Wir kennen die Tricks und fallen doch herein

Der sonst so schlagfertige Bürgermeister eines Kölner Stadtbezirks ist platt. Kopfschüttelnd und immer noch außer sich kommt er in sein Büro. Die goldene Armbanduhr, ein Erbstück seines Vaters, ist weg; sie wurde ihm gerade vom Handgelenk gestohlen. Er ist soeben Opfer des bekannten Rempler-Tricks geworden. An die Situation erinnert er sich noch ganz genau. Die Fußgängerampel an einer stark befahrenen Straße schaltete auf Grün um, und schnell hastete der Politiker hinüber Richtung Rathaus. Genau auf der Straßenmitte stieß er mit einem gut gekleideten Herrn zusammen, der sich prompt wortreich gestikulierend bei ihm entschuldigte. Genau in dem Moment muss es passiert sein, ist der Bürgermeister sich sicher. Die beiden Frauen, die ihm nämlich von hinten gefolgt waren, hatte er nur im linken Augenwinkel flüchtig wahrgenommen. Zu sehr war er mitten auf der Hauptstraße mit dem Rempler beschäftigt. Er nahm seine Entschuldigung an; beide verabschiedeten sich nett; in dem Gedränge klaute ihm eine der Frauen so geschickt seine wertvolle Uhr vom Handgelenk, dass er es gar nicht bemerkte. Erst kurz vor dem Rathaus, als er nach der Uhrzeit schaute, um seinen Termin pünktlich einzuhalten, bemerkte er den Verlust. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: „Wie konnte ich nur darauf reinfallen!“

So geschieht es vielen. Wir werden ständig vor solchen und anderen Tricks der Taschendiebe gewarnt, und doch passiert es immer wieder, selbst vorsichtigen Zeitgenossen. Denn alle Theorie ist bekanntlich grau. Solange man es nicht selbst in der Praxis erfahren hat, glaubt man nicht an diese Raffinesse der gemeinen Betrüger.

Woran liegt das? Wir sind spontan abgelenkt, auf Krawall aus, weil uns jemand anrempelt. Dieser nicht vorhersehbare körperliche Kontakt schaltet alle Alarmglocken bei uns aus. Wir sind auf Genugtuung, Entschuldigung programmiert, anstatt gerade jetzt in „Hab acht“-Stellung zu gehen.

So ähnlich passiert es dem Provokateur: Wenn Sie  dem mit einer Frage antworten, machen sie ihn blitzartig sprachlos. Denn wir sind auf Antwort gepolt; das drängt uns automatisch in die Defensive. Diesem Reflex stehen wir machtlos gegenüber. Denn unser Hirn schaltet instinktiv auf Entgegnung. Das ist übrigens eine sehr beliebte Strategie von Schlagfertigkeits-Trainern. Damit machen Sie jeden Spontan-Profi mundtot. So funktioniert auch der Rempler-Trick – und andere Kniffe der Taschendiebe (dazu später mehr). Sie nutzen natürliche, automatische Reaktionen zu ihrem Vorteil aus und übertölpeln damit die Bestohlenen.

In Deutschland nehmen Taschendiebstähle rasant zu. Über 110.000 solcher Straftaten werden jährlich von der Polizei erfasst – mit einer Schadenssumme von weit über 25 Millionen Euro (Dunkelziffer rund 50 Millionen Euro). In Berlin passieren täglich über 300 Taschendiebstähle. Und nicht jeder wird gemeldet, weil Betroffene eh davon ausgehen, dass der Dieb nicht gefunden wird. Und das stimmt auch, denn die Aufklärungsquote liegt nur bei knapp sechs Prozent und ist damit die niedrigste in der gesamten Kriminalitätsstatistik. In Großstädten ist es mittlerweile das viert häufigste Delikt. Und in vielen Urlaubsländern sieht es deutlich katastrophaler aus.

Strafrechtlich fällt der Taschendiebstahl in Deutschland unter den Tatbestand des Diebstahls (Paragraf 242 Strafgesetzbuch). Wird dagegen noch Gewalt gegen das Opfer angewandt, ist es eine räuberische Erpressung (Paragraf 255 StGB).

Damit Sie in Zukunft nicht mehr sprach- und reaktionslos Taschendieben ausgeliefert sind, verraten wir Ihnen in diesem eBook die Tricks der Gauner und wie Sie sich dagegen schützen können. Nach der Lektüre werden Sie nicht mehr so leicht beklaut und sind gewappnet. Sie schließen eine entscheidende Sicherheitslücke in Ihrem Leben. Taschendiebe beißen sich künftig an Ihnen die Zähne aus, egal ob Sie in Deutschland unterwegs sind oder in den Urlaubsländern dieser Welt!

Der Taschendieb im Wandel der Zeit

Natürlich unterliegt auch Taschendiebstahl dem Wandel der Zeit. Was früher „nur“ der geschickte Gauner war, der aus fremden Taschen Geldbörsen und Schmuck fingerte, sind heute Klau-Kids, Diebesbanden, Nelken-Frauen, Rempler, Diebes-Dirnen und andere Ganoven. Dabei haben es die Diebe nicht mehr nur auf Portmonees abgesehen, sondern heutzutage natürlich auch auf Handys, Scheckkarten und Laptops. Und auf Ausweispapiere aller Art wie Krankenversicherungskarte, Führerschein, Personalausweis oder Bahncard. Es gibt an bestimmten Bahnhöfen sogar einen Markt für solche Papiere. Drogensüchtige zum Beispiel wissen, dass sie am Frankfurter Hauptbahnhof oder am Bahnhof Zoo in Berlin die Versichertenkarte einer Krankenkasse für bis zu 50 Euro versilbern können, um sich mit dem so erworbenen Geld den nächsten Schuss zu leisten.

Die Gauner sind so alt wie es Taschen gibt

Taschendiebstahl ist fast so alt wie es Taschen gibt. In der Literatur werden Taschendiebe bereits im 13. Jahrhundert erwähnt. Da wurde schon vermehrt von solchen Gaunern berichtet. Im Mittelalter bezeichnete man sie als Beutelschneider. Denn damals war es üblich, Barvermögen in einem Beutel am Gürtel mitzuführen. Damals schon machten sich Diebe oft das Gedränge auf Straßen oder bei einem Menschenauflauf zunutze. Auch der Begriff „Paddendrücker“ war in einigen Gegenden gebräuchlich. In der Berliner Umgangssprache war die „Padde“ eine Geldbörse. Schon im Mittelalter lenkten Taschendiebe auch ihre Opfer gezielt ab, um den Geldbeutel dann vom Gürtel zu schneiden.

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