Der Hagestolz
1844
1. Gegenbild
Auf einem schönen grünen Plaze, der bergan steigt, wo Bäume stehen und
Nachtigallen schlagen, gingen mehrere Jünglinge in dem Brausen und
Schäumen ihres jungen kaum erst beginnenden Lebens. Eine glänzende
Landschaft war rings um sie geworfen. Wolkenschatten flogen, und unten in
der Ebene blickten die Thürme und Häuserlasten einer großen Stadt.
Einer von ihnen rief die Worte: »Es ist nun für alle Ewigkeit ganz gewiß,
daß ich nie heirathen werde.«
Es war ein schlanker Jüngling mit sanften schmachtenden Augen, der
dieses gesagt hatte. Die andern achteten nicht sonderlich darauf, mehrere
lachten, knikten Zweige, bewarfen sich und schritten weiter.
»Ha, wer wird denn heirathen,« sagte einer, »die lächerlichen Bande eines
Weibes tragen, und wie der Vogel auf den Stangen eines Käfiches sizen?«
»Ja, du Narr, aber tanzen, verliebt sein, sich schämen, roth werden, gelt?«
rief ein Dritter, und es erschallte wieder Gelächter.
»Dich nähme ohnehin keine.«
»Dich auch nicht.«
»Was liegt daran?«
Die nächsten Worte waren nicht mehr verständlich. Es kam noch durch die
Stämme der Bäume ein lustiges Rufen zurück und dann nichts mehr; denn die
Jünglinge gingen bereits auf der schiefen Fläche, die sich von dem Plaze weg
zieht, empor und sezten die Gebüsche der Fläche in Bewegung. Rüstig
schritten sie in der funkelnden Sonne hinan, rings um sind grünende Zweige,
und auf ihren Wangen und in ihren Augen leuchtet die ganze
unerschütterliche Zuversicht in die Welt. Um sie herum liegt der Frühling,
der eben so unerfahren und zuversichtlich ist, wie sie.
Der Jüngling, aus dessen Munde der Entschluß der Nichtvermählung
hervor gegangen war, hatte in der Sache nichts mehr gesprochen und sie war
vergessen.
Ein neues Geplauder und ein fröhliches Sprechen tanzte von den
beweglichen Zungen. Sie redeten zuerst von allem und oft alle zugleich.
Dann reden sie von dem Höchsten, dann von dem Tiefsten und haben beides
schnell erschöpft. Dann kommt der Staat. Es wird in ihm die unendlichste
Freiheit vorgeschlagen, die größte Gerechtigkeit und unbeschränkteste
Duldsamkeit. Wer gegen dieses ist, wird niedergeworfen und besiegt. Der
Landesfeind muß zerschmettert werden, und von dem Haupte der Helden
leuchtet dann der Ruhm. Während sie so, wie sie meinten, von dem Großen
redeten, geschieht um sie her, wie sie ebenfalls meinten, nur das Kleine: es
grünen weithin die Büsche, es keimt die brütende Erde und beginnt mit ihren
ersten Frühlingsthierchen, wie mit Juwelen zu spielen.
Hierauf singen sie ein Lied, dann jagen sie sich, stoßen sich gegenseitig in
den Hohlweg oder ins Gebüsch, schneiden Ruthen und Stäbe, und kommen
dabei immer höher auf den Berg und über die Wohnungen der Menschen.
Wir müssen hier bemerken: welch ein räthselhaftes, unbeschreibliches,
geheimnißreiches, lokendes Ding ist die Zukunft, wenn wir noch nicht in ihr
sind – wie schnell und unbegriffen rauscht sie als Gegenwart davon – und
wie klar, verbraucht und wesenlos liegt sie dann als Vergangenheit da! Alle
diese Jünglinge stürmen schon in sie hinein, als könnten sie dieselbe gar nicht
erwarten. Der eine prahlt mit Dingen und Genüssen, die über seine Jahre
gehen, der andere thut langweilig, als hätte er schon alles erschöpft, und der
dritte redet Worte, die er bei seinem Vater Männer und Greise hatte reden
gehört. Dann haschen sie nach einem vorüberflatternden Schmetterlinge und
finden auf dem Wege einen bunten Stein.
Immer höher streben sie hinauf. Oben an dem Waldesrande schauen sie auf
die Stadt zurück. Sie sehen allerlei Häuser und Gebäude, und wetten, ob sie
es sind oder nicht. Dann dringen sie in die Schatten der Buchen hinein.
Der Wald geht fast mit ebenem Boden dahin. Jenseits desselben aber
steigen glänzende Wiesen mit einzelnen Fruchtbäumen besezt in ein Thal
hinab, das still und heimlich um die Bergeswölbungen läuft, und von diesen
Bergen zwei spiegelhelle dahinschießende Bäche empfängt. Die Wasser
rieseln lustig über die geglätteten Kiesel, an dichten Obstwäldern,
Gartenplanken und Häusern vorbei, und von dort wieder in die Weinberge
hinaus. Alles dieses ist so stille, daß man in mancher klaren Nachmittagsluft
weithin den Hahn krähen hört, oder den einzelnen Glockenschlag vernimmt,
der von dem Thurme der Kirche fällt. Selten besucht ein Städter das Thal,
und noch keiner hat in demselben seine Sommerwohnung aufgeschlagen.
Unsere Freunde aber laufen mehr, als sie gehen, über die Wiese in die sanft
geschwungene Wiege hinab. Lärmend kommen sie an den Gartengehegen
herunter, schreiten über den ersten Steg, über den zweiten, gehen dem
Wasser entlang, und dringen endlich in einen Garten hinein, der von Flieder,
Nußbäumen und Linden strozt. Es ist der Garten eines Gasthauses. Hier
umringen sie einen der Tische, wie sie mit den Füssen in dem Grase steken,
aufgenagelte Platten haben und auf den Platten eingeschnittene Herzen und
Namen von denen zeigen, die vorlängst an dem Tische gesessen waren. Sie
bestellten sich ein Mittagsessen, und zwar ein jeder dasjenige, was er wollte.
Als sie es verzehrt hatten, spielten sie eine Weile mit einem Pudel, der sich in
dem Garten vorfand, zahlten und gingen dann fort. Sie gingen durch die
Mündung des Thales in ein anderes breiteres hinaus, in welchem ein Strom
fließt. An dem Strome nahmen sie ein angebundenes Schiffchen und fuhren
an einer bekannt gefährlichen Stelle über, ohne daß sie es wußten. Zufällig
vorübergehende Frauen erschraken sehr, als sie die jungen Leute da fahren
sahen. Jenseits des Stromes dingten sie einen Mann, der den Kahn wieder
zurückführen und an der Stelle anbinden sollte, wo sie ihn genommen hatten.
Dann drangen sie durch Röhrichte und Auen vor, bis sie zu einem Damme
gelangten, auf dem eine Straße lief und ein Wirthshaus stand. Bei dem
Wirthe mietheten sie einen offenen Wagen, um nun jenseits des Stromes in
die Stadt zurück zu fahren. Sie flogen an Auen, Gebüschen, Feldern,
Anlagen, Gärten und Häusern vorbei, bis sie die ersten Gebäude der
Vorstädte erreichten und abstiegen. Als sie ankamen, lag die Sonne, die sie
heute so freundlich den ganzen Tag begleitet hatte, weit draußen am Himmel
als glühende erlöschende Kugel. Da sie untergesunken war, sahen die
Freunde die Berge, auf welchen sie heute ihre Morgenfreuden genossen
hatten, als einfaches blaues Band gegen den gelben Abendhimmel empor
stehen.
Sie gingen nun gegen die Stadt und deren staubige bereits dämmernde
Gassen. An einem bestimmten Plaze trennten sie sich, und riefen einander
fröhlichen Abschied zu.
»Lebe wohl,« sagte der eine.
»Lebe wohl,« antwortete der andere.
»Gute Nacht, grüsse mir Rosina.«
»Gute Nacht, grüsse morgen den August und Theobald.«
»Und du den Karl und Lothar.«
Es kamen noch mehrere Namen; denn die Jugend hat viele Freunde, und es
werben sich täglich neue an. Sie gingen auseinander. Zwei derselben
schlugen den nehmlichen Weg ein, und es sagte der eine zu dem andern:
»Nun, Victor, kannst du die Nacht bei mir bleiben, und morgen gehst du
hinaus, sobald du nur willst. Ist es auch wirklich wahr, daß du gar nicht
heirathen willst?«
»Ich muß dir nur sagen,« antwortete der Angeredete, »daß ich wirklich
ganz und gar nicht heirathen werde, und daß ich sehr unglücklich bin.«
Aber die Augen waren so klar, da er dieses sagte, und die Lippen so frisch,
da der Hauch der Worte über sie ging.
Die zwei Freunde schritten noch eine Streke in der Gasse entlang, dann
traten sie in ein wohlbekanntes Haus und gingen über zwei Treppen hinauf an
Zimmern vorbei, die mit Menschen und Lichtern angefüllt waren. Sie
gelangten in eine einsame Stube.
»So, Victor,« sagte der eine, »da habe ich dir neben dem meinen ein Bett
herrichten lassen, daß du eine gute Nacht hast, die Schwester Rosina wird uns
Speisen herauf schiken, wir bleiben hier und sind fröhlich. Das war ein
himmlischer Tag, und ich mag sein Ende gar nicht mehr unten bei den Leuten
zubringen. Ich habe es der Mutter schon gesagt; ist es recht so, Victor?«
»Freilich,« entgegnete dieser, »es ist bei dem Tische deines Vaters so
langweilig, wenn zwischen den Speisen so viele Zeit vergeht und er dabei so
viele Lehren gibt. Aber morgen, Ferdinand, ist es nicht anders, ich muß mit
Tagesanbruch fort.«
»Du kannst, sobald du willst,« antwortete Ferdinand, »du weißt, daß der
Hausschlüssel innen in der Thornische liegt.«
Während dieses Gespräches begannen sie sich zu entkleiden und sich der
lästigen, staubigen Stiefel zu entledigen. Ein Stük der Kleider ward hierhin,
das andere dorthin gelegt. Ein Diener brachte Lichter, und eine Magd ein
Speisebrett mit reichlicher Nahrung versehen. Sie aßen schnell und ohne
Auswahl. Dann schauten sie bald bei dem einen bald bei dem andern Fenster
hinaus, gingen in dem Zimmer herum, besahen die Geschenke, die Ferdinand
erst gestern bekommen hatte, zählten die rothen Abendwolken, kleideten sich
vollends aus und legten sich auf ihre Betten. In denselben redeten sie noch
fort; aber ehe einige Minuten vergingen, war keiner mehr mächtig weder zu
reden noch zu denken; denn sie lagen beide in tiefem Schlafe.
Das Nehmliche mochte auch mit den andern sein, welchen dieselbe Lust
mit ihnen heute zu Theile geworden war. – –
Während die Jünglinge diesen Tag so gefeiert hatten, war auf einer anderen
Stelle etwas anderes gewesen: Ein Greis hatte den Tag damit zugebracht, daß
er im Sonnenscheine auf der Bank vor seinem Hause gesessen war. Weit von
dem grünen Baumplaze, wo die Nachtigallen geschlagen und die Jünglinge
so fröhlich gelacht hatten, lag hinter den glänzenden blauen Bergen, die die
Aussicht des Plazes besäumten, eine Insel mit dem Hause. Der Greis saß an
dem Hause und zitterte vor dem Sterben. Man hätte ihn vorher schon viele
Jahre können sizen sehen, wenn er überhaupt gerne Augen zugelassen hätte,
ihn zu sehen. Weil er kein Weib gehabt hatte, saß an dem Tage keine alte
Gefährtin neben ihm auf der Bank, so wie an allen Orten, wo er vor der
Erwerbung des Inselhauses gewesen sein mag, nie eine Gattin bei ihm war.
Er hatte nie Kinder gehabt und nie eine Qual oder Freude an Kindern erlebt,
es trat daher keines in den Schatten, den er von der Bank auf den Sand warf.
In dem Hause war es sehr schweigsam, und wenn er zufällig hinein ging,
schloß er die Thür selbst, und wenn er herausging, öffnete er sie wieder
selbst. Während die Jünglinge auf ihrem Berge emporgestrebt waren, und ein
wimmelndes Leben und dichte Freude sie umgab, war er auf seiner Bank
gesessen, hatte auf die an Stäbe gebundenen Frühlingsblumen geschaut, und
die leere Luft und der vergebliche Sonnenschein hatten um ihn gespielt. Als
die Jünglinge nach Vollbringung des Tages auf ihr Lager gesunken und in
Schlummer verfallen waren, lag er auch in seinem Bette, das in einer
wohlverwahrten Stube stand, und drückte die Augen zu, damit er schlafe. –
Die nehmliche Nacht ging mit dem kühlen Mantel aller ihrer Sterne
gleichgültig herauf, ob junge Herzen sich des entschwundenen Tages gefreut
und nie an einen Tod gedacht hatten, als wenn es keinen gäbe – oder ob ein
altes sich vor gewaltthätiger Verkürzung seines Lebens fürchtete und doch
schon wieder dem Ende desselben um einen Tag näher war.
2. Eintracht
Als das erste blasse Licht des andern Tages leuchtete, ging Victor schon in
den noch öden Gassen der Stadt dahin, daß seine Tritte hallten. Es war
anfänglich noch kein Mensch zu erbliken; dann begegnete ihm manche
verdrießliche, verschlafene Gestalt, die zu früher Arbeit mußte; und ein
beginnendes fernes Wagenrasseln zeigte, daß man schon anfange,
Lebensmittel in die große bedürfende Stadt zu führen. Er strebte dem
Stadtthore zu. Außer demselben wurde er von dem kühlen, feuchten Grün der
Felder empfangen. Der erste Sonnenrand zeigte sich am Erdsaume, und die
Spizen der nassen Gräser hatten rothes und grünes Feuer. Die Lerchen
wirbelten freudig in der Luft, während die nahe Stadt, die doch sonst so
lärmte, fast noch völlig stumm war.
Als er sich außer den Mauern fühlte, schlug er sogleich einen Weg durch
die Felder gegen jenen grünen Baumplaz ein, von welchem wir sagten, daß
gestern dort die Nachtigallen geschlagen und die Jünglinge gescherzt hatten.
Er erreichte ihn nach einer nicht ganz zweistündigen Wanderung. Von da
machte er den nehmlichen Weg, wie gestern mit den Freunden. Er stieg die
schiefe Berglehne mit den Gebüschen hinan, er kam an den Rand des
Waldes, sah sich da nicht um, drang unter die Bäume ein, eilte fort, und stieg
dann über die Wiese mit den Fruchtbäumen in das Thal hinab, von dem wir
sagten, daß es so stille ist, und daß in demselben die zwei spiegelnden Bäche
rinnen.
Als er in dem Grunde des Thales angekommen war, ging er über den
ersten Steg, nur daß er heute, gleichsam wie zu einer Begrüßung, ein wenig
auf die glänzenden Kiesel hinab sah, über welche das Wasser dahin rollte.
Dann ging er über den zweiten Steg, und ging an dem Wasser dahin. Aber er
ging heute nicht bis zu dem Gasthausgarten, in welchem sie gestern gegessen
hatten, sondern viel früher bog er an einer Stelle, wo ein großer Fliederbusch
stand, der seine Aeste und Wurzeln mit dem Wasser spielen ließ, von dem
Wege ab, und ging in den Flieder und das Gebüsche hinein. Dort war eine
aschgraue Gartenplanke, die ihre Farbe von den unzähligen Regen und
Sonnenstrahlen erhalten hatte, und in der Planke war ein kleines Thürchen.
Das Thürchen öffnete Victor und ging hinein. Es war wie ein Gartenplaz hier,
und etwas ferner auf dem Plaze blikte die lange weiße Wand eines niederen
Hauses, sich sanft von Hollundergesträuchen und Obstbäumen abhebend,
herüber. Das Haus hatte glänzende Fenster, und hinter denselben hingen
ruhige weiße Vorhänge nieder.
Victor ging an dem Gebüschrande gegen die Wohnung zu. Als er auf den
freien Sandplaz vor dem Hause gekommen war, auf dem der Brunnen stand
und ein bejahrter Apfelbaum war, an den sich wieder Stangen und allerlei
andere Dinge lehnten, wurde er von einem alten Spiz angewedelt und
begrüßt. Die Hühner, ebenfalls freundliche Umwohner des Hauses, scharrten
unter dem Apfelbaume unbeirrt fort. Er ging in das Haus hinein, und über den
knisternden Flursand in die Stube, aus welcher ein reiner gebohnter
Fußboden heraus sah.
In der Stube war blos eine alte Frau, die gerade ein Fenster geöffnet hatte,
und damit beschäftigt war, von den weißgescheuerten Tischen, Stühlen und
Schreinen den Staub abzuwischen, und die Dinge, die sich etwa gestern
Abends verschoben hatten, wieder zu recht zu stellen. Durch das Geräusch
des Hereintretenden von ihrer Arbeit abgelenkt, wendete sie ihr Antliz gegen
ihn. Es war eines jener schönen alten Frauenantlize, die so selten sind.
Ruhige sanfte Farben waren auf ihm, und jedes der unzähligen kleinen
Fältchen war eine Güte und eine Freundlichkeit. Um alle diese Fältchen
waren hier noch die unendlich vielen andern einer schneeweißen gekrauseten
Haube. Auf jeder der Wangen saß ein kleines, feines Flekchen Roth.
»Schau, bist du schon da, Victor,« sagte sie, »ich habe auf die Milch
wieder vergessen, daß ich sie warm gehalten hätte. Es steht wohl alles an dem
Feuer, aber dasselbe wird ausgegangen sein. Warte, ich will es wieder
anblasen.«
»Ich bin nicht hungrig, Mutter,« sagte Victor; »denn ich habe bei
Ferdinand, ehe ich fortging, zwei Schnitten Kaltes von dem gestrigen
Abendmale, das noch da stand, gegessen.«
»Du mußt aber hungrig sein,« antwortete die Frau, »weil du schon bei vier
Stunden in der Morgenluft und dann durch den feuchten Wald gegangen
bist.«
»So weit ist es ja nicht über die Thurnwiese herüber.«
»Ja weil du immer läufst und meinst, die Füsse dauern ewig – aber sie
dauern nicht ewig – und im Gehen merkst du auch die Müdigkeit nicht, aber
wenn du eine Weile sitzest, dann schmerzen die Füsse.«
Sie sagte nichts weiter und ging in die Küche hinaus. Victor setzte sich
indessen auf einen Stuhl nieder.
Als sie wieder hereingekommen war, sagte sie: »Bist du müde?«
»Nein,« antwortete er.
»Du wirst wohl müde sein – freilich müde – warte nur, warte ein wenig, es
wird gleich alles warm sein.«
Victor antwortete nicht darauf, sondern tief niedergebückt gegen den Spiz,
der mit ihm hereingegangen war, strich er mit der flachen Hand über die
weichen langen Haare desselben, der sich ebenfalls liebkosend an dem
Jünglinge aufgerichtet hatte und beständig in seine Augen schaute – er strich
immer an der nehmlichen Stelle, und blikte auch immer auf diese nehmliche
Stelle, als wäre eine recht schwere tiefe Bewegung in seinem Herzen.
Die alte Mutter sezte indessen ihr Geschäft fort. Sie war sehr fleißig. Wenn
sie den Staub nicht erreichen konnte, so stellte sie sich auf die Spizen ihrer
Zehen, um den unsauberen Gast fort zu bringen. Hiebei schonte und liebte sie
die ältesten unbrauchbarsten Dinge. Da lag auf einem Schreine ein altes
Kinderspielzeug, das schon lange nicht gebraucht worden war, und vielleicht
nie mehr gebraucht werden wird – es war ein Pfeifchen mit einer hohlen
Kugel, in der klappernde Dinge waren – sie wischte es rings um sauber ab,
und legte es wieder hin.
»Aber warum erzählst du denn nichts?« sagte sie plötzlich, da sie das rings
um herrschende Schweigen zu bemerken schien.
»Weil mich schon gar nichts mehr freut,« antwortete Victor.
Die Frau sagte kein Wort, kein einzig Wörtlein, auf diese Rede, sondern
sie sezte ihr Abwischen fort, und ihr stetes Ausschlingen des Tuches beim
offenen Fenster.
Nach einer Weile sagte sie: »Ich habe dir oben den Koffer und die Kisten
schon hergerichtet. Da du gestern aus warest, habe ich den ganzen Tag damit
verbracht. Die Kleider habe ich zusammengelegt, wie sie in den Koffer
gethan werden müssen. Auch die Wäsche, welche ausgebessert ist, liegt
dabei. Die Bücher mußt du schon selber besorgen, und eben so das, was du in
das Ränzlein zu thun gedenkst. Ich habe dir einen weichen feinen Lederkoffer
gekauft, wie du einmal gesagt hast, daß sie dir so gefallen. – Aber wo willst
du denn hin, Victor?«
»Einpaken.«
»Mein Gott, Kind, du hast ja noch nicht gegessen. Warte nur ein Weilchen.
Jetzt wird es wohl schon warm sein.«
Victor wartete. Sie ging hinaus und brachte zwei Töpfchen, eine Schale,
eine Tasse und ein Stük Milchbrod auf einem runden, reinen
messingberänderten Brette herein. Sie stellte alles nieder, schenkte ein,
kostete, ob es gut und gehörig warm sei, und schob dann das Ganze vor den
Jüngling hin, es dem Dufte der Dinge überlassend, ob er ihn anloken werde
oder nicht. Und in der That: ihre Erfahrung täuschte sie nicht; denn der
Jüngling, der Anfangs nur ein wenig zu kosten begann, sezte sich endlich
wieder nieder, und aß mit all dem guten Behagen und Gedeihen, das so sehr
der Jugend eigen ist.
Sie war indessen allgemach fertig geworden, und ihre Abwischtücher
zusammenlegend, schaute sie zu Zeiten freundlich und lächelnd auf ihn hin.
Als er endlich alles Hereingebrachte verzehrt hatte, gab sie dem Spiz noch
die kleinen Ueberreste, die da waren, und trug dann das Geschirr wieder in
die Küche hinaus, daß es von der Magd gereinigt werde, wenn sie nach
Hause komme; denn dieselbe war auf den Kirchenplaz des Thales hinaus
gegangen, um manche Bedürfnisse für den heutigen Tag einzukaufen.
Als sie wieder von der Küche herein gekommen war, stellte sich die Frau
vor Victor hin, und sagte: »Jetzt hast du dich erquikt, und nun höre mich an.
Wenn ich wirklich deine Mutter wäre, wie du mich immer nennst, so würde
ich recht böse auf dich werden, Victor; denn siehe ich muß dir sagen, daß
dein Wort groß Unrecht ist, welches du erst sagtest, daß dich nichts mehr
freue. Du verstehst es jetzt nur noch nicht, wie unrecht es ist. Wenn es selbst
etwas Trauriges wäre, das auf dich harrt, so solltest du ein solches Wort nicht
sagen. Siehe mich an, Victor, ich bin jetzt bald siebenzig Jahre alt, und sage
noch nicht, daß mich nichts mehr freue, weil einen alles, alles freuen muß, da
die Welt so schön ist und noch immer schöner wird, je länger man lebt. Ich
muß dir nur gestehen – und du wirst selber auf meine Erfahrung kommen,
wenn du älter wirst – als ich achtzehn Jahre alt war, sagte ich auch alle
Augenblicke, mich freut nichts mehr – ich sagte es nehmlich, wenn mir
diejenige Freude versagt wurde, die ich mir gerade einbildete. Dann wünschte
ich alle Zeit weg, welche mich noch von einer künftigen Freude trennte, und
bedachte nicht, welch ein kostbares Gut die Zeit ist. Wenn man älter wird,
lernt man die Dinge und Weile, welche auch noch immer kürzer wird, erst
recht schäzen. Alles, was Gott sendet, ist schön, wenn man es auch nicht
begreift – und wenn man nur recht nachdenkt, so sieht man, daß es blos lauter
Freude ist, was er gibt; das Leid legen wir nur selber dazu. Hast du im
Hereingehen nicht gesehen, wie der Sallat an der Holzplanke, von dem noch
gestern kaum eine Spur war, heute schon aller hervor ist?«
»Nein, ich habe es nicht gesehen,« antwortete Victor.
»Ich habe ihn vor Sonnenaufgang angeschaut, und mich darüber gefreut,«
sagte die Frau. »Ich werde es mir von nun an sogar so einrichten, daß kein
Mensch von mir mehr sagen kann, er habe mich eine Thräne aus Schmerz
weinen gesehen, wenn auch ein Schmerz käme, der doch wieder nur eine
andere Art Freude ist. In meiner Jugend habe ich große, große, und heiße
Schmerzen gehabt; aber sie sind alle zu meinem Wohle und zu meiner
Besserung – oft sogar zu irdischem Glüke ausgefallen. Ich sage das alles,
Victor, weil du bald fort gehst. Du solltest Gott sehr danken, mein Kind, daß
du die jungen Glieder und den gesunden Körper hast, um hinaus gehen und
alle die Freuden und Wonnen aufsuchen zu können, die nicht zu uns herein
kommen. – – Siehe, du hast kein Vermögen – dein Vater hat von dem
Mißgeschicke, das ihn hienieden traf, vieles selbst verschuldet, jenseits wird
er wohl die ewige Seligkeit haben; denn er war ein guter Mann und hat
immer ein weiches Herz gehabt, wie du. Als sie dich nach der Verordnung
des Testamentes deines verstorbenen Vaters zu mir brachten, damit du bei
mir lebest, und auf dem Dorfe für dich lernest, um was sie dich dann immer
in der Stadt fragen würden, hattest du so viel als nichts. Aber du bist
herangewachsen, und nun hast du sogar das Amt erhalten, um welches so
viele geworben haben, und um welches sie dich beneiden. Daß du jetzt fort
mußt, ist nichts, und liegt in der Natur begründet; denn alle die Männer
müssen von der Mutter, und müssen wirken. Du hast daher lauter Gutes
erfahren. Du sollst deßhalb zu Gott dein Gebet verrichten, daß er dir alles
gegeben hat, und du sollst demüthig sein, daß du die Gaben hast, es zu
verdienen. – – Siehst du, Victor, alles das zusammengefaßt, würde ich über
deine Rede böse sein, wenn ich deine Mutter wäre, weil du Gott den Herrn
nicht erkennst: aber weil ich deine Mutter nicht bin, so weiß ich nicht, ob ich
dir so viel Liebes und Gutes gethan habe, daß ich mich sonst auch erzürnen
darf, und zu dir sagen: Kind, das ist nicht recht von dir, und es ist ganz und
gar nicht gut.«
»Mutter, ich habe es auch in dem Sinne nicht gemeint, wie ihr es nehmt,«
sagte Victor.
»Ich weiß, mein Kind, und betrübe dich auch nicht zu sehr über meine
Rede,« erwiederte die Mutter. »Ich muß dir nun auch sagen, Victor, daß du
jezt gar nicht so arm bist, als du vielleicht denken magst. Ich habe dir oft
gesagt, wie ich erschroken bin – das heißt, aus Freude bin ich erschroken –
als ich erfahren habe, dein Vater hätte in sein Testament gesezt, daß du bei
mir erzogen werden sollest. Er hat mich schon recht gut gekannt und hat das
Vertrauen zu mir gehabt. Ich glaube, es wird nicht getäuscht worden sein.
Victor, mein liebes, mein theures Kind, ich werde dir jezt sagen, was du hast.
Du hast an Linnen – das ist der auserlesenste Theil unserer Kleider, weil er
am nächsten an dem Körper ist, und ihn schüzt und gesund erhält – so viel,
daß du täglich wechseln kannst, wie du es bei mir gelernt hast. Wir haben
alles ausgebessert, daß kein Faden davon schadhaft ist. Für die Zukunft wirst
du immer noch erhalten, was du brauchst. Hanna bleicht draußen Stüke,
wovon die Hälfte schon für dich gerechnet ist – und Striken, Nähen,
Ausbessern werden wir besorgen. Im andern Gewande bist du anständig; du
kannst dich dreimal anders anziehen, das nicht gerechnet, was du eben am
Leibe hast. Es ist jezt alles feiner hergerichtet worden, als du es bisher gehabt
hast; denn ein Mann, Victor, der sein erstes Amt antritt, ist wie ein
Bräutigam, der ausgestattet wird – und er soll auch im Stande der Gnade sein,
wie ein Bräutigam. Das Geld, welches sie mir alle Jahre für deinen Unterhalt
geben mußten, habe ich angelegt, und habe immer die Zinsen wieder dazu
gethan. Das hast du nun alles. Der Vormund weiß es nicht und braucht es
auch nicht zu wissen; denn du mußt ja auch etwas für dich haben, daß du es
ausgeben kannst, wenn sich andere sehen lassen, damit dir das Herz nicht zu
wehe thut. Wenn dir dein Oheim das kleine Gütchen entreißt, welches noch
da ist, so betrübe dich nicht, Victor; denn es sind so viele Schulden darauf,
daß kaum mehr ein einziger Dachziegel dazu gehört. Ich bin in dem Amte
gewesen, und habe mir es für dich aufschlagen lassen, damit ich es weiß.
Manches Mal einen Nothpfennig bekommst du schon von mir auch noch. So
ist alles gut. – Zu deinem Oheime mußt du nun schon die Reise machen, ehe
du in das Amt eintrittst, weil er es so wünscht. Wer weiß, wozu es gut ist – du
verstehst das noch nicht. Der Vormund erkennt auch die Nothwendigkeit, daß
du dich dem Wunsche einer Fußwanderung zu dem Oheime fügest. Hast du
gestern Rosina gesehen?«
»Nein, Mutter; wir sind spät Abends zurück gekommen, haben in dem
Zimmer Ferdinands gespeiset, und heute bin ich mit Tagesanbruch fort
gegangen, weil so viel zu thun ist. Der Vormund hat gesagt, daß ich meine
Fußreise über die Stadt antreten und bei dieser Gelegenheit von ihnen allen
Abschied nehmen soll.«
»Siehst du, Victor, Rosina könntest du einmal zu deiner Frau bekommen,
wenn du in deinem Berufe recht thätig bist. Sie ist sehr schön, und denke, wie
ihr Vater mächtig ist. Er hat die lästige Vormundschaft über dich sehr redlich
und fleißig verwaltet, und ist dir nicht abgeneigt; denn er hatte immer viele
Freude, wenn du deine Prüfungen gut gemacht hattest. Aber lassen wir das,
zu dieser Heirath ist es noch weit hin. – – Dein Vater könnte jezt auch so
hoch sein, oder noch höher; denn er hat einen gewaltigen Geist gehabt, den
sie nur nicht kannten. Deine eigene leibliche Mutter hat ihn nicht einmal
gekannt. Und gut ist er gewesen, so sehr gut, daß ich jezt noch manchmal
daran denke, wie er gar so gut gewesen ist. Deine Mutter ist auch recht lieb
und fromm gewesen, nur ist sie viel zu frühe für dich gestorben. – – Sei nicht
traurig, Victor – gehe nun hinauf in deine Stube, und bringe alles in Ordnung.
Die Kleider mußt du nicht auseinander reißen, sie liegen schon so, wie sie in
den Koffer passen. Sei bei dem Hineinlegen sorgsam, daß nichts zu sehr
verknittert wird. – So. – – Ehe du hinauf gehst, Victor, höre noch eine Bitte
von deiner Ziehmutter: wenn du heute oder morgen noch mit Hanna
zusammen triffst, so sage ihr ein gutes Wort; es ist nicht recht gewesen, daß
ihr euch nicht immer gut vertragen habt! – So, Victor, gehe nun; denn ein
Tag ist gar nicht so lange.«
Der Jüngling sagte gar nichts auf diese Rede, sondern er stand auf, und
ging hinaus, wie einer, dem das Herz in Wehmuth schwimmt. Und wie man
oft bei innerer Bewegung in der äußern ungeschikt ist geschah es ihm auch,
daß er die Schulter an die Fassung der Thür anstieß. Der Spiz ging mit ihm
hinauf.
Oben in seiner Stube, in der er nun so viele Jahre gewohnt hatte, war es
erst recht traurig; denn nichts stand so, wie es in den Tagen der ruhig
dauernden Gewohnheit gestanden war. Nur eines war noch so: der große
Hollunderbusch, auf den seine Fenster hinaus sahen, und das rieselnde
Wasser unten, das einen feinen zitternden Lichtschein auf die Deke seines
Zimmers herauf sandte; die Berge waren noch, die sonnenhell schweigend
und hüthend das Thal umstehen; und der Obstwald war noch, der im Grunde
des Thales in Fülle und Dichte das Dorf umhüllt, und recht fruchtbar und
segenbringend in der warmen Luft ruht, die zwischen die Berge geklemmt ist.
Alles andere war anders. Die Laden und Fächer der Kästen waren heraus
gerissen und leer, und ihr Inhalt lag außen auf ihnen herum: die blüthenweiße
Linnenwäsche, nach Stüken geordnet – dann die Kleider, rein zusammen
gelegt und in gehörige Stöße abgetheilt – andere Dinge, die theils in den
Koffer gepakt werden sollten, theils in das Wanderränzchen gehörten, das
schon geöffnet auf einem Sessel lag und wartete – auf dem Bette waren
fremde Sachen, auf dem Boden stand der Koffer mit gelöstem Riemzeug und
lagen zerrissene Papiere: nur die Taschenuhr, auf ihrem gewöhnlichen Plaze
hängend, pikte, wie sonst, und nur die Bücher standen in den Schreinen, wie
sonst, und harrten auf ihren Gebrauch.
Victor sah das alles an, aber er that nichts. Statt einzupaken, sezte er sich
auf einen Stuhl, der in der Eke des Zimmers stand, und drükte den Spiz an
sein Herz. Dann blieb er sizen.
Die Klänge der Thurmuhr kamen durch die offenen Fenster herein, wie sie
die Stunde ausschlug, aber Victor wußte nicht, die wie vielte es sei – die
Magd, welche zurük gekommen war, hörte man aus dem Garten herauf
singen – auf den fernen Bergen glizzerte es zuweilen, als wenn ein blankes
Silberstük oder ein Glastäfelchen dort läge – das Lichtzittern auf der
Stubendeke hatte aufgehört, weil die Sonne schon zu hoch hinüber gegangen
war – das Horn des Hirten war zu vernehmen, der auf den Bergen seine
Thiere trieb – die Uhr schlug wieder: aber der Jüngling saß immer auf dem
Stuhle und der Hund saß vor ihm und schaute ihn unbeweglich an.
Endlich als er die Tritte seiner Mutter über die Treppe herauf hörte, sprang
er plözlich auf und stürzte an sein Geschäft. Er riß die Flügel des
Bücherkastens auseinander und begann schnell die Bücher stoßweise auf den
Boden heraus zu legen. Die Frau aber stekte blos ein wenig den Kopf bei der
gelüfteten Thür herein, und da sie ihn so beschäftigt sah, zog sie sich wieder
zurük und ging auf den Zehen davon. Er aber, da er sich einmal in Thätigkeit
gesezt hatte, blieb auch dabei und arbeitete feuereifrig fort.
