es Hugo erreichte, der seine Schritte darnach verdoppelte. Er hob es auf. Es
war wirklich ein solches Bildchen. Er ging ihr nun schneller nach, bis er sie
erreichte. Dann ging er ihr vor, zog seinen Hut, und sagte: »Mir scheint, Sie
haben etwas verloren.«
Bei diesen Worten reichte er ihr das Blättchen hin.
Als sich aus den weiten schwarzen Falten die junge Hand hervor arbeitete,
um das Blättchen zu empfangen, sah er, daß sie zitterte. Sie sagte noch die
Worte: »Ich danke.«
Dann wendete sie sich zum Fortgehen, und Hugo kehrte um.
Er ging an den Häusern der vereinsamten Gasse zurück der oben
beschriebenen lebhaften zu. Weit draußen rasselten die Wägen, als wären sie
in großer Ferne.
Hugo ging nach Hause, und wie er in seiner Stube saß, war ihm, als sei
heute der Inbegriff aller Dinge geschehen, und als sei er zu den größten
Erwartungen dieses Lebens berechtigt.
Am andern Tage stand er wieder an dem Thore der Kirche von Sanct Peter.
Die Messe war aus, die schwarze altfrauenhafte Gestalt ging heraus, und er
sah sie an. Sie ging wieder ihres Weges, und Hugo folgte wieder von großer
Ferne, und wendete wieder in der ersten Hälfte der einsamen Gasse um. So
dauerte es längere Zeit.
Einmal aber nahm er sich den Muth – er ging schneller hinter ihr, ging ihr
in der einsamen Gasse vor, und grüßte sie, indem er den Hut abnahm. Er sah,
wie sie den Schleier ein wenig seitwärts zog und ihm dankte.
Dieses geschah nun öfter, und endlich alle Tage. Wenn Hugo in die
einsame Gasse einbog, sah er deutlich, wie sie die geliebten Schritte hinter
sich schallen hörte, daß sie zögere – und wenn er sie eingeholt und scheu
gegrüßt hatte, so zog sie den Schleier empor, und ein sehr süßes Lächeln ging
in ihrem Antlitze auf.
Eines Tages, da sie sich wieder grüßten, trat er versuchend etwas näher. Es
schien ihr nicht zu mißfallen, sie verzögerte ihren Schritt, und das begleitende
Mädchen blieb auch hinter ihr stehen. Er sprach einige Worte, er wußte nicht
was – sie antwortete, man verstand es auch nicht: aber beide hatten sie ein
neues Gut erworben, den Klang ihrer Stimmen, und dieses Gut trugen sie sich
nach Hause.
Der ganze lange leere Tag war nun übrig.
Wie es das letzte Mal gewesen ist, wurde es nun alle künftigen Male. Eine
verschleierte schwarzgekleidete alte Frau ging jeden Tages gegen eilf Uhr
Vormittags aus der Kirche von Sanct Peter, sie ging über die belebten Plätze,
sie bog in die einsame breite Straße der Palläste ein, und dort trat ein schöner
Jüngling auf sie zu. Ihr Schleier legte sich zurück, und ein wunderhaft
schönes Mädchenantlitz löste sich aus seinen Falten, um zu grüßen. Dann
blieben sie bei einander stehen und redeten mit einander. Sie redeten von
verschiedenen Dingen, meistens waren es die gewöhnlichen des Tages, von
denen alle anderen Menschen auch reden. Dann grüßten sie noch einmal, und
gingen auseinander.
Für Hugo war es eine neue Zeit. Ein Vorhang hatte sich entzwei gerissen,
aber er sah noch nicht, was dahinter stand. Das blinde Leben hatte auf einmal
ein schönes Auge aufgeschlagen – aber er verstand den Blick noch nicht.
Er arbeitete in seiner Stube. Der Tag hatte einen einzigen Augenblick: das
Andere war die Vorbereitung dazu, und das Nachgefühl davon.
In dieser Zeit geschah es, daß sich dasjenige in Europa allgemach zu
nähern begann, was vor wenig Jahren noch von vielen für eine
Unmöglichkeit gehalten worden wäre, und woran manche Herzen doch
glaubten, und sich darauf vorbereiteten. Die Anzeichen, daß ein Umschwung
der Dinge bevorstehe, mehrten sich immer mehr und mehr. Die Stimmen,
diese Vorboten der Thaten, änderten ihre Worte in Bezug auf das, was bisher
immer gewesen ist, und wenn ein neuer Krieg, dessen Anzeichen immer
deutlicher wurden, ausbrechen sollte, so war nicht zu verkennen, daß seine
Natur eine ganz andere werden würde, als sie bisher immer gegenüber dem
gefürchteten, allmächtigen und halb bewunderten Feinde war. Der Haß war
sachte und allseitig heran geblüht, und die geschmähte Gottheit der
Selbstständigkeit und des eigenen Werthes hob allgemach das starke Haupt
empor. Es war damal eine große, eine ungeheuere Gemüthsbewegung in der
Welt, eine einzige, in der alle anderen kleineren untersanken.
Als die Tage des Sommers vorrückten, lösete sich einmal bei einer der
gewöhnlichen Begegnungen Hugos Herz und Zunge. Da die
schwarzgekleidete Unbekannte ihren Schleier zurück geschlagen hatte, und
grüßte, da man einige der gewöhnlichen Worte geredet hatte, sagte Hugo, daß
er jetzt sehr wahrscheinlich nicht mehr lange in der Stadt bleiben werde; denn
wenn, wie es den Anschein gewinne, ein neuer Krieg gegen den Landesfeind
erklärt werden würde, so werde er in die Reihe der Krieger gegen denselben
treten, und weil sich wahrscheinlich viele tausend Jünglinge insgeheim zu
diesem Ziele vorbereitet haben würden, so sei es vielleicht möglich, daß man
den Feind aus den Grenzen werfen und das Vaterland für immer befreien
könne. Zu dieser That habe er sein Herz und sein Leben aufgespart. Er frage
sie, ob sie ihm so gut sein könne, als er ihr es sei – sie möchte sich ihm doch
einmal, einmal nennen, wer sie sei – – nein das brauche er nicht – sie möchte
ihm nur sagen, ob sie unabhängig sei, ob sie, wenn sie ihn einmal näher
kennen gelernt haben würde, ihm folgen und sein Loos mit ihm theilen möge
– er werde ihr alles darlegen, wer er sei und woher er stamme – nur die That
der Vaterlandsbefreiung habe er noch mit zu thun, sie könne ja so lange nicht
dauern, weil viele hundert Tausende dazu beihelfen würden – er habe einen
traulichen Sitz im fernen Gebirge, dorthin würden sie dann gehen. Oder wenn
sie abhängig sei, wäre es denn nicht möglich, daß er zu ihrem Vater, zu ihren
Angehörigen käme, sich bei ihnen auswiese, von ihnen kennen gelernt würde,
und dann um sie bäte. Sei sie aber frei und ihre eigene Herrin, wäre er denn
nicht würdig, ihr Haus zu betreten? Er meine es treu und gut; so lange er lebe,
sei keine Faser an ihm gegen irgend einen Menschen falsch gewesen. Sie
möchte nun, da er geredet habe, auch reden.
Diese Worte hatte er eilig gesagt, und sie heftete die sanften Augen auf
ihn. Dann aber sagte sie: »Was das Schicksal will, das muß geschehen. Sucht
mich eine Woche lang nicht in dieser Gasse, auch nicht vor der Kirche; ihr
werdet mich anderswo sehen. Kommt über acht Tage, genau am heutigen
Tage, um zehn Uhr vor das Kirchenthor, dort werdet ihr Nachricht von mir
erhalten.«
Nach diesen Worten sagte sie, halb zu ihrer Begleiterin gewendet: »Dionis
wird es machen.«
Dann sprach sie wieder zu Hugo: »Vergeßt nicht, was ich gesagt habe,
kommt meinen Worten getreu nach, und lebt jetzt recht wohl!«
Sie wollte den Schleier umnehmen und fortgehen, aber Hugo rief: »Jetzt
nicht, nur einen Augenblick noch nicht – – den Namen, nur eine Silbe des
Namens!«
»Cöleste,« sagte sie leise.
»Und die Hand, daß wir uns sehen, die Hand, Cöleste!«
Und sie suchte eilig die Hand aus der Kleiderhülle, und reichte sie ihm hin.
Er faßte sie, und sie hielten sich einen Augenblick.
Dann ließen sie los, sie zog den Schleier herab, er grüßte noch einmal, und
beide gingen sie dann ihre verschiedenen Wege auseinander, wie sie sie
bisher immer gegangen waren.
3. Das Lindenhäuschen
Es geht die Sage, daß, wenn in der Schweiz ein thauiger sonnenheller lauer
Wintertag über der weichen, klafterdicken Schneehülle der Berge steht, und
nun oben ein Glöckchen tönt, ein Maulthier schnauft, oder ein Bröselein fällt
– sich ein zartes Flöckchen von der Schneehülle löset, und um einen Zoll
tiefer rieselt. Der weiche, nasse Flaum, den es unterwegs küs
set, legt sich um dasselbe an, es wird ein Knöllchen und muß
nun tiefer nieder, als einen Zoll. Das Knöllchen hüpft einige
Handbreit weiter auf der Dachsenkung des Berges hinab. Ehe man dreimal
die Augen schließen und öffnen kann, springt schon ein riesenhaftes Haupt
über die Bergesstufen hinab, von unzähligen Knöllchen umhüpft, die es
schleudert, und wieder zu springenden Häuptern macht. Dann schießt's in
großen
Bögen. Längs der ganzen Bergwand wird es lebendig, und
dröhnt. Das Krachen, welches man sodann herauf hört, als ob viele tausend
Späne zerbrochen würden, ist der zerschmetterte Wald, das leise Aechzen
sind die geschobenen Felsen – dann kommt ein wehendes Sausen, dann ein
dumpfer Knall und
Schlag – – dann Todtenstille – nur daß ein feiner weißer Staub in der
Entfernung gegen das reine Himmelsblau empor zieht, ein kühles Lüftchen
vom Thal aus gegen die Wange des Wanderers schlägt, der hoch oben auf
dem Saumwege zieht, und daß das Echo einen tiefen Donner durch alle
fernen Berge rollt. Dann ist es aus, die Sonne glänzt, der blaue Himmel
lächelt freundlich, der Wanderer aber schlägt ein Kreuz und denkt schauernd
an das Geheimniß, das jetzt tief unten in dem Thale begraben ist.
So wie die Sage das Beginnen des Schneesturzes erzählt, ist es oft mit den
Anfängen eines ganzen Geschickes der Menschen.
Als Hugo der sonderbaren Bitte des alten Mannes folgte, und in die Kirche
von Sanct Peter ging, als er mit dem Manne geredet hatte, und sich dann auf
dem Heimwege befand, hielt er das Geschehene für das unbedeutendste
Ereigniß seines Lebens, ja er hielt es für gar kein Ereigniß, und hätte gewiß
nicht gedacht, daß das Ding der Anfangspunkt eines Geschickes sei, das
bestimmt war, seinem Leben eine ganz andere Gestalt zu geben, als es sonst
wahrscheinlich gehabt haben würde.
