Die psychosoziale Notsituation

Der klassische Fall einer psychosozialen Notsituation entwickelt sich folgendermaßen: Ein Mann verknallt sich in eine wunderhübsche junge Asiatin, sagen wir in eine Thailänderin. Die Frau erwidert seine Gefühle und sie verlieben sich am Ende innig, ehrlich und heftig. Man trifft gemeinsam zu schnelle weitreichende Entscheidungen. Er gibt alles in Deutschland auf, verkauft Hausrat und Auto, bereitet sich euphorisch auf ein neues Leben in einem ihm unbekannten Land vor.
Und nach ein paar Monaten gibt sie ihm dann den Laufpass – mit erheblichen Konsequenzen, denn in Thailand besitzt der einheimische Partner immer 51 Prozent. Wer dann aus dem Haus geschmissen wird, verliert eben mit einem Mal alles, seine komplette Existenz und steht vor dem Ruin.
Es muss nicht nur der verliebte Mann sein. Nehmen Sie auch das Paar in mittleren Jahren, das nach Südamerika auswandert, in der Heimat gut bezahlte Jobs aufgibt und den Container packt. Die Wunsch-Vorstellungen unter Sonne und Palmen zerplatzen schnell wie Seifenblasen. Der Notgroschen ist rapide aufgebraucht und die Rente der Oma reicht auch nicht für alle. Geld verdienen in der neuen Heimat klappt auch nicht so wie man sich das vorgestellt hatte. Oder die deutschen Brötchen, die man in der neuen Heimat backen wollte, schmecken nicht allen und die Investition ist schnell in den Sand
gesetzt.
Oder nehmen Sie den sich einsam fühlenden europäischen Manager in China, der eine Frau an seiner Seite sucht und ausgerechnet auf jemanden trifft, der gleich drei Kinder mit in die Ehe bringt. Anfangs fühlt er sich noch richtig stolz mit drei netten kleinen Heranwachsenden und einer attraktiven Frau um ihn herum. Mit der Zeit fühlt er sich aber nur noch ausgenutzt und vermisst das Dankeschön. Es dauert nicht lange, bis die Bar sein zweites Zuhause
wird und er seinen Frust ertränkt. Die Frau entwickelt sich zum Drachen und zerstört am Ende seine Fluchtburg Bar, indem er dort Hausverbot bekommt, weil die Alte in der Bar einen auf Terror macht und ihre privaten Konflikte dort austrägt. Schließlich will der unglückliche Mann nur noch sterben. Denn er findet nirgendwo mehr Zuflucht. Selbst in der alten Heimat will ihn keiner mehr aufnehmen.
Was soll er auch machen? Er hat sich so richtig selbst ins Abseits manövriert. Auch und gerade für solche Fälle sollte man immer gute Freunde behalten, die einem dann in der Not beiseite stehen. Für alle Fälle kehrt irgendwann der graue realistische Alltag ein. Dann wird einem bewusst, wo man gelandet ist und welche Fehlentscheidungen man getroffen hat. Die Fehler passieren ja schon am Anfang. Man selbst befindet sich in einer seelischen Not, in einem Gefühlschaos oder auf der Suche nach Abenteuer. Man schaut deshalb nicht mehr so genau hin und lässt sich vom wunderschönen Moment blenden.

Der Zauber von einem halben Jahr

Es gibt einen Erfahrungswert, der heißt „Halbes Jahr“. Damit sind zwei Dinge gemeint: Lebe mindestens ein halbes Jahr lang ohne Bindung und Verpflichtung mit einem Menschen zusammen, bevor du eine endgültige Entscheidung fürs Leben triffst. Denn erst nach einem halben Jahr kennst du ihn wirklich, auch mit allen seinen Macken, Ecken und Kanten. Und der zweite Punkt ist: Länger als ein halbes Jahr kann sich ein noch so guter Schauspieler nicht verstellen. Dann erkennst du sein wahres Gesicht, seinen wirklichen Charakter und seine positiven oder negativen Eigenschaften. Meistens sieht man das schon viel früher, weil Menschen schon nach ein paar Wochen in ihren normalen eigenen Rhythmus wieder verfallen, ihre Ordentlichkeit oder ihr Chaos zeigen – ihre so genannten personal skills, nämlich, wie sie so wirklich drauf sind, sich regelmäßig die Zähne putzen zum Beispiel oder nicht, Körperhygiene pflegen oder nicht, ihre Umgebung in Ordnung halten oder ihre Sachen durch die Gegend werfen oder absolut keine Disziplin haben, ihnen grundlegende Charaktereigenschaften fehlen. Menschen kehren schnell wieder in ihren Normal-Modus zurück, weil sie sich
schnell sicher, heimisch und wie zu Hause fühlen.

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