Alle Bücher wurden aus den zwei Bücherkästen heraus gethan, bis sie leer
waren und die ledigen Fächer in das Zimmer starrten. Dann band er die
Bücher in Stöße und legte sie in eine bereit stehende Kiste, deren Dekel er,
als die Bücher untergebracht waren, fest schraubte und mit einer Aufschrift
versah. Hierauf ging er an seine Papiere. Alle Fächer des Schreibtisches und
der zwei andern Tische wurden heraus gezogen, und alle Schriften, die darin
waren, Stük für Stük untersucht. Einiges wurde blos angeschaut und an
bestimmten Stellen zum sofortigen Einpaken zusammen gelegt, anderes
wurde gelesen, manches zerrissen und auf die Erde geworfen, und manches
in die Rok- oder Brieftasche gelegt. Endlich, da auch alle Tischfächer leer
waren und auf ihren Boden nichts zeigten, als den traurigen Staub, der die
langen Jahre her hinein gerieselt war, und die Spalten, die sich unterdessen in
dem Holze gebildet hatten, band er auch die hingelegten Schriften in Bündel,
und legte sie in den Koffer. Nun ging er an die Kleider und an das
Kofferpaken. Manches Gedenkstük früherer Tage, als ein kleines silbernes
Handleuchterchen, ein Futteral mit einer Goldkette, ein Fernrohr, zwei kleine
Pistolen und endlich seine geliebte Flöte wurden unter die weiche, schonende
Wäsche untergebracht. Als alles beendet war, wurde der Dekel geschlossen,
das Riemzeug verschnallt, das Schloß gesperrt, und oben eine Aufschrift
aufgeklebt. Der Koffer und die Kiste mußten fort gesendet werden, das
Ränzchen aber, welches noch auf dem Stuhle lag, sollte die Dinge enthalten,
welche er auf seine Fußwanderung mitnehmen würde. Er pakte es schnell
voll und schnallte es dann mit seinem Riemzeug zusammen.
Als er nun mit allem fertig war, schaute er noch einmal in dem Zimmer
und an den Wänden herum, ob nichts liege oder hänge, was noch eingepakt
werden müsse: aber es war nichts mehr da, und die Stube blikte ihn verwüstet
an. Unter dem Gewirre der fremden Dinge und der ebenfalls gleichsam
fremdgewordenen Geräthe stand das einzige Bett noch, wie bisher; aber auch
auf ihm lag verunreinigender Staub, oder lagen Stüke zerrißenen Papieres. So
stand er eine Weile. Der Spiz, der bisher dem Treiben mit Verdacht
schöpfenden Augen zugeschaut hatte, und keinen einzigen Handgriff außer
Acht lassend bald rechts bald links ausgewichen war, je nachdem er den
Jüngling hinderte, stand nun auch ruhig vor ihm, und blikte empor, gleichsam
fragend: »Was nun?«
Victor aber wischte sich mit der flachen Hand und mit dem Tuche den
Schweis von der Stirne, nahm eine Bürste, die da lag, fegte damit den Staub
von seinen Kleidern und stieg dann die Treppe hinab.
Es war indessen viele Zeit vergangen, und die Dinge hatten sich unten
geändert. In der Stube war niemand. Die Morgensonne, welche so freundlich
hereingeschienen und die Fenstervorhänge so schimmerweiß gemacht hatte,
als er heute früh aus der Stadt gekommen war, ist nun eine Mittagssonne
geworden, und stand gerade über dem Dache, ihr blendend Licht und ihren
warmen Strom auf das graue Holz desselben nieder senkend. Die Obstbäume
standen ruhig, ihre am Morgen so nassen und funkelnden Blätter sind troken
geworden, glänzen nur mehr matt, regen sich nicht, und die Vögel in den
Zweigen piken ihr Futter. Die Fenstervorhänge sind zurük geschlagen, die
Fenster offen, und die heiße Landschaft schaut herein. In der Küche lodert
ein glänzendes rauchloses Feuer, die kochende Magd steht dabei. – Alles ist
in jener tiefen Stille, von der die Heiden einst sagten: »Pan schläft.«
Victor ging in die Küche, und fragte, wo die Mutter sei.
»In dem Garten, oder sonst wo herum,« antwortete die Magd.
»Und wo ist Hanna?« fragte Victor wieder.
»Sie ist vor wenigen Augenbliken hier gewesen,« erwiederte die Magd,
»ich weiß nicht, wo sie hingegangen ist.«
Victor ging in den Garten hinaus und ging zwischen reinlichen Beten
dahin, die er so lange gekannt hatte, und auf denen die verschiedenen Dinge
knospeten und grünten. Der Gartenknecht sezte Pflanzen und sein Söhnlein
pumpte Wasser, wie es sonst oft gewesen war. Victor fragte um die Mutter:
man hatte sie in dem Garten nicht gesehen. Er ging weiter an Johannisbeeren,
Stachelbeeren, an Obstbäumen und Heken vorüber. Zwischen den Stämmen
stand das hohe Gras und in den Einfassungen blühten manche Blümlein. Von
der Gegend des Glashauses, dessen Fenster in der Wärme offen standen,
tönte eine Stimme herüber: »Victor, Victor!«
Der Gerufene, welcher durch seine feurige Arbeit in seiner Stube oben
einen Theil der Bekümmerniß zerstreut hatte, die wegen der nahen Fortreise
über ihn gekommen war, wendete bei diesem Rufe sein erheitertes Antliz
gegen die Glashäuser. Es stand ein schönes, schlankes Mädchen dort,
welches ihm winkte. Er schritt den nächsten Weg durch das Gartengras zu ihr
hinüber.
»Victor,« sagte sie, als er bei ihr angelangt war, »bist du denn schon da,
ich habe ja gar nichts davon gewußt, wann bist du denn gekommen?«
»Ja sehr früh Morgens, Hanna!«
»Ich bin mit der Magd einkaufen gewesen, darum habe ich dich nicht
ankommen gesehen. Und wo bist du denn dann darauf gewesen?«
»Ich habe in meiner Stube meine Sachen eingepakt.«
»Die Mutter hat mir auch gar nicht gesagt, daß du schon da seiest, und so
habe ich gemeint, du würdest etwa lange geschlafen haben und erst
Nachmittags aus der Stadt herüber kommen.«
»Das war eine thörichte Meinung, Hanna. Werde ich denn bis in den Tag
schlafen, oder bin ich denn ein Schwächling, der einen Spaziergang vom
Tage vorher durch Ruhe verwinden muß, oder ist es etwa weit herüber, oder
soll ich die Mittagshize wählen?«
»Warum hast du denn gestern gar nicht auf unsere Fenster herüber
geschaut, Victor, da ihr vorbei ginget?«
»Weil wir Ferdinand's Geburtstag feierten, und nach Einverständniß der
Eltern den ganzen Tag für uns besaßen. Deßwegen hatten wir keinen Vater,
keine Mutter, noch sonst jemanden, der uns etwas befehlen durfte. Darum
war auch unser Dorf blos der Ort, wo wir zu Mittag essen wollten, weil es so
schön ist, weiter nichts. Verstehst du es?«
»Nein; denn ich hätte doch herüber geschaut.«
»Weil du alles vermengst, weil du neugierig bist und dich nicht
beherrschen kannst. Wo ist denn die Mutter? ich habe ihr etwas
Nothwendiges zu sagen: erst war ich nur nicht gleich gefaßt, da sie mit mir
redete, jezt weiß ich aber schon, was ich antworten soll.«
»Sie ist auf der Bleiche.«
»Da muß ich also hinüber gehen.«
»So gehe, Victor,« sagte das Mädchen, indem es sich um die Eke des
Glashauses hinum wendete.
Victor ging sofort, ohne sonderlich auf sie zu achten, gegen die ihm
wohlbekannte Bleiche.
Es ist hinter dem Garten ein Plaz mit kurzem samtenen Grase, auf
welchem weithin in langen Streifen die Leinwand aufgespannt lag. Dort stand
die Mutter und betrachtete den wirthlichen Schnee zu ihren Füssen. Zuweilen
prüfte sie die Stellen, ob sie schon troken seien, zuweilen befestigte sie eine
Schlupfe an dem Haken, mit dem das Linnen an den Boden gespannt war,
zuweilen hielt sie die flache Hand wie ein Dächlein über die Augen und
schaute in der Gegend herum.
Victor trat zu ihr.
»Bist du schon fertig,« sagte sie, »oder hast du dir etwas auf Nachmittag
gelassen? Nicht wahr, es ist viel, wie wenig es auch aussieht. Du bist heute
weit gegangen, thue den Rest nach dem Essen, oder morgen. Ich hätte gestern
alles selber paken können, und wollte es auch thun; aber da dachte ich: er
muß selber daran gehen, daß er es lernt.«
»Nein, Mutter,« antwortete er, »ich habe nichts übrig gelassen, ich bin
schon ganz fertig.«
»So?« sagte die Mutter, »laß sehen.«
Bei diesen Worten griff sie gegen seine Stirne. Er neigte sich ein wenig
gegen sie, sie streifte ihm eine Loke, die sich bei der Arbeit nieder gesenkt
hatte, weg, und sagte: »du hast dich recht erhizt.«
»Es ist schon der Tag so warm,« antwortete er.
»Nein, nein, es ist auch vom Arbeiten. Und wenn du alles gethan hast, so
mußt du heute und morgen schon in deinen Reisekleidern bleiben, und was
wirst du denn da immer thun?«
»Ich gehe an dem Bache hinauf, an dem Buchengewände und so herum.
Die Kleider behalte ich an. – – Aber ich bin wegen etwas anderem heraus
gekommen, Mutter, und möchte gerne etwas sagen, aber es wird euch
erzürnen.«
»So erschreke mich nicht, Kind, und rede. Willst du noch etwas? Geht
noch irgend ein Ding ab?«
»Nein, es geht keines ab, eher ist um eines zu viel. Ihr habt heute eine
Rede gethan, Mutter, die mir gleich damals nicht zu Sinne wollte, und die ich
nun doch nicht wieder aus demselben bringe.«
»Welche Rede meinst du denn, Victor?«
»Ihr habt gesagt, daß euch zu meinem Unterhalte ein Geld angewiesen
worden sei, das Ihr alle Jahre empfangen solltet. – Ihr habt gesagt, daß Ihr das
Geld empfangen habt – und ferner habt Ihr gesagt, daß Ihr das Geld für mich
auf Zinsen angelegt, und allemal auch die Zinsen dazu gethan habt.«
»Ja, das habe ich gesagt, und das habe ich gethan.«
»Nun seht, Mutter, da sagt mir mein Gewissen, daß es nicht recht sei, wenn
ich das Geld von Euch annehme, weil es mir nicht gebührt – und da bin ich
gekommen, um es Euch vorher lieber im Guten zu sagen, als daß ich nachher
das Geld ausschlüge und Euch erzürnte. – Seid Ihr böse?«
»Nein, ich bin nicht böse,« sagte sie, indem sie ihn mit freudestrahlenden
Augen ansah – – »aber sei kein thörichtes Kind, Victor! Du siehst wohl ein,
daß ich dich nicht des Gewinnes wegen in mein Haus aufgenommen habe –
um des Gewinnes willen hätte ich nie ein Kind genommen – daher ist ja das,
was von dem Gelde jährlich übrig geblieben ist, von rechtswegen dein. Höre
mich an, ich werde es dir erklären. Die Kleider hat der Vormund herbei
geschafft, für Speisen hast du keine Auslagen verursacht – du aßest ja kaum,
wie ein Vogel, und das Gemüse und das Obst und das andere, wovon du
genossest, das hatten wir ja alles selbst. Siehst du nun? – Und daß ich dich so
lieb gewonnen habe, das hat mir dein Vater nicht aufgetragen, das stand auch
in keinem Testamente, und dafür kannst du nichts. Begreifst du nun alles?«
»Nein, ich begreife es nicht, und es ist auch nicht so. Ihr seid nur wieder zu
gut, daß Ihr nichts als Scham auf mein Herz ladet. Wenn nach Abzug der
Kosten wirklich in jedem Jahre etwas übrig geblieben wäre, und Ihr hättet das
für mich aufbewahrt, so wäre es schon nur eine Liebe und Güte gewesen; und
nun sagt Ihr, daß alles übrig geblieben ist, – was man fast nur mit Schmerzen
anhören kann. – Ihr habt ohnedies gethan, was kaum zu verantworten ist: Ihr
habt mir nicht nur eine schöne Stube gegeben, sondern habt auch gerade das
hinein gestellt, was mir lieb und werth war; Ihr habt mir Speise und Trank
verschafft und Euch nur Arbeit. Das ganze Reisegeräthe habt Ihr jetzt wieder
gekauft; von Euren Feldern und Gärten habt Ihr das Nöthige abgekargt, daß
schöne Linnen und anderes in meiner Lade liegen – – und wenn ich in
früheren Zeiten alles hatte, was ich bedurfte, so ginget Ihr hin, und gabet mir
noch etwas – und wenn ich auch das hatte, so stektet Ihr mir jeden Tag noch
heimlich zu, was Euch däuchte, daß es mich freuen wird. – Ihr habt mich
lieber gehabt als Hanna!«
»Nein, mein Victor, da thust du mir Unrecht. Du verstehst das Gefühl noch
nicht. Was nicht vom Herzen geht, geht nicht wieder zu Herzen. Hanna ist
meine leibliche Tochter – ich habe sie im Schoße unter dem eigenen Herzen
getragen, das ihrer Ankunft entgegen schlug – ich habe sie dann geboren: in
spätem Alter ist mir das Glük zu Theil geworden, als ich schon hätte ihre
Großmutter sein können – mitten unter dem Schmerze über den Tod ihres
Vaters habe ich sie doch mit Freuden geboren – dann habe ich sie erzogen – –
und sie ist mir daher auch lieber. Ich habe aber auch dich sehr geliebt, Victor.
Seit du in dieses Haus gekommen und aufgewachsen bist, liebte ich dich
sehr. Oft war es mir, als hätte ich dich wirklich unter dem Herzen getragen –
– und ich hätte dich ja eigentlich unter diesem Herzen tragen sollen; es war
Gottes Wille, wenn es auch nachher anders geworden ist – ich werde dir das
erzählen, wenn du älter geworden bist. Und zulezt, daß ich es sage, um Gott
und der Wahrheit die Ehre zu geben, ihr werdet mir wohl beide gleich lieb
sein. – – Mit dem Gelde machen wir es so, Victor: man muß keinem
Menschen in seinem Gewissen Gewalt anthun, und ich dringe daher nicht
mehr in dich; lassen wir das Geld anliegen bleiben, wo es jezt liegt, ich werde
eine Schrift verfertigen, daß es dir und Hanna ausgefolgt werde, wenn ihr
großjährig seid; dann könnt ihr es theilen, oder sonst darüber verfügen, wie
ihr wollt. Ist es dir so recht, Victor?«
»Ja, dann kann ich ihr alles geben.«
»Lasse das nur jezt ruhen. Wenn die Zeit kömmt, wird sich schon finden,
was mit dem Gelde zu machen sei. Ich will dir noch auf das andere
antworten, was du gesagt hast, Victor. Wenn ich dir heimlich Gutes that, so
that ich es auch Hanna. Die Mütter machen es schon so. Seit du in unser Haus
gekommen bist, ist es beinahe, als wäre ein größerer Segen gekommen. Ich
konnte für Hanna jährlich mehr ersparen, als sonst. Die Sorge für zwei ist
geschiktere und geübtere Sorge, und wo Gott für zwei zu segnen hat, segnet
er oft für drei. – – O Victor! die Zeit ist recht schnell vergangen, seit du da
bist. Wenn ich so zurük denke in meine einstige Jugend, so ist es mir: wo
sind denn die Jahre hingekommen, und wie bin ich denn so alt geworden? Da
ist noch alles so schön, wie gestern – die Berge stehen noch, die Sonne strahlt
auf sie herunter, und die Jahre sind dahin, als wie ein Tag. – Wenn du
nachmittag, wie du sagst, oder etwa morgen noch einmal in den Wald hinauf
gehst, so suche eine Stelle auf – man könnte sie von hier beinahe sehen –
siehst du, dort oben in der Bergrinne, wo das Licht gleichsam über die grünen
Buchen herab rieselt. – Die Stelle ist für dich bedeutsam. Es quillt ein
Brünnlein hervor und fließt in der Bergrinne nieder, über das Brünnlein legt
sich ein breiter flacher Stein, und eine sehr alte Buche steht dabei, welche
unten einen langen Ast ausstrekt, auf den man Tücher legen, oder einen
Frauenhut aufhängen kann.«
»Ich kenne die Stelle nicht, Mutter, aber wenn Ihr wollt, werde ich hinauf
gehen und sie aufsuchen.«
»Nein, Victor, dir ist sie doch nicht so nahe, wie mir – auch wirst du
andere wissen, die in deinen Augen schöner sind. Lassen wir das. Sei über
alles ruhig, denke nicht mehr an das Geld und sei nicht traurig. Ich weiß es,
der Schmerz über die Scheidung ist schon in dir, und da nimmst du alles
tiefer auf, als es ist. – – Du sagtest, daß du heute noch an dem
Buchengewände hinauf gehen willst: hast du aber auch gesehen, wie sich
kein Zweiglein in dem Garten rührt, und die Baumwipfel gleichsam in den
Lüften stoken; ich denke, es könnte ein Gewitter kommen, du mußt nicht zu
weit gehen.«
»Ich gehe nicht zu weit, und ich kenne schon die Gewitterzeichen; wenn
sich einige zeigen, gehe ich nach Hause.«
»Ja, Victor, halte es so, und es ist gut. Willst du nach einem Weilchen mit
mir in die Stube hinein gehen – es ist schon bald Mittag – oder willst du noch
lieber hier herum sein, bis es Zeit zum Essen wird?«
»Ich will noch ein wenig in dem Garten bleiben.«
»So bleibe in dem Garten. Ich werde hier noch die Schlupfen befestigen
und nachsehen, ob mir das Geflügel nicht wieder die Leinwand verunreinigt
hat.«
Er blieb noch eine Zeit bei ihr stehen und sah ihr zu. Dann ging er in den
Garten und sie blikte ihm nach.
Hierauf befestigte sie die eine Schlupfe, und dann die andere, bis keine
mehr fehlte. Sie wischte das Stükchen Erde weg, das ein Gänsefuß oder ein
anderer auf das Linnen gebracht hatte. Sie lüftete jezt diese und jezt jene
Stelle, daß sie nicht zu sehr an dem Grase klebe. – – Und so oft sie aufsah,
sah sie sich nach Victor um, und erblikte ihn vor dem einen oder dem andern
Busche des Gartens stehend, oder herum gehend, oder über die Planke hinaus
nach der Gegend schauend. Dies dauerte so lange, bis plözlich in der stillen,
heißen Luft das klare Mittagsglöklein klang – für die Gemeinde das Zeichen
zum Gebete, und für dieses Haus nach stettiger Gewohnheit zugleich das
Zeichen, daß man sich zum Mittagsessen versammeln solle. Die Mutter sah
noch, wie sich Victor auf den Schall des Glökleins umwandte und dem Hause
zuschritt. Dann folgte sie ihm.
Als der Jüngling in das Haus trat, sah er, daß unterdessen Gäste gekommen
waren, nehmlich der Vormund und seine Familie. Man hatte, wie es bei
solchen Gelegenheiten oft geschieht, Victor eine Ueberraschung machen und
nebstbei einen Tag auf dem Lande zubringen wollen.
»Du siehst, mein lieber Mündel,« sagte der Vormund zu dem erstaunten
Jünglinge, »daß wir artig sind. Wir wollen dich heute noch einmal sehen und
ein Abschiedsfest feiern. Du kannst dann übermorgen, oder wann deine
Reiseanstalten fertig sind, deines geraden Weges über die Berge wandern,
ohne, wie wir verabredet haben, noch einmal die Stadt zu berühren, um von
uns Abschied zu nehmen. Genieße dann nur recht deine wenigen noch
übrigen Tage der Freiheit, bis du in das Joch der harten Arbeit mußt.«
»Sei mir gegrüßt, mein Sohn,« sagte die Gattin des Vormunds, und küßte
Victor, der sich auf ihre Hand niederbeugen wollte, auf die Stirne.
»Nicht wahr, das ist schön geworden, wie es jezt ist?« sagte Ferdinand, der
Sohn, indem er dem Freunde die Hand schüttelte.
Rosina, die Tochter, welche ein wirklich recht schönes zwölfjähriges
Mädchen war, stand seitwärts, sah freundlich um sich, und sagte nichts.
Victors Ziehmutter mußte um den bevorstehenden Besuch gewußt haben;
denn der Tisch war gerade für so viele Menschen gedekt, als da waren. Sie
grüßte alle sehr freundlich, als sie herein kam, ordnete an, in welcher Reihe
man an dem Tische sizen sollte, und sagte: »Siehst du, Victor, wie dich alle
doch lieb haben.«
Die Speisen kamen und das Mahl begann.
Der Vormund und seine Gattin saßen oben an, neben Rosinen wurde
Hanna, die Ziehschwester Victors, gesezt, den Mädchen gegenüber waren die
Jünglinge, und ganz unten hatte sich als Wirthin die Mutter hingesezt, die
häufig aus und ein zu gehen und zu sorgen hatte.
Man genoß die ländlichen Gerichte.
Der Vormund erzählte Reiseabentheuer, die er selbst erlebt hatte, da er
noch in den Schulen war, er gab Regeln, wie man mit mäßigem Frohsinne die
Welt genießen solle, und unterwies Victor, wie er sich nun zunächst zu
benehmen habe. Die Gattin des Vormunds spielte auf eine künftige Braut an,
und Ferdinand sagte, er würde den Freund sehr bald besuchen, wenn derselbe
nur einmal in seinen Standort würde eingerükt sein. Victor redete wenig, und
versprach alles genau zu befolgen, was ihm der Vormund anrieth und
einprägte. Den Brief, den er ihm an den Oheim mit gab, zu welchem Victor
nun unmittelbar und zwar auf die ausdrükliche sonderbare und etwas
eigensinnige Forderung des Oheims selbst zu Fusse zum Besuche kommen
mußte, versprach er recht gut aufzubewahren, und sogleich bei der Ankunft
abzugeben.
Als es gegen Abend ging, machten sich die Stadtbewohner auf den
Heimweg. Sie ließen ihren Wagen, der in dem Gasthause gehalten hatte, in
dem engeren Thale bis zu seiner Mündung in das weitere vorausgehen, und
wurden von ihrer Wirthin und Victor und Hanna begleitet.
»Lebt wohl, Frau Ludmilla,« sagte der Vormund, als er in den Wagen
stieg, »lebe wohl, Victor, und befolge alles, was ich dir gesagt habe.«
Als er in den Wagen gestiegen war, als Victor noch einmal gedankt und
man sich allseitig empfohlen hatte, flogen die Pferde davon.
Es war heute schon zu spät, daß Victor noch weit in den Wald hinauf
gegangen wäre. Er blieb zu Hause, sah verschiedene Dinge in dem Garten an,
und untersuchte noch einmal alle Habe, die er in sein Ränzchen gepakt hatte.
3. Abschied
Der andere Tag, der letzte, den Victor in diesem Hause zuzubringen hatte,
brachte nichts Ungewöhnliches. Man pakte noch manches, man ordnete das
schon Geordnete noch einmal, man that, wie es in solchen Fällen sehr
gewöhnlich ist, gegen einander, als sollte gar nichts vorfallen, und so war der
Vormittag bald vorüber.
Nach dem Mittagsessen, als man kaum aufgestanden war, ging Victor
schon an dem Bache durch die Gegend hinauf, und wandelte für sich allein
dem Buchengewände und dessen Steinhängen zu.
»Laß ihn gehen, laß ihn gehen,« sagte die alte Frau für sich, »das Herz
wird ihm schwer sein.«
»Mutter, wo ist denn Victor?« fragte Hanna einmal im Laufe des
Nachmittages.
»Er ist Abschied nehmen gegangen,« antwortete diese, »von der Gegend
ist er Abschied nehmen gegangen. Mein Gott! er hat ja nichts anders. Der
Vormund, ein so vortrefflicher und vorsorglicher Mann er ist, ist ihm doch
ferne, und so sind es auch die Angehörigen des Vormundes.«
Hanna erwiederte auf diese Worte nichts – – gar nicht den leisesten Laut
erwiederte sie darauf, und ging zwischen das Gebüsche der kleinen
Pflaumenbäume hinein.
Der Rest des Nachmittages verging in diesem Hause, wie gewöhnlich. Die
Menschen verbrachten ihn mit den Arbeiten, die ihnen zukamen, die Vögel in
ihren Bäumen verzwitscherten ihn, die Hühner gingen in dem Hofe herum,
die Gräser und Pflanzen gediehen ein wenig weiter, und die Berge schmükten
sich mit Abendgold.
Als die Sonne schon von dem Himmel verschwunden war, und nur mehr
die goldblasse, ahnungsreiche Kuppel über dem Thale stand – darum
ahnungsreich, weil sie morgen als eben so goldblasse Frühkuppel über dem
Thale stehen, und denjenigen auf immer fortführen wird, den hier alle so
lieben – als diese Kuppel über dem Thale glänzte, kam Victor von seinem
Gange, auf den er sich so eilig nach dem Essen begeben hatte, zurük. Er ging
längs der Gartenplanke, um das Pförtchen zu gewinnen, das von der
Leinwandbleiche hineinführt. Die weißen Linnenstreifen waren nicht mehr
da, nur das grünere und nassere Gras wies die Stellen, wo sie unter Tags
gelegen waren – manche Fenster waren über die Gartenbeete gedekt, weil der
blanke Himmel eine kühle Nacht versprach – von dem Hause stieg ein
dünnes Rauchsäulchen auf, weil die Mutter schon vielleicht für das
Abendessen sorgte. Victor hatte sein Angesicht dem Abendhimmel
zugewendet, es wurde von demselben sanft beleuchtet, die kühlere Luft floß
durch seine Haare, und der Himmel spiegelte sich in dem trauernden Auge.
Hanna hatte ihn beinahe dicht an sich vorüber gehen gesehen, da sie an der
inneren Wand der Gartenplanke stand, aber sie hatte nicht den Muth gehabt,
ihn anzureden. Das Mädchen war beschäftigt von einem struppigen
geschornen Busche Stüke eines Seidenstoffes herab zu lesen, die in einem
getrennten Kleide bestanden, gefärbt worden waren, und unter Tags zum
Troknen sich auf dem Busche befunden hatten. Stük nach Stük nahm sie
herab, und legte sie auf ein Häufchen zusammen. Da sie nach einer Weile
umblikte, sah sie Victor im Garten bei der großen Rosenheke stehen.
Später sah sie ihn wieder bei der Heke des blauen Hollunders stehen, der
schon Knospen hatte. Der Hollunder aber war viel näher gegen sie her, als die
Rosenheke. Dann ging er wieder ein wenig weiter, und endlich kam er zu ihr
herzu, und sagte: »Ich will dir etwas hinein tragen helfen, Hanna.«
»Ach nein, Victor, ich danke dir,« antwortete sie, »es sind ja nur ein par
leichte Läppchen, die ich färbte und hier troknen ließ.«
»Hat sie dir die Sonne denn nicht sehr ausgezogen?«
»Nein; dieses Blau muß man in die Sonne legen, vorzüglich in die
Frühlingssonne, da wird es immer schöner.«
»Nun, und ist es schön geworden?«
»Sieh her.«
»Ach ich verstehe es doch nicht.«
»Es ist nicht so schön geworden, wie die Bänder im vorigen Jahre, aber
doch schön genug.«
»Es ist sehr feine Seide.«
»Sehr fein.«
»Gibt es noch feinere?«
»Ja, es gibt noch viel feinere.«
»Und möchtest du recht viele schöne seidene Kleider haben?«
»Nein; sie sind zum Festtagsgewande sehr vorzüglich; aber da man nicht
viel Festgewand braucht, so wünsche ich nicht viel Seide. Die andern Kleider
sind auch schön, und Seide ist immer ein stolzes Tragen.«
»Ist der Seidenwurm nicht ein recht armes Ding?«
»Warum, Victor? «
»Weil man ihn tödten muß, um sein Gewebe zu bekommen.«
»Thut man das?«
»Ja, man siedet sein Gespinnst im Wasserdunst, oder räuchert es in
Schwefel, damit das Thier drinnen stirbt; denn sonst frißt es die Fäden durch,
und kömmt als Schmetterling heraus.«
»Armes Thier!«
»Ja – und in unsern Zeiten trennt man ihn auch von seinem armen
Vaterlande – siehst du, Hanna – wo er auf sonnigen Maulbeerbäumen herum
kriechen könnte, und füttert ihn in unsern Stuben mit Blättern, die draußen
wachsen und auch nicht so heiter sind, wie in ihrem Vaterlande. – – Und die
Schwalben, und die Störche und die andern Zugvögel gehen im Herbste von
uns fort, vielleicht weit, weit in die Fremde; aber sie kommen im Frühlinge
wieder. – – Es muß die Welt doch eine ungeheure, ungeheure Größe haben.«
»Mein armer Victor, rede nicht solche Dinge.«
»Ich möchte dich um etwas fragen, Hanna.«
»So frage mich, Victor.«
»Ich muß dir noch vielmal danken, Hanna, daß du mir die schöne
Geldbörse gemacht hast. Das Gewebe ist so fein und weich, und die Farben
sind recht schön. Ich habe sie mir aufbewahrt, und werde kein Geld hinein
thun.«
»Ach, Victor, das ist ja schon lange her, daß ich dir die Börse gab, und es
ist nicht der Mühe werth, daß du mir dankst. Thue du nur dein Geld hinein,
ich werde dir eine neue machen, wenn diese schlecht wird, und so immer
fort, daß du nie einen Mangel haben sollst. Ich habe dir zu deiner jezigen
Abreise noch etwas gemacht, das viel schöner ist, als die Börse, aber die
Mutter wollte, daß ich es dir erst heute Abends oder morgen früh geben
sollte.«
»Das freut mich, Hanna, das freut mich sehr.«
»Wo bist du denn den ganzen Nachmittag gewesen, Victor?«
»Ich bin an dem Bache hinaufgegangen, weil ich so lange Weile hatte. Ich
habe in das Wasser geschaut, wie es so eilig und emsig unserm Dorfe
zurieselt, wie es so dunkel und wieder helle ist, wie es um die Steine und um
den Sand herum trachtet, um nur bald in das Dorf zu kommen, in welchem es
dann doch nicht bleibt. Ich habe das Steinübergehänge angeschaut, das da
steht und unaufhörlich in die Wellen blikt. Zulezt bin ich in den Buchenwald
hinauf gegangen, wo die Stämme schön sein werden, wenn ein oder zwei
oder gar zehn Jahre verflossen sind. Die Mutter hat mir von einem Plaze
erzählt, wo ein flacher Stein über ein Brünnlein liegt, und eine alte Buche mit
einem tiefen langen Aste steht. Ich konnte den Plaz nicht finden.«
»Das ist das Buchenbrünnlein im Hirschkar. Es wachsen gute Brombeeren
herum, ich weiß den Plaz recht gut, und werde ihn dir morgen zeigen, wenn
du willst.«
»Morgen bin ich ja nicht mehr da, Hanna.«
»Ach so, morgen bist du nicht mehr da. Ich meine immer, daß du stets da
sein sollst.«
»Ach nein. – – Liebe Hanna, theile diese seidenen Fleke ab, ich will sie dir
doch hinein tragen helfen.«
»Ich weiß nicht, wie du heute bist, Victor; die Dinge da sind ja so leicht,
daß ein Kind das Zehnfache davon zu tragen vermöchte.«
»Es ist auch nicht wegen der Schwere, sondern ich möchte sie dir nur
tragen.«
»Nun so trage einen Theil, ich werde sie gleich ordnen. Willst du schon in
das Haus hinein gehen, so raffen wir schnell zusammen, was noch da ist, und
gehen.«
»Nein, nein, ich will nicht hinein gehen – es ist ja nicht so spät, ich möchte
noch in dem Garten bleiben. – – Und das von der Börse ist es auch nicht
allein, was ich dir zu sagen habe.«
»So sprich, Victor, was ist es denn?«
»Die vier Tauben, die ich bisher ernährt habe – sie sind freilich nicht so
schön, aber sie erbarmen mir doch, wenn sie nun niemand pflegt.«
»Ich will sorgen, Victor, ich will ihnen den Schlag am Morgen öffnen und
am Abende schließen; ich will Sand streuen und ihnen Futter geben.«
»Dann muß ich dir noch für die viele Leinwand danken, die ich mit
bekomme.«
»Um Gottes willen, ich habe sie dir ja nicht gegeben, sondern die Mutter –
auch haben wir ja noch genug in unsern Schreinen, daß wir ihren Abgang
nicht empfinden.«
»Das kleine silberne Kästchen von meiner verstorbenen Mutter, weißt du,
das wie ein Trühelchen aussieht, mit der durchbrochenen Arbeit und dem
kleinen Schlüsselchen, das dir immer so gefallen hat – das habe ich gar nicht
eingepakt, weil ich es dir zum Geschenke da lasse.«
»Nein, das ist zu schön, das nehme ich nicht.«
»Ich bitte dich, nimm es, Hanna, du thust mir einen sehr großen Gefallen,
wenn du es nimmst.«
»Wenn ich dir einen großen Gefallen thue, so will ich es nehmen, und es
dir aufheben, bis du kommst, und es dir sorgfältig bewahren.«
»Und die Nelken pflege, die armen Dinge an der Planke – hörst du – und
vergiß den Spiz nicht; er ist zwar schon alt, aber ein treues Thier.«
»Nein, Victor, ich vergesse ihn nicht.«
»Aber ach, das ist es ja alles nicht, was ich eigentlich zu sagen habe – – ich
muß etwas anderes sagen.«
»Nun so rede, Victor!«
»Die Mutter hat gesagt, ich möchte heute noch ein freundliches Wort zu
dir sagen, weil wir öfter mit einander gezankt haben – ich möchte noch gut
reden, ehe ich auf immer fort gehe – – und da bin ich gekommen, Hanna, um
dich zu bitten, daß du nicht auf mich böse seiest.«
»Wie redest du nur, ich bin ja in meinem ganzen Leben nicht böse auf dich
gewesen.«
»O ich weiß es jezt recht gut, du bist immer die Gequälte und Geduldige
gewesen.«
»Victor, ängstige mich nicht, das ist dir nur heute so.«
»Nein, du warst immer gut, ich dachte es nur nicht so. Höre mich an,
Hanna, dir will ich mein ganzes Herz ausschütten: ich bin ein unbeschreiblich
unglüklicher Mensch.«
»Heiliger Gott! Victor, mein lieber Victor! was ist dir denn so schwer?«
»Siehst du, den ganzen Tag hängen mir die niederziehenden Thränen in
dem Haupte, ich muß sie zurük halten, daß sie mir nicht aus den Augen
fallen. Als ich nach dem Mittagsessen an dem traurigen Wasser und an dem
Buchengewände hinauf ging, war es nicht eigentlich lange Weile, sondern,
daß mich nur keine Augen anschauen möchten – – und da dachte ich mir: ich
habe doch gar niemand auf der ganzen großen weiten Erde, keinen Vater,
keine Mutter, keine Schwester. Mein Oheim bedroht mir meine wenigen
Habseligkeiten, weil ihm mein Vater schuldig war, und die Einzigen, die mir
Gutes thun, muß ich verlassen.«
»O Victor, lieber Victor, kränke dich nicht zu sehr. Dein Vater und deine
Mutter sind freilich gestorben; aber das ist schon lange her, daß du sie kaum
gekannt hast. Dafür hast du eine andere Mutter gefunden, die dich so liebt,
wie eine wahre – und du hast ja zeither keine Klage wegen der Verstorbenen
gethan. Daß wir jezt scheiden müssen, ist sehr, sehr traurig; aber versündige
dich nicht an Gott, Victor, der uns die Prüfung auferlegt hat. Trage sie ohne
Murren – ich trug sie auch schon den ganzen Tag her, und murrte nicht; ich
hätte sie auch getragen, wenn du gar nicht mehr zu mir gekommen wärest,
um mit mir zu reden.«
»O Hanna, Hanna!«
»Und wenn du auch fort bist, werden wir sorgen, was wir dir schiken
sollen, wir werden für dich bethen und ich werde alle Tage in den Garten
gehen, und auf die Berge schauen, über die du fort gegangen bist.«
»Nein, thue es nicht; sonst wäre es gar zu kläglich.«
»Warum denn?«
»Weil doch alles nicht hilft – und weil es nicht das allein ist, daß ich
scheiden muß und daß wir uns trennen müssen.«
»Was ist denn?«
»Daß alles vorüber ist, und daß ich der einsamste Mensch auf Erden bin.«
»Aber Victor, Victor.«
»Ich werde nie heirathen – es kann nicht sein – – es wird nicht möglich
werden. Du siehst also, ich werde keine Heimath haben, ich gehöre
niemanden an; die Andern werden mich vergessen – und es ist gut. –
Begreifst du es? – – Ich habe es nie gewußt, aber jezt ist es ganz klar – ganz
klar. Siehst du es nicht? – – Warum schweigst du denn plözlich, Hanna?«
»Victor!«
»Was, Hanna?«
»Dachtest du schon?«
»Ich dachte.«
»Nun?«
»Nun – nun – es ist ja alles vergeblich, alles umsonst.«
»Bleibe ihr treu, Victor!«
»Ewig, ewig; aber es ist umsonst.«
»Warum denn?«
»Ich sagte dir ja, daß mir mein Oheim das Gut, das einzige, was übrig
blieb, nimmt. Sie ist wohlhabend, ich bin arm, und kann noch lange, lange
Zeit kein Weib ernähren. Da wird einer um sie werben kommen, der sie
ernähren, ihr schöne Kleider und Geschenke geben kann, und den wird sie
nehmen.«
»Nein, nein, nein, Victor, das thut sie nicht – das thut sie ewig nicht. Sie
wird dich ihr ganzes Leben lang so lieben, wie du sie, und wird dich nicht
verlassen, wie du sie nicht verläßst.«
»O liebe, liebe Hanna!«
»Lieber Victor!«
»Und es wird gewiß eine Zeit kommen, wo ich wieder zurück komme – da
werde ich nie ungeduldig werden, und wir werden leben, wie zwei
Geschwister, die sich über alles, alles lieben, was nur immer diese Erde
tragen kann, und die sich ewig, ewig treu bleiben werden.«
»Ewig, ewig,« sagte sie, indem sie rasch seine dargebothenen Hände
ergriff.