Jetzt, da er dachte, daß er vielleicht mit seiner Unbekannten in eine nähere
Verbindung kommen würde, erkannte er schon die Wichtigkeit, die jener
Zufall auf sein künftiges Leben ausüben könnte.
Die acht Tage, welche sie sich bedungen hatte, waren vorüber gegangen,
und es war der Tag gekommen, an welchem er vor dem Kirchenthore harren
sollte. Als die Glocke zehn Uhr schlug, stand er schon an dem Thore. Kurz
darauf begannen drinnen die frommen Orgeltöne, und es mischte sich der
ruhige Gesang der Kirche unter sie. Ein Glöcklein klang etwas später – es
klang, wie jenes Morgenglöcklein, da er vom Vaterhause scheiden mußte.
Als nach dem Ende der Messe der Gesang des Dreimal heilig anfing,
erinnerte er ihn an den Gesang der Gemeinde, der an Sonntagnachmittagen
gerne in der Kirche im Gebirge ertönte, zu welcher das Haus seines Vaters
gehörte, und zu welcher sie immer gingen, ihre Andacht zu verrichten.
Der Gesang wurde endlich aus, und in der Kirche geschah der Segen. Aber
ehe nach Beendigung des Gottesdienstes der erste Mensch aus dem Thore
heraus trat, fuhr ein Wagen rasch vor dasselbe vor, und hielt. Hugo schaute
hin, und sah, daß jenes grau gekleidete Mädchen, welches der schwarzen
Gestalt immer aus der Kirche gefolgt war, ganz allein darinnen saß, und ihm
winkte, hinzu zu kommen. Er ging zu dem Fenster des Wagens hinzu,
welches von dem Mädchen herab gelassen worden war, und das Mädchen
sagte ihm, daß ihn ihre Gebieterin bitten lasse, in diesen Wagen einzusteigen.
Hugo that es, und als er auf dem Kissen Platz genommen hatte, fuhr der
Wagen fort. Das Mädchen zog nun aus dem Beutel, den es am Arme hängen
hatte, einen Brief hervor, und sagte, diesen hätte ihr ihre Gebieterin gegeben,
damit sie ihm denselben einhändige, und er ihn während des Fahrens lesen
möge. Hugo riß schnell das Siegel auf, entfaltete das Papier, und eine sehr
schöne fließende Frauenhandschrift trat seinen Augen entgegen. Die Worte
aber, welche diese Frauenhandschrift enthielt, lauteten folgender Maßen: »Ich
lasse Sie recht gerne in mein Haus eintreten, wie Sie gebeten haben, so wie
ich recht gerne Ihren Gruß und Ihre sanften Aufmerksamkeiten vor der
Kirche und in jener Gasse angenommen habe. Aber eine Bitte muß ich thun,
ehe Sie mein Haus betreten, welche Sie gewiß erfüllen werden, da Sie so
sind, wie ich Sie mir gleich, da ich Sie das erste Mal sah, vorgestellt habe. Es
walten über meinem Schicksale einige Schwierigkeiten, deren Herr ich nicht
bin, wenigstens jetzt noch nicht bin, fragen Sie mich daher nicht, wer ich bin,
woher ich gekommen sei, und in welchen Verhältnissen ich lebe. Prüfen Sie
in meinen Gesprächen und in meinem Umgange meine Seele und mein
Wesen, ob diese für sich genug thun oder nicht. Darnach richten Sie Ihren
Entschluß für die Zukunft. Ich werde mich nicht verstellen – man könnte es
auch nicht; denn wenn man auch die Seele durch die Lüge einer großen
Thatsache verfälschte, so blickt sie doch aus tausend kleinen, die vor dem
Beobachter vorfallen, heraus, und zeigt sich, wie sie ist. Wenn Sie mir die
Freude machen, in meine Wohnung zu treten, so sehe ich das als ein Zeichen
an, daß Sie meine Bitte zu erfüllen gesonnen sind. Sollten Sie aber Ihren
Grundsätzen zu Folge diese Bitte nicht erfüllen können, so machen Sie mir
lieber den Schmerz, daß ich Sie heute nicht, und in alle Zukunft nicht mehr
sehe; denn aus Ihren Fragen würde sehr viel Kummer und sehr viele
Traurigkeit hervor gehen. Dann lebe ich fort, wie ich bisher gelebt habe. Ich
werde Ihnen, wenn Sie kommen, einstens schon alles enthüllen, wie es meine
Pflicht und meine Verbindlichkeit ist. Ich sende Ihnen viele sehr schöne
Grüße. Cöleste.«
Hugo faltete das Papier wieder zusammen, zog seine Brieftasche hervor
und legte das Schreiben hinein.
Das Mädchen, welches mit ihm fuhr, beobachtete ihn eine Weile, dann
sagte es: »Haben Sie den Brief gelesen?«
»Ja,« antwortete Hugo.
»Dann hat mir meine Gebieterin aufgetragen, Sie zu fragen, ob wir zu ihr
fahren sollen, oder ob Sie an irgend einer andern Stelle aus diesem Wagen zu
steigen wünschen.«
»Wir fahren zu ihr,« antwortete Hugo.
»Dann braucht der Kutscher keine weitere Weisung,« sagte das Mädchen,
»er weiß schon, wohin er lenken soll.«
Mit diesen Worten lehnte sie sich wieder in den Wagen zurück, und die
beiden Miteinanderfahrenden redeten von nun an keine Sylbe mehr zu
einander.
Der Wagen rollte indessen sehr rasch dahin, und war bereits, wie Hugo
bemerkte, in der Hauptstraße einer der Vorstädte, ziemlich weit von der Stadt
entfernt.
Endlich schwangen sich die Pferde von der Straße ab, und fuhren durch
das Thor eines Gartens hinein, wie sie in den entfernten Theilen der
Vorstädte noch häufig zwischen den Häusern liegen. In dem Garten ging ein
breiter langer Sandweg zurück, auf dem man die Räder nicht rollen hörte,
und führte einem weißen schönen Häuschen zu, welches zu beiden Seiten
und rückwärts mit großen dichten Linden umgeben war, und nur mit der
Stirne über die andern niedern Gebüsche des Gartens auf die Straße der
Vorstadt hinaus sah. Vor dem Thore dieses Hauses hielt der Wagen. Das
Mädchen stieg aus, Hugo folgte, und der Wagen fuhr wieder davon. Das
Mädchen führte nun Hugo eine kurze breite Treppe hinauf, schloß zwei
Thüren auf, und geleitete ihn in die einzige Wohnung, welche das Häuschen
im ersten Geschoße enthielt. Es waren vier Zimmer in der Reihe, und ihre
Thüren waren durch und durch offen. Im zweiten derselben stand sie, die ihn
erwartete – es schien, als hätte sie ihm entgegen gehen wollen, von hier aus
aber nicht weiter den Muth gehabt – sie stand an einem marmornen
Spiegeltische, der an einem Pfeiler war, und hielt sich daran mit der einen
Hand. Hugo hatte sie nur immer in dem alten schwarzen Kleide gesehen,
heute aber war sie leicht und mit den Kleidern der Jugend angethan: er
erschrack ein wenig; denn so schön und so schlank und so groß hatte er sie
nicht gedacht. Von dem grauen Seidenkleide, das sie umfloß, blickten die
weißen Hände und das lichte Antlitz sanft hervor. In den dunkelbraunen
Haaren, welche besonders reich waren, trug sie gar nichts; aber diese Haare
waren selber ein Schmuck, sie waren unbeschreiblich rein und glänzend, und
die feinen Züge, und die großen Augen sahen darunter wie ein süßer Himmel
heraus. Sie war sehr roth geworden, als er eintrat.
Hugo hielt seinen Hut in der Hand, verbeugte sich vor ihr, und sagte gar
nichts. Sie sprach auch nicht – und so standen sie einige Augenblicke. Dann
fragte sie ihn, ob er nicht in ihr Arbeitszimmer mit ihr gehen wolle. Er ging
mit ihr. In dem Zimmer stand ein Stickrahmen am Fenster, in der Ecke war
ein Schreibtisch, dann waren die anderen Geräthe, die gewöhnlich in solchen
Zimmern zu sein pflegen, kleine Tischchen, Schemel und dergleichen, an der
Rückwand stand ein Sopha mit den dazu gehörigen Sesseln, und davor ein
großer Tisch. Der Boden war mit schönen Teppichen belegt. Draußen
wiegten sich die grünen Baumzweige der Linden, es spielten Sonnenstrahlen
herein, daß gesprenkelter Schatten auf den Teppichen war. Sie setzte sich auf
das Sopha, und lud ihn zum Niedersitzen ein. Er legte seinen Hut auf eines
der Tischchen, und setzte sich auf einen Sessel vor den Tisch.
Sie sprachen nun von gewöhnlichen Dingen. Hugo sagte, daß sehr viele
Menschen auf dem Wege seien, um das Freie zu gewinnen, und dort einen
Theil des Tages zuzubringen, der gar so schön sei. Sie lobte die Linden, die
vor ihren Fenstern standen, und sagte, daß sie an so heitern Sommertagen,
wie der heutige, einen äußerst angenehmen Geruch herein duften. Wenn aber
große Hitze herrsche, dann zeigen sie erst ihre Trefflichkeit, weil sie Schatten
und beinahe möchte man sagen, ein kühles erquickendes Lüftchen herein
senden.
Nachdem sie eine Weile so gesessen waren, stand Hugo auf, um sich zu
empfehlen. Sie begleitete ihn durch die zwei Zimmer – denn das
Arbeitszimmer war das dritte – und als sie in das letzte Zimmer hinaus
gekommen waren, fragte er sie, ob er die Freude haben könne, sie wieder
einmal besuchen zu dürfen. Sie sagte, daß er jeden dritten Tag um die vierte
Nachmittagsstunde kommen dürfe, und daß sie sich freuen werde, wenn er
komme; nur möchte er jetzt nicht mehr vor der Kirche oder in jener Gasse mit
ihr zusammen treffen, wo er sie bisher gesehen, und auch ein paar Male mit
ihr gesprochen habe. Hugo sagte, daß er ihre Worte befolgen werde,
verbeugte sich und ging fort. In den Vorzimmern, welche ihm das Mädchen
aufgeschlossen hatte, das er sonst immer in grauen Kleidern der Gebieterin
aus der Kirche folgen gesehen hatte, saß an einer Arbeit dasselbe Mädchen,
war aber heute nicht grau, sondern in die gewöhnlichen bunten Kleider ihrer
Gattung gekleidet. Es stand auf, da Hugo das Zimmer betrat, und öffnete
wieder die Schlösser, um ihn hinaus zu geleiten. Unten im Erdgeschoße sah
Hugo neben dem Ausgangsthore ein Stübchen, dessen Thür zur oberen Hälfte
aus Glas bestand. Daraus sah das Gesicht eines Thürstehers heraus, und
dieser machte, da Hugo heraus ging, demselben eine Verbeugung, und lüftete
den Hut. Hugo hatte beim Hereingehen auf jene Stelle nicht hin gesehen.