Sie brachen in bitterliche Thränen aus.
Victor zog sie sanft gegen sich her, und sie folgte. Sie lehnte das Haupt
und das Angesicht an das Tuch seines Rokes, und gleichsam als wären jezt
bei ihr alle Schleußen recht geöffnet worden, weinte und schluchzte sie so
sehr, als drükte es ihr das Herz ab, weil sie ihn verlieren müsse. Er legte den
Arm um sie, wie beschüzend und beschwichtigend, und drükte sie an sein
Herz. Er drükte sie immer fester, wie ein hilfloses Wesen. Sie schmiegte sich
an ihn, wie an einen Bruder, der jezt gar so, gar so gut ist. Er streichelte mit
der einen Hand über ihre Loken, die sie gescheitelt auf dem Haupte trug,
dann beugte er sich nieder und küßte ihre Haare – aber sie hob ihr Angesicht
zu ihm empor und küßte ihn so heiß auf seine Lippen, so heiß, wie sie nie
gedacht hatte, daß sie etwas küssen könne.
Dann standen sie noch eine Weile und sprachen nichts.
Da kam der Gärtnerknabe und sagte, daß ihn die Mutter schike und ihnen
sagen lasse, daß sie zu dem Abendessen kommen möchten.
Die seidenen Fleke, welche das Gespräch eingeleitet hatten, hielten sie
noch immer in den Händen, aber sie waren verknittert, und manche waren
von den Thränen Hannas naß. Sie nahmen daher dieselben zusammen, wie es
sich eben fügen wollte und gingen Hand in Hand auf dem Gartenwege gegen
das Haus. Als sie die Mutter kommen sah, und die rothgeweinten Augen ihrer
Kinder erblikte, lächelte sie und ließ dieselben in die Stube treten.
Hier wurden die Gerichte aufgetragen, die Mutter legte jedem von den
beiden vor, wie sie glaubte, daß es ihnen am liebsten sei, sie fragte nicht, was
sie gesprochen haben, und so aßen die drei, wie sie an jedem Abende in aller
bisher vergangenen Zeit gegessen hatten.
Hanna hatte sehr große braune Augen, die sich während dem Essen jeden
Augenblik ohne Anlaß mit Thränen füllen wollten.
Als man fertig war, und ehe man sich zum Schlafengehen anschikte, mußte
noch Hannas Geschenk herbei gebracht werden. Es war eine Brieftasche, die
mit schneeweißer Seide gefüttert war und schon das Reisegeld enthielt, das
die Mutter hinein gelegt hatte.
»Das Geld thue ich heraus,« sagte Victor, »und hebe mir die Brieftasche
auf.«
»Nein, nein,« sagte die Mutter, »das Geld lasse drinnen; siehst du, wie
schön die gedrukten feinen Papiere in der weißen Seide ruhen. Nebst andern
Dingen muß dich Hanna auch immer mit Brieftaschen versehen.«
»Ich werde sehr darauf Acht haben,« antwortete Victor.
Die Mutter schloß nun mit dem winzig kleinen Schlüsselchen das Fach der
Brieftasche zu, in welchem das Geld war, und zeigte ihm, wie man das
Schlüsselchen berge.
Hierauf trieb sie zum Schlafengehen.
»Lasse das, lasse das,« sagte sie, als sie Victor anmerkte, daß er für das
Reisegeld danken wolle, »gehet nun zu Bette. Um fünf Uhr des Morgens
mußt du schon auf den Bergen sein, Victor. Ich habe gesorgt, daß uns der
Knecht bei rechter Zeit weke, wenn ich mich etwa selber verschlafen sollte.
Du mußt noch ein recht gutes Frühmal einnehmen, ehe du fort gehst. – So,
Kinder, gute Nacht, schlafet wohl.«
Sie hatte während dieser Worte, wie sie es jeden Abend that, zwei Kerzen
für die Kinder angezündet, jedes nahm die seine von dem Tische, wünschte
der Mutter eine ehrerbietige gute Nacht, und begab sich auf seine Stube.
Victor konnte noch nicht sein Lager suchen. Die vielen unordentlichen
Schatten, die die herumstehenden Dinge warfen, machten das Zimmer
unwirthlich. Er ging an ein Fenster und sah hinaus. Der Hollunderstrauch war
ein schwarzer Klumpen geworden, und das Wasser war gar nicht mehr
sichtbar: eine lichtlose Tafel war an der Stelle, wo es fließen sollte – nur ein
von Zeit zu Zeit aufzukender Funke zeigte, daß es da war und sich bewege.
Als alle Stimmen des Hauses und des Dorfes verstummt waren, zeugte auch
ein leises, leises Rieseln, das bei dem offenen Fenster hereinkam, von dem
Freunde, der so viele Jahre an dem Lager des Jünglings vorbei geronnen war.
Viele tausend Sterne brannten an dem Himmel, aber es erglomm nicht ein
einziger, nicht der schmalste Sichelstreifen des Mondes.
Victor legte sich endlich auf das Bett, um die lezte Nacht hier zu
verschlafen, und den Morgen zu erwarten, der ihn vielleicht auf immer
fortführen sollte, wo er, seit er denken konnte, sein Leben zugebracht hatte.
Dieser Morgen kam sehr bald! Als Victor noch kaum geglaubt hatte, die
ersten erquikenden Athemzüge des Schlafes gethan zu haben, klopfte es leise
an seine Thüre, und die Stimme der Mutter, die keinen Knecht zum
Aufweken bedurft hatte, ließ sich vernehmen: »Vier Uhr ist es, Victor, kleide
dich an, vergiß nichts, und komme dann hinunter. Hörst du es?«
»Ich höre es, Mutter.«
Sie ging wieder die Treppe hinab; er aber sprang von seinem Lager empor.
In der doppelten Beklemmung, der des Schmerzes und der der
Reiseerwartung kleidete er sich an, und ging in das Speisezimmer hinunter.
Im Morgengrauen stand schon ein Frühmal auf dem Tische – man hatte nie
ein so frühes verzehrt. Schweigend aß man davon. Die Mutter sah fast
unverwandt Victor an; Hanna getraute sich nicht ihre Augen auf irgend etwas
empor zu heben. Victor hörte bald zu essen auf. Er erhob sich von seinem
Stuhle, und nahm sich zusammen. Er ging ein par Male in dem Zimmer
herum, und dann sagte er: »Mutter, es wird gerade Zeit sein; ich gehe.«
Er nahm das Ränzchen über die Schultern, und zog die Riemen fest, daß es
gut saß. Dann nahm er den Hut, griff an die Brust, ob er die Brieftasche habe,
und untersuchte, ob er überhaupt nichts vergesse. Da dieses vorüber war,
ging er gegen die Mutter, die mit Hanna aufgestanden war, und sagte: »Ich
danke euch für alles, liebe Mutter – –«
Mehr konnte er kaum über die Lippen bringen, und sie ließ ihn auch nicht
reden. Sie führte ihn zu dem Weihwasser an die Thür, besprizte ihn mit ein
paar Tropfen, machte ihm das Zeichen des Kreuzes auf Stirne, Mund und
Brust, und sagte: »So, mein Kind, gehe jezt ruhig fort. Sei gut, wie du bisher
gut gewesen bist, und behalte das weiche, sanfte Herz. Schreibe oft, und
verschweige nicht, wenn du etwas brauchst. Gott wird deine Wege schon
segnen, die du gehst, weil du stets so folgsam gewesen bist.«
Bei diesen Worten träufelten ihr die Thränen hervor, und sie rührte nur
mehr die Lippen und konnte nichts sagen.
Nach einem Weilchen ermannte sie sich wieder und sprach: »Die Kisten,
welche noch oben sind, und den Koffer wirst du schon gut an dem
Bestimmungsorte deines Amtes vorfinden, wenn du dort eintriffst. Halte
Vorsicht auf das Geld und auf die Empfehlungsbriefe, welche dir der
Vormund gab, erhize dich nicht und trinke nicht kalt. Es wird alles gut
werden. Das Fortgehen ist auch nicht so böse, und du findest überall gute
Leute, die dir geneigt sein werden. Wenn ich nicht so lange an unsere Berge
und an den Apfelbaum gewohnt wäre, so ginge ich mit Freuden in die
Fremde. Und so lebe wohl, mein Victor, lebe wohl.«
Sie hatte ihn bei diesen Worten auf die Wangen geküßt. Ganz stumm
reichte er die Hand an die vor Thränen vergehende Hanna, und ging hinaus.
Vor der Thür standen noch die Dienstleute und der Gärtner. Ohne zu
sprechen gab er rechts und links die Hand – sie gingen aus einander, und er
schlug den schmalen Gartenweg gegen das Pförtchen ein.
»Wie er schön ist,« brach die Mutter fast laut weinend aus, da sie ihm mit
Hanna nach sah, »wie er schön ist, die braunen Haare, der schöne Gang, die
liebliche, die unbeschüzte Jugend. Ach mein Gott!«
Und die Thränen rannen ihr an den nassen Händen herunter, die sie vor das
Angesicht und vor die Augen hielt.
»Du hast einmal zu mir und Victor gesagt,« sprach Hanna, »daß dich
niemand mehr aus Schmerz weinen sehen wird – und nun weinst du doch aus
Schmerz, Mutter.«
»Nein, mein Kind,« antwortete die Mutter, »das sind Freudenthränen, daß
er so geworden ist, wie er ist. Es ist doch sonderbar: er hat seinen Vater gar
nicht gekannt, und wie er da hinaus ging, hatte er das Haupt, den Gang und
die Haltung seines Vaters. Er wird schon gut werden, und meine Thränen,
mein Kind, sind Freudenthränen.«
»Ach die meinen nicht, die meinen nicht,« sagte Hanna, indem sie ihr Tuch
neuerdings vor die unersättlich schmerzlichen Augen hielt.
Victor war unterdessen durch das Pförtchen hinaus gegangen. Er ging an
dem großen Fliederbusch vorbei, er ging über die beiden Stege, an den vielen
durch so lange Jahre bekannten Obstbäumen vorüber, und stieg gegen die
Wiesen und gegen die Felder hinan. Auf dieser Höhe blieb er ein wenig
stehen, und da er unter den schwachen undeutlichen Tönen des Dorfes auch
das wüthende Heulen des Spizes vernahm, den man hatte fangen und
anbinden müssen, damit er nicht mit gehe: so brachen auf einmal die
siedenden Thränen hervor, und er rief fast laut in die Lüfte: »Wo werde ich
denn wieder eine solche Mutter finden und solche Geschöpfe, die mich so
lieben? – – Vorgestern eilte ich so sehr aus der Stadt heraus, um noch einige
Stunden in dem Thale zuzubringen, und heute gehe ich fort, um alle, alle Zeit
anders wo zu sein.«
Da er endlich an eine Stelle gekommen war, die nicht mehr weit von der
höchsten Schneide des Berges entfernt war, schaute er noch einmal, das
leztemal, zurük. Das Haus konnte er noch erkennen, eben so den Garten und
die Planke. Im Grünen sah er etwas, das so roth war, wie Hannas Tuch. Aber
es war nur das Dächelchen eines Schornsteins.
Dann ging er noch die Streke bis zu der Bergschneide empor – er blikte
doch wieder um – ein glänzend schöner Tag lag über dem ganzen Thale. – –
Hierauf ging er die wenigen Schritte um die Kuppe herum, und alles war
hinter ihm verschwunden, und ein neues Thal und eine neue Luft war vor
seinen Augen. Die Sonne war indessen schon ziemlich weit herauf
gekommen, troknete die Gräser und seine Thränen, und senkte ihre wärmeren
Strahlen auf die Länder. Er ging schief an dem Berghange fort, und da er
nach einer Weile seine Uhr hervorgezogen hatte, zeigte sie halb acht.
»Jezt wird das Bettgestelle schon leer da stehen,« dachte er, »das lezte
Geräthe, das mir blieb. Die Linnen werden heraus genommen sein, und das
ungastliche Holz wird hervor bliken. Oder vielleicht arbeiten die Mägde
schon in meinem Gemache, um ihm eine ganz andere Gestalt zu geben.«
Und dann wandelte er weiter.
Er kam immer höher empor, der Raum legte sich zwischen ihn und das
Haus, das er verlassen hatte, und die Zeit legte sich zwischen seine jezigen
Gedanken und die lezten Worte, die er in dem Hause geredet hatte. Sein Weg
führte ihn stets an Berghängen hin, über die er nie gegangen war – bald kam
er aufwärts, bald abwärts, im Ganzen aber immer höher. Es war ihm lieb, daß
er nicht mehr in die Stadt hatte gehen müssen, um sich zu beurlauben, weil er
die Bekannten heute nicht gerne gesehen hätte. Die Meierhöfe und
Wohnungen, die ihm aufstießen, lagen bald rechts, bald links von seinem
Wege – hie und da ging ein Mensch und achtete seiner nicht.
Der Mittag zog herauf und er wandelte fort und fort.
Die Welt wurde immer größer, wurde glänzender und wurde ringsum
weiter, da er vorwärts schritt – und überall, wo er ging, waren tausend und
tausend jubelnde Wesen.
4. Wanderung
Und noch größer und noch glänzender wurde die Welt, die tausend
jubelnden Wesen waren überall, und Victor schritt von Berg zu Berg, von
Thal zu Thal, den großen kindischen Schmerz im Herzen und die frischen
staunenden Augen im Haupte tragend. Jeder Tag, den er ferne von der
Heimath zubrachte, machte ihn fester und tüchtiger. Die unermeßliche Oede
der Luft strich durch seine braunen Loken; die weißen wie Schnee
glänzenden Wolken bauten sich hier auf, wie sie sich in seinem mütterlichen
Thale aufgebaut hatten; seine schönen Wangen waren bereits dunkler gefärbt,
das Ränzlein trug er auf seinem Rüken und den Reisestab in der Hand. Das
einzige Wesen, das ihn an die Heimath band, war der alte Spiz, der furchtbar
abgemagert neben ihm her lief. Am dritten Tage nach der Abreise war er ihm
nehmlich unvermuthet und unbegreiflich nachgekommen. Victor ging eben in
sehr früher Morgenstunde auf einem kühlen, breiten, feuchten Landwege
durch einen Wald empor, als er umschauend, wie er es öfter zu thun pflegte,
um sich an den Blizen der nassen Tannen zu ergözen, ein Ding gewahrte, das
sich eilfertig gegen ihn heran bewegte. Aber wie staunte er, als die dunkle
Kugel näher gekommen an ihm empor sprang und sich als den alten ehrlichen
Spiz seiner Ziehmutter auswies. Aber in welchem Zustande war er: die
schönen Haare hatten sich durch Koth verklebt und waren bis zur Haut hinein
mit weißem Straßenstaube angefüllt, die Augen waren roth und entzündet; da
er rasche Freudentöne ausstoßen wollte, konnte er nicht; denn seine Stimme
war heiser geworden, und da er auch Freudensprünge versuchte, fiel er mit
dem Hintergestelle in den Graben.
»Du armer lieber Spiz,« sagte Victor, indem er sich zu ihm nieder kauerte;
»siehst du nun, du altes thörichtes Haus, was du da für Unsinn unternommen
hast?«
Aber der Spiz wedelte auf diese Worte, als hätte er das größte Lob
empfangen.
Das erste, was der Jüngling that, war, daß er ihn mit einem Tuche etwas
abwischte, damit er doch besser aussähe. Dann nahm er zwei Brode heraus,
die er heute früh zu sich gestekt hatte, wenn ihm etwa ein Bettelmann
begegnete, sezte sich auf einen Stein und begann sie dem Spize stükweise
vorzuwerfen, der sie heißhungrig und eilig verschlang, und zulezt noch
immer auf die Hände des Jünglings schaute, als diese schon längstens leer
waren.
»Jezt habe ich nichts mehr,« sagte Victor, »aber wenn wir zu dem ersten
Bauernhause kommen, kaufen wir eine Schüssel Milch, die du ganz allein
ausfressen darfst.«
Der Spiz schien beruhigt, als hätte er die Worte verstanden.
Einige Schritte weiter weg, wo von einem mosigen Felsen ein dünnes
Wasserfädlein herab rann, fing Victor in seinem ledernen Reisebecher, den
ihm die Mutter gegeben hatte, so viel Wasser auf, bis er voll war, und wollte
dem Spiz zu trinken geben. Allein dieser kostete nur ein wenig und schaute
dann den Geber erwartend an; denn er war nicht durstig und mochte wohl aus
allen den hundert Gräben und Bächen getrunken haben, über die er
gekommen war.
Dann gingen sie mit einander weiter, und in dem ersten Wirthshause
schrieb Victor einen Brief an die Mutter zurük, daß der Spiz bei ihm sei, und
daß sie sich nicht kränken möge.
In Hinsicht der Milch hatte Victor redlich Wort gehalten. Auch sonst
bekam der Spiz von nun an so viel, als er nur unterzubringen vermochte;
allein, obgleich er auf diesem Wege in einem Tage mehr verzehrte, als zu
Hause kaum in dreien, so verfiel er doch durch die Nachwirkung der
ungewohnten Anstrengung, die weiß Gott wie furchtbar gewesen sein mag,
so sehr, daß er gleichsam nur mehr in seiner eigenen Haut hängend neben
dem Jünglinge hertrabte.
»Es wird sich schon bessern, es wird sich schon bessern«, dachte dieser,
und sie schritten weiter.
Grübelig blieb es Victor immer, warum ihm denn das Thier gerade dieses
eine Mal nachgekommen sei, da es doch sonst, wenn er auch Tage lang fort
war, auf einen einfachen Befehl zu Hause geblieben sei und auf ihn gewartet
habe. Aber dann schloß er nicht unrecht, daß der Spiz, dessen ganze
Lebensaufgabe es war, das Thun und Lassen seines höheren Freundes, des
Knaben, zu beobachten, ganz wohl gewußt habe, daß dieser nun auf immer
fort gehe, und daß er darum das Aeußerste unternommen habe, um ihm zu
folgen.
Und so schritten sie nun mit einander fort; über Hügel zu Hügeln, über
Felder zu Feldern – und oft konnte man den Jüngling sehen, wie er an einem
Wiesenbache den Hund wusch und ihn mit Gräsern und Laubwerk troknete –
oft, wie sie ruhig neben einander gingen – und oft, wie der Hund neben
seinem Herrn stand und die Augen zu ihm empor richtete, wenn dieser auf
einer Anhöhe stille hielt und weit und breit über die Auen schaute, über die
langen Streifen der Felder, über die dunkeln Fleken der Wäldchen und über
die weißen Kirchthürme der Dörfer.
An dem Wege des Wanderers wallten oft die Wellen des Kornes, das
jemanden gehören mußte, Zäune umgaben es, die jemand gezogen haben
mußte, und Vögel flogen nach diesen und jenen Richtungen, wie nach
verschiedenen Heimathen. Victor hatte seit Tagen mit keinem Menschen
gesprochen, als wenn ihn etwa ein Fuhrmann oder ein Wanderer grüßte, oder
der Wirth zum Abschiede das Käppchen lüftete und sagte: »Glükliche Reise
– auf Wiedersehen.«
Am achten Tage, nachdem er die Mutter und sein Thal verlassen hatte,
kam er in eine Gegend, die ungleich mancher unwirthlichen, über die er
bisher gewandert war, reinlich und wohlthätig über sanften Hügeln dahin lag,
wieder den Wechsel der Obstwälder zeigte, wie zu Hause in seinem Thale,
mit wohlhabenden Häusern geziert war, und kein handgroßes Stüklein
aufwies, das nicht benüzt war, und auf dem nicht etwas wuchs. In dem weiten
Grün dahin war der Silberblik eines Stromes, und ferne war ein gar so
sanftes, fast sehnsuchtreiches Blau der Berge. Diese Berge hatte er schon
lange an seiner Linken hinziehend gehabt, nun aber schwangen sie sich in
einem Bogen näher gegen die Straße, und zeigten schon die mattfärbigen
Lichter und Spalten in ihren Wänden.
»Wie weit ist es denn noch bis Attmaning?« frug er einen Mann, der in der
Gartenlaube eines Dorfwirthshauses saß, und einen kühlen Trunk that.
»Wenn ihr heute noch ein gutes Stük geht, so könnt ihr es morgen bei
rechter Zeit erreichen,« erwiederte dieser, »aber da müßt ihr den Steig
nehmen und euch schon ob der Afel gegen das Gebirge schlagen.«
»Ich will eigentlich in die Hul.«
»In die Hul? – Da werdet ihr schlechte Aufnahme finden. Aber wenn ihr
noch über die Grisel steigen wollt, rechts am See, da kommt ihr zu einem
lustigen Hammerschmiede, den ich euch empfehlen kann, wo es schon ein
anderes Geschike hat.«
»Ich muß aber in die Hul.«
»Nun da habt ihr von Attmaning noch drei schwache Stunden hinein.«
Victor hatte sich während des Gespräches zu dem Manne nieder gesezt,
und sich und den Hund gelabt. Nachdem er mit seinem Nachbar noch einiges
hin und her geredet hatte, machte er sich wieder auf, und ging an diesem
Tage nach dem Rathe seines neuen Gönners noch ein gutes Stük, bis er zu der
Afel kam, die ein blaues klar fließendes Wasser war. Am andern Tage, als
kaum die erste Dämmerung leuchtete, sah man ihn schon auf dem von seinem
Rathgeber angezeigten und von ihm näher erfragten Fußwege von der Straße
ab gegen das Gebirge wandeln. Die riesigen hohen Lasten schritten immer
näher gegen ihn, und zeigten im Laufe des Vormittages mannigfaltige,
freundliche, schönfärbige Zeichnungen. Rauschende Wässer begegneten ihm,
Kohlbauern fuhren; manchmal ging schon ein Mann mit spizem Hute und
Gemsbarte – und ehe es zwölf Uhr war, saß Victor bereits unter dem
Ueberdache des Gasthauses zu Attmaning, wo er wieder zu der Straße
gekommen war, und sah gegen die Gebirgsöffnung hinein, wo alles in blauen
Lichtern flimmerte, und ein schmaler Wasserstreifen, wie ein Sensenbliz
leuchtete.
Attmaning ist der lezte Ort des Hügellandes, wo es an das Hochgebirge
stößt. Seine hellgrünen Bäume, die nahen Gebirge, sein spizer Kirchthurm
und die sonnige Lage machen es zu dem lieblichsten Orte, den es nur immer
auf unserer Erde geben kann.
Victor blieb bis gegen vier Uhr an seinem Gassentischchen – welcher
Gebrauch ihn sehr freute – sizen und ergözte sich an dem Anblike dieser
hohen Berge, an ihrer schönen blauen Farbe und an den duftigen
wechselnden Lichtern darinnen. Dergleichen hatte er nie in seinem Leben
gesehen. Was ist der größte mächtigste Berg seiner Heimath dagegen? Als es
vier Uhr schlug, und die blauen Schatten allgemach längs ganzer Wände
nieder sanken, und ihm die früher geschäzten Fernen derselben wunderlich
verrükten, fragte er endlich, wohinaus die Hul liege.
»Da oben am See,« sagte der Wirth, indem er auf die Oeffnung zeigte, auf
welche Victor am Nachmittage so oft hingesehen hatte.
»Wollt ihr denn heute noch in die Hul?« fragte er nach einer Weile.
»Ja,« sagte Victor, »und ich will die jezige kühle Abendzeit dazu
benüzen.«
»Da müßt ihr nicht säumen,« erwiederte der Wirth, »und wenn ihr
niemanden andern habt, so will ich euch meinen Buben durch das Holz
geben, daß er euch dann weiter weise.«
Victor meinte zwar keines Führers zu bedürfen; denn die Bergmündung
stand ja so freundlich und nahe drüben: aber er ließ es dennoch geschehen,
und richtete indessen seine hingelegten Reisesachen in Ordnung.
Seltsam war es ihm auch, daß die Leute, wenn sie von der Hul sprachen,
immer »oben« sagten, während für seine Augen die Berge dort so duftschön
zusammen gingen, daß er den Wasserschein tief unten liegend erachtete;
obwohl er anderseits auch sah, daß die Afel gerade von jener Gegend
springend und schäumend gegen Attmaning daher kam.
»Geh, Rudi, führe den Herrn da auf den Hals hinauf, und zeige ihm dann in
die Hul hinunter,« rief der Wirth in das Haus hinein.
»Ja,« tönte eine kindliche Stimme heraus.
Alsbald kam auch ein blondhariger, rothbakiger Bube zum Vorscheine, sah
Victor mit freundlichen blauen Glozaugen an, und sagte: »So gehe, Herr.«
Victor hatte seine Rechnung berichtigt, und war zum Aufbruche fertig.
Gleich von der Wirthsgasse aus verließ der Knabe mit ihm die Straße, und
führte ihn seitwärts auf einem steinigen Wege zwischen dichte, riesig große
Eichen und Ahornen hinein. Der Weg ging bald bergan, und Victor konnte
manchmal durch die Wipfel der nach abwärts stehenden Bäume auf die
Bergeslasten hinaus sehen, die immer ernster zusammen rükten, und desto
dunkler wurden, je tiefer die Sonne stand, und die auch ein desto schöneres
Blau gewannen, je glänzender und schimmeriger der Strahl des Abends das
grüne Laub der Bäume an seiner Seite färbte. Endlich wurde der Wald ganz
dicht, das Laubholz verlor sich, und die zwei Wanderer gingen in struppigem,
undurchsichtigem Nadelwalde hin, der nur zuweilen durch herabgehende
erstarrte Steinströme unterbrochen war. Victor hatte von Attmaning aus den
Wald gar nicht gesehen, und hätte nie geglaubt, daß eine solche Wildniß
zwischen ihm und dem schönen Wasserbliz liegen könne, der so nahe heraus
gegrüßt hatte. Immer gingen sie fort. Stets glaubte Victor, jezt werde man
bergab steigen, aber der Weg wikelte sich längs eines Hanges fort, der sich
immer selber gebar, als rükte der Wald hinaus und schöbe auch den See vor
sich her. Der Knabe lief barfuß auf dem spizigen Steingerölle neben ihm.
Endlich, da fast zwei Stunden vergangen waren, blieb der kleine Führer
stehen und sagte: »Da ist der Hals. Wenn du jezt diesen Weg da, nicht den
andern, hinunter gehst, nehmlich an dem Bilde des gemarterten Gilbert
vorbei, und um das Seeek herum, wo die vielen Steine herab gefallen sind, da
wirst du Häuser sehen, die sind die Hul. Schaue nur immer durch die Zweige
hinaus, daß du das Wasser siehst, weil auch ein Weg in den Afelschlag geht,
der wäre gefehlt.«
Diese Worte sagte der Knabe, und nachdem er von Victor einen Lohn
empfangen hatte, lief er desselben Weges zurük, den er den Jüngling heran
geführt hatte.
Der Plaz aber, von dem der Knabe so unbeachtend weg lief, als wäre er
eben nichts, war für Victor von der unerwartetsten Wirkung. Die
Gebirgsleute nennen häufig einen »Hals« einen mäßigen Bergrüken, der quer
zwischen höheren läuft und sie verbindet. Da er immer auch zwei Thäler
scheidet, so geschieht es nicht selten, daß, wenn man von dem einen langsam
hinan steigt, man plözlich ohne Erwartung den überraschendsten Ueberblik in
das andere hat. So war es auch hier. Der Wald hatte sich auseinander
gerissen, der See lag dem Jünglinge zu Füßen, und alle Berge, die er von dem
flachen Lande und Attmaning aus schon gesehen hatte, standen nun um das
Wasser herum, so stille, klar und nahe, daß er darnach langen zu können
vermeinte – aber dennoch waren ihre Wände nicht grau, sondern ihre
Schluchten und Spalten waren von einem luftigen Blau umhüllt, und die
Bäume standen wie kleine Hölzlein darauf, oder waren an andern gar nicht
sichtbar, die schier mit einem ganz geglätteten Rande an dem Himmel hin
strichen.
Nicht ein Häuschen, nicht einen Menschen, nicht ein einziges Thier sah
Victor. Der See, den er von Attmaning aus als weiße Linie gesehen hatte, war
hier weit und dunkel, nicht einen einzigen Lichtfunken, sondern nur das
Dämmern der Schleiermauern, die ihn umstanden, gebend; und an den fernen
Ufern lagen lichte Dinge, die er nicht kannte, und die sich blos in den ruhigen
Wassern spiegelten.
Eine Weile stand Victor und betrachtete das Ding. Er empfand den
Harzduft, und hörte aber nicht das Wehen des Nadelwaldes. Von Regung war
gar nichts zu verspüren, man müßte nur das Weiterrüken des späten Lichtes
rechnen, das an dem Schwunge der Wände hinüber ging und sich die
farbenkühlen Schatten folgen ließ.
Fast Furcht vor dieser Größe, die ihn hier umgab, im Herzen tragend,
machte sich Victor daran, seinen Weg weiter zu verfolgen. Er ging den Pfad,
den ihm der Knabe gezeigt hatte, hinunter. Die Berge sanken allgemach in
den Wald, die Bäume nahmen ihn wieder auf, und wie es schon auf dem
Halse gewesen war, daß der flache See gleichsam die Berge, die er säumte,
hinaus zu rüken schien, damit das Auge das zarte Duftbild schauen könne,
das sich von dem Grün der Tannennadeln hinaus warf, so blikte auch hier
immer das dämmerige Gewebe von Berg und Wasser links durch die
Baumäste herauf. So wie er beim Hinaufgehen gemeint hatte, der Berg
nehme kein Ende, so ging er nun auch wieder unaufhörlich und sachte
hinunter. Stets hatte er den See zur Linken, als sollte er die Hand eintauchen
können, und stets konnte er ihn nicht erreichen. Endlich wich der lezte Baum
hinter ihm zurük, und er stand wieder unten an der Afel, wo sie eben den See
verließ und durch steilrechtes Geklippe fort eilte, nicht einmal einen
handbreiten Saum lassend, daß man einen Pfad für wandelnde Menschen
anlegen könnte. Victor meinte hundert Meilen von Attmaning entfernt zu
sein, so einsam war es hier. Nichts war da, als er und das flache Wasser, das
sich unaufhörlich und brausend in die Afel hinaus leerte. Hinter ihm stand der
grüne stumme Wald, vor ihm war die schwanke Fläche, geschlossen durch
eine blaue Wand, die sich tief ins Naß zu erstreken schien. Das einzige Werk
von Menschenhand sah er in dem Stege, der über die Afel lag, und in einem
Wasserbeschlage, durch den sie hindurch mußte. Langsam ging er über den
Steg, und der Spiz mäuschenstille und zitternd hinter ihm her. Jenseits gingen
sie auf Rasengrund neben Felsen. Bald war auch der Plaz zu erkennen, von
dem der Knabe gesprochen hatte: eine Menge durcheinander geworfener
Steine lag herum und erstrekte sich in den See hinaus, daß man leicht
erkennen konnte, hier mochte ein Bergsturz stattgefunden haben. Victor bog
um eine scharfe Bergeke, und sogleich lag auch die Hul vor ihm: fünf oder
sechs graue Hütten, die nicht weit entfernt auf dem Seeufer hin standen, und
von hohen grünen Bäumen umgeben waren. Auch der See, den ihm die
vorspringende Eke früher verdekt hatte, erweiterte sich hier, und manche
Berge und Wände, die sich ihm entzogen hatten, standen wieder da.
Als Victor zu den Häusern gekommen war, sah er, daß jedes mit einem
Schoppen in den See hinaus ging, unter welchem angebundene Kähne lagen.
Eine Kirche sah er nicht, aber auf einer der Hütten war ein Thürmchen aus
vier roth angestrichenen Pfählen, zwischen denen eine Gloke hing.
»Ist hier nicht ein Ort, der Klause heißt?« fragte er einen Greis, den er
gleich an der ersten Hütte unter der Thür sizen fand.
»Ja,« erwiederte der Greis, »auf der Insel ist die Klause.«
»Könnt ihr mir nicht sagen, wer mich dahin überführen möchte?«
»Jeder Mensch in der Hul könnte euch hinüber führen.«
»Also könntet ihr es auch thun?«
»Ja – aber ihr werdet nicht aufgenommen.«
»Ich bin in die Klause bestellt, und werde erwartet.«
»Wenn ihr Geschäfte dort habt, und bestellt seid, da ist es anders. Fahrt ihr
gleich wieder zurük?«
»Nein.«
»So wartet hier ein wenig.«
Nach diesen Worten ging der Alte in die Hütte hinein, von der er aber bald
wieder in Begleitung eines jungen, starken, rothwangigen Mädchens zurük
kam, das sich daran machte, mit ihren entblößten Armen einen Kahn weiter
in das Wasser hinaus zu schieben, während der Alte seinen Rok anzog und
zwei Ruder herbei trug. Man hatte für Victor einen hölzernen Lehnsiz auf
dem Kahne befestigt, auf den er sich niederließ, sein Ränzlein neben sich
legend und den Kopf des Spizes haltend, der sich gegen seinen Schoß
schmiegte. Der Alte hatte verkehrt sizend am Schiffsschnabel Plaz
genommen, und das Mädchen stand im Hintertheile, das Ruder in der Hand
haltend. Gleichzeitig von beiden geschah der erste Schlag ins Wasser, der
Kahn that einen Stoß, glitt in die weichen Fluthen hinaus, und schnitt bei
jedem Ruderschlage rukweise weiter in die dunkler werdende säuselnde
Fläche. Victor war nie auf einem so großen Wasser gefahren. Das Dorf zog
sich zurük und die Wände um den See begannen sehr langsam zu wandern.
Nach einer Weile strekte sich eine buschige Landzunge hervor, und wuchs
immer mehr in das Wasser. Endlich riß dieselbe gar von dem Lande ab, und
zeigte sich als eine Insel. Gegen diese Insel richteten die zwei Rudernden ihre
Fahrt. Je näher man kam, desto deutlicher hob sie sich empor und desto
breiter wurde der Raum, der sie von dem Lande trennte. Ein Berg hatte ihn
früher gedekt. Man unterschied endlich sehr große Bäume auf ihr, Anfangs
so, als wüchsen sie gerade aus dem Wasser empor, dann aber auf bedeutend
hohem Felsenufer prangend, das fallrecht mit scharfen Klippen in die Fluth
nieder ging. Hinter dem Grün dieser Bäume wanderte ein sanfter Berg, der
von dem Abende lieblich geröthet war.
»Das ist die Grisel am jenseitigen Seeufer,« sagte der Alte auf Victors
Frage, »ein bedeutender Berg, der aber doch nicht gar so beschwerlich ist. Es
geht ein Pfad über ihn hinüber in die Blumau und ins Gescheid, wo die
Hammerschmiede sind.«
Victor blikte den schönen Berg an, der so wandelte und in das Grün der
Bäume sank, wie sie näher kamen.
Man war endlich in den grünen Widerschein gelangt, den die Baumlasten
der Insel in das Wasser des Seees senkten, und fuhr in dem Raume desselben
dahin. Da tönte von der Hul herüber das Glöklein, das zwischen den vier
Pfählen hing, und forderte zum Abendgebete auf. Die zwei Schiffenden
zogen sogleich ihre Ruder ein, und beteten still ihren Abendsegen, während
der Kahn im Zuge gleichsam von selbst längs der grauen Felsen hin ging, die
von der Insel in den See nieder standen. Auf den Bergen herum war hie und
da ein irrendes Licht. Der See hatte sogar Streifen bekommen, deren einige
glänzten, und selbst Funken empor warfen, obwohl die Sonne schon seit
längerer Zeit untergegangen war. Ueber alles das kamen die fortwährenden
emsigen Klänge des Glökleins herüber, gleichsam von unsichtbaren Händen
tönend; denn die Hul war nicht zu sehen, und rings um den See war kein
Fleklein, das nur entfernt einem menschlichen Aufenthalte ähnlich gesehen
hätte.
»Im Kloster der Klause muß auch noch eine Gloke sein. Ich glaube, eine
schöne Avegloke,« sagte der Alte, nachdem er seine Müze wieder aufgesezt
und das Ruder ergriffen hatte, »aber man läutet sie nie; ich wenigstens habe
den Ton derselben nie gehört. Auch nicht einmal eine Uhr hört man schlagen.
Mein Großvater hat gesagt, daß es sehr schön war, wenn in den vergangenen
Tagen das ganze Geläute auf dem See lag – denn damals waren noch die
Mönche – und wenn es in dem lichten Morgennebel daher tönte, ohne daß
man wußte, woher es komme; denn ihr werdet gesehen haben, daß wir den
Berg umfahren haben, und daß man von der Hul aus die Insel nicht sehen
kann. Es ist der hohe Orla, dieser Berg, und zwei Mönche haben ihn einmal
bei klafterhohem Schnee überstiegen, da der See gefroren war, aber nicht
trug, und da sie keine Lebensmittel mehr hatten. Sie hieben mit den
Knechten, die sie in dem Schiffe hatten, eine Straße in das Eis, daß der Kahn
gehen konnte, und als sie an dem Berge waren, stiegen sie über den Gipfel in
die Hul; denn zwischen dem Berge und dem See ist kein Fußweg möglich. Es
sind seitdem wohl über hundert Jahre vergangen, und selten geschieht es, daß
der See überall mit einer Deke von Eis überzogen ist.«
»Sind also einmal Mönche auf der Insel gewesen?« fragte Victor.
»Ja,« antwortete der Greis. »In sehr alter, alter Zeit sind fremde Mönche
hieher gekommen, da noch gar kein Haus an dem ganzen See stand, und da
noch nichts in ihm schwamm, als ein Baum, der von dem Felsen in ihm herab
gefallen war. Sie sind auf Flössen von Tannenästen nach der Insel über
gefahren und haben zuerst die Klause gebaut, aus der nach und nach das
Kloster entstanden ist, und in späteren Jahren auch die Hul, wo christliche
Leute fischten und zur Klause in die Messe fuhren; denn damals waren die
Landesherren draußen noch ganz und gar Heiden, und sie schlugen mit ihren
Knappen, die grausam und wild waren, die Priester todt, welche aus dem
Schottenlande mit dem Kreuze herüber kamen, um zu bekehren. Auf der
Insel, die sie sich suchten, fanden die Väter Schuz; denn ihr werdet es schon
erkennen, daß diese Steine, die da nieder steigen, wie eine Festung sind. Es
ist hier ein Schaum, wenn nur ein wenig Wind geht, daß er jedes Schiff in
sich begraben kann. Nur an einer einzigen Stelle kann man landen, wo
nehmlich die Felsen zurük weichen, und eine Oeffnung lassen, in der das
Wasser gegen guten Sand ausläuft. Es sind daher die Väter geschüzt
gewesen, so wie der alte Mann geschüzt ist, der sich die Insel zur Wohnung
auserkohren hat. Aus dieser Ursache fischt man auch hier nur an ganz
schönen und stillen Tagen, wie der heutige einer ist.«
Während dieser Rede war man nach und nach eine geraume Streke an dem
Ufer der Insel hin gefahren, und hatte sich dem Orte genähert, wo die Felsen
niederer sind, und eine sanfte sandige Bucht bilden, die in abdachendes
Waldland hinauf steigt. So wie die Ruderer diese Stelle gewannen, lenkten
sie sogleich die Spize des Kahnes hinein, und ließen dieselbe gegen den Sand
laufen. Der Alte stieg aus, zog das Schiffchen an der Kette des Schnabels
noch weiter gegen das Land, damit Victor trokenen Fußes aussteigen konnte.
Dieser schritt über den Schiffschnabel hinaus, und der Spiz sprang ihm nach.
»Wenn ihr nun diesen Pfad, der sich da gleich zeigen wird, fort geht,«
sagte der Greis, »so werdet ihr in die Klause kommen. Es ist zwar auch ein
sehr starkes Bohlenhaus auf der Griselseite, das die Mönche einmal in den
absteigenden Felsen zur Aufnahme ihrer Schiffe gebaut haben, aber man
kann dort nicht einfahren, weil die Bohlen immer geschlossen sind. Gott
behüte euch nun, junger Herr – und wenn ihr euch nicht zu lange aufhaltet,
und wenn der Eigenthümer der Klause euch zur Ueberfahrt keinen Kahn gibt,
so laßt mir nur durch den alten Christoph Nachricht zukommen, und ich
werde euch an diesem Plaze wieder abholen. In der Klause haben sie nicht
allemal Zeit, ein Schiff abzusenden.«
Victor hatte indessen das bedungene Ueberfahrtsgeld aus seiner kleinen
Börse hervor gesucht, und es dem Manne gereicht. Hierauf sagte er zu ihm:
»Lebt wohl, alter Freund, und wenn ihr es erlaubt, so werde ich bei der
Rükfahrt ein wenig in eurem Hause einsprechen, und ihr werdet mir vielleicht
noch etwas von euren alten Geschichten erzählen.«
Zu dem Mädchen, das unbeweglich in dem Hintertheile stehen geblieben
war, getraute er sich nicht etwas zu sagen.
Der Greis aber antwortete: »Ei, wie werden denn meine Geschichten einem
so jungen und gelehrten Herrn gefallen können?«
»Vielleicht mehr, als ihr euch denkt, und mehr, als die, die aus den
Büchern heraus zu lesen sind,« sagte Victor.
Der alte Mann lächelte, weil ihm die Antwort gefiel, aber er sagte nichts
darauf, sondern bükte sich nieder, rollte die kurze Kette in den Schiffschnabel
zurük und machte Anstalt zum Abfahren.
»Nun in Gottes Namen, junger Herr,« sagte er noch, gab dem Schiffe mit
dem Fuße einen Stoß, sprang schnell in dasselbe ein, und das getroffene
Fahrzeug schwankte in das Wasser zurük. Nach wenigen Augenbliken sah
Victor schon die beiden Ruder taktmäßig steigen und fallen, und das Schiff
schob sich in den Wasserspiegel hinaus.
Er stieg mit einigen Schritten das Ufer vollends hinan, bis er von dem
oberen Rande weit über den See schauen konnte. Er blikte den Abfahrenden
nach, und sagte zu seinem Begleiter, gleichsam als wäre er vernünftig und
könnte die Worte verstehen: »Gott sei gedankt, da wären wir an dem Ziele
unserer Wanderung. Der Herr hat uns gut und wohlbehalten geführt, das
andere mag sich fügen, wie es will.«
Er that noch einen Blik in die weite, schöne, von dem Abende andunkelnde
Fläche des Seees hinaus, dann wendete er sich um und ging dem Pfade nach,
der vor ihm lag, in die Büsche hinein.
Der Weg ging Anfangs noch immer bergan zwischen Gebüsch und
Laubbäumen hindurch – dann aber führte er eben hin. Das Gestrippe hatte
aufgehört, und nur mehr ungemein starke Ahorne standen auf einer dunkeln
Wiese fast nach einer gewissen Ordnung und Regel umher. Es war
unverkennbar, daß hier einmal eine gute Fahrstraße gegangen war, aber sie
war verkümmert, und überall von wucherndem Krüppelgesträuche eingeengt.
Victor ging durch den seltsamen Ahorngarten hindurch. Hierauf gelangte er
durch neuerdings beginnendes Buschwerk an einen sonderbaren Ort. Er war
wie eine Wiese, auf der kleine und zum Theile verkommene Obstbäume
standen. Aber mitten unter diesen Bäumen war in dem Grase eine runde
steinerne Brunneneinfassung, und allenthalben zwischen den Baumstämmen
standen graue steinerne Zwerge, welche Dudelsäke, Leiern, Klarinetten und
überhaupt musikalische Geräthschaften in den Händen hielten. Manche
davon waren verstümmelt, und es ging auch kein Weg oder gebahnter Plaz
von einem zum andern, sondern sie standen lediglich in dem hohen
emporstrebenden Grase. Victor schaute diese seltsame Welt eine Weile an,
dann strebte er weiter. Sein Weg ging von diesem Garten über eine alte
Steintreppe in einen Graben hinab, und jenseits wieder hinauf. Wie überall
Gebüsche war, so war es auch hier, aber hinter dem Gebüsche sah Victor eine
hohe fensterlose Mauer, in welcher ein Eisengitter stand, an dem der Weg
endete.
Victor schloß nicht mit Unrecht, daß hier der Eingang in die Klause sein
müsse, und er näherte sich deßhalb dem Gitter. Als er angekommen war, fand
er es verschlossen, und es war keine Gloke und kein Klöppel daran. Daß hier
der Eingang in das Haus sei, zeigte sich nun deutlich. Hinter dem Eisengitter
war ein geebneter, sandiger Plaz, auf welchem Blumen standen. An dem
Plaze war ein Haus, von dem aber nur der Vordertheil sichtbar war, während
der Hintertheil sich hinter Gebüsche verlief. Unmittelbar von dem Sandplaze
ging eine hölzerne Treppe in das erste Geschoß des Hauses hinauf. Jenseits
des Plazes, der abermals mit Gebüschen gesäumt war, mußte wieder der See
beginnen; denn es war hinter dem Grün der feine sanfte Dunst, der gerne über
Bergwässern ist, und es stiegen die röthlich schimmernden Wände der Grisel
hinan.
Während Victor so durch die Eisenstäbe hinein schaute, und an ihnen
allerlei Versuche machte, ob er nicht eine Vorrichtung fände, durch die das
Gitter aufgehe, trat ein alter Mann aus dem Gebüsche, und sah nach Victor
hin.
»Habt die Freundschaft,« sagte dieser, »öffnet mir das Thor und führt mich
zu dem Herrn des Hauses, wenn nehmlich dieses Gebäude die Klause heißt.«
Der Mann sagte auf die Worte nichts, sondern ging näher, schaute Victor
eine Weile an, und fragte dann: »Bist du zu Fusse gekommen?«
»Bis zu der Hul bin ich zu Fusse gegangen,« antwortete Victor.
»Ist es aber auch wahr?«
Victor wurde glühend roth im Angesichte; denn er hatte nie gelogen.
»Wenn es nicht so wäre,« antwortete er, »so würde ich es nicht sagen.
Wenn ihr mein Oheim seid, wie es fast scheint, so habe ich hier einen Brief
von meinem Vormunde, der euch darthun wird, wer ich bin, und daß ich nur
auf euer ausdrükliches Verlangen die Fußreise hieher angetreten habe.«
Mit diesen Worten zog der Jüngling das reinlich erhaltene Schreiben, wie
es ihm seine Ziehmutter anbefohlen hatte, hervor, und reichte es zwischen
den Eisenstäben hinein.
Der alte Mann nahm das Schreiben und stekte es ungelesen ein.
»Dein Vormund ist ein Narr, und ein beschränkter Mensch,« sagte er, »ich
sehe, daß du deinem Vater ganz und gar gleich siehst, da er anhob, die
Streiche zu machen. Ich habe dich schon über den See fahren gesehen.«
Victor, der in seinem Leben keine rüksichtslosen Worte gehört hatte, war
stumm, und wartete nur, daß der andere das Gitter öffnen werde.
Dieser aber sagte: »Nimm eine Schnur mit einem Steine, und ertränke
diesen Hund in dem See, dann komme wieder hieher, ich werde derweilen
öffnen.«
»Wen soll ich ertränken?« fragte Victor.
»Nun den Hund, den du da mitgezogen.«
»Und wenn ich es nicht thue?«
»So öffne ich dir diese Pforte nicht.«
»So komme, Spiz,« sagte Victor.
Er kehrte sich bei diesen Worten um, lief über die Treppe in den Graben,
stieg jenseits empor, lief durch den Zwerggarten, durch die Ahornanlage,
durch das folgende Gestrippe, und langte an der Seebucht an, mit allen
Kräften, deren sein Körper fähig war, hinaus rufend: »Schiffer! – alter
Schiffer!«
Aber es war unmöglich, daß ihn dieser hören konnte. Den Knall eines
Scheibengewehres hätte man in dieser Entfernung nicht mehr vernommen.
Wie eine schwarze Fliege stand das Schiffchen neben der dunkeln Fußspize
des Orlaberges, die weit in den Abendglanz des Seees hinaus stach. Victor
nahm sein Saktuch hervor, knüpfte es an seinen Stab, und that allerlei
Schwenkungen in die Luft, damit er gesehen würde. Allein man sah ihn nicht,
und zulezt, wie er noch immer schwenkte, war auch die schwarze Fliege um
die Bergspize verschwunden. Der See war ganz leer und nur die leise
schäumende Brandung sah Victor im Abendwinde, der sich indessen gehoben
hatte, längs den Felsen der Insel spielen.
»Es thut nichts – es thut auch nichts,« sagte er, »komme, Spiz, wir werden
uns da am Ufer ins Gebüsche sezen, und die Nacht über sizen bleiben.
Morgen zeigt sich wohl ein Kahn, den wir herzu winken werden.«
Was er sagte, that er auch. Er suchte eine Stelle, wo das Gras des Rasens
kurz und troken war, und wo die Büsche dicht überhingen, ohne ihm die
Aussicht auf den See zu benehmen.
»Siehst du,« sagte er, »wie es gut ist, wenn man täglich früh Morgens
etwas zu sich stekt. Du erprobest es auf dieser Reise schon zum zweiten
Male.«
Bei diesen Worten zog er die zwei Brode heraus, die er heute früh in dem
Afelwirthshause mitgenommen hatte, und begann theils selber davon zu
essen, theils den Hund damit zu füttern. Da dieses Geschäft vollendet war,
saß der Wanderer, der das Ziel seiner Reise erreicht zu haben glaubte, heute
zum ersten Male in der einfachen Herberge des freien Himmels, und schaute
die Gegenstände um sich herum an. Die Berge, die schönen Berge, die ihm,
da er gegen sie heran kam, gar so sehr gefallen hatten, wurden immer
schwärzer, und legten drohende dunkle und zersplitterte Fleke auf den See,
auf welchem noch das Blaßgold des Abendhimmels lag, das selbst in den
dunklen Bergspieglungen zuweilen aufzukte. Und immer sonderbarer, in die
Schatten der Nacht sich hüllend, wurden die Gegenstände um ihn herum. Die
Schlaken und das schwache Gold des Seees rührten sich und floßen öfters
durcheinander, zum Zeichen, daß ein sanfter Luftzug dort herrschen müsse.
Victors Auge, freilich nur an die schönen heiteren Eindrüke des Tages
gewöhnt, konnte sich doch auch nicht wegwenden von diesem allmäligen
Verfärben der Dinge und von dem Einhüllen zur Ruhe der Nacht. Die große
Ermüdung seiner Glieder ließ ihm das Sizen auf dem weichen Grase und
geschüzt von den dekenden Gesträuchen recht angenehm erscheinen. Er saß
mit dem Spize an seiner Seite so lange, bis endlich das Dunkel mit immer
größerer Schnelligkeit sich über See, Gebirge und Himmel webte. Dann
beschloß er, sich nieder zu legen. Er machte alle Knöpfe seines Rokes zu, wie
es ihn die Ziehmutter gelehrt hatte, daß er sich nicht verkühle – er band das
Halstuch, das er unter Tags abgethan hatte, wieder um – er that sein
Regenmäntelchen aus Wachstaffet heraus, und nahm es über – dann richtete
er sich das Ränzchen als Kissen, und legte das Haupt darauf, da die
Finsterniß schon wie eine Mauer um ihn stand. Das Begehren nach
Schlummer zog sich, da er lag, bald durch alle seine ermüdeten Glieder. Die
Gesträuche flüsterten, da sich das Lüftchen von dem See bis hieher gezogen
hatte, und die Brandung murmelte deutlich von Wand zu Wand.
In diese Eindrüke, deren Wirkungen immer schwächer wurden, versanken
seine Sinne, und das Bewußtsein wollte eben verschwinden, als er durch ein
leises Knurren seines Hundes gewekt wurde. Er schlug die Augen auf – da
stand einige Schritte vor ihm dicht am Landungsplaze eine menschliche
Gestalt sich dunkel gegen das schillernde Wasser des Seees werfend. Victor
strengte seine Augen an, mehr von der Gestalt zu erkennen, aber die Umrisse
zeigten nur, daß sie ein Mann sei, und es ließ sich nicht ermitteln, ob jung
oder alt. Die Gestalt stand ganz ruhig, und schien unverwandt auf das Wasser
hinaus zu schauen. Victor richtete sich zu sizender Stellung empor, und blieb
ebenfalls ruhig. Auf ein neues stärkeres Knurren des Hundes drehte sich die
Gestalt plözlich um und rief: »Seid ihr da, junger Herr?«
»Ein junger Wandersmann mit seinem Hunde ist da,« sagte Victor, »was
wollt ihr?«
»Daß ihr zum Abendessen kommt, denn die Stunde ist fast schon vorüber.«
»Zum Abendessen? – zu wessen Abendessen? – und wer ist es, den ihr
suchet?«
»Ich suche unsern Neffen; denn der Oheim wartet schon eine
Viertelstunde.«
»Seid ihr sein Gesellschafter, oder sein Freund?«
»Ich bin sein Diener, Namens Christoph.«
»Des Herrn der Klause, meines Oheims?«
»Des nehmlichen. Er hat die Anzeige eurer Herreise erhalten.«
»Nun so sagt ihm,« sprach Victor, »daß ich hier die ganze Nacht sizen
will, und daß ich mir eher einen Stein um den Hals hängen und mich in den
See werfen lasse, als daß ich den Hund ertränke, der mit mir ist.«
»Ich werde es ihm sagen.«
Mit diesen Worten kehrte sich der Mann um, und wollte fortgehen.
Victor rief ihm noch ein Mal nach: »Christoph, Christoph.«
»Was wollt ihr, junger Herr?«
»Ist kein anderes Haus, oder eine Hütte, oder sonst ein Ding auf der Insel,
in welchem man übernachten könnte?«
»Nein, es ist nichts da,« antwortete der Diener, »das alte Kloster ist
zugesperrt, die Kirche auch, die Speicher sind mit altem Geräthe
vollgepfropft, ebenfalls verschlossen, und sonst ist nichts da.«
»Es ist auch gut,« sprach Victor, »das Haus meines Oheims besuche ich
durchaus nicht – von diesem Hause verlange ich keinen Schuz. – – Mir
däucht, der alte Schiffmann, der mich herüber geführt hat, hat euren Namen
genannt, und hat gesagt, daß ihr manchmal in die Hul hinaus kämet.«
»Ich hole unsere Lebensmittel und andere Dinge herüber.«
»So hört mich an, ich will euch euren Fährlohn reichlich zahlen, wenn ihr
mich heute noch in die Hul hinüber schifft.«
»Und wenn ihr noch mehr zahltet, als ich verlangen wollte, so wäre es
dreimal unmöglich. Erstens stehen alle Kähne in dem Bohlenverschluße, das
Thor ist gesperrt, und jeder Kahn liegt noch mit einem Schlosse an seinem
Balken angeschlossen, wovon ich keinen Schlüssel habe. Zweitens, wenn
auch ein Kahn wäre, so wäre kein Fährmann. Ich werde es euch erklären.
Seht ihr dort gegen den Orla zu die weißen Fleke, die auf dem See sind. Das
sind Nebelfleken, die gleichsam auf den Steinen des Orlaufers sizen. Wir
heißen sie die Gänse. Und wenn die Gänse einmal in einer Reihe da sizen,
dann kömmt Nebel. Wenn die Abendwehe, das ist der Wind, der nach jedem
Sonnenuntergange aus den Schluchten auf den See heraus geht, aufhört, dann
ist in einer halben Stunde der See mit Nebel angefüllt, und da kann man nicht
wissen, wohin ein Kahn zu leiten ist. Unter dem Wasser laufen die
Gebirgsgrate hin, die oft nur ein wenig bedekt sind. Wenn man zu einem
solchen Grate geriethe, und ein Lek in das Schiff stieße, da müßte man
aussteigen und in dem Wasser stehen bleiben, bis man am Tage von
jemanden gesehen
würde. Aber man würde von niemanden gesehen, weil die Fischer niemals
zu den Gebirgsgraten hinzufahren. Begreifet ihr das, junger Herr?«
»Ja, ich begreife es,« antwortete Victor.
»Und zum Dritten kann ich euch nicht überführen, weil ich sonst ein
ungetreuer Diener wäre. Der Herr hat mir keinen Auftrag gegeben, euch in
die Hul zu führen, und wenn er dies nicht thut, so führe ich euch nicht über.«
»Gut,« antwortete Victor, »so bleibe ich hier so lange sizen, bis morgen ein
Fahrzeug so nahe kömmt, daß ich es herzu zu winken vermag.«
»Es kömmt aber kein Fahrzeug so nahe,« erwiederte der Diener; »es ist
über unseren See kein Warenzug, weil der einzige Weg, der vom andern Ufer
weiter führt, nur ein Fußweg über die Grisel ist, und die Wanderer zu diesem
Fußwege an dem unserer Insel entgegengesezten Seeufer hinfahren. Dann ist
die Brandung an den Gestaden der Insel so groß, daß sich wenige Fische da
aufhalten, und selten Fischerbote so nahe kommen. Es könnten acht oder
mehr Tage vergehen, ehe ihr eines seht.«
»So muß mich morgen mein Oheim in die Hul zurük führen lassen, weil
ich auf sein Verlangen hieher gekommen bin, und weil ich nicht mehr länger
da bleiben will,« sagte Victor.
»Es kann sein, daß er es thut,« antwortete der Diener, »ich weiß das nicht;
aber jezt wartet er mit dem Abendessen auf euch.«
»Wie kann er warten,« sagte Victor, »da er gemeint hat, ich solle meinen
Spiz ertränken, da er gesagt hat, daß er nicht öffnen wolle, wenn ich es nicht
thue, und da er mich hierauf fort gehen sah, und mich nicht zurük gerufen
hat.«
»Das weiß ich alles nicht,« erwiederte Christoph, »aber eure Ankunft ist in
der Klause bekannt, und es war auf dem Tische für euch gedekt. Der Herr hat
mir aufgetragen, euch zu rufen, weil ihr die Eßstunde nicht wißt, sonst hat er
nichts gesagt. Weil ich es aber gesehen habe, wie ihr von dem Eisengitter
fortgelaufen seid, so dachte ich gleich, als er mir den Auftrag gab, euch zum
Essen zu rufen, ich müsse an diesen Ort gehen, ich würde euch hier finden.
Anfangs, da ich euch nicht sah, meinte ich gar, ihr seid gleich wieder über
das Wasser davongefahren, aber es war ja nicht möglich, der Mann, der euch
gebracht hat, muß ja schon um die Orlaspize zurük gewesen sein, als ihr
hieher wieder zurük kamet.«
Als Victor hierauf nichts erwiederte, stand der Mann noch ein Weilchen,
dann sagte er wieder: »Der Herr wird gewiß bereits zu essen begonnen
haben; denn er hat seine festgesezten Stunden und geht davon nicht ab.«
»Das ist mir eine gleichgültige Sache,« antwortete Victor, »er mag essen
und sich sättigen, von seinem Male verlange ich nichts; denn ich und mein
Spiz haben unsere Brode, die ich mir aufgehoben habe, schon verzehrt.«
»Nun so muß ich also gehen, und ihm das melden,« sprach der Diener
weiter, – »aber das müßt ihr bedenken, daß ihr, wie ihr vorher selber sagtet,
gekommen seid, weil es der Oheim begehrt hat, daß er also mit euch zu
sprechen wünscht, und daß ihr das selber unmöglich macht, wenn ihr in dem
Gebiethe seines Hauses unter freiem Himmel sizen bleibt.«
»Ich wollte zu ihm gehen,« erwiederte Victor, »ich wollte mit ihm
sprechen, und ihn ehrerbiethig grüßen, die Mutter hat mir auch gesagt, daß es
gut sei, und der Vormund hat es auch befohlen – aber ehe ich dem Thiere, das
mich mit Lebensgefahr aufgesucht und begleitet hat, etwas zu Leide thun
lasse, will ich selber eher Verwundung und Tod ertragen.«
»Es wird dem Thiere nichts geschehen,« sagte Christoph, »der Herr hat
euch nur einen guten Rath gegeben; wenn ihr ihn nicht befolgt, so kümmert
es ihn nicht. Er denkt gewiß nicht mehr darauf; denn sonst hätte er mich ja
nicht geschikt, euch zum Essen zu holen.«
»Wenn ihr mir verbürgen könnt, daß dem Hunde nichts geschieht, so will
ich mit euch gehen,« sagte Victor.
»Das kann ich euch verbürgen,« antwortete der Diener, »der Herr vergaß
der Geringfügigkeit eines Hundes, und wird ihm nichts anhaben.«
»So komme, lieber Spiz,« sagte Victor, indem er aufstand.
Er suchte gleichsam mit zitternden Händen eine Schnur aus seinem
Ränzlein hervor, dergleichen er immer zu verschiedenen Dingen im Vorrathe
mit zu führen pflegte, und befestigte dieselbe an dem Ringe des Halsbandes,
das der Spiz trug. Hierauf nahm er das Ränzlein auf die Schulter, hob seinen
Reisestab vom Boden auf, und folgte dem alten Christoph, der ihn den
nehmlichen Weg führte, den er in der Abenddämmerung gegangen, und dann
wieder zurük gelaufen war. Er wäre in der Nacht schwer zu finden gewesen,
wenn nicht der alte Christoph voran gegangen wäre. Sie gingen durch das
Gestrippe, durch die Ahorne, durch den Zwerggarten, durch den breiten
Graben, und kamen zu dem eisernen Gitter. Christoph zog hier ein kleines
Ding aus seiner Tasche, das Victor für einen Schlüssel hielt; aber es war ein
Pfeifchen und der Diener that damit einen gellenden Pfiff. Sogleich öffnete
sich das Thor von unsichtbaren Händen – Victor begriff es gar nicht – und
schlug sich hinter ihnen wieder krachend zu. Victor blikte von dem
Sandplaze, auf dem sie nun waren, sogleich auf das Haus. An der ganzen
Vorderseite desselben waren nur drei Fenster erleuchtet, zwei im oberen, und
eines im Erdgeschoße, alles andere war in Finsterniß. Christoph führte den
Jüngling über die Holztreppe,
welche gut gedekt war, von dem Sandplaze in das erste Geschoß hinauf.
Sie kamen in einen Gang und von demselben in das Zimmer, dem die zwei
erleuchteten Fenster angehörten. In dem Zimmer ließ Christoph den Jüngling,
ohne weiter ein Wort zu sagen, stehen, und ging wieder rükwärts hinaus. An
dem Tische dieses Zimmers saß der Oheim Victors ganz allein und aß. Er
hatte Abends, da ihn Victor zum ersten Male sah, einen weiten grautuchenen
Rok angehabt, jezt hatte er diesen abgelegt und stak in einem weiten
großblumigen Schlafroke, und hatte ein rothes, goldgerändertes Käppchen
auf.
»Ich bin nun schon an den Krebsen,« sprach er zu dem eintretenden
Jünglinge, »du bist zu lange nicht gekommen, ich habe meine festgesetzte
Stunde, wie es die Gesundheit fordert, und gehe von derselben nicht ab. Man
wird dir gleich etwas auftragen. Seze dich auf den Stuhl, der mir gegenüber
steht.«
»Die Mutter und der Vormund lassen euch viele Grüsse sagen,« hob Victor
an, indem er mit dem Ränzlein auf dem Rüken stehen blieb, und zuerst die
Aufträge seiner Angehörigen, dann seine eigene Ehrerbiethung und
Begrüßung darbringen wollte.
Der Oheim aber that mit beiden Händen, in deren jeder er ein Stük eines
zerbrochenen Krebsen hielt, einen Zug durch die Luft und sagte: »Ich kenne
dich ja schon an dem Angesichte – so fange an hier zu sein, wohin ich dich
beschieden habe, und wo ich dich als den Beschiedenen erkenne. Wir sind
jezt bei dem Essen, daher seze dich nieder und iß. Was sonst alles zu thun ist,
wird schon geschehen.«
Victor legte also sein Ränzlein auf einen Stuhl, den Wanderstab lehnte er
in einen Winkel, und dann ging er gegen den angewiesenen Stuhl, den Spiz
an der Schnur hinter sich her zerrend. Der alte Mann, dem er gegenüber saß,
hielt sein mageres Angesicht gegen den Teller nieder, und das Angesicht
röthete sich während dem Essen. Er riß mit den Händen die Krebse sehr
geschikt auseinander, lösete das Fleisch aus, und saugte den Saft aus dem
Korbe des Oberleibes und dem Geflechte der Füsse. Dem Jünglinge war das
wohlwollende Herz, das er hieher hatte bringen wollen, erstikt, und er saß
stumm dem Verwandten gegenüber, der ebenfalls stumm in dem Geschäfte
seines Essens fort fuhr. Es standen mehrere verschieden gestaltete und
verschiedenfärbige lange Flaschen auf dem Tische, in denen verschiedene
Weine sein mußten, und aus denen der Oheim wahrscheinlich schon
getrunken hatte; denn bei jeder Flasche stand ein eigenthümliches Glas mit
einem Restchen Wein am Boden. Nur eine Flasche stand noch neben dem
Teller, und aus derselben schenkte der alte Mann von Zeit zu Zeit ein
Schlükchen in ein kleines grünbauchiges Stengelglas. Für Victor war
indessen eine Suppe gebracht worden, von welcher er mit seiner rechten
Hand aß, während er mit der Linken das Haupt des unten sizenden Spizes an
sein Knie drükte. In der Zeit, in welcher er seine Suppe aß, waren von einem
alten Weibe nach und nach so viele Speisen für ihn herbei getragen worden,
daß er in Verwunderung gerieth. Er aß davon, bis er satt war, dann ließ er das
Uebrige stehen. Der Oheim hatte ihm von den Weinen nichts angetragen,
Victor verabscheute auch noch den Wein, sondern schenkte sich von dem
Wasser, das in einer kristallschönen Flasche von derselben alten Frau, die
aufwartete, alle Augenblike erneuert wurde, ein, und erkannte, daß er nie ein
so vortreffliches, frisches, pralles und starkes Wasser getrunken habe.