Draußen standen die Häuser in zwei Reihen dahin und bildeten die Straße.
Staub wogte in ihnen, und die beinahe steilrecht herein fallenden
Mittagsstrahlen der Sonne beschienen ihn. Die Menschen wandelten in der
Straße hin und zurück, wie sie von ihren Geschäften gezogen wurden. Hugo
ging nach Hause und saß in seinem Zimmer nieder. Da die Stunde schlug, in
welcher er gewöhnlich zu seinem Mittagessen zu gehen pflegte, stand er auf,
und ging in das Gasthaus, wie er es bisher alle Tage gethan hatte. Nachmittag
saß er bei seinen Arbeiten und am Abende ging er auf den Anhöhen um die
Stadt spazieren, wie er bisher auch immer gethan hatte.
Als die drei Tage vorüber waren, ging er am letzten derselben, da eben die
vierte Nachmittagsstunde schlug, in der wohlbekannten Vorstadtstraße dahin.
Er kam zu dem Garten, und das weiße Häuschen schimmerte ihm aus den
Linden, wie ein schönes Geheimniß entgegen. Er öffnete das Gartengitter,
das heute eingeklinkt, nicht wie damals, wie er hereinfuhr, geöffnet war, that
es hinter sich zu und ging den bekannten Sandweg entlang. Der Garten hatte
nur Grasplätze und Zierbäume, keine Blumen oder Obst tragende Bäume
oder Gesträuche. In dem Stübchen unter dem Thorwege sah er denselben
Thürsteher aus dem obern Theile der Glasthür heraus sehen. Er war ein schon
sehr betagter Mann. Hugo ging die Treppe hinan, klingelte an der äußern
Thür der Wohnung, und dasselbe Mädchen, welches sonst immer da war,
öffnete ihm auch heute, und geleitete ihn zu der Gebieterin hinein. Diese war
ihm bis in das äußerste Zimmer entgegen gekommen, und führte ihn dann,
wie das erste Mal, in ihr Arbeitsgemach zurück. Sie war heute wieder nicht in
ihr Schwarz, in dem er sie kennen gelernt hatte, gekleidet, sondern, wie das
erste Mal mit grauer Seide, war sie heute mit dunkelgrüner angethan. Jedes
der Kleider war sehr einfach, aber sehr edel gehalten. Im Stoffe reich,
spannten sie um die Hüften, und flossen dann in ruhigen Falten hinab. So wie
das vorige Mal hatte sie auch heute gar keinen Schmuck an sich, nicht einmal
einen Ring an einem Finger – das Kleid schloß an dem Halse, dann war das
Haupt mit den gescheitelten braunen Haaren, und den glanzvollen großen
Augen, mit denen sie ihn ansah, als er hereingetreten war. Hugo war nun in
dem Zimmer – heute hatte er schon mehr Macht gehabt, die andern Zimmer,
durch die er gekommen war, zu betrachten. Sie waren ohne Prunk, fast
möchte man sagen, zu dünne, aber sehr vornehm eingerichtet. Er legte seinen
Hut ab, und setzte sich auf denselben Sessel, wie das erste Mal. Sie saß in
den Kissen des Sophas, und sah auf ihn hin. Sie fragte ihn, ob er, seit sie sich
nicht gesehen haben, immer wohl gewesen sei, und ob er ihrer gedacht habe.
Er antwortete, daß er wohl sei, und daß er nicht nur ihrer gedacht, sondern
daß er fast sonst nichts gedacht habe, als sie. Sie war bei seinem Eintreten
wie das erste Mal erröthet, und bei diesen Worten erröthete sie noch mehr.
Sie hatte ihn das vorige Mal gar nicht um seinen Namen oder etwa um
andere Verhältnisse gefragt, sie that es auch heute nicht. Er aber erzählte ihr
freiwillig, daß er ein fernes Haus auf sehr schöner grüner Halde habe, um die
hohe Berge mit ehrwürdigen Häuptern stehen – er erzählte ihr von seiner
Jugend, die er so vereinsamt verlebt habe, und in der er so glücklich gewesen
sei, er erzählte ihr von seinem Vater, der ihn unterrichtet und mehr geliebt
habe, als er verdiente, er erzählte ihr von dem Abschiede von diesem Vater,
von dem Tode desselben, und von dem Schmerze, dem er sich über diesen
Tod hingegeben habe. Von der Mutter könne er ihr wenig erzählen, er habe
sie kaum gekannt, aber der Vater habe öfter von ihr gesagt, wie sie gut
gewesen, und wie sie für sein Glück viel zu frühe gestorben sei – aus diesen
Reden habe er sie auch lieben gelernt, und sei manchmal, nicht blos mit dem
Vater, sondern auch allein zu dem Hügel Erde hin gegangen, unter dem ihre
Glieder ruhten. Er erzählte ihr dann ferner, wie er in diese Stadt gekommen
sei, wie er sich hier eingerichtet habe, womit er sich beschäftige, und was
seine Absichten für die Zukunft seien. Von der Veranlassung, durch die er sie
kennen gelernt, so wie überhaupt von dem, was darauf gefolgt ist, sagte er
kein Wort.
Sie hörte ihm aufmerksam zu, hatte die Augen auf seine redenden Lippen
geheftet, und in dem Angesichte war etwas, wie Rührung, oder beinahe, wie
Wehmuth gezeichnet. Sie sagte ihm, sie könne ihn aus ihrem Herzen
versichern, daß sie eben so einsam, vielleicht noch viel einsamer auf dieser
Erde sei, als er. Sie habe bisher niemanden gehabt, der eine anhängende
Neigung gegen sie bewiesen habe, außer Dienstboten, die ihr gut gewesen
seien, ihm war ein Vater zur Seite gestanden, an den, wenn er ihn auch
verloren habe, er sich erinnern könne. Sie habe nie jemanden gehabt. Jetzt
kenne sie nur ihn. Sie habe ihn beim ersten Sehen gleich als gut erkannt, und
als verschieden von allen andern. Und wie sie bemerkt habe, daß er auf sie
schaue – und wie er vor der Kirchenthür gestanden sei, und wie sie erkannt
habe, daß er nur darum da stehe, daß er einen Blick auf sie thun könne, so sei
die außerordentlichste Freude in ihr Herz gekommen. Sie habe schwere,
schwere Schicksale erlitten.
Beim Abschiede bat sie Hugo, sie möchte ihm ihre Hand reichen. Sie hatte
schon damals, als er ihr in der einsamen Gasse das verlorne Blättchen
darreichte, keine Handschuhe gehabt, später, da sie ihm aus dem schwarzen
Aermel hervor zum ersten Male die Hand gab, hatte sie auch keine, und eben
so hatte sie die beiden Male keine, da er sie besuchte. Sie reichte ihm die
Hand, und wie er dieselbe in seine beiden faßte, herzlich drückte, und zum
Kusse an seine Lippen führte, rannen reichliche Thränen über ihre Wangen
herab.
Wie das erste Mal führte ihn das Mädchen durch die Vorzimmer hinaus, er
ging die Treppe hinab, sah den alten Thürsteher, ging über den Sandweg des
Gartens hinvor, und schritt durch das Eisengitter auf die Straße hinaus. Der
Gegensatz des Alltäglichen mit dem, was er so eben erlebt hatte, drängte sich
ihm auch heute auf. Sie war wieder sehr schön gewesen, und in dem
schlanken zarten dunkelgrünen seidenen Kleide, das die kleinen Fältchen auf
dem Busen hatte, sehr edel. Es war ihm, wie ein Räthsel, daß sich die Pracht
dieser Glieder aus der unheimlichen Kleiderwolke gelöset habe, und daß sie
vielleicht sein werden könne.
Er kam, wie es verabredet worden war, am dritten Tage nach diesem
Besuche wieder. Es war, wie die beiden Male. Das Eisengitter war
eingeklinkt, er öffnete es, ging über den Sandweg, sah den Pförtner sitzen,
ging über die Treppe empor, fand das gewöhnliche Mädchen in den
Vorzimmern, trat von diesen in die Wohnung ein, und fand dort sie. Sie
empfing ihn jedes Mal, wie zu Anfangs, mit derselben Befangenheit. Ihre
Kleider, wie sie auch wechselten, waren immer sehr rein, sehr schön und sehr
einfach. Vorzüglich liebte sie Seide. Jedes Kleid schloß sich am Halse. Dann
war, wie wir oben sagten, das Haupt mit den großen glänzenden Augen. Ihr
Sinn für Reinheit erstreckte sich auch auf den Körper; denn das Haar, das sie
einfach geordnet als einzige Zierde um das Antlitz trug, war so gänzlich rein
gehalten, wie man es sehr selten finden wird. Auch die Hände und das
Stückchen Arm, das etwa sichtbar wurde, waren rein und klar. Sie trug nie
Handschuhe, an keinem Finger einen Ring, an dem schönen Arme, der sich,
wenn die Aermel weit waren, am Knöchel zeigte, kein Armband, und auf
dem ganzen Körper kein Stückchen Schmuck. Unter dem langen Schoße des
Kleides, wie sie häufig die vornehmeren Stände haben, sah die Spitze eines
sehr kleinen Fußes hervor.
Sie saßen, wenn Hugo kam, beisammen und sprachen. Sie lernten sich
immer mehr kennen – und sie, die auf der Gasse eigentlich schon viel
bekannter gewesen waren, waren im Zimmer viel schüchterner, viel fremder,
und mußten das Geschäft gegenseitigen Erkennens beginnen. Wenn er fort
ging, standen sie wohl im zweiten Zimmer, wo er sie zum ersten Male hier
gesehen hatte, und wo der Marmortisch ist, eine Weile bei einander stille,
hielten sich an den Händen, und wünschten sich dann eine recht freundliche
gute Nacht.