Während er sich sättigte, aß der Oheim noch ein Stükchen Käse, dann allerlei
Früchte und Zukerwerk. Hierauf trug der alte Mann die verschiedenen Teller,
auf denen Glasgloken über den Dingen des Nachtisches standen, eigenhändig
in Schreine, die in die Mauern gefügt waren, und sperrte sie ein. Dann that er
die Restchen Wein jedes in seine Flasche und schloß die Flaschen in ähnliche
Schreine ein.
Auf der Stelle des Zimmers, auf welcher der Oheim während dem Essen
gesessen war, war ein dichter Teppich gebreitet, und auf dem Teppiche lagen
drei alte fette Hunde, denen der Greis von Zeit zu Zeit bald eine Krebsschere,
bald eine Mandel, bald ein Stükchen Zukerwerk hinab gereicht hatte. Schon
als Victor mit dem Spiz eingetreten war, hatten alle drei geknurrt, und
während dem Essen, wenn er dem armen Spiz ein Stükchen hinab reichte,
grinsten sie wieder und ließen ein schwaches Murren hören.
So lange der Oheim bei seinem Nachtmale beschäftigt gewesen war, hatte
er zu Victor nicht gesprochen, gleichsam, als wäre zu keinem andern Dinge
Zeit; jezt aber sagte er: »Hast du das Gerippe doch wieder mit geschleppt.
Wer ein Thier hat, muß es auch ernähren können. Ich habe dir den Rath
gegeben, daß du es in den See würfest, aber du hast ihn nicht befolgt. Die
Hunde der Studenten habe ich nie leiden können; sie sind, wie traurige
Gespenster. Und gerade dieses Volk will immer Hunde haben. Wo hast du
ihn denn mit genommen, und brachtest ihn zu mir, ohne ihm unter Weges
etwas zu fressen zu geben?«
»Es ist der Hund meiner Ziehmutter, Oheim,« sagte Victor, »ich habe ihn
nirgends mit genommen, weder gekauft noch ertauscht; sondern am dritten
Tage nach meiner Abreise ist er mir nach gekommen. Er muß stark gerannt
sein, was er in seinem früheren Leben nicht gewohnt war; er muß auch große
Angst ausgestanden haben, wozu er ebenfalls bei der Ziehmutter nie Ursache
gehabt hatte – und deßhalb ist er in den darauf folgenden Tagen so mager
geworden, wie er nie gewesen ist, obwohl ich ihm gegeben habe, was er nur
immer verlangte. Erlaubt daher, daß ich ihn in eurem Hause bei mir behalte,
damit ich ihn der Ziehmutter wieder übergeben kann, sonst müßte ich
sogleich zurük reisen und ihn ihr überbringen.«
»Und da hast du ihn immer so Tag und Nacht bei dir gehabt?«
»Freilich.«
»Daß er dir einmal die Kehle abfrißt.«
»Das thut er ja nie. Wie fiele ihm denn das ein? Er ist bei meinen Füssen
gelegen, wenn ich rastete oder schlief, er hat sein Haupt auf dieselben gelegt,
und er würde eher erhungern, ehe er mich verließe oder mir ein Leid thäte.«
»So gib ihm zu essen, und denke auf das Wasser, daß er nicht wüthend
wird.«
Das alte Weib hatte, als das Abendmal aus war, nach und nach die
Schüsseln, Teller und andere Reste desselben fort getragen; jezt kam auch
Christoph, den Victor, seit er mit ihm hieher gekommen war, nicht mehr
gesehen hatte.
Der Oheim sagte zu dem hereintretenden Diener: »Sperre ihnen die
Stallthür gut zu, daß keiner heraus komme, lasse sie aber vorher auf dem
Sande unten ein wenig herum gehen.«
Auf diese Worte erhoben sich die drei Hunde, wie auf ein bekanntes
Zeichen. Zwei folgten Christoph von selber, den dritten nahm er bei dem
Balge und schleppte ihn hinaus.
»Ich werde dir deine Schlafkammer selber zeigen,« sagte der Oheim zu
Victor.
Er ging bei diesen Worten in die Tiefe des Zimmers, wo es bedeutend
dunkel war, weil nur ein Licht auf dem Tische brannte. Dort nahm er von
einem Gestelle, oder sonst von etwas, das man nicht erkennen konnte, einen
Handleuchter, kam wieder hervor, zündete die Kerze des Handleuchters an,
und sagte: »Jezt folge mir.«
Victor nahm sein Ränzlein mit dem einen Riemen in den Arm, faßte seinen
Stab, zog den Spiz an der Schnur, und ging hinter dem Oheime her. Dieser
führte ihn bei der Thür hinaus in einen Gang, in welchem der Reihe nach
uralte Kästen standen, dann rechtwinklig in einen andern, und endlich eben
so in einen dritten, der durch ein eisernes Gitter verschlossen war. Der Oheim
öffnete das Gitter, führte Victor noch einige Schritte vorwärts, öffnete dann
eine Thür und sagte: »Hier sind deine zwei Zimmer.«
Victor trat in zwei Gemächer, wovon das erste größer, das zweite kleiner
war.
»Du kannst den Hund in die Nebenkammer einsperren, daß er dir nichts
thut,« sagte der Oheim, »und die Fenster verschließe wegen der Nachtluft.«
Mit diesen Worten zündete er die auf dem Tische des ersten Zimmers
stehende Kerze an, und ging ohne Weiters fort. Victor hörte, daß er das Gitter
des Ganges zusperre, dann verklang der schleifende Tritt der Pantoffeln, und
es war die Ruhe der Todten im Hause. Um sich zu überzeugen, daß er
hinsichtlich des Gitters recht gehört habe, ging Victor auf den Gang hinaus,
um nach zu sehen. Es war in der That so: das eiserne Gitter war mit seinen
Schlössern verschlossen.
»Du armer Mann,« dachte Victor, »fürchtest du dich etwa vor mir?«
Dann stellte er die Kerze, die er auf den Gang mit hinaus genommen hatte,
wieder auf den Tisch neben das zinnene, verbogene Waschbeken, und schritt
gegen das große vergitterte Fenster vor. Es waren zwei hart nebeneinander in
steinene Simse gefügte Fenster. Victor sah, da das Glas geöffnet stand, durch
das eiserne Gitter in die Nacht hinaus, und der Druk, der gleichsam auf seiner
Seele lag, begann sich zu lösen. Es war ein blasser mit wenigen Sternen
besezter Nachthimmel, der zu ihm herein blikte. Es mochte ein kleiner Ranft
des wachsenden Mondes hinter dem Hause stehen; denn Victor sah das
schwache Licht desselben auf den Blättern eines Baumes glänzen, der vor
dem Hause war – aber die Berge, die gegenüber standen, zeigten sich völlig
lichtlos. Die im Laufe dieses lezten Tages vielfach genannte Grisel erkannte
er gleich. Sie stand wie ein flacher, schwarzer Schattenriß auf dem Silber des
Himmels, bog sich niedergehend ein wenig aus, und an dem Buge stand ein
Stern, wie ein niederhängendes irdisches Ordenssternlein.
Victor schaute lange hinaus.
»Nach welcher Gegend hin,« dachte er, »wird das Thal meiner Mutter sein,
und wird das liebe schimmernde Häuschen zwischen den dunkeln Büschen
stehen?«
Er hatte nehmlich durch die vielfachen Windungen des Weges an der Afel
herein, und durch die Kreuzgänge des Hauses die Richtung der
Weltgegenden verloren.
»Jezt werden dort auch die Sterne nieder scheinen, der Hollunder wird
stille sein, und die Wasser werden rieseln. Mutter und Hanna werden
schlummern, oder sie sizen noch an dem Tische, wo sie das Abendmal
verzehrt haben, mit ihrer Arbeit, und denken an mich, oder reden wohl gar
von mir.«
Vor seinen jezigen Fenstern war wohl auch ein Wasser, ein viel größeres,
als der Bach in seinem Mutterthale, aber er konnte es nicht sehen; denn ein
ruhiger weißer Nebel lag darauf, der oben durch eine wagrechte gleichsam
feste Linie abgeschnitten war.
»Von der Stube, in welcher ich schlief, schaut jezt niemand nieder, um die
Funken in dem regsamen Bache zu sehen, um die Bäume zu sehen, die herum
stehen, oder auch die Berge, auf welche sich die Felder empor ziehen.«
Es kam, während er so hinaus schaute, nach und nach eine kalte, sehr
feuchte Nachtluft durch die Fenster herein. Victor schloß sie also zu, und
besah, ehe er sich nieder legte, auch das zweite Gemach. Es war, wie das
erste, nur daß es kein Bett hatte. Ein rußiges Bild sah von einer Nische
nieder, darauf ein Mönch abgemalt war. Victor schloß auch hier das schmale
Fenster und ging zu seiner Lagerstätte hinaus. Den Spiz hatte er
unwillkührlich immer an der Schnur mit sich geführt; nun aber lösete er den
Knoten an dem Ringe, nahm ihm das Halsband ab und sagte: »Lege dich hin,
wo du willst, Spiz, wir werden uns wechselweise nicht absperren.«
Der Hund sah ihn an, als wollte er deutlich sagen, daß ihm alles
befremdend vorkomme, und daß er nicht wisse, wo er sei.
Victor schloß nun auch seinerseits das Schloß seines Zimmers zu und
entkleidete sich. Es fiel ihm während dieser Handlung auf, daß er heute
Abends in dem ganzen Hause nur drei Menschen gesehen habe – und daß
diese lauter alte gewesen sind.
Als er sein Nachtgebet, das er gewissenhaft seit den ersten Tagen seiner
Kindheit immer verrichtete, gesprochen hatte, legte er sich in das Bett. Er ließ
eine Weile noch das Licht auf seinem Betttischchen brennen, bis ihm die
Augenlieder zu schwer wurden und die Sinne zu schwinden begannen. Dann
löschte er die Kerze aus, und drehte sich gegen die Wand.
Der Spiz lagerte sich, wie gewöhnlich, zu den Füssen seines Bettes, that
ihm nichts Leides, und beiden ermüdeten Wesen war die Nacht wie ein
Augenblik.
5. Aufenthalt
Als Victor des andern Morgens erwachte, erschrak er über die Pracht, die
sich ihm darstellte. Die Grisel stand drüben in allen ihren Spalten funkelnd
und leuchtend, und obwohl sie in der Nacht der höchste Berg geschienen
hatte, so standen doch nun höhere neben ihr, die er in der Nacht nicht
gesehen hatte, und die nun sanft blau nieder schienen, und an vielen Stellen
Schneefleken zeigten, die sich wie weiße Schwäne in die Spalten dukten.
Alles glänzte und flimmerte durcheinander, hohe Bäume standen vor dem
Hause in einer solchen Nässe, wie er sie nie gesehen hatte, die Gräser troffen,
überall gingen breite Schatten nieder, und das Ganze erschien noch einmal in
dem See, der von jeder Floke Nebel rein gefegt, wie der zarteste Spiegel
dahin lag. Victor hatte seine Fenster aufgerissen und stekte das blühende
Angesicht zwischen den Eisenstäben hinaus. Sein Erstaunen war
außerordentlich. Mit alle dem Getümmel an Lichtern und Farben herum
bildete das todähnliche Schweigen, mit dem diese ungeheuren Bergeslasten
herum standen, den schärfsten Gegensaz. Kein Mensch war zu sehen – auch
vor dem Hause nicht – nur einige Vögel zwitscherten zeitweilig in den
Ahornen. Welch ein Morgenlärm mochte nicht in all diesen Höhen sein, aber
er war nicht zu vernehmen, weil sie zu ferne standen. Victor strekte den
Kopf, so weit er konnte, hinaus, um herum schauen zu können. Er sah einen
ziemlichen Theil des Seees. Ueberall schritten Wände an demselben hin, und
der Jüngling konnte durchaus nicht errathen, wo er herein gekommen war.
Auch die Sonne war an einem ganz andern Orte aufgegangen, als er erwartet
hatte, nehmlich hinter dem Hause, und seine Fenster waren noch im Schatten,
was eben das Licht der gegenüber liegenden Wände noch erhöhte. Mit dem
Monde, den er gestern seiner Lichtwirkung nach höchstens für eine schmale
Sichel gehalten hatte, war er ebenfalls im Irrthume; denn er stand nun als
Halbmond noch am Himmel, gegen die Zaken der Gebirge sich nieder
neigend. Victor kannte die Wirkung der Lichter in den Bergen noch nicht.
Welche Fluth hätte auf die fernen Wände fallen müssen, daß sie so erleuchtet
dagestanden wären, wie der Kirchthurm seines Dorfes, der im Mondscheine
immer so schimmernd weiß und scharf in die dunkelblaue Nachtluft empor
gestanden war. Obwohl die Sonne schon ziemlich hoch stand, so war doch
die Luft, die zu seinen Fenstern herein strömte, noch so kalt und naß, wie er
sie zu Hause nicht gewohnt war; allein sie belästigte ihn nicht, sondern sie
war zugleich so fest und hart, daß sie alle seine Lebensgeister anregte.
Er trat endlich von dem Fenster zurük, und fing an sein Ränzlein
auszupaken, um sich anders anzukleiden, als er auf der Reise gewesen war;
denn heute, dachte er, wird der Oheim zu ihm sprechen, und wird ihm
erklären, warum er ihn zu sich auf diese vereinsamte Insel habe kommen
lassen. Er legte reine Wäsche heraus, er bürstete den Staub von dem zweiten
Anzuge,
den er außer dem Reisekleide noch mit sich führte, er benüzte
reichlich das spiegelklare in dem zinnenen Kruge vorhandene Wasser, um
den Reisestaub von sich zu waschen, und zog sich dann so zusammen
stimmend und passend an, wie er es in dem überreinlichen Hause seiner
Ziehmutter gelernt hatte. Selbst den Spiz, der ein so unwillkommener Gast in
diesem Hause war, hatte er vorher noch gekämmt und gebürstet. Dann legte
er ihm wieder das Halsband um, und knüpfte seine Schnur an den Ring
desselben. Als sie beide ganz und gar fertig waren, schloß er seine Thüre auf,
und wollte in das Zimmer gehen, wo sie gestern Abends gegessen hatten, um
den Oheim zu suchen. Als er aber auf dem Gange war, fiel ihm ein, daß er
heute zum ersten Male sein Morgengebet vergessen habe. Es mußte in der
Wirkung der großen nie gekannten Eindrüke des heutigen Morgens
geschehen sein. Er ging daher noch einmal in das Zimrner zurük, stellte sich
wieder an das Fenster, und sagte die einfachen Worte, die er sich einst
heimlich und ohne daß jemand etwas davon wußte, zu diesem Zweke
zusammen gedacht hatte. Dann trat er zum zweiten Male den Weg zu dem
Oheime an.
Das eiserne Gitter am Gange war nicht mehr versperrt, er trat durch
dasselbe hindurch und fand leicht den Gang, aus welchem er gestern in das
Speisezimmer war geführt worden – aber der Gang hatte gar keine Thür, die
in ein Gemach hätte leiten können, sondern es standen in demselben lauter
alte Kästen, die er schon gestern beim Schlafengehen im Kerzenscheine
gesehen hatte. Die Gangfenster waren von unten gegen oben mit Brettern
verschlagen, nur eine kleine Oeffnung war oben frei, daß durch das Glas das
Licht herein fallen konnte, gleichsam als scheute man die Freiheit und
Klarheit des Lichtes und liebte die Finsterniß in diesen Gängen. Da Victor so
suchte, trat aus einem der Kästen die alte Frau heraus, die gestern zum
Abendessen die Speisen gebracht hatte. Sie trug Tassen und Schalen, und
ging wieder in einen solchen Kasten hinein. Da Victor an dem, wo sie heraus
gekommen war, näher schaute, entdekte er, daß derselbe ein verlarvtes
Thürfutter sei, und zur Hinterwand die Thür habe, durch die er gestern zu
dem Oheime hinein gegangen war, wie er an dem Ringe und Klöppel
erkannte, die er gestern beim Lichte bemerkt hatte. Er klopfte leicht mit dem
Klöppel, und auf einen Laut drinnen, der wie »herein« klang, öffnete er und
ging hinein. Er gelangte wirklich in das gestrige Speisezimmer und traf den
Oheim.
Die vielen gleichen Kästen, die sich etwa in dem Gebäude vorgefunden
hatten, schienen nur darum in den Gang gestellt worden zu sein, daß jemand,
der in unredlicher Absicht durch eine Thür hinein gehen wollte, diese Absicht
nicht leicht erreiche, weil er die kostbarste Zeit durch Untersuchung der
wahren und falschen Thürkästen vergeuden mußte. Zu demselben Zweke
größerer Sicherheit schienen auch die Gänge verfinstert worden zu sein.
Der Oheim hatte heute den grauen weiten Rok an, in dem ihn Victor
gestern an dem Eisengitter hatte stehen gesehen. Er stand jezt im Zimmer auf
einem Schemel, und hatte einen ausgestopften Vogel in der Hand, von dem er
mit einem Pinsel den Staub abbürstete.
»Ich werde dir heute die Stundeneintheilung meines Hauses geben, die
durch Christoph aufgeschrieben ist, daß du dich darnach richten kannst; denn
ich habe mein Frühstük schon nehmen müssen, weil die Zeit da war,« sagte
er zu dem hereingekommenen Victor ohne weiteren Morgengruß oder
sonstiger Bewillkommung.
»Ich wünsche euch einen sehr guten Morgen, Oheim,« sagte Victor, »und
bitte um Verzeihung, daß ich die Frühmalstunde versäumt habe, ich wußte sie
nicht.«
»Freilich konntest du sie nicht wissen, Narr, und es verlangte niemand, daß
du sie einhaltest. Gieße dem Hunde in jenen hölzernen Trog ein Wasser.«
Mit diesen Worten stieg er von dem Schemel herunter, ging zu einer
Leiter, bestieg sie, und sezte den Vogel in das obere Fach eines
Glasschreines. Für den hineingestellten nahm er einen andern heraus, und
fing dasselbe Bürsten mit ihm an.
Victor konnte jezt bei Tage erst sehen, wie ungemein hager und verfallen
der Mann sei. Die Züge drükten kein Wohlwollen und keinen Antheil aus,
sondern waren in sich geschlossen, wie von einem, der sich wahrt, und der
sich selber unzählige Jahre geliebt hat. Der Rok schlotterte an den Armen,
und von dem Kragen desselben ging der röthliche, runzlige Hals empor. Die
Schläfe waren eingesunken und das zwar noch nicht völlig ergraute aber aus
vielen mißhelligen Farben gemischte Haar war struppig um dieselben herum,
niemals, seit es wuchs, von einer liebenden Hand gestreichelt. Die Augen, die
unter den herabgesunkenen Brauen hervor gingen, hafteten auf dem kleinen
Umkreise des todten Vogels. Der Rokkragen war an seinem oberen Rande
sehr schmuzig, und an dem Aermel sah ein gebauschtes Stük Hemd hervor,
das ebenfalls schmuziger war, als es Victor je bei seiner Ziehmutter gesehen
hatte. Und überall waren leblose oder verdorbene Dinge um den Mann
herum. Es befanden sich in dem Zimmer eine Menge Gestelle, Fächer, Nägel,
Hirschgeweihe und dergleichen, an welchen allen etwas hing und auf
welchen allen etwas stand. Es wurde aber mit solcher Beharrung gehütet, daß
überall der Staub darauf lag, und daß sich vieles schon Jahre lang nicht von
dem Plaze gerührt hatte. In den Halsbändern der Hunde, wovon ein ganzer
Bündel da hing, war innerlich der Staub; die Falten der Tabaksbeutel waren
erstarrt und undenklich lange schon nicht geändert worden; die Röhre der
Pfeifensammlung klaften, und die Papiere unter den unzähligen
Schwersteinen waren gelb. Das Zimmer, welches statt der Deke ein
bedeutend spizes Gewölbe hatte, war ursprünglich bemalt gewesen, aber die
Farbe in ihren Lichtern und Schatten war in ein gleichmäßiges uraltes Dunkel
übergegangen. Auf dem Fußboden lag ein ausgebleichter Teppich, und nur
dort, wo der Mann während des Speisens zu sizen pflegte, war ein neuerer
kleinerer mit blühenden Farben gelegt. Jezt wälzten sich eben die drei Hunde
auf ihm. – Es war ein sehr starker Gegensaz, wie Victor in dem Zimmer
dieses alten Mannes stand. Sein schönes Angesicht blühte in fast
mädchenhafter Unschuld, es war voll Lebenslust und Kraft, die einfärbigen
dunkeln Haare lagen gut geordnet um dasselbe, und in seinem Anzuge war er
so rein, als wäre derselbe in diesem Augenblike von liebreichen
Mutterhänden besorgt worden.
Er blieb, wie er in das Zimmer getreten war, stehen, und sah dem Oheime
zu. Dieser aber fuhr in seinem Geschäfte fort, als wenn gar niemand zugegen
wäre. Er mußte es schon sehr lange nicht verrichtet haben, und heute bei
Anbruch des Tages daran gegangen sein; denn es war bereits eine ziemliche
Zahl Vögel gepuzt, und die andern standen noch ganz grau vom Staube hinter
ihren Gläsern. Die alte Frau, welche vorhin an Victor vorüber gegangen war
ohne ihn anzureden, brachte jezt auf einem Brette ein Frühstük herein und
sezte es ebenfalls schweigend auf den Tisch. Victor schloß, daß es für ihn sei,
da es eben bei seinem Erscheinen gebracht worden war. Er sezte sich daher
dazu, und verzehrte davon so viel, als er Morgens zu essen gewohnt war;
denn es stand auf dem Brette weit mehr, als er bedurfte. Es war ein Frühmal,
wie es in England gebräuchlich ist, von Thee und Kaffeh angefangen bis zu
Eiern, Käse, Schinken und kaltem Rindsbraten. Der Spiz hatte es hiebei am
besten; denn Victor gab ihm so viel, als er vielleicht niemals zu seinem
Morgenmale bekommen hatte.
»Hast du schon Wasser in den Trog gegossen?« fragte der Oheim.
»Nein,« entgegnete Victor, »ich vergaß es in dem Augenblike,
aber ich thue es gleich.«
Wirklich hatte der Jüngling im Anschauen seines Oheims auf den Wunsch
desselben vergessen. Er nahm daher den großen gläsernen Krug, der mit
demselben herrlichen Quellwasser wie gestern auf dem Tische stand, und goß
davon einen Theil in einen kleinen hölzernen wohlgebohnten Trog, der an der
Wand neben der Thür stand. Nachdem der Spiz getrunken hatte, ging der
Oheim von seinem Geschäfte weg und rief seine Hunde zu dem Wasser; da
aber keiner Lust bezeigte, weil sie wahrscheinlich ohnehin schon getränkt
waren, so drükte der Oheim an einem Stabe, der von der Wand des Troges
empor stand, nieder, worauf sich im Boden des Gefäßes eine metallene Platte
öffnete und die Flüssigkeit abrinnen ließ. Victor lächelte fast über diese
Einrichtung; denn zu Hause bei ihm war das alles einfacher und freundlicher:
der Spiz war in freier Luft, er trank am Bache und verzehrte sein Essen unter
dem Apfelbaume.
»Ich zeige dir vielleicht einmal das Bildniß deines Vaters,« sagte der
Oheim, »daß du siehst, wie ich dich gleich erkannte.«
Nach diesen Worten stieg der alte Mann wieder auf die Leiter, und nahm
einen neuen Vogel heraus. Victor stand immer in dem Zimmer und wartete,
daß der Oheim mit ihm über die Angelegenheit seiner Herreise zu sprechen
beginnen werde. Aber dieser that es nicht, und puzte stets an seinen Vögeln
fort. Nach einer Weile sagte er: »das Mittagmal ist genau um zwei Uhr. Stelle
deine Uhr nach dieser dort, und komme darnach.«
Victor erstaunte und fragte: »Ihr werdet mich also vor dieser Zeit gar nicht
mehr zu sprechen verlangen?«
»Nein,« antwortete der Oheim.
»So will ich hinaus gehen, um euch in eurer Zeitverwendung nicht zu
stören, und will den See, die Berge und die Insel betrachten.«
»Thue, was dir immer gefällt,« sagte der Oheim.
Victor ging eilig hinaus, allein er fand die Thür der hölzernen Treppe
verschlossen. Daher ging er wieder zu dem Oheime zurük, und bath, daß er
möchte öffnen lassen.
»Ich werde dir selber aufmachen,« sagte dieser.
Er stellte seinen Vogel hin, ging mit Victor hinaus, zog einen Schlüssel aus
seinem grauen Roke, und schloß damit die Thür der Holztreppe auf, die er
hinter dem Jünglinge sogleich wieder versperrte.
Dieser lief die Treppe auf den Sandplaz hinab. Da hier die Fluth des
Lichtes seinen erfreuten Augen entgegen schlug, wendete er sich ein wenig
um, um das Haus von außen zu betrachten. Es war ein festes dunkles
Gebäude mit dem einzigen Geschoße, in welchem er die heutige Nacht
geschlafen hatte. An den offenen Fenstern erkannte er seine Zimmer. Denn
alle andern waren zu, und prangten vielfach mit den schönen Farben der
Verwitterung. Sie standen sämmtlich hinter festen starken Eisengittern. Das
Hauptthor war verrammelt, und die hölzerne überdekte Treppe zu dem
Sandplaze herab schien der einzige Eingang zu sein. Wie war das anders, als
zu Hause, wo Fenster an Fenster offen stand, weiße sanfte Vorhänge wehten,
und man von dem Garten aus das lustige Küchenfeuer flakern sehen konnte.
Victor wendete seine Augen nun gegen den freien Plaz, der von dem
düsteren Hause weg ging. Er war das Freundlichste dieser Umgebung. Hinten
an den Seiten des Hauses hatte er hohe Bäume, dann war er mit Sand
bestreut, hatte hie und da ein Bänklein, mehrere Blumenstellen, und lief
gegen den See in einen wirklichen Blumengarten und dann in Gebüsch aus.
Zu beiden Seiten waren Bäume und Gesträuche. Victor ging auf diesem Plaze
herum, und Luft und Sonnenschein thaten ihm sehr wohl.
Dann aber strebte er weiter, um die Dinge hier zu sehen. Eine uralte
Lindenallee war ihm aufgefallen, die von dem Gebäude des Oheims weiter
führte. Die Bäume waren so hoch und dicht, daß der Boden unter ihnen
feucht war, und das Gras sich mit dem schönsten, zartesten Grün färbte.
Victor ging in der Mitte dieser Allee fort. Er gelangte zu einem andern
Gebäude, dessen hohes breites Thor verschlossen und eingerostet war. Ueber
dem Bogen des Thores standen die steinernen Zeichen geistlicher Hoheit,
Stab und Inful, nebst den andern Wappenzeichen des Ortes. Am Fuße des
Bogens und des ganzen Holzthores war weiches dichtes Gras, zum Zeichen,
daß hier lange kein menschlicher Tritt gewandelt war. Victor sah, daß er
durch diese Pforte nicht in das Gebäude kommen konnte, er ging daher an
demselben außen entlang und betrachtete es. Das Mauerwerk war ein
aschgraues Vierek mit fast schwarzem Ziegeldache. Die überwuchernden
Bäume der Insel waren hoch darüber hinaus gewachsen. Die Fenster hatten
Gitter, aber hinter den meisten derselben standen statt des Glases graue vom
Regen ausgewaschene Bretter. Es war wohl noch ein Pförtchen in dieses
Haus, aber dasselbe war wie der Haupteingang verrammelt. Weiter zurük war
eine hohe Mauer, welche wahrscheinlich den ganzen Zusammenhang von
Gebäuden und Gärten umschloß, und als Eingang das Eisengitter des Oheims
hatte. In einem ausspringenden Winkel dieser Mauer lag der Klostergarten,
von dem aus Victor die zwei diken aber ungewöhnlich kurzen Thürme der
Kirche erblikte. Die Obstbäume waren sehr verwildert und hingen häufig
zerrissen darnieder. Einen Gegensaz mit dieser trauernden Vergangenheit
machte die herumstehende blühende ewig junge Gegenwart. Die hohen
Bergwände schauten mit der heitern Dämmerfarbe auf die grünende mit
Pflanzenleben bedekte Insel herein, und so groß und so überwiegend war ihre
Ruhe, daß die Trümmer der Gebäude, dieser Fußtritt einer unbekannten
menschlichen Vergangenheit, nur ein graues Pünktlein waren, das nicht
beachtet wird in diesem weithin knospenden und drängenden Leben. Dunkle
Baumwipfel schatteten schon darüber, die Schlingpflanze kletterte
mauerwärts und nikte hinein, unten blizte der See, und die Sonnenstrahlen
feierten auf allen Höhen ein Fest in Gold- und Silbergeschmeide.
Victor hätte recht gerne die ganze Insel durchgewandert, die nicht groß
sein mußte, und die er gerne erkundschaftet hätte, aber er überzeugte sich
schon, daß wirklich, wie er vermuthet hatte, das ehemalige Kloster sammt
allen Nebengebäuden und Gartenanlagen von einer Mauer umfangen war,
wenn auch oft blühende Gebüsche die Steine derselben verdekten. Er ging
wieder auf den Sandplaz zurük. Hier stand er eine gute Weile vor dem
Gitterthore, sah die Stäbe an und versuchte an dem Schlosse. Doch zu dem
Oheime hinauf gehen, und ihn bitten, daß er öffnen lasse – das vermochte er
nicht, er hatte einen Widerwillen davor. Außer den zwei alten Dienern, dem
betagten Christoph und der alten Frau, war es wie ausgestorben in dem
ganzen Gebäude. Er ließ daher von dem Gitter ab, und wandelte auf dem
offenen Plaze vorwärts gegen den See, um von dem Felsenufer, wenn hier
auch eines wäre, in das Wasser hinab zu schauen. Es war ein Felsenufer, und
zwar, da er am äußersten Rande draußen stand, ein häuserhohes. Unten
säumte das Wasser sanft den Strand; gegenüber stand die Grisel mit
freundlichem Bergfuße, der seine weißen Steine und seine schimmernden
Dinge im Wasser spiegelte. Und wenn er auf die Bergmauern ringsum
schaute, an denen das Wasser dunkel, reglos und faltenlos lag, so war ihm,
wie in einem Gefängnisse, und als sollte es ihm hier beinahe ängstlich
werden. Er versuchte, ob nicht eine Stelle zum hinunterklettern an das
Wasser zu finden wäre, aber die von Regen und Sturm gepeitschte Wand war
glatt, wie Eisen, ja sie ging sogar gegen das Wasser zu einwärts und
überwölbte sich. Wie groß müssen erst die Wände der Grisel sein, dachte
Victor, die schon von hier aus gesehen wie Paläste empor steigen, während
das Felsenufer der Insel, da wir herfuhren, nur wie ein weißer Sandstreifen
erschienen war.
Als er hier wieder eine Weile gestanden war, ging er längs des Saumes
dahin, bis er an die Einfangungsmauer an der Seite des Klosters käme. Er
kam dahin, und die Mauer stieg mit glattem Rande fallrecht in das Wasser
nieder. Dann wendete er um, und wandelte wieder an dem Saume fort, bis er
neuerdings an die Mauer an der dem Kloster entgegenliegenden Seite käme.
Aber ehe er dahin gelangte, traf er etwas anderes. Es stand eine gemauerte
Höhlung da, wie die Thür eines Kellers, die hinter sich abwärts gehende
Stufen zeigte. Victor meinte, dies könnte eine Treppe sein, die zum See hinab
führe, um etwa Wasser herauf zu holen. Sogleich schlug er den Weg hinab
ein, der in der That wie eine überwölbte Kellerstiege war, und auf unzähligen
Stufen nieder führte. Er gelangte wirklich an das Wasser, aber wie erstaunte
er, als er statt eines armen Schöpfungsplazes, wie etwa zum Begießen der
Pflanzen nöthig wäre, einen wahrhaften Wassersaal erblikte. Da er aus dem
Dunkel der Treppe heraus kam, sah er zwei Seitenwände aus großen Quadern
in den See hinaus laufen, steinerne Simse an ihren Seiten führend, daß man
auf ihnen neben dem Wasserspiegel, der den Fußboden der Halle bildete, hin
gehen konnte. Oben war ein festes Dach, die Mauern hatten keine Fenster,
und alles Licht kam durch die gegen den See gerichtete Wand herein, die ein
Gitter aus sehr starken Eichenbohlen war. Die vierte, nehmlich die Rükwand,
bildete der Fels der Insel. Viele Pflöke waren in den Grund getrieben und an
manchen derselben hing mittelst eines Eisenschlosses ein Kahn. Der Raum
war sehr groß und mußte einst viele solche Kähne in sich liegen gehabt
haben, wie das vielfach abgeschleifte Ansehen der Eisenringe der Pflöke
zeigte; aber jezt waren nur mehr vier da, die ziemlich neu waren, sehr gut
gebaut, und mit Ketten und versperrten Schlössern in den Ringen hingen. Das
Bohlenwerk hatte mehrere Thüren zum Hinausfahren in den See, aber sie
waren alle verschlossen, und die Balken gingen unersichtlich tief in das
Wasser hinab.
Victor blieb stehen und sah in die grünblinkenden Lichter des Seees, die
zwischen den schwarzen Balken des Eichenholzes herein schienen. Er sezte
sich dann nach einer Weile auf den Rand eines Kahnes, um mit der Hand die
Wärme des Seewassers zu prüfen. Es war nicht so kalt, als er es wegen seiner
durchsichtigen Klarheit geschäzt hatte. Seit seiner Kindheit war das
Schwimmen eines seiner liebsten Vergnügen gewesen. Als er daher gehört
hatte, das Haus seines Oheims liege auf einer Insel, nahm er sein
Schwimmkleid in dem Ränzlein mit, um dieser Uebung recht oft nach zu
gehen. Dies fiel ihm hier in dem Wassersaale augenblicklich ein, und er
begann die Stellen wegen künftigen Schwimmübungen mit den Augen zu
prüfen, aber er erkannte gleich die Unmöglichkeit; denn, wo die Kähne
hingen, war es zu seicht, und wo es tiefer wurde, gingen gleich die Bohlen in
das Wasser nieder. Zum Durchkommen durch die Bohlen war ebenfalls keine
Aussicht vorhanden; denn sie waren so enge an einander, daß sich nicht der
schlankste Körper hätte hinaus zwängen können. Es blieb daher nichts übrig,
als sich dieses Wasserhaus für die Zukunft zum bloßen Badeplaze zu
bestimmen.
Zum Theile erfüllte er diese Absicht gleich auf der Stelle. Er legte so viel
von seinen Kleidungsstüken ab, als nötig war, einige Körpertheile,
namentlich Schultern, Brust, Arme und Füsse zu waschen. Den Spiz badete
er ebenfalls. Hierauf legte er seine Kleider wieder an, und stieg die Stufen
zurük empor, die er herabgegangen war. Als er sodann an dem Ufer fort ging,
traf er an das andere Ende der Einschlußmauer. Es ging wie das erste fallrecht
in den See nieder, und war so aus dem Felsen heraus gebaut, daß kaum ein
Kaninchen um den Mauerrand hätte herum schlüpfen können. Victor blieb
eine Weile lässig an dieser Stelle stehen – dann war, so zu sagen, sein
Tagwerk aus. Er ging auf den Sandplaz zurück, und sezte sich dort auf eine
Bank, um von dem Bade auszuruhen und den Spiz zu troknen. Das Haus des
Oheims, welches er nun gegenüber hatte, war, wie es am Morgen gewesen
war. Nur die Fenster des Zimmers, in welchem er geschlafen hatte, standen
offen, weil er sie selbst geöffnet hatte, alles andere war zu. Niemand ging
heraus, niemand ging hinein. Die Schatten wendeten sich nach und nach, und
die Sonne, die Morgens hinter dem Hause gestanden war, beleuchtete nun die
vordere Seite desselben. Victor war es, wie er so da saß und auf die dunkeln
Mauern schaute, als sei er schon ein Jahr von seiner Heimath entfernt.
Endlich wies der Zeiger seiner Uhr auf zwei. Er hob sich daher, ging die
Holztreppe empor, der Oheim öffnete ihm auf sein Klopfen mit dem Klöppel
die Stiegenthür, ließ ihn hinter sich in das Speisezimmer gehen, und sofort
sezten sich beide zu Tische.
Das Mittagmal unterschied sich von dem gestrigen Abendmale nur darin,
daß beide, Oheim und Neffe, zusammen aßen. Sonst war es wie gestern. Der
Oheim sprach wenig, oder eigentlich so viel, wie nichts; die Speisen aber
waren mannigfaltig und gut. Es standen wieder mehrere Weine auf dem
Tische, und der Oheim trug Victor sogar davon an, wenn er nehmlich schon
Wein trinke; dieser aber schlug das Anerbieten aus, indem er sagte, daß er
bisher immer Wasser getrunken habe, und dabei bleiben wolle. Der Oheim
sprach auch heute nichts von dem Reisezweke, sondern da das Essen aus war,
stand er auf und beschäftigte sich mit allerlei Dingen, die in dem Gemache
waren, und kramte in denselben herum. Victor begriff sogleich, daß er
entlassen sei, und begab sich seiner Neigung zu Folge ins Freie.
Nachmittags, da die Hize in diesem Thalbeken, so wie Morgens die Kühle,
sehr groß war, sah Victor, da er über den Blumenplaz ging, den Oheim auf
einer Bank mitten in den Sonnenstrahlen sizen. Derselbe rief ihn aber nicht
hinzu und Victor ging auch nicht hinzu.
So war der erste Tag aus. Das Abendessen, wozu Victor um neun Uhr
beschieden war, endete für ihn, wie gestern. Der Oheim führte ihn in seine
Zimmer und sperrte das Eisengitter des Ganges ab.
Den alten Christoph hatte Victor den ganzen Tag nicht gesehen, nur die
alte Frau allein wartete bei Tische auf – wenn man nehmlich das »aufwarten«
nennen kann, daß sie die Speisen brachte und forttrug. Alles andere hatte der
Oheim selber gethan; auch die Käse und Weine hatte er wieder eingesperrt.
Als man des andern Morgens vom Frühstüke aufgestanden war, sagte er zu
Victor: »Komme ein wenig herein da.«
Mit diesen Worten schloß er eine kaum erkennbare Tapetenthür des
Speisezimmers auf, und schritt in ein anstoßendes Gemach, wohin ihm Victor
folgte. Das Gemach war wüste eingerichtet, und enthielt mehr als hundert
Feuergewehre, die nach Gattungen und Zeiten in Glasschreinen waren.
Hüfthörner, Weidtaschen, Pulvergefäße, Jagdstöke und noch tausenderlei
dieser Dinge lagen herum. Sie gingen durch dieses Zimmer hindurch, dann
durch das anstoßende, das wieder leer war, bis sie in ein drittes kamen, in
dem einige alte Geräthe standen. An der Wand hing ein einziges Bild. Es war
rund, wie die Schilde, worauf man die Wappen zu malen pflegt, und war von
einem breiten ausgeflammten und durchbrochenen Goldrahmen hohen Alters
umschlossen.
»Das ist das Bild deines Vaters, dem du sehr gleich siehst,« sagte der
Oheim.
Ein blühend schöner Jüngling, fast eher noch ein Knabe zu nennen, war in
einem bauschigen braunen mit Goldtressen besezten Kleide auf dem runden
Schilde abgebildet. Die Malerei, obwohl kein Meisterstük ersten Ranges, war
doch mit jener Genauigkeit und Tiefe der Behandlung begabt, wie wir sie
noch recht oft auf den Familienbildern des vorigen Jahrhunderts sehen. Jezt
nimmt Oberflächlichkeit und Rohheit der Farbe überhand. Besonders rein
waren die Goldborden ausgeführt, die noch jezt mit düsterem Lichte
funkelten, und von den schneeweiß eingestäubten Loken und dem lieblichen
Angesichtchen, dessen Schatten ganz besonders rein und durchsichtig waren,
sich gut abhoben.
»Es ist in der adeligen Schule die närrische Sitte gewesen,« sagte der
Oheim, »daß alle Zöglinge zum Andenken abgebildet, und in solchen runden
Schildern mannigfaltig bald in Gängen, bald in Vorsälen, und gar in Zimmern
aufgehängt wurden. Die Rahmen kauften sie sich selber dazu. Dein Vater ist
immer eitel gewesen und ließ sich malen. Ich war viel schöner, als er, und saß
nicht. Als die Schule einging, kaufte ich das Bild hieher.«
Victor, der sich seines Vaters so wie seiner Mutter gar nicht mehr erinnern
konnte, da sie ihm beide, zuerst die Mutter und sehr bald darauf der Vater in
frühester Kindheit weggestorben waren, stand nun vor dem Bilde dessen,
dem er das Leben verdankte. In das weiche Herz des Jünglings kam nach und
nach das Gefühl, das Waisen oft haben mögen, wenn sie, während andere
ihre Eltern in Leib und Leben vor sich haben, blos vor den gemalten Bildern
derselben stehen. Es ist ein von einer tiefen Wehmuth reiches, und doch
einen traurig süssen Trost gebendes Gefühl. Das Bild wies in eine weite
längst vergangene Zeit zurük, wo der Abgebildete noch glüklich, jung und
hoffnungsreich gewesen war, so wie der Betrachter jezt noch jung und voll
der unerschöpflichsten Hoffnungen für diese Welt ist. Victor konnte sich
nicht vorstellen, wie vielleicht derselbe Mann später in dunklem einfachen
Roke und mit dem eingefallenen sorgenvollen Angesichte vor seiner Wiege
gestanden sein mag. Noch weniger konnte er sich vorstellen, wie er dann auf
dem Krankenbette gelegen ist, und wie man ihn, da er todt und erblaßt war, in
einen schmalen Sarg gethan und in das Grab gesenkt habe. Das alles ist in
eine sehr frühe Zeit gefallen, wo Victor die Eindrüke der äußeren Welt noch
nicht hatte, oder dieselben nicht für die nächste Stunde zu bewahren
vermochte. Er sah jezt in das ungemein liebliche, offene und sorgenlose
Angesichtchen des Knaben. Er dachte, wenn er noch lebte, so würde er jezt
auch alt sein, wie der Oheim; aber er konnte sich nicht vorstellen, daß der
Vater dem Oheime ähnlich sehen würde. Da er noch lange stand, keimte in
ihm der Entschluß, wenn er überhaupt mit dem Oheime auf einen bessern
Fuß zu stehen käme, als er jezt stand, daß er ihm die Bitte vortragen wolle,
ihm das Bild zu schenken, denn dem Oheime könne ja so viel nicht daran
gelegen sein, da er es in diesem ungeordneten Zimmer ganz allein auf der
Wand hängen und den vielen Staub auf dem Rahmen liegen lasse.
Der Oheim stand indessen an der Seite und sah das Bild und den Jüngling
an. Er hatte keine sonderliche Theilnahme gezeigt, und wie Victor die erste
Bewegung machte, sich von dem Bilde zu entfernen, ging er gleich voran, um
ihn aus den Zimmern zu führen, wobei er weder von dem Bilde noch von
dem Vater etwas anders sagte, als die Worte: »Es ist eine erstaunliche
Aehnlichkeit.«
Als sie wieder in das Tafelzimmer gekommen waren, schloß er sorgfältig
die Tapetenthür, und begann auf die gewöhnliche Weise in dem Gemache
herum zu gehen, und in den herumliegenden und stehenden Sachen zu
greifen, zu stellen und zu ordnen, woraus Victor aus Erfahrung erkannte, daß
er jezt vor der Hand nichts mehr mit ihm zu thun haben wolle.
Er beschloß daher, wieder auf die Insel hinunter zu gehen. Die Treppenthür
war abermals geschlossen. Victor wollte nicht zu dem Oheime gehen, daß er
ihm öffne, sondern er dachte an den Kasten, in welchen gestern das alte Weib
mit den Schalen hinein gegangen war, und vermuthete, daß durch denselben
ein Ausweg sein müsse. Er fand den Kasten bald, öffnete ihn, und sah
wirklich abwärts führende Stufen, die er einschlug. Allein er gelangte auf
denselben nicht in das Freie, sondern in die Küche, in welcher er niemanden
traf, als das alte Weib, welches mit der Herrichtung der vielen verschiedenen
Dinge beschäftigt war, die zu dem Mittagsmale gehörten. Nur noch ein
jüngeres beinahe blödsinnig aussehendes Mädchen unterstüzte sie hiebei.
Victor fragte das Weib, ob sie ihn nicht in den Garten hinaus lassen könne.
»Freilich,« sagte sie, führte ihn dieselbe Treppe hinauf, die er herunter
gekommen war, und holte den Oheim heraus, welcher sofort öffnete und den
Jüngling hinaus ließ.
Victor erkannte nun, daß die Holztreppe der einzige Ausgang sei, und daß
man den mit solchem Mißtrauen geschlossen halte, obwohl das Ganze
ohnehin mit einer undurchdringlichen Mauer umgeben sei.
Der Tag verging, wie der gestrige. Victor kam um zwei Uhr zum
Mittagsessen und ging dann wieder fort. Gegen Abend ereignete sich etwas
ungewöhnliches. Victor sah ein Schiff gegen die Insel kommen, und gerade
gegen das Wasserbohlenwerk zu fahren, das er gestern entdekt hatte. Victor
lief eilig die Treppen zum Wasserhause hinab. Das Schiff kam herzu, das
Bohlenthor wurde von Außen mit einem Schlüssel geöffnet, und der alte
Christoph fuhr ganz allein in einem Kahne herein. Er hatte Lebensmittel und
andere Bedürfnisse geholt, und war deßwegen in der Hul und in Attmaning
gewesen. Victor begriff nicht, da er die Ladung sah, wie der alte Mann diese
Menge Dinge herbei geschafft und über den See gerudert habe. Auch war
ihm leid, daß ihm die Abfahrt des alten Dieners nicht bekannt gewesen sei,
weil er ihm einen Brief mitgegeben hätte, der an die Mutter laufen sollte.
Christoph fing an, die Dinge auszuladen, und die verschiedenen
Fleischgattungen mit Hülfe des blödsinnigen Mädchens auf einer Tragbahre
in die Eisgrube zu tragen. Victor sah hiebei ein ganz niederes eisernes
Thürchen an der Hinterseite des Hauses öffnen. Als er über die Treppen
hinter dem Thürchen hinab ging, erblikte er im Scheine der Laterne, die man
dort angezündet hatte, eine gewaltige Last Eises, auf der allerlei
Vorrathsdinge herum lagen, und die eine fürchterliche Kälte in diesem
Raume verbreitete. In später Dämmerung war die Arbeit des Ausladens
vollendet.
Der dritte Tag verging, wie die ersten zwei. Und es verging der vierte und
es verging der fünfte. Drüben stand immer die Grisel, rechts und links
standen die blaulichen Wände, unten dämmerte der See, und mitten leuchtete
das Grün der Baumlast der Insel, und in diesem Grün lag wie ein kleiner
grauer Stein das Kloster mit dem Hause. Der Orla ließ manches blaue Stük
durch die Baumzweige darauf nieder schimmern.
Victor war bereits an allen Stellen der Einfassungsmauer gewesen, auf
allen Bänken des Sandplazes oder Gartens war er gesessen, und auf allen
Vorgebirgen des Ufersaumes des eingefaßten Plazes war er gestanden.
Am sechsten Tage konnte er es nicht mehr so aushalten, wie es war, und er
beschloß der Sache ein Ende zu machen.
Er Weidete sich früh Morgens sorgfältiger an, als er es gewöhnlich that,
und erschien so bei dem Frühstüke. Nachdem dasselbe vorüber war, und er
schon neben dem Oheime in dem Zimmer stand, sagte er: »Oheim, ich
wünschte mit euch etwas zu reden, wenn ihr nehmlich Zeit habt, mich
anzuhören.«
»Rede,« sagte der Oheim.
»Ich möchte euch die Bitte vortragen, mir in Gefälligkeit den Grund zu
eröffnen, weßhalb ich auf diese Insel kommen mußte, wenn ihr nehmlich
einen besonderen Grund hattet; denn ich werde morgen meine Abreise
wieder antreten.«
»Die Zeit bis zur Uebernahme deines Amtes dauert ja noch über sechs
Wochen,« antwortete der Oheim.
»Nicht mehr so lange, Oheim,« sagte Victor, »nur noch fünf und dreißig
Tage. Ich möchte aber noch einige Zeit, bevor ich in das Amt trete, in
meinem zukünftigen Aufenthaltsorte zubringen, und möchte deßhalb morgen
abreisen.«
»Ich entlasse dich aber nicht.«
»Wenn ich euch darum bitte, und wenn ich euch ersuche, mich morgen
oder, wie es euch gefällig ist, übermorgen in die Hul hinüber führen zu
lassen, so werdet ihr mich entlassen,« sagte Victor bestimmt.
»Ich entlasse dich erst an dem Tage, an dem du nothwendig abreisen mußt,
um zu rechter Zeit bei deinem Amte eintreffen zu können,« erwiederte
hierauf der Oheim.
»Das könnt ihr ja nicht,« sagte Victor.
»Ich kann es wohl,« antwortete der Oheim; »denn die ganze Besizung ist
mit einer starken Mauer umfangen, die noch von den Mönchen herrührt, die
Mauer hat das Eisengitter zum Ausgange, das niemand anderer als ich zu
öffnen versteht, und der See, welcher die fernere Grenze macht, hat ein so
steiles Felsufer, daß niemand zu dem Wasser hinunter kommen kann.«
Victor, der von Kindheit an nie die kleinste Ungerechtigkeit hatte dulden
können, und der offenbar das Wort »können« im sittlichen Sinne genommen
hatte, wie es sein Oheim im stofflichen nahm, wurde bei den lezteren Worten
im ganzen Angesichte mit der tiefsten Röthe des Unwillens übergossen, und
sagte: »So bin ich ja ein Gefangener?«
»Wenn du es so nennst, und meine Anstalten es so fügen, so bist du einer,«
engegnete der Oheim.
Victors Lippen bebten nun, er konnte vor Erregung kein Wort sagen –
dann aber rief er doch zu dem Oheime: »Nein, Oheim! das können eure
Anstalten nicht fügen, was ihr beliebig wollt; denn ich gehe an das Felsenufer
hinvor, und stürze mich gegen den See hinunter, daß sich mein Körper
zerschmettert.«
»Thue das, wenn du die Schwäche besizest,« sagte der Oheim.
Nun konnte Victor in der That keine Silbe mehr hervor bringen – er
schwieg eine Weile und es stiegen in ihm Gedanken auf, daß er sich an der
Härte dieses abscheulichen Mannes rächen werde. Auf der andern Seite
schämte er sich auch seiner kindischen Drohung, und erkannte, daß sich
selber zu verlezen kein wesentlicher Widerstand gegen den Mann wäre. Er
beschloß daher, ihn durch Duldung auszutrozen. Darum sagte er endlich:
»Und wenn der Tag gekommen ist, den ihr genannt habt, lasset ihr mich dann
in die Hul hinüber führen?«
»Ich lasse dich dann in die Hul hinüber führen,« antwortete der Oheim.
»Gut, so bleibe ich bis dahin,« entgegnete Victor; »aber das sage ich euch,
Oheim, daß von nun an alle Bande zwischen uns zerschnitten sind, und daß
wir nicht mehr in einem verwandtschaftlichen Verhältnisse stehen können.«
»Gut,« antwortete der Oheim.
Victor sezte noch im Zimmer sein Barett auf das Haupt, zerrte den Spiz,
den er bei sich hatte, an der Schnur hinter sich her, und ging zur Thür hinaus.
Der Jüngling betrachtete sich nun von jeder Rüksicht, die er sonst gegen
den O heim beobachten zu müssen geglaubt hatte, frei, und beschloß fortan
jede Handlungsweise sich zu erlauben, die ihm nicht von seinem
Sittlichkeitsgefühle verbothen, oder von den Grenzen der offenbaren Gewalt
unmöglich gemacht worden wäre.
Er ging von dem Oheime in sein Zimmer und schrieb dort über zwei
Stunden. Dann ging er ins Freie. An der Treppenthür war von innen und von
außen ein Ring, der als Klöppel diente. Wollte Victor von nun an entweder
hinein oder hinaus, so ging er nicht mehr, wie bisher, zu dem Oheime, daß er
ihm öffne, sondern er stellte sich an die Thür, und schlug mit dem Klöppel
gegen dieselbe. Auf dieses Zeichen kam der Oheim allemal, wenn er in
seinem Zimmer war, heraus und öffnete. War er selber im Freien, so stand die
Thür ohnehin offen. Bei dem Mittagmale des ersten Tages redete Victor
nichts, der Oheim fragte ihn auch nichts, und als das Essen vorüber war,
standen beide auf, und Victor ging sogleich fort. Auf dieselbe Weise war das
Abendmal.
Victor ging nun daran, alle Theile des eingeschlossenen Raumes zu
durchforschen. Er drang in die Gebüsche, welche hinter dem Hause standen,
er ging von Baum zu Baum, und sah jeden an, und untersuchte ihn um seine
Eigenschaften und um seine Gestalt. Einmal drang er durch alle Gebüsche
und Schlinggewächse, welche an der Innenseite der Einschlußmauer des
Besizthumes waren, längs der ganzen Mauer dahin. Sie war, wie dumpfig
und morsch sie auch an vielen Stellen von den unsäglichen Gewächsen, die
an ihr wuchsen, war, dennoch überall ganz genug und fest genug. In dem
Hause, in welchem er mit dem Oheime wohnte, durchsuchte er alles Treppe
auf Treppe ab, Gang aus Gang ein; aber es war bei diesen Untersuchungen
nicht viel zu finden. Ueberall, wo sich eine Thür oder ein Thor zeigte, waren
die Schlösser gut versperrt, zum Theile standen große schwere Kästen davor,
in denen einst Getreide oder dergleichen gewesen sein mochte, und hinderten
auf ewig das Oeffnen, wie ja auch die meisten Fenster der Gänge, wie Victor
gleich am ersten Tage bemerkt hatte, bis auf einen kleinen Theil, durch den
das Licht kam, mit Brettern verschlagen waren. Außer den Gängen, die
zwischen dem Speisezimmer und seinen zwei Wohnzimmern liefen, und
außer der Treppe, über welche er in die Küche hinab gelangen konnte –
welche zwei Dinge er ohnehin schon lange kannte – entdekte er im Hause
seines Oheims nichts, als etwa die Treppe, welche einst abwärts zu dem
Ausgange geführt hatte, nun aber an einem Thor endete, das niedrig,
verschlossen und mit Rost bedekt war.
Was Victor am meisten reizte, war das alte Kloster. Er ging an allen Seiten
des grauen einsamen Vierekes herum, und eines Tages, da er in dem
verfallenen Klostergarten war, von dem man die Thürme sehen konnte,
gelang es ihm, über eine niedere Quermauer, aus welcher er mehrere Ziegel
heraus brechen konnte, in einen Zwinger zu steigen, und aus demselben in
innere nicht verschlossene Räume zu kommen. Er wanderte durch einen
Gang, wo die alten Aebte aus und ein gegangen waren, abgebildet waren, aus
schwarzen Bildern nieder sahen, und blutrothe Namen und Jahreszahlen zu
ihren Füssen hatten. In die Kirche gelangte er und stand an den von Gold und
Silber entblößten Altären – dann war er über manche von ewigem Treten
zerschleifte Steinschwelle in zufällig offen stehende Zellen gekommen, in
denen es nun hallte und wo dumpfe Luft stand. Zulezt war er in die Thürme
gestiegen, und hatte die ruhigen verstaubten Gloken hängen gesehen. Als er
wieder über die Quermauer in den Obstgarten hinaus geklettert war, lösete er
den Spiz, den er an einem Strunke angebunden hatte, und der indessen stille
da gesessen war, wieder los und ging mit ihm fort.
Mehrere Tage darnach, als er mit dem Oheime den seltsamen Auftritt
gehabt hatte, ging er einmal in das Bohlenhaus hinab, um sich, wie er es
öfters gethan hatte, mehrere Theile seines Körpers in dem erquikenden
Wasser zu waschen. Als er auf den lezten Stufen so saß, und, um sich
abzukühlen, vor sich hin schaute, bemerkte er in der Tiefe des Wassers, weil
ein ganz besonders schöner Tag war, oder weil er jezt überhaupt alles
schärfer beobachtete, daß einer der Bohlenzähne des Thores, die in das
Wasser hinab ragten, kürzer sei, als die andern, und so eine Lüke bilde, durch
die man vielleicht mittelst Tauchen in den See hinaus gelangen könne. Er
beschloß auf der Stelle den Versuch zu machen. Zu diesem Zweke ging er in
seine Stube und holte sich sein Schwimmkleid. Da er mit demselben zurük
gekommen war, sich ausgekühlt und entkleidet hatte, ging er der größeren
Tiefe des Wassers zu, legte den Körper längs der Fläche, tauchte vorsichtig,
schwamm vorwärts, hob das Haupt und war außer den Bohlen. Selbst den
Spiz, welchem er die Schnur abgenommen hatte, konnte er, weil er schlank
war, zwischen den Bohlen zu sich hinaus bringen. Nun schwamm er freudig
in großen Kreisen aufwärts und abwärts des Bohlenthores in dem tiefen See
herum. Der Spiz neben ihm. Als seine Kraft gesättigt war, näherte er sich
wieder der Bohlenlüke, tauchte, und kam unter die Kahnpflöke und unter das
Bohlenhaus hinein. Er kleidete sich nach diesem Bade an, und ging fort. Das
that er nun alle Tage. Wenn die größte Hize sich milderte, ging er in das
Schiffhaus, machte sich schwimmgerecht, und schwamm, so lange es ihm
gefiel, außer dem Bohlenthore herum.
Es fiel ihm wohl in dieser Zeit ein, daß er seine Kleider nebst einem
Vorrathe von Brod durch die Bohlen hinaus schaffen, und sie an eine Schnur
gebunden schwimmend hinter sich her ziehen könnte, bis er das nächste
herein gehende Ende der Anschlußmauer umschwommen hätte. Dort könnte
er aussteigen, in einem Versteke die Kleider troknen und sie dann anziehen.
Es würde doch möglich sein, wenn das Brod nur aushielte, eine Zeit zu
erwarten, in der man ein auf dem See fischendes Schiffchen herzu rufen
könnte. Ja selbst das fiel ihm in Zeitpunkten der erregtesten Einbildungskraft
ein, daß er mit einiger Anstrengung seiner Körperkräfte und mit Aufrufung
seines Geistes von der Insel etwa bis an den Orlaberg hinüber schwimmen
könnte, wo er dann durch Klettern und Wandern in die Hul hinüber finden
müßte. Es kam ihm die Ungeheuerlichkeit dieses Wagestükes nicht so
ungeheuer vor, weil ja auch die Mönche einmal über den Orla in die Hul
gestiegen sind, und noch dazu im Winter; aber das bedachte er nicht, daß die
Mönche Männer waren, die das Gebirge kannten, er aber ein Jüngling sei, der
in diesen Dingen gar keine Erfahrung besize. Aber wie lokend auch alle diese
Vorspiegelungen sein mochten, so konnte er doch keiner derselben eine
Folge geben, weil er dem Oheime versprochen hatte, bis zu dem
nothwendigen Tage da zu bleiben – und dieses Versprechen wollte er halten.
Darum kam er von dem Schwimmen immer wieder unter dem Bohlenthore
herein.
Außer dem Schwimmen brachte er die andere Zeit mit anderen Dingen hin.
Er hatte jede und alle Stellen des eingeschlossenen Raumes schon besucht
und kennen gelernt. Er wurde nun auf das Gehen und Kommen der Lichter
auf den Bergen aufmerksam, und erkannte nach und nach die Schauer der
Farben, die über sie gingen, wenn gemach die Tageszeiten wechselten, oder
wenn die Wolken schneller an der blanken Deke des Himmels hin liefen.
Oder er horchte durch die todten Lüfte, wenn er so saß, wenn die Sonne am
Mittage stand, oder eben am Bergrande untergegangen war, ob er denn nicht
das Gebetglöklein der Hul hören könne – denn auf der Insel war wirklich
weder der Schlag einer Thurmuhr noch der Klang einer Gloke zu vernehmen:
– aber er hörte niemal etwas, denn die grüne dichte Baumwand des größeren
Theiles der Insel war zwischen seinem Ohre und dem Klange, den er damals
Abends so schön an dem Felsenufer gehört hatte. – Es waren nach lange
dauernden Sternnächten – denn Victor war zur Zeit des abnehmenden
Mondes gekommen – endlich auch sehr schöne Mondnächte erschienen.
Victor öffnete da gerne seine Fenster, und sah, da er von Menschen
geschieden war, das zauberhafte Flimmern und Glizzern und Dämmern auf
See und Felswänden, und sah die schwarzen vom Lichte nicht getroffenen
Blöke mitten in dieser Flirrwelt wie Fremdlinge schweben.
Mit Christoph und der alten Magd, wenn sie ihm begegneten, redete er
kein Wort, weil er es nicht für würdig hielt, da er schon mit dem Herrn nicht
spreche, mit seinen Dienern Reden zu wechseln.
So ging die Zeit nach und nach dahin.
Eines Tages, als er gegen fünf Uhr über den Blumenplaz gegen das
Bohlenhaus zu schritt, um zu schwimmen, und wie gewöhnlich den armen
Spiz an der Schnur hinter sich herzog, redete ihn der Oheim, der nach seiner
Art auf einer Bank in der Sonne saß, an, und sagte: »Du darfst den Hund
nicht so an der Schnur führen, du kannst ihn schon frei mit dir gehen lassen,
wenn du willst.«
Victor warf seine Augen erstaunt gegen den Mann, und sah wenigstens
keine Unehrlichkeit in seinem Angesichte, wenn auch sonst nichts anderes.
Am folgenden Tage ließ er den Spiz des Nachmittags versuchsweise frei.
Es geschah ihm nichts, und er ließ ihn von nun an alle Tage frei mit sich
gehen.
So verfloß wieder einige Zeit.
Ein anderes Mal, als Victor eben schwamm, und zufällig seine Augen
empor richtete, sah er den Oheim in einer Thür, die sich aus dem Dache des
Bohlenhauses öffnete, stehen und auf ihn herunter schauen. In den Mienen
des alten Mannes schien sich Anerkennung auszusprechen, wie der Jüngling
so geschikt die Wasserfläche theilte, und öfter mit freundlichen Augen auf
den Hund sah, der neben ihm her schwamm. Auch die hohe Schönheit des
Jünglings war eine sanfte Fürbitte für ihn, wie die Wasser so um die
jugendlichen Glieder spielten und um den unschuldsvollen Körper floßen, auf
den die Gewalt der Jahre wartete, und die unenträthselbare Zukunft des
Geschikes. – – Ob sich auch etwas Verwandtschaftsneigung in dem alten
Manne gegen das junge einzige Wesen regte, das ihm an Blut näher stand, als
alle übrigen auf der Erde – wer kann es wissen? Auch ob er heute das erste
Mal, oder schon öfter zugeschaut hatte, war ungewiß; denn Victor hatte
früher nie gegen das Bohlenthor empor geblikt; – aber am andern Tage um
fünf Uhr Nachmittags, als Victor über den Gartenplaz ging, den Oheim an
den Blumen, der einzigen lieblichen Beschäftigung, bei der er ihn je erblikt
hatte, herum arbeiten sah, und ohne ihn anzureden vorüber gegangen war,
fand er zu seiner größten Ueberraschung, da er in das Schiffhaus gekommen
war, eine der Bohlenthüren offen stehen. Er war geneigt, dieses Ereigniß
irgend einem ihm unbekannten Umstande zuzuschreiben; allein am nächsten
Tage und alle folgenden Tage stand um fünf Uhr das Bohlenhaus offen,
während es den ganzen übrigen Theil des Tages immer gesperrt war.
Victor wurde durch diese Sachen aufmerksam, und erkannte leicht, daß er
von dem Oheime beobachtet werde.
Als er, weil die Zeit gar so todtlangsam hin ging, wieder einmal, was er
seit seiner Gefangenschaft aus Stolz nie gethan hatte, sehnsüchtig an dem
eisernen Gitter der Einschlußmauer stand, und sein Angesicht zwischen zwei
Stäbe legte, um hinaus zu schauen, hörte er plözlich in dem Eisen ein
Rasseln; eine Kette, die er schon öfter an den Stäben bemerkt hatte, wie sie
empor ging und sich in die Mauer verlor, bewegte sich, und in dem
Augenblike fühlte er an dem sanften Nachgeben der Stäbe nach auswärts, daß
das Gitter offen sei und ihn hinaus lasse. Er ging hinaus und ging in einigen
Theilen der Insel herum. Er hätte jezt die Gelegenheit zur Flucht benüzen
können, aber weil ihn der Oheim freiwillig hinausgelassen hatte, benüzte er
sie nicht, und begab sich wieder freiwillig in sein Gefängniß. Bei seiner
Annäherung an das Gitter war dasselbe zu, öffnete sich aber, als er heran trat
und ließ ihn herein, sich hinter ihm wieder schließend.
Durch alle diese Sachen hätte Victor weicher werden müssen, wenn der
Mann nicht schon vorher am sanftesten sein Herz dadurch gerührt hätte, daß
er ihm den Spiz frei gemacht hatte.
Der Jüngling fing nun folgerechter Weise auch seinerseits an, den Greis
näher zu beobachten, und oftmals zu denken: »Wer weiß, ob er so hart ist,
und ob er nicht vielmehr ein unglüklicher alter Mann sei.«
So lebten die zwei Menschen neben einander hin, zwei Sprossen desselben
Stammes, die sich hätten näher sein sollen, als alle andern Menschen, und die
sich so ferne waren, wie keine andern – zwei Sprossen desselben Stammes,
und so sehr verschieden: Victor das freie heitere Beginnen, mit sanften Blizen
des Auges, ein offener Plaz für künftige Thaten und Freuden – der Andere
das Verkommen, mit dem eingeschüchterten Blike, und mit einer herben
Vergangenheit in jedem Zuge, die er sich einmal als einen Genuß, also als
einen Gewinn, aufgeladen hatte. In dem ganzen Hause lebten nur vier
Personen: der Oheim, der alte Christoph, Rosalie, so hieß die alte
Haushälterin und Köchin, und endlich das blödsinnige auch schon alte
Mädchen Agnes, welche Rosaliens Handlangerin war. Unter diesen alten
Menschen und neben dem alten Gemäuer ging Victor herum, wie ein nicht
hieher gehöriges Wesen. Sogar die Hunde waren sämmtlich alt; die
Obstbäume, die sich vorfanden, waren alt; die steinernen Zwerge, die Bohlen
im Schiffhause waren alt! nur einen Genossen hatte Victor, der blühend war
wie er, nehmlich die Laubwelt, die lustig in der Verfallenheit sproßte und
keimte.
Victor hatte sich schon früher öfter mit einer Thatsache beschäftigt, die ihn
nachdenken machte. Er wußte nehmlich nicht, wo sein Oheim das
Schlafzimmer habe, und konnte es troz aller Beobachtungen nicht entdeken.
Er dachte daher, vielleicht verberge er es gar aus Mißtrauen. Einmal, da der
Jüngling über die Treppe in die Küche hinab gerieth, hörte er eben die
Haushälterin sagen: »Er traut ja Niemanden; wie könnte man ihm denn
beibringen, daß er aus der Hul einen Menschen in Dienst nehme? das thut er
nicht. Er rasirt sich darum selbst, daß ihm niemand den Hals abschneide, und
er sperrt Nachts die Hunde ein, daß sie ihn nicht fressen.«
An diese Umstände äußerster Hülflosigkeit mußte Victor nun immer
denken, und dies um so mehr, als sich gerade jezt gegen ihn mildere Zeichen
einstellten. Die eiserne Gitterthür im Gange zu seinem Schlafzimmer wurde
nicht mehr gesperrt, das Bohlenthor stand zur Schwimmzeit regelmäßig
offen, und zum eisernen Hauptgitter der Mauer hatte Victor statt eines
Schlüssels ein Pfeifchen von dem Oheime empfangen, auf dessen Pfiff das
Gitter sich öffnete; denn es war nicht wie gewöhnlich zu sperren und zu
öffnen, sondern durch eine Vorrichtung von einem Zimmer des Oheims aus,
man wußte nur nicht, von welchem.
Die ersten ordentlichen Unterredungen zwischen den zwei Verwandten
wurden durch eine seltsame Veranlassung eingeleitet, man könnte sagen: aus
Neid. Da nehmlich eines Abends Victor von einem Streifzuge durch die
Insel, wie er sie jezt öfters machte, in Begleitung aller vier Hunde zurük kam
– auch der des Oheims; denn sie hatten sich schon länger an ihn
angeschlossen und waren in seiner und des Spizes Gesellschaft lustiger und
rühriger geworden, als sie es früher gewesen waren – sagte der Oheim, der
zufälliger Weise noch in dem Garten war, und dieses sah: »Dein Spiz ist auch
weit besser, als meine drei Bestien, denen nicht zu trauen ist. Ich weiß nicht,
wie sie sich so an dich hängen?«
Dem Jünglinge fuhren auf diese Rede die Worte, weil sie ihm so nahe
lagen, aus dem Munde: »Habt sie nur lieb, wie ich den Spiz, und sie werden
auch so gut sein.«
Der Mann sah ihn mit sonderbar forschenden Augen an, und sagte gar
nichts auf diese Rede. Aber sie wurde der Anker, an den Abends bei Tische
andere Gespräche über andere Gegenstände angeknüpft wurden. Und so ging
es dann weiter, und Oheim und Neffe sprachen jezt wieder mit einander,
wenn sie zusammen kamen, was namentlich bei den drei Mahlzeiten des
Tages der Fall war.