Sie sprachen von verschiedenen Ereignissen des Tages. Am liebsten fragte
sie ihn, was er in der Zeit, als sie ihn nicht gesehen, gethan habe. Er erzählte
ihr mit der Unbefangenheit, die die Natur seines Wandels ihm eingab, wie er
gelebt habe, wohin er gegangen sei, und was er in seiner Stube an seinen
Arbeiten vollbracht habe. Sie horchte ihm bei diesen Schilderungen recht
gerne, weil er vielleicht bei ihnen am reinsten und klarsten erschien. Einmal
sagte sie ihm, sie habe ihn auf seinem Pferde gesehen, wie er durch die Stadt
gegen das Freie hinaus geritten sei. Er erröthete heftig bei dieser Eröffnung;
denn obwohl er sie in der Kirche und in jener einsamen Gasse gesehen, und
auch gesprochen hatte, hatte er dieses fast vergessen, und konnte sich sie nur
in dem Lindenhäuschen, nicht in der Stadt vorstellen, wie sie etwa gehe, oder
fahre. Wenn sie so von seinen Arbeiten oder, wie man sie besser nennt, von
seinen Vorübungen sprachen, geriethen sie nicht selten auf die
Begebenheiten, die eben in jener Zeit vorfielen. Sie fragte ihn um seine
Meinung, er setzte sie auseinander, und sie stimmten immer in ihren
Ansichten überein. Vorzüglich hegte sie den Glauben und den Wunsch, daß
die deutschen Waffen einmal sich vereinen, sich mit andern verstärken,
schnell den Sieg und die Entscheidung erringen, und den goldenen sehnlich
erwarteten Frieden herbei bringen möchten. Er sagte dann, daß er nicht blos
den Wunsch habe, sondern, daß das ein Ereigniß sei, welches ganz gewiß
eintreten müsse, daher er seine Lebensrichtung auf dasselbe allein genommen
habe. Was sie sonst über die Dinge der Welt und der Menschen, über die
Natur und ihre Schönheit sprachen, lautete bei beiden gleich oder ähnlich.
Obwohl er, seinem Versprechen getreu, nie um ihre Verhältnisse fragen zu
wollen, sich auch die Frage nicht erlaubte, ob er denn nicht öfter, als nur
jeden dritten Tag kommen dürfe, weil er diese Frage für eine verlarvte andere
hielt, die das Wesen ihrer Verhältnisse berührte: so konnte er es sich doch
nicht versagen, als sie wieder einmal Abschied nehmend bei einander
standen, sich an den Händen hielten und sie ihn bat: »Kommen Sie doch nach
drei Tagen wieder« – die Worte auszusprechen, daß es ihm eine sehr große
Freude, ein Glück sein würde, wenn er nicht blos in drei Tagen, sondern
öfter, ja täglich ihr Angesicht sehen und ihre Worte hören könnte.
»So kommen Sie alle Tage,« sagte sie mit eben so sichtlicher Freude, mit
der er es anhörte, »ach, es ist ja mir auch ein Glück, daß ich Sie sehe und Ihre
Worte höre. Aber kommen Sie täglich erst um vier Uhr, richten Sie Ihre
Beschäftigungen so ein, wenn es nämlich geht, daß es sein kann.«
»Es kann sein,« sagte Hugo, »ich komme gerne, recht gerne.«
Und er kam nun täglich. So wie der vierte Glockenschlag Nachmittags von
den Thürmen fiel, ging er in der Straße der Vorstadt, öffnete das Gitter, und
das weiße Häuschen schaute freundlich grüßend aus den dunklen Linden
herüber.
Ihr Umgang wurde immer inniger und traulicher.
Was sich ihre Angesichter versprochen hatten, da sie sich noch vor der
Kirche und dann in jener einsamen breiten Gasse angeschaut hatten, das war
in Erfüllung gegangen. Aus beiden Herzen brach die Liebe hervor. Sie sagten
es einander unverholen, waren freudig, als wenn eine Last von ihnen
genommen wäre, und waren selig in diesem Gefühle und in seinen kleinen
unbedeutenden Aeußerungen.
Es breitete sich von nun an eine heitere Freude, ein inneres Glück über sie
aus, und beide folgten recht gerne dem sanften Zuge dieser Tage.
Dennoch war es zuweilen, wenn Hugo fröhlich von seiner Zukunft sprach,
und offen sein unbefangenes Herz hinlegte, daß sie traurig wurde, daß sie
wehmüthig drein sah, und mehr als ein Mal von ihm mit Thränen in den
Augen angetroffen wurde. Er schrieb dieses der Unklarheit ihres
Verhältnisses zu, und forschte nicht. Sie hatte alles, was sich nur immer in
seinem Leben zugetragen hatte, von ihm erfahren, er aber wußte von ihr
nichts. In solchen Tagen gab er ihr nur treuere innigere Beweise seiner Liebe,
wodurch sie gewöhnlich nur noch mehr erschüttert wurde.
Er hielt auch sein Versprechen, daß er nie um ihre Schicksale fragen wolle,
getreulich. Er entließ kein Wort und keine Anspielung auf diese Dinge. Er
hätte wohl irgendwo in der Stadt fragen können, wem das Häuschen gehöre,
das in dieser und jener Vorstadt in dem Garten, wo die vielen Linden sind,
stehe, er hätte dann den Eigenthümer aufsuchen und ihn fragen können, wer
das weibliche Wesen sei, das sein Haus bewohne, oder wenigstens in
welchen Verhältnissen sie hier stehe – er hätte durch ihre Leute oder andere
hinter die Sache zu kommen suchen können, sie hat ihn in jenem Briefe nicht
gebeten, es nicht zu thun; sie hat es ihm nicht zugetraut, und darum that er es
auch nicht. So wie es nicht in ihrem Karakter lag, auf diesen Fall zu denken,
so lag es nicht in dem seinen, ihn zu benützen, wenn er auch darauf dachte.
Unter seinen Bekannten sagte er auch keinem einzigen etwas von seinen
Besuchen in dem weißen Häuschen, er erfuhr daher von dieser Seite ebenfalls
nichts, und so war er an dein letzten Tage, nachdem er schon bedeutend lange
zu ihr gekommen war, über ihre äußeren Verhältnisse eben so unwissend, wie
er es an dem ersten Tage gewesen war.
Aber ihre inneren kannte er besser. Wie sie es einstens versprochen hatte,
so geschah es. Ihre Seele lag in den vielen Gesprächen, die sie hielten, ohne
Rückhalt und meistens unwillkürlich vor ihm – und diese Seele war seinem
Sinne ganz recht. Er kam sehr gerne zu ihr, ward sehr gerne empfangen und
blieb täglich länger. Beide wurden sie nach und nach immer seliger gegen
einander gezogen. Sie neigte ihr süßes Angesicht zu ihm, und es zitterte
Freude darin, so wie Freude in ihm zitterte. Wenn er durch die zarte Seide
ihre Glieder fühlte, die er sich sonst kaum anzusehen getraut hatte, so floß es
wie ein Wunder durch sein Leben.
Er fragte jetzt, da sie in dieser Lage mit einander waren, nicht, wie einstens
in der einsamen Gasse, ob sie seine Gattin werden wolle, weil er seines
Versprechens eingedenk war, und weil er dachte, sie werde schon einmal
alles, alles enthüllen, wie sie es ja versprochen habe.
Das Einzige, was sie äußerte, bestand darin, daß sie schon ein paar Male
gesagt hatte, er dürfe sie nie, unter gar keiner Bedingung verlassen, worauf er
immer geantwortet hatte, was ihr denn beikomme, das werde nie, nie
geschehen. Solches sei ihm fremder, als sich nur immer Feuer und Wasser
fliehen können.
Einmal, da sie wieder, während große Zärtlichkeit in ihrem Angesichte
schimmerte, dasselbe verlangt hatte, sagte er: »Eine Bedingung gibt es doch.«
»Welche?« fragte sie.
»Diese kann ja nie eintreten,« sagte er gütig.
»Ich möchte sie doch wissen,« fragte sie.
»Wenn ich Untreue erführe,« antwortete er.
»Nein, diese wird nicht eintreten,« sagte sie. – –
Oft, wie die Zeit so dahin floß, war es Hugo, als müsse nun ein Gutes,
Frommes, Seliges kommen – – aber es kam nicht. Ein trauriges Herz
Cölestens lag oft vor seiner Seele, und eine Unheimlichkeit dauerte fort,
obgleich sie ihm mit ihrem ganzen Wesen ergeben war, und er ihr ganzes
Wesen in sein tiefstes Herz aufgenommen hatte.
Auch andere Dinge fing er an zu bemerken. Wenn ihn in der Nacht die
Unstätigkeit trieb, und er an ihrem Hause vorüberging, sah er nie ein Licht in
den Fenstern. Wenn er sie besuchte, sah er, daß in ihrer Wohnung immer
alles auf dem alten Platze liege, und daß die Stickerei am Rahmen nicht
vorrücke. Oft war eine Luft in den Zimmern, nicht wie die der Wohnlichkeit,
sondern wie in verschlossenen Räumen. Wenn er im Laufe des Tages, etwa
Vormittags, da er nicht arbeiten konnte, vorbei ging oder ritt, sah er nie
Rauch aus dem Schornsteine steigen, so wie er sich nicht erinnern konnte, je
Küchenfeuer gesehen oder bemerkt zu haben. Daß er immer nur das
Mädchen, welches sonst in grauer Kleidung der Gebieterin aus der Kirche
gefolgt war, und im Stübchen unter dem Thorwege nur den alten Mann
gesehen habe, war ihm schon früher aufgefallen, allein er dachte damals, die
andern Leute und die andern zur Häuslichkeit gehörenden Räume werden
schon in einem andern Theile der Wohnung sein. Jetzt fiel ihm dieses wieder
ein. Eines Abends, da er zu lange geblieben war, und spät in der Nacht unter
einem gewitterzerrissenen Himmel nach Hause ging – schrie es in ihm auf:
»Das ist die Liebe nicht, das ist nicht ihr reiner, goldner, seliger Strahl, wie er
immer vorgeschwebt, daß er aus einem Engelsherzen brechen werde, und das
andere verklären – – nein – nein, das ist er nicht.«
Er hörte in einem der nächtlichen Häuser einen Finken schlagen. Das Thier
mußte eingesperrt, vielleicht geblendet sein, und daher die Nacht, weil es sehr
stille und gewitterwarm war, nicht kennen. Hugo mußte bei diesen Tönen an
das alte Haus auf der Bergeshalde denken, wo diese Vögel am Glanze des
Tages freudig auf freien Bäumen geschlagen hatten – und vor dem alten
Hause mußte er sich den grauen unschuldigen Vater stehend denken. – Er
ging schneller in den Gassen, daß seine Tritte hallten. Obwohl es schon tief
im Herbste war, so richtete sich doch ein seltsam verspätetes Gewitter am
Himmel zusammen. Seine stillen schwarzen Wolken hingen so tief, daß sie
sich fast in die Thürme der Stadt drückten. In den Häusern waren keine
Lichter, kein Wanderer ging, und von den Uhren der Kirchen fielen einzelne
Glockenschläge, die die Stunde schlugen.
Als Hugo nach Hause gekommen war, saß er an dem Tische nieder und ein
Strom von Thränen floß aus seinen Augen.
Viele Wochen waren bis jetzt vergangen gewesen, seit denen er täglich das
außerordentlich schöne Weib in dem weißen Häuschen besucht hatte, das ihm
unschuldig, treu, willenlos, wie ein liebliches Kind hingegeben war. An dem
Tage aber, als das Gewitter in der Nacht seinen Regen über die Stadt
geschüttet hatte, und nun eine kühle reinliche Luft an dem Himmel stand,
ging er zum ersten Male nicht zu ihr, obgleich sie ihn erwarten mußte.
Am zweiten und dritten Tage ging er auch nicht.