Besonders lebhaft wurde Victor einmal, da ihn der Greis zufällig oder
absichtlich veranlaßte, von seiner Zukunft und von seinen Plänen zu reden.
Er werde jezt in sein Amt eintreten, sagte Victor, werde arbeiten, wie es nur
seine Kraft vermag, werde jeden Fehler, den er antreffe, verbessern, werde
seinen Obern alles vorlegen, was zu ändern sei, werde kein Schlendern und
keinen Unterschleif dulden – in freien Stunden werde er die Wissenschaften
und Sprachen Europas vornehmen, um sich auf künftige Schriftstellerarbeiten
vorzubereiten, dann wolle er auch das Kriegswesen kennen lernen, um in
dem höheren Staatsdienste einmal den ganzen Zusammenhang überschauen
zu können, oder in Zeiten der Gefahr selbst zu Feldherrndiensten tauglich zu
sein. Wenn er sonst noch Talent habe, so möchte er auch die Musen nicht
ganz vernachlässigen, ob ihm vielleicht etwas gelänge, was sein Volk zu
begeistern und zu entflammen vermöge.
Der Oheim hatte während dieser Rede Kügelchen aus Brod gedreht, und
hatte lächelnd mit den schmalen, zusammen gekniffenen Lippen zugehört.
»Wenn du nur das alles zusammen bringst,« sagte er, »jezt kannst du schon
gut schwimmen, das heißt, ziemlich gut; ich habe dir gestern wieder eine
Weile zugeschaut – aber der Bogen der rechten Hand ist noch ein wenig zu
kurz, es ist, als zögest du die Hand zurük, und die Fußbewegung ist auch
noch zu heftig. – Willst du denn nicht auch einmal zu jagen versuchen?
Verstehst du ein Gewehr los zu schießen und zu laden? Ich gebe dir ein par
aus meiner Gewehrkammer, und du kannst damit durch die ganze Insel
herum gehen.«
»Freilich verstehe ich ein Feuergewehr zu behandeln,« antwortete Victor,
»aber die Singvögel, die ich hier sehe, mag ich nicht schießen; denn sie
erbarmen mir zu viel, und auf der ganzen Insel sehe ich nur veraltete
Obstbäume und junges darüber wachsendes Waldlaub, da wird schwerlich
ein Fuchs oder ein anderes schießbares Wild sein.«
»Du wirst schon finden, nur muß man das Suchen verstehen.«
Mit diesen Worten trank der Oheim seinen Wein aus, aß sein Zukerwerk
und ließ den Gegenstand fallen. Hierauf gingen sie bald schlafen. Victor
wurde jezt nicht mehr, wie in den ersten Tagen von seinem Oheime in das
Schlafgemach geleitet, sondern, seit das Schlafgitter nicht mehr gesperrt
wurde, zündete er sich nach Beendigung des Males ein Licht an, wünschte
dem Oheim gute Nacht, und verfügte sich mit dem Spiz, der jezt auch in
Eintracht mit den andern Hunden aß, in seine zwei Gemächer.
In diesen Verhältnissen verging endlich alle Zeit, die Victor nach dem
eigentlich erzwungenen Vertrage noch auf der Insel zu verleben gehabt hatte.
Er war nie in Versuchung gekommen, etwas über diese Sachlage zu sagen,
weil er zu stolz dazu war. Aber als der lezte Tag vergangen war, den er noch
da sein konnte, um dann zu rechter Zeit in sein Amt einzutreffen, pochte ihm
das Herz in dem Leibe. Man war mit dem Abendmale fertig. Der Oheim war
aufgestanden und kramte in allerlei Papieren, und schob sie nach Art des
Alters mit ungeschikten Händen durcheinander. Dann legte er sie aber sammt
und sonders in einen Winkel und ließ sie dort liegen. Victor sah schon aus
dem ganzen Benehmen, daß der Greis nichts mehr über den Gegenstand
sagen werde, er nahm daher sein Licht und begab sich zu Bette.
Das Frühstük wurde am andern Tage mit derselben Langsamkeit verzehrt,
wie bisher immer. Victor hatte auf seiner Stube sein Ränzlein vollständig
gepakt, und saß jezt auf seinem Frühmalstuhle und wartete, was der Oheim
beginnen werde. Der alte Mann, der mit dem schlotternden grauen Roke
angethan war, stand auf und ging ein par Mal durch die Tapetenthür ein und
aus. Dann sagte er zu Victor: »Du wirst dieser Tage, heute oder morgen, fort
wollen?«
»Heute, Oheim, muß ich fort, wenn ich nicht zu spät kommen soll,«
antwortete Victor.
»Du kannst ja draußen in Attmaning Fahrgelegenheit nehmen.«
»Das ist schon eingerechnet, das muß ich ohnehin thun,« sagte Victor;
»denn da ihr nichts über die Sache erwähntet, habe ich bis zu dem lezten
Augenblike gewartet.«
»Du mußt also heute,« sagte der Greis zögernd, – »du mußt – wenn du also
mußt, so soll dich Christoph überführen, wie ich es gesagt habe. Sind deine
Habseligkeiten schon in Ordnung.«
»Ich habe bereits gestern alles eingepakt.«
»Gestern hast du schon eingepakt – – und freust dich also sehr – so, so, so!
– – Ich wollte doch noch etwas zu dir sagen – – was wollte ich sagen? – –
Höre Victor!«
»Was, Oheim?«
»Ich denke – und meine – wenn du es nun versuchtest, wenn du freiwillig
noch ein wenig bei einem alten Manne bliebest, der niemanden hat.«
»Wie kann ich denn?«
»Deinen Urlaub hätte ich da – warte, in den Pfeifentisch, glaube ich, habe
ich ihn gelegt.«
Mit diesen Worten schob der Oheim nun mehrere Fächer an dem Tische
und Schreine, auf denen die Pfeifen und Beutel waren, aus und ein, bis er aus
einem ein Papier hervor zog und es an Victor hin reichte.
»Siehst du da.«
Der Jüngling war im höchsten Grade erstaunt und verlegen; denn das
Papier war in der That ein Urlaub auf unbestimmte Zeit.
»Du kannst es nun halten, wie du willst,« sagte der Oheim. »Ich lasse dich
sogleich überführen – aber ich habe dich ersucht, noch ein wenig da zu
bleiben, ob wir vielleicht gut mit einander lebten. Du kannst während der Zeit
in die Hul, oder wohin es dir sonst gefällt, fahren, und wenn du endlich
abreisen willst, so kannst du abreisen.«
Victor wußte nicht, wie ihm war. Er hatte lange auf den heutigen Tag
gewartet – nun sah er den merkwürdigen Mann, den er eigentlich haßte, vor
sich stehen und bitten. Das alte eingeschrumpfte Angesicht kam ihm
unsäglich verlassen vor – ja es war ihm, als zittere sogar irgend ein Gefühl
darinnen. Das gute, schöne Herz, das der Jüngling immer gehabt hatte, regte
sich in ihm. Nur einen Augenblik stand er, dann sagte er mit der Offenheit,
die ihm eigen war: »Ich will gerne noch eine Zeit da bleiben, Oheim, wenn
ihr es wünscht und nach Einsicht und Gründen für gut erachtet.«
»Ich habe keinen andern Grund, als daß du noch ein wenig da seist,« sagte
der alte Mann.
Dann nahm er das Papier, welches den Urlaub enthielt, von dem Tische,
und legte es, nachdem er drei Fächer versucht hatte, in ein viertes, in dem
Steine staken.
Victor, der heute Morgens nicht ahnend, daß sich die Sache so entwikeln
werde, seine Zimmer verlassen hatte, begab sich nun in dieselben zurük, und
pakte langsam sein Ränzlein aus. Er war nun doppelt ungewiß und doppelt
gespannt, wohin das alles ziele und was das sei, daß der Oheim sich eigens
Mühe gegeben habe, ihm schon einen Urlaub auszuwirken, ehe er noch in das
Amt eingerükt sei. – Einen Augenblik zukte es ihm durch das Haupt: wie?
wenn es Zuneigung wäre, wenn der Mann doch ein lebendiges menschliches
Wesen lieber hätte, als die todte starre Fülle von Dingen und Kram, womit er
sich umringte? Aber dann fiel ihm ein, mit welcher Gleichgültigkeit der Greis
das Papier von dem Tische weggenommen, und ein Fach gesucht habe, in das
er es verbergen könne. Victor hatte überhaupt schon länger bemerkt, daß der
Oheim nie ein Ding wieder in die nehmliche, sondern stets in eine neue Lade
lege. Und bei dem Herumsuchen hatte er den Jüngling nicht beobachtet, und
ihn hinaus gehen lassen, ohne ihn anzureden.
So war er also wieder da.
In dem Hause hatte der Oheim ein Bücherzimmer, aber er las seit Langem
nichts mehr, so daß Staub und Motten in den Werken waren. Zu diesem
Zimmer gab er Victor den Schlüssel, und diesen freute die Sache sehr. Er
hatte nie eine Büchersammlung gesehen, außer den öffentlichen der Stadt, in
denen er aber, wie es begreiflich ist, nicht herum suchen durfte. Er merkte
sich den Gang, und ging oft in das Zimmer. Er stellte die Leiter an alle
Fächer, puzte zuerst alle Bücher, und dann las und betrachtete er die Dinge,
wie sie ihm in die Hand kamen und wie sie ihn anzogen.
Großes Vergnügen gewährte es ihm auch, wenn er auf die Diele des
Bohlenhauses gehen, und aus der Thür, von der ihm der Oheim zugeschaut
hatte, in den See hinab springen konnte. Die Mönche hatten die Thür und die
Diele gehabt, um Dinge aus dem Schiffe gleich aufziehen zu können, die
sonst schwer über die Treppe empor zu bringen gewesen wären. Aus dem
Büchsenschranke des Oheims hatte er sich doch ein schönes altdeutsches
Gewehr heraus genommen, und freute sich es zu puzen, und troz seiner
Ungefügigkeit los zu schießen. Seit Langem mochten das wieder die ersten
Knalle auf der Insel sein, welche den Widerhall der Berge erwekten.
Christoph hatte dem Jünglinge einen finstern Gang gezeigt, durch welchen
man gleich aus dem Hause des Oheims in das Kloster hinüber gehen konnte.
Auch hatte er dem Jünglinge manche Räume aufgesperrt, die sonst immer
verschlossen waren. Er zeigte ihm den großen Saal, in welchem goldene
Leisten und Verzierungen waren, die Fenster weiß, grau und blau bemalt
schimmerten, lange hölzerne Bänke an der Wand hin liefen, auf denen die
Mönche gesessen waren, und ein ungemein großer Ofen stand, in welchem
die einzelnen Täfelchen bunt eingebrannte Heiligenbilder und Geschichten
enthielten. Er zeigte ihm das Kapitelzimmer, wo berathen wurde, und jezt nur
mehr die schlichten rohen Holzbänke standen, und wenige dagelassene,
werthlose Bilder hingen. Er zeigte ihm die leere Schazkammer, er zeigte ihm
die Sakristei, wo die Fächer der Kelche offen standen und nichts als die
verschossene einst dunkelrothe Ausfütterung zeigten, und wo die Laden, einst
der Aufbewahrungsort der Paramente, nun Staub enthielten. Zurük gingen sie
durch die Kirche, die Kreuzgänge und die Sommerabtei, wo noch manch
schönes Bild, manche Holz- und Steinverzierung unberührt starrte, weil man
deren Werth nicht gekannt hatte, als man die Dinge aus dieser
Gotteswohnung fortschaffte.
Nicht blos in den Gebäuden und auf der ganzen Insel durfte Victor herum
gehen, und alles untersuchen, sondern der Oheim both ihm auch an, daß er
ihn in einem Kahne an alle Punkte des Seees fahren lassen wolle, wohin er
nur verlange. Der Jüngling hatte wenig Gebrauch davon gemacht, weil er
eigentlich, der nie in dem hohen Gebirge gewesen war, nicht wußte, wie er
die Schäze desselben heben soll, daß sie ihm freude- und gewinnbringend
würden. Er fuhr nur selber zweimal zu dem Orla hinüber, und stand an dem
Ufer und sah die hohen grauen und zeitweise flimmernden Wände an.
Troz allem begann sich allgemach in Victor die Reue zu regen, daß er
wieder da geblieben sei; namentlich da er nicht Zwek und Ursache des
ganzen Verfahrens zu ermitteln im Stande war.
»Ich werde dich doch nun bald fort lassen,« sagte der Oheim eines Tages
nach dem Mittagstische, da eben ein prachtvolles Gewitter über die Grisel
ging und den rauschenden Regen wie Diamantengeschoße in den See nieder
sandte, daß er sich in kleinen Sprüngen regte und wallte. Sie waren aus der
Ursache dieses Gewitters etwas länger bei dem Tische sizen geblieben.
Victor antwortete auf die Rede gar nichts, sondern horchte, was ferner
kommen würde.
»Es ist zulezt doch alles vergeblich,« hob der Oheim wieder mit langsamer
Stimme an, »es ist doch vergeblich – Jugend und Alter taugen nicht
zusammen. Siehe, du bist gut genug, du bist fest und aufrichtig, und bist
mehr, als dein Vater in diesen Jahren war. Ich habe dich die Zeit her
beobachtet und man dürfte vielleicht auf dich bauen. Du hast einen Körper,
den die natürliche Kraft stark und schön gemacht hat, und du übst gerne die
Kraft, sei es, daß du unter den Felsen herum gehst, oder in der Luft wanderst,
oder in dem Wasser schwimmst – – aber was hilft das Alles? Es ist für mich
ein Gut, das weit, ja sehr weit jenseits aller Räume liegt. Mir sagte schon
immer die heimliche Stimme: du wirst es nicht erreichen, daß sein Auge auf
dich schaut, du wirst das Gut seines Herzens nicht erlangen, weil du es nicht
gesäet und gepflanzt hast. Ich erkenne, daß es so ist. Die Jahre, die da zu
nüzen gewesen wären, sind nun vorüber, sie neigen jenseits der Berge
hinunter, und keine Gewalt kann sie auf die erste Seite herüber zerren, auf der
nun schon die kalten Schatten sind. Darum gehe nur zu dem alten Weibe, von
dem du kaum mehr einen Brief erwarten kannst – gehe hin und sei dort heiter
und freudig.«
Victor war im äußersten Maße betroffen. Der Greis saß gerade so, daß die
Blize in sein Antliz leuchteten, und manchmal war es in dem dämmerigen
Zimmer, als ob das Feuer durch die grauen Haare des Mannes flöße und ein
rieselndes Licht über seine verwitterten Züge ginge. War dem Jünglinge
früher das inhaltlose Schweigen und die todte Gleichgültigkeit an dem
Manne öde und bekümmernd gewesen, so war er nun durch diese Aufregung
um so ergriffener. Der Alte hatte seinen langen Körper in dem Lehnstuhle
aufgerichtet, und er zeigte fast tiefe Bewegung. Eine Weile antwortete der
Jüngling nichts auf die Rede des Oheims, die er mehr ahnte, als verstand.
Dann aber sagte er: »Ihr habt von Briefen geredet, Oheim; ich bekenne
aufrichtig, daß es mich schon sehr unruhig macht, daß ich auf die mehreren
Briefe, die ich nach Hause sandte, noch immer keine Antwort habe, obwohl
Christoph schon mehr als zwanzigmal, seit ich hier bin, in der Hul und in
Attmaning draußen gewesen ist.«
»Ich wußte es wohl,« antwortete der Oheim, »aber du kannst gar keine
Antwort erhalten.«
»Warum denn nicht?«
»Weil ich es so eingerichtet, und mit ihnen verabredet habe, daß sie dir, so
lange du hier bist, nicht schreiben. Sie sind im Uebrigen, wenn du bekümmert
sein solltest, alle wohl und gesund.«
»Das ist nicht gut, Oheim, daß ihr das gethan habt,« sagte Victor ergriffen,
»die Worte, welche mir meine Ziehmutter in einem Briefe geschikt hätte,
hätte ich sehr gerne empfangen.«
»Siehst du, wie du das alte Weib liebst,« sagte der Oheim, »ich habe es
immer gedacht!«
»Wenn ihr jemanden liebtet, so würde euch wieder jemand lieben,«
antwortete Victor.
»Dich hätte ich geliebt,« schrie der Greis heraus, daß Victor fast erzitterte.
Es war einige Augenblike Stille.
»Und der alte Christoph liebt mich,« fuhr er fort, »und vielleicht auch die
alte Magd.«
»Was schweigst du denn?« sagte er nach einiger Zeit zu dem Jünglinge –
»wie sieht es denn mit der Gegenliebe aus? nun so rede einmal.«
Victor schwieg und wußte kein einziges Wort heraus zu bringen.
»Siehst du,« sagte der Greis wieder, »ich habe es ja gewußt. Sei nur ruhig,
es ist alles gut, es ist schon gut. Du willst fort, und ich werde dir ein Schiff
geben, daß du fort kannst. – So lange wirst du doch warten, bis der Regen
vorüber ist?«
»So lange und noch länger, wenn ihr Ernstliches mit mir zu reden habt,«
sagte der Jüngling, »aber das werdet ihr doch erkennen müssen, daß keine
bloße bittere Willkühr einen Menschen binden könne. Es ist doch seltsam,
wenn man das geringste Wort dafür wählen soll, daß ihr mich Anfangs auf
dieser Insel gefangen hieltet, auf die ihr mich zuvor gerufen habt, und auf die
ich im Vertrauen kam, weil ihr es verlangtet, und weil der Vormund und die
Mutter mir es ans Herz legten. Ferner ist es seltsam, daß ihr mich von den
Briefen meiner Mutter abschneidet, und noch seltsamer ist es, was vielleicht
vorher vorgefallen ist, vielleicht nicht.«
»Du redest, wie du es verstehst,« antwortete der Oheim, indem er den
Jüngling lange ansah. »Dir mag manches herbe erscheinen, dessen Ziel und
Ende du nicht begreifst. Es ist da nichts seltsames in dem, was ich that,
sondern es ist klar und deutlich. Ich wollte dich sehen, weil du einmal mein
Geld erbst, und ich wollte dich deßhalb lange sehen. Es hat mir niemand ein
Kind geschenkt, weil alle Eltern die ihrigen selber behalten; wenn einer
meiner Bekannten gestorben ist, bin ich irgend wo anders hin gezogen, und
endlich kam ich auf diese Insel, deren Grund und Boden sammt dem Hause,
das einmal das Gerichtshaus der Mönche gewesen ist, ich erworben habe, und
wo ich Gras und Bäume wachsen lassen wollte, wie sie wuchsen, um unter
ihnen herum zu wandeln. Ich wollte dich sehen. Ich wollte doch deine Augen,
deine Haare, deine Glieder, und wie du sonst bist, sehen, so wie man einen
Sohn ansieht. – Ich mußte dich daher allein haben und fest halten. Wenn sie
dir immer schreiben, so halten sie dich in derselben süßlichen Abhängigkeit,
wie bisher. Ich mußte dich in die Sonne und in die Luft hervor reißen, sonst
wirst du ein weiches Ding, wie dein Vater, und wirst, wie er, so nachhaltlos,
daß du das verräthst, was du zu lieben meinest. Du bist wohl stärker
geworden, als er, du stößest mit deinen Waffen wie ein junger Habicht zu;
das ist schon recht, ich lobe es: aber du solltest doch dein Herz nicht an
bebenden Weibern üben, sondern an Felsen – und ich wäre eher ein Fels, als
etwas anders. Daß ich dich so fest gehalten habe, mußte sein; wer zuweilen
nicht den Steinblok der Gewaltthat schleudern kann, der vermag auch nicht
von Urgrund aus zu wirken und zu helfen. Du weisest bei Gelegenheit die
Zähne, und hast doch ein gutes Herz. Das ist recht. Du wärest endlich doch
mein Sohn geworden, es hätte dich hingerissen mich zu achten und zu lieben
– und wenn du das gethan hättest, dann wären dir die andern zahm und klein
gewesen, die auch an mir nie bis zum Innern dringen konnten. Aber ich
erkannte, daß, bis du dahin kämest, eher hundert Jahre vergingen, und darum
gehe, wohin du willst, es ist alles aus. – – Wie oft habe ich dich verlangt, daß
sie dich senden sollen, ehe sie es thaten. Dein Vater hätte dich mir geben
sollen – aber er hat gemeint, ich sei ein Raubthier, das dich zerrisse; ich hätte
dich eher zu einem Adler gemacht, der die Welt in seinen Fängen hält, und
sie auch, wenn es sein muß, in den Abgrund wirft. Allein er hat zuerst das
Weib geliebt, dann hat er es verlassen, und war doch nicht stark genug,
dasselbe auf immer von hinnen zu thun, sondern er dachte stets an dasselbe,
und stekte dich, da er starb, unter die Flügel desselben, daß du fast eine
Henne würdest, um Küchlein zu loken, und nur zu kreischen, wenn ein
Pferdehuf eins zertritt. Schon diese wenigen Wochen bei mir bist du mehr
geworden, da du gegen Gewalt und Druk ankämpfen mußtest, und du
würdest immer mehr werden. Ich habe verlangt, daß du den Weg zu Fuße
hieher machest, daß du die Luft, die Müdigkeit, die Selbstbezwingung ein
wenig kennen lernest. Was ich nach dem Tode deines Vaters Hippoliths thun
konnte, that ich, du wirst es gleich später hören. Ich ließ dich auch zu dem
Zweke zu mir kommen, daß ich dir nebst Andern, was du hier solltest, einen
guten Rath gäbe, den dir weder der Federmann, dein Vormund, noch das
Weib geben können, und den du dann beliebig befolgen kannst, oder nicht.
Weil du vielleicht heute noch, gewiß aber morgen fort gehen willst, will ich
dir den Rath sagen. Höre mich. Du hast also im Sinne in ein Amt zu treten,
das sie dir verschafften, damit du dein Brod hast und versorgt bist?«
»Ja, Oheim.«
»Siehst du, und ich habe dir schon einen Urlaub ausgewirkt. Wie nöthig
mußt du also sein, und wie wichtig das Amt, das unausgefüllt auf dich warten
kann. Einen Urlaub auf unbestimmte Zeit habe ich hier. Ich kann jeden
Augenblik einen Abschied haben, sobald ich nur will. Das Amt bedarf also
nicht deiner einzelnen bestimmten Fähigkeiten, ja es harrt schon einer, der
nach deinem Austritte das Amt braucht. Du kannst auch jezt noch in der That
gar nichts leisten, was wirklich des Antrittes eines Amtes werth wäre, da du
kaum ein Jüngling geworden bist, und kaum erst ein Sandkorn von der Erde
in die Hand bekommen hast, daß du es kennen lernest – und du kennst es
noch nicht einmal. Wenn du also jezt einträtest, so könntest du höchstens
etwas wirken, was niemand frommt, und was dir doch langsam das Leben aus
dem Körper frißt. Ich wüßte dir etwas Anderes. Das Größte und Wichtigste,
was du jezt zu thun hast, ist: heirathen mußt du.«
Victor richtete sein klares Auge gegen ihn, und fragte: »Was?! «
»Heirathen mußt du – eben nicht auf der Stelle, aber jung mußt du
heirathen. Ich werde dir das zeigen. Jeder ist um sein selbst willen da. Das
sagen wohl nicht alle, aber sie handeln alle so. Und die es nicht sagen, deren
Handlungen sind oft desto ungeschlachter selbstsüchtig. Das wissen die auch
recht gut, die sich dem Amte widmen; denn das Amt ist ihnen der Aker,
welcher Früchte geben soll. Jeder ist seiner selbst willen da; aber nicht jeder
kann es machen, daß er da ist, und mancher strekt sein Leben für etwas dahin,
das weniger ist, als sieben Pfennige. Der Mann, der zu deinem Schuze
aufgestellt ist, meinte gut zu sorgen, wenn er bei Zeiten dein junges Blut
einpferche, ganz allein dazu, damit du immer satt zu essen und zu trinken
habest; das Weib in ihrer kleinen Gutherzigkeit darbte ein Sümmchen
zusammen, ich weiß sogar genau, wie groß es ist, ein Sümmchen, wofür du
dir auf einige Zeit Strümpfe anschaffen kannst. Sie hat es wohl gut gemeint,
wohl am besten; denn sie ist in ihrem Willen vortrefflich. Aber was soll das
alles? – – Jeder ist um sein selbst willen da, aber nur dann ist er da, wenn alle
Kräfte, die ihm beschieden worden sind, in Arbeit und Thätigkeit gesezt
werden – denn das ist Leben und Genuß – und wenn er daher dieses Leben
ausschöpft bis zum Grunde. Und sobald er so stark ist, seinen Kräften allen,
den großen und kleinen, nur allen, diesen Spielraum zu gewinnen, so ist er
auch für andere am besten da, wie er nur immer da zu sein vermochte, wie es
ja gar nicht anders sein kann, als daß wir auf die wirken, die rings um uns
gegeben sind; denn Mitleid, Antheil, Hülfreichigkeit sind ja auch Kräfte, die
ihre Thätigkeit verlangen. Ich sage dir sogar, daß die Hingabe seiner selbst
für andere – selber in den Tod – wenn ich den Ausdruk gebrauchen darf,
gerade nichts anders ist, als das stärkste Aufplazen der Blume des eigenen
Lebens. Wer aber in seiner Armuth nur eine Lebenskraft einspannt, um nur
eine einzige Forderung zu stillen, etwa gar die des Hungers, der ist für sich
selber in einer einseitigen und kläglichen Verrükung, und er verdirbt die, die
um ihn sind. – O Victor, kennst du das Leben? kennst du das Ding, das man
Alter heißt?«
»Wie sollte ich, Oheim, da ich noch so jung bin?«
»Ja du kennst es nicht, und kannst es auch nicht kennen. Das Leben ist
unermeßlich lange, so lange man noch jung ist. Man meint immer, noch recht
viel vor sich zu haben, und erst einen kurzen Weg gegangen zu sein. Darum
schiebt man auf, stellt dieses und jenes zur Seite, um es später vorzunehmen.
Aber wenn man es vornehmen will, ist es zu spät, und man merkt, daß man
alt ist. Darum ist das Leben ein unabsehbares Feld, wenn man es von vorne
ansieht, und es ist kaum zwei Spannen lang, wenn man am Ende zurük
schaut. Auf dem Felde zeitigen so manche andere Früchte, als man zu säen
geglaubt hat. Es ist ein schillernd Ding, das so schön ist, daß man sich gerne
hinein stürzt, und meint, es müsse ewig währen – – und das Alter ist ein
Dämmerungsfalter, der recht unheimlich um unsere Ohren weht. Darum
möchte man die Hände ausstreken, um nicht fort zu müssen, weil man so viel
versäumt hat. Wenn ein uralter Mann auf einem Hügel mannigfaltiger Thaten
steht, was nüzt es ihm? Ich habe vieles und allerlei gethan, und habe nichts
davon. Alles zerfällt im Augenblike, wenn man nicht ein Dasein erschaffen
hat, das über dem Sarge noch fort dauert. Um wen bei seinem Alter Söhne,
Enkel und Urenkel stehen, der wird oft tausend Jahre alt. Es ist ein vielfältig
Leben derselben Art vorhanden, und wenn er fort ist, dauert das Leben doch
noch immer als dasselbe, ja man merkt es nicht einmal, daß ein Theilchen
dieses Lebens seitwärts ging, und nicht mehr kam. Mit meinem Tode fällt
alles dahin, was ich als ich gewesen bin – – – –. Darum mußt du heirathen,
Victor, und mußt sehr jung heirathen. Darum mußt du auch Luft und Raum
haben, um alle deine Glieder rühren zu können. Dafür nun habe ich gesorgt,
weil ich wußte, daß es alle jene nicht konnten, denen man dich anvertraut hat.
Nach dem Tode deines Vaters nahm man mir die Macht, und ich habe doch
besser gesorgt, als die andern. Ich habe mich daran gemacht, dein Gut zu
retten, das sonst verloren war. Staune nicht, sondern höre mich lieber. Wozu
soll dir auch das Sümmchen deiner Mutter, oder die ewige Versorgung deines
Vormundes? Zu nichts, als daß du zerknikt und verkümmert
würdest. Ich bin geizig gewesen, aber vernünftiger geizig, als mancher
freigebig ist, der sein Geld weg wirft, und dann weder sich, noch andern
helfen kann. Deinem Vater lieh ich bei Lebzeiten kleine Summen, wie Brüder
sonst einander schenken, er gab mir Bescheinigungen darüber, die ich auf
sein Besitzthum eintragen ließ. Da er nun todt war, und die andern Gläubiger,
die ihn verlokt hatten, kamen, um das arme Nest zu plündern, da war ich
schon da, und entriß es mit meinem Rechte ihnen und deinem Vormunde, der
auch ein kleines Restchen für dich erstreiten wollte. Die Kurzsichtigen! – –
Den Gläubigern gab ich nach und nach, was sie eingesezt hatten, sammt den
Zinsen, aber nicht, was sie hatten erschinden wollen. Nun ist das Gut
schuldenfrei, und der fünfzehnjährige Ertrag liegt für dich in der Bank.
Morgen ehe du fort gehst, gebe ich dir die Papiere; denn da ich jezt das alles
gesagt habe, ist es gut, daß du bald fort gehest. Ich habe den Christoph in die
Hul geschikt, daß dich der Fischer, der dich gebracht hat, morgen an dem
Landungsplaze wieder hole; denn Christoph hat keine Zeit, dich hinüber zu
führen. Willst du morgen nicht fahren, sondern später, so können wir dem
Fischer sein Fahrgeld geben, und ihn wieder leer zurück gehen lassen. – Ich
meine, du sollst ein Landwirth sein, wie es auch die alten Römer gerne
gewesen sind, die recht gut gewußt haben, wie man es anfangen soll, daß alle
Kräfte recht und gleichmässig angeregt werden. – Aber du kannst übrigens
thun, wie du willst. Genieße nach deiner Art, was du hast. Bist du weise, so
ist es gut: bist du ein Thor, so kannst du im Alter dein Leben bereuen, wie ich
das meinige bereut habe. Ich habe vieles gethan, was gut war, ich habe sehr
vieles genossen, was das Leben hat, und mit Recht zum Genuße gibt – das
war gut: aber ich habe vieles unterlassen, was die Reue und das Nachdenken
erwekte, als beide vergebens waren. Denn das Leben flog, ehe es erhascht
werden konnte. Du bist wahrscheinlich auch mein Erbe, und darum möchte
ich, daß du besser thätest, als ich. Daher ist mein Rath – ich sage »Rath,«
nicht Bedingung; denn kein Mensch soll gebunden werden. – Reise jezt zwei
bis drei Jahre, komme dann zurük, heirathe, behalte Anfangs den Verwalter,
den ich dir auf das Gut gesezt habe; denn er wird dich gehörig anweisen. –
Das ist meine Meinung, du aber thue, wie du willst.«
Nach diesen Worten hatte der alte Mann zu reden aufgehört. Er legte sein
Tellertuch, wie er es gewöhnlich that, zusammen, rollte es zu einer Walze,
und schob es so in den silbernen Reif, den er zu diesem Zweke hatte. Dann
stellte er die verschiedenen Flaschen in eine gewisse Ordnung zusammen,
legte die Käse und Zukerbäkereien auf ihre Teller, und stürzte die gehörigen
Glasgloken darauf. Von all den Sachen trug er aber nichts von dem Tische
weg, wie er es sonst immer pflegte, sondern ließ sie stehen, und blieb davor
sizen. Das Gewitter war indessen vorüber gegangen, es zog mit sanfteren
Blizen und schwächerem Rollen jenseits der östlichen Gebirgszaken hinunter,
die Sonne kämpfte sich wieder hervor, und füllte das Gemach allmählich mit
lieblichem Feuer. Victor saß dem Oheime gegenüber, er war erschüttert und
konnte kein Wort sagen.