Am vierten, da die gewöhnliche Stunde schlug, ging er doch gegen das
Gitterthor zu. Es war, wie sonst, nur eingeklinkt, er ging hindurch, ging über
den Sandweg, und kam zu dem Hause. Aber der erste Blick zeigte ihm, daß
alles geändert sei. Das Hausthor war gewöhnlich geschlossen, und nur ein in
dasselbe geschnittener kleinerer Flügel war zum Oeffnen gewesen – heute
stand das ganze Thor offen. Die Fenster des Stübchens, in welchem immer
der Thürsteher gesessen war, standen ebenfalls offen, und das Stübchen war
leer. Hugo ging nun über die Treppe hinauf, die Flügel der Thüren in die
Vorzimmer waren offen, und durch die, die in die Wohnung führten, kam er
leicht hindurch, weil sie dem ersten Drucke nachgaben – aber in den
Vorzimmern war keine Dienerin, noch irgend ein Geräthe gewesen – und die
Wohnung stand leer. Auf der Treppe hatte er Staub und Kehricht gefunden,
durch die Zimmer, in denen er jetzt stand, wehte die Luft des Himmels; denn
die Fenster waren offen, und die Wände, an denen sonst die Geräthe, der
Marmortisch, der Spiegel und anderes gewesen waren, standen nackt. – Hugo
meinte, er müsse sich einen Augenblick die Augen zuhalten, bis dieses
Blendwerk vorüber sei. Aber es dauerte fort, und die Wohnung sah ihn
immer mit derselben Unwirthlichkeit an. Er ging durch alle Räume, er sah
jetzt auch die Küche und die anderen zum Hauswesen gehörenden Fächer.
Aber die Küche war leer, der Herd kalt, und in den Fächern standen kaum
einige der gewöhnlichen Gestelle. Er lief nun die Treppe hinab, um in dem
Erdgeschoße nachzusehen: aber hier war es auch wie oben. In dem ganzen
leeren Hause war nicht ein einziger Mensch. Hugo ging nun in den Garten.
Auf den Wegen lag das von dem Winde des letzten Gewitters
herabgeschüttelte sich schon herbstlich färbende Laub, und daneben standen
die bereits gelb und röthlich schillernden Gesträuche – aber es war auch im
Garten kein einziger Mensch. – Hugo blieb nun nichts übrig, als auf dem
breiten bekannten Sandwege, in welchem er heute Räderspuren sah, zurück
zu gehen, und durch das Eisengitter hindurch das Freie zu suchen.
Er that es auch und fragte noch in mehreren Nebenhäusern rechts und
links, ob sie nichts von dem Sachverhalte des weißen Häuschens wüßten.
Allein sie wußten nichts. Nur den Namen und die Wohnung des
Eigenthümers des Häuschens konnten sie ihm angeben. Er gedachte nun wohl
seines Versprechens, nicht nach den Verhältnissen Cölestens forschen zu
wollen, aber unter den gegebenen Umständen hielt er Forschen für erlaubt, ja
vielleicht für geboten, da er ihr selber durch sein Ausbleiben den Weg der
Eröffnung abgeschnitten hatte. Er nahm sofort einen Wagen, fuhr zu dem
Eigenthümer des Häuschens, und legte ihm Fragen über das weibliche Wesen
vor, das in seinem Hause gewohnt habe.
Der Mann sagte, er wisse wohl, daß eine Dame sein Gartenhaus bewohnt
habe, aber gestern seien von dem Haushofmeister derselben, den man Dionis
genannt habe, die Geräthschaften fortgebracht worden. Heute habe er die
Fenster und Thüren öffnen lassen, damit die Wohnung auslüfte, dann denke
er sie wieder zu vermiethen. Sonst wisse er nichts, Dionis habe gestern den
Rest der Miethe bezahlt.
»Seit wann ist das Häuschen an die Dame vermiethet gewesen?« fragte
Hugo.
»Seit dem Frühlinge« antwortete der Eigenthümer.
Hugo fuhr nach diesen Erkundigungen nach Hause, und verbrachte den
Rest des Tages in seiner Stube. Am andern Morgen um zehn Uhr ging er in
die Kirche von Sanct Peter. Aber die schwarze Gestalt kniete nicht, wie
gewöhnlich, an dem Altare. Die Messe wurde aus, alle gingen fort – sie war
nicht da gewesen. Den nächsten Tag ging er wieder in die Kirche, er wartete
nach der Messe in der einsamen breiten Gasse – aber er sah sie nicht. Dies
that er nun mehrere Wochen hindurch, ohne seinen Zweck zu erreichen. Er
war unterdessen auch wieder einmal in dem Garten gewesen, in welchem das
Lindenhäuschen stand – aber es wohnten jetzt bereits fremde Leute darinnen.
Unter allen seinen Bekannten und unter andern Leuten forschte er herum,
allein er hatte sein Geheimniß so gut bewahrt, und von der andern Seite war
es so gut bewahrt worden, daß niemand auch nicht die entfernteste Ahnung
von der Bedeutung des Häuschens hatte.
Hugo meinte, es könne gar nicht anders möglich sein, er müsse das schöne,
geliebte, durch so lange Zeit her täglich geschaute Angesicht irgend wo
sehen!
Aber er sah es nicht.
Nachdem schon das Forschen Monate gedauert hatte, nachdem schon der
Winter seine Flocken und seine Eisdecke auf die Stadt herab geworfen hatte,
gab er seine Bemühungen auf. Er saß in seinem Zimmer, und hielt das schöne
müde Haupt in seinen beiden Händen.
4. Das Eichenschloß
Wie ein warmer Tag des Herbstes die ganze Haide mit den unsichtbaren
Fäden des Nachsommers überspinnt, der Morgen nach der Nacht aber, die
ihre Thauperlen darauf fallen ließ, das ganze Gewebe weithin sichtbar macht,
grau, feucht, blitzend, über alle Gräser gespannt: so hatte sich ein Schleier
gewoben durch das ganze deutsche Land, an jedem Jünglingsherzen war ein
Faden angeknüpft – und längs dieses Fadens lief die Begeisterung. Wohl
ahneten und wußten einzelne Herzen um den Schleier, aber es fehlte nur noch
die Sonne, die da aufgehen, das Geschmeide plötzlich darlegen, und allen
weithin sichtbar machen sollte, daß es da sei – gleichsam ein Kleinod für das
Vaterland, und ein verderbliches Todtenhemd für den Feind. Das
Morgengrauen für diese Sonne war gekommen, man hatte nicht gewußt wie –
und die Sonne stand endlich auch da, man hatte sie nicht aufgehen gesehen.
Es kam eine sehr ernste Zeit. Alle Gefühle und Bestrebungen, die sonst
gegolten hatten, waren jetzt klein und nichtsbedeutend. Je mehr die
entschlossenen Herzen Opfer bringen, hier Vater und Mutter, dort Weib und
Kind, oder Schwester und Braut verlassen und von sich ablösen mußten,
desto ernster und heiliger wurde die Zeit – und desto ernster und heiliger
wurden auch die Herzen. Eines derselben schlug auch in Lust und Bangigkeit
in Hugo's Brust dem Augenblicke entgegen – in Lust und Bangigkeit – aber
nicht mehr so rein. In trüber Trunkenheit war es befangen, und er hatte einst
geglaubt, daß er den Tag ganz anders empfangen werde, als er ihn empfing.
Wohl wurde auch ihm sein Kummer, den er in dem Gemüthe trug, gegenüber
von den Ereignissen, die sich vor ihm aufrichteten, klein und fast kindisch,
aber ganz tilgen konnte er ihn nicht, und in völliger ungetrübter Freude und
Entschlossenheit seinem Ziele entgegen gehen konnte er nicht. Wohl war ihm
die Nothwendigkeit der Thaten wie ein helfender Gott gekommen, und hatte
ihn auf seine Füsse gestellt, aber einen Rest von seiner Vergangenheit und
von seinen Schmerzen nahm er doch in die Thaten mit.
Es war endlich der Krieg ausgebrochen, und wie sich bald zeigte, er war
einer des Volkes, nicht blos der Mächte, und so wie Hugo, hatten viele
gefühlt und traten freiwillig gegen den Feind auf. Er ließ eines Morgens
durch seinen Diener, der ein Soldat in mittleren Jahren war, alle nicht
unmittelbar nothwendigen Sachen in einen Koffer packen, und übergab den
Koffer einem Freunde zur Aufbewahrung. Das Andere, insbesonders Bücher
und Karten wurden in einen Mantelsack geschnallt, die Pferde wurden
gesattelt und gezäumt, die kleineren Waffen, Pistolen und dergleichen, was
leicht unterzubringen war, mit genommen, und so ritten die zwei Männer aus
der Stadt hinaus, in welcher Hugo jetzt so lange gewesen war, um den
nächsten Platz zu gewinnen, an dem sie sich dem handelnden Heere zur
Verfügung stellen konnten.
Es liegt nicht in unserem Zwecke, die einzelnen Thaten, die Hugo nun
verrichtete, zu verfolgen, oder gar die Kriegsereignisse jener Zeiten zu
beschreiben, sondern wir beschränken uns darauf, die fernere Entwicklung
seines Lebens anzudeuten, und dann das zu erzählen, was mit dem, was wir
oben geschildert haben, wieder in wesentlicheren Zusammenhang tritt.
Was von Hugo's Vater und von vielen Andern vorausgesehen worden war,
ist eingetroffen. Es hatte sich lange her vorbereitet. Gegen den einen Mann,
der Europa's leuchtendster Kriegsstern, und dessen größte Geißel geworden
war, hatte sich nun fast dieses ganze Europa erhoben – und Hugo stand mit
dem glühenden Hasse gegen alles Unrecht, der ihm eigen war, unter der Zahl
seiner Feinde.
Es waren große Schlachten vorgefallen, es waren Wunder des wechselnden
Glückes geschehen – es hatten sich jene Großthaten ereignet, die das
menschliche Herz zerreissen, und es waren düstere Schattenseiten des
menschlichen Geschlechtes vorüber gegangen. Hugo hatte oft mitten in dem
einen und dem andern geschwebt. Dinge von ganz anderer Art und
Wesenheit, als er je gedacht und geahnet, waren über sein Herz gegangen.
Hatte er gleich nicht jene großen Thaten zu thun vermocht, welche ihm einst
seine Kindeseinbildung vorgefabelt hatte, so war er doch ein wirksam
Körnlein von dem Gebirge gewesen, das den Mann, der zu stark und
gefürchtet geworden war, endlich erdrückte. Hatte sein Vater ein Recht
gehabt, seine Waffen als Zeichen der Ehre in der alten Halle aufzubewahren,
so hatte der Sohn ein noch größeres. Denn er hatte mehr gethan, und war bei
größeren Ereignissen ein wirkender Theil. Waren die Kriege durch
Vervollständigung der Mittel leichter zu führen geworden, so ist ihr Kreis
doch wieder durch den Geist des letzten Meisters so erweitert worden, daß
der alte Vater, wenn er noch gelebt hätte, bei den Erzählungen Hugos
gestaunt haben würde, wie man denn dieses oder jenes habe ausführen
können, ohne in das Aeußerste zu gerathen.
Unter den schweren Entwicklungen jener Zeit war Hugo ein Mann
geworden – und jenes finstere Blatt Weltgeschichte, das damals abgehandelt
wurde, hatte sein Herz gestählt, daß es jetzt in verhältnißmäßig viel jüngern
Jahren fester, ernster und kälter gemacht worden war, als das des greisen
Kriegers gewesen ist, der ihm als Lehrer und zu allen Zeiten als Muster
gedient hatte. Sein einst so schönes, gutmüthiges Angesicht hatte einen leisen
Zug von Härte bekommen, und sein Auge war strenge geworden. Aber
dennoch wurde sein hartes Antlitz und sein strenges Auge von den
Untergebenen fast abgöttisch geliebt, weil er immer gerecht war, und von
seinen Obern und seines Gleichen hochgeachtet und gefürchtet, weil er
immer auf Ehre hielt.
So waren die Jahre, die zu Hugos Thaten bestimmt gewesen waren,
vorüber gegangen, die große Begebenheit jener Zeiten war aus, der Feind war
besiegt, Europa hatte den Frieden, und unsere Heere waren auf dem
Rückzuge aus Frankreich begriffen. Hugo hatte nun kein anderes Ziel mehr
vor Augen, als, wenn der deutsche Boden erreicht, und die Heere in ihre alten
Standpunkte eingerückt wären, den Dienst zu verlassen, in das alte Haus auf
der Berghalde zurück zu kehren, dort sein Eigenthum zu bewirthschaften,
und die zu beschützen und zu belehren, die ihm dort als Angehörige
anvertraut waren. Sich zu vermälen, war er nicht gesonnen; theils hatte er in
den Kriegslagern und in den stettigen Bewegungen jener Jahre nicht Zeit
gehabt, irgend ein Mädchen kennen zu lernen, um sie zu wählen, theils hatte
er eine gewisse Abneigung gegen das weibliche Geschlecht. Er war auf dem
Rückwege aus Frankreich, und sein Diener, derselbe Soldat, den er in den
Krieg mitgenommen hatte, war beschäftigt, die Sammlung alter und schöner
Waffen, die Hugo auf seinen Zügen erworben hatte, in Ordnung zu bringen,
um sie ohne Schaden und Verlust in die Heimat zu schaffen.
In einer kleinen Stadt Frankreichs, deren Namen wir nicht näher
anzugeben vermögen, aber sie liegt schon sehr nahe an unserer deutschen
Grenze, war es einmal im späten Herbste, daß Hugo mit mehreren
Kriegsleuten höheren Ranges auf dem Balkone eines Hauses stand, in dem
man ihnen ein unaufrichtiges Fest gegeben hatte. Sie standen, wie es nach
einem Mahle gebräuchlich ist, müssig, und ergötzten sich mit Herumschauen
und Sprechen. Da fuhr unten ein Wagen vorbei, dessen schöne braune Pferde
bewundert wurden. Hugo aber sah in dem Wagen jenen Greis sitzen, der ihn
einstens in die Kirche von Sanct Peter zu gehen gebeten hatte. Er hatte den
Mann längst vergessen gehabt, aber wie er ihn hier fahren sah, erkannte er
ihn augenblicklich wieder. Er fragte die Umstehenden und mehrere aus dem
Hause, wem der Wagen gehöre, und wer der Mann sei, der darinnen gesessen
ist. Die einen wußten es nicht, und die andern hatten keinen Wagen vorbei
fahren gesehen.
Hugo achtete nicht weiter darauf; denn im Kriege war er an ganz andere
und wunderlichere Zufälle gewöhnt worden, als daß er einem Dinge
Bedeutung zugeschrieben hätte, das ihn nur in seiner Jugend angelockt hatte,
eben weil er jung war.
Als man von dem Gespräche auf dem Balkone auseinander gegangen war,
wo man noch die Nachricht empfangen hatte, daß in drei Tagen eine
erwartete Abtheilung eintreffen und man dann vereint den Marsch weiter
fortsetzen werde – und als Hugo hierauf in seine Wohnung zurückgekehrt
war, fand er dort einen Diener mit einem Briefe auf sich warten. Der Mensch
sagte, er müsse eine Antwort mit sich fort nehmen. Hugo öffnete das Blatt
und erkannte die Schriftzüge Cölestens. Sie war zwar nicht unterschrieben,
aber in den Worten: »wenn er noch an ein Häuschen denke, um welches viele
Linden gestanden seien« erkannte er sie, wenn er auch an der Schrift noch
gezweifelt hätte. Das Blatt enthielt die Bitte, er möchte, sobald es ihm
möglich sei, zu dem Schreiber dieser Zeilen auf das Schloß Pre zu Besuch
kommen, wenn es auch nur kurz sei, er werde sehnlich erwartet.
Hugo schrieb auf ein Blatt, er werde morgen um drei Uhr Nachmittags, wo
ihn der Dienst entlasse, von hier nach Schloß Pre hinüber reiten. Er siegelte
das Blatt und gab es dem Diener.
Obgleich im tieferen Frankreich in der Abtheilung, bei der Hugo stand,
schon zwei Mal der Fall vorgekommen war, daß deutsche Krieger auf
unbegreifliche Weise verschwunden waren, weßhalb jedes einsame
Ausgehen oder Ausreiten verboten war: so ritt er doch, da es drei Uhr des
andern Tages Nachmittags schlug, zum Thore des Städtchens hinaus. Er
kannte Furcht als Beweggrund nicht. Er ritt sogar ganz allein, und hatte auch
vorher niemanden gesagt, wohin er sich begebe, damit er den Ruf des
weiblichen Wesens, von dem er den Brief habe, nicht gefährde.
Außer dem Städtchen dehnte sich eine ziemlich breite Haide, über welche
er sprengte, was nur sein Rappe auszugreifen vermochte. Hierauf kam er über
die sanfte Wölbung eines baumlosen Rückens, jenseits dessen man ihm
Schloß Pre bezeichnet hatte. Die Gegend war sehr öde, und weit und breit
war kein Haus. Als er die Schneide des Rückens erreicht hatte, sah er in eine
schöne Thalwiese hinab, auf welcher viele Eichen standen und unter ihnen
das Schloß. Es war ein wenig düster, und mit veralteter schwerer Baupracht
der Lehenszeiten blickte es auf die öde Landschaft hinaus. Hugo ließ sein
Pferd den Abhang hinab gehen, und kam an dem Schlosse an.
Unter einem leichten Schauer der Erwartung ritt er durch das schwarze
Thor ein, das hinter ihm das Gitter fallen ließ, weil man sich noch immer vor
streifendem Gesindel fürchtete. Er dachte, da er an dem Mauerwerke des
Hofes empor schaute, ob nicht hinter jenen Fenstern oben eben so ein Herz
poche, wie hier unten das seine. Derselbe Diener, der ihm den Brief gebracht
hatte, nahm ihm das Pferd ab, zwei andere rissen die Thüren auf, dahinter
erwartete ihn ein feingekleideter Mann, der ihn die schönen Treppen hinauf
geleitete, durch prachtvolle Gemächer führte, und endlich auf eine Thür wies,
durch die er eintreten möge.
Er trat ein. Ein leichtes »Ach« entglitt unwillkührlich seinen Lippen; denn
es waren die vier Zimmer des Lindenhäuschens, in denen er sich befand – sie
waren bis in die kleinste Kleinigkeit dieselben, nur daß statt der Linden
ungeheure Eichen vor den Fenstern standen. Er ging durch das erste Zimmer
– er ging durch das zweite – – im dritten stand eine Frau in grauer
Seidenkleidung an dem Marmortische des Spiegels wie einst – sie war etwas
stärker geworden – bei dem Geräusche seiner Tritte wendete sie sich – sie
war todtenblaß – ein Schrei – »Hugo!« »Cöleste!« – und sie lagen sich in den
Armen – alles war dahin: das ganze eherne Rad des Krieges war von seinem
Herzen, und lange, lange Jahre von dem ihren. Die reinste, wärmste, süßeste
Flamme des Kusses wurde gefühlt, der holde Druck des Armes wurde
empfunden, wie sie die ihren um seinen Nacken, er die seinen um den ihrigen
geschlungen hatte. Es war zuerst gar kein Laut – dann ein Stammeln, ein
leises Seufzen zur Erleichterung der Freudenlast – Herz an Herz, Mund an
Mund, so gepreßt, als sollten sie nie mehr von einander lassen. In diesem
Augenblicke fühlte Hugo, daß er lange, lange nicht gelebt habe.
Da sie sich sanft seinem Arme entwandt, rief sie in dem schönen
klingenden Deutsch, das sie sonst immer geredet hatte: »Hugo, Hugo, wo bist
du gewesen – drei ganze lange Tage bist du nicht gekommen – dann hab' ich
dich eilf Jahre – eilf völlige Jahre nicht gesehen! Ich habe dich gesucht, fast
durch unsern ganzen Welttheil habe ich dich gesucht, mitten in Kriegen und
Schlachten habe ich dich gesucht, und hier, hier, wo alles, was du rund umher
erblicken kannst, mein und dein ist, hier mußte ich dich finden. Dionis, der
dich heimlich von Paris her begleitete, schrieb mir erst vor fünf Tagen, daß
ihr in unser Städtchen kommen und hier einige Zeit verweilen werdet. Ich
habe den gestrigen Tag, da ihr Morgens kamt, kaum erwarten können.«
Mit diesen Worten führte sie ihn zu dem Sopha, über dem er ein altes Bild,
einen Ritter in wallenden blonden Locken darstellend, hängen sah.
»Blicke nicht hinauf, sagte sie, ich werde dir alles sagen. O du theurer, du
heiß geliebter Mann! alles, alles hat sich gelöset. Komme, sitze neben mir,
wie einst – – o Hugo, ich bin jetzt gut; seit jene Last von mir genommen ist,
bin ich so fromm, wie einstens du. – – Aber du hast dich geändert, unterbrach
sie sich, du bist so ernst geworden.«
Und sie sah ihn, da sie sich niedergesetzt hatten, mit den Augen so gut und
so treu an, wie sie es sonst fast nie gethan hatte.
»Bin ich ernster geworden, sagte er, so sind auch harte Jahre an mir
vorüber gegangen. Cöleste, sei gegrüßt, sei viele tausend Male gegrüßt!«
Bei diesen Worten hatte er zuerst ihre Hände gefaßt, und dann drückten sie
sich wieder in die Arme. Hugo that es etwas zurückhaltender und mit noch
feinerer Hochachtung, als sonst. Diese Scheu zierte den Mann nun unendlich
schöner, als sie einstens den Jüngling geziert hatte.