Nach einer bedeutenden Weile fing der Greis, der immer so vor seinen
Dingen da gesessen war, wieder zu reden an, und sagte: »Wenn du schon eine
Vorneigung zu einer Frauenperson hast, so thut das bei dem Heirathen gar
nichts, es ist nicht hinderlich, und fördert oft nicht, nimm sie nur: hast du aber
keine solche Vorneigung, so ist es auch gleichgültig; denn derlei Dinge sind
nicht beständig, sie kommen und vergehen, wie es eben ist, ohne daß man sie
lokt, und ohne daß man sie vertreibt. Ich habe einmal eine solche
Empfindung gehabt, du wirst es ohnehin wissen – und weil ich gerade davon
rede, so werde ich dir das Bild zeigen, wie sie damals ausgesehen hat – ich
habe sie selber malen lassen – – warte, vielleicht finde ich noch das Bild.«
Bei diesen Worten stand der Greis auf, und suchte lange in seinen Laden
herum, bald in diesem Zimmer, bald in einem andern, aber er konnte das Bild
nicht finden. Endlich zog er es mit einer staubigen goldenen Kette aus einem
Fache hervor. Er wischte das Glas des Bildes mit dem grauen Rokärmel ab,
reichte es Victor, und sagte: »Siehst du!«
Dieser aber wurde eine Purpurflamme und rief: »Das ist Hanna, meine
Schwester.«
»Nein,« sagte der Oheim, »das ist Ludmilla, ihre Mutter. Wie kannst du
denn auf Hanna kommen? diese war noch lange nicht geboren, als das Bild
gemalt wurde. Hat dir denn deine Ziehmutter nichts von mir erzählt?«
»Ja, sie hat von euch erzählt, daß ihr mein Oheim seid, und in großer
Abgeschiedenheit auf der Insel eines entfernten Gebirgsseees lebet.«
»Sie hält mich für den ärgsten Bösewicht.«
»Nein, Oheim, das thut sie nicht. Sie hat noch von gar niemanden Böses
gesagt, und wenn sie von euch redete, so sprach sie immer so, daß wir
meinten, ihr seid sehr weit in der Welt herum gereist, seid alt geworden, und
lebet nun sehr einsam und von der Welt getrennt, die ihr sonst gerne in allen
ihren Theilen besucht habt.«
»Und sonst sagte sie gar nichts von mir?«
»Nein, Oheim, gar nichts.«
»Hm – – das ist schön von ihr. Ich hätte mir das schon wohl denken
können. Wenn sie nur um ein Weniges stärker gewesen wäre, und den klaren
Verstand, der ihr Antheil war, nur über ein größer Stük Welt hätte ausdehnen
können – alles wäre anders geworden. Und daß ich dir dein Gütchen rauben
wolle, davon sagte sie auch nichts?«
»Rauben sagte sie nie, sondern daß ihr das Recht darauf habt.«
»Das habe ich auch, aber ich bin schon in der Jugend sehr thätig gewesen,
habe Handelschaft begonnen, habe meine Geschäfte ausgedehnt und mehr
erworben, als mir je noth thut, so daß ich des kleinen Besizthumes schon gar
nicht bedürftig bin.«
»Die Ziehmutter hat auch schon immer in der Zeit her darauf gedrungen,
daß ich zu euch komme, als ihr es begehrtet, aber der Vormund hat es
gehindert.«
»Siehst du!? – – Dein Vormund hat überall einen guten Willen, aber der
Tisch, auf dem er schreibt, dekt ihm die Welt und das Meer, und alles zu. Er
hat etwa gedacht, du vergessest, wenn du bei mir bist, einige Dinge, die du
lerntest, und die dir für das ganze Leben hindurch unnüz sind. – Deine
Ziehmutter habe ich einmal zu meiner Gattin machen wollen, wie du siehst;
das wird sie dir also auch nicht gesagt haben?«
»Nein, sie nicht und der Vormund nicht.«
»Wir sind sehr jung gewesen, sie war eitel, und ich sagte einmal, daß ich
ihr Bild wolle malen lassen. Sie willigte ein, und der Künstler, der mit mir
von der Stadt kam, hat sie auf dieser länglichen Elfenbeinplatte gemalt. Ich
behielt das Bild und ließ später den goldenen Reif darum und die goldene
Kette daran machen. Ich war ihr darnach sehr zugeneigt, und erwies ihr viele
Aufmerksamkeiten. Wenn ich von den Reisen, die ich machte, um meine
Handelsfreunde kennen zu lernen, und um allerlei neue Geschäfte und
Verbindungen anzuknüpfen, nach Hause kam, war ich sehr freundlich, und
brachte ihr auch das eine und andere sehr schöne Geschenk mit. Sie aber gab
mir meine Aufmerksamkeiten nicht zurük, sie war freundlich, aber nicht
zugeneigt, ohne daß sie mir einen Grund sagte, und sie nahm meine
Geschenke nicht an, ohne daß sie mir ebenfalls einen Grund sagte. Als ich ihr
endlich geradezu erklärte, ich würde sie ohne weiters zu meiner Gattin
machen, wenn sie es nur jezt oder etwa späterhin so wolle, antwortete sie, das
sei allerdings sehr ehrenvoll, aber sie könne die Neigung nicht empfinden, die
ihr für eine lebenslängliche Verbindung nothwendig erscheine. Als ich nach
einiger Zeit einmal zu dem Buchenbrünnlein im Hirschkar hinauf ging, sah
ich sie auf dem breiten Steine sizen, der neben dem Brünnlein liegt. Ihr Tuch,
das sie gerne an kühleren Tagen um die Schultern trug, hing an dem flachen
Aste einer Buche, die etwas weiter zurük steht, und nicht hoch vom Boden
diesen Ast gerade wie eine Stange zum Aufhängen ausstrekt. Ihr Hut war
gleichfalls neben dem Tuche. Auf dem Steine aber saß bei ihr mein Bruder
Hippolith, und sie hielten sich umschlungen. Es war dieser Ort schon lange
der ihrer Zusammenkünfte gewesen, ich habe dies erst viel später erfahren.
Anfangs wollte ich ihn ermorden, dann aber riß ich das Tuch, das mich wie
ein Vorhang verbarg, herunter und schrie: »So wäre es ja am Ende besser, ihr
thätet alles öffentlich, und heirathetet einander.« – Von diesem Tage fing ich
an, seine Liegenschaften zu ordnen, und sein Amt zu befördern, daß sie sich
nehmen könnten. Als aber dein Vater auf einige Zeit fort mußte, um noch
etwas höher zu steigen, als er dort einen väterlichen Freund, der in einer
augenbliklichen Verlegenheit Amtsgelder verwendete, von Pflicht wegen
anzeigen sollte, als man in der Stadt schon davon flüsterte, als der Alte sich
tödten wollte, dein Vater noch in der Nacht hin lief, das Geld erlegte, zur
Entkräftung jedes Gerüchtes die Tochter des Mannes, deine nachherige
Mutter, zur Frau begehrte, und als die Verbindung wirklich vollzogen war:
trat ich mit Hohn vor Ludmilla hin, und zeigte ihr, wie sie ihren Verstand und
ihr Herz nicht verwenden konnte. – Sie zog mit ihrem späteren Gatten auf das
Gütchen hinaus, wo sie nun lebt. – Aber das sind alte Geschichten, Victor,
die sind schon lange, lange geschehen, und sind in Vergessenheit gerathen. «
Nach diesen Worten nahm er das Bild von dem Tische, wo er es, während
er wieder in seinem Sessel gesessen war, liegen gelassen hatte, stand auf,
umwikelte es mit der Kette, und stekte es in ein kleines Fach neben der
Pfeifensammlung.
Das Gewitter war indessen völlig aus geworden, nur sammelten sich, wie
es in dergleichen Fällen vorkommt, noch immer gelegentliche Nebel und
Wolkentheile in dem Gebirgskessel, welche die Sonne, die ihre heißen Blike
schon länger hervorgeschossen hatte, bald durchscheinen ließen, bald
verhüllten.
Wenn der Oheim nach dem Essen einmal aufgestanden war, so sezte er
sich nicht leicht wieder nieder. So geschah es auch jezt. Er nahm seine
Flaschen von dem Tische, that sie in ihre Wandkästchen und sperrte zu. Eben
so verfuhr er mit dem Käse und mit den Zukersachen, und goß zur Vorsicht
den Hunden noch einmal frisches Wasser in ihren Trog.
Als er mit allem dem fertig war, trat er an das Fenster und schaute auf den
Gartenplaz hinunter.
»Siehst du,« sprach er zu Victor, »es ist genau so, wie ich dir neulich sagte.
Der Sand ist beinahe troken und in einer Stunde wird man sehr bequem auf
ihm herum gehen können. Es ist eine Eigenschaft des hiesigen Quarzbodens,
der nur loker auf dem Felsengrunde aufliegt, daß er den Plazregen einschlukt,
wie ein Sieb. Darum muß ich bei den Blumen immer so viel Humus
nachführen lassen, und darum vergehen die Obstbäume der Mönche so gerne,
während die Rüstern, die Eichen, die Buchen und die andern unserer
Bergbäume so gedeihen, weil sie den Felsen suchen, dort Spalten treiben und
in sie eindringen.«
Victor ging ebenfalls zu dem Fenster hin, und schaute hinunter.
Als später die Haushälterin kam, und den Tisch abräumte,
und als Christoph, der von der Hul schon zurük war, die Hunde
hinaus führte, ging der Oheim durch die Tapetenthür in sein
Gewehrzimmer.
Der Jüngling aber, der eigentlich nach dem Gewitter gerne im Freien in
Weite und Breite herum geschweift wäre, ging jezt in seine Zimmer und
starrte bei dem Fenster hinaus. – –
Nach einer Weile sah er den Oheim, wie er unten auf dem Gartenplaze
Blumen an die Stäbe band.
Da er dann noch längere Zeit in dem einen Zimmer hin und her gegangen
war, schritt er doch wieder bei der Thür hinaus, und ging in das Freie. Er ging
über den Sandplaz, den der Oheim verlassen hatte, gegen das Seeufer zu, wo
ein erhöhter Plaz des Felsensaumes war, der eine bedeutende Umsicht
gewährte. Dort blieb er stehen und schaute in die Gegend hinaus. Es war
unterdessen schon der Abend gekommen. Einige Berge lagen mit dunkeln
Wolkenstüken in Umarmung, andere ragten wie glühende Kohlen aus den
Trümmern, und Inseln blassen Himmels schillerten ungesehen über dem
Haupte des Jünglings. Dieser schaute in das Bild so hinaus, bis nach und nach
alles verglomm und erlosch, und nichts mehr als die dichte Finsterniß da war.
In derselben ging er an den schwarzen Geistern der Bäume vorbei,
langsam und nachdenkend in das Haus.
Er hatte beschlossen, morgen doch die Insel zu verlassen.
Als die Zeit des Abendessens gekommen war, begab er sich aus seinem
Gemache über den Gang ins Speisezimmer. Der Oheim saß schon an dem
Tische und sofort wurde aufgetragen. Der Greis eröffnete dem Jünglinge, daß
der alte Christoph von der Hul die Nachricht gebracht habe, daß der Fischer
morgen mit Tagesanbruch an dem Landungsplaze harren werde, wo er Victor
bei seiner Ankunft ausgesezt habe.
»Du kannst also,« schloß der Oheim, »morgen nach dem Frühstüke fort
fahren, wenn du es dir so vorgenommen hast; denn du bist vollkommen dein
Herr, und kannst thun, wie es dir gefällt.«
»Ich habe mir wohl in den Sinn genommen morgen fort zu reisen,«
entgegnete Victor, »aber ich lege es doch in eure Hand, Oheim, und werde
thun, was ihr für gut haltet.«
»Wenn es so ist,« sagte der Oheim, »so halte ich, wie ich schon am
Mittage sagte, für gut, daß du morgen gehest. Was die Zukunft bringen kann,
das bringt sie, und wie du meinen Rath befolgen willst, so befolgst du ihn. Du
bist in allen Stüken ohne Bande.«
»Ich werde also morgen den Fischer auf dem Landungsplaze aufsuchen,«
entgegnete Victor.
Diese Worte waren die einzigen, welche die zwei Verwandten über ihre
Verhältnisse während des Abendessens gesprochen haben. Ueber fremde
Gegenstände redeten sie noch mehreres. Namentlich erzählte der Oheim, daß
der alte Christoph schon vor dem Gewitter in die Hul hinaus gefahren sei,
daß das Gewitter dort und besonders gegen den Ausfluß der Afel hin
fürchterlich gewirthschaftet habe, es seien bei dem Bergsturze neue und zwar
ungeheure Trümmer herabgefallen, und es habe das Wasser die Ufer in
erschrekender Weise ausgestoßen.
»Und bei uns, da es über die Grisel ging,« fuhr er fort, »war es so sanft und
zahm, daß es mir die Blumen gut befeuchtete, und kaum einige von ihren
Stäben herabgeschlagen hat. Christoph, der nach dem Gewitter herüber
gefahren war, wunderte sich, daß er bei uns so wenig Verwüstungen antraf.«
Als das Abendmal vorüber war, wünschten sich die beiden Verwandten
zum letzten Male gute Nacht und begaben sich zu Bette. Nur Victor pakte
noch, und wie er dachte, dieses Mal gewiß mit Erfolg, sein Ränzchen, und
richtete sich die Reisekleider auf einen Sessel.
Als der andere Morgen anbrach, kleidete er sich in diese Kleider, nahm
seinen Reisestab in die Hand und hing das Ränzlein mit einem der
Tragriemen an seinen Arm. Der Spiz, der das alles verstand, tanzte vor
Freuden.
Das Frühstück wurde unter unbedeutenden Gesprächen verzehrt.
»Ich werde dich bis zu dem Gitter begleiten,« sagte der Oheim, als Victor
aufgestanden war, sein Ränzlein auf den Rüken genommen hatte, und Miene
machte, sich zu beurlauben.
Der Greis war in ein Nebenzimmer gegangen, und mußte dort auf eine
Feder gedrükt haben, oder sonst einer Vorrichtung zugegangen sein; denn
Victor hörte in dem Augenblike das Rasseln des Gitters und sah durch das
Fenster, wie dasselbe sich langsam öffnete.
»So,« sagte der Oheim, indem er heraus ging, »es ist in Bereitschaft.«
Victor griff nun nach dem Stabe und sezte seinen Hut auf das Haupt. Der
Greis ging mit ihm über die Treppe hinab und über den Gartenplaz bis zu
dem Gitter. Beide sagten sie auf dem Wege kein Wort. An dem Thore blieb
der Oheim stehen, zog ein Päkchen aus der Tasche und sagte: »Hier hast du
die Papiere.«
Victor aber antwortete: »Erlaubt mir, Oheim, daß ich sie nicht annehme.«
»Was? nicht annehmen? was kömmt dir denn bei?«
»Erlaubt es mir, und thut meinen Gefühlen keine Gewalt an,« sagte Victor,
»lasset mir in diesem Dinge meine Weise, daß ihr seht, daß ich uneigennüzig
bin.«
»Ich zwinge dich nicht,« sagte der Greis, und schob seine Papiere wieder
in die Tasche.
Victor sah ihn eine Weile an. Aus den hellen Augen drangen ihm die
schimmernden Thränen – Zeugen eines tiefen Gefühles – dann bükte er sich
plözlich nieder und küßte heftig die runzlige Hand.
Der alte Mann gab einen dumpfen unheimlichen Laut von sich – es war,
wie Schluchzen – und stieß den Jüngling bei dem Gitter hinaus.
Man vernahm gleich darauf den rasselnden Laut und den Stoß, wie sich
das Thor zumachte und in das Schloß fiel. Victor wendete sich um, und sah
den Greis von rükwärts, wie er mit seinem grauen Roke angethan, seinem
Hause zuschritt. Der Jüngling drükte sein Tuch gegen die Augen, die heftig
strömten, und nicht enden wollten. Dann kehrte er sich gleichfalls wieder ab
und begab sich auf den Weg, der ihn zu der Stelle führte, wo er zum ersten
Male diese Insel betreten hatte. Er ging an der einen Seite in den Graben
hinab, an der andern hinauf, er ging durch den Zwerggarten, durch das
Wäldchen der großen Bäume und durch das Gestrüpp. Als er an dem
Landungsplaze angekommen war, waren seine Augen zwar schon getroknet,
aber noch sanft geröthet. Der Greis aus der Hul erwartete ihn schon hier, und
auch das freundliche blauäugige Mädchen stand in dem Hintertheile des
Schiffes. Victor stieg mit dem Spize ein, und sezte sich nieder. Sofort wurde
das Schiff zurük geschoben, wendete mit seinem Schnabel um, nach auswärts
zu, und schwankte in die Wässer hinaus, während die Insel zurük trat.
Als man an die Spize des Orla gekommen war, war sie schon weit zurük,
und ragte, wie einst, mit ihren grünen Bäumen aus dem Wasser heraus. Da
das Schiffchen nun mit seinem Körper die Wendung machte, um den Grat
des Orla herum, so dekte derselbe die Insel, und ließ sie, wie eine grüne
Zunge hervor schauen, die, wie sie sich bei der Herreise verlängert hatte, sich
nun hinter die Wände zurük zog. Zulezt, als sie sich der Hul näherten, waren
wie damals, als Victor ankam, nur mehr die blauen Wände um das einsame
Wasser, und der blaue Widerschein war in ihm.
In der Hul hielt sich Victor ein wenig auf, um mit dem alten Fischer etwas
zu reden, und ihm den Fährlohn zu geben. An die Märchen aber, von denen
bei der Hinfahrt die Rede gewesen war, dachte man nicht.
In der Hul hatte der Jüngling schon die Verwüstungen des gestrigen
Gewitters an den Durchfurchungen des Bodens und an den Zerstörungen der
Ufer gesehen. Bei dem Steinsturze aber lagen furchtbare Trümmer herunten,
die sich bei dem Eindringen des Wassers gelöst hatten, und von der Höhe
herabgefallen waren. Er ging von diesem Bilde der Zertrümmerung vorwärts
gegen den Ausfluß der Afel, und von da durch den langen Waldweg empor.
An dem Halse blieb er stehen und schaute auf den See zurük. Die Grisel
war kaum ein wenig zu sehen, aber die kahle dämmernde Wand, die er bei
seiner ersten Hieherkunft so bewundert hatte, war der Orlaberg. Er schaute
ihn jezt eine Zeit an, und dachte, hinter ihm ist die Insel, und auf derselben
wird es jezt sein, wie so oft, wenn er von seinen Ausflügen zurük gekommen
ist – von den wehenden Ahornen, von der rauschenden Brandung – daß
nehmlich irgendwo die zwei einsamen Greise sizen, der Eine hier, der Andere
dort, und daß keiner mit dem andern redet.
Nach zwei Stunden war er in Attmaning, und da er aus den dunkeln
Bäumen gegen den Ort hinaus schritt, hörte er zufällig das Läuten der Gloken
desselben, und nie hat ihm ein Ton so süß gedäucht, als dieses Läuten, das so
lieblich in seine Ohren fiel, weil er diesen Klang so lange nicht gehört hatte.
Auf der Wirthsgasse waren Viehhändler mit den schönen braunen Thieren
des Gebirges, die sie gegen das Flachland hinaustrieben, und in der Stube war
alles voll Menschen, da eben Wochenmarkt war. Victor war es, als hätte er
unterdessen lange geträumt und wäre jezt wieder in der Welt.
Nachdem er bei dem Wirthe, der ihm damals den Knaben mitgegeben
hatte, sein Mahl verzehrt hatte, begab er sich diesmal nicht mit dem Knaben,
sondern mit dem stattlichen Wirthswägelchen auf die Weiterreise, das mit
ihm dem Laufe der Afel entlang in die offeneren Länder hinausrollte.
Als er wieder zu den Feldern der Menschen, zu ihren Fahrstraßen und
ihrem lustigen Treiben hinaus gekommen war, als sich die Fläche mit sanften
Hügeln geschmükt in unermeßliche Länge und Breite vor ihm ausdehnte, und
die verlassenen Gebirge nur mehr, wie ein blauer Kranz, hinter ihm
schwebten: ging ihm das Herz in dieser großen Umsicht aus einander, und
eilte ihm weit, weit über jenen fernen kaum sichtbaren Strich des
Gesichtskreises voraus, hinter dem die über alles geliebte Ziehmutter und ihre
Tochter Hanna wohnen mußten.
6.Rückkehr
Nachdem Victor, weil ihm das Gehen bei Weitem lieblicher dünkte, das
gemiethete Fuhrwerk verlassen, und sich für den Rest der Reise auf die
gewöhnliche Wanderung begeben hatte, nachdem er auf dem langen Wege
zur Mutter, den er darum eingeschlagen hatte, um auch sie die Verehrte und
Geliebte um Rath zu fragen, was nun bei der neuen Gestalt der Dinge
zunächst zu thun sei, viele Zeit zugebracht hatte: ging er nach so manchem
Tage, an dem er durch Felder und Wälder, über Höhen und Niederungen mit
seinem Spize gewandert war, wieder über die glänzenden Wiesen in das
mütterliche Thal hinab, über die er vor so vielen Wochen mit seinen
Freunden hinab gegangen war. Er ging über den ersten Steg, er ging über den
zweiten, an dem großen Hollunder vorbei, und durch das alte kleine
Gartenpförtchen hinein. Als er näher gegen das Haus gekommen war, sah er
die Mutter auf der Gasse vor dem Apfelbaume in der reinen weißen Schürze
stehen, die sie gewöhnlich an Vormittagen um hatte, wo sie in der Küche und
in dem ganzen Wirthschaftskreise nachsehen mußte.
»Mutter,« rief er, »da bringe ich euch den Spiz wieder, er ist gut versorgt
und erhalten gewesen – und auch ich komme noch einmal, weil ich manches
mit euch zu reden habe.«
»Ach, Victor, du bist es,« rief die alte Frau, »so sei gegrüßt, mein Sohn, sei
tausendmal gegrüßt, du liebes Kind.«
Mit diesen Worten ging sie ihm entgegen, schob das Käppchen, das er auf
hatte, ein wenig zurük, streichelte mit der Hand über die Stirne und die
Loken, nahm ihn mit der andern bei seiner Rechten, und küßte ihn auf die
Stirne und auf die Wange.
Der Spiz, welcher von der Gartenpforte an gegen das Haus
vorausgeschossen war, tanzte nun um die Mutter herum und bellte furchtbar.
Die Fenster und Thüren des Hauses standen, wie gewöhnlich an schönen
Tagen, offen, daher lief auf diese Schalle, die sie hinein gehört hatte, Hanna
aus dem Hause heraus, und blieb plözlich stehen, ohne ein Wort hervor
bringen zu können.
»So grüßet euch, Kinder, grüßt euch nach der ersten Abwesenheit von
einander, die ihr erlebt habt,« sagte die Mutter.
Victor ging näher und sagte verschämt: »Gott grüße dich, liebe Hanna.«
»Gott grüße dich, lieber Victor,« antwortete sie, indem sie die dargereichte
Hand annahm.
»Nun geht aber hinein Kinder,« sagte die Mutter, »Victor muß seine
Sachen ablegen, und muß sagen, was er bedarf, ob er etwa müde ist, und was
wir ihm zu essen geben können.«
Bei diesen Worten machte sie Anstalt hinein zu gehen, und die zwei
Kinder, wie sie sie nannte, mit zu nehmen. Victor legte in dem großen
Zimmer an dem Tische, den er nicht so bald wieder zu sehen gehofft hatte,
sein Ränzlein ab, lehnte den Reisestab in einen Winkel, und sezte sich auf
einen Stuhl nieder. Die Mutter sezte sich in dem großen Lehnsessel neben
ihn. Der Spiz, gleichsam weil er so wichtig geworden war und zu den
Angekommenen gehörte, ging mit hinein; aber als man zu reden und sich zu
erzählen angefangen hatte, ging er wieder hinaus, und weil er recht gut
eingesehen hatte, daß nun alle Gefahr, von seinem Freunde Victor getrennt zu
werden, verschwunden war, sah man ihn später in seiner Hütte unter dem
Apfelbaume liegen, und die Müdigkeit, die er sich auf all diesen
durchgemachten Wegen gesammelt hatte, behaglich verschlafen.
Als die Mutter, da sie bei dem Tische saßen, in Victor gedrungen war, daß
er sage, ob er Hunger habe, ob er sonst irgend etwas bedürfe, daß er thun
solle, was er wolle, um sich zu erholen – als er geantwortet hatte, daß er
nichts bedürfe, daß er nicht müde sei, daß er spät das Morgenmal genossen
habe, und daher schon bis zu der gewöhnlichen Mittagsstunde warten könne
– als sie endlich hinaus gegangen war, um für ein hinlänglicheres und
besseres Mal Anstalten zu treffen: kam sie wieder herein, sezte sich zu ihm
und begann über seine Angelegenheiten zu reden.
»Victor,« sagte sie, »als du mehrere Tage fort warst, kam ein Brief von
dem Oheime, in welchem er verlangte, daß wir die ganze Zeit, die du bei ihm
sein wirst, nicht an dich schreiben sollen. Ich dachte, daß er einen Grund zu
dieser Forderung haben müsse, daß er vielleicht etwas Nüzliches mit dir
vorhabe, und willigte ein. Du wirst dich recht gekränkt haben, da du keine
Silbe, keinen Gruß, und kein freundliches Wort von uns vernommen hast.«
»Mutter, der Oheim ist ein herrlicher vortrefflicher Mann,« fiel Victor ein.
»Es ist gestern wieder ein Brief und allerlei Schriften von ihm an den
Vormund gekommen,« sagte die Mutter, »der Vormund ist zu uns heraus
gefahren, und hat uns den Brief vorgelesen. Der Oheim meinte, daß du schon
bei uns sein müssest, und verlangte, daß man dir den Brief mittheile. Nun du
wirst schon erfahren, was er enthält. – Ja er ist ein vortrefflicher Mann,
niemand kann das besser wissen, als ich; darum habe ich auch immer darauf
gedrungen, daß man dich zu ihm gehen lasse, wie er es verlangte, bis der
Vormund einwilligte. Aber, mein Victor, er hat auch eine rauhe und harte
Seite, darum hat er es nie machen können, daß ihn jemand liebe. Mir fiel
manchesmal bei ihm der Spruch der heiligen Bücher ein, wo einmal die
göttliche Gestalt erscheinen sollte: sie war nicht in dem Rollen des Donners,
sie war nicht in dem Brausen des Sturmes; aber in dem Säuseln des Lüftchens
war sie, das längs des Baches hinab durch die fruchtbaren Büsche ging. Ich
habe einmal, da wir noch alle jung waren, gar nicht gewußt, daß ich ihn
hochachten müsse. Ich werde dir einstens, wenn du älter geworden bist,
etwas von uns erzählen.«
»Mutter, er hat es mir selber erzählt,« sagte Victor.
»Er hat es dir erzählt, Kind?« erwiederte die alte Frau, »dann ist er dir
geneigter gewesen, als ich dachte.«
»Er hat mir die Thatsache nur in kurzen Worten gesagt.«
»Ich werde sie dir einmal in längeren erzählen, dann wirst du sehen,
welche kummervollen traurigen Tage über mich gegangen sind, bis alles so
freundlich und herbstlich mit mir geworden ist, wie es ist. Dann wirst du auch
einsehen, warum ich dich so sehr liebe, du mein armer lieber Victor!«
Mit diesen Worten that sie nach Art des Alters ihren Arm um sein Haupt,
zog es etwas näher und legte ihre Wangen an seine Loken, als wäre sie tief
gerührt.
Als sie sich wieder gefaßt und zurük geneigt hatte, sagte sie: »Victor, in
dem Briefe ist gestanden, was er in der lezten Zeit mit dir geredet hat, und
was er für dich gethan hat.«
Hanna ging, als die Mutter diese Worte sagte, schnell aus dem Zimmer
hinaus.
»Er hat die Papiere,« fuhr die Mutter fort, »welche dir das Eigenthum des
Gutes übergeben, an den Vormund geschikt, du sollst es mit Freude und
Dankbarkeit annehmen.«
»Es ist schwer, Mutter, es ist so seltsam – –«
»Der Vormund sagt, daß du alles genau so erfüllen sollest, wie es der
Oheim begehrt. Du brauchst jezt gar nicht mehr in dein Amt zu treten, in das
er dich hat bringen wollen; denn diese Wendung der Dinge hat niemand
vorher sehen können, und es steht dir ein herrliches Leben bevor.«
»Wird aber Hanna wollen?« sagte Victor.
»Wer spricht denn von Hanna?« antwortete die Mutter mit vor Freude
glänzenden Augen.
Victor aber konnte vor glühender Verwirrung nichts sagen, er saß da, als
müßten ihm vor Schamroth die Wangen zerspringen.
»Sie wird schon wollen,« sagte die Mutter wieder, »laß es nur gut sein,
Kind, es wird alles zum Besten ausfallen. Jezt werden wir an deiner
Ausrüstung zu der großen Reise arbeiten. Du bist jezt dein eigener Herr, der
Mittel hat – da muß alles anders werden, und auch wegen der Reise müssen
die Sachen nach anderer Art hergerichtet werden. Es wird dies schon meine
Sorge sein. Jezt aber muß ich auch für das Mittagessen sorgen, sieh dir
indessen das Haus an, ob sich nichts verändert hat, oder thue, was dir gefällt
– die Speisestunde wird ohnehin bald heran rüken.«
Mit diesen Worten erhob sie sich und ging in die Küche.
Als das Mittagmal bereitet und aufgetragen war, sassen die drei wieder bei
dem Tische, wie sie jezt lange nicht bei einander gesessen waren.
Nachmittag ging Victor in die Gegend hinaus und besuchte alle Pläze, die
ihm einst lieb und bekannt gewesen waren: Hanna aber lief in dem Hause
herum und that alles verkehrt.
Als er Abends nach dem Essen schlafen gehen wollte und die Mutter mit
der Kerze in der Hand mit ihm ging, führte sie ihn in seine alte Stube, und da
sie eintraten, sah er, daß sie gar nicht verändert worden war, wie er es sich
doch so lebhaft bei seiner Abreise vorgespiegelt hatte. Sogar der Koffer und
die Kisten standen da, wie er sie eingepakt hatte.
»Siehst du,« sagte die Mutter, »wir haben alles stehen gelassen, weil der
Oheim schrieb, daß wir nichts fort schiken sollen, indem es noch ungewiß ist,
wie sich dein Schiksal gestalten werde. – Und nun, gute Nacht, Victor.«
»Gute Nacht, Mutter.«
Und er sah, da sie fort war, durch sein Fenster wieder auf die dunkeln
Büsche nieder und auf das rieselnde Wasser, in welchem sich die Sternlein
spiegelten. Und als er schon im Bette lag, hörte er noch das Rieseln der
Wässer, wie er es so viele Abende seiner Kindheit und seiner Jünglingszeit
gehört hatte.
7. Beschluß
Wenn wir zu dem in den obigen Abschnitten dargestellten Jünglingsbilde
noch etwas hinzufügen dürfen, so kann es Folgendes sein.
Nachdem die Ausrüstung fertig war, welche die Mutter für Victors Reise
ins Werk zu sezen hatte, und nachdem man über alles, was in der Zukunft für
das Wohl des jungen Mannes ersprießlich sein könnte, im Reinen war,
ereignete sich im tiefen Herbste desselben Jahres wieder ein Abschied – aber
derselbe war kein so trauriger, wie der erste, da er nicht so zu sagen für das
ganze Leben, sondern nur für eine kleine Zeit nothwendiger Abwesenheit
galt, auf welche kleine Zeit dann eine lange, schöne, glükselige folgen sollte.
Daß Hanna recht gerne eine sehr nahe Theilnehmerin jener glüklichen Zeit
werden wollte, zeigten ihre feurigen, heftigen Küsse, mit denen sie die
Lippen Victors bedekte, als sie einen einsamen Abschied von einander
nahmen, als er sie heftig und schmerzlich an sich drükte und von ihr nicht
lassen zu können vermeinte. Die zwei Ziehgeschwister weinten bei diesem
glükverheißenden Abschiede so sehr, als ob er der trennendste und
zerreißendste gewesen wäre, und lange nicht, oder vielleicht nie mehr eine
Wiedervereinigung hoffen ließe.
Die Mutter Ludmilla aber ging in stiller Freudigkeit herum, sie gesegnete
den Sohn beim Abschiede, und dachte immer, wie sie es denn durch das
wenige Gute, das sie in ihrem Leben stets mehr ausführen gewollt, als
gekonnt hatte, verdient habe, daß sie nun Gott in ihrem Alter so sehr belohne,
ach so sehr, so sehr belohne.
Als er fort war, begann das stille, einfache Leben in dem Thale und in dem
Hause wieder, wie es bisher immer geführt worden war. Die Mutter that in
Unschuld die Geschäfte des Hauses, besorgte alles auf das Beste, erwies
Gutes, wo sie es konnte, und ließ eine Fülle häuslicher Habe und
Bequemlichkeit für eine nahe Zeit ausrüsten und arbeiten: Hanna war eine
ergebene Tochter, die nur immer den Willen der Mutter that, und in innerer
Bewegung und Erregung wartete, was die Zukunft bringen werde.
Als vier Jahre herum waren, und die Briefe aus fremden Ländern, die alle
dieselben lieben und bekannten Schriftzüge trugen, zu einem sehr großen
Stoße angewachsen waren, kam der Briefschreiber selber, und die Briefe
hörten auf. Victor kam so verändert zurük, daß selber die Ziehmutter staunte
und überrascht wurde; denn aus dem fast kindischen Jünglinge war in der
kurzen Zeit ein Mann geworden. Aber nur sein Verstand und sein Geist
hatten sich heraus gebildet, das gute Herz, das sie in ihn gelegt, war
unausrottbar geblieben, es war eben so kindlich und unversehrt, wie sie es
ihm in der zarten Kindheit gegeben und dann weiter gepflegt hatte; denn ihr
Herz vermochte sie ihm zu geben; was aber der starke Mann braucht, und
was das harte Leben von ihm heischt, nicht. Hanna sah an Victor keine
Veränderung; denn sie hielt ihn von Kindheit auf für gewandter und tüchtiger
als sich; daß sie aber eine gute, einfache, große Seele habe, welche
unbeugsam das Gute thut wie das Wasser abwärts fließt, das wußte sie nicht,
und das sezte sie als ein Gemeingut bei allen Menschen voraus.
Nicht sehr lange Zeit nach seiner Zurükkunft stand Victor mit Hanna zur
ewigen Verbindung an dem Altare – zwei Wesen, deren Antlize die Abbilder
von zwei anderen waren, die einmal auch gerne vor demselben Altare
gestanden wären, aber durch Unglük und Verschuldung auseinander gerissen
worden waren, und dann lebenslänglich bereuten.
Alle Freunde, die einst jenen Spaziergang zur Feier von Ferdinands
Geburtstag mitgemacht hatten, waren bei diesem Feste Victors und Hannas
zugegen. Dann war auch noch der Vormund und seine Gattin, dann Rosina,
jezt selber schon eine junge Frau, dann Rosinas und Hannas Gespielinnen
und noch andere Menschen.
Nach Vollendung der Festlichkeiten führte Victor Hanna mit Triumph auf
sein Gut. Die Mutter ging nicht mit; sie sagte, sie werde schon noch sehen,
wie sich alles fügen werde.
Der Oheim war troz der Bitten Victors, der selber bei ihm gewesen war,
nicht zu der Vermählung seines Neffen gekommen. Er saß ganz einsam auf
seiner Insel; denn wie er einmal selber gesagt hatte, es war alles, alles zu spät,
und was versäumt war, war nicht nachzuholen.
Wenn man von dem Manne das Gleichniß des unfruchtbaren
Feigenbaumes anwenden wollte, so dürfte man vielleicht die Worte sagen:
»Der gütige, milde und große Gärtner wirft ihn nicht in das Feuer, sondern er
sieht an jedem Frühlinge in das früchtelose Laub, und läßt es jeden Frühling
grünen, bis einmal auch die Blätter immer weniger sind, und zulezt nur die
dürren Aeste empor ragen. Dann wird der Baum aus dem Garten weggethan,
und seine Stelle weiters verwendet. Die übrigen Gewächse aber blühen und
gedeihen fort, und keines kann sagen, daß es aus seinen Körnern entsproßen
ist und die süßen Früchte tragen wird, wie er.« Dann scheint immer und
immer die Sonne wieder, der blaue Himmel lächelt aus einem Jahrtausend in
das andere, die Erde kleidet sich in ihr altes Grün, und die Geschlechter
steigen an der langen Kette bis zu dem jüngsten Kinde nieder: aber er ist aus
allen denselben ausgetilgt, weil sein Dasein kein Bild geprägt hat, seine
Sprossen nicht mit hinunter gehen in dem Strome der Zeit. – Wenn er aber
auch noch andere Spuren gegründet hat, so erlöschen diese, wie jedes
Irdische erlischt – und wenn in dem Ocean der Tage endlich alles, alles
untergeht, selbst das Größte und das Freudigste, so geht er eher unter, weil an
ihm schon alles im Sinken begriffen ist, während er noch athmet, und
während er noch lebt.

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