Mit sehr weicher Stimme sagte Cöleste: »Ich bitte dich Hugo, jetzt höre
mich an, ich kann es gar nicht erwarten, daß du alles wissest, was du einst so
großmüthig nicht gefragt hast – jetzt darf ich alles sagen – – aber du wirst
nicht viel Zeit haben.«
»Morgen um fünf Uhr beginnt mein Dienst wieder, von dem ich mich noch
nicht verabschiedet habe,« antwortete Hugo.
»Ich gebe dir Leute mit, sagte Cöleste, die dich beschützen, wenn du in der
Nacht in das Städtchen zurückreiten mußt. Ach in dieser Novemberzeit wird
es ja kaum später, als in einer Stunde schon Nacht werden.«
»Ich beschütze mich selber, antwortete Hugo, lasse diese Dinge mich
machen, Cöleste, und verkümmere uns mit ihnen nicht die Minute des
Beisammenseins.«
»So höre Hugo, aber ich bitte dich, höre mich bis zu Ende, sage nichts,
kein Wort, bis alles aus ist, dann rede. Ich bin aus einem, wie sie hier sagen,
vornehmen Hause Lothringens. Meine Muttersprache war deutsch; aber nur
sie kannte ich, nicht Vater und Mutter, beide waren gestorben, ehe ich denken
konnte. Mit fünfzehn Jahren befahl mein Vormund, daß ich vermählt würde,
da sich eine Gelegenheit ergäbe, daß ein großes Vermögen zusammen käme
und ein glänzendes Haus entstünde. Mein zukünftiger Gatte war fünfzig Jahre
alt, und ich, die damals gar nicht wußte, was Liebe und Ehe sei, gehorchte
dem Vormunde. – Hugo, höre mich ruhig. – Das glänzende Haus entstand
aber nicht. Schon am ersten Tage unserer Ehe, weil damals in Frankreich
eben die schweren traurigen Zeiten waren, mußte er sich flüchten, und ich
wurde später zu ihm über eure Grenze geliefert. Seine Güter und auch die
meinigen waren in den Händen seiner Gegner. Er war über diese Dinge sehr
erbittert. Die große Summe, die er gerettet und mit sich genommen hatte,
däuchte ihm nichts, und sein Groll wuchs täglich. Er verachtete seine Gegner
unglaublich, und war der Meinung, daß eine Herrschaft dieser Art nur kurz
dauern könne, und die alte Ordnung der Dinge sich wieder herstellen werde.
Darum sagte er oft, wenn ihn seine Lage peinigte: »Das alles muß wieder
kommen!« – Aber über eines war er trostlos und verzweifelnd: ich blieb
nemlich kinderlos – – ach, Hugo, dasselbe Weib, das dein Entzücken und
deine Wonne war, mußte körperliche Mißhandlung dulden. – – Ich lag oft auf
den Knieen vor der gebenedeiten Jungfrau, ich, ein wehrloses unschuldiges
Opfer, das nie etwas anderes gekannt hatte, als die Mauern meines
Erziehungshauses und die starren Mienen meines Gatten, ich lag auf den
Knieen, und bat um die Erfüllung seines Wunsches – umsonst – da that ich
das Gelübde, meine Schönheit, auf die ich sonst so eitel gewesen war, zu
vertilgen; ich versprach der heiligen Jungfrau, daß ich täglich in den Kleidern
einer Matrone, und mit dichtem herabgelassenem Schleier zu Fuße in die
Messe gehen und vor dem Altare knieen wolle, bis kein Mensch mehr in der
Kirche sei, damit der Himmel den Fluch von mir nehme. – Das that ich
mehrere Jahre – allein der Fluch wurde nicht von mir genommen. Mein Gatte
wurde immer härter – ach, Hugo, als ich dein großes schönes Herz kennen
lernte, wußte ich erst, welch' ein Tyrann er gewesen war – aber früher litt ich
alles, weil ich nicht anders wußte, als daß er mein Gemahl sei, und daß ich
ihm gehorsamen müsse. Er wurde krank, langsam fiel er dem Grabe entgegen
– und seine Ungeduld und sein Grimm wuchsen immer mehr. Zwei Dinge
waren es, die vorzüglich an seinem Herzen fraßen: zuerst, daß in Frankreich
die alte Ordnung immer nicht zurückkehren wollte – und zweitens, daß er
mich aufs Tiefste verachtete.«
»In jener Zeit geschah es, daß er eines Entwurfes willen, in den er sich
eingelassen hatte, heimlich nach Frankreich reisen mußte. Er schnürte seine
Sachen, bestieg den Wagen, und ließ mich in eurer Stadt zurück. Damals trat
nun der Versucher an mich.« – –
»Ach Hugo, ich will dir alles, alles sagen – aber an dem, was Dionis
vorschlug, war ich so wahrhaftig unschuldig, so wahrhaftig es eine ewige
Seligkeit im Himmel gibt. – Dionis war der Haushofmeister meines Vaters
gewesen, er wurde nach dem Tode desselben der meinige, und war mein
Rathgeber und Freund. Wenn ich sagen sollte, daß er mir bis dahin je das
geringste Unrecht vorgeschlagen habe, würde es eine Lüge sein: aber der
inbrünstige Haß gegen meinen Gatten, und die große Liebe gegen mich
mußten den alten Mann verblendet haben. Da ich durch die Entfernung
meines Gemahls allein in seiner Obhut zurück gelassen war, erzählte er mir
eines Tages eine Geschichte von einer Frau, die an einen harten greisen Mann
geschmiedet gewesen war, und vieles Unglück erduldet habe. Da sei ihr ein
schöner Jüngling erschienen, sie habe schöne Kinder gehabt, und habe das
künftige Wohl des Hauses gegründet. Viel später sagte er einmal, daß er
einen jungen blonden Mann kenne – weil mein Gatte auch blond war – der so
schön und so unschuldig sei; wenn mich dieser einmal erblickte, so würde er
gewiß in heißer innerster Liebe gegen mich entbrennen. – Da er aber sah, daß
ich die Rede nicht verstand, und befremdet war, schwieg er von da an stille,
und ich bemerkte, daß er sich nun von mir zurück zog. – – O Hugo! seine
Worte mochten eine Vorbedeutung gewesen sein.«
Dem zuhörenden Manne öffneten sich seine innern Augen, er sah auf das
erzählende Weib, unterbrach es aber nicht.
Sie fuhr fort: »Wenige Wochen nach diesem Gespräche, das ich doch nicht
ganz vergessen konnte, sah ich dich! Ich habe an jenem Morgen ernstlich
geglaubt, daß niemand mehr in dem Gotteshause sei, und ging mit
gehobenem Schleier, weil es unter demselben schwül war, gegen die Pforte
zurück – da standest du im hintern Theile des Chores – wir sahen uns – ich
bemerkte gleich, daß du mich anblicktest, und ließ den Schleier über das
Gesicht fallen. – Damals dachte ich mir innerlich oft, wie süß, wie unendlich
süß die Liebe sein müsse, und wie lohnend für alles Weh der Erde. Dann sah
ich dein Annähern – – Hugo, ich habe in jener Gasse nicht absichtlich das
Blatt fallen gelassen, daß du mir es bringest – oft hat mich der Gedanke
gequält, daß du dieses glauben könntest – – aber, da du es brachtest, war mir
die Handlung hold – – und es ist im Ernste wahr, wenn du grüßtest,
schwindelten mir die Häuser der Straße vor dem Blicke. Als du mit mir
endlich in der einsamen Gasse geredet hattest, entdeckte ich mich außer
meinem Mädchen, das längst mein Inneres kannte, noch Dionis, und fragte
ihn um Rath. Der alte Mann zeigte viele Freude, er miethete das
Gartenhäuschen, er borgte Geräthe und richtete es ein. Ich wohnte nicht dort,
Hugo; jeden Vormittag ging ich meinem Gelübde nach in die Kirche, aber es
war nicht mehr die von Sanct Peter, in der du mich zum ersten Male gesehen
hast, sondern eine andere; im Nachmittage war ich in dem Häuschen, und du
warst bei mir. Mein Herz, das mir so viel versprochen hatte, belog mich
nicht. Ach! – warum mußtest du denn mehrere Tage nicht kommen?! In der
Nacht des dritten, an dem ich dich nicht gesehen hatte, mußte ich fort. Mein
Gatte war in Genf todtkrank geworden, er sandte einen Freund, mich
augenblicklich zu holen; dieser kam in der Nacht, wechselte die Pferde, ließ
mir so viel Zeit, daß das Nöthigste gepackt wurde, und nahm mich fort. Ich
konnte blos auswirken, daß mir Dionis erst am nächsten Tage folgen dürfe,
damit er dir alles sage, und damit er mit dem Eigenthümer des Häuschens ins
Reine käme. Das Letzte that er, aber ach, das erste nicht, damit du nicht etwa
auf die Spur kämest, wer ich wäre. Wenn sich die Sache wie immer wendete,
sagte er, da er mich eingeholt hatte, so kämen wir entweder bald in deine
Stadt zurück, oder könnten dir auf eine geschickte Weise Nachricht geben.
Der alte Mann fürchtete in der schwebenden Lage für meine Erbschaft. Die
Sache wendete sich auch bald. Ich kam nach Genf, mein Gatte starb, und
machte mich zur Erbin seines und meines Vermögens. Ich weinte bitterlich
an seinem Grabe; denn er war ein sehr armer, armer Mann gewesen. – Als
sich meine Lebensgeister wieder gesammelt hatten, richtete ich sogleich alles
in Ordnung, und wollte wieder zurück reisen. Allein es war indessen der
Krieg ausgebrochen, und hatte sich beinahe mit den Flügeln des Windes über
alle Länder ausgebreitet. Ich konnte nicht durch. Mit vieler Mühe und nach
langer Zeit verschaffte ich mir Pässe aller Art – die Reise war sehr langsam,
da oft keine Pferde waren, oft die Leute sie verläugneten. – – Endlich kam ich
an, aber du warst fort. Wie ich dachte, hattest du dich in die Reihe der
Krieger gestellt. – Nun forschten wir Jahr nach Jahr, wir wußten nicht, bei
welcher Macht, und in welcher Abtheilung du stündest – – die Kriege
wälzten sich hierhin und dorthin – – Hugo, viele lange Jahre haben wir
geforscht – endlich fanden wir dich – – du bist da.« – –
Das Weib hatte das Letzte fast mit Angst gesagt, und dann hauchte sie
beinahe nur noch die Worte hinzu: »Nun, Hugo, rede.«
»Wie sieht denn Dionis aus?« fragte er.
»Es ist ein sehr alter hagerer Mann mit weißen Haaren und blauen Augen,«
antwortete sie.
»Ein wenig vorgebeugt?«
»Ein wenig vorgebeugt.«
»Traue ihm nicht mehr,« sagte Hugo, »er war falsch gegen uns beide.«
»Lasse jetzt Dionis, antwortete sie, und rede« – –
Aber er redete nicht, seine Augen waren zu Boden geheftet – sie schwieg
auch und wartete.
Endlich sagte er: »Heißest du auch wirklich Cöleste?«
»Ja, ich heiße Cöleste,« antwortete sie.
»Siehe, Cöleste, das hast du nicht gut gemacht, nicht gegen deinen Gatten
und gegen mich. Ich kann dir nicht mehr trauen.«
»O meine Ahnung, kreischte das Weib, indem sie ihr Angesicht in die
Kissen des Sophas verbarg, – eilf Jahre habe ich ihn gefürchtet, diesen
Augenblick.«
Eine Zeit lang hielt sie die Glut des Antlitzes gegen die bergenden Kissen
gedrückt. Dann hob sie das Haupt wieder, um in seine Züge zu schauen. Er
war aufgestanden, sein Angesicht war entfärbt, aber sie konnte nicht
erkennen, was in ihm vorgehe.
»Hugo, Hugo,« rief sie, »blicke nicht so,« – und halb knieend flehte sie zu
ihm: »Lerne mich nun auch als rein kennen, ich bin es – ich werde es sein – o
rechtfertige mich vor mir, und lerne mich kennen, daß ich gut bin.« – –
Hugo wurde noch blässer, und sagte: »Ich habe gedacht, ein anderes Leben
führen zu wollen, als der Gatte einer Witwe zu sein, von dem sie sagen, daß
er schon vor dem Tode ihres Mannes mit ihr im Einverständnisse gewesen
sei.«
»Sie werden es nicht sagen, Hugo,« antwortete sie, »denn kein Mensch
weiß es.«
»Ich selber würde es sagen,« erwiederte er.
»Du wirst es nicht sagen: denn du bist unschuldig,« antwortete sie; »weißt
du? du hattest nie eine Ahnung, daß du jemand andern liebest, als ein
Mädchen.«
»Dann bist du desto schuldiger,« sagte er. »Siehe, Cöleste, hättest du mir
gesagt, daß du ein vermähltes Weib bist – ich wäre dir ferne gestanden, ich
hätte nie eine andere geliebt, und wenn der Himmel unsere Verbindung
möglich gemacht hätte, ohne daß wir schuldig waren, wären wir sie frei
eingegangen vor Gott und der Welt.«
»Ich hatte Angst, dich zu verlieren,« sagte sie schüchtern. – – »Wenn du
verziehest.«
»Das verstehst du nicht, Cöleste,« antwortete er. »Ich verzeihe dir von
Herzen, und beklage uns. Wärest du die niedrigste Magd, wärest du die
Tochter einer Stalldirne: auf diesen Händen trüg' ich dich – – aber wie könnte
ich jetzt vor mir stehen, der ich nie mit Wissen ein Unrecht an mir litt, wie
könnt' ich vor den andern stehen, die mich scheuten und verehrten, und die
mir nie die kleinste Mackel sagen durften?!«
»Also könntest du der sogenannten Ehre das warme, ewige, klare Leben
opfern?« fragte sie.
Hugo antwortete nicht, sondern er preßte die Hände an einander, und in
dem ganzen Baue seines Körpers war eine Erschütterung, wie wenn Thränen
ausbrechen sollten.
Sie sah ihn einige Augenblicke mit den großen Augen an – dann aber sagte
sie sehr ernst: »Ich habe dich nicht umsonst gefürchtet – gehe – möge dir
Gott im Himmel diese harte Tugend lohnen, aber mein Herz verflucht sie:
denn es wird gebrochen. – Ja, ich war eine Sünderin, aber die Sünde wurde
mir nicht leicht; du hast nur ihre holde Frucht gesehen, ihre Kämpfe trug ich
allein. Meine Sünde ist menschlicher, als deine Tugend – geh' – so lange die
Erde steht, wurde niemand abgöttischer geliebt, als du. – – Nun gehe, Mann,
gehe!«
»Wir sind beide zu erregt,« sagte Hugo, »wir sehen uns wieder, und ich
werde dir die Sache auseinander setzen.«
»Setze nichts mehr auseinander, sagte sie, es ist ja deutlich. Gehe nur.«
Und wie Hugo in Verwirrung sich gegen die Stelle hin wendete, wo sein
kriegerischer Hut lag, trat über die Thürschwelle ein Kind, ein wundervoll
blond gelocktes Mädchen herein, und rief mit kindlich klarer Stimme:
»Mutter!« – Aber wie sie diese in Aufregung sah, und den fremden Mann vor
ihr stehen, schwieg sie betroffen. Cöleste warf sich, als wäre jetzt erst der
fürchterlichste Schlag gefallen, plötzlich mit einem lauten und
ausschweifenden Schluchzen in die Kissen des Sophas, als müßte ihr das
Herz zerstoßen werden. – Hugo betrachtete das Kind einen Augenblick, dann
ging er auf dasselbe zu, und legte unter unendlichen Thränen, die aus seinen
Augen flossen, den Arm um den dichten, seidenweichen Lockenwald
desselben, beugte sich, und küßte es heftig auf den Scheitel.
Das erschreckte Kind hatte es gelitten – auf dem Sopha hatte das Weinen
aufgehört, Cöleste hatte das Haupt empor gehoben, und lauschte hin; aber
wie er den Arm von des Kindes Locken lösete, seinen Hut nahm, und sanft
hinaus ging – da fiel sie mit dem verzweiflungsvollen Schrei zurück: »Er
kennt sie nicht, er kennt sie nicht.«
Hugo hatte kein Wort mehr gesagt, kein einziges; es ist unbekannt, ob er
nicht konnte, oder ob er nicht wollte. Unten ließ er sich sein Pferd vorführen,
bestieg es, und ritt zu dem Thore hinaus. Es war bereits schon dunkel
geworden, und ein harter Novemberwind ging durch seine noch immer
schönen blonden Locken, die sein ganzes Schicksal eingeleitet hatten. Als er
auf die Anhöhe gekommen war, von der aus man das Schloß erblickt, und
hinter welcher die Haide anfängt, hielt er ein wenig stille – die Thränen,
welche während der Besteigung des Pferdes und während dem Anfange des
Rittes versiegt waren, Rossen wieder, und er sagte gleichsam laut zu sich:
»Wo in dieser weiten, in dieser großen Welt mag das herrliche, das reine
Herz schlagen, das mich beglückt hätte, und das ich beglücken hätte
können!?« – –
Aber draußen lagen die kaltblauen schweren Wolken, unter denen er die
Landschaft, namentlich den gehauchten blassen Streifen des Ardennerwaldes,
den er im Herreiten gesehen hatte, nicht mehr erblicken konnte und neben
ihm säuselte das dürre herbstliche Gras.
Mit den Worten: »Verzeihe dir Gott, du armer, verblendeter Greis, daß du
in deiner Leidenschaft zwei Menschen unglücklich gemacht hast, wie ich dir
verzeihe, sie erfahre nie, was du eingeleitet hast,« setzte er seinem Pferde die
Sporen ein, und ritt langsam den sanften Hang hinunter. In dem nächsten
Augenblicke darauf konnte man die hallenden Hufschläge vernehmen, wie er
auf der festen Straße der Haide davon ritt, und in die ihn umgebende Nacht
hinein jagte.
Er kam spät zu Hause an, legte sich aber nicht nieder, sondern schrieb bis
zu dem Morgen an einem Briefe an Cöleste. Was er ihr in demselben schrieb,
wie sanfte, gute oder starke Worte er in demselben an sie richtete, ist nie
bekannt geworden. Als er mit dem Schreiben fertig war, und das Papier
gefaltet und gesiegelt hatte, blickte er auf die Buchstaben des Siegels, die in
dem zweifelhaften Scheine des Morgens und seiner Kerze düster da standen,
und in dem feinen rothen Wachse die Worte bildeten: »#Servandus
tantummodo honos#.« Dann löschte er die Kerze aus, da der Tag immer
klarer hereinbrach, rief seinen Diener, und sagte ihm, daß er diesen Brief
sogleich nach Schloß Pre bringen möchte, dann soll er sich im Zurückreiten
sputen, damit er einpacken könne. Denn er selber wolle sich indessen
bemühen, daß sie die Erlaubniß bekämen, ihrer Heeresabtheilung
vorausreisen zu dürfen.
Der Diener brachte den Brief nach Schloß Pre, kam zurück, packte ein, da
Hugo die angesuchte Erlaubniß erhalten hatte, und in einer Stunde darauf
reiseten sie ab.
Zwei Tage nachher folgte ihnen ihre Heeresabtheilung, und da diese fort
war, wurde es wieder so einsam und öde um Schloß Pre, wie es zuvor
gewesen war.
Aber auch einsam und öde war es in dem alten Hause, das auf der
Gebirgshalde stand.
Hugo war aus dem Kriegsdienste getreten, da in der ganzen Welt der
ersehnte Friede heran gekommen war, er hatte sich auf sein Besitzthum
begeben, und verwaltete es nun. Er blieb, wie ein Jahr nach dem andern
verging, auf demselben allein, und vermählte sich nicht. Er versammelte
seine Knechte und Leute um sich, gab ihnen Befehle, verbesserte sein
Anwesen, und that den Leuten, die in der Gegend wohnten, Gutes. – Später
rang er mit Gewissensbissen, und da er alt geworden, da sich die Härte des
Krieges verloren hatte, und da er weichherzig geworden war, hat er oft
bitterlich geweint, und gesagt: »Wie sie ist doch keine – wie sie ist doch
keine.«
Einmal, da seine Haare schon so weiß waren, wie einstens die seines
Vaters, ging er durch die Gerölle gegen den Morigletscher hinan, den er sonst
in der Jugend gerne besucht hatte und warf das alte Siegel in eine
unzugängliche Schlucht. Als er todt war, kam das Erbe kraft seines
Testamentes in den Besitz fremder Menschen, die außer Deutschland
wohnten. Es erschien, um den Besitz der Liegenschaften auf sich schreiben
zu lassen, eine äußerst schöne, junge, blonde Frau auf der Gebirgshalde. Man
hatte ihr Hugos Grab zeigen müssen, und sie war lange mit vielen Thränen
vor demselben gestanden. Später kam sie noch zweimal in zwei
verschiedenen Sommern mit ihrem Gemahle und zwei Kindern, und wohnte
einige Wochen auf der Halde. Nachher aber erschien sie nie mehr, das Haus
kam unter die Hände von Miethlingen und begann zu verfallen.
Das Frühglöcklein tönt noch, wie sonst, der Bach rauscht, wie sonst – aber
auf dem alten Hause ist es heut zu Tage ein trauriger betrübter Anblick unter
den Trümmern der verkommenden Reste.
Nur die Berge stehen noch in alter Pracht und Herrlichkeit – ihre Häupter
werden glänzen, wenn wir und andere Geschlechter dahin sind, so wie sie
geglänzt haben, als der Römer durch ihre Thale ging und dann der
Allemanne, dann der Hunne, und dann andere und wieder andere. – – Wie
viele werden noch nach uns kommen, denen sie Freude und sanfte Trauer in
das betrachtende Herz senken, bis auch sie dahin sind, und vielleicht auch die
schöne freundliche Erde, die uns doch jetzt so fest gegründet, und für
Ewigkeiten gebaut scheint.

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